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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Schleichender Wahnsinn, Mario Lenz
Mario Lenz

Schleichender Wahnsinn



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Mario Lenz



Schleichender


Wahnsinn


Psycho-Thriller


LESEPROBE



 


Nach einer fröhlichen Party ...


... Der Regen peitschte wie verrückt auf die


Frontscheibe. Es war dunkel und die Lichter der


entgegenkommenden Fahrzeuge brachen sich


auf der nassen Scheibe. Trotzdem waren die beiden


Fahrzeuginsassen bei guter Laune. Im Radio


lief ein langsamer Titel von REM. Trotz des nassen


Wetters war es warm. Die Fenster waren ein


Stück offen und nächtliche feuchte Sommerluft


strömte herein.


Eine gelöste fröhliche Stimmung machte sich


breit. Fahrerin und Beifahrer waren etwas mehr


als beschwipst.


Marlene und Manuel waren auf dem Rückweg


von einer Party. Dort hatte es ordentlich geknallt.


Viele Freundschaften waren ihnen nicht


geblieben, seit sie nach Tannenwalde gezogen


waren. Doch der Kontakt zu den Breitlings war


nie abgerissen.


Cocktails waren reichlich geflossen. Die etwa


zwölf Damen, die anwesend waren, hatten sich


dann irgendwann für ein halbes Stündchen zurückgezogen.


Bei den Herren herrschte dann erst


einmal eine peinliche Befangenheit. Doch dann


kam auch bei ihnen halblaute Unterhaltung auf.


Die heutigen Fußballergebnisse wurden diskutiert.


Dann kamen noch die äußerst interessanten


Unterhaltungen über die aktuelle Wirtschaftslage


hinzu. Doch dann ging die Tür auf und die


Frauen kamen kichernd und glucksend wieder


hinein. Lange hatte Manuel versucht, aus Marlene


herauszubekommen, was bei den Mädels


stattgefunden hatte. Lächelnd hatte sich Marlene


geweigert, Auskunft darüber zu geben. Doch irgendwann


konnte sie Manuels Drängen nicht


länger standhalten. Die Cocktails taten ihr Übriges,


um ihre Zunge zu lockern. Lachend gestand


sie, gerade einer kleinen Sextoy]Party beigewohnt


zu haben. Das war typisch Vivien Breitling.


Sie hatte es echt drauf. Kaum dass alle Mädels


unter sich waren, hatte sie ihre Neuerwerbungen


vorgeführt.


„Habt ihr die Spielzeuge auch probiert?", wollte


Manuel scherzhaft wissen.


„Das werde ich Dir nicht verraten", antwortete


Marlene und ließ ihren verdutzten Mann stehen.


Fortan fielen die Damen durch Gekicher und


durch sich gegenseitig schelmische Blicke zuwerfen


auf. Viele Männer ahnten schon, dass sie


heute Abend auf ihre Kosten kommen würden.


So ging der Abend lustig zu Ende und bald verabschiedeten sich Manuel und Marlene.


Sie fuhren grade die Wandlitzer Chaussee entlang.


Der Regen ließ etwas nach. Rechts von ihnen


befand sich der Liepnitzsee.


„Halt doch mal an", forderte Marlene.


„Was? Wozu denn?", fragte Manuel überrascht,


„Musst du mal?"


„Nein". Dann setzte sie etwas fordernder hinzu:


„Los halt schon an".


Er verlangsamte und hielt schließlich auf dem


Seitenstreifen an. „Komm, steig aus", forderte


Marlene ihn auf.


Als er draußen war, schmiegte sie sich an ihn.


„Vielleicht sollten wir baden gehen", schlug sie


vor und nickte mit dem Kopf in Richtung Liepnitzsee.


„Es regnet", stellte er verwundert fest, überrascht


von ihrem Vorschlag.


Sie fing an, ihn zu kitzeln. Da drückte er sie vorsichtig


auf Armeslänge von sich. Es fing stärker


an zu regnen.


„Komm schon, lass uns baden gehen", bat Marlene.


„Wir könnten viel Spaß dabei haben", setzte


sie dann mit einem verführerischen Lächeln


dazu.


Manuel betrachtete ihre weiße Bluse, die durch


den Regen langsam durchgeweicht wurde. Er


stellte fest, dass ihm der Anblick gefiel. Marlene


spürte seine Blicke auf ihren Brüsten. Das erregte


sie ein wenig und ihre Spitzen streckten sich ihm


entgegen.


„Na, gehst du doch baden mit mir", fragte sie


neckend und wies mit dem Kopf auf seine Hose,


die inzwischen eine Beule aufwies.


Er betrachtete immer noch ihre Bluse, beziehungsweise


das, was in ihr steckte.


„Stimmt, wir könnten viel Spaß haben", sagte er


endlich, „aber zuhause, wo es trocken ist".


Es regnete immer stärker.


„Gut", stimmte sie nur leicht enttäuscht zu,


„dann aber schnell, ich bin ganz schön scharf,


mein Liebling!"


Schnell stiegen sie ein und auf schnellen Reifen


näherten sie sich Tannenwalde. Manuel fing an,


sie im Nacken zu streicheln, dann biss er ihr


zärtlich ins Ohr. „Hör auf damit, ich muss mich


auf die Straße konzentrieren", wies sie ihn zurecht,


wobei man deutlich hören konnte, dass er


nicht aufhören sollte.


„Ja, Liebling", sagte er, wobei man deutlich hören


konnte, dass er nicht ans Aufhören dachte.


Er legte sogar noch zu. Mit der Zunge fuhr er


ihr über die Seite des Halses. Marlene glaubte,


verrückt zu werden. Eine deftige Gänsehaut


überzog ihren Körper. Ihre Nippel drückten hart


gegen ihre Körbchen. Doch Manuel war noch


nicht am Ende seiner Kunst. Mit zwei Fingern


öffnete er die Knöpfe ihrer Bluse in Brusthöhe.


Dann schlüpfte einer seiner Finger in Marlenes


Busenhalter. Dort zwirbelte er ihre Brustwarze.


Dieser stand nun wie ein kleiner Erregungsanzeiger


nach vorn. Ihr Atem ging heftiger. Sie hatten


das Anwesen fast erreicht. Marlene wurde


langsamer, um nach der Fernbedienung für das


Tor zu suchen. Doch Manuel hatte diese schon


gegriffen und wedelte damit, um ihr zu zeigen,


sie bräuchte nicht langsamer zu werden. Fünfzig


Meter vor dem Tor betätigte Manuel die Fernbedienung,


er wusste auch ohne es zu sehen, dass


das Tor aufgleiten würde. Nun eroberte sein


Finger Marlenes untere Region. Er hatte ihren


Reißverschluss geöffnet und sein Finger malte


kleine Figuren auf ihren Venushügel. Marlenes


Hände wurden etwas zittrig. Das Tor war schon


in Sichtweite und stand sperrangelweit offen.


Marlene verlangsamte, um in die Einfahrt abzubiegen.


Doch kaum auf der Geraden angekommen,


gab sie kräftig Gas. Sie hatte schließlich ein


großes Verlangen zu befriedigen. Die Automatik


des 4.2 Liter Motors zog sofort kräftig an und am


Tor hatten sie schon wieder ordentlich Geschwindigkeit


drauf. Plötzlich knallte etwas auf


ihre Frontscheibe. Mit beiden Beinen und einem


lauten Schrei auf den Lippen stieg Marlene auf


die Bremse. Beide starrten apathisch auf das


spinnennetzförmige Rissmuster in der Frontscheibe,


dessen nach innen gebeulte Mitte mit


Blut geschmückt war.


„Ob es ein Tier war", fragte der leichenblasse


Manuel nach einer Weile.


Marlene sagte nichts. Sie starrte weiter auf die


Frontscheibe. Das Blut vermischte sich mit dem


Regen. Dann sprang die Intervallschaltung des


Scheibenwischers wieder an. Blutschlieren wurden


halbrund über die ganze Frontscheibe gezogen.


Sie war nun durch einen rosa Schleier


bedeckt, der vom Regen langsam abgewaschen


wurde.


Marlene begann zu schreien. Laut und durchdringend


schallte ihr Gebrüll in der Fahrgastzelle.


„Ist gut", versuchte Manuel sie zu beruhigen


und schüttelte sie sanft. „Du weißt doch gar


nicht, was du überfahren hast".


Dann sah er es auch. In den Scheibenwischer


hatte sich ein Brillenbügel eingeklemmt. Die dazugehörige


Brille glaubte Manuel zu kennen.


„Paul", flüsterte Marlene.


„Das kann nicht sein und das weißt du",


schimpfte Manuel hysterisch, „du weißt, dass er


übers Wochenende nach Thüringen gefahren


ist".


Marlene fing wieder an zu brüllen. Diesmal ließ


Manuel sie. Er stieg aus. Langsam schlich er um


das Auto herum. Dann sah er ihn. Paul Klawitter


lag mit dem Rücken zu ihm. Er war eindeutig an


seinen weißen Haaren zu erkennen. Sie hingen


nass und schwer im Regen herunter. Manuels


lang gezogener Schrei zerriss die nächtliche Stille:


„Neeeiiin!"


Da stieg auch Marlene mit einem von Entsetzen


zerfressenen Gesicht aus. Sie kam auf Manuel zu


und hatte die Hände vor den Mund geschlagen.


„Nein", flüsterte auch sie, als sie den am Boden


Liegenden sah. Und dann voller Hoffnung:


„Vielleicht lebt er noch".


Manuel schaute sie mutlos an und schlich sich


dann an den Verunfallten heran. Dann sah er


Pauls Gesicht oder das, was davon übrig war.


Rote Blutfäden liefen Pauls Kopf herunter und


verteilten sich in der Pfütze. Eigentlich stand der


Gesundheitszustand des Mannes fest, aber sicherheitshalber


betastete Manuel Pauls Hals, um


den Puls zu fühlen. Nichts. Manuel sah Marlene


an, schüttelte mit dem Kopf und sagte nur ein


Wort: „Tot".


„Wir müssen einen Krankenwagen holen".


„Verstehst du nicht? Er ist tot! Kein Krankenwagen


dieser Welt kann ihm mehr helfen".


Marlenes Knie gaben nach und sie sackte zu


Boden. Sie kniete in einer Pfütze und flüsterte:


„Warum, warum, warum?"


Plötzlich klärte sich Manuels Blick.


„Wir müssen etwas unternehmen".


„Wie meinst du das?", fragte Marlene entsetzt,


„was heißt denn „unternehmen"?".


„Na willst du jetzt die Polizei rufen?", erkundigte


sich Manuel.


Marlene war selbstverständlich überfragt. Solche


Situationen hatten sie bei ihrem BWLStudium


nicht durchgesprochen. Sie hatte


Schwierigkeiten, die entstandene Situation zu


realisieren. Und dann sollte sie schon über die


Zukunft nachdenken.


„Wir müssen die Leiche beseitigen", erklärte


Manuel gehetzt.


„Was willst du?".


„Wir müssen die Leiche loswerden, oder willst


du dich dafür verantworten?"


„Wir können doch nicht..."


„Doch wir müssen, oder verstehst du die Situation


nicht? Du hast dich betrunken ans Steuer


gesetzt und hast einen Menschen getötet. Wir


müssen ihn begraben".


„Wir können doch unseren Paul nicht einfach


irgendwo verbuddeln", plärrte Marlene.


Sie standen sich im strömenden Regen gegenüber.


Ihre Kleider klebten am Leib. Die Haare


hingen in Strähnen herunter. Manuel nahm Marlene


in den Arm und drückte sie fest an sich.


„Uns bleibt nichts anderes übrig", versuchte er


sie zu überzeugen.


„Niemals!", schrie Marlene.


Regentropfen flogen von ihren Lippen. Sie


trommelte auf seinen Brustkorb.


„Nein, nein, nein", brüllte sie, weiter auf seinen


Brustkorb schlagend.


Sie sackte in sich zusammen und krümmte sich


auf dem Boden wie ein Fötus. „Nein". Diesmal


flüsterte sie es.


„Es muss sein", flüsterte er zurück. „Muss ich


Dir die Situation erst auseinander nehmen?


Muss ich dir erklären, wie unser Leben aussehen


wird, wenn wir uns stellen? Selbst mit unseren


guten Anwälten wirst du für eine Weile weggesperrt.


Ich kann meinen Bürgermeisterposten


vergessen, und dann kannst du auch dein Fabrikbau


hier vergessen".


Marlenes verzweifeltes Schluchzen wurde immer


schneller und lauter.


„Und wie sollen die Kinder vernünftig aufwachsen


ohne ihre Mutter", fuhr Manuel leise


fort. „Sie würden das kaum verkraften. Willst


du, dass sie in der Schule „Mördersohn" oder


„Killertochter" gerufen werden? Du würdest


damit ihr ganzes Leben zerstören"


Das schien den Ausschlag zu geben, Marlene


nickte. Dicke Tränen vermischten sich mit dem


Regen.


Sie saßen beide in einer Pfütze und betrauerten


Paul. Manuel hielt die Hand des Toten, Marlene


streichelte die unversehrte Seite seines Kopfes.


Plötzlich durchschnitten helle Lichtkegel den


Regen und die Nacht, sie erhellten die Straße vor


dem Anwesen. Entsetzt blickte das Paar aus der


Pfütze auf. Erst jetzt bemerkten beide, dass das


große schmiedeeiserne Tor sperrangelweit offen


stand. Zum Glück fuhr das Auto mit unverminderter


Geschwindigkeit weiter. Auf allen Vieren


kroch Manuel zum Wagen und tastete nach der


Fernbedienung. Eine gefühlte Ewigkeit brauchte


er, um sie zu finden. Endlich hatte er sie, schnell


betätigte er den Knopf zu Schließen. Fast lautlos


glitten die großen Flügel zu.


Es war Geisterstunde. Der Regen peitschte unbarmherzig


herab. Die Zwei, die im Wald eine


Grube gruben, waren völlig durchnässt. Ihre


Kleidung klebte wie eine zweite nasse Haut am


Körper oder hing als schwere Stofffetzen klamm


herab. Der Mond beschien hell und blass die gespenstige


Szenerie.


Sie gruben einen Meter entfernt von einer Weide,


die an einem Bach stand. Ihrer Weide. Die


Weide, die sie gleich nach ihrem Einzug in die


Villa entdeckt hatten.


Es war eine romantische Szene gewesen. Die


Sommersonne hatte kräftig geschienen. Eine


leichte Sommerbrise hatte das Blätterkleid der


Weide zart rascheln lassen. Der Bach plätscherte


sanft. Marlene war in einem leichten Sommer16


kleid die Steigung herab gerannt und hatte die


Weide am Bach entdeckt. Manuel war hinterher


gerannt, hatte die Weide aber noch nicht entdeckt.


Vielmehr hatte er auf ihr Kleid geachtet,


dass beachtlich kurz gewesen war. Es ließ zwei


atemberaubende Oberschenkel sehen. Und ab


und zu, beim Berg Herunterrennen, war das


Kleid ein bisschen hoch gewedelt. Dabei war eine


kaum verhüllte Pobacke zu erkennen gewesen.


String Tangas waren gerade modern geworden.


An der Weide angekommen, hatte sie abrupt


angehalten und hatte sie umklammert. Manuel


war nun langsam geworden und war ruhigen


Schrittes die Weide zugegangen. Aufreizend


hatte Marlene gelächelt. Das musste Manuel


nicht erst deuten. Er hatte verstanden gehabt. Es


war ein schöner Akt gewesen, am Stamm der


hellgrün beblätterten Weide. Zum Glück hatte


Marlene nur ein Kleid angehabt. Erschöpft hatten


sie anschließend mit einer Handvoll Wasser


aus dem klaren Bach ihre erhitzten Gesichter gekühlt.


Anschließend hatten sie mit einem herumliegenden


Nagel eine Zeichnung in ihre neue


Weide geritzt:


Zufrieden hatten sie ihr Werk betrachtet und


sich zärtlich geküsst. Wie frischverliebte Kinder


standen sie damals Hand in Hand vor dem


Baum. Ihre Augen hatten geglänzt. Sehr glücklich


waren sie gewesen.


Heute sah die Szene nicht so romantisch aus.


Zwei Gestalten gruben im strömenden Regen ein


längliches Loch in den märkischen Sand. Sie gruben,


als ob ihr Leben davon abhinge. Im Sekundentakt


fuhren die Spaten mit einem scharfen


Geräusch in den Boden. An den Rändern der


Grube türmten sich hohe Wälle von Aushub. Der


Regen drohte ständig, die ausgehobene Erde


wieder in das Loch zu spülen. Der fast volle


runde Mond erleuchtete dieses Ereignis nur


schwach. Sie hatten zusätzlich die Scheinwerfer


ihres Jeeps angestellt. Diese leuchteten direkt auf


die Grabenden und ihr Loch. Dieses Licht zeigte


die Grabenden in voller negativer Ekstase. Heute


hatten sie keine Lust, an ihrer Weide miteinander


zu schlafen. Heute wollten sie keine Liebesschwüre


in die Baumrinde ritzten. Der Bach plätscherte


nicht sanft und gurgelnd. Er fauchte und


sprudelte wütend, weil er das zusätzliche Regenwasser


abführen musste. Der blasse Mond


und die grellen Scheinwerfer des Jeeps erzeugten


eine unheimliche Atmosphäre. Auch ohne Leiche.


Die lag nämlich noch im Kofferraum. Eingewickelt


in eine Decke, nur die Füße schauten


noch heraus. Wenigstens waren noch Füße dran.


Zuerst hatte Manuel den Kopf und die Extremitäten


abtrennen und nur den Torso hier im


Wald vergraben wollen. Den Kopf, die Arme


und Beine hatte er dann separat entsorgen wollen.


So wäre das Identifizieren schwerer gefallen,


hatte Manuel gesagt. Allein, er wusste nicht, wie


er das hinkriegen sollte. Wie sollte er dem Mann,


der über Jahre sein einziger Freund gewesen


war, die Körperteile abschneiden. Er hatte an die


Kettensäge gedacht. Doch bei dem Gedanken an


diese hätte er sich fast übergeben müssen. Nicht


bei seinem Freund. Nicht bei Paul.


Stattdessen hatten sie den ganzen toten Körper


in das Auto gewuchtet. Marlene und Manuel


hatten nachdem sie das Anwesen gekauft hatten,


einige Hektar Wald dazugekauft. Für ihre Fahrten


durch diesen Wald hatten sie einen extra einen


Offroader gekauft. In diesen hatten sie ihren


toten Hausdiener verbracht und waren zu ihrem


Baum gefahren. Mühelos hatte der Jeep die Kilometer


bis zur Weide am Bach gefressen. Wenn


eine starke Unebenheit passiert wurde, rumpelte


es hinten ein wenig. Es war Paul Klawitters Körper,


der dann hin und her rollte und gegen die


Wände des Offroaders schlugen. Fahrer und Beifahrer


hatten krampfhaft versucht, nicht darauf


zu achten. Beide starrten angestrengt aus der


Frontscheibe. Die Scheibenwischer hatten


Schwerstarbeit zu verrichten. Marlene fühlte sich


sofort an das Blut auf der Frontscheibe des Mercedes


erinnert und hatte leise gestöhnt. Ansonsten


war sie tapfer gewesen. Sie hatte apathisch


aus der Frontscheibe gestarrt und ihr Taschentuch


geknetet.


„Es reicht", bestimmte Manuel knapp, als er die


Größe des Lochs überprüfte.


Sie schauten sich noch einmal hektisch um, be20


vor sie die Heckklappe des Jeeps öffneten. Langsam


zogen sie Paul heraus. Marlenes Unterlippe


zitterte in vollkommener Verzweiflung.


„Sollen wir es wirklich tun", fragte sie, dabei


war sie kaum zu verstehen.


Dabei unterbrach sie nicht ihre Tätigkeit. Daran


konnte man sehen, dass die Frage nur rhetorisch


gemeint war. Sie zerrten den Leichnam zur Grube.


Er wurde langsam starr. Manuel half das.


Durch die einsetzende Leichenstarre erinnerte


Paul jetzt weniger an einen Mensch. Beim Hineinhieven


in die Grube zeigte sich, dass die Starre


aber auch Nachteile hatte. Sie stürzten die Leiche


kopfüber in die Grube. Dort wo sie mit dem


Kopf aufschlug, blieb sie wie ein Klotz liegen. Es


sah grotesk aus, wie Paul dort zur Hälfte in der


Grube lag, den Kopf verdreht. Die Beine schauten


noch hinaus. Es hätte das Werk eines abstrakten


Malers sein können. Sie rüttelten an dem


Leichnam herum, aber er rutschte nicht tiefer


hinein.


„Es hilft nichts", flüsterte Manuel, „wir müssen


in die Grube und die Leiche hineinziehen".


So schnell war aus Paul Klawitter, dem besten


Freund der Familie, „die Leiche" geworden.


Zum Glück, dass das Gehirn eine solche Schutz21


funktion hat. Manuel sprang in die Grube, Marlene


sprang zögernd hinterher. Es regnete immer


noch unaufhörlich. Dadurch hatte sich der Sand


in der Grube in Matsch verwandelt. Marlene hatte


immer noch ihre Stöcklschuhe von der Party


an. Sie versank augenblicklich bis zu den Knöcheln


im Schlamm. Mit vereinten Kräften zogen


sie an der Leiche. Langsam bewegte sich nun der


ganze Körper in die Grube. Durch die Bewegung


des Toten im Schlamm entstand ein rhythmisches


Schmatzen. Angewidert verzog Marlene


das Gesicht. Doch es kam noch besser. Als sie


den Toten genau in der Grube hatten, ließen sie


den Oberkörper fallen. Beim Aufprall auf den


Boden der Grube, rülpste die Leiche. Das war


zuviel für Marlene. Sie presste ihre Fäuste an die


Schläfen und schrie. Und schrie. Und schrie.


Manuel konnte sie nicht beruhigen. Er glaubte


zwar nicht, dass jemand in der Nähe war und


das hörte, aber man konnte ja nie wissen. Nachdem


das beruhigende Zureden gar keine Wirkung


gezeigt hatte, presste er seine Hand auf ihren


Mund. Das dämmte zwar die Lautstärke des


Geschreis, aber ans Aufhören dachte Marlene offensichtlich


nicht. Impulsiv schlug Manuel ihr


ins Gesicht. Das Schreien stoppte augenblicklich.


Unabsichtlich hatte er sehr viel Kraft in den


Schlag gelegt. Selbst im Halblicht des Mondes


und der Scheinwerfer war ein kräftiger roter


Abdruck zu erkennen. Aber der gewünschte Effekt


hatte sich eingestellt. Marlene schrie nicht


mehr. Vielmehr sagte sie gar nichts mehr. Apathisch


schaute sie Manuel an. Die Unterlippe zitterte


wieder wie bei einer Sopranistin.


Aber sie schwieg. ..



Mario Lenz,



1978 in Berlin geboren, besticht durch seine phantasievolle,


volksnahe Erzählweise. Dadurch werden


seine Figuren plastisch ] so richtig zum Anfassen.


Dass er dabei auch mal etwas derber zulangt, gehört


ebenfalls zu seinem Stil.


Sein erster Roman ] Des Mörders Rache ], an dem er


fast ein Jahr gearbeitet hat, weist gerade diese


Merkmale sehr deutlich auf. Auch sein Nachfolgeroman


„Schleichender Wahnsinn" wird den Leser


mit eher derben Sprachelementen begeistern. Allerdings


kommt bei diesem Roman noch eine verträumte


Note hinzu, die wunderbar mit der drastischen


Erzählweise kontrastiert.


Mario Lenz arbeitet zurzeit an seinem dritten Roman,


der allerdings unter einem Pseudonym veröffentlicht


werden wird.


Sämtliche Bücher des AAVAA E]Book Verlages,


Berlin können auch als ebooks bezogen werden


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