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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Flieg, wenn du kannst!, Heiner Graf
Heiner Graf

Flieg, wenn du kannst!



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I. 31. März 2017 Grafrath, Jesenwang Er lag hilflos im Kofferraum des eigenen Wagens. Ein höllischer Schmerz brannte sich an seinen Handgelenken durch die Haut ins Fleisch. Die Kunststoffriemen schnitten seine Haut auf. Anstatt den viel zu eng sitzenden Kabelbinder durch einen weniger stark angezogenen zu ersetzen, hatten sie ihm noch einen zweiten dazu gemacht. Was hatten sie vor? Seine Gedanken überschlugen sich. Während das Auto langsam dahinrollte, zwang er sich, konzentriert nachzudenken. Welche Chance hatte er? Schreien war unmöglich. Das Klebeband auf seinem Mund erstickte jeden Laut. Mit seinen Füßen hatte er bereits gegen die Wände seines engen Gefängnisses geschlagen, aber sie waren zu gut gedämmt. Niemand würde sein Trommeln hören. Der Wagen hielt kurz an, bog nach links ab, gleich darauf nach rechts. Er fuhr langsam. Seine einzige Chance wäre eine Polizeistreife, schoss es ihm durch den Kopf, der das vorsichtig fahrende Auto auffallen könnte. Eine Polizeikontrolle! Er wünschte sich mit der ganzen Kraft seiner Gedanken zum ersten Mal in seinem Leben eine Polizeikontrolle und sehnte sich nach den Worten eines Polizisten, der ruhig und konzentriert sagte: »Fahrzeugkontrolle. Die Papiere bitte!« Die beiden hätten dann ein Problem. Sie wussten nicht, wo er den Fahrzeugschein aufbewahrte. Dann könnte er sich bemerkbar machen. Der Polizist würde ihn hören und aus seinem Kofferraum befreien. Nichts dergleichen geschah. Das Auto fuhr eine leichte Rechtskurve, unmittelbar darauf eine leichte Linkskurve. Der Ortsausgang mit der Verkehrsinsel, ahnte er. Bremsen! Linkskurve! Beschleunigen! Bremsen! Starke Rechtskurve! Der Wagen rollte nun lautlos auf Gras. Er wusste, wo er war, als der Wagen anhielt. “Die Polizei!“, dachte er wieder und wieder. “Warum bemerkt die Polizei nicht, dass hier mitten in der Nacht ein Fahrzeug auf dem Rollfeld des Flugplatzes steht?“ Seine Augen waren inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Deshalb erkannte er sofort, nachdem sie ihn grob aus dem Fahrzeug geholt hatten, dass aus seiner Cessna drei Sitze ausgebaut waren und neben dem Auto im Gras lagen. Er liebte seine Cessna. Aber jetzt wollte er nicht hinein. Sie fesselten nun auch seine Beine, schleppten ihn zur Tür und hoben ihn keuchend ins Flugzeug. Was soll das alles? Für seine Entführung brauchen sie doch die Sitze nicht auszubauen. Er hörte, wie der Mann hastig die Flugzeugsitze ins Auto packte und dabei unsanft ein paar Dellen und Kratzer im Lack verursachte. Dann fuhr er weg. Kurz darauf war er zu fuß wieder da. Die Frau stieg ein und setzte sich schräg hinten auf den Boden. Ihr Begleiter entfernte gekonnt die Windsicherungen am Flugzeug. Der Gefesselte wand sich auf dem Boden und versuchte mit der ganzen Kraft, die er noch hatte, die Kabelbinder zu zerreißen. Schweiß lief ihm in die Augen, aber es gelang ihm nicht, die Fesseln zu sprengen. Der Versuch verstärkte nur die Schmerzen. Er wollte um Hilfe rufen, aber das Klebeband erstickte jeden herausgepressten Laut. Es drückte seine Lippen so fest zusammen, dass kein Schrei daraus entweichen konnte. »Komm nochmal raus«, flüsterte der Mann seiner Komplizin zu. Draußen legte er ihr einen Gurt an, wie er aus den Augenwinkeln erkennen konnte. Dann kletterte sie zurück ins Flugzeug. Die Tür wurde geschlossen und der Begleiter kam auf der Pilotenseite herein. Dem Gefesselten auf dem Boden wurde klar, der Mann kannte sich aus. Fachmännisch startete dieser die Cessna. “Warum hört das niemand? Der Lärm muss doch bis ins Dorf zu hören sein?“, dachte er verzweifelt. Wütend und voll Hass starrte er in die Augen der Frau. Sie leuchtete mit einer starken Taschenlampe die Startbahn aus, nach einigem Rumpeln erhob sich seine Cessna weich in die Luft und war in ihrem Element. Sanft brummend schwebte sie nach oben. Voller Angst und Entsetzen wurde ihm klar, was die beiden vorhatten. Das vertraute Geräusch des Motors erinnerte ihn an seine früheren Flüge. Glückliche. Stolze. Die in ihm brodelnde Panik ließ ihn jedes Zeitgefühl vergessen. Wie lange flogen sie schon? Zwei Minuten? Zehn Minuten? In seiner Ausbildung hatte er gelernt, mit Panik umzugehen, auch mit Todesangst. Im Training hatte er das immer gut im Griff gehabt. Aber das hier, das war kein Training. Diesmal war es Realität. Das wurde ihm klar. Mit einem heftigen Schlag an die Tragfläche und einem lauten Knall öffnete die Frau die rechte Tür. Der Motor war nun dröhnend zu hören und die eiskalte Luft nahm ihm den Atem. Die Frau versuchte, ihn über den unteren Rand der Tür zu zerren, aber er machte sich steif und verkeilte sich so gut es ging in den Sitzschienen. So sehr sie sich auch anstrengte, sie schaffte es nicht, seinen sperrigen, schweren Körper über den Rand zu schieben. Triumphierend blickte er sie an. Der Pilot wurde nervös. Er flog eine Rechtskurve. Als sie den Taser aus ihrer Anoraktasche holte, begann der Gefesselte wie verrückt, unter dem Klebeband auf seinem Mund zu brüllen. Die Frau bückte sich zu ihm. »Ich kriege dich hier raus! Ganz sicher!«, keuchte sie ihm ins Ohr. »Fahr‘ zur Hölle!« Dann bäumte sich sein Körper auf. Er fühlte den Schmerz des Stromstoßes von den Zehen bis in die Kopfhaut. Tausend Schlangen bissen gleichzeitig zu und lähmten schlagartig seinen gefesselten Körper. Hilflos musste er zusehen, wie ihm diese zierliche Frau unbarmherzig und grob die leblosen Beine auf die Brust drückte und seinen widerstandslosen Körper in Richtung Tür rollte. Der Luftzug war nun heftig und kalt zu spüren, als sein Kopf hinausragte. Die vorbeiströmende Luft zerrte an seinem Nacken. In Todesangst hoffte er, sie würde aufhören, aber sie schob ihn immer weiter hinaus in die laute, stürmische, bitter kalte Nacht, bis er durch einen letzten, kaltherzigen Tritt von ihr das Übergewicht bekam. »Flieg, wenn du kannst!«, übertönte sie den Lärm des Motors, als er hinausstürzte. Schmerzhaft schlug er mit dem Kopf an der Radabdeckung auf und taumelte in die Dunkelheit. Der Sturz beschleunigte sich rasant. Er überschlug sich und fiel und fiel. Das Gefühl für Oben und Unten war jäh verschwunden. Er fühlte sich schwerelos. Ein grausamer Sturm spielte mit seinem gefesselten, vom Taser gelähmten Körper und zerrte wild an seiner flatternden Kleidung. Nur sein Gehirn funktionierte noch. Es schäumte vor Adrenalin. Er fühlte die eisige Kälte beim Trudeln stechend im Gesicht, am Kopf, an den Händen und am rechten Fuß. Mit rasender Geschwindigkeit stürzte er in der Finsternis auf die Erde zu. Der Sturm riss ihm den Klebestreifen aus dem Gesicht. “Anhalten!“ Der Wunsch explodierte in seinem Kopf. »Anhalten!«, brüllte er verzweifelt in die Nacht. »Anhal-« Den gewaltigen Aufschlag spürte er nicht mehr.   II. 7. Mai 1976 Argentinien, El Timbó nördlich von San Miguel de Tucumán »Vergiss bitte nicht, mir mein Geschirrspülmittel mitzubringen!«, rief Carlotta García ihrer Tochter nach, als diese das Haus verließ und zur Bushaltestelle eilte. Die kleine Leonie hatte Daniela mit einem Tragetuch auf den Rücken gebunden. »Natürlich!«, rief Daniela zurück. »Und richte Stefano aus, wenn er nach Hause kommt, soll er noch mit Leonardo zum Friseur gehen. Ich komme mit dem Bus um sieben Uhr wieder zurück.« »Mach‘ ich! Bis heute Abend!« Carlotta begann, das Geschirr vom Mittagessen abzuräumen, machte Wasser zum Abspülen heiß und gab den letzten Rest ihres Spülmittels hinein. Ihr vierjähriger Enkel Leonardo hatte sich im Garten in den Schatten gesetzt und sein Lieblingsspielzeug neben sich gelegt: einen großen, aufgepumpten Schlauch aus einem Lastwagenreifen, auf dem er gerne herum hüpfte, oder einfach nur darauf lag und ein bisschen döste. Sein Vater Stefano hatte ihn von der Autowerkstatt mitgebracht, in der er beschäftigt war. Er hatte sogar das lange, gebogene Ventil am Schlauch ausgeschnitten und ein kleines Ventil auf das Loch geklebt, damit sich Leonardo nicht so leicht daran verletzten konnte. Als sie mit dem Abspülen fertig war und das Geschirr aufgeräumt hatte, setzte sich Carlotta ebenfalls in den Schatten und drehte sich eine Zigarette. Ihre Füße schmerzten, deshalb schob sie sich einen Gartenstuhl zurecht und legte sie hoch. Zufrieden schloss sie die Augen. Ihr Gesicht war braun gebrannt, immer noch schön trotz der vielen Falten um ihre wachen, fröhlichen Augen, allerdings nicht mehr von schwarzen, sondern von weißen, lockigen Haaren eingerahmt. An ihren Hüften hatten sich ein paar kleinere Jahresringe festgesetzt. Hier in ihrem kleinen Reich war sie absolut glücklich. Sie liebte ihren Garten und ihr kleines Häuschen, das auch noch Platz für die Familie ihrer Tochter bot. Ihr quirliger Enkel Leonardo hielt sie gehörig auf Trab mit seinen Ideen. Erst gestern hatte sie beinahe wieder einen Herzstillstand bekommen mit ihm. Ihr Mann Egidio hatte vergessen, die Leiter aufzuräumen, als er die Dachrinne sauber gemacht hatte. Leonardo und sein gleichaltriger Freund Enzo aus der Nachbarschaft spielten im Garten. Irgendwann erschien es Carlotta verdächtig ruhig um die beiden. Als sie einen Blick aus dem Fenster warf, waren die beiden verschwunden. Sie ging hinaus, um nachzusehen, konnte die beiden aber nirgends entdecken. Aufgeregt lief sie um das Haus herum, aber die zwei waren nicht zu sehen. Bis ihr Blick durch helles Kinderlachen auf das Dach gelenkt wurde. Da saßen sie auf dem First wie auf einem riesigen Pferd und blickten in die Ferne. Carlotta zwang sich, ruhig zu bleiben und half den Jungen, wieder herunterzukommen. Erst als sie vor ihr die letzte Sprosse von der Leiter heruntergestiegen waren, brach der Schreck lauthals und wortreich aus ihr heraus. Das war einer der Momente, in denen sie das Alter nicht spürte und das Gefühl hatte, ihre Enkel hielten sie jung. Vor einem Jahr war die kleine hübsche Leonie dazu gekommen, was für Carlotta noch etwas mehr Arbeit bedeutete. Aber sie liebte diese Aufgaben als Großmutter. Sie gaben ihr das Gefühl, noch einen wichtigen Beitrag in dieser Gemeinschaft leisten zu können. Für alle in der Familie war sie mit ihrem herzlichen, ausgleichenden Wesen das liebevolle Zentrum. Und bald würde ihr Mann Egidio in Rente gehen, dann wäre er endlich den ganzen Tag zu Hause und könnte ihr die eine oder andere Arbeit abnehmen. Es hatten sich schon eine ganze Reihe von kleineren Reparaturen angesammelt, die Egidio jedoch immer auf seine baldige Rente verschob, wenn sie ihn vorsichtig daran erinnerte. Selbst nach über 40 Jahren ihrer Ehe schaffte es Carlotta nie, ihm böse zu sein über seine großen und kleinen, liebenswerten Macken. Auch wenn diese sie manchmal an den Rand der Verzweiflung brachten, wurde sie stets von seinem schelmischen Blick, in dem immer noch die alte, tiefe Liebe zwischen ihnen weilte, besänftigt. Entspannt blies sie den blauen Rauch in die Luft, sah durch das Grün der Büsche die Berge dunkel im Hintergrund durchschimmern und genoss die Ruhe in ihrem Garten, das Zwitschern der Vögel und die wohltuende Wärme. Die Sonne meinte es heute noch einmal richtig gut mit ihnen an diesem leuchtenden Herbsttag. Nach dieser kleinen Pause ging sie in den Gemüsegarten, holte ein paar goldgelb schimmernde Kartoffeln aus der Erde, zog ein Bündel leuchtend-orange Karotten heraus und nahm noch eine große Gurke mit in die Küche. Anschließend goss sie die Pflanzen und rief danach Leonardo zu: »Kommst du mit, Hühner füttern?« Sie wusste, dass er das gerne tat und seine helle Freude daran hatte, wenn die Hühner aufgeregt angelaufen kamen und eifrig die Körner aufpickten, die er ihnen auf die Erde streute. Leonardo war sofort jauchzend dabei. Er schleppte sogar keuchend den schweren Eimer mit dem Hühnerfutter zum Gehege. Carlottas Nachbarin war auch gerade im Garten beschäftigt. Sie redeten ein bisschen über das schöne Wetter und die Nachbarin fragte, ob ihr Stefano am Wochenende helfen könne, ihre Kutsche zu reparieren, da sei die Halterung für die Deichsel angebrochen und sie traue sich nun nicht mehr, das Pferd einzuspannen. Sie wusste, Stefano hatte ein Schweißgerät in seiner Werkstatt und viele aus der näheren Umgebung kamen an den Wochenenden zu ihm, um sich irgendetwas reparieren zu lassen. Gegen 17.00 Uhr kam Carlottas Mann nach Hause. Sie sah ihm an, dass er müde war. Seit seiner Jugend, eigentlich schon seit seiner Kindheit arbeitete er in San Miguel de Tucumán bei einer Baufirma als Maurer. Leonardo rannte ihm entgegen, denn oft hatte Opa Egidio etwas Süßes für seinen Enkel dabei. Opa Egidio machte sich ein Bier auf, setzte sich auf die Bank an der Hauswand und genoss neben der warmen Sonne und dem Feierabendbier auch den Anblick seines spielenden Enkels Leonardo im Garten. »Wo sind denn Daniela und Leonie?«, rief er zu seiner Frau in die Küche. »Daniela ist zum Einkaufen in die Stadt und hat Leonie mitgenommen, damit sie sie stillen kann, falls es länger dauert. Aber sie kommt mit dem 19-Uhr-Bus zurück. Stefano müsste auch bald da sein. Er soll unbedingt noch mit Leonardo zum Friseur gehen, hat sie gesagt.« In der kleinen Ortschaft El Timbó gab es einen Bäcker, eine Metzgerei, ein Gasthaus und einen älteren Mann, der eine Hand-Haarschneidemaschine besaß, mit der er allen Jungen und Männern im Ort die Haare stutzte. Carlotta Cruz kam aus der Küche, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und ging zur Wäscheleine, wo sie die trockene Wäsche abnahm. Sie hatte das schöne Wetter ausgenutzt und für Daniela die Babysachen gewaschen. Liebevoll legte sie die Windeln, Strampelhöschen, Hemdchen und Jäckchen zusammen und schlichtete sie in den Wäschekorb. »Da haben wir ja richtig Glück gehabt mit diesem warmen Tag heute«, meinte sie zu Egidio. »Auf der Baustelle war es wieder furchtbar heiß heute!«, meinte dieser, zündete sich eine Zigarette an und erzählte von seinem Arbeitskollegen José, der nach einem Unfall wieder zu arbeiten angefangen hatte. Die tief stehende Abendsonne tauchte Egidios lichter werdendes Haar in einen warmen Honigton und ließ sein Gesicht mit den zahlreichen kleinen Fältchen um die dunklen Augen und der sonnengebräunten Haut aussehen wie das einer Bronzestatue auf dem Marktplatz von San Miguel de Tucumán. Als er die Zigarette auf dem Boden austrat, meinte er: »Anscheinend gibt es bei Stefano wieder Überstunden. Weißt du was? Ich gehe jetzt selber mit Leonardo zum Friseur vor und lass‘ mir auch die Haare schneiden. Für Stefano wird es sonst zu spät.« Er reichte Leonardo seine starke Hand und schlenderte mit ihm die staubige Straße entlang bis zum Häuschen des Friseurs. Als er nach einer Stunde zurückkam – beide sahen frisch gestutzt aus - war es bereits 18.30 Uhr vorbei, aber Stefano war immer noch nicht da. Oma Carlotta strich Leonardo über die seidenweichen, kurzen Haare und fragte Egidio im Spaß, ob der Friseur bei ihm nur die Hälfte verlangt hätte. Schließlich habe er ja auch nur noch die Hälfte Haare auf dem Kopf. Sie lachten herzlich, denn sie liebten es, sich gegenseitig augenzwinkernd auf den Arm zu nehmen. »Das Abendessen ist auch gleich so weit. Wenn die drei da sind, können wir sofort essen. Ich denke, es ist heute warm genug, dass wir draußen bleiben.« Oma Carlotta holte schon die Teller und verteilte sie auf dem Gartentisch. »Leonie wird müde sein von dem Ausflug in die Stadt. Wir legen sie hier in die Decke, da kann sie neben uns schlafen.« Sie richtete liebevoll eine Decke auf die Bank und machte ein kuscheliges kleines Nest für ihre Enkelin zurecht, die gerade letzten Sonntag ein Jahr alt geworden war. Sie hatten Leonies 1. Geburtstag mit vielen Verwandten gefeiert. Die Eltern von Stefano, seine Großeltern und ein paar Onkel und Tanten waren alle da gewesen und man hatte sich wieder ein Stückchen besser kennen gelernt beim Grillen, Essen, Trinken, Singen und Lachen. Dabei erzählte man sich Geschichten und erfuhr interessante Neuigkeiten. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten dazu ein bisschen Musik gemacht und die Stimmung damit rasch aufgelockert. »Daniela und Stefano haben sich wahrscheinlich in der Stadt zufällig getroffen und fahren nun zusammen heim«, sagte Egidio zu Leonardo. »Sie werden bestimmt jetzt alle zusammen mit dem 7-Uhr Bus ankommen. Komm Leonardo! Wir machen einen kleinen Abend-Spaziergang und gehen ihnen entgegen.« Er gab Leonardo die Hand und sie traten aus dem Garten auf die ungeteerte Dorfstraße, die zur Bushaltestelle an der Ruta Provincial 305 führte. Unterwegs erzählte Opa Egidio Leonardo, dass er mit anderen Männern zusammen gerade ein großes schönes Haus in San Miguel de Tucumán baute. Aus manchen Gärten hörten sie einen Hahn krähen, bei anderen Häuschen in der Straßenreihe bellte ein Hund und der schwerhörige Emilio hatte wie immer das Radio zu laut aufgedreht. Als sie an der Bushaltestelle ankamen, war es schon nach 7 Uhr. Der Bus hatte Verspätung. Sie setzten sich in ein kleines gemauertes Wartehäuschen, in dem eine Bank aus Beton stand. Die Wände waren übersät mit Zeichen, Buchstaben und Worten in verschiedenen Farben, meistens rot oder schwarz. Als sie den Bus kommen hörten, sprangen sie auf und traten erwartungsvoll aus dem Häuschen. Egidio reckte seinen Kopf hoch und versuchte nervös, unter den vor der Bustür stehenden Menschen schon jemanden zu erkennen, aber die standen so dicht zusammen, dass er weder Stefano noch Daniela darunter entdecken konnte. Der Bus hielt in einer Staubwolke an und einige Leute stiegen aus. Egidio kannte sie alle. Die Frauen trugen volle Taschen und die Männer kamen von der Arbeit. Sie grüßten sich. Aber Stefano, Daniela und Leonie waren nicht dabei. Da drängelte sich eine Frau durch die Menge, rannte auf Egidio und Leonardo zu und rief besorgt: »Egidio! Gut, dass ich dich hier treffe! Ich wollte gleich zu euch! Stefano hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus. Ich habe es zufällig gehört, als ich mit Daniela in der Stadt auf den Bus gewartet habe. Da kam ein Polizeiauto, das hielt vor uns an und ein Polizist fragte, ob eine Daniela Cruz unter den Wartenden sei. Als sie zu den Polizisten trat, sagten sie ihr aufgeregt, ihr Mann Stefano habe bei der Arbeit einen Unfall gehabt und liege im Krankenhaus. Sie sagten, sie würden sie zu ihm bringen und haben sie mitgenommen.« Egidio bekam Panik. Diese Nachricht traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er nahm Leonardo auf den Arm und lief so schnell er konnte zurück. Zu Hause angekommen erzählte er vor Aufregung nach Luft ringend seiner Frau, was passiert war und rief beim Hinauseilen, er müsse sofort zu Diego, einem Arbeitskollegen von Stefano. »Ich muss wissen, was da los ist!« Rasch holte er sein Pferd von der Weide, sattelte es und machte sich auf den Weg ins Nachbardorf, wo der Arbeitskollege von Stefano wohnte. Die fünf Kilometer legte er in einer knappen Viertelstunde zurück. Es war inzwischen bereits Nacht, als er am Haus von Diego ankam, aber es brannte Licht, die Fenster waren davon hell erleuchtet. Er pochte kräftig an die Tür und wartete ungeduldig, bis jemand öffnete. Außer Atem von dem schnellen Ritt fragte er die überraschten Eltern, ob Diego zu Hause sei, er müsse dringend mit ihm sprechen. Sie führten ihn in Diegos Zimmer. Der lag auf dem Bett und hörte Radio. Als er Egidio sah, sprang er auf und fragte beunruhigt: »Wie geht es Daniela? Was ist denn passiert?« Egidio reagierte verwirrt und verwundert. »Wieso Daniela? Ich verstehe nicht ... äh ... Stefano hatte doch einen Unfall?« »Stefano? Nein, nein! Daniela hatte einen ... also, heute Nachmittag kamen zwei Polizisten in die Werkstatt und fragten nach Stefano. Als ich sie zu ihm führte, sagten sie ihm, seine Frau Daniela Cruz habe einen Unfall gehabt und liege im Krankenhaus. Sie seien gekommen, um ihn sofort zu ihr zu bringen.« »Das verstehe ich jetzt nicht!« Ungläubig starrte Egidio vor sich hin und versuchte, diese wirren Informationen zu sortieren. »Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren? Vielleicht erfahren wir dort, was los ist«, bot ihm Diego freundlich und besorgt an. »Ja bitte! Schnell!«  III. 17. Juni 1979 Buenos Aires Ceferino Alvarez war nicht irgendwer in Buenos Aires. Und wenn Oberst Ceferino Alvarez etwas feierte, dann hatte das Stil. Die Feier zu seinem 31. Geburtstag fand im Offizierscasino der Escuela de Mecánica de la Armada, dem Ausbildungszentrum der Marine in Buenos Aires statt, kurz Esma genannt. Hier war er auch beschäftigt. Jeder kannte ihn – und seine Macht. Zu seiner Geburtstagsfeier hatte er viele Kollegen aus der Armee, seine große Familie und eine ganze Menge seiner Freunde eingeladen. Über 200 Personen saßen an weiß gedeckten Tischen und waren stolz, dabei sein zu dürfen. Ein Kammerorchester spielte klassische Musik, Reden wurden gehalten, Fotografen machten Fotos, Politiker und Militärs klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Das Licht der vielen Kristallleuchter an der Decke spiegelte sich in den blitzblanken Gläsern auf den Tischen und den goldbesetzten Uniformen der Militärs. Oberst Alvarez genoss das Bad in dieser ihm freundlich gesonnenen Menschenansammlung. Seine Frau saß wie immer anmutig daneben und sprach kein Wort. Auf der anderen Seite saß seine Schwester mit ihrem Ehemann Mario. Er war ein enger Vertrauter von Oberst Ceferino Alvarez bei seinen Geschäften außerhalb der Kaserne. Nach dem mehrgängigen Abendessen schlenderte Ceferino zu einem kleinen Balkon und trat hinaus ins Freie, abseits der zunehmend lauter werdenden Gespräche, des Gelächters und der Musik. Er zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die stille, regennasse Winterluft. Sein Schwager Mario hatte ihn beobachtet und folgte ihm schweigend hinaus auf den kleinen Balkon. Auch er zündete sich eine Zigarette an. Nach einem tiefen Zug begann er mit einem Kompliment. »Das Essen war fantastisch! So ein zartes, weiches Steak bekomme ich sonst nur von deiner Schwester serviert. Sie kocht großartig.« »Das freut mich«, antwortete Ceferino sichtlich begeistert. Er winkte einen der Ordonanzen hinter den Scheiben der Tür zu sich und bestellte zwei Martini. »Wie geht es euch im neuen Heim? Habt ihr euch schon eingelebt?«, fragte er freundlich. »Das fällt uns dort nicht schwer«, lachte Mario, »die Lage ist ein Traum. Nochmals herzlichen Dank für deine Vermittlung. Ohne dich hätten wir das nie bekommen!« »Ach was!«, beschwichtigte Ceferino. »Für meine Schwester tu ich alles. Es ist schön, zu sehen, dass ihr glücklich seid.« Er reichte Mario eines der beiden Getränke, die die Ordonanz auf den Balkon brachte und stieß mit ihm freundlich an. »Auf euch beide! Und auf eure zukünftigen Kinder«, rief Ceferino lachend. »Wir sind dabei«, scherzte Mario und trank einen kräftigen Schluck. Er blickte in die regennasse Nacht und wurde ernst. »Übrigens«, begann er vielsagend, »da ist etwas, das mir Sorgen macht.« Ceferino legte seine Stirn in Falten und sah ihn fragend an. »Ja, ich denke, du solltest das wissen. Einer meiner Männer hat mir erzählt, dass ihm heimlich ein Päckchen angeboten wurde, das du vermisst. Wir haben neulich in deinem Büro darüber gesprochen.» »Von wem?«, fragte Ceferino scharf. »Ramon Sanchez«, war die gedehnte Antwort. »Ach? Und mir erzählt er, dass ihm dieses Päckchen geklaut worden wäre! Gut zu wissen.« Sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich hart. Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger über seinen schmalen Oberlippenbart. »Gut zu wissen ...«, wiederholte er flüsternd und seine Hand umfasste das Martiniglas so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Sie drückten ihre Zigaretten auf dem steinernen Balkongeländer aus und schnippten die Kippen in hohem Bogen in die Nacht.   IV. 23. Juni 1979 Argentinien, San Andrés de Giles Mein Schaukelpferd hieß Esperanza, so wie das echte Pferd meiner Mutter und es sah auch fast so aus: es hatte ein hellgelbes Fell, eine dunkle Mähne, einen dunklen Schweif und drei seiner Füße hatte mein Papa ebenfalls in einem fast schwarzen Braun gestrichen. Nur der rechte Vorderfuß war am Huf weiß. Der Holzboden knarzte, als ich auf mein Schaukelpferd kletterte, loslegte und in Gedanken über die weiten grünen Koppeln galoppierte. Durch das offene Fenster hörte ich die Vögel im Garten zwitschern und unten an der Straße, von der ein unbefestigter Weg zu unserem Haus abzweigte, sah ich zwei Autos auf unser Haus zu fahren. Sie fuhren sehr schnell und das Wasser in den Pfützen vom letzten Regen spritzte auf, weshalb das zweite Fahrzeug auch so viel Abstand hielt, wohl damit es nicht dreckig würde. Ich beobachtete die Autos interessiert, als plötzlich mein Vater ins Zimmer gestürmt kam, meine Hand packte, mich vom Pferd riss und mit mir auf dem Arm die Treppe hinunter hastete. »Schnell!«, flüsterte er meiner Mutter zu, die unten schon aufgeregt wartete. Sie wirkte blass, mit erschrockenen, angsterfüllten Augen, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Mama packte mich fest am Arm und flüsterte in einem scharfen Ton, den ich genauso wenig von ihr kannte: »María! Du musst jetzt absolut still sein! Egal was passiert. Kein Wort! Hörst du? Kein Wort! Sei einfach nur still!« Ich nickte gehorsam und verstört. Sie zog mich ins Arbeitszimmer von Papa. Der stand bereits vor dem großen Spiegel mit dem schweren goldenen Rahmen, den ich so liebte und machte etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: er zog den wuchtigen Spiegel an einer Seite auf wie eine Tür. Draußen raste ein Auto in den Hof, man konnte es an dem Geräusch erkennen, das die Kieselsteine verursachten. Es musste ziemlich schnell sein, so wie es sich anhörte. Die Steine knirschten laut, als es bremste. Gleich danach bremste knirschend das zweite. Hinter dem Spiegel befand sich zu meiner größten Überraschung eine kleine Nische in der Wand, die ich bisher nie entdeckt hatte. Quer durch die Nische ging ein einfaches Brett, das als Sitzbank diente. Mehr war nicht darin. Mama stellte sich hinter mich und hob mich auf die Bank. Dann kletterte sie blitzschnell nach und nahm neben mir Platz, wobei sie ihren rechten Arm schützend um mich legte und ich ihr Kinn sanft auf meinem Kopf spürte. In ihren leichten Duft aus Rosenholz und Lavendelblüten, in dem ich so gern versank, mischte sich ein anderer, salziger Geruch, der mir bei ihr bisher unbekannt war. Mama hatte Angst. Papa und Mama sahen sich kurz in die Augen, dann klappte mein Vater den Spiegel wieder zurück an die Wand. Ich erwartete, dass es nun stockdunkel werden würde, aber dem war nicht so. Man konnte durch den Spiegel hindurchsehen und das helle Licht des Morgens fiel herein. Es war unheimlich. Papa schien das zu wissen, denn er blickte uns durch die Scheibe hindurch an, legte den Zeigefinger auf die gespitzten Lippen, machte große Augen und huschte zu seinem Schreibtisch. Dort holte er einen Schlüssel aus seiner Hosentasche, sperrte eine Schublade auf und ließ sich auf seinen Schreibtischsessel fallen. Draußen wurden Türen zugeschlagen und plötzlich standen drei Männer in Soldaten-Uniformen im Arbeitszimmer meines Vaters. Zwei standen hinter ihm, der Dritte stützte sich von vorne auf den Schreibtisch und sah Papa lange eigenartig an. Ich kannte ihn. Ab und zu war er zusammen mit seiner schweigsamen Frau bei uns da gewesen. Er hieß Ceferino. Papa und Mama mochten ihn nicht besonders und ich auch nicht. Aber er hatte manchmal etwas mit Papa zu besprechen und dann blieben die beiden zum Abendessen, wobei seine Frau nur scheu und verängstigt um sich blickte und kaum ein Wort sprach. »Ich muss dir nicht erzählen, was ich für dich und deine Frau getan habe«, begann er leise. »Ich habe dir ...« »Behandelt man so seine Freunde?«, unterbrach der Mann Papa barsch und schlug mit der Hand auf den Tisch. Ich drückte mich fest an Mamas Arm und spürte, wie mein Mund trocken wurde. »Ich habe dir schon am Telefon ...« »Wo sind die beiden eigentlich?«, unterbrach der Mann Papa erneut. »Lena habe ich vorgestern mit María zu ihrer Mutter in die Stadt gefahren«, antwortete Papa, »Lenas Mutter hat Geburtstag.« Papa log. Wir saßen doch hier hinter dem Spiegel, nur ein paar Schritte entfernt. Aber anscheinend sollten das diese Männer nicht wissen, begriff ich. »Wieso berichten mir meine Leute«, und jetzt wurde der Mann ganz leise, »dass du das Zeug verkaufen wolltest?« »Ich habe dir schon am Telefon gesagt,« schrie mein Vater plötzlich auf, »dass es mir gestohlen wurde!« »Das glaube ich dir aber nicht!«, schrie der andere zurück. »Wo ist das Päckchen?« »Ich habe es nicht mehr, verdammt nochmal«, rief Papa verzweifelt. »Ich habe es wirklich nicht mehr! Nachdem ich es abgeholt hatte, habe ich es unter dem Beifahrersitz versteckt. Weil ich gerade in der Nähe war, habe ich noch für Lena im Einkaufszentrum Galerias Pacifico ihr Lieblingsparfum gekauft. Als ich zum Auto zurückkam, war das Fenster der Beifahrertür eingeschlagen und das Päckchen war verschwunden. Dann habe ich dich sofort angerufen und ...« »Und warum erzählen mir drei von meinen Leuten unabhängig voneinander, dass du ihnen nur eine Woche später genau die gleiche Menge von dem Zeug angeboten hast?« Der Mann schien sehr wütend zu sein, denn er kam um den Schreibtisch herum und packte meinen Vater am Hemd. »Das weiß ich nicht! Die lügen!«, schrie Papa nervös. »Dann können es nur sie gewesen sein, die es mir geklaut haben.« Papas Stimme überschlug sich. Ich spürte deutlich, dass Papa große Angst hatte. Der Mann wurde wieder sehr leise und es klang wirklich gefährlich: »Einer davon ist der Mann meiner Schwester. Mein Schwager lügt mich nicht an. Er gehört zur Familie. Entweder, das Päckchen liegt in einer Minute hier auf dem Tisch ... oder ... du weißt, was dann passiert.« Der Mann ließ Papa los, ging wieder um den Schreibtisch herum und dann starrten sie sich wortlos an. Langsam öffnete Papa ein Stück weit die Schublade, in der noch sein Schlüssel steckte, und griff hinein. Als er die Hand hastig wieder herauszog, sah ich eine Pistole in seinen Fingern. Doch er schien die beiden anderen Männer hinter ihm vergessen zu haben. Einer davon schlug sie ihm sofort aus der Hand, der andere packte Papa, presste ihm den Arm um den Hals und hielt ihn fest. Nach Luft ringend keuchte Papa: »Ceferino! Ich war das nicht! Nein! Tu‘s nicht! Bitte!« Doch der Mann, den er auch manchmal „El Torro“ genannt hatte, wenn er über ihn sprach, ging langsam zu der Pistole, hob sie auf und hielt sie Papa an den Kopf. Der Soldat, der Papas Hals mit seinem starken Arm umklammerte, ließ unvermittelt los und trat einen Schritt zurück. In diesem Augenblick spürte ich Mamas Hand im Gesicht. Sie hielt mir die Augen zu und drückte mich fest an sich. »Niemand beklaut mich«, hörte ich El Torro sagen. Und dann gab es einen fürchterlich lauten Knall. Ich zuckte heftig zusammen, Mama ebenfalls. Sie hielt mir nun auch noch den Mund zu. Ich spürte, wie das Brett unter mir feucht und warm wurde. Mama zitterte am ganzen Körper. Sie hatte keine Kraft mehr, mir weiter die Augen zu zu halten. Ihre Arme hingen wie leblos an ihrem Körper herunter. Ich sah, dass Papa mit dem Kopf auf dem Schreibtisch lag und sich nicht mehr bewegte. Blut lief aus seinem Kopf auf die Schreibunterlage. Der Mann, der Ceferino hieß, hob Papas rechten Arm hoch und drückte ihm die Pistole wieder in die Finger. Die starken, weichen Finger, die mir so oft liebevoll übers Haar gestrichen hatten. Die meine Hand gehalten hatten, wenn ich nicht einschlafen konnte. Die Finger, mit denen er so laut und schrill pfeifen konnte wie kein anderer. Fast behutsam legte Ceferino Papas Hand auf dem Schreibtisch ab. Dann wandte er sich an den kleineren der beiden Männer und raunte ihm zu: »Manuel, schreib‘ einen Abschiedsbrief. So im Stil von: Meine Frau hat mich verlassen. Das halte ich nicht aus. Das Leben hat für mich keinen Sinn mehr. Mein Haus mit allem Inventar, mein Auto und mein Vermögen hinterlasse ich meinem Freund Ceferino Alvarez in der Av. La Plata Nr. 82 in Buenos Aires. Er soll auch meine Beerdigung organisieren. Hier«, er fingerte einen Brief meines Vaters aus einem Stapel Schriftstücke am Schreibtisch, »schau‘ dir seine Handschrift ein bisschen an und seine Unterschrift. Du weißt schon ... und vergiss nicht wieder das Datum. Heute ist der 23. Juni 1979.« Manuel, der Soldat, der meinem Vater die Pistole aus der Hand geschlagen hatte, suchte in Papas Schreibtisch ein Blatt Papier, nahm Papas Füller und begann auf der Kommode zu schreiben, während er immer wieder vergleichend auf den Brief schielte, den ihm Ceferino gegeben hatte. Dieser holte vorsichtig ein kleines weißes Tütchen aus seiner Hemdtasche, drehte sich zu dem etwas größeren Soldaten und murmelte: »Versteck‘ das im Badezimmer bei den Kosmetiksachen seiner Frau.« Anschließend nahm er das gelbe Büchlein meines Vaters, das neben dem Telefon lag, holte einen Zettel aus seiner Geldbörse und schrieb davon eine Nummer ab in das Büchlein. »Das genügt, um seine Frau morgen verhaften zu lassen«, sagte er kalt. Dann sah er sich im Zimmer neugierig um. Dabei kam er immer näher an den großen Spiegel heran, hinter dem wir zitternd saßen. Mama legte wieder vorsichtig ihre Hand auf meinen Mund. Plötzlich stand diese große, bedrohliche Gestalt direkt vor uns. Er war mir immer unheimlich gewesen mit seinem lauernden Blick, der Kälte und Unnahbarkeit, die er auf mich ausstrahlte, aber ich hätte nie gedacht, dass er ein so böser Mensch ist. Mir fiel ein, was er vor einigen Wochen gemacht hatte, als er bei uns zum Grillen da war. Wir saßen am Gartentisch auf der Terrasse, während Papa am Grill hantierte und Mama in der Küche einen Salat holte. Unversehens landete ein bunter Schmetterling auf dem Tisch genau zwischen uns. Er war weiß, hatte schwarze Streifen und Ringe. Oben waren seine Flügel im hinteren Teil ebenso weiß mit schwarzen Kreisen und Punkten, der vordere Teil war rot und hatte zu den Rändern hin einen dicken schwarzen Strich und dann noch dünnere schwarze und weiße Streifen. Fasziniert betrachtete ich dieses Kunstwerk der Natur, das auf dem verwitterten Holz ruhte und seine zarten Flügel auf und zu klappte. Wie aus heiterem Himmel knallte unvermittelt und mit großer Wucht die flache Hand von Ceferino auf den Tisch und zermalmte das kleine Tier. Ich war fassungslos. Entgeistert starrte ich ihn an. Ceferino tat, als wäre ich nicht anwesend und schnippte mit seinen Fingern den kläglichen Rest des Schmetterlings vom Tisch. In diesem Augenblick wusste ich, was Hass für ein Gefühl ist. »Er sieht mich!«, fuhr es mir durch den Kopf. Wir wagten kaum zu atmen und saßen ihm völlig erstarrt gegenüber. Aber er blickte irgendwie durch uns hindurch, so schien es zumindest. Da entdeckte er in seinem Gesicht im Spiegel einen Spritzer Blut. Er zog ein Taschentuch aus der Hose und feuchtete es mit seiner Spucke an. Sorgfältig wischte er den kleinen Fleck von seinem Kinn. Dabei schaffte ich es nicht, meinen Blick vom Gesicht dieses hageren El Torro abzuwenden. Der Name passte zu ihm. Ich hatte in seiner Anwesenheit permanent das Gefühl gehabt, man brauche nur ein falsches Wort zu sagen und schon spieße er einen mit seinen unsichtbaren Hörnern auf. Ich konnte ihn noch nie leiden. Immer wenn er zu Besuch war, dann grinste er mich mit seinen großen Zähnen überlegen an. Diese Gestalt brannte sich für immer in mein Gedächtnis. Über den schmalen Lippen trug er einen dünnen schwarzen Schnurrbart, der zu den Enden hin immer spitzer wurde. Die Haare waren kurz geschnitten und schwarz, ebenso die Augenbrauen. Seine Nase war knochig und schmal. Und er hatte ziemlich große Zähne. Als er sich den Blutspritzer vom Kinn wischte, erkannte ich an seiner rechten Hand den goldenen Ring mit einem dunklen, glatten, ovalen Stein, der an den beiden breiteren Seiten von einer Schlange gehalten wurde. Ich hatte ihn nie ohne diesen hässlichen Ring gesehen. Er hatte mir früher schon Angst gemacht und ich hatte das Gefühl, seine stechenden Augen waren denen einer giftigen Schlange sehr ähnlich. Ich konnte nun etwas deutlicher erkennen, was mir auch früher schon an ihm aufgefallen war: sein kleiner Finger an dieser rechten Hand war unnatürlich verkürzt und sah aus wie ein kleiner Wurm. Er hatte die Ärmel seines blauen Hemdes hochgekrempelt und deshalb bemerkte ich noch etwas, das mir bei seinen früheren Besuchen nie aufgefallen war: quer über den rechten Unterarm zog sich eine breite, helle Narbe. Er schlenderte weiter, sah sich die Fotos und Bilder an den Wänden an und blickte Manuel, der immer noch mit Schreiben beschäftigt war, prüfend über die Schulter. Dann redete er mit dem anderen Soldaten, der inzwischen wieder ins Zimmer gekommen war und den er Gonzal nannte, über die alte Pistole in Papas Hand. Dabei zündete er sich frech eine von den Zigaretten an, die in einer kleinen Schatulle auf dem Schreibtisch meines Vaters lagen. Nach einer quälenden Ewigkeit war der kleinere Soldat mit dem Schreiben fertig, zeigte das Blatt Ceferino und als dieser sagte: »Gut gemacht!«, legte er das Papier neben den Kopf meines Vaters und fragte: »Oder soll ich es in einer Schublade verstecken?« »Nein!«, antwortete Ceferino ungerührt, der anscheinend sein Vorgesetzter war und die Entscheidungen traf. »Das finden wir morgen sowieso gleich, wenn wir offiziell vorbeikommen.« Sie sahen sich noch kurz im Zimmer um. Dann verschwanden sie und gleich darauf hörte man die beiden Autos vom Hof rauschen. Wir saßen minutenlang wie gelähmt in unserem Versteck und starrten auf Papa. Ich hoffte, er würde sich gleich umdrehen und uns hier herauslassen. Aber er blieb regungslos auf dem Schreibtisch liegen. Erst als Mama wie verrückt zu schreien begann, wagte ich es, zu weinen. Irgendwann drückte Mama die Spiegeltür auf und wir kletterten aus dem Mauer-Versteck. Sie nahm mich bei der Hand, legte Papa ihre andere Hand sanft auf den Rücken und zischte: »Das wird er bereuen! Ich schwöre es! Das wird er bitter büßen!« Ich begriff überhaupt nichts mehr, aber irgendwie dachte ich das Gleiche. In diesem Augenblick fiel mir ein, was Papa zu uns gesagt hatte, als er am Eingang zu unserem Grundstück vor einigen Monaten drei Araukarien gepflanzt hatte: »Für jeden von uns Dreien steht nun ein Baum auf unserm Boden. So wie sich diese Bäume gegen ihre Feinde zur Wehr setzen, wollen wir das auch machen.« Papa forderte mich auf, die Äste einer Araukarie zu berühren. Sofort zog ich meine Hand zurück, denn die spitzen, harten Blätter, die diese Pflanze wie ein stacheliger Panzer umwickelten, fühlten sich an wie Nadeln und piksten schmerzhaft in meine kleine Hand. Mama ließ mir keine Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen. Ruckartig zog sie mich fort ins Badezimmer, machte mich sauber und zog mich frisch an. Es war mir unendlich peinlich. Immerhin war ich schon fast vier und das war mir schon lange nicht mehr passiert. Aber Mama schimpfte mit keinem Wort. Ich verstand natürlich nicht, weshalb sie dann das Blatt Papier, das neben Papa lag und einen Brief von Papas Schreibtisch nahm, ebenso das gelbe Büchlein mit den Telefonnummern und alles zusammen in eine dicke schwarze Mappe legte, die sie aus seinem Ordnerregal herauszog. Auf dem ledernen Deckel war eine goldene Verzierung angebracht, die wie ein Wappen aussah. Dann holte sie zwei große Koffer und packte eilig diese Mappe und unsere wichtigsten Sachen ein. Sie schleppte die schweren Koffer zum Auto und setzte mich auf die hintere Bank. Als sie schon am Steuer saß, fiel ihr plötzlich noch etwas ein. Sie lief zurück ins Haus und kam nach einer Weile mit diesem kleinen, weißen Tütchen wieder, das der böse Mann dem Soldaten gegeben hatte mit dem Auftrag, es im Badezimmer zu verstecken. Dann rannte sie in den Pferdestall und trieb die Pferde auf die Koppel. Endlich fuhren wir los. Als wir einige Zeit auf der Hauptstraße unterwegs gewesen waren, warf sie das kleine weiße Tütchen weit aus dem Fenster. Wir fuhren und fuhren – immer weiter weg von unserem Zuhause. Weg von Papa. Weg von Esperanza und den anderen Pferden. Weg von unserem Leben. Als die Sonne tiefer stand und die Dämmerung gnadenlos die Nacht ankündigte, fühlte ich mich so verloren auf diesem Weg, dass ich zu weinen begann.


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