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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Mord und andere Geschenke, Mathebu
Mathebu

Mord und andere Geschenke



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Marie öffnete zitternd ihre bleischweren Lider. Von der Decke strahlte ein gleißendes Licht auf sie herunter. Ein heftiger Schmerz raste durch ihren Schädel. Sofort schloss sie ihre Augen. Aus der Ferne hörte sie, dass jemand einen Namen rief. Für den Hauch einer Sekunde erahnte sie, wen der Rufer meinte, aber die mit Flüstern angefüllte Stimme klang fremd. Ihr Wille, gepaart mit dem verschütteten Restverstand, puhlte sich, gleich einer Raupe, ein Loch in ihren Todeskokon. Sie wollte aufwachen, Leben zeigen, herausfinden wo sie sich befand, doch es gelang ihr nicht. Erneut dämmerte sie in einen schwarzen Abgrund. Raum und Zeit waren nicht mehr von Belang. Sie schlief ein, tief, traumlos.


 


*


 


»Doktor, kommen Sie schnell, Marie hat sich soeben bewegt! Für einen Moment habe ich ihre geöffneten Augen gesehen. Ob sie mich wahrgenommen hat? Glauben Sie, dass sie mich sehen oder hören kann?«


Dr. Pilar blieb kurz an der Tür stehen. Er räusperte sich, bevor er ihr gegenüber trat.


»Liebe Frau Sanders«, sagte er balsamisch, »wenn sie wenigstens eines davon könnte, wären wir einen kleinen Schritt weiter.«


Er ging zu Marie, setzte sich aufs Bett, und hob ihre Augenlider, wie er es oft in den letzten Wochen getan hatte. Mit dem Strahl aus der silbernen, schmalen Metallhülse leuchtete er hinein. Er runzelte die Stirn. Null Reaktion. Auch bei der Überprüfung anderer Reflexe war kein Fortschritt erkennbar. Ihr Zustand verbarg sich in der geschichteten Isolation einer russischen Puppe. Die Zeit der Genesung geriet aus den Fugen, und wieder war dies ein Augenblick, in dem die Gegenwart ihr ein Stück Zukunft raubte. Der ohnehin zarte Körper der jungen Frau schien täglich ein wenig zu schrumpfen. Da lag sie, ein hübsches Mädchen, eingebettet im ununterbrochenen Weiß des Zimmers, mit kalkigem Turban und schneeigem Gesichtchen. Ein durchsichtiges Schmetterlingskind auf dem Flug ins Nirgendwo.


Dr. Pilar hatte die Frage auf den Lippen, ob der Wunsch ihre Tochter wach zu sehen, Frau Sanders einen Streich gespielt hätte, aber das zu sagen, wagte er nicht. Hoffnungslosigkeit ist das Schlimmste für eine Mutter, das war ihm allzu klar. Außerdem hatte er in den vielen Berufsjahren schon mehrmals zugeben müssen, dass auch Ärzte sich irren können. Aus diesem Grund verweigerte er Prognosen jeglicher Art, selbst wenn das der eine oder andere Angehörige, von ihm erwartete. Langsam erhob er sich, drehte sich Frau Sanders zu, bemüht, im faltigen Gesicht nicht die Spuren der eigenen Enttäuschung lesbar zu zeigen. Er ergriff ihre Hand und tätschelte sie geistesabwesend. Während sein Blick ein Stück weit mit dem schwarzen Vogel am Fenster vorbei flog, zerrte ihn Eleonora Sanders harsch am Ärmel seines Kittels. Sie stellte sich vor ihn, aufrecht, ein Soldat auf kleinen Füßen, die Hände, wie Gewehre auf Angriff gerichtet. Ihre Stimme bekam einen finalen Ton. Mit dem Mut der Verzweiflung schrie sie ihn an.


»Sie wird wieder gesund, nicht wahr Herr Doktor! Marie braucht noch eine Weile, um sich zu erholen, aber mein Mädchen kommt zu mir zurück. Ich weiß es!« In ihrer Entschlossenheit ließ sie keine Widerrede zu.


Doktor Pilar wich einen Schritt zurück. Er hatte die ehrlichen Worte satt. In seine Stimme schlich sich ein unsicherer Tremor. Er sagte:«Ja, manchmal geschehen Wunder. Beten Sie, aber bedenken sie auch«, fügte er beschwichtigend hinzu, »Wunder brauchen ihre Zeit.« Mit einem steifen Nicken verließ er das Zimmer. Sie erkannte gerade noch, wie die scheinbare Wärme des Mitgefühls einem ungerührten, klinischen Blick wich, hinein in die alternde Hülle seiner resignierenden Mimik.


Eleonora Sanders setzte sich zu ihrer Tochter. Sie nahm ihre Hand und las mit leiser Stimme das letzte Kapitel aus dem Buch »Der kleine Prinz« vor. Damit hatte sie vor fast fünf Wochen begonnen. Heute sprach sie mechanisch, monoton, ohne die ihr eigene Dramaturgie, mit der sie sonst die Zuhörer fesselte. Ihre Familie bewunderte sie für die sicher angeborene Gabe, Worten ihre schwingende Bedeutung zu geben. Und sie liebte es, zu plaudern, von erlebten oder fremden Geschichten. Aber jetzt gelang es ihr nicht. In Dauerschleife bedrängte sie der Gedanke, wenn ich nur wüsste, was meinem Kind zugestoßen ist. Sie legte das Buch zur Seite, seufzte, und blickte mit trüben, tränenleeren Augen aus dem Fenster.


 


*


 


Alles hatte so schön angefangen.


»Hallo Marie, du bist schon zurück?«


»Ja, Mama.« Sie schleuderte ihre Tasche in die Ecke des Wohnzimmers und ließ sich auf das Sofa plumpsen. Linkisch streifte sie ihre Schuhe ab, ohne Hilfe der Hände, erst mit der Spitze an der einen Ferse scharrend, dann umgekehrt. Dazu gestattete sie sich müde, wie sie nun mal war, einige Fehlversuche. So machte sie es immer. Es war ihre erste Amtshandlung, wenn sie nach Hause kam. Danach lümmelte sie sich krächzend, nach allen Seiten hin ihre Glieder dehnend, in die dicke Kissenecke des gewaltigen Sofas mit den derben, braunen Holzstempeln. »Eiche brutal«, sie hasste diesen Stil, aber ihre Eltern waren vernarrt in das Monstrum.


»Es hat viel erlebt mit uns«, schmunzelten sie, und Ihre Augen bildeten eine Brücke, auf der sich Liebe und Verschwörung trafen. Wenn Marie mal wieder vorschlug, es endlich zum Sperrmüll zu stellen, hörte sie stets die gleiche, nervtötende Antwort: »Kommt nicht in Frage!«


»Ich bin in der Küche, Kleines, das Essen ist fast fertig«, schallt es um die Ecke. »Decke du schon mal den Tisch, heute nur für uns beide. Dein Vater kommt später, er hat noch eine Sitzung. Jochen wird da sein, er übernachtet bei seiner Freundin. Ich habe uns Spaghetti »Al Verde« gekocht, die magst du doch?« Das war mehr eine Feststellung, denn eine Frage.


Marie stand auf und schlurfte zum Geschirrschrank. Vor der wuchtigen Standuhr hielt sie einen Moment inne. Sie ließ ihre Augen mit dem goldenen Pendel schwingen.


»Versetze mich in Hypnose, mach schon!«, knurrte sie leise.


»Den Rotwein habe ich bereits entkorkt, füll ihn zum Atmen in die Karaffe«, rief ihre Mutter, die immer noch in der Küche werkelte. Von dort kam auch das Klirren, das Marie aus ihrer Trance riss.


»Mist! Marie, komm bitte mal. Hilf mir! Es ist zum Heulen, aber mir sind die schönen Rotweingläser einfach vom Tablett gerutscht.«


»Ist doch kein Weltuntergang«, moserte Marie. Sie betrat die Besenkammer und schnappte sich Handfeger und Schaufel. In der Küche ging sie in die Hocke und suchte die zerborstenen Teile, bis sie auch das kleinste, blinkende Glasstückchen seiner ursprünglichen Masse zugeführt hatte. Danach entsorgte sie die Scherben im Mülleimer und trottete zurück zum Sofa.


»Wir können es uns jetzt ganz gemütlich machen«, hörte sie ihre Mutter, die den Verlust der teuren Gläser offenbar leichter verschmerzt hatte, als Marie annahm. »Das wird ein schöner Frauenabend. Übrigens, da liegt ein Brief für dich auf dem Sideboard. Hast du an einem Preisausschreiben teilgenommen?«


Marie gähnte ausgiebig, dehnte ihren Mund auf Maximalgröße. Dabei kniff sie ihre Augen so fest zu, dass sie beim wieder Öffnen tränten.


»Ich, nein, nicht dass ich wüsste«, maulte sie unwirsch. Sie war sauer, wenn sie, kaum dass sie das Haus betreten hatte, mit Anordnungen, die dann noch gefälligst sofort zu erledigen waren, zugeschmissen wurde. Oft hatte sie sich erst ihres Mantels entledigt, da prasselten schon die Aufträge wie Fallobst auf sie herab. Ihre Mutter ließ ihr nicht einmal die Zeit, dass ihr ausgefahrener Arm, die kurze Distanz, vom Körper bis zu dem Haken der Garderobe schaffte. »Gib mir fünf Minuten«, dachte sie im Geiste die Hände ringend, »fünf Minuten sind wahrlich nicht zu viel verlangt. Was glauben die Alten, was wir Studenten den Tag über treiben?« Verärgert steuerte sie erneut das Sofa an, legte sich darauf und rollte sich, ihren Kater Berlioz imitierend, wie ein Knäuel zusammen. »Katze müsste man sein«, murmelte sie. »In meinem nächsten Leben will ich eine Katze sein, natürlich nur in einem Haus wie dem unseren.«


»Marie?«


»Ja.«


»Ist alles in Ordnung? Warum gibst du mir keine Antwort?«


»Was willst du nun schon wieder?«


»Na, es geht um diesen Brief, ich wollte wissen ...«


Marie setzte sich auf und kratzte sich nachdenklich am Kopf. Sie käme doch nicht zur Ruhe.


»Oh, ich erinnere mich an eine Aktion an der Uni«, moserte sie. Das ist schon einige Zeit her. Svenja und ich haben aus Jux an einem Preisrätsel teilgenommen. Auch nur ein Schuss in den Ofen, hat Svenja gemeint. Es ging um eine Reise der Superlative, glaube ich. Hast du den Brief etwa geöffnet?«


»Aber nein Marie!«, entrüstete sich ihre Mutter, die gerade um die Ecke bog. Sie blies sich eine Locke aus dem Gesicht und runzelte die sonst glatte Stirn.


»Für wen hältst du mich, willst du mich beleidigen?« Abrupt stellte sie die heiße Schüssel mit den dampfenden Nudeln ab. »Ja was ist das denn?«, fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften, »du hast den Tisch ja immer noch nicht gedeckt.« Genervt atmete sie hörbar ein und aus. »Mädchen, Mädchen, bei dir wird ein Mann noch mal verhungern.«


»Oh, bitte Mama, verschone mich mit dieser Leier, ich kann’s nicht mehr hören.« Entnervt rollte Marie mit den Augen, stand auf und deckte endlich den Tisch.


»Na, wenn du es nicht für nötig hältst, mit mir zu reden. Da freue ich mich den ganzen Tag auf dich und dann bekomme ich keine Antwort. Ich habe lediglich aus diesem merkwürdigen Absender »Fortuna«, der andeutungsweise mit Glück zu tun hat, und dem aufgedruckten - wichtig - Hinweis geschlossen, dass es sich um einen Gewinn handeln könnte. Es würde mich ehrlich freuen, wenn es so wäre.«


Marie hob entschuldigend die Schultern. Als Wiedergutmachung zog sie ihrer Mutter den Stuhl zurück, damit sie sich bequem hinsetzen konnte.


»Ich schaue ihn mir später an«, sagte sie versöhnlich, »einverstanden? Im Moment möchte ich nur meinem ausgeleierten Magen etwas Gutes tun. Deine Nudeln duften absolut fantastisch.« Marie griff sich den Teller ihrer Mutter und füllte ihn, bis diese ihr Einhalt gebot. Danach schaufelte sie ihren so voll, dass die Nudeln fast über den Rand fielen.


»Bist du mal wieder dem Mensafraß ausgewichen?«, fragte ihre Mutter. Ihr Ton enthielt immer noch eine Spur Ärger. »Na ja, für drei Euro fünfzig kann man kein First-class-Menü verlangen.«


»Hast recht!«, entgegnete Marie mit vollem Mund. »Heute stand Züricher Geschnetzeltes auf der Karte, da könnte ich kotzen.«


Nach dem Essen räumten sie gemeinsam den Tisch ab. Sie brachten das Geschirr in die Küche.


»Lass stehen!«, sagte ihre Mutter, »wir waschen später ab.«


Beide setzten sich wieder an den Küchentisch. Marie nahm den Brief und öffnete ihn. Sie hatte kaum gelesen, da fragte ihre Mutter:


»Nun, was steht da, hast du gewonnen?«


Marie las das Schreiben drei Mal, mit regungsloser Miene.


»Herrgott noch mal, spann mich nicht auf die Folter. Kind, red schon, was steht da drin?«


Wortlos überreichte ihr Marie den Brief. Ihre Mutter murmelte vor sich hin: »Liebe Frau ... Bla Bla Bla ... sind wir sehr erfreut Ihnen mitteilen zu können, dass sie eine Reise gewonnen haben, ... Cluburlaub der Superlative, vierzehntägig, Vollpension, auf der Insel Ibiza. Das Resort in einem Pinienhain, außerhalb der Stadt, ist nur für Frauen zugänglich. Die letzten Zeilen überflog sie großzügig.


»Das ist toll! Meine Intuition war goldrichtig. Ich wusste gleich, dass dieses Kuvert etwas Besonderes enthält.« Enthusiastisch wedelte sie damit vor Maries Nase herum. »Sieh mal Schatz, das Reisedatum fällt genau in deine Semesterferien, besser geht es nicht, oder?«


Beide schwiegen eine Weile. Marie zog vernehmlich die Luft ein. »Aber ich wollte in den Ferien arbeiten«, sagte sie kleinlaut. Irgendwann muss ich Geld verdienen. Ich will dir und Papa nicht ewig auf der Tasche liegen, und wie soll ich das Steffen beibringen? Es ist schließlich ein Urlaub für nur eine Person. Na ja, du kennst ihn, weißt genauso gut wie ich, was er veranstaltet, wenn er hört, dass ich alleine verreise. So ein Mist! Warum ist alles, worüber Andere sich freuen, für mich so anstrengend? Nie kann ich mich spontan entscheiden. Immer, bevor ich mir etwas gönne, schlage ich mich mit Fragen herum, die mir den Aspekt des »Verdient werden müssen«, aufhalsen. Das ist hirnrissig, findest du nicht auch?« Resigniert ließ sie ihre Schultern fallen, saß da wie ein Vogel mit geknickten Schwingen.


»Nichts da, Marie, du fährst!«, polterte ihre Mutter. Sie schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wäre doch gelacht, wenn du dir das durch die Lappen gehen lässt. Von uns bekommst du ein angemessenes Taschengeld, mach dir keine Sorgen. Ich regele das mit Papa. Steffen hat nichts zu melden, ihr seid schließlich noch nicht verheiratet, und selbst dann, müsste er dich ... ach ... was rege ich mich auf, freu dich gefälligst, verstanden!« Ihr Tonfall verriet unmissverständlich, dass sie sauer war, sehr sauer sogar. Das sah man ihr auch an, ihre Augenfarbe wurde merklich dunkler. Mit einem Ruck stand sie auf, schnappte sich eine Küchenschürze und band sie um. Sie ließ Wasser in die Spüle laufen und begann das Geschirr zu traktieren. So wie sie die Teller in den Geschirrständer pfefferte, wunderte sich Marie, dass nicht noch mehr zu Bruch ging. Sie nahm sich ein Geschirrhandtuch und trocknete ab.


»Ich freue mich ja«, sagte sie beschwichtigend, »aber zuerst muss ich darüber schlafen, okay?«


»Einverstanden!«


 


Drei Wochen blieben Marie, um zu überlegen, ob sie die Reise antreten würde, oder nicht. Diese Zeit war vollgepackt mit Stress. Das erst begonnene Hauptfach Psychologie erwies sich als stures Auflisten von Statistiken. Inhaltlich gab es nichts, das ihrer Vorstellung entsprach. Der Mensch mit allen Facetten, der sie so brennend interessierte, spielte bisher keine Rolle. Das Studium zermürbte sie. Es stahl ihr die Motivation. Fakt war, sie hatte gewusst, auf was sie sich einließ, dennoch konnte sie eine gewisse Lustlosigkeit kaum leugnen. Ihr zweites, im Moment bedeutungsvolleres Problem blieb Steffen, ihr Freund. Fast drei Jahre waren sie zusammen. In den letzten Monaten hatte er sich derart zum Macho entwickelt, dass er ihr die Luft zum Atmen nahm. Statt sie zu unterstützen, versuchte er, sie zu kommandieren und immer mehr einzuengen. Nur seine Meinung zählte, so auch die, wie schon erwartet, dass es unverschämt sei, ihn vierzehn Tage sitzen zu lassen, um sich in der Weltgeschichte herum zu treiben. Steffen ließ sie nicht mehr aus den Augen. Mit Liebe hatte das wenig zu tun. Er verfügte über sie, sagte, wo′s lang ging. Den Abend mit ihrer Freundin Svenja, »der dummen Pute«, so nannte er sie, redete er ihr kurzerhand aus. Er vertrat die Meinung, Theaterbesuche seien spießig und nur etwas für intellektuelle Arschlöcher. Bücher, die ihr gefielen und über die sie gerne mit ihm geredet hätte, tat er unbesehen als Schundliteratur ab, natürlich ohne auch nur eine einzige Zeile in sein Auge zu lassen. Für ihn zählte, dass Marie, wenn ihn die Manneskraft drängte, zur Verfügung stand. Auf dem Sportplatz zeigte er sie nicht ohne Stolz, um zu hören, was für ein Kerl er sei. Nur die richtigen Kerle hatten so tolle Frauen. Zufrieden war er trotzdem nie mit ihr. Sie hatte ihn so satt. Als er eines Abends wieder mal ihre »grauenhafte, überkandidelte Aufmachung« bemängelte, schmiss sie ihn endlich raus.


»Lass dich hier nie mehr blicken, du Parasit!«, schrie sie ihm, außer sich vor Zorn, nach, bevor die schwere Tür ins Schloss knallte.


Drei Tage danach verabschiedete sie sich von ihren Eltern am Frankfurter Flughafen. Sie trat diese Glücksreise an, die ihr Leben verändern sollte.


 


*


 


Sie reiste nicht zum ersten Mal mit einem Flugzeug, aber sie war zum ersten Mal allein, und das, ohne im Geringsten zu ahnen, was sie da erwartete. Auf ihrem Raucherplatz saß sie neben einem schnauzbärtigen, älteren Herrn. Mit seinem unter triefenden Hängebäckchen vergrabenen Mund versuchte er, sie in eine belanglose Konversation zu verwickeln. Bald hatte sie sein Ansinnen durch ihr mürrisches »Ja« und »Nein«, zum Stillstand gebracht. Sie schloss ihre Augen und hing ihren trüben Gedanken nach. War ich zu hart zu Steffen?, überlegte sie. Hätte ich mich fairer trennen sollen? Mein Gott, was habe ich getan? Er hat aber auch derart meine Nerven strapaziert. Trotzdem, ich hätte mich in Freundschaft trennen sollen, dann ginge es mir jetzt besser. Aber was soll’s, vorbei ist vorbei. Ich muss ihn mir abschminken,... war eh nichts fürs Leben. Vielleicht war ich es ja, die das miese Verhalten bei ihm herausgefordert hat. Warum habe ich mir alles gefallen lassen, warum habe ich mich nicht gewehrt? Sicher war ich schuld! Er hat mich doch geliebt, ...zu Anfang bestimmt. Und ich, habe ich ihn auch geliebt? Jedenfalls glaube ich das. Und nun ist alles vorbei. Drei Jahre für die Katz. Ich hätte mehr auf ihn eingehen müssen,...noch mehr? Dann wäre aber von mir überhaupt nichts mehr übrig, oder? Seufzend lehnte sie sich in ihren Sitz zurück. Er bot ihr kaum Beinfreiheit. Sie verfluchte heimlich ihren Vordermann. Dessen Rückenlehne war so weit nach hinten geschoben, dass sie mit dem Gedanken spielte, ihn eventuell als Schoßhund zu adoptieren, aber nur, wenn er aus einem guten Wurf stamme und sauber sei. Aus Lethargie tat sie es nicht. Am Eingang hatte sie routinemäßig Zeitschriften gegriffen, die sie nicht mehr interessierten. Sie legte sie unbesehen in der Netzablage ab. In ihr herrschte statische Leere. Die routinierten Servicearbeiten der Stewardessen, und das unruhige Gequassel der Passagiere, tangierten sie nicht. Schwingende Vorfreude der Mitreisenden auf Sonne, Sand, Meer und wer weiß was noch, schrammten lediglich an ihr vorbei. Sie grenzte sich ab, fühlte sich als winziges Etwas in einer fremden Menge. Den Augenpaaren, die ihr zulächelten, verweigerte sie sich. Sie schaute durch sie hindurch, wollte auch nicht gesehen werden. Und wie die Wolken da draußen sich blähten und Gewicht vortäuschten, so schrie ihr dumpfes, vorgetäuschtes Hiersein schon fast nach einem empirischen Beweis.


 


»Meine Damen und Herren, wir landen in wenigen Minuten auf der Sonneninsel Ibiza. Bitte stellen Sie ihre Rückenlehnen gerade und schnallen Sie sich an. Danke! Ihr Kapitän Roberto Sanchez und die Besatzung möchten sich verabschieden und wünschen Ihnen einen schönen Urlaub. Wir hoffen, Sie hatten einen guten Flug und würden uns freuen, Sie wieder einmal an Bord begrüßen zu dürfen.«


Nachdem das Flugzeug in Parkposition stand, klatschten alle Passagiere. Sofort ging ein Gerangel los. Die Fächer mit dem Handgepäck wurden aufgerissen, Jacken und Handtaschen wie Diebesgut sichergestellt. Es wurde rücksichtslos gedrängelt und geschoben. Kinder kreischten eingeklemmt zwischen langen Hosen und Rockbeinen. Offenbar wollte jeder als Erster draußen sein. Marie blieb sitzen, bis sich die Heimatflüchtigen zerstreut hatten. Sie betrat als Letzte die Gangway. Eine gewaltige Hitzewelle schlug ihr entgegen, ca. 35 Grad Celsius, normal für Anfang August. Sie schulterte ihren Rucksack und zog eine Sonnenbrille über die geblendeten Augen. Verkrampft, mit einem missmutigen Zug um die Mundwinkel, schlenderte sie in die Abfertigungshalle. Dort wartete sie auf ihr restliches Gepäck. Sie verließ das Gebäude, schaute sich suchend um, und entdeckte ein großes Schild, auf dem ihr Name stand. Ein gut aussehender Mann reckte es in die Höhe. Bin ich die Einzige, die namentlich gesucht wird?, fragte sie sich. Alle anderen Passagiere gruppierten sich um Schilder mit den Namen ihrer Reisegesellschaften. Sie lavierte sich durch die versammelte Schar schnatternder Urlauber auf ihn zu.


»Señorita Sanders?«, begrüßte sie der junge Mann und streckte ihr die Hand entgegen. Er lächelte sie an. »Mein Name ist Carlos.« Sein Händedruck war kraftvoll, die gebräunten Finger schmal und feingliedrig, wie man sie bei einem Künstler erwartet. In dieser Hand verbargen sich spürbar Gegensätze.


»Schön, dass Sie gekommen sind. Ich freue mich, Sie in den Club »Fortuna Sorpresa« bringen zu können. Hatten Sie einen guten Flug?«


»Oh ja, danke, es war wunderbar. Diese wattige Stille über den Wolken fasziniert mich immer wieder.« Die Lüge sprang ihr leichtfertig aus dem Mund, aber ihr Blick irrte entlarvend an ihm vorbei. Zurückgewandt, saugte er sich an dem gebräunten Oval fest, das von kecken, schwarzen Locken umrahmt war, von denen wohl jede annahm, sie müsse in eine andere Richtung springen. Sie fühlte sich seltsam angespannt. Was hat dieser Carlos, dass ich so unsicher bin?, überlegte sie. Er ist ein schöner Mann, groß gewachsen, biegsam schlank, mit blitzenden Bernsteinaugen. Ihn umschmeichelt die warme Eleganz eines gebildeten Südländers. Ihre Blicke verfingen sich. In den wenigen Sekunden, in denen sie einander erforschten, kam es zu einem harmonischen Gleichklang, erstaunlich für Beide. Sie fühlten sich überhaupt nicht fremd.


»Setzen Sie sich bitte schon in den Wagen, ich verstaue noch ihr Gepäck«, sagte Carlos. Er hielt ihr galant die Tür auf.


Marie kletterte in den verrosteten Jeep, den augenscheinlich nur Lackfetzen zusammenzuhalten schienen. Nach einem Vehikel, das sie in ein Luxusurlaubscamp bringen sollte, sah das wirklich nicht aus. Na ja, dachte sie, wenigstens ist der Fahrer ansehnlich und nett.


»Ist es weit bis zum Club?«, fragte sie Carlos, der sich mit einem Satz neben sie geschwungen hatte.


»Oh ja, Sie müssen ein bisschen Geduld haben, wir fahren ca. eineinhalb Stunden.«


»Auch gut, dann kann ich etwas von der Insel sehen, ehe es dunkel wird.«


Carlos stimmte ihr zu. Er fuhr nach einigen, schon beinahe vorprogrammierten Fehlstarts los. »Tranquilo«, nuschelte er und schmunzelte.


»Was heißt das?«, fragte Marie.


»Das ist ein Wort, das sie hier mit Sicherheit noch öfter zu hören kriegen. Es entspricht unserer Mentalität und bedeutet, nur kein Stress.«


Sie fuhren eine Weile am türkisfarbenen Meer entlang, und an Stränden, an denen sich viele Touristen tummelten. Hupende Autos, quietschende Reifen, Stimmengewirr und Kinderkreischen schwängerten die laue Luft.


»Sagen Sie Carlos, ist die Insel groß?«


»Nun, so würde ich sie nicht gerade nennen. Sie misst ungefähr 600 Quadratkilometer, aber auf Ibiza gibt es 400 Strände, stellen Sie sich das vor. Im Gegensatz zur flachen Nachbarinsel Formentera haben wir auch einen Berg. Dort bringe ich Sie hin.«


»Hier auf dem Schild steht Eivissa. Ist das der Name, den die Einheimischen ihrer Stadt geben?«


»So ist es!«


Sie schwiegen eine Weile. Carlos musste sich auf den nervigen Straßenverkehr einlassen. Konzentration war lebenswichtig. Nach kurzer Zeit verließen sie die Hauptstraßen. Marie atmete erleichtert auf. Sie war froh, dem Rummel und Gewirr zu entkommen, um endlich das zu entdecken, von dem sie sich vorgestellt hatte, wie es sein würde. Im Innern des Landes faszinierte sie die farbenprächtige Schönheit von Bougainvilleas und herrlichem Hibiskus, der sie mit tellergroßen Blüten beeindruckte. Sie entdeckte Oleander, vor Blütenpracht strotzend, an weiße Bauernhäuser mit flachen Dächern geschmiegt. In den angegliederten Gärten standen Zitronen und Orangenbäume. Es muss herrlich sein, sich eine Frucht vom eigenen Baum zu pflücken. Herz, was willst du mehr, dachte sie. Später fuhren sie an einem Hang mit Mandelbäumen und Weinreben entlang. Kräuterduft von Thymianbüschen, die am Wegesrand wucherten, gemischt mit dem Aroma von Pinienholz, wehte herüber. Nach einer Weile kamen sie an uralten, brüchigen Steinmauern vorbei. Dahinter teilten sich Plantagen mit Orangen und Zitronenbäumen, ebenso Feigenkakteen und Pinienbäume die kräftig rote Erde.


»Hier lohnt es sich, zu leben, Carlos.« Sie warf ihm einen verträumten Blick zu.


»Oh ja, das kann ich bestätigen.« Er schenkte ihr ein umwerfendes Lächeln.


Was sie nach einigen Kilometern zu sehen bekam, fand Marie allerdings weniger schön. Weit außerhalb der Stadt schaukelten sie über schmale, feldwegartige, bucklige Straßen, an deren Rändern dürres Geäst wucherte, das den Eindruck erweckte, die Farbe Grün sei ein Paradoxon. Stellenweise bewuchsen staubige Grasbüschel in schmutzigem Ocker leicht ansteigende, verwilderte Hügel. Ein Highlight bildete eine liegen gelassene, blau verrostete Karre, die weggeworfen am Straßenrand lag. Müll, als Farbtupfer. Die vorbeihuschende Landschaft verlor jeglichen Reiz. Ausgedörrtes Gras, wohin man schaute. Das Meer war nicht einmal zu riechen. Das entsprach keineswegs ihrer Erwartung. Sie suchte Palmen, fand stattdessen nur erstaunlich viele Pinienhaine. Ihre müden Augen tasteten die Umgebung, nach den für die Insel typischen, weißen Häuser ab. Sie erblickte keine mehr. Ein paar Ziegen trotteten auf steinigem Brachland. Sie wunderte sich, dass die armen Tiere hier überhaupt etwas zum Fressen fanden. Noch bevor sie ihre Frage an den Fahrer richtete, schob sich der Gedanke, ich glaube, jetzt bin ich am Arsch der Welt gelandet, in ihren Sinn. Dennoch wollte sie höflich bleiben. Carlos war nicht verantwortlich für den Zustand dieses gottverlassenen, verwahrlosten Inselabschnitts, auch nicht dafür, dass sie sich eben da, wo sie dachte, am Arsch der Welt, befand. Von der Seite warf sie Ihm einen flüchtigen Blick zu.


»Carlos, entschuldigen Sie bitte meine Frage, ich bin gerade fassungslos. Ist es da, wo Sie mich hinbringen, überall so trostlos? Wir sind endlos weit gefahren, aber ich habe schon lange kein Fitzelchen Meer mehr gesehen.«


Carlos lachte ein kräftiges Lachen, das ihr wie Brocken um die Ohren flog. Sie zuckte unwillkürlich zusammen.


»Señorita Sanders, was bitteschön ist ein Fitzelchen? Ich dachte, dass ich ihre Sprache gut verstehe, auch sprechen kann, aber dieses Wort habe ich noch nie gehört.


Ist es etwas Lustiges?«


Marie stimmte in das Gelächter ein. Sie erklärte den Ausspruch. »Sagen Sie Carlos, wo haben Sie so fabelhaft Deutsch gelernt? Sie haben fast keinen Akzent?«


Er freute sich über ihr Kompliment. Mit einem Augenzwinkern erzählte er:«Ich habe fünf Jahre als Oberkellner in der Düsseldorfer Gastronomie gearbeitet. Kennen Sie die längste Theke der Welt?«


»Nur vom Hörensagen, ich war noch nicht da.«


»Mein Arbeitstag begann um zwölf Uhr mittags. Er endete oft erst spät in der Nacht. Ich hatte Glück, fand eine kleine Wohnung gleich neben der Kneipe. Einmal um die Ecke, und ich war zuhause. In den meisten Nächten schleppte ich mich todmüde in mein Zimmer, aß noch eine Kleinigkeit, duschte, und fiel Sekunden später in mein Bett.« Bedauernd hob er die Schultern, seine Miene umschattete sich. »Glauben Sie mir, diese Zeit war nicht leicht für mich. Mir blieben maximal sechs Stunden Schlaf. Viel zu bald rappelte der Wecker, das hieß aufstehen und anziehen, für den Besuch der Schule, in der ich Ihre Sprache lernte. Aber ich hatte einen Traum. Das war der Grund diesen Stress auf mich zu nehmen. Porka Misseria! Fast alles, was ich in dieser Zeit einnahm, legte ich auf den hohen Tisch.«


»Auf was?«


»Auf den hohen Tisch, so heißt das doch, oder?«


»Sie wollten sicher sagen, auf die hohe Kante«.


»Oh Madonna, ich muss noch einiges lernen. Also, ich sparte eisern, gönnte mir nichts, um mein Ziel schnellstens zu erreichen. Ich dachte, ich hätte schon genug verdient, um in der Nähe von San Mateo mein eigenes Restaurant zu eröffnen. Die Enttäuschung war groß, als ich merkte, dass in der Zwischenzeit die Preise in unserem Land rapide gestiegen waren. Hauptsächlich Ihre reichen Landsleute haben die Grundstückspreise mächtig in die Höhe schnellen lassen.« In Carlos Stimme schwang ein sarkastischer Unterton mit.


Marie fühlte sich ein bisschen schuldig.


»Meine Ersparnisse reichen noch nicht«, redete er weiter, »nicht für das, was meiner Vorstellung entspricht. Trotzdem verließ ich Deutschland. Das Heimweh, die Menschen, die Sonne, wissen Sie? Das alles fehlte mir unendlich. Es war die richtige Entscheidung heimzukehren. Hier arbeite ich nachts, ab zwei Uhr in der Disko Anfora in Eivissa, in der Dalt Vila. Das ist die einzige schwule Diskothek auf Ibiza, mit verschiedenen Bars, einer Tanzfläche und einem Darkroom. Aber aus diesem Arbeitsverhältnis sollten Sie keineswegs Schlüsse auf meine sexuelle Ausrichtung ziehen, okay?«


»Okay.«


»Am Tag verdiene ich ein paar Euro dazu, indem ich Gäste wie Sie, am Flughafen abhole, und in ihre Hotels bringe. Darf ich Sie auch etwas fragen?«


Marie nickte, beeindruckt von der Offenheit, mit der ihr Carlos von seinem Leben erzählte. Was will er wohl von mir wissen?, überlegte sie.


Er schaltete einen Gang herunter. Das Getriebe krächzte. Auf der miserablen Straße schaukelten sie hin und her, als säßen sie auf einem Kamel, das sie durch die Wüste führte.


»Warum haben Sie sich diesen Club ausgesucht?« Carlos sah sie erwartungsvoll an.


»Das kann ich Ihnen gerne erklären. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben etwas gewonnen, und zwar diese Reise. Warum interessiert sie das? Gibt es ein Problem?«


»Nein, nein, das wollte ich damit nicht andeuten!« Abwehrend hob er beide Hände. Für einen Augenblick überließ er das Steuerrad sich selbst. »Ich meine, ein junges Mädchen wie Sie, ist doch lieber in der Stadt. Das Nachtleben in Ibiza ist berühmt für ausgefallene Aktivitäten. Hier pulsiert das Leben. Es gibt viel Interessantes zu sehen, in den Diskos, oder auf den Promenaden. In den schmalen Gassen der Altstadt treffen Sie die ausgeflipptesten Leute. Sie müssen einmal abends an der heißen Meile sitzen, da wimmelt es von Verrückten. Dabeisein und Auffallen heißt die Devise. Je schriller das Outfit, desto mehr gehört man hier her. Ich nehme an, so haben sie es sich vorgestellt, oder?«


»Ja klar!«


»Dann wissen Sie also nicht?« Er schaute ihr prüfend in die Augen.


»Was?«


»Ihr Camp liegt außerhalb von Allem. Ich meine, dass es eher was für Leute ist, die sich zurückziehen wollen, fern ab von jeder Geselligkeit. Nun ja, für Menschen, die so was mögen, hat die Ruhe wohl auch ihren Reiz.«


»Oh Gott«. Marie stöhnte. »Wenn ich nur wüsste, was mich da erwartet? Hoffentlich wird das kein Reinfall.« Entmutigt ließ sie ihren Kopf auf die Brust sinken. Plötzlich fröstelte sie. Mit unruhigen Fingern zog sie ihre Strickjacke fest um die Schultern. Sie hatte sie mitgenommen für den Fall, dass es abends kühler würde. Diesen Eindruck hatte sie jetzt, was allerdings ihrem Gemütszustand, und keineswegs dem Wetter zuzuschreiben war.


»Ich wollte in den Semesterferien arbeiten, um Geld für mein Studium zu verdienen«, erklärte sie Carlos. »Diese Reise kam sehr überraschend. Zuerst dachte ich daran, den Gewinn auszuschlagen. Von Anfang an schlich sich bei mir ein ungutes Gefühl ein. Ich hatte weder Fotos noch irgendwelche andere, wichtige Details vom Club. Ich weiß ja nicht einmal, wo diese Anlage liegt. Es ist eine skurrile Reise, aber ich bin alt genug. Wenn es mir nicht gefällt, verschwinde ich von hier. Hören Sie, auch wenn das diesen Leuten gegenüber undankbar erscheint, geht mir das, gelinde gesagt, am Allerwertesten vorbei. Sie werden mich wohl kaum halten, wenn ich es nicht will, oder? Aber vielleicht genieße ich auch mal die Ruhe.«


»Ich hoffe, dass es Ihnen gefällt«, murmelte Carlos.


Nachdenklich zog Marie ihre Beine an. Sie stellte die Füße auf den Rand des Sitzes, umschlang ihre Knie mit den Armen. Bedauernd, ein wenig hoffnungslos, ließ sie den Kopf darauf sinken.


»Wir sind gleich da!«


»Wirklich? Na endlich, ich fühle mich schon wie ein Martini, geschüttelt und gerührt.«


»Wenigstens haben Sie ihren Humor nicht verloren,« sagte Carlos und streifte sie mit einem flüchtigen Blick. Er kramte in der Jackentasche. »Hier ist meine Karte für alle Fälle. Es kann ja vorkommen, dass Sie mal, wie sie in Deutschland sagen, so richtig auf den Putz hauen wollen. Rufen Sie an, wenn Sie hier weg möchten, ich zeige Ihnen gerne das exhibitionistische Nachtleben, einverstanden?«


»Oh danke, das ist nett von Ihnen.« Marie seufzte erleichtert. Sie steckte die Karte in das Geheimfach ihrer Handtasche.


Carlos bog in einen Seitenweg ab, der mehr als Scharte, denn als Weg und noch weniger als Straße auszumachen war. Nirgendwo stand ein Haus, geschweige denn ein Hotel. Die Gegend lag gespenstisch ruhig. Ein paar knorrige Bäume schienen ihr Leben schon vor langer Zeit ausgehaucht zu haben. Die Luft stand still und arbeitsscheu, zu faul jetzt noch Gräser oder Blätter zu befächeln. Es dämmerte bereits. Der Mond schob die Sonne aus seinem Revier und schickte ein fahles Licht. Sie fuhren bis zu einem großen, geheimnisvoll verschnörkelten Eisentor, das nach beiden Seiten von einem ungewöhnlich hohen Zaun flankiert, den ehemals schwarzen Anstrich wie Schuppen von sich warf.


»Wer hat denn hier die Wildnis eingefangen?«, fragte Marie kleinlaut.


»Hier ist es!« Carlos schaute sie nicht an. Er bremste scharf. Mit der reaktionsschnellen Abwehrbewegung ihrer rechten Hand verhinderte Marie im letzten Moment den Aufprall ihres Kopfes an der Windschutzscheibe.


»He, Mann, sind sie verrückt? Sie sollen mich an mein Urlaubsziel bringen und nicht ins Krankenhaus.«


Carlos überhörte wohlweislich ihre Empörung. Er sprang aus dem Wagen und eilte nach hinten.


«Ich stelle schon ihren Koffer raus«, rief er stattdessen »und melde sie an.«


Mit einem Mal legte er eine unerklärliche Eile an den Tag. An der Sprechanlage des Tores drückte er einen Knopf. Er redete in schnellem Spanisch. Marie verstand nur die gemurmelten Namen mit den rollenden R′s. In ihrer Magengegend herrschte ein ziemlich flaues Gefühl.


»Was heißt das? Wollen Sie mich hier mutterseelenallein absetzten? Carlos, ist das Ihr Ernst?«


»Keine Angst, Fräulein Sanders, letzte Woche brachte ich drei Frauen hierher. Alle wurden abgeholt. Bis dahin warte ich mit Ihnen.«


»Warum bringen Sie mich nicht an Ort und Stelle?«


»Das ist mir leider nicht gestattet, ich habe keine Ahnung warum. Mein Auftrag lautet, die Damen bis zu diesem Tor zu bringen und zu bleiben, bis jemand sich ihrer annimmt. Also keine Panik, Señorita Sanders, ich lasse Sie nicht allein, ich warte mit Ihnen. Möchten Sie eine Zigarette?« Er hielt ihr ein verknautschtes Päckchen Pall Mall hin. Marie lehnte dankend ab.


»Mir ist nicht wohl bei der Sache. Am liebsten würde ich auf der Stelle mit Ihnen zurückfahren und mir selbst eine Unterkunft suchen.«


»Keine bange!« Carlos zwinkerte ihr zu, »jetzt ist es dunkel, aber morgen, Sie werden schon sehen, da sieht alles ganz anders aus. Sie haben ja meine Karte. Wenn es Ihnen absolut nicht gefällt, rufen Sie mich an, ich werde mich um Sie kümmern.«


»Das ist mir im Augenblick der einzige Trost. Gracias Carlos, ich bin froh, dass Sie mich hier her gebracht haben. Danke für ihre Freundlichkeit.«


»Keine Ursache, das ist selbstverständlich.« Er hüstelte verlegen. Sie warteten ein paar Minuten schweigend.


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