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Annette Seifert nestelte unsicher an dem Bogen mit Aufklebern und dem Umschlag mit dem Röntgenbild herum, den man ihr gegeben hatte, während sie den Mann beobachtete, der neben ihr im Rollstuhl saß und, genau wie sie, einen Bogen mit Aufklebern auf dem Schoß hatte. Der Fremde drehte sich langsam um und sah sie ebenfalls unentschlossen an. Schließlich meinte er: „Stimmt es: Sie haben mich gefunden?“
Annette nickte. „Das stimmt.“
„Danke“, meinte der Fremde zögernd. „Sagen Sie mir, wie Sie heißen?“
„Annette Seifert. Und Sie?“
„Ich ... Ich weiß nicht.“
„Die Ärztin sagte, Sie haben Ihre Erinnerungen verloren. Können Sie sich an gar nichts mehr erinnern?“
Der Fremde schüttelte den Kopf, während er traurig auf seine Füße sah.
„Und was haben Sie denen erzählt, als sie Sie nach Ihrem Namen gefragt haben? Sie mussten doch sicher auch Ihre Personalien angeben?!“
Der Fremde nickte. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich mich an nichts erinnern kann, bevor die Sanitäter bei mir waren und ich wieder zu mir kam. Was soll ich sonst gesagt haben?“
Annette musste grinsen, als sie auf den Bogen in ihren Händen sah. „Name: Seifert; Vorname: Annette“, stand dort geschrieben. „Was haben die dann auf ihren Patientenbogen geschrieben?“ Sie wedelte mit den Aufklebern in ihrer Hand.
Der Fremde sah Annette an. Dann schaute er auf den Bogen in seinen Händen und laß laut: „Name: Unbekannt.“
„Ziemlich blöder Name“, meinte Annette lachend. „Ich würde mir einen anderen aussuchen, wenn ich Sie wäre. Vielleicht können Sie sich ja noch umtaufen lassen. Es ist immerhin noch nicht so lange her, dass man Ihnen diesen Namen gab.“
Der Fremde musste lächeln. „Was schlagen sie vor?“
„Keine Ahnung. — In Amerika werden Leute, deren Namen man nicht kennt, John Doe genannt. Wie wäre es damit?“
Der Fremde schüttelte den Kopf. „John Doe — Gefällt mir nicht. — Sie haben gesagt, dass mein Erinnerungsvermögen wahrscheinlich stückweise zurückkommen wird. Vielleicht sollten wir solange warten, bis ich wieder weiß, wie ich wirklich heiße.“
„Und wie soll ich Sie zwischenzeitlich nennen? Herr Unbekannt?“
Der Fremde lachte. „Das hört sich noch bescheuerter an. Haben Sie keinen besseren Vorschlag parat?“
Für einen Moment sah Annette dem Fremden in die Augen. Dann meinte sie: „Sie erinnern mich an einen Schulkameraden. Er hieß Michael. Vielleicht sollte ich Sie Michael nennen ...“
„Michael? Und weiter?“
„Meyer, Müller, Schmidt. Keine Ahnung. An seinen Nachnamen kann ich mich nicht erinnern. Der war nicht wichtig.“
„Wenn Sie schon auf der Suche nach einem Namen für mich sind, wie wollen Sie mich anreden, wenn Sie mir nur einen Vornamen geben? Herr Michael?“
Annette lachte. „Da bleibt uns dann wohl nichts anderes übrig, als uns zu dutzen ...“
Der Fremde lachte ebenfalls. „Angenehm, Frau Annette. Es ist mir eine Freude, Ihre ... deine Bekanntschaft zu machen. Hast du 'mal einen Bleistift?“
„Wozu?“
„Damit ich den Bogen mit den Aufklebern hier korrigieren kann. Name: Unbekannt; Vorname: Michael.“ Nach einer Weile fuhr der Fremde fort: „Weswegen bist du eigentlich noch hier? Hast du auf mich gewartet?“
Sie schüttelte den Kopf und wies auf ihren bandagierten Fuß. Der Schmerz hatte mittlerweile nachgelassen. Als sie den fragenden Blick des Fremde sah, fügte sie erklärend hinzu: „Ich bin umgeklinkt. Jetzt haben sie den Fuß geröngt, um festzustellen, ob er vielleicht gebrochen ist. Und was haben sie bei dir geröngt, Michael?“
Als Annette ihn mit dem neuen Namen ansprach, flutete eine warme Woge durch den Körper des Fremden. Es war fast so, als ob ein Teil seiner Erinnerungen zurückkehren würden. Er wusste zwar, dass das nicht sein richtiger Name war, aber dass er jetzt einen Namen hatte, gab seinem Leben wieder einen Sinn und ihm das Gefühl, dass er irgendwann auch seine Vergangenheit zurückbekam.
Wie von Ferne hörte er Annettes Stimme: „Was haben sie bei dir geröngt?“
„Den Kopf“, antwortete er abwesend. „Sie wollten sicher sein, dass ich keinen Schädelbruch habe.“
„Und? Haben sie bei dir noch Gehirn gefunden?“
„Sie haben nichts Gegenteiliges gesagt.“
Sie lächelten.
„Wie sieht es denn mit deinem Fuß aus? Ist der gebrochen?“, fragte Michael schließlich.
„Ich kann diese Bilder nicht lesen“, gab Annette zurück und schwenkte den Umschlag in ihrer Hand. „Aber ich glaube es nicht. Ich glaube, ich habe mir einfach nur den Knöchel verknackst.“
„War das meine Schuld?“
Sie schüttelte den Kopf. „Eher umgekehrt: Weil ich mir den Knöchel verknackst habe und einen Stock zum Aufstützen suchte, habe ich dich erst gefunden. Das war wegen so einem blöden Autofahrer, der unbedingt durch die Gärten rasen musste. Er kam von der Frankfurter Seite.“
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Beim Joggen findet Annette Seifert den regungslosen Körper eines jungen Mannes. Als der herbeigerufene Notarzt den Fremden untersucht, wacht dieser auf – ohne Gedächtnis, aber von seltsamen Träumen gequält. Annette findet den Fremden sympathisch. Zusammen mit ihm macht sie sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Die Polizei, die ein Verbrechen vermutet, beobachtet die beiden. Doch zwischen Annettes unbekümmerter Zuversicht, Michaels unerklärbaren Ängsten und dem Argwohn der Polizei gleitet die Geschichte einem Ende entgegen, das keiner der Beteiligten vorhersehen kann.
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Spannend geschrieben - flüssig zu lesen. Eine Erzählung die wie eine Kriminalerzählung mit paranormalen Aspekten beginnt, aber zu einem überraschenden Ende führt.
„Rufe aus dem Verborgenen“ ist ein stiller und ruhiger phantastischer Roman, der eher durch seine sympathischen Charaktere und seine interessant umgesetzte Idee als durch Action und Abenteuer zu überzeugen weiß. Das Thema ist glaubwürdig dargestellt und regt durch seine Einfachheit tatsächlich zum Nachdenken an. Etwas, was man so selten findet. (Phantastik-News.de)
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