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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Strohblond!! Strohdumm???, Joachim Hausen
Joachim Hausen

Strohblond!! Strohdumm???



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1


 


»Sie können leider nicht mehr hier arbeiten, Frau Schultz«, sagt der Mann mit dem schütteren hellbraunen Haar und dem Wohlstandsbauch. Er faltet die teigigen Hände, als bitte er Gott um Vergebung für seine Untat.


Ich schlucke. Flaches Gehirn. Magendreher. Ich öffne den Mund.


Der Idiot hinter dem 100 Jahre alten Schreibtisch aus Mahagoniholz hebt eine Hand. »Ich habe für Montag, dem 16., einen Auflösungsvertrag vorbereitet. Ich zahle Ihnen am Monatsende neben Ihrem anteiligen Gehalt eine Abfindung in Höhe von 5.000 Euro. Sie können natürlich auf Ihrer vertraglichen Kündigungsfrist bestehen, aber ...«


Ich unterbreche ihn. Meine Stimmbänder knarren wie rostige Türangeln. »Ich akzeptiere Ihr Angebot.«


In den kackbraunen Augen des Hohlkopfs taucht Genugtuung, gar Freude auf. »Sehr vernünftig, Frau Schultz.« Er schiebt mir ein einseitig bedrucktes Blatt Papier und seinen Montblanc Kugelschreiber hin.


Ich kritzele meine Unterschrift – ohne zu lesen. Wir erheben uns. Eine Teighand schüttelt meine Rechte. Der Kerl raspelt Süßholz: »Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg, Frau Schultz, und hoffe, dass Sie bald einen neuen und lukrativen Job finden.«


»Danke.« Ich schlurfe in mein Büro. Ich werfe mich in den quietschenden Drehsessel. Ich mustere den Monitor, 11:52 Uhr, 13. 10. 2006, ein Freitag. Ich seufze. Ich brumme: »Der Unglückstag. Erneut bewahrheitet sich diese Volksweisheit, leider zu meinen Ungunsten.«


Ich verstaue die persönlichen Habseligkeiten in den zwei Stofftaschen, die im Garderobenschrank liegen. Ich arbeite, das heißt, ich arbeitete hier nur von acht bis zwölf Uhr, und zwar rund sechs Jahre lang.


Ich nehme vom Schreibtisch das gerahmte Farbfoto. Ich streiche zärtlich über das Glas. Liebe zu meinem Mann erzeugt süßen Herzschmerz. »Ja, Lothar«, flüstere ich. »Der Kackstiefel hat mich entlassen, geschasst, abserviert. Und weißt du auch warum? Das geile Arschloch von Notar wird seine Geliebte einstellen, diese kurzhaarige blondierte Kuh mit den unmöglich dicken Eutern und dem flachen Arsch, von der ich dir ein paar Mal erzählt habe.« Ich seufze erneut. »In diesem Jahr werde ich dir nicht meine Niederlage offenbaren. Ich will dir deinen Geburtstag im November und uns Weihnachten und Silvester nicht versauen.« Ich stecke das Foto in die Handtasche.


Ohne dem Zimmer noch einen Blick zu gönnen, werfe ich die Tür zu. Ich marschiere zu meinem Auto. Ich mustere den 13-jährigen viertürigen VW Golf, dessen glanzloser, teils zerkratzter, roter Lack zum klammen Grau des Tages kaum Kontrast bildet. »Scheiße!«, knurre ich. »Wollte mir im März ein anderes Auto kaufen, natürlich einen Gebrauchten. Lothar versprach, 3.500 beizusteuern. Über die gleiche Summe wollte ich einen Kredit aufnehmen. Den kann ich mir jetzt abschminken – falls ich zu diesem Zeitpunkt keinen Job habe. Wie sagt der Volksmund? Ohne Moos nix los.« Ich nicke bekräftigend.


Ich öffne die Fahrertür. Sie protestiert knarzend. Ich sinke auf den abgewetzten Sitz, lege den widerspenstigen Gurt an und starte den Motor. Wie üblich orgelt der Anlasser erbarmungswürdig. Ich fahre los. Mit Rotlicht beschwert sich der Tank über mangelnde Füllung. »Auch das noch«, murmele ich.


Eine Viertelstunde später erreiche ich meine Heimatstadt St. Ingbert, eine Mittelstadt mit eigenem Autokennzeichen. Die Stadt im Saarland zählt knapp 40.000 Einwohner und liegt rund 15 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Saarbrücken. Dort steht in der Mainzer Straße das Gebäude, in dem ich arbeite – arbeitete. Vergangenheit. Abgehakt. Scheiße!


Ich steuere die Freie Tankstelle in der Ensheimer Straße an. Ich tanke voll. Missmutig sehe ich mein schönes Geld im hungrigen Tank verschwinden. Ungefähr einen Kilometer von hier stelle ich das nimmersatte Gefährt vor unserem Haus im sogenannten Südviertel in der Nelkenstraße ab. Tote Wohngegend.


Fluchend betrete ich das Haus. Fluchend wärme ich die Kartoffelsuppe vom Vortag auf. Ich schneide ein Wiener Würstchen hinein. Fluchend verspeise ich mit einer Scheibe Ur-Brot einen Teller Suppe. Hinterher gieße ich in ein Wasserglas eine Daumenbreite Himbeergeist und leere das Glas mit drei Schlucken. Wärme fließt durch Kehle und Speiseröhre und breitet sich im Magen aus. Gehirn- und Nervenberuhigung.


Ich räume das jetzige und das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine und starte sie. In einem Kellerraum verordne ich der Waschmaschine Arbeit. Ich packe die Arme voll mit getrockneter Wäsche. Ich werfe sie in meinem Arbeitszimmer auf das zweisitzige Sofa. Daneben harrt ein weiterer Wäscheberg auf Einräumen. Ich erfülle seinen Wunsch. Ich bügele vier Hemden und drei Blusen.


Ich leere das mitgebrachte Glas mit Leitungswasser, bestes kalkfreies St. Ingberter Grundwasser. Ich marschiere in die Küche und räume die Spülmaschine aus. Ich sehe zur Funkuhr über der Küchentür.


Ich eile ins Badezimmer. Ich putze die Zähne. Ich dusche. Ich flechte das Haar zu einem Zopf, meine Lieblingsfrisur, auch Lothars. Mit etwas Schminke, dem ansprechenden Rot eines Lippenstifts und Augen-Make-up renoviere ich ein bisschen mein Selbstwertgefühl. Ich sprühe Shalimar von Guerlain. Der rasierten Scham gönne ich ein paar Tropfen Duftöl.


Die 28-jährige nackte Frau im Spiegel mustert mich. Ich bin naturblond, genauer gesagt, strohblond, aber nicht strohdumm. Ich bin klein, genauer gesagt, 1,60 Meter, aber nicht kleingeistig. Ich bin ein bisschen füllig, genauer gesagt, behauptete vorhin die Waage 70,2 Kilo, aber nicht hässlich.


Im runden Gesicht lachen einige Sommersprossen. Zwei zieren das Stupsnäschen. Im etwas zu breiten Kinn hockt ein Grübchen. Lippen könnten voller sein. Tadellose weiße Zähne. Meine Augen? Lothar und Papi sagen oft, sie ähneln reinen Smaragden, schimmern wie das Dschungelgrün am Amazonas nach einem Regenguss. Lieber Lothar. Lieber Papi. Böse Mutter.


Der Busen passt in Körbchengröße C – gerade noch. Die Spiegelfrau findet mein Speckbäuchlein scheußlich – ich ebenfalls. Die Hüften? Na ja, etwas zu breit. Juckt mich nicht. Der apfelförmige Hintern gefällt mir. Schön straff gepolstert. Mein Mann meinte einmal – wann eigentlich? Ach ja, im Juli, dieser Po sei ein Tempel der Sünde. Lieber Lothar.


Das Spiegelbild sagt: »Ich weiß, dass ein paar deiner Freundinnen und Frauen im Bekanntenkreis lästern, du seist eine hochnäsige Ziege.«


Ich winke ab. »Dumme Puten. Blanker Neid, dass ich ihnen den attraktiven und reichen Lothar vor den gepuderten Nasen weggeschnappt habe.«


Die Nackte im Spiegel kichert. »Hauptsache, dein Ehemann liebt dich und du liebst ihn.«


»Genau.« Ich schlüpfe in weiße Seidenunterwäsche und streife eine blütenweiße Bluse – hübsch körpernah – aus merzerisierter Baumwolle über. Zwei Knöpfe lasse ich offen. Ich ziehe einen dunkelblauen Rock an, der eine Handbreite über den Knien endet.


»Deine Beine können sich sehen lassen«, kommentiert die Frau im Spiegel. Ich lächele. Ich schmücke mich mit weißen Akoya-Perlen an Ohren, Hals und linkem Handgelenk. Keine Armbanduhr. Trage ich selten. Der Wecker auf der gläsernen Ablage rechts neben dem Riesenspiegel zeigt 17:38 Uhr. Wo bleibt mein Lothar?


In der Diele schlüpfe ich in hochhackige schwarze Pumps. Die Haustür öffnet sich. Ich verbanne meine Entlassung in einen finsteren Gehirnwinkel. Ich strahle den Ehemann an. »Wie war dein Tag, Liebling?«


Abwinken. »Stressig. Wie erging es dir?«


»Das Übliche.«


Er haucht mir einen Kuss auf die Stirn. »Chic, chic, wie immer eine Augenweide.« Er räuspert sich. »Bitte komme heute nicht so spät heim. Ich ...«


Ich unterbreche ihn: »Die gleiche Bitte wollte ich gerade äußern.« Ich fabriziere einen verführerischen Augenaufschlag und flüstere: »Ich möchte eine aufregende Nacht mit dir erleben. Das letzte Liebesfest feierten wir vergangenen Sonntag, liegt lange, viel zu lange zurück.«


Er nickt. »Komme spätestens um 22:15 Uhr nach Hause. Muss jetzt duschen und mich fertigmachen.« Er eilt Richtung Badezimmer. Ich ziehe die hüftlange mittelbraune Lederjacke an, schnappe die Handtasche und verlasse das Haus.


Lothar trifft sich jeden Freitag ab 18:30 Uhr mit zwei seiner Freunde und kommt immer gegen 23:00 Uhr nach Hause.


Was unternimmt Carla Maria Schultz an diesen Abenden? Ich arbeite von 18 bis 22:15 Uhr im Restaurant der Mutter. Ich will nicht allein zu Hause rumhocken und Fernsehen glotzen. Ich schleppe Speisen und Getränke zu den Tischen der Gäste, zusammen mit einer ausgebildeten Kellnerin. Mutter zahlt mir 30 Euro je Abend – schwarz, wie man so schön sagt. Mindestens die gleiche Summe kassiere ich an Trinkgeldern. Falls im Lokal größere Feierlichkeiten stattfinden, helfe ich auch samstags oder sonntags.


 


Mit dem Geld füttere ich meine Privatschatulle.


 


2


 


Mit Groll gegen das Ekelpaket von Notar im Herzen fahre ich nach Saarbrücken. Die 51-jährige Mutter, genauer gesagt, Stiefmutter mit dem Namen Gudrun, betreibt im Erdgeschoss eines dreistöckigen Hauses das Restaurant Feines Essen. Das Gebäude steht in der Straße Am Kaninchenberg, westlich des gleichnamigen bewaldeten Hügels.


Der anheimelnd eingerichtete Speiseraum bietet Platz für 40 Gäste. Öffnungszeiten von 12:00 bis 14:00 und 18:00 bis 22:15 Uhr. Ruhetag Montag. Keine Massenabfertigung. Kleine Speisekarte. Gehobene Preise. Es gibt zwar Wiener Schnitzel, aber nur vom Kalb. Gudruns Mutter Marie, zu der ich Oma sage, fertigt Hausmannskost. Roberto, ein italienischer Koch, bastelt die übrigen Gerichte. Dessen Sohn, der 27-jährige Luigi, arbeitet ebenfalls in der Küche. Der Kerl ist ein scharfer Hengst. Anderthalb Jahre vor meiner Heirat turtelte ich ein paar Wochen mit ihm, das heißt, ich befriedigte ihn zweimal mit der Hand und dreimal mit den Brüsten. Kurze Zeit später lernte ich im Lokal Lothar kennen – und lieben.


Luigi trauere mir immer noch hinterher, erzählte mir Oma vor ein paar Monaten. Interessiert mich nicht. Aus und vorbei. Unwiderruflich.


Gudrun wirbelt hinter der Theke herum und hilft Svetlana servieren, einer 29-jährigen attraktiven Kroatin mit sehenswertem Busen, aber flachem Hintern. Papi arbeitet an den Wochenenden abends ebenfalls im Restaurant. Hier verkehren fast ausschließlich honorige und gut betuchte Leute, wie man so schön sagt.


Mein 55-jähriger Papi betreibt über dem Lokal ein Fitnessstudio. In der letzten Etage liegen zwei vermietete Wohnungen.


Meine leibliche Mama Ulrika, die als Vollwaise aufwuchs und aus Schweden stammte, wurde ein knappes Jahr nach meiner Geburt von einem Lkw überfahren. Meine arme Mama. Papi heiratete 14 Monate später Gudrun, die keine Kinder bekommen kann. Sie adoptierte mich. Er sagt oft, er sehe in mir Ulrika, von der ich Haar-, Augenfarbe und Figur erbte. Einen Tag nach meinem 16. Geburtstag klärten mich die Eltern auf. Papi zeigte mir Fotos meiner leiblichen Mama. Ich weinte. Er schenkte mir das Album. Mein heiligster Besitz.


Ich parke auf der Rückseite des Gebäudes neben dem flachen Anbau. Dort wohnt die 72-jährige Oma Marie. Sie steckt mir jeden Monat 50 Euro zu. Liebe Oma. Ihr Ehemann, ein Kettenraucher, starb vor zwei Jahren an Lungenkrebs. Er vererbte mir 2.000 Euro. Lieber Opa.


Ich begrüße Gudrun, Oma und Svetlana mit Wangenküsschen und die Köche mit Handschlag. Luigi grinst mich an. Er glotzt in meinen Ausschnitt. Ich binde die schneeweiße Schürze mit dem Spitzenrand um. In der Tasche auf der Rückseite verstaue ich die Geldtasche mit Wechselgeld. Ich öffne den dritten Knopf der Bluse, eine nützliche Maßnahme – die Trinkgelder männlicher Gäste betreffend.


Punkt 19:00 Uhr betritt einer meiner Lieblingsgäste in Begleitung seiner Frau das Lokal. Ich begrüße das Ehepaar Braun mit Handschlag und führe es zu Tisch Vier, seinem Stammplatz. Die Speisekarten liegen bereit.


Trotz des Zorns in mir erledige ich routiniert meine Arbeit. Zwischendurch esse ich zwei Nürnberger Bratwürste mit Pommes frites und grünem Salat. Freitags bediene ich nur drei der zwölf Tische. Schließlich verdient hier die ledige Svetlana ihren Lebensunterhalt. Bei Bedarf helfe ich ihr oder Gudrun hinter der Theke.


Herr Braun, ein Freund von Papi, schaut in meine Richtung und hebt einen Arm. Ich nicke und lasse an der Kasse den Beleg hervor schnurren. Mit gekonntem Hüftschwung schreite ich zu Tisch Vier. Ich präsentiere dem wohlhabenden Anwalt die Rechnung: 63,70 Euro. Ich lächele ihn an.


Er lächelt zurück. Er legt 70 Euro auf die blütenweiße Tischdecke. »Stimmt so, Frau Schultz«, sagt er mit seiner sonoren Stimme. »Wie immer tadellos. Sprechen Sie der Küche unser Lob aus.«


»Vielen Dank, Herr Braun.«


Frau Braun, die einer schmuckbehangenen gemästeten Gans mit scheußlich tiefschwarz gefärbten Federn ähnelt, verdreht die Augen, die in unmöglich üppigem Kajal schwimmen. Ich beuge mich vor und nehme die Scheine. Die rauchblauen Augen des Ehemannes streicheln meinen Busenansatz im jetzt großzügigen Ausschnitt. Er schmunzelt kaum merklich.


Verabschiedung mit Handschlag.


Um 21:30 Uhr sage ich zu Gudrun: »Ich fahre jetzt nach Hause, Mutti, habe grässliche Kopfschmerzen.«


Sie nickt. »Kein Problem, Carla, sind nur noch fünf Tische besetzt.«


Ich rechne mit ihr ab. 31,45 Euro Trinkgelder. Sie gibt mir 20 Euro. Finde ich Scheiße, obwohl ich fast eine Stunde weniger arbeitete.


Mit Vorfreude im Herzen brettere ich nach Hause. Ich eile ins Badezimmer. Ich putze elektrisch die Zähne. Ich spüle mit Mundwasser. Ich male die Lippen leuchtend rot an. Lothar liebt diese Farbe. Ich sprühe nochmals Parfum. Im Wohnzimmer schlüpfe ich wieder in die Pumps. Ich setze mich aufs dunkelgrüne Ledersofa. Ich plane, meinen acht Jahren älteren Ehemann, mit einem Striptease auf Hochtouren zu bringen. Funktionierte vor einigen Wochen umwerfend.


Die Haustür klappt. Die Uhr an einer Esszimmerwand zeigt 22:13. Ich stehe auf. Vorfreude. Herzklopfen. Lendenpochen. Lothar, der mich um 20 Zentimeter überragt, streckt den Kopf ins Zimmer. »Komme gleich.« Er verschwindet Richtung Badezimmer. Ein paar Minuten später tritt er vor mich. Kein Begrüßungskuss. Er drückt mich aufs Sofa. Er setzt sich in einen Sessel. Er scheint nervös, angespannt, aufgeregt. Ich runzele die Stirn.


Er streicht sich durchs dunkelbraune Lockenhaar. Er sieht mir in die Augen. Er sagt in nie gehörten Tonfall: »Hör mir jetzt genau zu, Carla Maria.«


Ich runzele erneut die Stirn. Normalerweise redet er mich mit Carla, Baby, Schatzi oder Kleines an.


»Ich wiederhole mich nicht. Ich habe mich vor rund einem halben Jahr unsterblich verliebt. Sie liebt mich wahnsinnig. Wir werden sofort nach der Scheidung, die ich am Montag einreichen werde, heiraten. Sie ist im zweiten Monat schwanger – von mir. Ich freue mich wahnsinnig auf das Kind. Du kannst ja keine bekommen. Du bist als Ehefrau untauglich. Ich habe die nächste Woche Urlaub. Ich packe nachher einen Koffer und verbringe das Wochenende und den Montag bei ihr. Du suchst dir in diesem Zeitraum eine Bleibe und nimmst deinen persönlichen Krempel mit. Du weißt, dass das Haus und die komplette Einrichtung nur mir gehören. Dein Auto, das ich zur Hälfte bezahlt habe, kannst du behalten. Den drei Jahre alten Mercedes habe ich komplett finanziert. Wir haben Gütertrennung vereinbart. Ich bewerkstellige am Dienstag und Mittwoch den Umzug meiner zukünftigen Frau hierher. Sie wohnt zurzeit in Miete. Ich erkläre dazu nichts und diskutiere auch nicht. Mein Entschluss steht unumstößlich fest.«


Mein Gehirn leert sich. Das Blut – abgezapft. Der Magen – mit Blei gefüllt. Das Herz – schockgefrostet. Die Seele – abgehauen. Carla Maria Schultz, geborene Reichert, nähert sich dem Reich der Toten.


Ich verlasse den Todespfad, kehre ins Hier und Jetzt zurück. Ich speichele den Mund ein und krächze wie eine Krähe im Stimmbruch: »Kenne ich sie?«


Der Ehebrecher wirft die Blicke zur Decke mit dem weißen Rustikalputz. »Sie besitzt an der Oststraße das Bräunungs- und Nagelstudio.«


Ich verdrehe die Augen. Ich sah diese 30-jährige dürre, breitmaulige Ziege mit dem Madonnengesicht, vollen Lippen, dickem Euter, magerem Arsch und rot gefärbten Fell ein paar Mal im Kaufland und im Baumarkt. Was findet der Kerl, dem offenbar das Gehirn zwischen die Beine sackte, an diesem Weib? Null Ahnung. Ich vermute, es nimmt seinen Schwanz samt Eier in den Mund. Männer! Der Ziegenschwängerer eilt aus dem Zimmer. Ich sitze starr und still. Ich taue auf. Ich heule nicht. Ich tobe nicht. Nein, ich schmeiße weder Vasen, die Obstschale noch Fernbedienung und Stehlampe gegen Wände. Ich bin strohblond, aber nicht strohdumm. Ich finde mich mit der zweiten Niederlage des Tages ab. Nie zuvor erlebte Carla Maria einen grauenvolleren Tag. Ich seufze. Na, ganz toll. Freitag, der 13., schlug voll zu.


Soll ich um den untreuen Ehemann kämpfen? Gegen die von ihm geschwängerte Ziege besitze ich null Chancen. Vier Jahre und neun Monate Ehe – abgehakt. Aus. Vorbei. Auf der Tafel meines Lebens weggewischt.


Haus, Einrichtung und Vermögen brachte Arschloch-Lothar in die Ehe ein. Punkt. Hier sitzt die fast mittellose Carla Maria auf dem Sofa, das ihr nicht mal zur Hälfte gehört. Ich wispere: »Girokonto rund 530, Sparbuch 1.510 Euro. Am Ende des Monats trudeln mein Gehalt und die Abfindung ein, 5.980 Euro. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Ich brauche einen Job, einen Vollzeitjob, und zwar schleunigst.«


Der Mann, den ich liebe, betritt das Zimmer und öffnet die linke Sprossentür des Wohnzimmerschrankes aus dem Jahr 1926. Ich höre Porzellan klirren. Er dreht sich um und zeigt mir 160 Euro. »Die Hälfte des noch vorhandenen Haushaltsgeldes.« Er steckt die Scheine ein.


Ich stehe auf. Ich wanke wie ein Trunkenbold. Ich bemühe mich um eine feste Stimme. »Eine Frage noch.«


Er sieht mich stirnrunzelnd an. »Schieß los.«


»Ist sie ... ähm ... ist sie im Bett besser als ich?«


Der Fremdgänger rollt die Augen. »Nein. Du warst die Beste, die ich bisher hatte. Marion mag keinen Analverkehr. Ihr genügt zweimal Sex in der Woche. Du wolltest viermal, störte mich früher nur ab und zu, in den letzten sechs Monaten aber sehr. Mir genügt vollkommen der Sex, den sie mit mir veranstaltet. Ich liebe diese Frau abgöttisch. Sie ist verrückt nach mir. Wir freuen uns riesig auf unser Kind. Gute Nacht.«


Er rauscht aus dem Raum. Die Haustür schlägt.


Carla Maria zum zweiten Mal an diesem Tag ausgemustert, gefeuert, abserviert. Punkt.


»Der Kerl ist geistig minderbemittelt«, murmele ich. »Die Liebe zu einer Ziege ließ ihn erblinden. Nicht zu fassen. Na ja, er wird eines Tages merken, was in seinem Stall steht, von einem plärrenden Balg mit vollgeschissenen Windeln, das haufenweise Geld verschlingt, mal abgesehen. Thema Lothar für mich erledigt. Er könnte auch tot sein. Ich muss nach vorne schauen und mir eine neue Zukunft basteln. Punkt. Ausrufezeichen.«


Ich trinke einen dreifachen Single-Malt-Whiskey, einen 16-jährigen. Löst zwar keine Probleme, beruhigt aber Nerven, Magen und Hirn. Ich wanke ins Badezimmer. Ich erledige wie ein Roboter die üblichen Tätigkeiten. Wie ein gefällter Baum stürze ich ins Bett – ins Ehebett, demnächst die Liebeswiese einer Ziege. Ich wälze mich hin und her. Ich heule. Ich schlafe ein. Ich wache auf. Ich schluchze. Ich fluche. Ich schlafe ein.


Ich schrecke hoch. Ein Albtraum warf mich in die Schreckenslandschaft der Sozialhilfeempfänger, Armut, der Männerlosigkeit. Ich schiele zum Leuchtwecker: zehn nach vier. Ich fluche und lege mich auf den Bauch. Ich drifte ins Schlafuniversum.


Ich wache auf. Ich fühle mich, wie von einem Kampfpanzer überrollt. Ich sehe zur Uhr, 9:16. »Scheißegal«, brumme ich, »versäume ja nichts.« Ich prüfe meine Gefühlslage. Finde sie beschissen. Das Trampeltier namens Lothar hat meine Liebe zerschmettert, in den Boden gestampft, zerstäubt. Erledigt.


Zorn, grenzenlose Wut, tiefster Hass auf den Kindermacher schießen in mir hoch. Ich runzele die Stirn. Traumfetzen ziehen an den inneren Augen vorüber. Ich halte sie fest, füge sie zusammen und begutachte sie. »Ja, Carla Maria«, sage ich leise zu mir. »Du musst den Ziegenhalter bestrafen, ihm Entsetzen, höllische Schmerzen und lebenslange Trauer implantieren. Zu diesem Ziel führt nur ein Weg, ein einziger. Ich, die aussortierte Ehefrau, werde ihm seinen Herzenswunsch, das Objekt seiner Liebe, sein Zicklein wegnehmen, genauer gesagt, beseitigen. Auf welche Art und Weise muss ich mir noch ausdenken. Zur Ausarbeitung des Racheplanes stehen mir zehn, elf Monate zur Verfügung. Es darf mir nicht der geringste Fehler unterlaufen. Mein Plan muss absolut wasser- und luftdicht sein. Carla Maria will ja nicht im Gefängnis vermodern.«


Genugtuung, Vorfreude, Befriedigung quellen in einer Ecke des Gehirns hoch wie Lava in einem Vulkanschlot. Trotzdem quälen mich die Niederlagen, knabbern an der Lebensfreude, unterhöhlen mein Selbstbewusstsein und hüllen die Seele der Carla Maria in schwarze Schleier der Misshandlung.


Ich stolpere im Nachthemd in die Küche, eine Luxusküche. Ich koche saustarken Kaffee. Ich esse zwei Scheiben Ur-Brot mit luftgetrocknetem Landschinken und eine Scheibe mit Butter und Aprikosenmarmelade, vor vier Wochen selbst gekocht.


Kurzer Aufenthalt im Badezimmer. Schminken fällt flach, für wen auch? Ich binde das Haar zu einem Pferdeschwanz. Ich schlüpfe in normale Unterwäsche. Ich ziehe eine weiße Bluse, mittelblaue Jeans, dunkelblaue Slipper und die taubenblaue Kaschmirweste an. Kann ich mir jemals wieder etwas Ähnliches leisten?


Ich stecke das restliche Haushaltsgeld in die Geldbörse. Dort hocken neben den gestern verdienten Mäusen noch 36 Euro. Ich fahre mit dem röchelnden Golf zu meinen Eltern nach Schafbrücke, einem östlich gelegenen Ortsteil der Landeshauptstadt. Ich stelle die Kiste im Grumbachtalweg auf dem kiesbestreuten Platz im Vorgarten des letzten Hauses auf der rechten Seite ab. Ich starre zwei Minuten durch die Frontscheibe, ohne zu sehen und zu denken. Ich schleiche zum Eingang.


Papi öffnet die Haustür. Er reißt die Augen auf. Ich fliege in seine Arme. Ich heule erbarmungswürdig. Er führt die Tochter ins Wohnzimmer und drückt sie aufs Sofa. Er bringt Wasser und drei Päckchen Papiertaschentücher. Lieber Papi. Er schweigt, sieht mich nur an. Ich beruhige mich. Ich wische Tränen. Ich schnäuze. Ich trinke.


»Liebeskummer, Kleines?«, fragt er leise. Der schlanke Mann misst 1,75 Meter. Er streicht mir übers Haar und küsst meine Wangen.


»Nicht mehr«, flüstere ich. »Nur noch kilometertiefe Enttäuschung.« Ich schildere den Tag des Grauens – komplett.


Er umarmt mich, drückt mich fest an sich, murmelt beruhigende Worte. Keine Vorwürfe, etwa derart, habe ich dir doch gesagt, dass der Kerl nichts taugt, oder so.


»Wo ist Mutter?«, will ich wissen.


»Bereits unterwegs zum Lokal. Sie muss noch Einkäufe erledigen.« Er hält mich ein Stück von sich. Er sieht mir in die Augen. »Wir fahren jetzt mit zwei Autos nach St. Ingbert und packen. Zwischendurch essen wir im Stadtkrug. Du ziehst hier in das Gästezimmer mit dem Duschbad. Du kannst bleiben, solange du möchtest. Ich mache dir für Montag einen Termin bei meinem Freund Ludwig. Er ist Familienanwalt. Wir schaffen das, Kleines. Du schaffst das.«


Ich nicke. Mein Papi, der beste der Welt!


Um 19:10 Uhr sitzen wir in Gudruns Lokal im kleinen Raum neben der Küche und essen Bratkartoffeln mit Rührei, Speck und Salat. Zuvor klärte ich Mutter und Oma auf. Sie äußerten sich entsetzt und bedauerten mich.


Ich schminke mich und schlüpfe in den dunkelblauen Rock und die hochhackigen Pumps, die ich hier vorhalte.


Ich spähe in den Gastraum, gerammelt voll. Geschlossene Gesellschaft. Ein Ehepaar um die 50 feiert Silberne Hochzeit. Werde ich jemals einen derartigen Hochzeitstag erleben? Ich hoffe es.


Ertragreicher Abend. Neben den üblichen 30 Euro kassiere ich, und auch Svetlana, jeweils 50 Euro Trinkgelder, die das Jubiläumspaar bei Gudrun hinterlegte.


 


Montags sitzen Papi und ich um 14:00 Uhr dem Anwalt in dessen Büro gegenüber. Ich dränge darauf, die Scheidung so schnell wie möglich zu bewerkstelligen. Ich stelle keine Forderungen an den Noch-Ehemann.


Papi lädt mich ins Café Schubert ein. Lieber Papi.


 


Abends sitze ich in meinem Zimmer, stöpsele einen USB-Stick in meinen Laptop und lege ein Word-Dokument an. Ich beginne, meine Lebensgeschichte zu schreiben – ab 13. Oktober 2006, dem Tag des Grauens. 


 


Neustart


 


 


1


 


Ich lebte mich im Haus der Eltern ein, wie man so schön sagt. Nicht immer einfach. Über Gudrun ärgerte ich mich oft. Ich nannte sie intern Nervensäge.


Fast jeden Sonntag fuhr ich mit Marga, meiner einzigen echten Freundin, gegen 15:00 Uhr nach Saarbrücken – in ihrem silbergrauen vierjährigen Opel Corsa. Kaffee trinken. Kuchen essen. Kneipenbesuche. Abendessen in einem Restaurant. Ab und zu vergnügten wir uns in Discos.


Zu Svetlanas Freude arbeitete ich im Feines Essen nur mittwochs in der Mittagszeit und wie üblich an den Freitagen. Samstagabends übernahm ich Papis Job hinter der Theke, was ihn in Begeisterung ausbrechen ließ. Bei Bedarf half ich Svetlana und Gudrun, die Gäste zu bedienen.


Jeden Mittwoch speiste Herr Braun Punkt 12:30 Uhr an Tisch Vier. Ich freute mich jedes Mal. Hatte ich etwas Zeit, plauderte ich mit ihm. Netter Mann. Intelligent und belesen. Er maß 1,81 Meter, wie ich von Papi wusste. Schlank. Breite Schultern. Schmalhüftig. Kein Bauch. Dunkles, nach hinten gekämmtes Haar. Kantiges Gesicht. Etwas zu große Ohren. Dreitagebart. Der Kerl gefiel mir, keine Frage. Er schien von mir ebenfalls angetan.


Am ersten Samstag im November gönnten Marga und ich uns eine Shoppingtour in Saarbrücken. Winterklamotten standen auf dem Einkaufsprogramm. Papi hatte mir heimlich 200 Euro zugesteckt. Lieber Papi. Böse Mutter.


An einem Mittwoch Ende November verabschiedete sich Herr Braun mit Handschlag von mir. Er hielt meine Hand ein wenig länger als üblich und sah mir in die Augen – tief, tiefer als tief. Ich schluckte, funktionierte nicht. Mund trocken wie die Kalahari. Herzstolpern. Gefühlswirrwarr. Spürte ich, außer Sympathie, Gefühle der Liebe für den 40-jährigen Kerl aufquellen? Ich bejahte innerlich. Lustschauer rieselten durch mein Gehirn. Ja, Carla Maria gierte nach Sex mit diesem Mann. Warum auch nicht? Meine fraulichen Waffen drohten, Rost anzusetzen. Das Sexualzentrum beschwerte sich fast täglich über Arbeitslosigkeit.


Um diesem Zustand keine Chance zu geben, mir Spaß und Lusterlebnisse zu gönnen und besagtes Zentrum zu beruhigen, besuchte ich ab sofort Luigi jeden Montag um 14:00 Uhr in seiner Einzimmerwohnung auf dem Eschberg. Wilder Sex. Lustrasen. Klasse Events.


Am zweiten Sonntag im Dezember fragte ich wie beiläufig Papi über Herrn Braun aus. Das Objekt meiner Begierde besaß in Saarbrücken eine Anwaltskanzlei mit drei angestellten Anwälten. Er arbeitete dort aber nur zwei bis drei Tage in der Woche. In den übrigen Zeiten beschäftigte er sich mit seiner Im- und Exportfirma. Papi wusste nur, dass Herr Braun mit vielerlei technischen Geräten, darunter Zubehör und Bausteine für Computer, Handel trieb. Er meinte, der Mann sei sehr vermögend.


Papi räusperte sich und sah mich an. »Es gibt etwas Erfreuliches für dich. Das junge Ehepaar, das in der kleineren Wohnung über dem Fitnessstudio wohnt, zieht noch vor Weihnachten aus. Es erwartet Nachwuchs. Ich lasse die Wohnung renovieren.« Er lächelte und fuhr fort: »Du kannst vermutlich in der zweiten Januarhälfte dort einziehen. Du überweist mir die steuerlich erlaubte Mindestmiete. Ich gebe sie dir bar zurück, bis du einen Job gefunden hast. Kosten für Wasser, Heizung und Müllabfuhr übernehme ich. Du brauchst nur den Stadtwerken die Stromkosten zu zahlen.«


Jubelnd fiel ich ihm um den Hals und bedankte mich überschwänglich. Er schien gerührt. Geliebter Papi.


 


Fünf Tage schmiedete ich Pläne, Zukunftspläne, in denen Herr Braun die Hauptrolle spielte. 


 


Freitag, 22. Dezember 2006. Ich stand in meinem Badezimmer. Ich betrachtete mich in dem kleinen Spiegel. Ich wiegte den Kopf hin und her.


»Du schaffst das«, sagte das Spiegelbild.


Ich brummte. Ich nickte. »Hoffentlich. Trotz akribischer Planung und sorgfältiger Ausführung kann etwas schief laufen. Ich brauche auch ein bisschen Glück.«


Die Spiegelfrau lächelte. »Denk an einen Satz des alten Moltke: Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige. Bisher warst du tüchtig, bist es und wirst es bleiben. Ich glaube an dich.«


Ich lächelte. »Danke.«


Ungefähr eine halbe Stunde später verließ ich das Haus. Ich fuhr nach St. Ingbert. »Mist!«, murmelte ich unterwegs. »Ich habe vergessen, die Alarmanlage zu aktivieren. Da wird Gudrun wieder toben.« Ich stellte den Golf auf dem Parkplatz Am Großbach in der Poststraße ab und legte die Parkscheibe aus.


Ausstaffiert, einschließlich gefütterter Halbstiefel, wie auf einer Fußwanderung zum Südpol flanierte ich durch die Fußgängerzone. Ich hasse den Scheißwinter, vor allem den scheußlichen Schnee. In der CB-Parfümerie genoss ich die Wärme. Ich schlenderte an den Regalen entlang, sprühte verschiedene Parfums auf Teststreifen und schnupperte. Mit dem teuersten Parfum von Gucci, blutrotem Lippenstift und Nagellack eilte ich zur Kasse. Wohlbehagen, Zufriedenheit breiteten sich in mir aus. In der Buchhandlung Friedrich kaufte ich den Thriller Gier eines Ehemannes eines einheimischen Autors. Tolles Cover. Ich liebe Bücher und lese gerne.


Ich fuhr in die Dr.-Schier-Straße. Ich stellte das Auto auf dem Besucherparkplatz des zwölf-stöckigen Hochhauses ab. Ich zerrte einen mittelgroßen Koffer und eine Reisetasche von den Rücksitzen. Vorhin hatte sich der Kofferraum geweigert, die Klappe aufzumachen. Scheißauto. Scheißnotar. Scheißehemann. Geile Ziege. Blödes Zicklein.


Fluchend schleppte ich die Last zum Gebäudeeingang. Ich klingelte, marschierte zum Aufzug und ließ mich und Gepäck in die siebte Etage bringen. Die Eingangstür der linken Wohnung klaffte einen Spalt auf. Ich trat ein, drückte mit einem Fuß die Tür zu und stellte das Gepäck im Wohn- Esszimmer der 60-qm-Wohnung ab.


»Bin noch im Bad«, rief Marga. »Komme gleich.«


Ich warf mich in einen Sessel, schnappte die Zeitschrift Der Spiegel vom zerkratzten hellen Holz des niedrigen Tisches und blätterte darin herum. Ich begann, einen interessanten Artikel zu lesen. Ich seufzte. Ich legte das Heft zurück. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Gedanken, Überlegungen und Ideen purzelten durch die Gehirnwindungen.


 


Nein. Ich, Carla Maria, ich werde mich nicht geschlagen geben. Ich besitze einen wachen Verstand und eine rasche Auffassungsgabe. Ich verfüge über einen unbändigen Überlebenswillen, unabdingbar für eine mittel- und männerlose Frau, den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen.


Eine adrett hergerichtete Marga Schmitt betrat den Raum. Umarmung. Wangenküsschen. »Jesses, Carla!«, stieß sie hervor. »Willst du zum Nordpol marschieren?«


Ich kicherte. »Nein. Du weißt, dass ich Kälte hasse.«


Jetzt kicherte sie. »Sieben Grad plus kann man nicht kalt nennen.«


Ich winkte ab. »Bist du online?«


»Klar. Düsen wir ab.«


Meine Freundin überragte mich um fast zehn Zentimeter und wog zwei Kilo weniger. Sie war keine Schönheit, besaß aber eine ansprechende Figur. Minimaler Schwimmring. Schwarzes Haar mit drei roten Strähnen rahmte kinnlang das ovale Gesicht ein. Kleine Nase mit einer leichten Krümmung im unteren Viertel. Normale Lippen. Tadellose Zähne.


Eine dunkelrote Baumwollbluse spannte um den üppigen Busen und steckte in hautengen mittelblauen Jeans. Strammer Hintern. Hochhackige schwarze Pumps. Sie zog einen taubenblauen Pulli mit V-Ausschnitt an und schlüpfte in eine weinrote Windjacke.


Wir fuhren im jammernden Golf zu Gudruns Lokal. In dem Raum neben der Küche legte ich die Daunenjacke, die grobe sandfarbene Strickweste und die Stiefel ab. Ich zog die Pumps an. Ich trug dunkelblaue Jeans und eine leuchtend blaue Bluse mit langen Ärmeln. Ich öffnete auch den zweiten Knopf.


Am Zweiertisch neben der Theke aßen Marga und ich Hoorische – länglich gerollte Kartoffelknödel – mit Bratensoße und Weinsauerkraut, eine saarländische Spezialität, natürlich von Oma gekocht.


»Klasse Essen«, lobte meine Freundin. »Noch besser als bei Mama.« Wir tranken Mineralwasser mit einem Schuss Crème des Cassis. Wir plauderten, lachten und kicherten.


Nach dem Essen trug ich das Geschirr in die Küche. Im Nebenraum malte ich die Lippen blutrot wie die Fingernägel an; zusammen mit dem ausdruckstarken Augen-Make-up für die meisten Männer eine antörnende Kombination – bestätigten oft die Trinkgelder. Ich zog die Schürze an und kehrte in den mäßig besetzten Gastraum zurück. Ich plauderte ein wenig mit Gudrun, die ein Weizenbier zapfte. Ich kassierte das ältere Ehepaar an Tisch Zwei ab. 55 Cent Trinkgeld. Lachhaft.


Herr Braun schaute in meine Richtung und hob einen Arm. Ich lächelte, nickte, schritt mit oft geübtem Hüftschwung zur Kasse, öffnete den dritten Blusenknopf und ließ den Bon ausdrucken. Raubkatzengang zu Tisch Vier. Begrüßung des Ehepaares mit Handschlag. Die gemästete Gans hatte sich ein paar Federn dunkelrot färben lassen. Am dicken Hals schimmerte üppiges Gold. Ich präsentierte dem Gänsehalter die Rechnung, 56,95 Euro. Ich strahlte ihn an.


Er strahlte zurück und legte 60 Euro auf die schneeweiße Tischdecke. »Stimmt so, Frau Schultz, wie immer köstlich. Ich überlege mir, ob ich Ihre Oma abwerben soll.« Er lächelte mich an.


Klimpernde Gänseaugen.


Ich neigte den Kopf. »Vielen Dank, Herr Braun.« Ich nahm die Scheine, beugte mich ein bisschen zu ihm und sortierte sie in die Geldtasche. Die rauchblauen Augen streichelten meinen Busenansatz.


Das Ehepaar erhob sich. Die Mastgans watschelte Richtung Garderobe. Herr Braun warf mir einen undefinierbaren Blick zu und folgte ihr. Er beugte sich zur Ehefrau, schien mit ihr zu reden. Er drehte sich um. Er eilte auf mich zu. Sein Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen. »Fast vergessen, Frau Schultz. Bitte reservieren Sie für nächsten Freitag 18:15 Uhr einen Tisch für acht Personen. Einer meiner Anwälte feiert mit Kolleginnen und Kollegen und mir seinen 40. Geburtstag.«


Jetzt strahlte ich. »Vielen Dank, Herr Braun. Ich werde mich ausschließlich um Sie und Ihre Angestellten kümmern.«


Er nickte. »Ich freue mich außerordentlich. Gute Nacht und frohe Feiertage.« Er schüttelte meine Rechte und eilte davon.


Ich fühlte festes Papier in der Hand. Ich öffnete sie. Ein Merkzettel in einem gerollten Zehner. Ich steckte den Zettel in die rechte, das Geld in die linke Hosentasche.


Der Walzer Wiener Blut von Johann Strauss schwang durchs Lokal. Herzklopfen. Mein Blut pochte in den Halsschlagadern und rauschte in den Ohren. Ich gab Svetlana die zehn Euro. Sie riss die Augen auf. »Donnerwetter! Ein echt üppiges Trinkgeld. Danke, Carla.«


Ich winkte ab. Ich eilte auf die Toilette. Aufgeregt wie ein Teenie vor dem ersten Kuss las ich den Zettel. Ich schluckte. Ich las nochmals: »Liebe Carla Maria, kommen Sie doch bitte am nächsten Mittwoch um 14:30 Uhr zu mir nach Hause. Jolantha unternimmt an diesem Tag mit Freundinnen eine Shoppingtour, einschließlich Kaffeetrinken und Abendessen. Ich möchte mich mit Ihnen ein wenig unterhalten und Ihnen ein Angebot unterbreiten. Ich freue mich auf unser Treffen. Theophil Braun.«


Gehirnjubel. Herzüberschläge. Lendenklopfen. Endlich – endlich schnappte der attraktive und steinreiche Mann den Köder, den ich in den letzten Wochen ausgeworfen hatte.


Gegen 21:30 Uhr rief mich Gudrun hinter die Theke. »Also, Carla, spitz die Ohren«, sagte sie in dem Feldwebelton, den sie mir gegenüber meistens anschlug. »Dein Vater und ich fahren jetzt nach Hause. Wir müssen noch packen und brechen morgen in aller Herrgottsfrüh nach München auf. Du weißt ja warum. Das Lokal bleibt wegen der Familienfeier vier Tage geschlossen. Das entsprechende Schild hängt seit drei Wochen an der Tür. Du rechnest mit Svetlana ab, machst die Kasse und nimmst das Geld mit. Und vergiss nicht, die Eingangstür korrekt abzusperren und die Rollläden runter zu lassen. Alles klar?«


Ich verdrehte die Augen. »Ja, Mutti, weiß ich doch, bin kein kleines Mädchen mehr.«


»Schön – und frohe Weihnachten.« Sie drehte sich um und verschwand im Nebenraum.


Papi trat auf mich zu, strich das fingerlange mittelblonde Haar zurück, lächelte und küsste mich auf die Wangen. »Ich wünsche dir und deiner Freundin ein schönes Wochenende und fröhliche Feiertage und denk daran – nur in Maßen Alkohol.«


Ich sah ihm in die grünbraunen Augen. »Keine Sorge, Papi, auch dir eine schöne Zeit und unfallfreie Hin- und Heimfahrt.«


Er streichelte mir über eine Wange. Mit Gudrun verließ er das Lokal.


Ich sah mich um. An vier Tischen saßen noch sechs Gäste, kein Problem für Svetlana. Meine Freundin und ich nahmen an unserem Stammtisch Platz. Wir tranken Traubensaft und plauderten über die nächsten vier Tage, an denen ich bei Marga übernachten würde.


Sie lächelte und sagte: »Ich freue mich auf die morgige Party bei Daniela. Sie hat zwei Junggesellen um die 30 eingeladen, die ich nicht kenne, und zwar einen ...«


Ich riss die Augen auf. »Ach du Schreck! Ich habe das rote Kleid, das ich extra für die Party gekauft habe, zu Hause vergessen. Das muss ich unbedingt mitnehmen. Wir fahren nachher vorbei, dauert nur ein paar Minuten.«


Wir schwelgten in Vorfreude. Wir leerten die Gläser. Ich marschierte in die Küche und verabschiedete mich von Oma Marie, Roberto und Luigi. Der Kerl grinste mich lüstern an. Ich lächelte zurück. Die Küchencrew verließ das Gebäude durch die rückwertige Tür. Ich steckte einen Kaugummi in den Mund.


Ein paar Minuten später sperrte ich die stählerne Hintertür ab, ließ deren Rollgitter und die metallenen Rollläden der Fenster absinken, natürlich alle elektrisch betrieben.


Im Gastraum hatte Svetlana bereits die Fensterläden geschlossen. Ich rechnete mit ihr ab. Ich erledigte die Kassenabrechnung. Umsatz und Wechselgeld, insgesamt 982,68 Euro, steckte ich in die dafür vorgesehene Ledertasche und diese in meine hellbraune Handtasche.


Ich zog die Weste, Stiefel und Jacke an. Marga kicherte, trat ins Freie und hielt die Eingangstür auf. Ich schaltete die Beleuchtung aus, sperrte das Doppelschloss der Tür ab, schob das Metallgitter von links nach rechts, verriegelte es und schloss ab.


Rund zehn Minuten später bog ich in den Grumbachtalweg. Die Borduhr zeigte exakt 23:00. Nach ungefähr 60 Metern latschte ich auf die Bremse. Ich stoppte. Ich zerrte die störrische Handbremse in Position. Ich starrte. Ich schluckte. Ich schüttelte mich. Ein paar Meter vor mir versperrte ein Polizeifahrzeug die Straße.


»Sieht aus, als ob man in eurer Straße einen Film dreht«, kommentierte Marga das etwa 100 Meter entfernte Lichterspektakel der Feuerwehr-, Polizei- und Krankenwagen. Flammen schlugen aus einem Haus.


Meine Freundin deutete mit zitterndem Arm nach vorne. »Großer Gott! Dieses Haus, Carla, das ... das ist ... das ist doch euer Haus!«


Ich nickte. Ich würgte den Motor ab. Wir stiegen aus. Nach drei Schritten stoppten uns zwei Polizisten.


»Wo wollen Sie hin?«, fragte die Beamtin mit wippendem Pferdeschwanz.


Ich sah ihr in die Augen. »Ich wohne dort, in dem ... im Haus, das brennt.«


Sie riss die Augen auf. »Wissen Sie, ob sich Personen im Haus aufhalten?«


Ich nickte. Ich flüsterte: »Meine Eltern.«


Ihr Kollege schnaufte und sagte: »Gütiger Gott! Das weiß niemand.« Er entfernte sich ein paar Schritte und sprach in sein Funkgerät.


Die Beamtin fasst mich am linken Arm. Mitleid in den Augen. »Ein Nachbar auf der anderen Straßenseite rief gegen 22:00 Uhr die Feuerwehr. Er erklärte, es sei niemand im Haus. Das Auto der Tochter stehe nicht auf dem Platz im Vorgarten und das Ehepaar Reichert komme, außer montags, nie vor 23:00 Uhr nach Hause.«


Ich nickte und schluchzte. Marga reichte mir ein Papiertaschentuch. Ich nannte meinen Namen und schilderte stockend die vorzeitige Heimkehr der Eltern und die Gründe. Ich fragte: »Wissen Sie, was das Feuer ausgelöst hat?«


Die Polizistin seufzte. »Die Feuerwehr vermutet eine Gasexplosion.«


»Jesses!«, stieß ich hervor. »Wie kann heutzutage so etwas passieren?«


Sie zuckte mit den Schultern. »Die Brandermittler werden versuchen, es herauszufinden.«


 


Ich schluchzte.


 


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