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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Ich. Ein. Toter. Erzählt., Joachim Hausen
Joachim Hausen

Ich. Ein. Toter. Erzählt.



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                        Ich, Max


 


     Ich werde nicht gänzlich sterben; ein wesentlicher


     Teil meiner Selbst entgeht der Gruft.


                              Horaz, römischer Dichter


 


Ich bin allein. Ich bin einsam. Ich bin verlassen. Allein, einsam und verlassen liege ich in einem stinknormalen Zimmer des hiesigen Krankenhauses. Das Mittagessen schmeckt wie Katzenfutter. Die Krankenschwestern gefallen mir nicht – bis auf eine, ein hübsches Mädchen Anfang 20, das sein Blondhaar meistens zu zwei Zöpfen geflochten trägt.


Ich zähle zwar 66 Lenze, bin aber immer noch ein Mann. Mein schlanker Körper misst 1,82 Meter und funktioniert tadellos – bis auf das Herz. Dieses Organ stolpert unlustig vor sich hin. Ich vermute, dass es sich demnächst arbeitslos melden wird, eventuell bereits heute.


 


Das Gehirn hingegen arbeitet hervorragend, wie all die verflossenen Jahre. Ein Kurpfuscher äußerte sich nach der letzten Untersuchung begeistert. Null Anzeichen einer Demenz. Die Adern glatt wie ein Babypopo. Der Denkapparat läuft wie eine Atomuhr, präzise und fehlerfrei.


Ich bin total allein, total einsam, total verlassen.


Meine Frau Katrin starb vor acht Monaten. Herzschlag, behauptete damals die Ärztin.


Krasse Fehldiagnose. Null Ahnung. Dummes Gewäsch.


Katrin Hausmann konnte, genauer gesagt, wollte nicht mehr weiterleben, und zwar wegen ihres zerbrochenen Herzens und der zerschnittenen Seele.


Wie ich diese Aussage begründe?


Fünf Monate vor ihrem Paradiesgang erlitt ihr geliebter Sohn, unser Kind, in den Bergen der Sierra Nevada in Kalifornien einen tödlichen Motorradunfall. Der 39-jährige Oliver Hausmann besaß zum Glück weder Familie noch feste Freundin.


Zerschmetterte Mutter. Wehklagende Restfamilie.


Der Schmerz erfuhr vier Wochen später eine Steigerung. Unser zweiter Liebling – speziell der meiner Frau – den 16-jährigen getigerten Kater Leo mussten wir einschläfern lassen.


Böse Schicksalsschläge.


Meine Tochter Olivia, Olivers Zwillingsschwester, kommt heute Abend aus München, will mich morgen früh besuchen und eine Woche bleiben. Liebe Olivia. Das arme Kind. Der Schlag wird es treffen, falls es nur die Leiche seines Papas vorfindet.


Ich seufze. Meine Armbanduhr zeigt 16:23. Freitag, der 13. Oktober 2006. Der Volksmund rät, an solch einem Unglückstag im Bett zu bleiben. Kein Problem für mich, dem Ratschlag zu folgen. Ich schiele zum Fenster. Im grauen Tag schwimmen graue Wolken, die Regen weinen.


Ich weiß, dass der Tod im Empfangsraum der Ewigkeit geduldig wartet, bis sich mein Herz bei mir abmeldet und, in der Schlange der Arbeitslosen, bei ihm offiziell anmeldet.


Ich entsinne mich an Worte im Buch Sirach, die jemand um 2300 vor Christus niederschrieb: Von Urzeit her ist es bestimmt, Du musst sicherlich sterben.


Genau.


›Schade, ich hätte gerne noch 15 Jahre gelebt‹, sagt der Kerl in meinem Kopf, der mit mir ins Paradies der Ewigkeit einziehen wird – nehme ich jedenfalls an.


Fürchten Sie den Tod? Falls ja, lesen Sie unbedingt weiter. Falls nein, lesen Sie trotzdem meine Geschichte zu Ende. Sie werden überraschende, ungeahnte und – erfreuliche Erkenntnisse gewinnen.


Ich fürchte den Tod nicht. Warum auch.


Unwissende gaben ihm diesen unpassenden Namen. Seine korrekte Bezeichnung lautet jedoch: Wandler.


In der fast Unendlichkeit des Universums geht nichts verloren, überhaupt nichts, keine Energie, kein Atom. Jegliche Art von Materie – zu der auch der Mensch zählt – wird eines Tages aufgelöst, zurückverwandelt in einzelne Atome. Diese verbinden sich mit anderen und bilden, falls die Natur es will, neues Leben, zum Beispiel Grashalme, Weintrauben, Katzen oder – Menschen.


All die Atome der Milliarden Menschen, die einst auf der Erde lebten, existieren noch heute. Sie werden sich eines Tages eventuell mit denen Ihres oder meines Körpers vereinen und weiterhin bestehen, weiterleben – bis zum Ende des Universums.


Tröstlich. Fantastisch. Real.


Eine Ungewissheit quält mich jedoch gewaltig. Was geschieht mit dem Gehirninhalt, den Gefühlen, mit dem gespeicherten Wissen, den Erfahrungen, meinen Erlebnissen, den Erinnerungen im Lang- und Kurzzeitgedächtnis? Vernichtet der Tod, der Wandler, diese Aufzeichnungen, wie man die Daten einer Festplatte löscht?


Viele Menschen bejahen die Frage, andere verneinen sie. Ich stelle keine Vermutungen an. Antwort und die Beseitigung der Ungewissheit werde ich demnächst erfahren – glaube, hoffe ich jedenfalls. Bin echt gespannt. Der Typ in meinem Kopf ebenfalls.


Ich bedaure jetzt, dass ich Worten auf einem Papyrus um 1800 vor Christus nicht folgte: Feiere den frohen Tag und ruhe nicht an ihm: Denn siehe, niemand nimmt seine Güter mit sich, und noch keiner kehrte zurück, der dorthin gegangen.


Genau.


›Stimme voll zu‹, kommentiert mein Gehirnmitbewohner. ›Du hast versäumt, das Alltagsleben ereignisreicher zu gestalten, intensiver zu genießen.‹


»Hinterher ist man immer schlauer«, brumme ich. »Warum hast du mir keine entsprechenden Tipps gegeben?«


Schweigen.


Ich seufze und blicke erneut auf die Armbanduhr, 16:24. Die Zeit scheint eingefroren. Ich schließe die Augen. Das sterbenslangweilige Krankenzimmer und die eintönige Geräuschkulisse der Außenwelt versuchen, mich einzulullen.


Übergangslos – Stille. Totenstille?


Ich erschrecke wie nie zuvor im Leben. Ich höre zwar nicht den geringsten Laut – ich sehe aber!


Tumult, Hektik und Aufruhr in jeder Gehirnzelle. Rasendes Herz? Nein, funktioniert ja nicht, hat sich abgemeldet, ist arbeitslos. Ich weiß das.


Ich. Bin. Tot. Ausrufezeichen.


Nehme ich jedenfalls an.


Erstaunt sehe ich mich um. Ich erkenne die Umwelt schärfer und farbechter als früher. Toll! Ich freue mich.


Die Freude schlägt in grenzenlose Begeisterung um. Ich schwebe irgendwie und als Irgendetwas unter der Zimmerdecke und sehe auf Max Martin Hausmann hinab, auf mich. Wohlige Schauer huschen durch etwas, das ich zu Lebzeiten Nervenbahnen nannte. Mir scheißegal, um was es sich jetzt handelt. Meine Gefühlswelt und die Erinnerungen existieren weiterhin. Weltklasse!


Ich las mehrmals Artikel in Zeitschriften und sah Berichte im Fernsehen, in denen Menschen im Krankenhaus starben und von Ärzten wiederbelebt wurden. Die ins Leben Zurückgekehrten schilderten ihre Erlebnisse im Reich der Toten fast identisch. Einige sahen sich – wie ich jetzt – über dem Krankenbett schweben und beobachteten die hektischen Maßnahmen der Ärzte. Andere gingen in einem finsteren Tunnel auf ein strahlendes Licht zu. All diese gestorbenen und wiedererweckten Patienten berichteten, dass sie sich sehr, sehr wohl gefühlt, dass sie Zufriedenheit, Harmonie – Glück empfunden haben. Die letzte Aussage der Betroffenen nahm mir die Angst vor dem Tod: Keiner dieser Menschen wollte zurück, zurück in ihr Leben.


Was geschieht jetzt mit mir? Wie geht es weiter? Was soll ich unternehmen?


Ich, das heißt, der Körper liegt zugedeckt und mit geschlossenen Augen im Bett. Max Martin Hausmann lächelt. Unglaublich.


Ich zucke mit den Schultern. Funktioniert nicht. Klar doch, sie liegen unter mir im Bett.


Eine Tatsache weiß ich jetzt mit absoluter Gewissheit: Der Mensch, der Mann, der Rentner Max Martin Hausmann ist mausetot, wie der Volksmund sagt.


Und trotzdem lebt er – irgendwie. In welchem Aggregatzustand? Unbekannt. Eventuell stellt das schwebende Ding unter der Zimmerdecke meine Seele dar. Wäre doch möglich, oder?


Wann und wie taucht Gott auf? Existiert er überhaupt?


Plötzlich – Erkennen schwappt in mir hoch. Es gibt keinen Gott! Jedenfalls nicht in Gestalt, Form, im Wesen, wie ihn Menschen sich ausmalen. Gott stellt keine mit menschlichen Sinnen erfassbare Wesenheit dar, das bedeutet, weder ein materielles noch ein geistiges Lebewesen. Er offenbart sich in der Natur, im Universum. Er hält sich gleichzeitig überall auf, auch in einem Bakterium, einer Blüte, einer Krankenhausratte.


Menschen wollen jedoch einen begreifbaren Gott, einen mit menschlichen Eigenschaften. Sie wollen ihn persönlich ansprechen, zu ihm beten und um Hilfe anflehen. Das ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist nur, dass die Menschen im Sinne Gottes handeln, das heißt, Menschlichkeit walten lassen und die Natur respektieren.


Gott ist ALLES, alles Tote, alles Lebendige. Er umfasst das Universum und steckt in jedem Atom, und damit auch in jedem Menschen – in mir. Ermutigend.


Welche Rolle spielt der Wanderprediger Jesus, der Angehörige der revolutionären Sekte der Essener? Der Religionsgründer zählte zu einem der wenigen Menschen, der je auf der Erde lebte, der Gerechtigkeit, Selbstlosigkeit, Anspruchslosigkeit, Güte, Nächstenliebe und Edelmut — also alles, was einen Menschen ausmachen soll — nicht nur predigte, sondern auch vorlebte. Er wollte die Menschheit aus der Finsternis ins Licht der Menschlichkeit, der Erkenntnis führen – leider mehrheitlich erfolglos.


Bis auf den heutigen Tag brachten es die Verantwortlichen der katholischen Kirche, die sich die Kirche von Jesus Christus nennt und in seinem Namen agiert, nicht fertig, auch nur annähernd dessen Lehren und Ansichten zu beherzigen, geschweige denn vorzuleben.


Da muss mir doch jeder voll zustimmen.


Die Kirchenmänner, viele der Gläubigen und die Mehrheit der Menschen jagten und jagen gierig hinter nur einem Gott her – einem Konglomerat aus Geld, Macht und Sex.


Amen, hätte jetzt meine Katrin gesagt.


Der Kerl im Gehirn, der früher oft seinen Senf zu allem gab, schweigt. Wieso? Keine Ahnung. Ich nehme an, er ist echt tot.


Schauer durchrieseln meine Wesenheit.


Ich will die Uhrzeit wissen und spähe zum rechten Unterarm, der seitlich des leblosen Körpers liegt. Das Ziffernblatt der Uhr zeigt nach außen. Ich muss also die Position ändern. Gelingt mir das überhaupt?


Ich befehle dem Ding, das ich jetzt darstelle, zu sinken. Schwupps – schwebe ich zum gewünschten Standort. Feine Sache, keine Frage. Super!


Die Uhr lebt noch, 16:25. Schauderhaft. Wieso?


Der vor einer Minute lebende Mensch ist tot. Der tote Gegenstand Uhr arbeitet weiter, lebt also.


Ich nicke, natürlich imaginär. Ich lasse mein Ich aufsteigen. Ich absolviere etwas, das ich zu Lebzeiten Fahrstunde nannte. Ich stelle mich ungeschickt an. Hin und her und in Wellenbewegungen torkele ich in der Luft umher. Ich taumele auf die Außenwand zu. Fluchend latsche ich auf die Bremse. Zu spät. Ich stecke im Beton und sehe dicht vor mir ein Armierungseisen, spüre allerdings nichts. Ich befehle mir, den Rückwärtsgang reinzuhauen. Ich jubele, funktioniert prächtig.


Rasch lerne ich, geschickt und geradlinig zu fliegen. Im Gegensatz zu meinem Auto, das ich nur zweidimensional bewegen konnte, beherrsche ich in kurzer Zeit die dritte Dimension. Toll. Wunderbar. Herrlich.


Ich absolviere ein paar Probeflüge und – brettere durch die Zimmerwand in den Flur. Wir zuvor in der Außenwand spüre ich keinen Hauch Widerstand. Was sagt mir das? Klarer, logischer Fall. Ich bestehe nicht aus Materie. Punkt.


Ich schwirre ins Schwesternzimmer.


Freude überschwemmt das Ding, das ich bin. Die attraktive blonde Krankenschwester sitzt am Tisch und trinkt aus einer Wasserflasche.


Ich sinke tiefer. Ich bewundere den akkuraten Scheitel, den die Zöpfe bilden. Ich umrunde Schwester Lena. Sie sieht sehr, sehr süß aus. Zum Verlieben. Hätte ich noch ein Herz, würde es jetzt aufgeregt pochen. Besäße ich einen Bauch, würden dort Schmetterlinge auffliegen. Ich spüre allerdings ein angenehmes Ziehen und Wonnegefühle an einer Stelle meines Ich. Max Martin Hausmann lebt! Traumhaft!


Wann ich mich das letzte Mal verliebte? Mindestens zwölf Jahre her. Wann ich zuletzt Sex genießen durfte? Gebe ich nicht preis.


Unschlüssig, was ich unternehmen soll, schwebe ich aus dem Zimmer und sinke ins Erdgeschoss.


Ich bremse abrupt. Ich erstarre. Ein moduliertes Summen füllt mich aus. Ich lausche.


»Max Martin Hausmann«, wispert eine merkwürdige Stimme. »Das Glück fiel heute auf dich.«


»Wurde auch Zeit«, brumme ich. »Das Pech raubte mir fast die komplette Familie einschließlich Kater.«


»Du musst dein Glück pfleglich behandeln«, fuhr die Wisperstimme fort. »Dein Ich, das Selbst, der Inhalt des Großhirns, ballte sich in der Sekunde des Herzstillstands zu einem für Menschen unsichtbaren energetischen Gebilde und verließ das Gehirn. Die Funktionen des Klein- und Nachhirns benötigst du nicht. Diese steuern nur den Körper.«


Unbeschreibliche Gefühle füllen mich aus. Ich kreise unter der Decke eines Flures.


Die Stimme erläutert weiter: »Von der Sekunde deiner Auferstehung an, bleiben dir exakt fünf Minuten, um ein Säugetier zu finden und dein Ich, die neue Existenz in dessen Gehirn festzusetzen. Schaffst du es nicht, löst sich die Zusammenballung auf und wird Bestandteil der Energie in der Atmosphäre.«


Vollbremsung. Schwanken. Ich erstarre bis ins letzte Elektron. Ich nähere mich bereits der Auflösung, bildlich gesprochen. Ich sprudele x-Fragen heraus.


Die Wisperstimme bremst mich aus. »Du wirst nach der Installation im Gehirn deines Wirtes erkennen, was du unternehmen musst. Das Einnisten geschieht automatisch.«


»Wer bist du? Woher kommst du?«, will ich wissen.


Höre ich ein Kichern? Garantiert eine Sinnestäuschung.


»Ich lebe seit Jahrzehnten in dir. Nein, ich bin nicht der Kerl in deinem Kopf.«


Schwer verdauliche Kost. Jetzt aber keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Ich kreise. Aufatmen. Ich jage zur Uhr über den Aufzügen. Gütiger Gott! 16:27 Uhr. In zwei Minuten würde meine jetzige Existenz einen winzigen Beitrag zur Erderwärmung leisten – oder so.


Ich brauche unbedingt, sofort, augenblicklich ein Säugetier. Elektrische Schauer schütteln mich. Natürlich kommt nur ein Mensch in Frage. Was soll ich, Max Martin Hausmann, in einem Hund, einer Katze oder Krankenhausratte anfangen? Langweilig. Furchtbar. Undiskutabel.


Ich spähe den Gang entlang zur Eingangshalle. Dort gehen Leute ein und aus. Nichts wie hin!


Bevor ich Vollgas geben kann, tritt eine Frau aus einem der Aufzüge und schlendert Richtung Ausgang. Über der linken Schulter hängt eine Handtasche einer Nobelmarke. In der Hand trägt sie eine prall gefüllte weiße Plastiktasche mit dem Aufdruck Patienteneigentum.


Ich stutze. Soll ich, der Mann Max Martin Hausmann, im Gehirn einer Frau meine zweite Existenz beginnen?


Ich beäuge sie von hinten. Ich fege vor sie. Ich umkreise sie. Gepflegtes weibliches Säugetier. Apartes Gesicht. Nasenspitze einen Tick gekrümmt. Süß. Topp geschminkt. Attraktiv. Unter einer halblangen weinroten Windjacke trägt sie eine rote Bluse, in deren Ausschnitt ich den Ansatz des Busens erkenne. Könnte etwas fülliger sein. Relativ kurzer schwarzer Rock. Runder Hintern, für meinen Geschmack allerdings ein bisschen zu flach. Egal. Endlosbeine, wohlgeformt. Die Füße stecken in lackschwarzen Pumps mit halbhohen Absätzen. Alles dran, was ich mir an einer Frau wünsche – na ja, fast. Jetzt aber scheißegal. Säße ich in ihrem Kopf, würde ich sie/mich ohnehin nur im Spiegel sehen. Ich schätze sie auf Ende 20 und 1,70 Meter. Keine Zeit mehr, einen anderen Gastgeber zu suchen.


Erinnerungen aus meiner Jugend und dem besten Mannesalter quellen auf. Sie besagen, dass ich damals oft den Wunsch hegte – eine Frau zu sein.


Jetzt aber ran, Max Martin Hausmann, die Zeit rinnt.


Ich platziere mich mittig über dem Kopf mit langem nachtschwarzem Haar, das in einem Pferdeschwanz wippt. Absinken. Mühelos schlüpft das energetische Ich zwischen den Riesenlücken der Moleküle und Atome der Kopfhaut und Schädelknochen in meine zukünftige Heimstatt.


Wohin jetzt, Max? Wie in diesem Gehirn navigieren? Wie und wo mich einnisten? Die Worte der Wisperstimme fallen mir ein. Ich warte.


Hocherfreut stelle ich fest, dass sich die Energieballung auskennt. Praktische Einrichtung. Mein Ich, mein Selbst, meine Existenz installiert sich in einem unbenutzten Areal des Gehirns.


Ich weiß, dass es im Menschenhirn einige derartige Bereiche gibt, warum auch immer. Normalerweise arbeitet die Natur effizient. Sie verabscheut Energievergeudung und lässt nicht benutzte Körperteile verkümmern.


Ich stutze. Keine totale Dunkelheit, wie ich vermutete. Geheimnisvolles bläuliches Schimmern rundum, unterbrochen durch unregelmäßiges etwas helleres Aufblitzen. Ich verstehe. Es handelt sich um winzige elektrische Impulse, die durch die Nervenbahnen flitzen und an den Synapsen aufleuchten, nehme ich jedenfalls an.


Ich brumme enttäuscht vor mich hin, natürlich nicht real, nur äquivalente Signale meines importierten Gehirns. Angstgefühle schwappen hoch. Soll ich blind, taub, gefühllos und ohne Anbindung an die Wirtin jahrzehntelang hier hocken, bis sie stirbt? Unvorstellbar. Geht überhaupt nicht. Ein Unding.


Wie die beschissene Situation ändern? Warum schaltet sich die Wisperstimme nicht ein und beendet diese Trostlosigkeit, Ungewissheit, die Hoffnungslosigkeit?


Ich wünsche mir sehnlichst, dass mein Sehkomplex den Kontakt mit dem Sehzentrum im Hinterhauptlappen der Frau herstellt. Schauer rieseln in mir. Ein nanofeiner, oder sogar picofeiner, Energiefaden schießt aus der Zentrale, dem Hauptquartier, wie ich ab sofort meinen Aufenthaltsort nenne, erreicht besagtes Zentrum, fächert in weitere Fäden auf und dringt ein.


Ich jubele, als hätte ich im früheren Leben einen Sechser im Lotto ergattert. Klar und scharf nehme ich die Umgebung wahr, weitaus deutlicher als in den letzten 40 Jahren. Meine Fernbrille? Abgehakt.


Na also, geht doch! Elegante Lösung der Zentrale, ohne geringste Anstrengung meinerseits. Ich brauche nur Wünsche zu äußern und – zack – erfüllen sie sich. Supertoll.


Ich fordere eine Verbindung zum Gehörzentrum und den übrigen Gehirnregionen. Ich will die Komplettübernahme meiner neuen Frau, wie ich die Gastgeberin ab sofort nenne, will an ihren Gefühlen teilhaben, ihre Erinnerungen durchforsten, alles über sie wissen, die zweite Existenz mit ihr, durch sie erleben.


Klappt nicht. Scheiße! Ratlosigkeit. Ich konzentriere mich auf meinen Wunsch. Ich bitte, flehe, bettele. Null Reaktion. Was jetzt, Max?


Die Frau wirft die Plastiktasche auf die Rücksitze eines knallroten 3er BMW und steigt ein. Toll! Sie verfügt offenbar über einen gewissen Wohlstand. Glück gehabt, Max Martin Hausmann. Ein Leben in einer Hartz IV Empfängerin – unattraktiv, entsetzlich, total langweilig.


Sie legt den Gurt an und fährt los.


Erkenntnis sickert in mein Gehirn, wie ich die eingenistete Energieballung, das Hauptquartier, die Zentrale des toten Mannes Max Martin Hausmann, auch weiterhin bezeichnen werde. Eine Erkenntnis, die logisch erscheint. Ich vermute, dass die schlagartige Übernahme des restlichen Frauengehirns Verwirrung darin erzeugen könnte, Unkonzentriertheit, Unaufmerksamkeit, äußerst gefährlich in einem fahrenden Auto.


Ich lobe die Logik des Hauptquartiers. Sehr um mein Wohlergehen besorgt und – das meiner neuen Frau natürlich.


Sie fährt an der Innenstadt vorbei und die Ensheimer Straße hoch, die in südwestliche Richtung führt. Aha, sie wohnt vermutlich im sogenannten Südviertel, in dem auch mein Reihenhaus steht.


Entschuldigung! Vergaß zu erwähnen, wo ich lebe – lebte. Die Stadt heißt St. Ingbert, eine Mittelstadt im Saarland mit eigenem Autokennzeichen, ungefähr 15 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Saarbrücken, also nahe an der Grenze zu Frankreich. Früher gab es hier eine Brauerei namens Becker, die 1998 an die Karlsberg Brauerei im benachbarten Homburg verkauft wurde. Das 42 Meter hohe ehemalige Sudhaus, Beckerturm genannt, bildet eines der Wahrzeichen der Stadt. Nette Fußgängerzone. Ein Kino mit zwei Sälen. Ein paar ansprechende Restaurants und Kneipen.


Das Saarland, die Landeshauptstadt und St. Ingbert lohnen einen Besuch, am besten im Sommer. Französisches Flair, besonders die Lokale und Kneipen betreffend. Leckeres Essen. Klasse Bier. Na ja, Max Martin Hausmann, jetzt reicht’s aber. Treibst da kostenlose Werbung.


Der BMW biegt rechts in die Preußenstraße und stoppt in einer benachbarten Straße vor einem dunkelgrünen eisernen Gittertor. Meine Wirtin öffnet es mit einer Fernbedienung, es rollt nach links. Das Tor der Doppelgarage gleitet hoch.


Donnerwetter! Bei Spaziergängen bewunderten Katrin und ich stets dieses Prachthaus auf dem parkähnlichen Grundstück, das an den Schmelzerwald grenzt. Volltreffer! Eine Tatsache scheint gewiss: auf Nimmerwiedersehen bescheidenes Rentnerdasein. Jubelszenen in der Zentrale.


Kein zweites Fahrzeug in der Garage.


Die Frau packt die Handtasche und steigt aus. Neben der feuerfesten Stahltür in der linken Wand tippt sie vier Ziffern in das Tastenfeld der Alarmanlage und legt den danebenliegenden Schalter um. Das Segmenttor der Garage senkt sich. Sie öffnet die Tür, die sich selbsttätig schließt, schiebt einen Riegel vor, durchquert den Waschraum, geht einen kurzen zartgelb gestrichenen Flur entlang und betritt durch eine undurchsichtige grün schimmernde Glastür den Wohnraum.


Sie streift die Schuhe ab, wirft Jacke und Handtasche auf einen lederbezogenen Ohrensessel und eilt zu einer Anrichte aus dem Holz einer Wildkirsche. Sie packt eine der fünf Kristallkaraffen und gießt zwei fingerbreit eines zartbraunen Getränkes in ein schmales Glas mit dickem Boden. Ich lese auf dem Messingschildchen am Karaffenhals: Grappa.


Die Frau sinkt aufs Sofa. Ich bewundere das weinrote handschuhweiche Leder. Meine Wirtin seufzt und trinkt zwei Schlucke. Sie schnäuzt in ein Papiertaschentuch. Vermutlich liegt die Mutter oder der Vater im Krankenhaus.


Ich rüste zur Übernahme meiner neuen Frau. Ich befehle dem Hauptquartier die komplette Anbindung an das Gasthirn. Ich staune. Zahlreiche Energiefäden schießen in alle Richtungen. Die Zentrale lagert den Inhalt des Kurz- und Langzeitgedächtnisses in einen benachbarten leeren Gehirnbereich aus, Dependancen sozusagen. Toll!


Schlagartig stürzen die Umweltgeräusche und vielerlei Gerüche auf mich ein. Hurra! Ich lebe wieder. Der tote Mann Max Martin Hausmann existiert.


Meine Gastgeberin wankt. Sie stöhnt. Sie greift mit den Händen an den Kopf. Sie sinkt zurück. »Gütiger Gott!«, murmelt sie. »Was ist jetzt los? Schwindel. Das Zimmer dreht sich. Farbige Schleier tanzen vor den Augen. Zum Glück passierte das nicht auf der Autofahrt.«


Ich danke der Zentrale für die vorausschauende Planung.


Die Frau schüttelt sich, schnauft und atmet tief ein und aus. Sie setzt sich aufrecht und leert das Glas.


Angenehme, mir bekannte, Gefühle in meinem Gehirn. Ich forsche in ihrem Gedächtnisspeicher. Ich zucke zurück. Legionen von Informationen strömen ins Hauptquartier. Ich bringe Ordnung in die Datenflut.


Meine Frau heißt Lorena Becker, ist 30 Jahre alt und arbeitet von acht bis zwölf Uhr in der Kreditabteilung der hiesigen Kreissparkasse.


Ihre 63-jährige Mutter erlitt um die Mittagszeit einen Gehirnschlag und starb zwei Stunden später im Krankenhaus. Der Vater erlag vor elf Monaten, im Alter von 67 Jahren, einem Scheusal namens Magenkrebs. Keine Geschwister.


Traurige Geschichte. Bedauernswerte Tochter.


Die jetzt elternlose Lorena stellt das Glas auf der Glasplatte des Tischchens aus gebürstetem Edelstahl ab.


Ich staune.


Frau Becker – lächelt. »Endlich ist die Hexe in die Hölle gefahren«, sagt sie leise. »Nun kommt mir ihr unerträglicher Geiz zugute. Ich erbe nicht nur das Haus und den Schmuck, sondern auch eine hübsche Menge Bargeld, Wertpapiere und Papas 50 Krüger-Rand-Münzen.«


Ich freue mich. Goldene Zukunftsaussichten im Wohlstand gaukeln durch die okkupierten Gehirnzellen.


Meine reiche Frau schnappt Schuhe und Jacke, erhebt sich, durchquert das geschmackvoll eingerichtete Wohn-, Esszimmer und betritt durch eine weitere Glastür die Diele mit der Garderobe. Den Fußboden bedecken, wie im Wohn-, Essraum und der Küche mit der offen stehenden Glasschiebetür, pfirsichfarbene Terrakottaplatten. Hübsch. Gefällt mir.


Sie stellt die Schuhe ab, schlüpft in schwarze Slipper, hängt die Jacke auf und marschiert in die Küche. Heiliger Strohsack! Eine Traumküche. Meine Katrin, alle Götter seien ihrer Seele gnädig, wäre vor Neid geplatzt. Arme, arme Katrin, unser armer Sohn, meine arme Olivia, der arme Kater.


Ich runzele die nicht vorhandene Stirn. Die Zentrale bebt. Was wäre – wenn sie ebenfalls in einem Gasthirn hockt? Falls ja, bestünde eventuell die Chance, dass meine Wirtin Katrins Gastgeber/in trifft. Das Ehepaar Hausmann könnte plaudern, Erfahrungen austauschen und platonische Freundschaft pflegen. Traumhafte Aussicht, falls ...


Lorena füllt die Hälfte eines Glases mit Leitungswasser und leert es.


Meine erste Frau und ich tranken es ebenfalls. St. Ingbert besitzt hervorragendes kalkfreies Grundwasser. Weitaus besser, und natürlich preiswerter, als die fade Brühe in den PET-Flaschen.


Der graue, jetzt regenlose, Tag schaut durchs vorhanglose Küchenfenster. Ich bewundere den mannshohen chinesischen Bambus im liebevoll angelegten Vorgarten. Meine Frau scheint die Natur zu lieben. Finde ich sehr sympathisch.


 


                   Ich, Lorena


 


Es ist nicht erstaunlicher, zweimal geboren zu werden


als einmal. Alles in der Natur ist Auferstehung.


                                            Voltaire


 


                         1


 


Ich erschrak. Die Haustür klappte. Ein Mann, ein schmächtiger Typ, den ich auf maximal 1,75 Meter schätzte, betrat die Küche. Er trug einen mittelgrauen Businessanzug und ein weißes Hemd mit offenem Kragenknopf. Die dunkelrote Krawatte flaggte halbmast. Der Kerl lächelte.


Lorena blickte zur Funkuhr über der Küchentür, 17:16. Sie lächelte ebenfalls. »Heute bist du aber früh dran, Schatz. Ich freue mich. Wir machen uns jetzt frisch und ich lade dich in den Goldenen Stern ein. Wir verdrücken das teuerste Essen und trinken den edelsten Wein.«


Der Mann riss die Augen auf und umarmte sie. »Was gibt es zu feiern?«


»Die Hexe namens Mutter liegt auf einem Grillrost in der Hölle. Ich werde demnächst das Erbe einstreichen.«


»Donnerwetter! Welch frohe Botschaft. Ich konnte die Giftschlange noch nie ausstehen.«


Sie lachten und küssten sich – innig.


Erdbeben im Hauptquartier. Aufruhr in allen Zellen. Ekelschauer in jedem Atom. O Gott, o Gott! Eine nasse Männerzunge wühlte in Lorenas Mund herum, das heißt – auch in meinem, im Mund des heterosexuellen Mannes Max Martin Hausmann. Durch die Integration in ihrem Gehirn stellten wir einen Menschen dar, eine Einheit aus Frau und Mann.


Fieberhaft versuchte ich, die Verbindungen zu den Nerven der Mundhöhle, der Zunge und dem Gefühlszentrum zu kappen.


Totaler Misserfolg. Null Ahnung wieso. Scheiße!


Die Möglichkeit, mich in einer Frau mit einem Partner zu integrieren und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, hatte ich nicht bedacht. Böser Fehler! Ich hatte jedoch wegen der fehlenden Zeit überhaupt keine andere Wahl, außerdem wollte ich nicht nochmals das Leben eines Mannes führen, kannte ich in- und auswendig. Ich wünschte mir, eine Frau zu sein. Basta!


Die Gründe? Ich wollte, unter anderem, am Liebesleben einer Frau teilhaben. Punkt. In meinem Männerleben hörte und las ich, dass Frauen Sex intensiver und die Orgasmen rauschhafter und erfüllender erleben als Männer. Außerdem kann eine Frau mehrere Höhepunkte kurz hintereinander genießen und die Liebesspiele wesentlich länger ausdehnen, falls sie über einen entsprechenden Partner verfügt. Diese Tatsachen hatten mich maßgeblich zu meiner Entscheidung bewogen.


Jetzt hatte ich den Salat, wie Katrin ab und zu sagte. Musste damit leben. »Jedenfalls weitaus besser, als echt tot zu sein«, beschwichtigte ich die aufgewühlte Zentrale.


Ich kannte das erwähnte Restaurant. Ansprechendes Ambiente. Aufmerksame Bedienungen. Klasse Essen. Gehobener Laden. Entsprechende Preise. Meine Katrin und ich hatten dort ein paar Mal gespeist.


Lorena/ich genoss zunächst prickelnden Champagner, und zwar der Marke Krug. Keine Vorspeise. Ich labte mich am saftigen Rinderfilet mit frischen Champignons, den Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln, Gemüse und vier verschiedenen Salaten. Ein weicher, wunderbar duftender Burgunder der Lage Santenay schmeichelte Lorenas Geschmacksnerven, das heißt, auch meinem Empfindungszentrum. Köstlich! Espresso rundete das Essen ab.


Harmonischer Abend des Ehepaares Becker.


Gegen 22:30 Uhr hüpfte ein nacktes Paar ins Ehebett.


Tolles Schlafzimmer. Edler Holzfußboden. Vanillefarben abgetönter Rollputz an Decke und Wänden. Doppelbett, die Bank am Fußende, Nachttische, ein kleiner Kleiderschrank, eine hüft- und eine brusthohe Kommode bestanden aus Pinienholz. Vier raumhohe Schiebetüren, komplett verspiegelt, beherrschten die Wand gegenüber dem Bett.


Ich schüttelte mich – gedanklich. Warum hatte Lorena solch einen mickrigen, jetzt 42-jährigen, Kerl geheiratet? Blasse Haut. Muskulatur – kaum vorhanden. Schmales Gesicht. Markantes Kinn. Treudoofer Hundeblick der braunen Augen. Fingerlanges, dünnes dunkelbraunes Haar mit sogenannten Geheimratsecken. Na ja, verstehe einer die Geschmäcker der Frauen.


Durch meine Recherchen wusste ich allerdings, dass Herbert dieses Prachthaus und massenhaft Bargeld, Gold und Wertpapiere in die Ehe eingebracht hatte, mehrheitlich die Erbmasse seiner an Brustkrebs verstorbenen ersten Frau Siggi. Hervorragend.


Leidenschaftliche Küsse. Kamen natürlich voll bei mir an. Brr. Ekelig. Scheußlich.


»Hoffentlich legen sie gleich los«, sagte ich zu mir. Ich fieberte dem Geschlechtsverkehr entgegen, wollte endlich Lorenas Liebesleben mitgenießen. Bald würde sich zeigen, ob meine Träume und die Theorien der Praxis entsprachen.


Herbert streichelte die Brüste seiner Frau, küsste sie und knabberte an den Warzen. Meine Frau genoss und kam in Fahrt, und wie. Und ich? Ich fuhr mit. Wieso?


In der Gefühlsabteilung der Zentrale existierte exakt der gleiche Bereich wie in Lorenas Gehirn. Im vorherigen Leben hatte er brach gelegen, na klar, ich besaß ja damals keine Frauenbrüste – aber jetzt.


Die Lustwellen sprangen mich wie eine Springflut an. Toll. Erregend. Aufpeitschend. Ich hätte mich an den Wonnen weitaus intensiver begeistert, hätten nicht ein Männermund und Bartstoppel das Vergnügen getrübt.


Lorena packte den Penis. Keine Offenbarung. Hoffentlich konnte er meiner Frau/mir Hochgenüsse verschaffen und – vor allem – Standhaftigkeit beweisen.


Die linke Männerhand schmeichelte sich zwischen ihre/meine Oberschenkel. Finger brachten das Hauptquartier zum Kochen, leider Männerfinger. Gruselig.


Lorena wand sich, stöhnte, ging voll ab.


Ich mit ihr, was denn sonst.


»Weitermachen, nicht aufhören«, flüsterte sie.


Der Kerl machte weiter. Gott sei Dank.


Köstlichste Gefühle überschwemmten mich, wusste gar nicht mehr, wann ich zuletzt ähnliche genossen hatte. Aufwühlend. Heiß. Die Verwöhnarbeit trieb sie in die Raserei – und mich. Spitzenmäßig. Furios. Himmlisch.


Lorena wimmerte, gurrte, keuchte und stieß mit dem Becken nach. Ein Tsunami reinster Wollust rollte heran, schleuderte sie höher, immer höher, fegte durch ihr Gefühls- und Sexualzentrum, an denen ich klebte wie Messing an einem Türgriff. Selten zuvor erlebt. Hammermäßig.


Sie schrie. Ich im Gleichklang mit ihr – intern. Doppelte Befriedigung. Wieso? Mein eigenes Sexualzentrum hockte nach wie vor in den Gebieten des zentralen Nervensystems, das man mir mitgegeben hatte, und besaß eine Anbindung an Lorenas Gefühlsregionen. Superb, wie wir Saarländer ab und zu sagen.


Lediglich der Wermutstropfen Mann vergällte mir die Köstlichkeiten, zum Glück nicht allzu sehr.


Das Ehepaar umarmte sich.


»Hat es dir ein bisschen gefallen, Täubchen?«, säuselte der Ehemann in ihr/mein Ohr.


»O ja, tolle Vorspeise«, flüsterte das Täubchen.


Oh je. Wilde Küsse. Furchtbar. Sie sollten die Scheißküsserei unterlassen und zum Hauptgang übergehen.


Meine Lorena erhörte mich. »Und jetzt, Liebster, serviere ich den Hauptgang«, wisperte sie in ein Ohr, ein etwas zu groß geratenes. »Zur Feier des Tages erfülle ich deinen Lieblingswunsch.«


Jubel toste durchs Hauptquartier.


Herbert hechelte wie eine Rotte Bluthunde.


Ich hechelte mit. Na endlich. Hoffentlich stand er seinen Mann und würde nicht nach drei, vier Minuten abschlaffen. Die Zentrale, ich fieberte dem Top Event des Tages, ach was sage ich da, der letzten Jahre entgegen.


Lorena drehte sich auf die rechte Seite und streckte dem Kerl den Po hin.


Hervorragende Idee, dachte ich. Sie will es von hinten genießen. Da wälzt sich der Typ auch nicht auf ihr, sprich mir, herum und ich werde vom Anblick seiner Magerbrust und des langweiligen Gesichtes verschont.


Er führte einen Arm unter ihrem Oberkörper durch und die Hand massierte die Brüste. Herrliche Gefühlsschauer. Gefiel mir. Zum Glück besaß er keine raue Handfläche. Die Linke schmeichelte sich zur Scham. Erregend. Berauschend. Fetzig. Ich fieberte den Hochgenüssen entgegen.


Der Kerl drang vor und legte los. Toll. Echt aufwühlend.


Da ich natürlich im vorherigen Leben keine Vagina besessen hatte, quollen zwar unbekannte, aber rauschhafte Gefühle in mir hoch, huschten über Nervenbahnen und füllten mein Gehirn mit Glitzersternen. Wie in der Magmakammer eines Vulkans kochte Lava im Hauptquartier. Irre. Umwerfend. Topp!


Lorena gurrte und girrte, quiekte und stöhnte. Aufbäumen. Fantastisch! Ein leiser Schrei. Mitreißend. Supertoll. Göttlich. So konnte es weitergehen. Garantiert würden weitere Hochgenüsse folgen – hoffte ich. Der Traum, der jahrelange Wunschtraum des toten Mannes Max Martin Hausmann näherte sich der Erfüllung – falls der Kerl durchhielt.


Meine Frau schnaubte, schnaufte und entspannte. Normal. Sicherlich rüstete sie zur zweiten Runde. Ich jubelte.


Unerwartet, ich wollte, konnte es nicht glauben, verließ Herbert die Stätte der Hochgenüsse, das Paradies der Liebe, der Glückseligkeit. Frechheit. Was plante der Depp?


Die Antwort ließ mich erschauern, leider nicht vor Lust.


Die Linke des Vollidioten stellte die Verwöhnarbeit ein, einfach so. Scheiße! Aber – welche Freude – die Rettung nahte.


Lorena gedachte offensichtlich nicht, auf ihre Wonnen zu verzichten. Eine feste und doch zarte Frauenhand setzte den Genussreigen fort. Ein Gedicht. Sie beherrschte die Wonnetätigkeit weitaus besser, gekonnter und erregender als die Männerhand. Ich pries die Liebesgöttin Inanna.


Wohlfühlschauer in allen Zellen. Haargenau so hatte ich mir das Liebeserlebnis einer Frau ausgemalt. Ich fieberte weiteren Lustgewinnen entgegen. Ich schwebte in höheren Sphären.


Ich stürzte brutal ab.


Die Lustwogen verwandelten sich in peitschende Wellen der Bestürzung, der Fassungslosigkeit, des Schreckens, rissen Panikfelsen los, die mich zu zerschmettern drohten.


 


Was soll ich sagen, wie das Entsetzen, den Horror, das Armageddon beschreiben? Grau-en-haft!


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