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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Stimmen im Kopf, Werner Pfeil
Werner Pfeil

Stimmen im Kopf



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Eire Verlag, Salzkotten
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August 1979 Er kannte kein Mitgefühl gegenüber sonstigen Lebewesen und war unfähig, Gefühle, wie auch immer geartet, zu empfinden. Nur wenn er kontrollierte, manipulierte oder betrügen konnte, verspürte er Genugtuung. Er war rastlos, und viel zu oft plagte ihn die Langeweile. Er verachtete alle, sogar die eigene Familie, und nur um des lieben Friedens willen hielt er eine Fassade der Harmlosigkeit aufrecht. Er selbst war der Mittelpunkt seines Lebens. Andere erklärte er lediglich zu Objekten, die dazu taugten, ihn abzulenken oder zu befriedigen. Opfer halt. Respekt brachte er nur wenigen Mitmenschen entgegen. Dazu gehörte merkwürdigerweise seine Gattin Jutta, gegebenenfalls noch ihr missratener Ableger, der sich abgewendet hatte. Er wusste allerdings, welches Potenzial in ihm steckte … und irgendwann, würde sich sein Wunsch erfüllen und auch in der nächsten Generation gäbe es einen, wie ihn. Beide respektierte er nur, weil er ahnte, wie es ausgehen könnte. War diese selbst auferlegte Hürde erst einmal gefallen, müsste er sie töten. Jutta diente ihm, so wie er es wünschte. Nach Herzenslust belog und betrog er sie und weidete sich an seiner Überlegenheit. Sex? Doch nicht mit der hässlichen, naiven Kuh, die trächtig wurde, als er trunken, kaum Herr seiner Sinne, mit ihr in die Kiste gestiegen war. Das Tollste daran? Er hatte ab diesem Zeitpunkt zwei Personen, die er beliebig in Besitz nehmen und zerstören konnte, bis keine lebendige Seele in ihnen übrig war. Nur Körper ... Hüllen. Nachdem Jutta gestorben war, wollte er bei seinem Nachkommen eine Ausnahme machen. Er begann früh, seine Wesenszüge in den Jungen zu implementieren. Dass seine Erziehung Früchte tragen würde, davon war er überzeugt. Bei Jutta hatte das anders ausgesehen. Eines Tages hatte sie die Kraft verlassen. Seine Nachbarn bezeichneten ihn als krank im Kopf, immer auf der Jagd nach frischem Fleisch. Je geiler und wollüstiger, umso besser. Jeder anständige Psychologe bescheinigte ihm eine unheilvolle und kaum therapierbare Form des Egozentrismus. Doch ein vollständiges Bild von ihm dürfte auch der Beste des Fachs nicht erstellen können. Er musste Menschen wehtun, und obwohl er den Schutzmechanismus gegenüber der Familie eingerichtet hatte, waren Jutta und der Junge doch diejenigen, an denen er seine Krankhaftigkeit ausließ. Ein Psychopath wie er in den Lehrbüchern zu finden war. Ohne Opfer wollte, ja konnte er nicht weiterleben. Höchstwahrscheinlich würde ein Attest, sofern es eines geben würde, noch weitere unschöne Dinge enthalten, allesamt ausreichend, um ihn zeitlebens wegzusperren. Er verlor schnell die Kontrolle; das hatte ihn schon oft in besorgniserregende Situationen gebracht. Er war als Heißsporn in den Kneipen der Region bekannt, und es fiel ihm schwer, sich so zu zügeln, dass er in der Öffentlichkeit nicht zum Mörder wurde. Einen Holzarbeiter, der in Brot und Lohn eines der Großgrundbesitzer war, hatte er dermaßen zugerichtet, dass man überlegte, ihn ins Krankenhaus zu verfrachten. Ungerührt hatte er zugesehen und war nur beleidigt, warum der Holzfäller sich bei ihm nicht für die gerechte Behandlung bedankte. Ja, so war er. In dem winzigen, öden, beschissenen Kaff im Sauerland war seine Zukunft den Bach runtergegangen, seitdem täglich mehr blöde Touristen die Schönheit der Natur genießen wollten. Eine willkommene Abwechslung zum tristen Grau der Vorstädte des Pütts. Die Bekanntschaft mit Siegfried, einem der Gäste im Ort, die beim zwanzigsten Pils besiegelt wurde, hatte ihn ins ferne Hövelhof verschlagen. Wahrlich keine Großstadt, eher ein verschlafenes Nest, allerdings eines mit Luft nach oben. Dort wurde ein Schlachter gesucht. Gottfried tötete, weidete aus und verwurstete schneller als andere Fleischer und Metzger. Für die mitten in der Stadt ansässige Fleischerei hatte es nicht gereicht, aber im kleineren Betrieb am Rande des Dorfes zur Senne hin gab es jederzeit was zu tun, und auch zu Hause konnte er eine müde Mark nebenbei machen, indem er heimlich Schweine verarbeitete, die Siegfried ihm an der Steuer und vor allem den Trichinenbeschauern vorbei zukommen ließ. Bald war er nur noch im eigenen Heim anzutreffen. Zum Leidwesen Juttas und des Buben. Vor einer Woche hatte ihn Siegfried, der neue Freund und Gönner, seiner Männerrunde vorgestellt. Sie alle waren wie er im Krieg gewesen. Sie besaßen Macht. Sie trafen sich regelmäßig und waren ein verschworener Haufen. Er spürte sofort, dass sie ihm im Kern ähnlich waren. Schnell erkannte er seine Vorteile aus dieser Symbiose. Schon einen Tag später schickten sie ihm eine junge Dame. Sie sollte nebenher etwas Geld verdienen und ihm bei den illegalen Hausschlachtungen helfen. Außerdem war sie über und musste weg. Sie passte mit ihrem wohlgeformten Körper, der an einigen Stellen vielleicht zu üppig war, in Gottfrieds Beuteschema. Wann immer möglich bestellte er sie ein, und unter den Augen seiner Frau ging sie aufreizend vor ihm die Kellertreppe hinunter. Er verfolgte einen Plan, um sie für sich zu gewinnen. Was seine Frau dachte, war ihm egal. Zunächst verteilte er Komplimente, mit denen er bei den dummen, jungen Dingern jederzeit punktete. Ab und an gab er ihr Trinkgeld, was sie mit einem betörenden Augenaufschlag quittierte. Das war seine erfolgreiche Masche, um die Weiber in Sicherheit zu wiegen. Wer in diesem Falle allerdings mit wem spielte, konnte er nicht recht einordnen. Dass er am Ende der Sieger sein würde, war ihm jedoch von Beginn an bewusst. Immer stärker wurde das Gefühl, sie dominieren zu müssen. Deshalb befahl er ihr, den Boden zu schrubben. Er liebte es, wenn sie vor ihm auf dem Knien herumrutschte. Irgendwann hatte sie den Spieß umgedreht und über Slip und BH nur die lange Fleischerschürze gezogen. Ein Anblick, der ihn schier um den Verstand brachte. Rechtzeitig redete er sich ein, ihr das befohlen zu haben. So gewann er wieder die Oberhand. Nun war sie seit Tagen regelmäßig im Haus. Auch heute regte sich bei ihm die Geilheit, als sie nebeneinanderstehend am Wurstfüller hantierten. Sie schien es zu bemerken, denn sie streifte kokett die Schürze ab, öffnete die Bluse und ließ den Rock an ihren Beinen nach unten gleiten. Erst jetzt bemerkte er, dass sie darunter nackt war. Sie lehnte mit den Unterarmen auf dem Schlachtblock und wackelte mit dem Arsch, so dass er ihre Grotte sehen konnte. Die Gedanken schlugen Purzelbäume. Sie war ihm zuvorgekommen. Er wollte sie einfach benutzen, nicht verführt werden. Sie hatte das Spiel umgedreht, und das durfte er keineswegs zulassen. »Na, nun hol den kleinen Pimmel schon aus der Buxe. Platzt dir doch eh gleich der Reißverschluss. Komm her und hol dir deine Belohnung. Fick mich!«, hatte sie gesagt, sich zu ihm herumgedreht und mit ihrer Zunge über die Brust geleckt, die sie mit ihrer rechten Hand spielerisch massierend hoch drückte. Die Stimmen in ihm schrien ihn an: »Du musst wieder Herr der Lage werden! Bestrafe das Miststück! Sie ist dein Eigentum und von dir abhängig, nicht umgekehrt. Mach ihr das ein für alle Mal klar!. So darf sie dir nicht davonkommen.« Während in seinem Kopf ein Kampf tobte, hatte er sich dabei erwischt, wie eine Hand tatsächlich das erregte Glied aus der engen Hose genestelt hatte. Eilig steckte er es zurück. In Vorfreude auf den nun sogleich beginnenden Akt beugte sie ihren Oberkörper noch etwas tiefer. »Los, komm her du geiler Hengst. Besteige deine Stute«, stöhnte sie in einem Ton, der wie ein Befehl klang und kaum Widerspruch duldete. Das hätte sie besser unterlassen. Er trat hinter sie. Allerdings sah sein Plan keine heiße Nummer mit dem Prachtweib vor. Dagegen sprach das scharfe Schlachtmesser, das verkrampft in den nasskalten Fingern seiner linken Hand lag. Er legte ihr die freie Pranke um die Taille, und mit einem Schnitt vom rechten zum linken Ohr schlitzte er ihr die Kehle auf. Ein blutroter Schwall verfärbte den Schlachtblock in Sekundenschnelle. Nun musste alles rasch gehen. Egal ob Frau oder Sau, dachte er, amüsiert über diesen Reim. Er ließ sie auf den feuchtkalten Boden gleiten. Ihr Gesichtsausdruck hatte etwas Verzücktes, was in Anbetracht des zu erwartenden ersten Eindringens seines Geschlechts in sie nachvollziehbar war. Ihn kümmerte es wenig. Geschickt schlug er einen Kälberstrick um ihre Fessel und zog sie an der oberen Sprosse der Leiter empor. Literweise Blut floss aus der großen Wunde am Hals, und damit nichts in den Venen und Adern zurückblieb, ergriff er ihr linkes Bein und pumpte mit leichten Bewegungen das Leben aus ihr heraus. So, wie er es bei den Schweinen, die er schlachtete, gelernt hatte. Samstag, 18. Juni 2016 Pünktlich um 10:00 Uhr, der letzte Glockenschlag der Kirche im Dorf war soeben verklungen, begann es zu regnen. Simon hatte das Gefühl, dass er eher zufällig zu einer Beerdigung ging, ohne den Verstorbenen zu kennen. Die Anzahl der Trauergäste hielt sich in Grenzen, bemerkte er, als er erst kurz vor Beginn der Trauerfeier den hellen Abschiedsraum des Bestatters betrat. Ein Säuseln von Sphärenmusik lag in der Luft. Es endete abrupt, als der Pfarrer die Aufmerksamkeit auf sich zog. Eigentlich war nicht er die Hauptperson, um die es heute ging, aber er tat so. Eine einsame Urne, einfach und preiswert. Ein Kranz, ein Strauß Rosen, davor ein Bild, das einen alten, gebrechlichen Mann zeigte. Seinen Vater. Ein Leben, das sich in seinen Gesichtszügen widerspiegelte. Graues, fast schütteres Haar mit großflächigen Geheimratsecken. Die Nase mit groben Poren übersät, und das Gesicht, das leicht aufgedunsen entstellte, was früher vielleicht einmal „attraktiv“ genannt worden war. Zu Zeiten, als er in dieser Person noch seinen Vater sah, bestimmt. Aber das war lange her. Segnungen und Lobhudeleien wechselten sich ab. Was für ein guter Mensch er doch gewesen und viel zu früh von uns gegangen sei. Der Pfaffe gab alles. Das Nicken der Anwesenden bestätigte ihn. Mensch, schon vergessen, der Mann war an die neunzig und gut … aber was wussten die schon wirklich von dem Haufen Asche, der übrig geblieben war? Er stand kurz davor, den Geistlichen zu unterbrechen: »Entweder du kennst den Menschen, der er mal war, oder du hältst jetzt besser die Fresse.« Eine innere, warnende Stimme hielt ihn davon ab, es laut auszusprechen. Wie sagte der Pfarrer weiter? »Erst der Anblick des Verstorbenen im Sarg lässt sie, meine lieben Trauernden, die Realität des Todes und des Verlustes begreifen. Ein erster Schritt auf dem langen Trauerweg!« Kopfschütteln, nicht nur bei ihm. Was für ein Trottel. Das hier ist eine Urnenbestattung, schon vergessen oder nur die auswendig gelernten Formeln runtergeleiert? Niemand konnte mehr einen Blick auf den Leichnam werfen. Verbrannt, bei 850 Grad, da bleibt bis auf mineralische Knochenbestandteile und einige Zähne nichts übrig. Implantate vielleicht, aber die hatte Gottlieb nicht getragen. Sein letzter Blick in den geöffneten Sarg einen Tag vor der Kremierung sollte einzig und allein dem einen Zweck dienen: Gewissheit haben, dass der, der dort lag, tatsächlich tot war. Mit einem auf einer Harfe begleiteten Ave Maria, das sich kaum hörbar aus einem Ghettoblaster quälte, ging es hinaus an die frische Luft. Endlich. Regenschirme wurden aufgespannt. Einige der älteren Herren hängten sich bei den in der Regel viel jüngeren Begleitungen ein und vermittelten den verlogenen Eindruck ewiger Jugend. Doppelzüngiges Pack, aber Geld schien Frauen nach wie vor anzuziehen. Andere ließen sich von ihren Chauffeuren stützen. Irgendwo mittendrin meinte er, Onkel Siegfried erkannt zu haben. Die dicken Tropfen bildeten ein Rinnsal auf seinem schwarzen Mantel. Ihm war es egal. Der kurze Zug erreichte schnell den Platz, den er zusammen mit dem Friedhofsgärtner einige Tage zuvor ausgewählt hatte. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, dass neben einer Altherrenrunde nur zwei Nachbarn zu den Trauernden gehörten. Ergänzt wurde die mit hängenden Köpfen stehende Gruppe durch einen unbekannten Mann im Designeranzug. Er selbst zählte sich nicht dazu, denn er betrauerte nichts und niemanden. Mit der Urne, die zusammen mit einem gewaltigen Donnerschlag und ersten Hagelkörnern im düsteren, von Kunstrasen umsäumten Loch verschwand, polterten ihm Steine vom Herzen. Steine, die ihm seit Jahren das Leben zur Hölle machten. Um auch symbolisch mit diesem Kapitel abzuschließen legte er einen abgewetzten dunklen Gürtel auf den kleinen Sandhügel, auf dem im Allgemeinen Blumen abgelegt wurden. Dann ging er, ohne sich umzudrehen, durch den anschwellenden Hagelschauer davon.


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