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Schleichender Wahnsinn


von Mario Lenz

krimi_thriller
ISBN13-Nummer:
9783862540099
Ausstattung:
Softcover 265 Seiten
Preis:
9.95 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
AAVAA-Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
mario-lenz@gmx.net
Leseprobe

Mario Lenz

Schleichender

Wahnsinn

Psycho-Thriller

LESEPROBE

 

Nach einer fröhlichen Party ...

... Der Regen peitschte wie verrückt auf die

Frontscheibe. Es war dunkel und die Lichter der

entgegenkommenden Fahrzeuge brachen sich

auf der nassen Scheibe. Trotzdem waren die beiden

Fahrzeuginsassen bei guter Laune. Im Radio

lief ein langsamer Titel von REM. Trotz des nassen

Wetters war es warm. Die Fenster waren ein

Stück offen und nächtliche feuchte Sommerluft

strömte herein.

Eine gelöste fröhliche Stimmung machte sich

breit. Fahrerin und Beifahrer waren etwas mehr

als beschwipst.

Marlene und Manuel waren auf dem Rückweg

von einer Party. Dort hatte es ordentlich geknallt.

Viele Freundschaften waren ihnen nicht

geblieben, seit sie nach Tannenwalde gezogen

waren. Doch der Kontakt zu den Breitlings war

nie abgerissen.

Cocktails waren reichlich geflossen. Die etwa

zwölf Damen, die anwesend waren, hatten sich

dann irgendwann für ein halbes Stündchen zurückgezogen.

Bei den Herren herrschte dann erst

einmal eine peinliche Befangenheit. Doch dann

kam auch bei ihnen halblaute Unterhaltung auf.

Die heutigen Fußballergebnisse wurden diskutiert.

Dann kamen noch die äußerst interessanten

Unterhaltungen über die aktuelle Wirtschaftslage

hinzu. Doch dann ging die Tür auf und die

Frauen kamen kichernd und glucksend wieder

hinein. Lange hatte Manuel versucht, aus Marlene

herauszubekommen, was bei den Mädels

stattgefunden hatte. Lächelnd hatte sich Marlene

geweigert, Auskunft darüber zu geben. Doch irgendwann

konnte sie Manuels Drängen nicht

länger standhalten. Die Cocktails taten ihr Übriges,

um ihre Zunge zu lockern. Lachend gestand

sie, gerade einer kleinen Sextoy]Party beigewohnt

zu haben. Das war typisch Vivien Breitling.

Sie hatte es echt drauf. Kaum dass alle Mädels

unter sich waren, hatte sie ihre Neuerwerbungen

vorgeführt.

„Habt ihr die Spielzeuge auch probiert?", wollte

Manuel scherzhaft wissen.

„Das werde ich Dir nicht verraten", antwortete

Marlene und ließ ihren verdutzten Mann stehen.

Fortan fielen die Damen durch Gekicher und

durch sich gegenseitig schelmische Blicke zuwerfen

auf. Viele Männer ahnten schon, dass sie

heute Abend auf ihre Kosten kommen würden.

So ging der Abend lustig zu Ende und bald verabschiedeten sich Manuel und Marlene.

Sie fuhren grade die Wandlitzer Chaussee entlang.

Der Regen ließ etwas nach. Rechts von ihnen

befand sich der Liepnitzsee.

„Halt doch mal an", forderte Marlene.

„Was? Wozu denn?", fragte Manuel überrascht,

„Musst du mal?"

„Nein". Dann setzte sie etwas fordernder hinzu:

„Los halt schon an".

Er verlangsamte und hielt schließlich auf dem

Seitenstreifen an. „Komm, steig aus", forderte

Marlene ihn auf.

Als er draußen war, schmiegte sie sich an ihn.

„Vielleicht sollten wir baden gehen", schlug sie

vor und nickte mit dem Kopf in Richtung Liepnitzsee.

„Es regnet", stellte er verwundert fest, überrascht

von ihrem Vorschlag.

Sie fing an, ihn zu kitzeln. Da drückte er sie vorsichtig

auf Armeslänge von sich. Es fing stärker

an zu regnen.

„Komm schon, lass uns baden gehen", bat Marlene.

„Wir könnten viel Spaß dabei haben", setzte

sie dann mit einem verführerischen Lächeln

dazu.

Manuel betrachtete ihre weiße Bluse, die durch

den Regen langsam durchgeweicht wurde. Er

stellte fest, dass ihm der Anblick gefiel. Marlene

spürte seine Blicke auf ihren Brüsten. Das erregte

sie ein wenig und ihre Spitzen streckten sich ihm

entgegen.

„Na, gehst du doch baden mit mir", fragte sie

neckend und wies mit dem Kopf auf seine Hose,

die inzwischen eine Beule aufwies.

Er betrachtete immer noch ihre Bluse, beziehungsweise

das, was in ihr steckte.

„Stimmt, wir könnten viel Spaß haben", sagte er

endlich, „aber zuhause, wo es trocken ist".

Es regnete immer stärker.

„Gut", stimmte sie nur leicht enttäuscht zu,

„dann aber schnell, ich bin ganz schön scharf,

mein Liebling!"

Schnell stiegen sie ein und auf schnellen Reifen

näherten sie sich Tannenwalde. Manuel fing an,

sie im Nacken zu streicheln, dann biss er ihr

zärtlich ins Ohr. „Hör auf damit, ich muss mich

auf die Straße konzentrieren", wies sie ihn zurecht,

wobei man deutlich hören konnte, dass er

nicht aufhören sollte.

„Ja, Liebling", sagte er, wobei man deutlich hören

konnte, dass er nicht ans Aufhören dachte.

Er legte sogar noch zu. Mit der Zunge fuhr er

ihr über die Seite des Halses. Marlene glaubte,

verrückt zu werden. Eine deftige Gänsehaut

überzog ihren Körper. Ihre Nippel drückten hart

gegen ihre Körbchen. Doch Manuel war noch

nicht am Ende seiner Kunst. Mit zwei Fingern

öffnete er die Knöpfe ihrer Bluse in Brusthöhe.

Dann schlüpfte einer seiner Finger in Marlenes

Busenhalter. Dort zwirbelte er ihre Brustwarze.

Dieser stand nun wie ein kleiner Erregungsanzeiger

nach vorn. Ihr Atem ging heftiger. Sie hatten

das Anwesen fast erreicht. Marlene wurde

langsamer, um nach der Fernbedienung für das

Tor zu suchen. Doch Manuel hatte diese schon

gegriffen und wedelte damit, um ihr zu zeigen,

sie bräuchte nicht langsamer zu werden. Fünfzig

Meter vor dem Tor betätigte Manuel die Fernbedienung,

er wusste auch ohne es zu sehen, dass

das Tor aufgleiten würde. Nun eroberte sein

Finger Marlenes untere Region. Er hatte ihren

Reißverschluss geöffnet und sein Finger malte

kleine Figuren auf ihren Venushügel. Marlenes

Hände wurden etwas zittrig. Das Tor war schon

in Sichtweite und stand sperrangelweit offen.

Marlene verlangsamte, um in die Einfahrt abzubiegen.

Doch kaum auf der Geraden angekommen,

gab sie kräftig Gas. Sie hatte schließlich ein

großes Verlangen zu befriedigen. Die Automatik

des 4.2 Liter Motors zog sofort kräftig an und am

Tor hatten sie schon wieder ordentlich Geschwindigkeit

drauf. Plötzlich knallte etwas auf

ihre Frontscheibe. Mit beiden Beinen und einem

lauten Schrei auf den Lippen stieg Marlene auf

die Bremse. Beide starrten apathisch auf das

spinnennetzförmige Rissmuster in der Frontscheibe,

dessen nach innen gebeulte Mitte mit

Blut geschmückt war.

„Ob es ein Tier war", fragte der leichenblasse

Manuel nach einer Weile.

Marlene sagte nichts. Sie starrte weiter auf die

Frontscheibe. Das Blut vermischte sich mit dem

Regen. Dann sprang die Intervallschaltung des

Scheibenwischers wieder an. Blutschlieren wurden

halbrund über die ganze Frontscheibe gezogen.

Sie war nun durch einen rosa Schleier

bedeckt, der vom Regen langsam abgewaschen

wurde.

Marlene begann zu schreien. Laut und durchdringend

schallte ihr Gebrüll in der Fahrgastzelle.

„Ist gut", versuchte Manuel sie zu beruhigen

und schüttelte sie sanft. „Du weißt doch gar

nicht, was du überfahren hast".

Dann sah er es auch. In den Scheibenwischer

hatte sich ein Brillenbügel eingeklemmt. Die dazugehörige

Brille glaubte Manuel zu kennen.

„Paul", flüsterte Marlene.

„Das kann nicht sein und das weißt du",

schimpfte Manuel hysterisch, „du weißt, dass er

übers Wochenende nach Thüringen gefahren

ist".

Marlene fing wieder an zu brüllen. Diesmal ließ

Manuel sie. Er stieg aus. Langsam schlich er um

das Auto herum. Dann sah er ihn. Paul Klawitter

lag mit dem Rücken zu ihm. Er war eindeutig an

seinen weißen Haaren zu erkennen. Sie hingen

nass und schwer im Regen herunter. Manuels

lang gezogener Schrei zerriss die nächtliche Stille:

„Neeeiiin!"

Da stieg auch Marlene mit einem von Entsetzen

zerfressenen Gesicht aus. Sie kam auf Manuel zu

und hatte die Hände vor den Mund geschlagen.

„Nein", flüsterte auch sie, als sie den am Boden

Liegenden sah. Und dann voller Hoffnung:

„Vielleicht lebt er noch".

Manuel schaute sie mutlos an und schlich sich

dann an den Verunfallten heran. Dann sah er

Pauls Gesicht oder das, was davon übrig war.

Rote Blutfäden liefen Pauls Kopf herunter und

verteilten sich in der Pfütze. Eigentlich stand der

Gesundheitszustand des Mannes fest, aber sicherheitshalber

betastete Manuel Pauls Hals, um

den Puls zu fühlen. Nichts. Manuel sah Marlene

an, schüttelte mit dem Kopf und sagte nur ein

Wort: „Tot".

„Wir müssen einen Krankenwagen holen".

„Verstehst du nicht? Er ist tot! Kein Krankenwagen

dieser Welt kann ihm mehr helfen".

Marlenes Knie gaben nach und sie sackte zu

Boden. Sie kniete in einer Pfütze und flüsterte:

„Warum, warum, warum?"

Plötzlich klärte sich Manuels Blick.

„Wir müssen etwas unternehmen".

„Wie meinst du das?", fragte Marlene entsetzt,

„was heißt denn „unternehmen"?".

„Na willst du jetzt die Polizei rufen?", erkundigte

sich Manuel.

Marlene war selbstverständlich überfragt. Solche

Situationen hatten sie bei ihrem BWLStudium

nicht durchgesprochen. Sie hatte

Schwierigkeiten, die entstandene Situation zu

realisieren. Und dann sollte sie schon über die

Zukunft nachdenken.

„Wir müssen die Leiche beseitigen", erklärte

Manuel gehetzt.

„Was willst du?".

„Wir müssen die Leiche loswerden, oder willst

du dich dafür verantworten?"

„Wir können doch nicht..."

„Doch wir müssen, oder verstehst du die Situation

nicht? Du hast dich betrunken ans Steuer

gesetzt und hast einen Menschen getötet. Wir

müssen ihn begraben".

„Wir können doch unseren Paul nicht einfach

irgendwo verbuddeln", plärrte Marlene.

Sie standen sich im strömenden Regen gegenüber.

Ihre Kleider klebten am Leib. Die Haare

hingen in Strähnen herunter. Manuel nahm Marlene

in den Arm und drückte sie fest an sich.

„Uns bleibt nichts anderes übrig", versuchte er

sie zu überzeugen.

„Niemals!", schrie Marlene.

Regentropfen flogen von ihren Lippen. Sie

trommelte auf seinen Brustkorb.

„Nein, nein, nein", brüllte sie, weiter auf seinen

Brustkorb schlagend.

Sie sackte in sich zusammen und krümmte sich

auf dem Boden wie ein Fötus. „Nein". Diesmal

flüsterte sie es.

„Es muss sein", flüsterte er zurück. „Muss ich

Dir die Situation erst auseinander nehmen?

Muss ich dir erklären, wie unser Leben aussehen

wird, wenn wir uns stellen? Selbst mit unseren

guten Anwälten wirst du für eine Weile weggesperrt.

Ich kann meinen Bürgermeisterposten

vergessen, und dann kannst du auch dein Fabrikbau

hier vergessen".

Marlenes verzweifeltes Schluchzen wurde immer

schneller und lauter.

„Und wie sollen die Kinder vernünftig aufwachsen

ohne ihre Mutter", fuhr Manuel leise

fort. „Sie würden das kaum verkraften. Willst

du, dass sie in der Schule „Mördersohn" oder

„Killertochter" gerufen werden? Du würdest

damit ihr ganzes Leben zerstören"

Das schien den Ausschlag zu geben, Marlene

nickte. Dicke Tränen vermischten sich mit dem

Regen.

Sie saßen beide in einer Pfütze und betrauerten

Paul. Manuel hielt die Hand des Toten, Marlene

streichelte die unversehrte Seite seines Kopfes.

Plötzlich durchschnitten helle Lichtkegel den

Regen und die Nacht, sie erhellten die Straße vor

dem Anwesen. Entsetzt blickte das Paar aus der

Pfütze auf. Erst jetzt bemerkten beide, dass das

große schmiedeeiserne Tor sperrangelweit offen

stand. Zum Glück fuhr das Auto mit unverminderter

Geschwindigkeit weiter. Auf allen Vieren

kroch Manuel zum Wagen und tastete nach der

Fernbedienung. Eine gefühlte Ewigkeit brauchte

er, um sie zu finden. Endlich hatte er sie, schnell

betätigte er den Knopf zu Schließen. Fast lautlos

glitten die großen Flügel zu.

Es war Geisterstunde. Der Regen peitschte unbarmherzig

herab. Die Zwei, die im Wald eine

Grube gruben, waren völlig durchnässt. Ihre

Kleidung klebte wie eine zweite nasse Haut am

Körper oder hing als schwere Stofffetzen klamm

herab. Der Mond beschien hell und blass die gespenstige

Szenerie.

Sie gruben einen Meter entfernt von einer Weide,

die an einem Bach stand. Ihrer Weide. Die

Weide, die sie gleich nach ihrem Einzug in die

Villa entdeckt hatten.

Es war eine romantische Szene gewesen. Die

Sommersonne hatte kräftig geschienen. Eine

leichte Sommerbrise hatte das Blätterkleid der

Weide zart rascheln lassen. Der Bach plätscherte

sanft. Marlene war in einem leichten Sommer16

kleid die Steigung herab gerannt und hatte die

Weide am Bach entdeckt. Manuel war hinterher

gerannt, hatte die Weide aber noch nicht entdeckt.

Vielmehr hatte er auf ihr Kleid geachtet,

dass beachtlich kurz gewesen war. Es ließ zwei

atemberaubende Oberschenkel sehen. Und ab

und zu, beim Berg Herunterrennen, war das

Kleid ein bisschen hoch gewedelt. Dabei war eine

kaum verhüllte Pobacke zu erkennen gewesen.

String Tangas waren gerade modern geworden.

An der Weide angekommen, hatte sie abrupt

angehalten und hatte sie umklammert. Manuel

war nun langsam geworden und war ruhigen

Schrittes die Weide zugegangen. Aufreizend

hatte Marlene gelächelt. Das musste Manuel

nicht erst deuten. Er hatte verstanden gehabt. Es

war ein schöner Akt gewesen, am Stamm der

hellgrün beblätterten Weide. Zum Glück hatte

Marlene nur ein Kleid angehabt. Erschöpft hatten

sie anschließend mit einer Handvoll Wasser

aus dem klaren Bach ihre erhitzten Gesichter gekühlt.

Anschließend hatten sie mit einem herumliegenden

Nagel eine Zeichnung in ihre neue

Weide geritzt:

Zufrieden hatten sie ihr Werk betrachtet und

sich zärtlich geküsst. Wie frischverliebte Kinder

standen sie damals Hand in Hand vor dem

Baum. Ihre Augen hatten geglänzt. Sehr glücklich

waren sie gewesen.

Heute sah die Szene nicht so romantisch aus.

Zwei Gestalten gruben im strömenden Regen ein

längliches Loch in den märkischen Sand. Sie gruben,

als ob ihr Leben davon abhinge. Im Sekundentakt

fuhren die Spaten mit einem scharfen

Geräusch in den Boden. An den Rändern der

Grube türmten sich hohe Wälle von Aushub. Der

Regen drohte ständig, die ausgehobene Erde

wieder in das Loch zu spülen. Der fast volle

runde Mond erleuchtete dieses Ereignis nur

schwach. Sie hatten zusätzlich die Scheinwerfer

ihres Jeeps angestellt. Diese leuchteten direkt auf

die Grabenden und ihr Loch. Dieses Licht zeigte

die Grabenden in voller negativer Ekstase. Heute

hatten sie keine Lust, an ihrer Weide miteinander

zu schlafen. Heute wollten sie keine Liebesschwüre

in die Baumrinde ritzten. Der Bach plätscherte

nicht sanft und gurgelnd. Er fauchte und

sprudelte wütend, weil er das zusätzliche Regenwasser

abführen musste. Der blasse Mond

und die grellen Scheinwerfer des Jeeps erzeugten

eine unheimliche Atmosphäre. Auch ohne Leiche.

Die lag nämlich noch im Kofferraum. Eingewickelt

in eine Decke, nur die Füße schauten

noch heraus. Wenigstens waren noch Füße dran.

Zuerst hatte Manuel den Kopf und die Extremitäten

abtrennen und nur den Torso hier im

Wald vergraben wollen. Den Kopf, die Arme

und Beine hatte er dann separat entsorgen wollen.

So wäre das Identifizieren schwerer gefallen,

hatte Manuel gesagt. Allein, er wusste nicht, wie

er das hinkriegen sollte. Wie sollte er dem Mann,

der über Jahre sein einziger Freund gewesen

war, die Körperteile abschneiden. Er hatte an die

Kettensäge gedacht. Doch bei dem Gedanken an

diese hätte er sich fast übergeben müssen. Nicht

bei seinem Freund. Nicht bei Paul.

Stattdessen hatten sie den ganzen toten Körper

in das Auto gewuchtet. Marlene und Manuel

hatten nachdem sie das Anwesen gekauft hatten,

einige Hektar Wald dazugekauft. Für ihre Fahrten

durch diesen Wald hatten sie einen extra einen

Offroader gekauft. In diesen hatten sie ihren

toten Hausdiener verbracht und waren zu ihrem

Baum gefahren. Mühelos hatte der Jeep die Kilometer

bis zur Weide am Bach gefressen. Wenn

eine starke Unebenheit passiert wurde, rumpelte

es hinten ein wenig. Es war Paul Klawitters Körper,

der dann hin und her rollte und gegen die

Wände des Offroaders schlugen. Fahrer und Beifahrer

hatten krampfhaft versucht, nicht darauf

zu achten. Beide starrten angestrengt aus der

Frontscheibe. Die Scheibenwischer hatten

Schwerstarbeit zu verrichten. Marlene fühlte sich

sofort an das Blut auf der Frontscheibe des Mercedes

erinnert und hatte leise gestöhnt. Ansonsten

war sie tapfer gewesen. Sie hatte apathisch

aus der Frontscheibe gestarrt und ihr Taschentuch

geknetet.

„Es reicht", bestimmte Manuel knapp, als er die

Größe des Lochs überprüfte.

Sie schauten sich noch einmal hektisch um, be20

vor sie die Heckklappe des Jeeps öffneten. Langsam

zogen sie Paul heraus. Marlenes Unterlippe

zitterte in vollkommener Verzweiflung.

„Sollen wir es wirklich tun", fragte sie, dabei

war sie kaum zu verstehen.

Dabei unterbrach sie nicht ihre Tätigkeit. Daran

konnte man sehen, dass die Frage nur rhetorisch

gemeint war. Sie zerrten den Leichnam zur Grube.

Er wurde langsam starr. Manuel half das.

Durch die einsetzende Leichenstarre erinnerte

Paul jetzt weniger an einen Mensch. Beim Hineinhieven

in die Grube zeigte sich, dass die Starre

aber auch Nachteile hatte. Sie stürzten die Leiche

kopfüber in die Grube. Dort wo sie mit dem

Kopf aufschlug, blieb sie wie ein Klotz liegen. Es

sah grotesk aus, wie Paul dort zur Hälfte in der

Grube lag, den Kopf verdreht. Die Beine schauten

noch hinaus. Es hätte das Werk eines abstrakten

Malers sein können. Sie rüttelten an dem

Leichnam herum, aber er rutschte nicht tiefer

hinein.

„Es hilft nichts", flüsterte Manuel, „wir müssen

in die Grube und die Leiche hineinziehen".

So schnell war aus Paul Klawitter, dem besten

Freund der Familie, „die Leiche" geworden.

Zum Glück, dass das Gehirn eine solche Schutz21

funktion hat. Manuel sprang in die Grube, Marlene

sprang zögernd hinterher. Es regnete immer

noch unaufhörlich. Dadurch hatte sich der Sand

in der Grube in Matsch verwandelt. Marlene hatte

immer noch ihre Stöcklschuhe von der Party

an. Sie versank augenblicklich bis zu den Knöcheln

im Schlamm. Mit vereinten Kräften zogen

sie an der Leiche. Langsam bewegte sich nun der

ganze Körper in die Grube. Durch die Bewegung

des Toten im Schlamm entstand ein rhythmisches

Schmatzen. Angewidert verzog Marlene

das Gesicht. Doch es kam noch besser. Als sie

den Toten genau in der Grube hatten, ließen sie

den Oberkörper fallen. Beim Aufprall auf den

Boden der Grube, rülpste die Leiche. Das war

zuviel für Marlene. Sie presste ihre Fäuste an die

Schläfen und schrie. Und schrie. Und schrie.

Manuel konnte sie nicht beruhigen. Er glaubte

zwar nicht, dass jemand in der Nähe war und

das hörte, aber man konnte ja nie wissen. Nachdem

das beruhigende Zureden gar keine Wirkung

gezeigt hatte, presste er seine Hand auf ihren

Mund. Das dämmte zwar die Lautstärke des

Geschreis, aber ans Aufhören dachte Marlene offensichtlich

nicht. Impulsiv schlug Manuel ihr

ins Gesicht. Das Schreien stoppte augenblicklich.

Unabsichtlich hatte er sehr viel Kraft in den

Schlag gelegt. Selbst im Halblicht des Mondes

und der Scheinwerfer war ein kräftiger roter

Abdruck zu erkennen. Aber der gewünschte Effekt

hatte sich eingestellt. Marlene schrie nicht

mehr. Vielmehr sagte sie gar nichts mehr. Apathisch

schaute sie Manuel an. Die Unterlippe zitterte

wieder wie bei einer Sopranistin.

Aber sie schwieg. ..

Mario Lenz,

1978 in Berlin geboren, besticht durch seine phantasievolle,

volksnahe Erzählweise. Dadurch werden

seine Figuren plastisch ] so richtig zum Anfassen.

Dass er dabei auch mal etwas derber zulangt, gehört

ebenfalls zu seinem Stil.

Sein erster Roman ] Des Mörders Rache ], an dem er

fast ein Jahr gearbeitet hat, weist gerade diese

Merkmale sehr deutlich auf. Auch sein Nachfolgeroman

„Schleichender Wahnsinn" wird den Leser

mit eher derben Sprachelementen begeistern. Allerdings

kommt bei diesem Roman noch eine verträumte

Note hinzu, die wunderbar mit der drastischen

Erzählweise kontrastiert.

Mario Lenz arbeitet zurzeit an seinem dritten Roman,

der allerdings unter einem Pseudonym veröffentlicht

werden wird.

Sämtliche Bücher des AAVAA E]Book Verlages,

Berlin können auch als ebooks bezogen werden

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oder als Taschenbücher unter:

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Klappentext

Marlene und Manuel Bernshausen führen eine Bilderbuch-Ehe. Gut situiert wohnen die Chemie-Fabrikantin und ihr Mann am idyllischen Pfauensee. Gemeinsam mit ihren Kindern und dem Hausdiener Paul führen sie ein herrliches Leben. Doch dann baut Marlene auf dem Rückweg von einer Party in angetrunkenem Zustand einen verhängnisvollen Unfall - aber das tot geglaubte Unfallopfer wird immer wieder zu Besuch kommen. Und schon beginnt er - der schleichende Wahnsinn!

Obwohl sein zweiter Roman etwas feinfühliger ist, hat Mario Lenz auch ihn wieder mit kleinen Derbheiten gespickt. Diese herben Sprachmerkmale kontrastieren wunderbar mit der Idylle, die er beschreibt. Kein Eisen ist ihm zu heiß. Eine sichere Fahrt in den Wahnsinn mit einem überraschenden Ende (S.L./Lekt).