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Der Tote im SLK-Coupé
Die Straße war menschenleer. Erik erinnerte sich an die berühmte Schlussszene im Western High Noon. Mittag: eine menschenleere Straße, ein Held und heißes Flimmern in der Luft. Jetzt war es allerdings stockfinstere Nacht. Mitternacht war bereits vorüber. Also kein passender Vergleich! Das blaue Mercedescoupé parkte vor dem Stadthaus. Das Fenster auf der Fahrerseite war halb geöffnet. Der Fahrer hing schlaff im Fahrersitz. Ein Mann Mitte vierzig, dunkles, schütteres Haar. Das Hemd halb geöffnet, rot verfärbt. Eine Hand am Steuerrad. Der Fahrer blutete aus dem Mund. Kaum einer hätte den präzisen Treffer mitten in die Brust überlebt. Der Fahrer gehörte ebenfalls nicht zu diesen Ausnahmen: Er antwortete nicht. Tot. Erik Hort war stolz auf die im Schießtraining der Armee erworbene Treffsicherheit. Die Militärzeit lag schon lange zurück. The past is a foreign country. Bei diesem Satz von L.P. Hartley, mit dem der englische Autor sein Buch The Go-Between einleitete und der ihm nun durch den Kopf huschte, musste Erik schmunzeln. »Die Vergangenheit ist ein fremdes Land. Unwirklich, eben fremd. Aber dies ist nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für das Zitieren von literarischen Meisterwerken!« Erik grinste. Er hatte die Pistole nach seiner Ausmusterung behalten dürfen. Das SLK-Coupé musste weg vom Parkplatz. Erik öffnete die Fahrertür. Der rechte Arm des Toten rutschte vom Lenkrad – ihm entgegen. Weiße Haut, schwarze Haare: ein schöner Kontrast. Gepflegte Hände, sauber geschnittene Fingernägel. Man hätte einen schönen Mann erwartet. Aber Thomas Salzmann war kein schöner, nicht einmal ein sympathischer Mann. Wie auch immer, jetzt war er tot. Erik griff unter die Achseln des Mannes. Mit einem Ruck löste er den Körper vom Sitz und schleifte ihn zum offenen Kofferraum. Das Verstauen der Leiche erwies sich als etwas mühsam. Wie alle schicken Flitzer war auch dieser nicht gerade üppig mit Stauraum ausgestattet. Erik geriet ins Schwitzen. Nach zehn Minuten konnte er den Kofferraum endlich schließen. Auf dem Asphalt waren rote Schleifspuren zu sehen. Erik wischte mit dem Schuh darüber. Der einsetzende Regen würde die verbliebenen Spuren beseitigen. Er fuhr das Auto zum Teich des Stadthauses, löste die Gangschaltung und ließ das Coupé in den Teich gleiten, wo es mit einem leisen Blubbern versank.
Eriks Logbuch: Samstagmorgen
Erik schreckte aus dem Schlaf auf. Der Blick auf den Wecker zeigte ihm, dass es noch nicht Zeit zum Aufstehen war: 4 Uhr 15. Er hatte also erst eine knappe Stunde geschlafen. Durch die Ritzen der Rollläden drang das goldene Licht der Straßenbeleuchtung und bildete sich auf der gegenüberliegenden Wand ab. Der rote Punkt des Stand-by-Modus seines Fernsehers leuchtete. Ebenso die gelben Armaturen der Stereoanlage. Alles schien normal zu sein. Was hatte ihn geweckt? Salzmann! Die Erinnerung an sein Ende ließ Erik erschaudern. Plötzlich hörte er aus dem Nebenzimmer ein leises Knarren. Erik war mit einem Mal hellwach. Mit seiner linken Hand tastete er auf dem Boden neben seinem Bett herum. Endlich fand er, wonach er suchte. Das Metall fühlte sich kühl an. Erik drückte die Taste und der Radiowecker zeigte 4 Uhr 37 an. »Heute Vormittag entdeckten spielende Kinder ein im Seerosenteich vor dem Stadthaus versunkenes Auto. Nach der Bergung des Wagens wurde im Kofferraum eine männliche Leiche entdeckt. Beim Toten handelt es sich um den Halter des blauen Sportwagens, einen 44-jährigen Geschäftsmann aus unserer Stadt. Er wurde durch einen Schuss ins Herz getötet. Der genaue Todeszeitpunkt steht noch nicht fest. Die Polizei kann keine näheren Angaben zum Tathergang machen. Sie steht vor einem Rätsel, wie der Wagen unbemerkt in den Teich gelangen konnte. Die Polizei bittet die Bevölkerung um sachdienliche Hinweise.« Erik schaltete das Radio aus und schlief ein.
Mit Herzenslust biss er in das Stück Weißbrot, das er mit Trockenfleisch und Camembert belegt hatte. Er liebte das späte Frühstück am Wochenende: In Ruhe Zeitung lesen bei viel frisch gebrühtem Kaffee und ebenso frischem Brot von der Bäckerei um die Ecke. Er genoss bereits das Einkaufen: den Duft der verschiedenen Brotsorten, die Überlegung, welche Süßigkeit er denn gerade kaufen sollte, das kurze, aber herzliche Zwiegespräch mit der Bäckerin oder mit einer ihrer Töchter. Ein Ritual, das er um keinen Preis missen wollte. Das Telefon klingelte. Es war Liv, Eriks Schwester. Stolz berichtete sie von der bestandenen Prüfung als Physiotherapeutin. Drei harte Jahre lagen hinter Liv und ihrer Familie. Die Tätigkeit beim Steueramt hatte sie nie sonderlich befriedigt, weshalb sie die Plackerei der neuen Ausbildung auf sich genommen hatte. Marcos Geburt hatte diesen Wandel eingeleitet. Liv hatte sieben Monate nach der Geburt des Kleinen mit der Ausbildung begonnen. Erik liebte Marco wie einen Sohn. Er bedauerte es hin und wieder, dass er keine Kinder haben würde. Liv entschuldigte sich. Sie sei sich bewusst, dass sie für ihre Umwelt gegenwärtig nicht leicht zu ertragen sei. Nun melde sie sich eben wieder einmal. »Willkommen zurück auf der Erde«, brummte Erik. »Hast du nun Ferien? Oder kennt ihr bei den Physiotherapeutinnen so etwas nicht?«
Liv lachte: »Du hast recht, Semesterferien wie bei einem Universitätsstudium kennen wir nicht. Es geht für mich nach einer kurzen Pause mit der ersten Arbeitsstelle weiter. Anfang übernächster Woche fange ich in der St. Barbara-Klinik an. Darauf freue ich mich riesig. Ich liebe die Arbeit mit älteren Menschen. St. Barbara ist bekannt für seine Geriatrie- und Rehabilitationsabteilung. Die alten Menschen sind so dankbar für alles, was wir für sie tun. Irgendwie genießen sie das Leben bewusster als wir jungen«, schwärmte Liv, »im Alter lässt sich die eigene Endlichkeit wohl definitiv nicht mehr verdrängen.«
»Schon in meinem Alter nicht mehr«, frotzelte Erik. »Leider ist das Leben endlich, vor allem dann, wenn es einem gut geht.« Die Geschwister beendeten lachend das Gespräch. Nach dem Telefonat legte sich Erik auf sein frisch gemachtes Bett. Er startete eine CD der Mönche von Solesmes mit gregorianischen Chorälen und gab sich der Müdigkeit hin. Eriks Gedanken schweiften zum Sommer 1996 ab. Livs Geschichte, die am Anfang der turbulenten Ereignisse stand, rief sich in Erinnerung: sie, die unermüdliche Kämpferin gegen Unrecht und Ungleichheit. Livs Energie war schier unerschöpflich. Ihre Unbeherrschtheit ebenso. Ihre Energie war die Quelle ihres Erfolges, ihre Unbeherrschtheit versperrte ihr immer wieder den Weg dazu. Wenn sie von einer Sache überzeugt war, konnte Liv nichts und niemand aufhalten, auch wenn sie damit gegen Konventionen und Regeln verstieß. Dies war ihrer Karriere beim Steueramt nicht förderlich gewesen. Ohne Eriks Intervention im Sommer 1996 hätte sie ihre Arbeit sogar verloren. Die Mönche intonierten Salve festa dies. Die armen Mönche! Erik grinste. Dank der Wiederholungstaste würden sie stundenlang ihre Choräle singen müssen. Sollten sie doch weiter singen!
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Erik Hort ist fasziniert von der Welt der Superreichen. Doch als ihn ein Pharmaboss engagiert, blickt der junge schwule Anwalt hinter die Kulissen: Liebe, Erfolg, Rache – alles ist käuflich. Für „Global Players“ sind Recht und Moral bloße Themen für Pausengespräche. Bis Erik als Anwalt der Gerechtigkeit den Spieß umdreht. Aber lassen sich Kinderschänder, Ausbeuter in der Dritten Welt und korrupte Politiker so einfach stoppen? Eriks Strategie der „Verführung und Irreführung“ scheint Erfolg versprechend. Als jedoch einer seiner Vertrauten ermordet wird, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Erik muss um sein Leben und das seiner Lieben kämpfen.
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"'Alles ist käuflich' ist ja eine Binsenweisheit. Aber strick daraus mal einen spannenden Thriller! Der Schweizer Andri Cuort hat genau das gemacht. In einem raffiniert gewobenen Kosmos geht es um rechtspopulistische Politiker, die gegen Schwule hetzen und dann selbst beim schwulen Analsex gefilmt werden, damit man sie erpressen kann! Es geht um Kinderarmut, Krankheit, Liebe, Leid und Tod – die Spannweite ist riesig. Ein cleveres Werk mit drastischen Wendungen..." DU&ICH, Deutschlands schwules Magazin, Ausgabe Nr. 462, Juni/Juli 2009
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