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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe SACER SANGUIS I Albert Knorr
Albert Knorr

SACER SANGUIS I


Wien Nautilus

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Westjordanland nahe Qumran, 7. Juni 1967: Im Nahen Osten war ein bewaffneter Konflikt im Gange, der als Sechstagekrieg in die Annalen der Militärgeschichte eingehen sollte. In einer beispiellosen Luftoffensive hatte Israel auf die militärischen Provokationen seiner arabischen Nachbarn Ägypten, Jordanien und Syrien reagiert. Noch während die Goliaths dieses Krieges vor aller Welt mit der Überlegenheit ihrer Armeen protzten, war David ein vernichtender Erstschlag gelungen. Die Israelis hatten hunderte der arabischen Kampfjets ausgeschaltet, als diese sich noch auf dem Boden befunden hatten. Damit verfügte Israel im weiteren Verlauf des Sechstagekrieges über die uneingeschränkte Lufthoheit. Bereits zwei Tage nach Kriegsbeginn glaubte keiner der arabischen Aggressoren mehr an einen Sieg. Die Ägypter zogen sich fluchtartig von der Sinai-Halbinsel zurück und die Jordanier leisteten im Westjordanland nur mehr halbherzig Widerstand. Was die Syrer betraf, so waren ihre Stunden auf den Golanhöhen längst gezählt. Die fast schon ausgelassene Stimmung unter den israelischen Soldaten war angesichts der enormen Landgewinne nicht weiter verwunderlich. An allen Fronten zeichnete sich ein überlegener Sieg der eigenen Truppen ab, den es im Kreis der Kameraden gebührend zu feiern galt. Moshe, ein junger Soldat mit schwarzem Militärhaarschnitt, saß auf einem Steinbrocken nahe des Toten Meers. Die salzige Wüstenluft flimmerte über dem Boden. Stellenweise trat das Salz zwischen den Steinen an die Oberfläche und glitzerte wie Eis in der Sonne. „Wie lange dauert das denn noch?“, stöhnte Moshe in Richtung eines provisorisch errichteten Archäologenzelts. Der Soldat war alles andere als erfreut, dass ausgerechnet sein Panzer von der jordanischen Artillerie getroffen worden war. Die Front hatte sich längst weiter in Richtung Jordanien verlagert, doch er und der demolierte Panzer saßen hier fest. Wir schlagen die ruhmreichste aller Schlachten und ich kann nichts tun, als dem verdammten Panzer beim Rosten zuzusehen… während ich hier lebendig gepökelt werde, dachte er. Die Luft war so salzhaltig, dass alles binnen weniger Minuten mit einer schmierigen Schicht überzogen wurde. „Ich wünschte, ich hätte nie einen Blick in diese verdammte Höhle geworfen“, fluchte er vor sich hin. „Wir sind im Krieg, wen interessieren da schon irgendwelche…“ Am Horizont tauchte die Antwort auf seine Frage in Form eines Geländewagens auf. Eine Visite, die eindeutig ihm galt. Das wird aber auch Zeit, dachte er. Er wusste, dass dieser Besuch seine Chance war, wieder an die Front versetzt zu werden. Doch zuerst musste er, da war sich Moshe sicher, ein paar langweilige Fragen beantworten. Die Minuten, bis der offene Geländewagen den Weg über die staubige Wüstenstraße zurückgelegt hatte, kamen dem Soldaten wie eine Ewigkeit vor. Vielleicht lag es auch an dem entfernten Artilleriefeuer, das ihn unaufhörlich daran erinnerte, wo sein Platz war. Wo er eigentlich sein sollte. Der Fahrer, ebenfalls Soldat, stoppte den Jeep in einer Staubwolke. Heraus sprang ein leger gekleideter Mann mittleren Alters, bei dessen Anblick Moshe sofort ein merkwürdiges Gefühl beschlich. Der militärisch gestutzte Schnurrbart, kombiniert mit Zivilkleidung und schwarzer Aktentasche, verhieß nichts Gutes. Dieser Fremde strahlte Macht aus, große Macht. Moshe trat dem Mann entgegen und salutierte, obwohl er Zweifel hatte, dass es angebracht war. „Sparen Sie sich die Formalitäten. Sind Sie der Soldat, der den Fund gemeldet hat?“ „Jawohl, ich bin der Ladeschütze“, erwiderte Moshe und verschluckte das Leider. „Gut gemacht!“ Moshe nickte stumm. „Ihr Panzer wurde also von einer Granate getroffen und Sie und Ihre Kameraden mussten aussteigen. Richtig?“ „Ja, die Explosion hat die Kette zerrissen.“ Moshe deutete auf seinen Panzer. Vorne rechts waren deutliche Spuren eines Brands zu sehen, den die Besatzung mit Sand gelöscht hatte. „Die anderen sind umgestiegen, aber einer musste hierbleiben und das Material bewachen.“ „Und dabei ist Ihnen die Höhle aufgefallen?“ Die Fragen des Fremden kamen wie bei einem Verhör. „Ich hatte sonst nicht wirklich viel zu tun“, versuchte Moshe die Stimmung etwas aufzulockern. „Ich bin in Richtung Felsmassiv gegangen, um mir etwas die Füße zu vertreten. Dabei habe ich zwischen den Felsen die Höhle entdeckt und über Funk Meldung erstattet.“ Er schaute demonstrativ zu dem sandbraunen Archäologenzelt hinüber. „Und vor ein paar Stunden sind dann die beiden Forscher hier aufgetaucht…“ „Sie wissen doch, dass Sie über alle Vorfälle zur absoluten Geheimhaltung verpflichtet sind?“ „Natürlich!“ „Und wieso zeigen Sie sich Fremden gegenüber dann so auskunftsfreudig?“ Moshe sah ihn völlig überrascht an. „Aber ich habe doch mit niemandem darüber…“ „Habe ich Ihnen meinen Ausweis gezeigt?“ „Nein, aber…“ „Haben Sie meinen Ausweis verlangt?“ „Nein.“ Moshe schüttelte seinen Kopf. Eine Staffel Mirage-Kampfflugzeuge donnerte knapp über ihren Köpfen durch das Jordantal und unterbrach das Gespräch. Eine Stunde später befand sich Moshe auf der Rückbank eines Lieferwagens, der nach Tel Aviv fuhr. Und obwohl er keine Ahnung hatte, welch unangenehmes Verhör dort auf ihn zukommen würde, ahnte er, dass dieser Krieg für ihn gelaufen war. Unterdessen machte sich der Neuankömmling im Inneren des Archäologenzelts wichtig. Er begutachtete mehrere Fotos, die man ihm vorgelegt hatte. „Wie genau können Sie das Alter des Fundes eingrenzen?“, fragte er den älteren der beiden Archäologen, dessen etwas längeres Haar unter einem Hut hervorlugte. Der Angesprochene reichte ihm eine Münze in einem durchsichtigen Beutel. „Wir haben mehrere dieser Münzen in der Höhle gefunden.“ „Caesar Tiberius, Sohn des göttlichen Augustus“, las der Fremde vor. „Tiberius… so so…“ Er legte die Münze vor sich auf einen Klapptisch und holte aus seiner Aktentasche eine Dose mit Schnupftabak hervor. Andächtig streute er etwas von dem braunen Pulver auf seinen Handrücken. Keiner der Anwesenden sagte ein Wort. Der Fremde, weil er ganz offensichtlich zu sehr darauf konzentriert war, jeden Krümel seines Tabaks in die Nase hochzuziehen, die beiden Archäologen, weil sie ihn dabei keinesfalls stören wollten. Erst nachdem alle Reste mit einem Taschentuch aus dem Bart gewischt waren, trat der jüngere Archäologe an den Tisch heran. „Tiberius begann seine Amtszeit als römischer Kaiser…“ „Im Jahre 14 nach Christus“, kam ihm der Mann mit dem Taschentuch zuvor, dessen Stimme sich mit einem Mal sehr näselnd anhörte. „Das passt dann ja gar nicht so schlecht. Sie haben gute Arbeit geleistet, meine Herren. Sonst noch etwas?“ Die beiden Archäologen tauschten einen verdutzten Blick. „Haben Sie sonst noch etwas gefunden, was uns bei der Altersbestimmung weiterhilft?“, präzisierte er seine Frage. „Wir fangen gerade erst an“, wandte einer der Archäologen ein. „Die Untersuchungen werden noch Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Dieser Fund ist von unschätzbarem Wert.“ „Deshalb bin ich hier“, entgegnete der Fremde. „Wie Sie wissen, sind wir im Krieg und befinden uns auf besetztem Gebiet. Was Sie gefunden haben, muss warten, bis sich die Lage beruhigt hat.“ „Warten?“, entfuhr es dem älteren Archäologen. „Was meinen Sie mit warten?“ „Nun, Professor“, er stand auf und schob die Fotos und Zeichnungen des Fundes auf dem Tisch zusammen, „lassen Sie es mich so ausdrücken: Diese Entdeckung ist großartig, aber der Zeitpunkt ist miserabel.“ Er holte eine kleine Metalldose und ein weiß-blaues Band aus der Tasche. „Sie werden den Eingang zur Höhle auf der Stelle verschließen.“ Seine Worte trafen die Anwesenden wie feindliches Sperrfeuer. Fast gleichzeitig wollten die Archäologen widersprechen, doch der Fremde hob warnend den Zeigefinger und ließ den Papierstapel in einer Aktenmappe aus dickem Karton verschwinden. „Sie wissen natürlich, dass Sie niemandem gegenüber ein Wort über die Sache verlieren dürfen?“ Wie jemand, der diese Handgriffe schon viele Male wiederholt hatte, wickelte er das weiß-blaue Band um die Aktenmappe, einmal horizontal und einmal vertikal. Dort, wo sich die beiden Schlingen kreuzten, fixierte er das Band mit einer wachsartigen Substanz, die er aus einer mitgebrachten Plastikdose tropfen ließ. Während die dunkelblaue Masse beim Aushärten an der Luft die Basis für ein Siegel bildete, legte der Fremde den Archäologen zwei zur Unterschrift vorbereitete Erklärungen vor. „Das ist nur zur Absicherung, damit Ihnen nicht versehentlich doch etwas über den Fund herausrutscht.“ „Das können Sie mit uns nicht…“ „Wir sind im Krieg“, unterbrach der Fremde. „Sie möchten bestimmt nicht wissen, was ich alles mit Ihnen…“ Er ließ die Andeutung wie eine Drohung im Raum stehen. Unterstrichen wurde sie von seinem Zeigefinger, der auf das Symbol im Briefkopf klopfte. „Na also, geht doch.“ Mit einem eiskalten Lächeln nahm er die unterzeichneten Papiere entgegen. „Wenn Sie jetzt bitte damit anfangen würden, den Höhleneingang zu verschließen.“ Seine Hand wies auf den Ausgang des Zelts und niemand wagte noch zu widersprechen. Kaum waren die beiden Archäologen nach draußen verschwunden, bereitete er die Akten für den Transport vor. Nur aus der Nähe konnte man die Aktennummer erkennen, die in die rechte obere Ecke des Kartons eingestanzt war: L2471. Er holte einen Stempel hervor, den er in das dunkelblaue Siegelwachs presste. Der Abdruck zeigte einen siebenarmigen Leuchter, die jüdische Menora, der von kreisförmig angeordneten, hebräischen Buchstaben eingefasst wurde. Von diesem Moment an war Objekt L2471 unter Verschluss und daran sollte sich für die nächsten 40 Jahre nichts ändern.


 


***


 


Wien, Frühjahr 2007: Obwohl manche Menschen durch ihren Beruf mehr Verantwortung gewohnt waren als andere, konnten auch sie - ganz einfach über Nacht - vor noch viel größeren Aufgaben stehen. Gerhard Willendorfer, der Direktor des Naturhistorischen Museums in Wien, hatte eine solche Nacht hinter sich. Müde, aber von Euphorie beflügelt, stapfte der Mann von der Statur des Weihnachtsmanns durch das breite Treppenhaus. In seinen neun Jahren als Direktor dieses Hauses hatte er eine Vielzahl wichtiger Entscheidungen getroffen. Doch keine reichte auch nur ansatzweise an die Tragweite jenes Projektes heran, das an diesem sonnigen Frühlingsmorgen seiner Zustimmung bedurfte. Auf dem Weg ins Büro grüßte er, freundlich wie immer, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und eine ihm bislang noch unbekannte Reinigungsfrau. „Oh - gleich 9:00 Uhr“, murmelte er mit einem Blick auf seine Uhr und mahnte sich zur Eile. Die etwas mehr als 60 Jahre auf seinem Professorenbuckel machten ihm beim Laufen weit weniger zu schaffen als die gewichtigen Auswirkungen seiner Vorliebe für Marzipan und Nougat. Pünktlich auf die Sekunde drückte der Direktor die Messingklinke der riesigen Doppelflügeltür herunter, die knarrend in sein Büro aufschwang. „Geschafft“, keuchte er und stellte seine Aktentasche derartig ungeschickt auf dem Schreibtisch ab, dass diese beim Abstürzen einen der geduldig wartenden Aktenberge erledigte. So kompetent und liebenswert Direktor Willendorfer auch war, wenn es um die Leitung des Naturhistorischen Museums ging, so unbeholfen stellte er sich mitunter bei den einfachen Dingen des Lebens an. Er war eben, wie seine Sekretärin einst so trefflich mit einem Lächeln auf den Lippen bemerkt hatte, ein Mann mit Blick für das Ganze. Das Büro des Direktors war optisch die perfekte Fortsetzung der Schausäle im öffentlichen Teil des Museums. Die hohen Decken, die Türklinken in Augenhöhe, die alten Holzmöbel, das alles fand sich hier ebenso wieder wie ausgestopfte Vögel, mühevoll restaurierte Tontöpfe und einige besonders schöne Mineralien. Willendorfer sammelte die über das Holzparkett verteilten Papiere ein. Er war bereits weit in die dunklen Tiefen unter dem Schreibtisch vorgedrungen, als ihn das Klingeln des Telefons hochschrecken ließ. Dem Zusammentreffen seines Schädels mit der Unterseite der Tischplatte folgte ein Ausruf tiefster Verwünschung. Jammernd rieb er sich den Hinterkopf. Es war weiß Gott nicht die erste und bestimmt auch nicht die letzte Beule, die er dem steinalten, harten Eichentisch zu verdanken hatte. „Ja“, meldete er sich, „hier Willendorfer.“ Er schüttelte vorsichtig den schmerzenden Kopf. „Nein, Sie stören keinesfalls“, versicherte er. „Ich habe schon auf Ihren Anruf gewartet.“ Er zog seinen klobigen Ledersessel an den Schreibtisch und ließ sich gespannt hineinfallen. „Ja, er hat mich gestern Abend bereits informiert.“ Eine Zeit lang lauschte er aufmerksam der Stimme aus dem Hörer. Dann kramte er aus seiner Schreibtischlade ein ledernes Notizbuch hervor und notierte sich ein paar Stichworte. „Auf jeden Fall können wir Ihnen absolute Diskretion in dieser Angelegenheit garantieren. Unser Museum genießt weltweit einen exzellenten Ruf.“ Er machte eine Pause, die ihre Wirkung bei der Gegenseite nicht verfehlte. „Aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen“, ergänzte er lächelnd. Erneut kritzelte er ein paar Zeilen in sein Notizbuch, während er dem Anrufer wiederholt beipflichtete. Es war nicht zu überhören, dass das Gespräch bislang für beide Seiten höchst zufriedenstellend verlief. Willendorfer schluckte. „So groß?“, fragte er überrascht, um gleich darauf zu versichern: „Nein, selbstverständlich nicht! Gar kein Problem! Es ist nur so, dass wir dafür erst einen geeigneten Raum vorbereiten müssen.“ „Ich verstehe“, bekräftigte er. „Das wird kein Problem darstellen. Wir haben in unserem Haus des Öfteren Gäste aus aller Herren Länder. Ihre Wissenschafter sind uns höchst willkommen. Wir müssen uns dann nur überlegen, an welchem Projekt wir sie offiziell arbeiten lassen, damit keine unangenehmen Fragen auftauchen. Wie Sie wissen, ist unser Haus nicht nur Forschungsstätte, sondern auch Museum, und als solches stehen große Teile im Licht der Öffentlichkeit.“ Wieder kritzelte seine Hand ein paar Sätze in das Buch. „Ich werde Ihnen die entsprechenden Unterlagen noch diese Woche zukommen lassen, damit Sie diese an Ihre Versicherung weiterleiten können. Sobald Ihnen dann die Vorgaben für die zusätzlichen Sicherheitseinrichtungen vorliegen, sollten wir alles gemeinsam vor Ort besprechen.“ Mit Freude vernahm er die uneingeschränkte Zustimmung seines Gesprächspartners, der noch einige Anmerkungen zur Sicherheit machte. Willendorfer kratzte mit den Fingernägeln über den grauen Bart an seinem Kinn und schrieb drei durch Kommas getrennte Zahlen auf. „Einzelobjekte mit derartig hohen Versicherungssummen sind auch bei uns nicht alltäglich. Aber es bleibt noch genügend Zeit, die Räumlichkeiten auf die vor uns liegende Aufgabe vorzubereiten.“ In den nächsten Minuten erfuhr der Direktor weitere Details zur geplanten Anlieferung, wobei der Anrufer es geschickt vermied, das Objekt beim Namen zu nennen. Eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung, wie Willendorfer vermutete. Nachdem der Direktor das Gespräch wenig später beendet hatte, lehnte er sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zurück. Eigentlich klingt die Sache so unglaublich, dass es genauso gut ein Traum sein könnte. Willendorfers Hand strich vorsichtig noch einmal über die Beule an seinem Hinterkopf und zuckte sogleich zurück. Andererseits… Er schmunzelte vor sich hin. Den künftigen Ereignissen, so großartig sie angesichts der ersten übermittelten Details auch sein mochten, sah er dennoch mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Während sich der Wissenschafter in ihm über die einmalige Chance freute, die sein Haus mit der Untersuchung und vorübergehenden Lagerung dieser historischen Sensation bekam, weinte der Direktor in ihm. Er weinte, weil sein Museum, mehr als jedes andere, dafür stand, dass die Ergebnisse seiner Forschung auch mit der Öffentlichkeit geteilt wurden. Eine Öffentlichkeit, die unter Berücksichtigung der Geheimhaltung nicht einmal von der bloßen Existenz des Forschungsobjekts erfahren durfte.


 


***


 


Bukarest, Mai 2007: Dr. Sylvia Jones, eine zierliche Frau Anfang dreißig, hatte vom Frühlingserwachen bisher nur wenig mitbekommen. Wenn sie von der Arbeit heimkam, war die Sonne meistens schon untergegangen und der allabendliche Verkehrsstau verstopfte die betongrauen Häuserschluchten der rumänischen Hauptstadt. Noch hat sich seit dem EU-Beitritt nicht viel verändert, überlegte Sylvia, während sie vor dem Zebrastreifen geduldig darauf wartete, dass das rote Ampelmännchen seinem grünen Kollegen Platz machen würde. Na ja, fast nichts, verbesserte sie sich beim Blick auf die mit riesigen Werbeplakaten verhängten Häuserfronten. Zumindest wirken die Plattenbauten in ihrer bunten Verpackung nicht mehr ganz so erdrückend, dachte sie beim Überqueren der Straße. Vor etwa einem halben Jahr war Sylvia nach Bukarest gekommen, um hier für ein internationales Biotech-Unternehmen zu arbeiten. Die Bezahlung überzeugte kaum, aber die gebürtige Kanadierin hatte ihre Karriere in Rumänien zwei Hierarchieebenen über denen ihrer Studienkolleginnen in der Heimat begonnen. Ein paar Jahre in der Fremde praktische Erfahrung sammeln und sich dadurch einen gut bezahlten Job in Kanada oder den USA sichern, das war Sylvias Plan. Ihr Talent, neue Sprachen rasch zu erlernen, kam ihr dabei sehr gelegen. Sie bog in die Seitengasse ein, in der sich ihre Wohnung befand. Unbewusst verlangsamte sie ihre Schritte, je näher sie dem Hauseingang kam. Obwohl Sylvia keine wirkliche Angst vor dem hatte, was sie erwarten würde, wuchs ihr Unbehagen. Drei Dienstage in Folge hatte sie sich - hatte irgendjemand sie - auf dieses irrationale Verhalten konditioniert. Sie holte den Schlüssel aus ihrer braunen Lederhandtasche und sperrte das Haustor auf. Quietschend öffnete sich die mit einem Gitter versehene Holztür, und sofort schlug Sylvia ein süßlicher Geruch entgegen. Es war eine Mischung aus Urin und billigem Nuttenparfüm, das ersteren übertünchen sollte. Sylvia musste einige Schritte in das dunkle Treppenhaus hineingehen, ehe sie mit einem Taschentuch in ihrer Hand nach dem Lichtschalter tasten konnte. Die Schalteroberfläche war noch genauso klebrig wie an dem Tag, an dem Sylvia hier eingezogen war. Es ist natürlich nur vorübergehend, hatte sie sich damals getröstet. Nur so lange, bis ich mich ein wenig eingelebt habe und mir etwas Richtiges suche. Es war nicht das erste Mal, dass ein solches Provisorium mit zeitlich unbegrenzter Option auf Verlängerung für Sylvias Lebensplanung herhalten musste. Sie näherte sich dem Treppenaufgang. Von den elf Postkästen, die gegenüber an der Wand hingen, hatten fünf weit aufgebogene Türchen. Beim Rest fehlten sie komplett. Gleich beim Einzug in die Wohnung hatte sie sich deshalb an den Vermieter gewandt. Dennoch hatte es über einen Monat gedauert, bis ihr Postkasten repariert war. Dass das gewaltsame Entfernen eines Türchens deutlich schneller vonstatten ging, erfuhr sie bereits am nächsten Tag. Mittlerweile wusste sie, dass man in dieser Stadt wirklich persönliche Briefe besser auch persönlich übergab. Sylvia hatte außerdem gelernt, dass der Inhalt eines verschlossenen Briefkastens weit mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, als der Inhalt eines offenstehenden. Vor genau drei Wochen, an einem Dienstag, hatte Sylvia erstmals selbst einen Vorteil darin entdeckt, dass sie freien Zugriff auf die Post der anderen Hausparteien hatte. Außer ihr hatten noch zwei weitere Haushalte dieselbe Tageszeitung abonniert und so war es Sylvia möglich gewesen, deren Zeitungen mit ihrer eigenen, wie sich herausstellte ganz speziellen Version, zu vergleichen. Äußerlich hatten sich die drei Exemplare der Libertatea nicht voneinander unterschieden, aber darauf kam es auch nicht an. Jetzt mach schon, drängte Sylvia sich selbst. Schlag sie endlich auf und schau nach! Sie griff nach ihrer Zeitung und spürte das Unwohlsein der vergangenen Dienstage zurückkehren. Sylvia überblätterte die ersten Seiten, um möglichst schnell zum Anzeigenteil zu gelangen. Wie bereits in den Vorwochen stieg ihre Nervosität mit jeder Seite, die sie überflog. Das ungute Gefühl, das sie dabei verspürte, veränderte sich. Es wurde stärker. Sie suchte schneller. „Nichts… nichts… nichts…“, hörte sie ihre ungeduldige Stimme. Vielleicht habe ich es schon überblättert? Gerade, als sie glaubte, den Anzeigenteil hinter sich gelassen zu haben, sprang ihr ein ganz bestimmtes Inserat ins Auge. Sie stieß einen kaum hörbaren Fluch aus. In einer normalen Ausgabe wäre es ihr zwischen den vielen anderen Stellenangeboten vermutlich kaum aufgefallen, zumal sie eine feste Anstellung hatte. Aber in Sylvias Exemplar der Libertatea hatte sich irgendjemand die Mühe gemacht, einen dicken roten Rand um jenes Inserat zu malen, mit dem ein privates Biotech-Unternehmen in den Südkarpaten einen gut dotierten Laborjob ausschrieb. Ein Job, dessen Anforderungsprofil so perfekt zu Sylvias Werdegang passte, als hätte ihr Lebenslauf als Vorlage gedient. Nickend überflog sie die Anzeige, wissend, dass sie jedes Wort darin bereits auswendig kannte. Seit wenigstens drei Wochen erschien das Inserat jeden Dienstag in unveränderter Form. Obwohl sie sicher war, dass die Stellenausschreibung wieder nur in ihrer Zeitung markiert war, suchte sie Gewissheit. Keine zwei Minuten später fand sie diese in den Briefkästen ihrer Nachbarn. Ganz ruhig, drängte sie sich selbst. Es kann nur jemand aus diesem Haus sein, der weiß, dass ich in der Biotech-Branche arbeite. Sie legte die beiden fremden Zeitungen wieder zurück in die Briefkästen und ging dabei die Namen der Hausparteien durch. Cocean... Lascu… Vosganian… Ernüchtert musste Sylvia feststellen, dass sie nicht einem einzigen der handgeschriebenen Namen das passende Gesicht zuordnen konnte. Von der alten Frau im Erdgeschoss und dem Ehepaar in der Nachbarwohnung abgesehen, war es ihr unmöglich, sich zu erinnern, überhaupt schon einem der Hausbewohner begegnet zu sein. Eigentlich weiß niemand in diesem Haus, wo oder woran ich arbeite. Wie ein kalter Lufthauch strich ihr die Erkenntnis über die Nackenhärchen.


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