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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Fiona - Der Beginn, Zsolt Majsai
Zsolt Majsai

Fiona - Der Beginn



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FIONA


 


Roman


 


© 2011 Zsolt Majsai


 


Leseprobe 50%


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


HB Verlag Zsolt Majsai


Neusser Str. 23


50181 Bedburg


Covergestaltung:


Matthias Emde


Fritz-Reuter-Straße 2


60320 Frankfurt am Main


 


Weitere Infos:


fiona-romane.de


 


Leseprobe 50 %


 


Alle Rechte vorbehalten! Jede Vervielfältigung, auch die Weitergabe der elektronischen Fassung, ist ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verboten.


 


 


Ich bin 23 und fühle mich manchmal verdammt alt.


Wenn ich, wie jetzt, in der Wanne liegend vom warmen, fast heißen Wasser eingelullt werde, kommen mir schon mal seltsame, verquere Gedanken. Manchmal schaffe ich es aber auch, mich richtig klasse zu entspannen. Oft lasse ich einfach nur die Gedanken schweifen...


23. Ein Körper, für den alte, geile Hurenböcke viel riskieren würden. Nicht daß ich aussehe wie Sharon Stone. Eher knabenhafter. Aber eben noch junges und sehr knackiges Fleisch, durch den intensiven Sport kein Gramm Fett. Und da aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund Gott oder eine andere, vergleichbare Institution mir eine weit überdurchschnittliche Begabung, mit diesem Körper umzugehen, verliehen hat, sieht er nicht nur so aus, als würde er platzen vor Energie - er tut es manchmal auch. Hinzu kommt ein völlig perverser, abgrundtief zynischer Geist, der nicht davor zurückschreckt, diesen Körper als Werkzeug zu betrachten. Die Frage ist nur, ist der Körper für den Geist da, oder ist eher der Geist das eigentliche Werkzeug, das dem Körperlichen Untergeordnete?


Eine schwierige Frage. Und eigentlich ist es mir auch vollkommen egal.


Ich liebe es zu baden. Es entspannt herrlich. Aber nur, wenn man nicht gestört wird...


Ich höre ihn nicht vorher und erschrecke fürchterlich, als mein Vater die Tür aufreißt. Mit einem wilden Schrei in der Kehle setze ich mich auf, doch die Worte bleiben stecken. In seinen Augen sehe ich eine Panik wie niemals zuvor und wahrscheinlich niemals wieder. Ich stehe auf und bedecke mich mit einem Badetuch, obwohl ich mir sicher bin, daß ihm meine Nacktheit noch nicht einmal aufgefallen ist.


„Was...was ist los?“


Ich rechne damit, daß er mir etwas Schreckliches erzählt. Seine Schwester hat einen Herzinfarkt gehabt, seine Mutter ist endlich gestorben, ich weiß es nicht. Mit geschlossenen Augen warte ich auf seine Antwort.


Mit erstickter Stimme sagt er: „Norman...Norman ist tot...“


„Nor...Norman?“


Er nickt nur stumm, und in seinen Augen sehe ich die Bitte. Stummes Flehen, das möge alles nur ein Alptraum sein. Und auch ich flehe darum. Norman soll tot sein? Ausgerechnet er? Mein junger Bruder, ein Kind?


„Wie..?“


„Ich weiß...weiß es nicht genau. Ein Unfall...“


Ich atme tief durch.


„Jemand soll ihn identifizieren...“


Ich atme noch mal tief durch. „Ich fahre hin.“


„Deine Mutter läßt sich nicht davon abbringen. Ich werde sie begleiten.“


„Dann fahren wir gemeinsam hin. In fünf Minuten bin ich fertig!“


Zum Glück ist es Sommer und warm, darum sind meine nassen Haare nicht schlimm. Das T-Shirt klebt an meiner Haut, ebenso die Jeans. Doch das ist mir fürchterlich egal. Ich helfe meinem Vater, meine fast erstarrte Mutter ins Auto zu setzen, dann halte ich die Hand auf. Nach kurzem Zögern reicht er mir den Wagenschlüssel. Ich fahre schnell. Der schwere Wagen hat keine Probleme, meine Fahrweise in sicheres Dahingleiten zu verwandeln. Und als ich vor dem Krankenhaus anhalte, hat die Klimaanlage den Innenraum auf Temperaturen herabgekühlt, bei denen selbst Polarbären sich wohl fühlen müßten.


Die Frau am Empfang telefoniert rum, nachdem ich ihr gesagt habe, warum wir hier sind. Kurze Zeit später holt uns eine Schwester ab und begleitet uns in ein Wartezimmer. Vater hält die in Tränen aufgelöste Mutter im Arm, während ich langsam herum spaziere.


Nichts deutet darauf hin, daß sich hinter der schweren Tür die Pathologie befindet. Mit all ihren Geheimnissen, mit all den Toten, die Anklage erheben. Anklage gegen den Tod, der sie aus dem Leben gerissen hat, manche viel zu früh, andere haben schon lange gewartet. Sterben...das ist ein so gräßliches Wort! Es ist das Ende, aber es ist noch viel mehr. Es bedeutet, daß alle Pläne, alles, was ich noch tun wollte, nun niemals mehr verwirklicht werden. Es ist das Endgültigste, was man sich vorstellen kann...nein, man kann es sich eigentlich nicht vorstellen, es ist noch endgültiger. Die Unterbrechung der Ewigkeit ist vorbei mit dem Tod...


Ich bräuchte eigentlich eine Zigarette. Bin froh, als eine andere Tür aufgeht und zwei Menschen in den Warteraum treten. Ein Mann im Anzug und eine einfach gekleidete Frau, nicht viel älter als 30. Ihr Blick fliegt durch den Raum und bleibt an mir hängen. Sie flüstert dem Mann etwas zu, dann kommt sie zu mir und zieht mich abseits.


„Sind Sie Fiona Carter?“


Als ich nicke, fährt sie fort: „Mein Name ist Carola. Ich bin Psychologin. Meine Aufgabe ist es, die Hinterbliebenen in diesen Stunden zu unterstützen, ihnen Trost zu spenden. Ich habe das Gefühl, daß Sie stärker sind als Ihre Eltern. Oder ist es nur eine dünne Wand, die kurz vor dem Durchbrechen ist?“


„Die Wand ist stark...“


„Gut. Hören Sie, ich halte es für keine gute Idee, daß Ihre Mutter durch diese Tür geht. Wissen Sie schon, was passiert ist?“


„Nein...“


„Ihr Bruder wurde von einem Auto, einem Geländewagen, mit voller Wucht angefahren. Rückwärts, wahrscheinlich mit Absicht. Sein Freund war wohl dabei, aber er steht ziemlich unter Schock. Können Sie sich vorstellen, daß Ihr Bruder noch nicht so aussieht wie früher?“


„Carola, ich glaube, es wäre schlimmer, meine Mutter nicht zu ihm zu lassen als der Anblick selbst.“


Die Psychologin mustert mich kurz. „Also schön. Notfalls gebe ich ihr ein Beruhigungsmittel. Der Herr ist übrigens von der Mordkomission, Leutnant Jack Siever.“


Wir gehen durch die schwere Tür, durch einen kalten, schwach erleuchteten Gang und schließlich in einen Raum voll mit Metall. Graues Licht fällt auf die Wand mit den Türen, wie Schließfächer sehen sie aus. Es sind ja auch Schließfächer, aber ihr Inhalt erfreut niemanden. Ein Assistent öffnet eine der silbernen Metalltüren und zieht die Bahre heraus. Das, was darauf liegt, ist abgedeckt.


Man kann ihn noch erkennen. Das ist das Beste, was man über diesen Fleischklumpen sagen kann. Selbst ich muß die Luft anhalten, um den Mageninhalt am Hochsteigen zu hindern. Und natürlich hat meine Mutter einen Zusammenbruch. Mit professionellen, schnellen Handgriffen zieht die Psychologin den Ärmel hoch und schiebt die Nadel der Spritze unter die Haut. Die verdrehten Augen der Mutter schließen sich langsam. Zwei herbeigerufene Pfleger setzen sie in einen Rollstuhl und bringen sie weg. Vater folgt ihnen.


Ich werfe einen Blick auf den nun wieder abgedeckten Leichnam.


„Absicht?“


„Es gibt leider keinen Zeugen außer Savage Norton, und der hat einen ziemlichen Schock. Aber soviel haben wir herausgefunden: Der Geländewagen hat angehalten. Es gab einen Wortwechsel. Der Fahrer fuhr dann weiter, hielt an und setzte plötzlich zurück. Norman hatte keine Chance.“


„Hat Sava den Wagen beschreiben können?“


„Leider nein. Und jetzt redet er gar nicht mehr.“


Carola legt mir die Hand auf den Arm. „Hören Sie, Fiona, Ihre Eltern behalten wir für eine Nacht hier. Fahren Sie zu Verwandten oder Freunden. Bleiben Sie auf keinen Fall allein. Ich gebe Ihnen meine Karte, wenn Sie möchten, können Sie mich anrufen. Jederzeit...“


Ich stecke die Karte ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. „Danke. Jetzt möchte ich lieber allein sein.“


„Sind Sie sicher?“


„Absolut. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Carola.“


Sie läßt mich nur ungern ziehen, das ist klar. Aber ich möchte wirklich allein sein. Trotzdem fröstelt es mich, als ich vor dem großen Haus aussteige. Irgendwie bin ich froh, daß Nicholas da ist. Er wartet in der Tür auf mich. Die Traurigkeit in seinen Augen sticht mitten ins Herz. Wortlos drücke ich mich an ihn, wütend, weil ich nicht weinen kann. Das kommt später, nachts, nach einem langen Abend vor dem Fernseher. Ich weiß gar nicht, was sich da abspielt. Ich sehe es, aber es dringt nicht bis zu meinem Bewußtsein vor. Auf dem Tisch die Flasche Wein, mit der ich mich besaufen wollte. Ich schaffe gerade mal ein Glas davon, und das bringt keine Erleichterung.


Nachts finde ich keinen Schlaf. Weinkrämpfe schütteln mich, und als ich endlich ruhiger werde, kommen die Bilder. Der zerschundene Körper auf der Bahre, die Umrisse unter dem Laken. Offene Augen, die mich anstarren, und die Hand, die nach mir zu greifen scheint. Mit einem Schrei setze ich mich auf. Durch das offene Fenster rauscht kühler Sommerwind und läßt Gänsehaut auf meiner schweißnassen Haut entstehen. Ich ziehe mir einen Morgenmantel an und setze mich auf die Fensterbank. Der Vollmond leuchtet mit gespenstischer Helligkeit, den großen Garten in seltsam weißes Licht tauchend, in dem die Schatten zum Leben erweckt werden. Mit zitternden Händen zünde ich mir eine Zigarette an. In meinem Magen rumort es. Der Wein kann es nicht sein. Aber die Zigarette beruhigt mich etwas. Ein Blick auf die Uhr: halb vier. Bald werden die ersten Sonnenstrahlen die unheimlichen Mondschatten verjagen. Doch noch ist nichts davon zu spüren. Der Wind läßt die Blätter und das Gras leise flüstern, und irgendwo hebt ein Schmetterling ab. Die Nacht lebt.


„Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Anfang“, flüstere ich. „Oh mein Gott, was für eine Scheiße!“


Als die Zigarette bis auf den letzten Tabakkrümmel aufgeraucht ist, gehe ich wieder ins Bett und schlafe sofort ein.


 


Savage ist ungewöhnlich bleich. Er liegt in dem Krankenhausbett, die Arme über der Decke. Er hätte sich seit Stunden nicht gerührt, sagte die Schwester. Seine Augen sind geöffnet, aber es gibt keine Reaktion, als ich das Zimmer betrete und leise „Hallo!“ sage. Aus unerfindlichen Gründen möchte ich wieder weinen. Ich schlucke hörbar die Tränen runter. Dafür bin ich nicht hier. Es ist so schon schwer genug.


Ich war gerade aufgestanden und noch im Nachthemd, als meine Eltern nach Hause kamen. Stumm umarmte ich Mama. Ihre Tränen schienen versiegt zu sein. Während die beiden sich ins Wohnzimmer setzten, machte ich starken Kaffee und servierte ihn selber. Nicholas kümmerte sich um das Frühstück, das wir schweigend verbrachten.


Erst danach sprach mein Vater mit schwerer Stimme: „Wer tötet ein Kind?“


Eine rhetorische Frage, trotzdem fühlte ich mich zu einer Antwort herausgefordert: „Wer Kinder hasst.“


Mama schaute mich an, und ich hatte Mühe, den Blick nicht abzuwenden. „Kann man Kinder hassen?“


„Offensichtlich, denn sonst wäre Norman nicht tot.“ Es versetzte mir einen Stich, den Namen heute zum ersten Mal nicht nur auszusprechen, sondern auch zu denken.


„Norman ist nicht tot“, erwiderte Mama heftig. „Er ruht sich nur aus.“


Geräuschvoll schob ich den Stuhl zurück und stand auf.


„Wo gehst du hin?“ erkundigte sich mein Vater.


„Den Mörder finden.“


„Wirst du es schaffen?“


„Vielleicht.“


Meine Hand lag auf der Türklinke, als Mamas leiser Ruf mich verharren ließ. „Ja?“


„Wenn du ihn findest, töte ihn“, sagte sie. „Töte ihn.“


Ich blickte sie an. Sie meinte es ernst, sehr ernst. Ich ließ den Satz in mein Herz, wo er sich einnistete und es auf eisige Temperaturen schockgefror. Dann nickte ich und ging, mich anzuziehen.


Savage reagiert auch nicht, als ich seine linke Hand berühre. Ich wünschte, ich könnte den Schalter in seinem Gehirn finden.


„Sava, du mußt mit mir reden...“


Meine geheime Hoffnung auf ein Wunder wird bitter enttäuscht. Natürlich, Wunder geschehen nur in Märchen. Oh Gott, es ist ja noch gar nicht so lange her, da las ich noch Märchen. Märchen von Prinzessinnen, die auf Sonnenstrahlen ritten und von schönen Rittern umschwärmt wurden. Kinderträume, aus denen wir bitter rausgerissen werden. Irgendwie ahnen wir ja, daß die Märchen zu schön sind, als daß sie wahr sein könnten. Aber niemand bereitet uns darauf vor, daß die Wirklichkeit um soviel grausamer ist. Wohin sind die singenden Farben der unbeschwerten Zeit, als wir nur in den Tag hinein lebten? Als jeder Morgen der Anfang eines neuen, wunderbaren Tages auf dieser Welt war? Ein Marienkäfer auf der Blume war eine verzauberte Fee, die uns davon flatterte, nicht ohne uns zum Abschied zuzuwinken. All die vielen Märchen jener Jahre, Tage, sie sind nur noch immer mehr verblassende Erinnerungen, als wären sie Bilder aus dem Leben eines anderen Menschen. In dieser Welt gibt es keine Wunder, weil es sie nicht geben soll.


Draußen laufe ich dem Leutnant in die Arme.


„Guten Morgen, Miss Carter“, begrüßt er mich freundlich.


Ich murmele etwas undeutlich in seine Richtung. Auf ihn habe ich jetzt wirklich absolut keine Lust.


„Wie geht es Ihrer Mutter?“ erkundigt sich der smart gekleidete Mann höflich.


„Den Umständen entsprechend schlecht. Wundert Sie das?“


„Nein. Entschuldigen Sie, Miss Carter. Kennen Sie den Jungen gut?“


„Ich habe ihn gelegentlich gesehen, wenn er meinen Bruder...besucht hat. Hören Sie, ich habe jetzt wirklich keine Lust, Ihre Fragen zu beantworten.“


„Das verstehe ich. Ich will Sie auch nicht länger aufhalten, aber ich hoffe, Sie werden mir die Gelegenheit zu einer Unterhaltung geben.“


„Vielleicht später. Ich muß jetzt los.“


Ich bin froh, als ich draußen die frische Sommerluft einatmen kann.


 


Es gibt Tage, deren herausragendstes Kennzeichen ist ihre Unvergänglichkeit. Sie werden einfach nicht alle. Jeder Blick auf die Uhr zeigt die selbe Zeit. Du gehst langsamer, du ißt langsamer, du denkst langsamer. Eigentlich sind alle Voraussetzungen gegeben, damit du mehr aus deinem Tag machst. Aber wenn du dann um neun ins Bett gehst, weil du vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen stehen kannst, kannst du dich nicht erinnern, überhaupt etwas getan zu haben. Du denkst nur: Du hast heute bestimmt zwei Kilo zugenommen!


Solche Tage gibt es auch, allerdings könntest du auf sie auch schmerzfrei verzichten.


Ich höre am nächsten Morgen als erstes die Vögel. Das beruhigt mich. Der Alptraum ist vorbei. Ich stehe auf und gehe im Nachthemd in den Garten. Das taufeuchte Gras kitzelt meine Füße, und noch hat die Sonne nicht die Temperatur, die sie mittags haben wird. Es ist kurz nach sechs. Die Stille hat den Frieden des Todes, nur nicht so dunkel. Ich hocke mich neben dem Teich hin und betrachte die Enten. Wie immer, halten sie einen sicheren Abstand zu mir ein. Eigentlich würde ich sie gern streicheln. Aber wahrscheinlich hätte ich auch was dagegen, wenn ein 20 Meter großes Wesen mich streicheln wollte.


Ich bin keine Frühaufsteherin, vermutlich ist mein Verstand gerade deswegen besonders klar heute morgen. Sofern mein Verstand jemals ein Stadium der Klarheit erreichen kann. Ich laufe in mein Zimmer und suche den Schlüssel für die Schatzkiste. In die Schatzkiste habe ich vor Jahren mal meine größten, wichtigsten Schätze versteckt. Alles Dinge, die mir mal viel bedeutet haben, deren Magie sich aber mit meiner Kindheit verloren haben.


Nur darum finde ich schnell, was ich suche. Die anderen Dinge, darunter die früher so wertvolle, zerschlissene Puppe, die ich von der Oma geschenkt bekommen habe, werfe ich achtlos zur Seite. Nur dieses Buch, das betrachte ich mit gemischten Gefühlen. An das, was darin beschrieben ist, glaube ich schon lange nicht mehr. Und der gestrige Tag war auch nicht gerade dazu angetan, daran etwas zu ändern.


Ich dusche und ziehe mich an. In der Küche begegne ich meinem erstaunten Vater.


„Was ist denn mit dir los? Wir haben Sonntag.“


„Ich war gestern früh im Bett. Bis später.“


Scheinbar hat sich mit Savage nicht viel geändert. Außer, daß ein ganzer Tag oder ein Jahr vergangen ist. Ich ziehe einen Stuhl zum Bett und setze mich. Dann lege ich das Buch auf den Tisch.


„Ich habe dir was mitgebracht, Sava.“


Es ist, als würde ich mit der Wand sprechen. Ich lehne mich zurück und warte. Das kann ich zur Not auch. Dabei lasse ich den Blick schweifen, sehe aber nichts. Nichts von der realen Welt. Es gab eine Zeit, da sah man Norman oft bei CSE. Das hat dann aber nachgelassen, und ich frage mich unwillkürlich, warum eigentlich. Norman liebte die Computer, die Spiele, die noch in Entwicklung waren. Er war ein begeisterter Hobbytester. Gewesen. Gewesen. Gewesen. Fiona, er ist tot. Er wird nichts mehr testen. Gibt es Gott? Scheiße, Fiona, das ist eine Falle! Natürlich fragen sich in so einer Situation selbst gläubige Menschen, ob es Gott geben kann. Warum sollte Gott einen Dreizehnjährigen auf diese brutale Weise zu sich holen? Dabei lautet die richtige Frage: Ist Gott wirklich so?


„Was?“


Außer dem Mund des Jungen hat sich nichts bewegt. Ich habe Mühe, mein Erschrecken und dann meine Freude zu kaschieren. Meine Stimme klingt belegt, als ich antworte.


„Ein Buch.“


Wieder kommt eine lange Pause, aber nicht mehr so lang wie vorhin.


„Was ist drin?“


„Geschichten und Bilder.“


„Schöne Geschichten?“


„Sehr schöne. Von Engeln, die den Menschen Glück und Freude bringen.“


„Bist du auch ein Engel?“


„Ich glaube es nicht. Sehe ich wie ein Engel aus?“


„Ich glaube schon. Nur die Flügel kann ich nicht sehen.“


„Die nehme ich ab, wenn ich bei den Menschen bin.“


„Warum?“


„Naja, ich denke, daß die meisten Menschen sonst Angst vor mir hätten. Sie sind es nicht gewohnt, daß Engel um sie herumschwirren.“


„Sind Engel denn nicht eigentlich unsichtbar?“


„Normalerweise sind sie es. Aber sie können sich den Menschen auch zeigen, wenn sie wollen. Manchmal ist es wichtig, daß die Menschen akzeptieren: Es gibt Engel.“


„Der Glaube müßte reichen.“


„Glaube ist so eine Sache. Ein Gefühl. Wenn dieses Gefühl ganz, ganz tief aus dem Herzen kommt, dann ist es Glaube. An was glaubst du denn, Nor...Sava?“


Verflucht! Ich schließe die Augen, um meine Fassung kämpfend. Als ich sie wieder öffne, merke ich, wie Savage mich anschaut.


„Engel weinen nicht“, sagt er ruhig.


„Vielleicht doch...“


„Engel weinen nicht.“


„Auch Engel können Gefühle haben. Es ist nicht verboten, etwas zu fühlen.“


„Ich bin müde, Engel. Komm morgen wieder.“


„In Ordnung, Sava. Das Buch lasse ich hier, okay?“


„Okay.“


Draußen werde ich vom Arzt in Begleitung einer Krankenschwester abgefangen.


„Er hat mit Ihnen geredet?“ fragt er. „Wie haben Sie das geschafft?“


„Ich habe versucht, mich in eine Kinderseele hineinzuversetzen. Und mich dabei an das erinnert, was mir vor zehn Jahren wichtig war. Ich schätze, Savage war nie weit weg, sonst hätte mein primitiver Trick nicht geholfen. Allerdings ist es noch nicht geschafft.“


„Aber es ist ein ernstzunehmender Fortschritt. Kommen Sie morgen wirklich wieder?“


„Natürlich. Ich habe es ja versprochen. Oder möchten Sie das nicht?“


„Doch, ich finde es sehr gut. Ich freue mich, daß es noch Menschen gibt, die nicht nur sich selbst und die eigenen Interessen sehen. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie nur Bescheid, Miss Carter.“


„In Ordnung.“


Im Auto wird mir bewußt, was für ein Arschloch ich bin. Und wie ich nur mich selbst sehe! Daß dabei Sava geholfen wird, ist zwar gut, aber nur ein Nebeneffekt. Doch Rache ist mein Antrieb, nicht Altruismus. Wo sind bloß die Flügel?


Ich fahre nach Hause, hole meine Sportsachen und fahre anschließend zum Training. Nachdem ich den Sandsack verprügelt habe, bis meine Hände rot wie gekochte Krebse sind und die Schienbeine brennen, geht es mir etwas besser. Einige der anderen Trainierenden und die Trainer wissen, was mit mir los ist. Normalerweise würde mein Verhalten nicht geduldet werden, unter diesen Umständen sagen sie nichts. Kredit.


Trotz des Sommers ist es schon fast dunkel, als ich das Sportcenter verlasse. Auf dem Parkplatz begegne ich Mike, einem jungen Chinesen, dem schon einige Male ein Trainerjob angeboten wurde. Chinesen sind keine schlechten Liebhaber, aber Mike hat ein Problem damit zu verstehen, daß ich nicht in ihn verliebt bin.


„Was gibt es?“ begrüße ich ihn, hoffend, daß ihm das einen Dämpfer verpaßt.


„Ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht“, erwidert er beherrscht. „Wir haben uns schon einige Tage nicht gesehen.“


„Das kann sein. Du wirst dich daran gewöhnen.“


„Einfach so? Ein, zwei tolle Ficks, erledigt?“


„Hast du ein Problem damit?“


„Irgendwie schon. Die Mentalität dahinter verstehe ich nämlich nicht. Mit jemandem ins Bett gehen nur wegen dem Sex?“


„Weswegen sonst? Doch nicht wegen der Liebe. Sex und Liebe können zusammen kommen, sie müssen aber nicht. Ich war noch nie verliebt, Mike. Vielleicht kommt es irgendwann mal. Aber nicht jetzt, nicht mit dir. Sorry.“


„Du tust mir leid, Fiona. Ehrlich. Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, du bist nur eins von diesen reichen Flittchen, deren Emotionschip einen Kurzschluß hat.“


„Was bin ich dann?“


„Keine Ahnung. Einer wie dir bin ich noch nicht begegnet.“


„Immerhin. Läßt du mich jetzt fahren?“


Er geht zur Seite. „Als wenn ich dich halten könnte. Gibt es eigentlich jemanden, den du über dir akzeptierst?“


„Nur beim Vögeln. Gute Nacht, Mike. Such dir lieber ein anständiges Mädchen.“


Ich gebe Vollgas beim Anfahren. Die 6-Zylinder des BMWs lassen die Räder durchdrehen, bevor die Antischlupfregelung packt und den Wagen nach vorne schießen läßt. Wenn ich, wie jetzt, nicht richtig entspannt bin, leidet jedes Mal mein Fahrstil darunter. Das bedeutet: Fährt ein normal fahrender Mensch mit 60 durch die Kurve, nehme ich entspannterweise selbige mit 80 und in schlechter Laune mit 120. Nun hat ein tiefergelegter 3-er BMW mit drei Liter Maschine sicherlich eine recht ordentliche Straßenlage, aber auch dieser Wagen muß sich an die Gesetze der Physik halten.


Andererseits, wer will schon ewig leben? Für ein bißchen Spaß kann man auch schon mal zwei Satz Reifen verschleißen, während andere nur einen brauchen. Wäre ich altruistisch veranlagt, würde ich darüber nachdenken, daß ich am Steuer eines solchen Autos das Leben meiner Mitmenschen in Gefahr bringen könnte. Aber ich bin es nicht, auch wenn ich vor Schulen und Kindergärten grundsätzlich abbremse. In 5 Jahren habe ich noch keinen einzigen Unfall gebaut. Und darauf bin ich sogar stolz. Nur ob es mein Verdienst oder der des Schutzengels ist, das konnte ich bislang noch nicht entscheiden.


Ich stelle den Wagen direkt vor dem Haus ab. Nicholas kann ihn wegfahren, wenn er stört, Schlüssel steckt. Ich schleiche mich am Wohnzimmer vorbei und befinde mich schon halb auf der Treppe, als der Schatten meines Vaters in der mächtigen Tür erscheint.


„Du warst lange weg, Fiona.“


„Bin auch schon lange volljährig, Vater.“


„Schon gut, laß uns nicht darüber diskutieren.“


„Einverstanden, ich gehe schlafen.“


„Ich möchte aber trotzdem mit dir reden.“


„Worüber?“ erkundige ich mich mißtrauisch.


„Nicht hier auf dem Flur. Komm bitte in den Salon.“


Ich denke nur kurz darüber nach, genau das nicht zu tun. Dann beschließe ich, sowas wie Gehorsam vorzutäuschen und folge ihm. Er ist allein. Mama schläft wahrscheinlich schon. Von der Bar hole ich mir eine Whiskyflasche, die nicht mal halbvoll ist, und setze sie an den Mund.


„Fiona!“


„Was? Du wolltest mit mir reden, oder?“


„Was ist los mit dir? Die Ereignisse nehmen uns alle mit. Aber du verschwindest morgens aus dem Haus und kommst bei Dunkelheit wieder...“


„Ich habe trainiert!“


„Ja, immer dieses übertriebene Training! Kannst du nicht wenigstens jetzt mal darauf verzichten?“


„Gerade jetzt brauche ich es. Vater, darauf habe ich keinen Bock. War das alles, weswegen du mich sprechen wolltest? Dann gehe ich jetzt nämlich ins Bett!“


„Nein, obwohl es da Einiges zu bereden gäbe. Verdreh nicht die Augen! Dein Lebensstil ist sehr unvernünftig. Auch wenn du als Alibi den Trainee spielst, vergeudest du dich und deine Lebenszeit. Aber das zählt jetzt vielleicht gar nicht mal so viel. Hör zu, wie ernst nimmst du die Bitte deiner Mutter?“


„Ich werde das Schwein töten.“


„Das habe ich befürchtet. Und dann wegen Totschlags ins Gefängnis gehen? Das ist es nicht wert. Der Mörder wird seine gerechte Strafe auch so bekommen.“


„Denkst du das wirklich?“ Ich bin sauer, darum zünde ich mir auch noch eine Zigarette an. „Auf welchem Jupitermond lebst du denn? Glaubst du ernsthaft, unsere Gerichte sind in der Lage, Gerechtigkeit zu sprechen? Als wenn sich Gerechtigkeit in von Menschen ausgesprochenen Maßstäben messen ließe! Justiz war und ist das Instrument der Mächtigen. Und daß du zu den Mächtigsten dieses Landes gehörst, macht es nicht einfacher, okay? Schon mal gar nicht für mich.“


„Du übertreibst ein wenig. Es gibt weit einflussreichere Männer in diesem Staat als mich...“


„Und wenn schon! Von der sogenannten Gerechtigkeit der Gerichte eines welchen Staates auch immer brauchst du nicht viel zu erwarten, wenn es darum geht, einen objektiven Maßstab anzulegen...“


„Und du verfügst über diesen Maßstab, ausgerechnet du, ein junges Mädchen, die Tochter eines aus dem Establishment?“


„Ich bin kein junges Mädchen, sondern eine erwachsene Frau! Wann akzeptierst du das endlich?“


„Wenn du dich auch so benimmst.“


„Na super! Was muß ich dafür tun? Den Nobelpreis im Erwachsensein bekommen? Vergiß es. Eigentlich ist es mir sowieso scheißegal, was du über mich denkst. Was willst du überhaupt von mir?“


Mich schlagen, zumindest sieht er für einen Moment ganz danach aus. Ich weiß nicht, was ihn letzendlich davon abhält. Angst vor mir? Sicher, ich könnte ihn in wenigen Sekunden völlig schachmatt setzen. Rein technisch gesehen. Ob ich das wirklich wollte, steht auf einem gänzlich anderen Blatt. Er weiß das wahrscheinlich auch, also hält ihn etwas Anderes davon ab, mir eine Ohrfeige zu verpassen. Und da er offenbar nicht so genau weiß, was er mit seinen Händen machen soll, holt er seine Pfeife hervor, stopft sie umständlich und zündet sie an.


Dies dauert etwa fünf Minuten. In dieser Zeit habe ich die Flasche geleert. Besser fühle ich mich nicht.


„Ich möchte, daß du mir versprichst, die Finger von Polizeiarbeit zu lassen“, sagt er schließlich, als ich schon längst vergessen habe, was ich ihn gefragt habe. Daß ich ihn überhaupt etwas gefragt habe...


„Du meinst, ich soll nicht versuchen, den Mörder zu finden und zu richten?“


„Wie sich das anhört!“ ruft mein Vater angewidert aus. „Du bist keine Richterin, außerdem ist es etwas vermessen zu glauben, du könntest besser sein als die Polizei.“


„Das ist nicht nur eine Frage von Bessersein. Die richtigen Informationen sind wesentlich wichtiger. Wer sie hat, ist am Drücker.“


„Welche Informationen hast du, an die die Polizei nicht auch rankommt? Hast du vielleicht ein supergeheimes Spionagesystem entwickelt? Oder hast du dich irgendwo reingehackt? Etwa beim FBI? Vielleicht kannst du ja eine Verschwörung aufdecken, in derem Rahmen Norman ermordet wurde, weil er zuviel von der geplanten Invasion der Marsmännchen wußte?“


„Okay, ich gehe jetzt ins Bett.“


„Allein, ausnahmsweise?“


„Meinst du nicht, du solltest mir wenigstens die Fotze lassen, wenn du schon Anspruch auf mein Gehirn erhebst?“


„Wie wäre es mit einer etwas zivilisierteren Ausdrucksweise?“


„Fotze ist ein Abfallprodukt der Zivilisation. Kein Naturvolk nennt das weibliche Geschlecht so, okay? Gute Nacht!“


Er hat es wieder geschafft! Ich liege heulend im Bett und wache am nächsten Morgen angezogen auf.


 


„Er hat nach Ihnen gefragt“, teilt mir die diensthabende Schwester ungefragt mit, als ich im Krankenhaus antanze.


„Hat er auch gesagt, warum?“


„Nein. Er hat nur gefragt, wann Sie kommen.“


„Das ist aber immerhin mehr als vorher.“


„Haben Sie ein Berufsgeheimnis? Oder teilen Sie uns mit, wie Sie das geschafft haben?“


„Es ist ein Berufsgeheimnis.“


Savage liegt scheinbar genauso da wie gestern. Das Buch neben ihm auf dem Schrank. Als ich jedoch leise „Hallo“ sage, da dreht er den Kopf und schaut mich an.


„Endlich.“


„Hast du etwa auf mich gewartet?“


„Vielleicht.“


„Vielleicht ist keine Antwort.“


„Sind Engel so? Ja oder nein? Nichts dazwischen? Ich liebe Farben. Und ich liebe Engel. Einen Engel.“


Ich verspüre den innigen Wunsch, mich irgendwo zu setzen. Es kostet Kraft weiterzumachen.


„Engel sind dazu da, um geliebt zu werden. Liebe ist etwas Schönes.“


„Engel sieht man aber erst, wenn man tot ist.“


„Das ist nicht wahr. Du siehst mich doch.“


„Ich bin tot.“


„Du bist nicht tot, Sava. Vielleicht wünscht du es dir, tot zu sein. Aber du lebst. Sonst wäre ich nicht hier.“


„Hast du Angst vor den Toten?“


„Nein, aber ich mag mehr bei den Lebenden sein. Der Tod ist ziemlich langweilig, weißt du.“


„Kennst du das Lied, in dem es heißt, daß wir noch so jung sind, aber schon daran denken, von dieser Welt zu fliehen?“


„Natürlich. Ein sehr trauriges Lied, traurig-schön. Es gibt andere, fröhlichere Lieder.“


„Ich mag dieses Lied sehr. Diese Welt ist so grausam. Oder sehe ich aus wie ein Gewinner? Wenn du ein Engel bist, besorgst du mir einen CD-Player und diese CD. Schaffst du das?“


„Natürlich...“


Ich fahre in die Stadt und kaufe einen Discman und einige CDs. Auch die CD. Ich setze mich in einen Eiscafe und höre mir das Lied an, immer wieder. Es ist ein grausames Lied. Wieviele Teenager haben sich deswegen wohl umgebracht? Meine Gedanken schweifen ab. Können Engel wirklich fliegen, über den Wolken, die Menschen, klein wie Ameisen, unter sich beobachtend, wie sie ihr kümmerliches Leben leben, an ihren Idealen hängen und nicht ahnen, wie bedeutungslos sie doch in Wirklichkeit sind? Ich wünschte, ich könnte ein Engel sein. Engel, lern fliegen...


„Signorina, ist alles in Ordnung?“


Mir wird plötzlich bewußt, daß der italienische Kellner schon mehrmals diese Frage gestellt hat. Ich nehme den Kopfhörer ab und schaue ihn seufzend an, meine Tränen abwischend. Dann nicke ich. Ich fürchte, meine Stimme habe ich nicht unter Kontrolle.


Ich laufe durch die Innenstadt, völlig orientierungslos. Mein Kopf ist leer. Was ist bloß los mit mir? Kann ein Lied einen Menschen derart durcheinander bringen? Komm schon, Fiona, mach dir nichts vor! Es ist nicht das Lied, es ist dein Leben! Dieses scheißverfluchte Leben, das Lied bringt es dir nur in Erinnerung. 23 sinnlose Jahre liegen hinter dir, und das tut weh, verdammt weh! OK, ändere es doch!


Niemand ändert sein Leben einfach so. Will ich das wirklich, wirklich, wirklich? Brücken könnten dabei abbrennen, und das gemächliche Bächlein würde vielleicht zu einem reißenden Fluß. Von Krokodilen zerfetzt zu werden, ist bestimmt nicht so angenehm. Und doch, es ist so schön und beruhigend, im stillen Wald zu stehen, die Füße vom ruhigen Wasser umspült, Sonnenschein dringt durch den Laub und dann der Gesang der Vögel. Irgendwo sind vielleicht die Wolken, irgendwo donnert und blitzt es wahrscheinlich, aber hier, hier ist paradisiesche Ruhe. Das willst du aufgeben? Diese idyllische Langweile? Närrin...


Meine Hand zittert beim Anzünden der Zigarette. Ich fahre nach Hause, nehme eine volle Whiskyflasche auf mein Zimmer und mache sie innerhalb einer Stunde knochentrocken. So bleibt mir wenigstens keine Erinnerung an den Rest des Tages.


 


Beim Frühstück sehe ich meinen Vater wieder. Er mustert mich mit einem undefinierbaren Blick. Ich weiß schon, wieso. Genauso starrte mich das Mädchen im Spiegel an. Eine Flasche Whisky hinterläßt grausame Spuren. Da hift auch keine kalte Dusche.


„Wird das jetzt zu deiner Angewohnheit?“ erkundigt er sich.


„Vater, laß das. Ich bin auch so schon beschissen genug drauf.“


„Das nennt man Kater.“


„Darauf kann ich wirklich verzichten! Herzlichen Dank für dein Mitgefühl!“


Arschloch! Vor Erregung schmeiße ich die Tasse mit der Milch um, aber es ist mir so egal. Ich hole den Discman und die CDs und fahre ins Krankenhaus. Zu dem Jungen, der an Engel glaubt. Der an das Schöne im Tod glaubt. Verflucht. Ästhetik des Todes, so ein Blödsinn! Tod ist immer gräßlich, ich habe es gesehen. Wenn du in die gebrochenen Augen eines toten Dreizehnjährigen geschaut hast, dann wirst du nie wieder denken, der Tod hätte etwas mit Ästhetik zu tun.


Savas Augen leuchten heller als Supernovas, als ich ihm den CD-Player und die CDs auf das Bett lege. Mit freudiger Erregung legt er eine CD, die CD, in das Gerät, stülpt sich den Kopfhörer über und drückt den PLAY-Knopf. Sein Gesicht erstrahlt, während er zurückgelehnt die Musik hört. Ich trete derweil ans Fenster und schaue hinaus.


Oh ja, die Welt ist grausam. Und wieviele kommen auf die Welt, um als Verlierer geboren zu werden? Fragt sich nur, wer die größeren Verlierer sind: Diejenigen, die sterben, oder diejenigen, die überleben? Der Himmel ist wolkenverhangen. Keine dunklen Regenwolken, die in einem die verborgenen Todessehnsüchte wecken können. Leicht gräulich, fast so, als würden sie eigenes Licht abstrahlen. Jemand, vielleicht Gott, hat einen Vorhang über die Erde gelegt. Er hätte besser schwarzen Stoff genommen.


Oh ja, die Welt ist grausam.


Aber nicht grausamer als der Tod.


Ich wende mich an Sava. Er beobachtet mich.


„SEV-09-6“, sagt er.


„Bitte?“ Ich brauche einen Moment. Sava wiederholt nicht. Ich tu das für ihn. „SEV-09-6?“


Sava nickt. „Laß mich allein, Engel. Du mußt fliegen.“


„Brauchst du noch etwas?“ erkundige ich mich.


„Du weißt, was ich brauche“, lautet seine geheimnisvolle Antwort, und mehr läßt er auch nicht aus sich herauskitzeln.


Ich fahre nach Hause, dabei meinem Gehirn eine ungewohnte Tätigkeit zumutend: Nachdenken. Eigentlich müßte ich mit meiner Information zur Polizei gehen. Doch was dann? Sie vernehmen den Mann, vielleicht gibt er einen Unfall zu und daß er den Kopf verloren hat. Er geht dafür nicht einmal ins Gefängnis. Die Alternative: Ich versuche selbst rauszufinden, wem das Auto mit diesem Kennzeichen gehört. Und dann? Da fällt mir nur noch mein Versprechen ein.


Das erste Problem ist, den Halter zu ermitteln. Meine Bekanntschaften bei der Polizei sind nicht gerade zahlreich. Und ich kenne keinen einzigen Polizisten oder einen Verwaltungsangestellten, der für mich die nötigen Informationen auf inoffiziellem Wege besorgen würde. Aber...vielleicht kenne ich doch jemanden, der zumindest die richtigen Leute ansprechen kann. Ob er dies auch tut, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es ist zumindest einen Versuch wert.


Ich schleiche mich ins Haus, damit keiner mich sieht, auch Nicholas nicht. Meine Eltern scheinen gar nicht da zu sein, zumindest steht der große BMW nicht in der Garage. Ich ziehe mich um. Kurze Hosen, bauchfreies Top, Sportschuhe. Zumindest verbessert das meine Chancen. So hoffe ich es. Dann begebe ich mich in meine Sonnenecke. Hier pflege ich mich nackt zu bräunen. Von zwei Seiten von Bäumen verdeckt, auch vom Haus her ist der Platz versteckt; die Nachbarsgrundstücke sind auch weit weg. Bis auf eins, aber das ist in diesem Fall sogar ein Vorteil. Ich schwinge mich über den Zaun und bahne mir meinen Weg durch das Gestrüpp zum Haus hin, das deutlich kleiner ist als unseres. Dafür wohnen auch nur zwei Menschen darin.


Leslie Flame ist eine alte Schulfreundin von mir. Jetzt studiert sie Wirtschaftswissenschaften, was sie in den Augen meines Vaters zu einem vollwertigen Menschen macht, im Gegensatz zu mir. Ihr Vater, James, der sie allein erzieht, war zehn Jahre beim Geheimdienst und verfügt angeblich über einige Kontakte, immer noch. Jetzt arbeitet er als Immobilienmakler, insbesondere für Geschäftsklientel. Er gehört zu den wenigen Glücklichen, die einen sauberen Ausstieg geschafft haben.


Übrigens ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Obwohl er langsam auf die 50 zugeht, sieht er noch aus wie die Jungs aus der Marlbororeklame. Klasse! Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er einer der ersten Männer war, mit denen ich geschlafen habe. Vor 7 Jahren. Ich war damals minderjährig, eine Tatsache, die er immer im Hinterkopf behalten mußte, wenn ich ihn um kleine Gefallen bat.


Er hockt jetzt neben der Terasse und versucht, bunten Blumen Leben einzuhauchen. Ich nähere mich ihm leise bis auf wenige Schritte und räuspere mich. Er fährt so heftig herum, daß ich unwillkürlich zurücktrete. Nachdem er mich erkannt hat, läßt er die kleine Hacke sinken und atmet tief durch.


„Du bist etwas wahnsinnig, junge Dame“, sagt er mit seiner tiefen, leicht vibrierenden Stimme. Vielleicht vibriert aber auch nur mein Gehirn.


„Ähm...ich hatte eigentlich nicht vor, dich zu erschrecken. Deine heftige Reaktion hat mich überrascht...“


„Na schön. Wenn du zu Leslie willst, sie ist an der Uni.“


„Ich wollte aber nicht zu Leslie.“


„Aha.“ Er mustert mich gründlich, und ich überlege, vielleicht doch lieber zur Polizei zu gehen. „Meinst du nicht, es ist doch irgendwann mal verjährt?“


„Äh...irgendwie schon...ich meine...hör zu, dieses eine Mal noch, danach lasse ich dich in Ruhe. Aber es ist sehr wichtig für mich. Und ich brauche nur eine Information von dir.“


„Soso...und deswegen läufst du rum wie eine Nutte?“


Vermutlich werde ich tatsächlich rot, entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten.


„Wir haben Sommer...“


„Dreh dich mal um.“


„Wieso?“


„Ich vermute, deine Arschbacken hängen raus...“


„Die Hose ist etwas knapp geschnitten“, gebe ich zu. „Schau nur in meine Augen.“


Jetzt schmunzelt er doch. „Damit du mich hypnotisieren kannst?“


„Komm schon, du mußt zugeben, daß ich eigentlich nie irgendwie unverschämt in meinen Forderungen war. Es waren eher Gefälligkeiten, um die ich dich gebeten habe.“


„Ja, aber mit sehr viel Nachdruck.“


„Naja. Ich habe mich aber auch immer erkenntlich gezeigt.“


„Wie man es nimmt.“


„Hat dir mein Kuchen nicht geschmeckt?“


„Lassen wir das Thema. Was soll ich für dich tun?“


„Ich habe ein Kennzeichen und weiß nicht, wer der Halter des zugehörigen Autos ist. Das möchte ich ändern.“


„Wie kommst du darauf, daß ich dir dabei helfen kann?“


„Ich hoffe es. Es ist mir wirklich sehr wichtig.“


„Was ist das für ein Auto? Wurde Norman damit getötet?“


„Ja.“


„Dann kann die Polizei dir sagen, wem es gehört.“


„Die wissen nicht, daß ich das Kennzeichen habe.“


„Fiona, das ist kein gutes Spiel. Du bringst dich in eine Situation, aus der du nicht mehr ohne Blessuren rauskommst. Was genau hast du vor, wenn ich dir die Information gebe?“


„Ist das wichtig?“


„Vielleicht ist es besser, wenn ich es nicht weiß. Warte hier!“


Er geht ins Haus, zum Telefonieren. Ich schaue mir die Blumen an. Der geborene Gärtner ist er nicht. Am liebsten würde ich mich hinhocken und selber Hand anlegen. Aber es ist sein Garten. Ich sollte einfach nicht mehr herkommen. Er ist wütend auf mich, und eigentlich ist das auch gerechtfertigt. Seit sieben Jahren komme ich gelegentlich vorbei und will was von ihm, dafür, daß er damals einmal ran und rein durfte. Ausgeglichen ist das wirklich nicht. Okay, das ist das letzte Mal. Aber auf diese Information kann ich nicht verzichten.


Als er zurückkommt, drückt er mir einen Zettel in die Hand. „Hier. Von mir hast du das nicht.“


„Danke. Ich verspreche, ich werde dich nicht mehr belästigen.“


„Wir werden sehen.“


Ich nehme den selben Weg zurück, den ich gekommen bin. In unserem Garten angekommen, werfe ich endlich einen Blick auf den Zettel. Charles Brodwich. Den Namen wird es nicht allzuoft geben. Ich werde im Internet auch schnell fündig. Die Adresse ist allerdings nicht gerade vertrauenserweckend. Anderson Road geht quer durch Center Village, das schon lange nicht mehr das blühende Zentrum von Skyline ist. Im Gegenteil. Dorthin ziehen zu müssen bedeutet einen echten sozialen Abstieg.


Ich fahre also nach Center Village, voller Hoffnung, daß ich auch mit meinem eigenen Wagen wieder da raus fahren werde. Die Adresse von Brodwich sieht gar nicht mal heruntergekommen aus. Den Wagen sehe ich allerdings nirgendwo, was aber nichts bedeuten muß. Er wohnt im dritten Stock eines Mietshauses, dessen Glanzzeit schon lange vorbei ist. Im Flur riecht es nach verbranntem Essen und Moder. Hinter der Nachbarstür schreien Kinder.


Auf mein Klingeln hin geht Hundegebell los, aber niemand öffnet. Nach dem zweiten Klingeln und wildem Gebell in höchster Lautstärke und wechselnden Frequenzen, reißt jemand die Tür der Nachbarswohnung auf und eine Frau, die ihre Glanzjahre ebenfalls schon hinter sich hat, schreit mich an, ob ich nicht mal langsam kapieren würde, daß das dämliche Arschloch nicht da ist.


„Wo könnte ich ihn denn finden?“


Sie mustert mich. Mir wird bewußt, daß es wohl besser gewesen wäre, wenn ich mich umgezogen hätte.


„Wenn er sich Flittchen bestellt, könnte er wenigstens da sein“, meint sie schließlich. „Versuch es bei Derek. Da treibt er sich oft rum.“


„Wo ist das?“


„Du kennst dich hier wohl überhaupt nicht aus? Die Straße nach rechts, an der dritten Ecke auf der linken Seite. Ich würde da allerdings an deiner Stelle nicht hingehen. Nicht so.“


„Danke.“ Auf der Straße atme ich erstmal tief durch. In Filmen sieht sowas immer viel einfacher aus. Ich fahre die kurze Strecke zur Kneipe. Davor steht auch ein Geländewagen. Ich betrachte seine Rückfront. Wenn Blut daran geklebt hat, dann wurde es sorgfältig wieder entfernt. Überhaupt sieht der Wagen wie neu poliert aus. Ich kann mir schon denken, warum.


Mein Herz klopft wie wild, als ich die Kneipe betrete, die nach dem gleißenden Sonnenlicht wie eine Dunkelkammer wirkt. Ich bleibe ein paar Sekunden stehen, um mich daran zu gewöhnen.


Es sind mit dem Wirt etwa neun Männer in der Kneipe, auf zwei Gruppen verteilt. Kein einziger davon sieht so aus wie mein Traummann. Sie sind sogar meilenweit davon entfernt. Neun Augenpaare starren mich unverhohlen an. Am liebsten würde ich umkehren und davonlaufen. Wahrscheinlich können sie gegen das Licht jedes einzelne meiner Schamhaare sehen.


Ich gehe betont unaufregend zur Theke. „Ein helles Bier!“


„Bier?“ fragt der Wirt nach.


„Ja. Hast du keins?“


Statt einer Antwort greift er nach einem Glas und zapft. Links und rechts von mir sitzt jeweils eine Gruppe, und in einer davon Charles Brodwich. Ich widerstehe der Versuchung, erraten zu wollen, wer es ist. Als ich das Bier vor die Nase gestellt kriege, trinke ich die Hälfte auf einen Zug. Trotz Klimaanlage im Auto habe ich einen höllischen Durst.


„Ich dachte immer, um diese Zeit schlafen sich Nutten aus“, bemerkt einer der Männer und erntet damit großes Gelächter. „Aber vielleicht wurde sie letzte Nacht nicht so gefordert!“


Scheiße. Darauf muß ich reagieren, und zwar richtig.


Ich drehe den Kopf, bis ich ihn direkt anschauen kann. „Halt die Schnauze.“ Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, ob das die richtige Reaktion war, aber...mal schauen.


Daß es doch die falsche Reaktion war, zeigen mir die Gesichtsausdrucke der anderen Männer. Auch der Sprecher, nicht eben klein und schwächlich wirkend, zeigt Anzeichen von Gewaltbereitschaft. Als Mann wäre ich schon mitten in einer Prügelei, einer Hure geht Mann wohl nicht ganz so schnell an die Kehle. Aber ich bin ja Großmeisterin im Provozieren, selbst wenn ich es gar nicht möchte.


„Kleine, ich würde mich an deiner Stelle verpissen“, sagt der Wirt jovial.


„Danke der Fürsorge, ich kann selbst auf mich aufpassen.“


„Ach, wirklich?“ Der große Mann kommt näher. „Und wie machst du das? Mit deinen beiden Waffen? Sie sind ein bißchen zu klein geraten, um als Totschläger benutzt zu werden.“


„Machst du dich über meine Titten lustig, Arschloch?“ Ein Teil meines Ichs beobachtet mit wachsender Sorge, wie ein anderer Teil zunehmend Gefallen an der Situation gewinnt.


„Sagtest du Arschloch?“


„Laut und vernehmlich...“


Arme wie Schraubstocke packen mich an den Schultern und heben mich mühelos in die Höhe, bis meine Füße den Boden nicht mehr berühren.


„Sei froh, daß du nur eine armselige Nutte bist. Nur darum kriegst du eine Chance. Verpiss dich aus der Gegend, okay? Ich will dich hier nie wieder sehen.“


Als er mich fallen läßt, zupfe ich mein Top zurecht. Am liebsten würde ich der Aufforderung Folge leisten, aber der vorsichtige Teil in mir ahnt, daß es nicht so leicht sein kann.


„Ich bin hier noch nicht fertig“, hört dieser Teil aus meinem Mund. „Ich suche Charles Brodwich.“


„Was willst du von ihm? Das Einzige, was er mit Weibern macht, ist durchficken!“ Natürlich erntet er herzhaftes Lachen.


„Er hat meinen Bruder mit seinem Auto getötet. Dafür kommt auch er nicht ungestraft davon.“


„Was habe ich getan?“ Brodwich ist also in der anderen Gruppe. Ein glatzköpfiger, sehniger Mann mit tätowierten Armen. Er trägt eine Jeansweste und eine schwarze Armeehose. „Du spinnst wohl völlig!“


„Dein Auto wurde eindeutig erkannt“, erwidere ich.


„Bist du ein Cop? Wo ist deine Verstärkung?“


„Ich brauche keine Verstärkung. Leute, das hat mit euch nichts zu tun. Laßt mich das in Ruhe mit diesem Mistkerl ausdiskutieren...“


„Schmeißt sie raus“, sagt Brodwich verächtlich und wendet sich ab.


Der große Mann kommt wieder auf mich zu. Ich sorge mit einem Seitwärtskick dafür, daß er in einem Bogen zurückfliegt und bei der Landung Stühle und einen Tisch zerdeppert. Nach einer Schrecksekunde versuchen gleich zwei andere Jungs, mich zu packen. Ich weiche dem ersten aus, den anderen stoppt ein Fußtritt in die Magengrube nachhaltig. Dann kümmere ich mich um den ersten, der erneut meine Kreise stört. Sprung, zwei Tritte in schneller Folge, einer gegen die Nase, der zweite gegen das Kinn. Er wird von der Theke unsanft aufgehalten, doch sein Schwung sorgt dafür, daß er einen Purzelbaum rückwärts schlägt.


Der Rest ist allerdings auch nicht untätig geblieben. Ein Tischbein trifft mich mit einem klatschenden Geräusch am nackten Bauch, ein zweiter Schlag erwischt meine Backe und sorgt für einen Flug mit harter Landung. Das kostet wohl Zähne. Ich bleibe benommen liegen. Immerhin, drei von den Kerlen haben Tuchfühlung mit mir gehabt. Das ist gar keine schlechte Bilanz.


Jemand zieht mich von hinten hoch und hält mich fest, die Arme auf den Rücken gedreht. Vor meinem verschleierten Blick erscheint Brodwich.


„Das war beeindruckend“, sagt er grinsend. „Wir haben also Karate gelernt. Dann wollen wir mal sehen, welche sonstigen Qualitäten du hast!“


Seine Hände bewegen sich in Richtung meiner Brüste, mein Fuß in Richtung seiner Eier, nur wesentlich schneller. Er klappt förmlich zusammen. Mein anderer Fuß schnellt hoch, an meinem Kopf vorbei. Er wird von der Nase des Jungen gestoppt, der mich festhält. Aufschreiend taumelt er zurück, mich dabei loslassend. Ich fahre herum, aus diesem Schwung heraus einen Tritt gegen seine Rippen loslassend. Das setzt ihn endgültig außer Gefecht.


Bleiben nur vier weitere.


Ich mache einen Satz zur Seite, rolle mich ab und lande neben dem zertrümmerten Tisch. Mit einem Tischbein in der Hand richte ich mich auf, alle potentiellen Gegner im Blickfeld. Sie kommen gleichzeitig, fächerartig verteilt auf mich zu. Tausendmal geübt, allerdings ohne Gegner. Die Wirklichkeit ist immer etwas anders. Also ist Improvisation angesagt.


Ich weiche zurück. Registriere die Wand hinter mir. Dann drehe ich mich um, mache die letzten zwei Schritte zur Wand mit voller Beschleunigung. Der Schwung trägt mich die Wand hoch, so daß ich, mich von der Wand abstoßend, über die Köpfe der Jungs fliegen und nach einem Salto federnd auf dem Boden landen kann. Zwei nebeneinander stehenden Kerle erwische ich mit einem Halbkreistritt, aus dem Schwung des Aufrichtens heraus. Einen allerdings nur mehr gestreift. Zumindest ist er kurzzeitig benommen. Ich setzte das Tischbein ein. Das verschafft mir etwas Luft.


Ich sprinte zu Brodwich, der immer noch ziemlich grün im Gesicht ist, und nehme ihn in den Schwitzkasten.


„Hör zu, du Stück Scheiße, ich kann nicht beweisen, daß du ihn ermordet hast. Noch nicht. Aber als Andenken werde ich dir die Ellbogen brechen. Was hältst du davon?“


Die Antwort bleibt er mir schuldig, denn jemand packt meine Haare und reißt mich von ihm weg. Es ist der Wirt, und er hat einen Schlagring. Ich reiße den Kopf zur Seite, das Metallding streift trotzdem mein Kinn. Es brennt tierisch. Mein Knie landet in seinen Weichteilen, dann packe ich sein Handgelenk und drehe ihm den Arm auf den Rücken, die Hand nach oben drückend. Das ist äußerst schmerzhaft und zwingt jeden ins Knie. Als Strafe für mein blutendes Kinn lasse ich mein Knie Bekanntschaft mit seiner Nase machen.


Dann kümmere ich mich wieder um Charles Brodwich und mache mein Versprechen wahr. Das häßliche Geräusch brechender Knochen und sein Scheien erfüllen den Raum. Mir wird übel und schwindlig. Leicht gekrümmt und keuchend betrachte ich mein Werk. Neun Männer, mehr oder weniger kampfunfähig, die Inneneinrichtung auch. In der Ferne registriere ich Sirenengeheul. Wütend werfe ich das Stuhlbein in den Raum hinein und laufe nach draußen. Mein Auto steht noch da, wo ich es abgestellt habe. Ich springe rein und fahre wild los.


Erst Kilometer später habe ich mich soweit unter Kontrolle, daß ich auf einen Parkplatz fahren und den Motor abstellen kann. Es ist die hinterste Ecke des Parkplatzes von einem Shopping-Center. Ich betrachte die grauen Augen, die mich aus dem Innenrückspiegel anstarren. Aus einer Platzwunde an der rechten Backe sickert Blut, ebenfalls aus der Wunde am Kinn.


Ich habe mich noch nicht oft ernsthaft geprügelt, von den eher harmlosen Raufereien in der Schule abgesehen. Schon mal gar nicht mit Leuten, die mit Sicherheit ihre Akte bei der Polizei haben. Zuhälter, Drogenhändler, was auch immer. Kriminelle. Es ist ein Wunder, daß ich nicht mehr abgekriegt habe.


Das sind die Augen eines Monsters.


Ich lege die Stirn auf das Lenkrad und heule mich aus.


 


Der Specht soll verschwinden. Seit wann können Spechte reden? Der Wald zerfließt, stattdessen finde ich mich sitzend in meinem Bett wieder. Als nächstes wird mir der Schmerz am Bauch bewußt. Ich krieche aus dem Bett und wanke zur Tür, die Krach macht und mit der Stimme von Nicholas redet. Dieser steht tatsächlich dahinter, und ich starre ihn blinzelnd an.


„Wieviel Uhr ist es?“


„Wir haben elf Uhr vormittags, Fiona“, sagt er höflich. „Es tut mir leid, Sie geweckt zu haben. Möchten Sie sich etwas überziehen?“


Ich schaue an mir runter, in Erwartung völliger Nacktheit. Stattdessen sehe ich ein T-Shirt, das immerhin bis zu den Oberschenkeln reicht.


„Ich habe doch was an, Nicholas.“


„Wie Sie meinen, Fiona. Da sind zwei Herren von der Polizei, die Sie gern gesprochen hätten und sich nicht abwimmeln ließen. Sie sagten, daß sie Sie notfalls vorladen würden.“


Erst jetzt bemerke ich Jack Siever und einen anderen, mir unbekannten Mann. Sie nicken knapp. Ich winke ihnen unsicher zu.


„Dann sprechen Sie, Leutnant...“


„Wollen Sie sich nicht lieber was anziehen, Miss Carter?“


„Sind meine Beine so häßlich? Kommt in mein Reich.“


Ich gehe in mein Zimmer zurück, suche mir eine Zigarette und setze mich mit unterschlagenen Beinen auf das Bett. Die Polizisten suchen sich zwei freie Stühle.


„Haben Sie Basic Instinct gesehen?“ erkundigt sich der andere Polizist.


„Ich glaube schon“, murmele ich, gegen meine Müdigkeit ankämpfend, die trotz Zigarette nicht von mir weichen will.


„Ist ziemlich unrealistisch.“


Ich begreife allmählich, was er meint und ziehe die Decke über meine Beine, hoffend, daß ich nicht rot geworden bin.


„Danke“, sagt er.


„Haben Sie Drogen genommen, Miss Carter?“ erkundigt sich der Leutnant.


„Nur Alkohol.“


„Das ist leider legal. Trinken Sie oft?“


„Erst seit ein paar Tagen.“


„Der Tod Ihres Bruders scheint Sie doch mehr mitgenommen zu haben, als sie gegenüber der Psychologin zugeben wollten.“


„Das ist meine Privatangelegenheit. Oder ist sowas strafbar?“


„Nein, das ist es nicht. Aber es ist strafbar, die Einrichtung einer Kneipe kurz und klein zu schlagen und die Gäste auch.“


„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“


„Gestern nachmittag hat jemand in der Kneipe namens Derek neun Männer zusammengeschlagen und Einiges an Einrichtungsgegenständen zu Bruch gehen lassen.“


„Prima. Ich bin aber nicht Supergirl.“


„Die Personenbeschreibung von den Zeugen, welche die betreffende Person haben reingehen sehen, trifft ganz genau auf Sie zu. Was ist eigentlich mit Ihrem Gesicht passiert?“


„Ich bin gestolpert und unglücklich gefallen.“


„Miss Carter, wir wissen, daß Sie seit mindestens zehn Jahren Kampfsport betreiben. Und zwar sehr intensiv. Und daß Sie locker an internationalen Wettkämpfen mit Erfolg teilnehmen könnten, wenn Sie wollten. Soviel wir wissen, nehmen Sie aber an überhaupt keinem Wettkampf teil. Warum lernen Sie dann Karate?“


„Es hilft, die Einheit von Körper, Geist und Seele herzustellen. Und ich kann mich wehren, wenn es nötig ist. Außerdem: Mein Vater hat ziemlich viel Geld. Also bin ich permanent gefährdet, entführt zu werden.“


„Okay, Miss Carter, hören Sie bitte gut zu. Wir wissen, und Sie noch viel besser, daß die Person aus der Kneipe Ihnen viel zu ähnlich aussieht. Niemand von den Herren dort hat Anzeige erstattet, nicht einmal der Herr, dem die unbekannte Dame beide Ellbogen zertrümmert hat. Jeder dieser Herren ist der Polizei wohlbekannt. Es sind einige sehr gefährliche Männer darunter. Wenn Sie etwas wissen, was Sie uns nicht erzählt haben, aber für die Ermittlungen hinsichtlich der Ermordung Ihres Bruders wichtig ist, dann erzählen Sie es uns jetzt bitte.“


„Da gibt es nichts zu erzählen.“


„Auch nicht, wenn Sie ein wenig nachdenken?“


„Halten Sie mich für so blöd, daß ich von einer Sekunde auf die andere mich an Dinge plötzlich erinnere, oder was? Ich hasse es, beleidigt zu werden!“


„Na schön. Ich hoffe, Ihnen ist bekannt, daß es strafbar ist, der Polizei wichtige Informationen vorzuenthalten. Sollte Ihnen doch noch etwas einfallen, können Sie die Nummer auf dieser Karte anrufen.“


Ich nehme die Visitenkarte entgegen und nicke wortlos.


In der Tür dreht er sich kurz noch einmal um: „Übrigens, Charles Brodwich hat ein einwandfreies Alibi. Einen schönen Tag noch.“


Kaum ist die Tür hinter den beiden ins Schloß gefallen, springe ich aus dem Bett und laufe ins Bad. Ich muß tierisch pinkeln. Aus dem Leutnant werde ich nicht schlau. Auch wenn keine Anzeige erstattet wurde, müßte er irgendwas unternehmen, weil die Beschreibung doch ziemlich zutreffend ist. Hat es ihn etwa so beeindruckt, daß ich neun Männer verprügelt habe? Eine Tatsache übrigens, die ich immer noch nicht so richtig glauben kann. Nach zehn Jahren Karate ist man in der Lage, mit zwei oder drei Angreifern fertig zu werden, aber nicht mit neun Kriminellen. Ich schiebe diesen Gedanken wieder weg, dusche und gehe nach unten. Mein Vater ist außer Haus, meine Mutter liegt noch. Ich kann also in aller Ruhe einen Kaffee trinken und die Zeitung überfliegen. Als ich gehen will, steht Nicholas plötzlich im Weg.


„Fiona, ich hoffe, daß Sie nichts Unüberlegtes tun werden. Ein Kind zu verlieren, ist schon schlimm genug, aber beide, das ist die Höchststrafe.“


„Machen Sie sich keine Sorgen, Nicholas. Ich passe auf mich auf.“


„Ihr Spiegelbild müßte Ihnen doch etwas Anderes sagen.“


„Sie haben die anderen nicht gesehen“, murmele ich. „Lassen Sie mich bitte vorbei, Nicholas.“


Er tritt zur Seite, mich traurig anschauend. Ich setze draußen schnell meine Sonnenbrille auf. Die Sonne blendet. Auch die grellweißen Wände im Krankenhaus. Erst im Zimmer von Savage setze ich die Sonnebrille ab. Das Bett ist glatt gestrichen, von Savage nicht die Spur. Mit leichten Herzrhythmusstörungen erkundige ich mich bei der Stationsschwester nach dem Jungen.


„Er wollte nach Hause“, erklärt sie.


„Und Sie lassen ihn einfach so gehen?“


Sie zuckt die Achseln. „Er wurde von seiner Mutter abgeholt. Das ist nicht verboten.“


„Weiß die Polizei davon?“


„Die Polizei spioniert eh schon zuviel im Privatleben der Leute rum. Es gibt auch sowas wie eine Privatsphäre. Warum ist das denn überhaupt so schlimm, daß er nach Hause gegangen ist? So schön ist es hier auch nicht.“


„Schon gut. Vergessen Sie es.“


Zum Glück weiß ich, wo Savage wohnt, weil ich Norman schon mal zu ihm gefahren habe. Savage lebt zusammen mit seiner geschiedenen Mutter in einer Wohnsiedlung, die nicht ganz so heruntergekommen ist wie viele andere. Der Parkplatz, auf dem ich mein Auto abstelle, ist sauber. Vor der Haustür fällt mir der Nachname des Jungen nicht ein. Erst als ich Rita Norton lese, weiß ich, daß das die Mutter ist. Sie ist es auch, wer die Wohnungstür öffnet. Eine vollbusige, stark angemalte Frau auf dunkelbraunen Nylonstrümpfen.


Sie bemerkt wohl meinen etwas irritierten Blick, denn sie lächelt. „Ich bin gerade nach Hause gekommen. Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“


„Ich bin Fiona Carter. Ihr Sohn war mit meinem Bruder befreundet.“


„Oh, es tut mir wirklich schrecklich leid, was passiert ist. Ich kann mir vorstellen, daß Sie sich nicht so gut fühlen. Möchten Sie nicht auf einen Tee reinkommen?“


„Danke, Mrs Norton. Eigentlich wollte ich Savage sprechen.“


„Er ist unten auf dem Spielplatz geblieben. Jemand hat ihm einen Discman geschenkt im Krankenhaus, damit läuft er jetzt ständig rum.“


„Ein praktisches Ding“, murmele ich. „Dann werde ich ihn mal suchen. Vielen Dank für den Tee, Mrs Norton.“


„Sie haben ja gar keinen getrunken...“


„Vielleicht ein anderes Mal.“


Ich finde Savage schließlich auf dem Klettergerüst auf der obersten Sprosse. Auf seinen Schenkeln liegt der Discman, der Kopfhörer an seinen Ohren. Er scheint mich gar nicht zu bemerken, denn er starrt in die Ferne, irgendwohin. Ich schaue mich um. Nur wenige Kinder sind auf dem Spielplatz. Um diese Zeit sind wahrscheinlich viele noch in der Schule oder beim Mittagessen.


Als ich wieder hochschaue, begegne ich Savage´s Blick.


„Hallo, Engelchen. Hat es nicht geklappt mit dem Fliegen?“


„Deinen Humor scheinst du ja wiedergefunden zu haben. Es gab kleinere Probleme dabei, nichts Ernstes. Hör mal, ich war grad im Krankenhaus und fand nur dein leeres Bett vor. Zuerst war ich ganz schön erschrocken.“


„Ich wollte nach Hause.“


„Das kann ich verstehen. So schön ist es im Krankenhaus ja auch nicht.“


„Dort hat man Ruhe. Das ist schon okay.“


„Wie meinst du das? Hast du hier keine Ruhe?“


„Du verfolgst mich“, grinst er plötzlich.


„Ja, irgendwie schon. Aber ich wollte dich noch etwas fragen wegen dem Auto.“


„Frag.“


„Hier? Hältst du das für eine gute Idee?“


Nach kurzem Überlegen klettert er vom Spielgerüst und fordert mich auf: „Folge mir unauffällig!“


Ich bin beeindruckt, wie schnell er wieder gesund wurde. Gleichzeitig bin ich auch von den Ärzten beeindruckt. Ihre Diagnosen sind sehr zuverlässig und immer korrekt. Bis auf die Ausnahmen. Nur seltsam, daß es so viele Ausnahmen gibt. Savage jedenfalls hat niemals den Schock gehabt, den die Ärzte ihm unterstellt haben. Aber er war im Krankehaus sicher davor, gestört zu werden. Oder vielleicht sogar vor etwas Anderem?


Savage läuft vor. Er verläßt den Spielplatz und taucht ein in das Gestrüpp hinter den Häusern. Bald haben wir die Zivilisation hinter uns gelassen und wandern durch einen Märchenwald. Auch in unserem Viertel gibt es begrünte Flächen, ausgedehnte Parks mit viel Wald, in denen man gut joggen kann. Aber dort ist das Geld, und demtentsprechend sind die Wege immer sauber, die Sträucher und die Bäume gestutzt, die Bänke gewienert und die Papierkörbe werden regelmäßig geleert. Das hier dagegen ist wie gewachsen, Wege existieren nicht, dafür duftet es nach Kamille und singen die Vögel, was das Zeug hält.


Wir klettern über einen kleinen Hügel und erreichen dahinter einen Abhang. In etwa 100 Metern Entfernung verläuft die Autobahn. Nur leise hört man die Geräusche, sie werden von den Bäumen aufgehalten.


Savage deutet nach oben. Jetzt erst bemerke ich das Baumhaus über uns. Es hat lediglich eine Öffnung im Boden und mehrere Schlitze an den Seiten zum Rausschauen.


„Habt ihr das gebaut?“ erkundige ich mich.


„Nein, es ist dort gewachsen. Noch nie einen Baumhausbaum gesehen?“


„Du bist ein richtiger Scherzkeks.“


„Schaffst du es, dort raufzuklettern? In deinem Alter...“


„Paß bloß auf! Da komme ich locker rauf. Aber du gehst vor!“


Er nickt und klettert nach oben. Ich folge ihm mühelos. Im Haus herrschte zweckgerichtete Einfachheit. Zwei Matrazen, ein Baumstumpf als Tischersatz, eine Blechdose als Schrank. Auf dem Stumpf steht eine halb abgebrannte Kerze, auf einer Matraze liegen Superman-Hefte. Ich nehme eins und blättere darin. Da ich aber eigentlich von diesem Superheldenquatsch nichts halte, lege ich es bald wieder weg.


„Du wolltest etwas fragen“, erinnert mich Savage.


„Ja, stimmt. Ich habe das Auto zu dem Kennzeichen ausfindig gemacht. Aber der Eigentümer ist es nicht gewesen, er hat ein Alibi.“


„Kann schon sein“, erwidert Savage geistesabwesend.


„Was heißt das denn? Hast du sehen können, wer am Steuer saß?“


„Schon möglich.“ Savage starr vor sich hin. Entweder ist er ein wirklich sehr guter Schauspieler, oder er hat doch eine Macke abgekriegt. Dann hätte er aber noch nicht allein mit seiner Mutter gehen dürfen.


„Sava, ich muß es wissen.“


Er nickt langsam, dann hebt er plötzlich den Blick und starrt meine Brüste an. Ich trage ein T-Shirt, das nicht gerade zu groß ist, und nichts darunter. Bei meinen kleinen Brüsten verzichte ich auf einen BH. Unter dem durchschwitzten T-Shirt sind die Umrisse wahrscheinlich ganz gut zu erkennen.


„Laß uns ficken“, sagt Savage.


„Was?“


„Ich möchte mit dir ficken.“


„Savage, ich bin 10 Jahre älter als du!“


„Das macht nichts. Ich bin schon ein Mann!“


„Was soll das denn heißen? Was macht einen Mann zu einem Mann?“


„Daß er schon mal gefickt hat.“


„Savage, tu mir einen Gefallen und sag es mit anderen, freundlicheren Worten. Aus deinem Mund hört sich ficken etwas seltsam an.“


„Ich habe schon gefickt.“


„Ach ja? Du bist doch 13, nicht wahr? Ziemlich früh, oder? War es schön?“


„Manchmal ja, aber nicht immer.“


Ich starre ihn entgeistert an. Er erwidert meinen Blick leicht amüsiert. „Es gibt viele Männer, die für Geld ficken.“


Das gibt mir den Rest. In mir keimt ein furchtbarer Verdacht, den ich gar nicht aussprechen möchte. Ich spüre, daß mein Gesichtsausdruck sich grundlegend verändert haben muß.


„Ich liebe dich, Fiona, und möchte mit dir schlafen.“


„Äh...das...das geht nicht. Ich meine, du bist eigentlich noch ein Kind. Selbst wenn ich mit dir schlafen wollte, würde ich mich strafbar machen, täte ich es auch...“


„Wir sind allein, und ich werde dich bestimmt nicht verraten. Komm, zieh dein T-Shirt aus.“


Ich halte sein Handgelenk fest, als er nach meinem T-Shirt greifen will. „Hey, langsam! Ich habe nicht gesagt, daß ich das auch will. Im Gegenteil. Savage, das gibt keinen.“


„Ich liebe dich.“


„Das macht es nur komplizierter. Aber es wird auch nicht besser, wenn du mich bedrängst. Ich schlafe mit keinem Kind. Laß uns lieber über deine Erfahrungen reden.“


„Wenn ich schon älter wäre, würdest du dann mit mir schlafen?“


„Vielleicht. Wenn die Umstände anders wären, dann vielleicht. Aber dieses Vielleicht bedeutet überhaupt nichts. Du solltest dich lieber nicht darauf stürzen.“


„Norman hat gesagt, du hättest oft Sex, mit verschiedenen Männern. Er hat dich sogar dabei mal beobachtet.“


„Ach ja? Stimmt, ich hatte schon oft Sex. Aber alle Männer waren älter als ich.“


„Schade. Ich habe nicht nur mit älteren Mädchen geschlafen.“


Ich betrachte ihn und versuche den Sinn seines letzten Satzes zu begreifen. „Du bist 13...“, flüstere ich.


Er nickt. „Norman meinte, daß es Spaß machen würde. Aber die Mädchen waren nicht freiwillig da, und einige von den Jungs auch nicht. Nur die Erwachsenen.“


„Willst du...willst du damit sagen, ihr hättet es mit Kindern getrieben, die dazu gezwungen wurden?“


„Ja.“


„Und nur so zum Spaß?“


„Wir haben auch Geld dafür gekriegt. Aber Norman hat gesagt, sie machen ein Bombengeschäft und könnten uns mehr abgeben. Als er damit den Boß erpressen wollte, wurde er umgebracht. Sie denken, ich würde den Mund halten aus Angst. Aber es ist mir egal. Ich habe keine Angst vor dem Tod.“


Ich bringe kein Wort hervor. Es steigt langsam in mir hoch, preßt sich erst durch den Brustkorb, dann durch den viel dünneren Hals und erreicht schließlich den Kopf. Selbst durch heftiges Schlucken kriege ich es nicht wieder weg. Meine Augen füllen sich langsam mit Tränen, bis sie überlaufen und die ersten Tropfen Schmierspuren auf meinen Wangen hinterlassen.


„Wie...wie lange lief das?“


„Weiß ich nicht genau. Vielleicht zwei Jahre, vielleicht anderthalb...“


„Das kann nicht wahr sein...“ Ich drücke meine heiße Stirn gegen die Wand und versuche, meine Reaktionen unter Kontrolle zu bringen. „Mein Bruder hat freiwillig Kinderpornos gedreht...ich nehme an, alles wurde aufgenommen, oder?“


„Es wurden Bilder gemacht und Videos gedreht. Am Anfang war das etwas komisch, aber später nicht mehr so.“


Ich schaue ihn an. Es ist, als würde ein Erwachsener mir gegenüber sitzen. Ein Erwachsener, aber gefangen im Körper eines Dreizehnjährigen. Plötzlich beugt er sich vor und versucht, meine Tränen abzuwischen. Diese zärtliche Bewegung wirkt bei ihm irgendwie lächerlich. Ich schlucke.


„Weine nicht, Liebes...“


Ich kriege einen Mischkrampf aus Lachen und Heulen. Nur mühsam kann ich wieder einen klaren Gedanken fassen. Der Junge meint es ehrlich, doch es wirkt gestelzt, wie einstudiert.


„Warum lachst du?“ fragt er verwirrt.


„Es tut mir leid...die ganze Situation ist völlig bizarr. Ich sitze hier mit einem Dreizehnjährigen, der schon Pornos gedreht hat und mir erzählt, daß mein Bruder umgebracht wurde, weil er mit seiner Gage nicht zufrieden war. Du mußt zugeben, daß hört sich reichlich seltsam an.“


„Aber ich kann es beweisen. Ich weiß, wo man die Videos kriegen kann.“


„Wie das?“


„Habe es zufällig mitgekriegt. Ist egal, oder? Willst du es wissen?“


„Ja“, sage ich nach kurzer Bedenkzeit. „Sag es mir.“


„Der Laden heißt StarV. Frag nach Stanley Mime. Der Code ist der Satz: Haben Sie auch Schwimmanzüge. Frag nach dem Goldenen Jungen mit dem Zauberstab. Was danach passiert, das weiß ich nicht.“


„Das werde ich herausfinden. Savage, bevor ich fahre, beantworte mir ehrlich eine Frage: Was ist die Wahrheit?“


Er richtet seinen Blick auf mich mit dem selben abwesenden Ausdruck wie im Krankenhaus. Dabei scheint er durch mich hindurch zu schauen.


„Engel müssen fliegen“, sagt er langsam.


„Ich verstehe. Na prima. Warte hier auf mich, okay?“


Statt einer Antwort setzt er sich den Kopfhörer auf und schaltet den CD-Player ein. Obwohl, das ist auch eine Art Antwort. Ich klettere nach unten und gehe zum Auto zurück. Unterwegs denke ich darüber nach, was Savage erzählt hat. Vor allem eine Frage beschäftigt mich: Was mache ich, wenn alles wahr ist? Ich fürchte, die Situation überfordert mich völlig. Bevor ich den Motor starte, zünde ich mir mit zitternden Händen eine Zigarette an.


Die Videothek ist am anderen Ende der Stadt, wie ich nach einem Anruf bei der Auskunft feststelle. Doch das ist kein Hinderungsgrund. Bis ich am Ziel ankomme, erscheint mir die ganze Geschichte immer unwahrscheinlicher und unwirklicher. Gerade darum wird sie wohl wahr sein. Und das wäre die absolute Katastrophe. Für meine Mutter, für meinen Vater, für die gesamte Verwandschaft. Das Nesthäkchen ein Pornostar! Eine Schande, und zusätzlich ein komplettes Weltbild mit einem Windhauch in sich zusammen stürzen lassend. Kinder werden immer zum Sex gezwungen, sie machen niemals freiwillig mit! Tun sie auch nicht, wie die Aussage von Savage beweist. Das Verhalten von ihm und Savage bringt das Weltbild gar nicht wirklich ins Wanken, es erweitert es nur. Unsere Wirklichkeit scheint wie ein Prisma mit unendlich vielen Winkeln zu sein. Egal, von welcher Position aus du sie auch betrachtest, immer erschließen sich dir neue Sichtweisen.


Und das ist gut so, ändert aber nichts an meinem Problem.


Die Videothek ist fast leer. Zwei Kunden und ein junger Mann hinter der Theke. Sein Namensschild verrät, daß er Stanley ist. Ich schaue mich um, bevor ich ihn anspreche. Er beobachtet mich, das kann ich sehen. Ich trage enge Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt, ohne BH. Nicht wirklich sexy. Allerdings betont die Hose meinen flachen Bauch und die knackigen Arschbacken. Auch die beiden Kunden, zwei Männer, die entweder Nachtschicht oder keine Arbeit haben, mustern mich heimlich. Ich habe das Gefühl, mich zwischen den Arschbacken kratzen zu müssen.


Ich gehe zu Stanley und frage ihn: „Haben Sie auch Schwimmanzüge?“


Er mustert mich überrascht, zeigt aber sonst keine Regung. „Gerade frisch eingetroffen. Bevorzugen Sie ein bestimmtes Modell?“


„Ja, den Goldenen Jungen mit dem Zauberstab.“


„Oh ja, der ist ein Geheimtipp. Wirklich sehr gut. Kann ich nur empfehlen. Warten Sie bitte hier!“


Er verschwindet hinter einer Tür in dem kleinen Raum dahinter. Als er fünf Minuten später wieder auftaucht, hält er eine Kassette in der Hand. Er packt sie in eine unverfängliche Hülle und reicht sie mir.


„200 ND“, sagt er.


„Ups. Nicht gerade billig!“


„Aber dafür auch sehr gute Qualität. Sie müssen sie ja nicht nehmen.“


Ich krame in meiner Hosentasche und befördere einige Scheine hervor. Ich bin froh, daß ich diese blöde Eigenschaft habe, in jede Hosentasche Geldscheine zu stopfen. Die Alternative, mit Kreditkarte zu zahlen, schmeckt mir überhaupt nicht. Zum Glück reicht es. Begleitet von drei Augenpaaren, verlasse ich die Videothek und rase nach Hause. Unbemerkt komme ich auf mein Zimmer, schließe ab, schmeiße die Kassette in den Recorder und setze mich auf die Couch.


Geschickterweise lasse ich den Recorder stummgeschaltet laufen. Aber die Bilder reichen mir auch. Zuerst ist es nur Unglauben, dem die schockartige Erkenntnis folgt: Es ist wahr. Mehr noch, viel mehr. Dann kommen Ekel und Wut. Das steigert sich solange, bis ich den Brechreiz nicht mehr unterdrücken kann. Erstaunlich, wieviel Inhalt mein Magen noch hat. Obwohl ich nicht gefrühstückt habe, vom Kaffee abgesehen. Danach halte ich meinen Kopf unter kaltes Wasser.


Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Es gibt keine Begründung mehr dafür, die Polizei außen vor zu lassen. Abgesehen davon, daß diese Sache eine Dimension erreicht hat, bei der ich wahrscheinlich genauso in Lebensgefahr schwebe wie vor seinem Tod Norman, geht es hier um viel mehr als um Rache. Vielleicht sind Norman und Savage sogar die einzigen Kinder in diesem Film, die freiwillig mitmachen.


Ich bleibe kurz an diesem Gedanken hängen, daß Norman freiwillig bei Pornos mitgewirkt hat. Sein einziger Gedanke angesichts der Tatsache, daß da teilweise höchstens Sechsjährige förmlich vergewaltigt werden, war der, wie man daraus Profit schlagen kann. Muß ein Mensch wirklich sterben, um ihn kennenzulernen?


Nach Minuten oder Stunden, ich weiß es gar nicht, schalte ich den Videorecorder aus und hole die Kassette raus. Auf dem Weg zur Tür gehe ich am Spiegel vorbei und merke, daß mein Gesicht tränenverschmiert ist. Ich wasche es, schließlich möchte ich nicht, daß meinen Eltern oder Nicholas etwas auffällt. Danach begutachte ich mein Werk. Die Platzwunde an der Wange blutet leicht, die andere Wunde am Kinn brennt nur etwas. Mir fällt ein, wie das Gesicht von Norman ausgesehen hat. Das erinnert mich daran, daß ich nicht weiß, was ich jetzt tun soll.


Ich muß auf jeden Fall noch mal mit Savage sprechen. Wenn ich der Polizei meine Geschichte präsentiere, muß Savage wissen, was auf ihn zukommt. Strafen hat er wohl keine zu befürchten, er ist zu jung. Außerdem ist er auch Opfer, nicht nur Täter. Und er wird noch mehr auch Opfer sein, wenn sich erst die Presse auf ihn stürzt.


Nicht nur meine Hände zittern, als ich die Tür aufschließe. Ich muß einige mal tief durchatmen, bis das Zittern aufhört. Unbemerkt verlasse ich das Haus wieder und fahre los. Die Straßen in dem Viertel sind so gut wie leer, bis auf zwei Motorradfahrer, die auch gerade losfahren. Ich schalte das Radio ein, fahre die Fenster vorne ganz runter. Der Wind umreißt meinen Kopf, ist schon fast unangenehm. Aber bestimmt nicht so unangenehm wie das Anschauen des Videofilmes.


Als ich auf die Autobahn fahre, konstatiere ich etwas erstaunt, daß die Motorradfahrer hinter mir sind. Im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand fahren sie hinter mir her. Ich frage mich unwillkürlich, ob sie mich wohl verfolgen.Während ich das denke, fallen sie langsam zurück und verlieren sich aus meinem Blickfeld. Erstaunt stelle ich fest, daß meine Finger sich um das Lenkrad verkrampft haben. Ich sehe wohl schon Gespenster. Wie sollten die wissen, daß ich inzwischen erfahren habe, warum mein Bruder sterben mußte? Ganz abgesehen davon, warum sollten sie mich für eine Gefahr halten?


Sie tun es jedenfalls. Das wird mir schlagartig bewußt, als die Motorradfahrer wieder in meinen Rückspiegeln auftauchen.


Unmittelbar hinter mir und bewaffnet.


Reflexartig trete ich auf die Bremse und reiße das Steuer nach rechts rum. Das Auto neben mir kommt ins Schleudern, während ich vor ihm weg auf die heranrasende Ausfahrt zuschieße. Keine Rede von gestrichelter Linie, ich bin froh, nicht auf das ansteigende Geländer hoch zu fahren. Ich kann mich mit meinem Wagen gerade eben zwischen zwei andere Autos zwängen, wilde Hupkonzerte auslösend.


Im Rückspiegel beobachte ich, daß einer der Motorradfahrer durchkommt, der andere nicht. Dieser hebt ab, prallt beim Landen gegen die Fahrbahnbegrenzung aus Beton, wird zurückgeschleudert und dabei von einem LKW überfahren. Ich sehe, wie der LKW jedesmal einen Satz macht, wenn ein Rad über den Körper fährt.


Mein Magen droht damit, sich nach oben zu entleeren. Angesichts des zweiten Motorradfahrers, der sicherlich nicht freundlich gestimmt ist, unterdrücke ich den dringenden Wunsch, Galle und sonstige Säfte durch den Mund nach draußen zu befördern. Ich schere nach rechts aus, fahre halb auf den Gehweg und an einer unendlich langen Autoschlange vorbei zur Ampel. Es ist rot, und ich habe Mühe, mich zügig in den Querverkehr einzufädeln. Der herannahende Motorradfahrer mit der Pistole in der Hand ist allerdings eine gute Motivation. Ungeachtet wütender Proteste, nehme ich einem Porschefahrer die Vorfahrt und gebe Vollgas. Die Allee, die direkt in die Innenstadt führt, ist in beide Richtungen dreispurig ausgebaut und nicht gerade leer. Ich fahre wilden Slalom, die Scheinwerfer voll aufgeblendet und permanent hupend, trotzdem holt der Killer auf.


Schließlich hat er mich soweit eingeholt, daß er bald schießen könnte. Links kommt die Einmündung, die zum West Central Place führt. Ich biege nach links ab, nur haarscharf einer Frontalkollision entgehend. Das verschafft mir Luft, denn mein Verfolger muß vorsichtiger sein, weil er keine Knautschzone hat. Diese Nebenstraße ist fast leer. Einzig als plötzlich ein Kind in einem Hauseingang auftaucht und fast auf die Straße rennt, bleibt mir das Herz für Sekunden stehen.


Bedenkzeit gibt es keine. Ich gebe wieder Vollgas. Vor dem West Central Place biege ich nach rechts ab. Vorbei an Hinterausgängen komme ich wieder auf den Ring. Und wieder nach rechts. Ich überhole in voller Beschleunigung einen anfahrenden Bus, folge einer uneinsehbaren Kurve mit gut der doppelten der erlaubten Höchstgeschwindigkeit - und sehe mich auf einen querstehenden Bauschuttwagen zurasen.


Das ABS jagt mir fast den Oberschenkelknochen in die Gebärmutter. Es reicht trotzdem nicht. Ich reiße das Steuer rum, die Bremse kurz loslassend. Ich hätte das schon eher versuchen müssen. Heulend und knirschend verbiegt sich der linke Kotflügel bis zur Unkenntlichkeit, springt die Windschutzscheibe raus und geht der Airbag doch noch auf. Dann steht die Karre endlich.


Auch der Motorradfahrer schafft keinen ganz sauberen Bremsvorgang. Bevor das Motorrad hart gegen den Bauschuttwagen kracht, schafft der Fahrer den Absprung, sich elegant abrollend. Während er sich wieder aufrichtet, wenn auch etwas verlangsamt, sprinte ich schon los. Er hat die Pistole noch, und ich bin nicht so schnell wie eine Kugel. Ich tauche ein in die Menschenmenge, die im allgemeinen im Zentrum unterwegs ist und speziell sich für den Unfall zu interessieren scheint. Hinter mir machen die Leute schreiend meinem bewaffneten Verfolger Platz.


Das nächste Gebäude ist Korner´s Megastore. Ohne großartig nachzudenken, renne ich rein. Es sind viele Leute hier, aber keine Massen. Ich sehe draußen den Schatten des Killers und halte auf die Rolltreppe zu, leicht geduckt und in der Hoffnung, daß er mich übersieht. Doch dazu ist er wahrscheinlich zu professionell. Auf der Rolltreppe kauernd, kann ich sehen, daß er noch hinter mir her ist.


Langsam wird für ihn die Zeit knapp, was für mich nur gut ist. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die ersten Polizisten eintreffen. Auf meiner Flucht komme ich an den Haushaltswaren vorbei. Instinktiv nehme ich ein großes Küchenmesser mit. Eine lächerliche Waffe gegen eine Pistole, aber besser als gar nichts.


Sackgasse. Zurück geht es nicht, da ist der Mann mit dem Helm, die Pistole anlegend. Ich ducke mich. Mein Blick fällt auf eine Tür, hinter der sich die Toiletten verbergen. Vielleicht haben sie Fenster. Mit eingezogenem Kopf laufe ich zwischen den Gondeln darauf zu, nicht wissend, wo er sich befindet. Mir bleibt nur die Hoffnung, daß ich schneller bin. Mit einem Hechtsprung stoße ich die Tür auf, rolle mich ab und blicke mich in Sekundenbruchteilen um. Die Damentoilette ist näher, also ist die mein nächstes Ziel.


Dann bleibe ich unvermittelt stehen und starre das vergitterte Fenster an. Erstes Stockwerk, Einbruchgefahr. Aus, Ende, vorbei. Als die Tür aufgerissen wird, fahre ich herum und weiche zurück, bis ich die Wand im Rücken spüre. Er kommt breitbeinig auf mich zu, die Mündung zeigt genau auf meine Stirn. An meinen Armen und zwischen meinen Brüsten läuft Schweiß hinunter, drängelt sich zwischen Messergriff und Haut. Er kann das Messer vermutlich nicht sehen, da die Klinge hinter meinem Arm verdeckt liegt. Mir wird bewußt, daß er nur aus einem einzigen Grund noch nicht geschossen hat. Mein Schweiß hat das T-Shirt durchnäßt, so daß die Brüste sich darunter deutlich abzeichnen.


Da ich die Wahl habe, zwischen Erschossenwerden ohne mich zu wehren und dem Versuch einer Gegenwehr, entschließe ich mich für Letzteres. Während ich zur Seite hechte, schleudere ich das Messer nach ihm. Der Schuss in dem kleinen Raum hallt entsetzlich laut. Ich lande auf der Seite und starre mit aufgerissenen Augen den Killer an. Das Messer, das ich mit aller Kraft, die mir die Todesangst verliehen hat, geworfen habe, steckt in seinem Bauch, besser gesagt, unter seinem Brustbein. Es hat offenbar mühelos die dicke Lederjacke durchdrungen. Die Pistole liegt vor dem Killer auf dem Boden, kaum sichtbare Rauchschwaden steigen von der Mündung empor. Die Hände des Mannes umklammern den Messergriff, doch bevor er die Klinge aus seinem Körper ziehen kann, verlassen ihn seine Kräfte, und er bricht zusammen.


Jetzt erst wird mir bewußt, wo die Kugel hingegangen ist. In die Wand nämlich, zuvor meinen linken Arm treffend. Aus diesem sickert langsam Blut und verteilt sich auf meinem hellen T-Shirt.


Es ist so leise, daß ich deutlich den Atem von drei Menschen hören kann. Meinen. Den von dem sterbenden Killer, immer mehr ins Röcheln übergehend. Und den von einer Frau, die unter einer Kabinentür auf uns starrt.


Etwa 20 Zentimeter liegen also zwischen Tod und Leben. Oder zehn Jahre Training.


Ich lege den Kopf auf den heilen Arm, den anderen mit den Schenkeln festhaltend, und erlaube dem Weinkrampf, die Herrschaft zu übernehmen. Was er sowieso getan hätte, auch ohne meine Erlaubnis.


 


Ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Schon wenn gelegentlich mein Vater, bedingt durch seine Position infolge seiner finanziellen Macht, ins Zentrum des öffentlichen Interesses geriet und die Fotografen auftauchten, sah ich immer zu, daß ich möglichst weit weg kam. Doch diesmal ist mir dieser Fluchtweg verwehrt. Denn ich bin die Hauptperson.


Die Fotografen sind schon da, als ich auf einer Trage in den Ambulanzwagen getragen werde. Doch als die mit mir losfahren wollen, erhebe ich lautstarken Protest. Schließlich hat die Kugel meinen Arm nur gestreift. Sicher, es tut höllisch weh. Und eigentlich habe ich auch keine Ambitionen zur Heldin. Aber noch viel weniger Lust habe ich, die Nacht im Krankenhaus zu verbringen. Deswegen stelle ich den Arzt vor die Alternativen, mir die Wunde entweder an Ort und Stelle zu nähen oder zuzusehen, wie ich unbehandelt die Flucht ergreife. Als gewissenhafter Arzt wählt er natürlich die erste Alternative.


Während aufgrund der Spritze mein linker Arm langsam taub wird und der Arzt ihn säubert und die Wunde desinfiziert, betrachte ich den Fahrer, ohne ihn wirklich zu sehen. Tatsächlich laufen vor meinem geistigen Auge Bilder jüngster Vergangenheit ab. Ich sehe die Polizisten, die auf die Toilette stürmen und entgeistert den Toten betrachten, dann mich. Ich, das ist ein Bündel Elend auf dem Boden, zusammengekauert und hemmungslos flennend. Einer von ihnen ruft Verstärkung herbei und schildert knapp die Situation, der andere versucht, aus mir wieder einen verständigen Menschen zu machen. Das ist ein ziemlich schwieriges Unterfangen, dennoch schafft er es irgendwann, daß ich ruhiger werde. Ich kann mich sogar aufsetzen, die rechte Hand auf die blutende Wunde pressend. Zwischenzeitlich wurde auch die unfreiwillige Zeugin entdeckt und beruhigt. Da sie bestätigt, wenn auch nur stockend, daß ich das Opfer, nicht die Täterin bin, untersuchen die Polizisten die Leiche, ohne fündig zu werden. Und da sie auch noch tot ist, ist es nicht einfach, sie zu ihrer Identität zu befragen.


„Was wollte er von Ihnen?“ erkundigt sich ein Polizist zwischendurch.


„Mich erschießen“, antworte ich schniefend.


„Wieso? Die Leute sagen, er hat Sie durch das ganze Kaufhaus gehetzt.“


„Er war schon auf dem Highway hinter mir her, zusammen mit einem Kollegen...“


„Da gab es wohl einen Unfall.“


„Der andere Kerl wurde überrollt. Dieser war geschickter.“


„Aber nicht geschickt genug“, meint der andere Polizist mit einem Blick auf das Messer.


„Ich bin zu jung zum Sterben.“


Der Polizist schüttelt den Kopf, der erste bemerkt: „Ich bin noch keiner jungen Frau begegnet, die mit einem Messer einen Profikiller killt, als der sie erschießen will. Das ist mehr als nur Überlebenswille.“


„Außer etwas mehr als einem Jahrzehnt Kampfsport habe ich nichts vorzuweisen. Kommt eigentlich bald mal ein Arzt?“


„Er ist gleich hier, Miss...“


„Carter. Mein Name ist Fiona Carter.“


„Die Tochter des Softwareunternehmers?“


„Ja“, erwidere ich mürrisch.


„Interessant. Erst der Bruder, jetzt Sie.“


Ich finde das auch interessant, aber anders als der Polizist.


Der erste Nadelstich, den ich trotz Betäubung spüre, reißt mich aus meinen Gedanken und läßt mich zusammenzucken.


„Hey, nicht bewegen!“ schimpft der Notarzt.


„Tut mir leid“, erwidere ich leise.


Während der Arzt den letzten Faden reinzieht, erscheint in der Tür der Schatten des Leutnants. Ich mustere ihn nervös. Vorbei die Zeit der Ausreden, hier gab es zuviele Zeugen. Wie soll ich dafür eine plausible Erklärung finden??


„Sie hätten intensiver nachdenken sollen“, bemerkt er gleichmütig. „Die Blockade Ihrer Denkvorgänge hätte Sie leicht das Leben kosten können.“


„Wir müssen alle mal sterben.“


„Eine dämliche Antwort, oder?“


Er hat leider recht. Ich nicke stumm.


„Wir müssen ernsthaft miteinander reden. In welches Krankenhaus werden Sie gleich gebracht?“


„In gar keins“, beeile ich mich zu antworten. „Ambulante Behandlung und fertig.“


„Gegen meinen ausdrücklichen Rat“, fügt der Arzt hinzu.


„Sie ist ziemlich sturr“, sagt Jack Siever. „Aber mir paßt das gut in den Kram.“


„Wollen Sie mich verhaften?“ erkundige ich mich kleinlaut.


„Das sollte ich eigentlich tun. Aber ich habe kein Handhabe. Immerhin gibt es eine zuverlässige Zeugenaussage, daß Sie in reiner Notwehr gehandelt haben. Ich könnte Sie höchstens unter Polizeischutz stellen. Leider habe ich nicht genug Leute, also müßten Sie doch ins Gefängnis...“


„Vergessen Sie es. Eher schieße ich mir den Weg frei.“


„Womit?“ fragt er süffisant.


„Es gibt genug Waffen um mich herum. Muß mich nur bedienen.“


„Langsam traue ich Ihnen sogar das zu. Ich denke, wir können uns gegenseitig das Leben einfacher machen. Sie erzählen mir, was los ist, im Gegenzug können wir uns darüber unterhalten, wie Sie sich an den Ermittlungen beteiligen. Was halten Sie davon?“


„Das kommt darauf an, was Sie mit ‘an den Ermittlungen beteiligen’ meinen.“


„Nun, ich könnte mir beispielsweise vorstellen, daß Sie Ihre Fähigkeiten aktiv einsetzen. Natürlich im Rahmen eines Teams und nicht unbedingt mit den Vollmachten einer Polizistin.“


„Und Sie versuchen nicht, mich zu beschützen oder nach Hause zu schicken?“


„Beschützen schon, allein dadurch bereits, daß Sie sich im Team befinden. Zu Hause könnte ich Ihre Sicherheit nicht garantieren, daher nein.“


„Na schön. Sobald ich hier weg kann, werde ich Ihnen etwas zeigen. Aua!“


„Entschuldigung“, murmelt der Arzt, ganz und gar nicht den Eindruck weckend, als meinte er es ernst.


Nachdem er mit seiner Folterbehandlung endlich fertig ist, betrachte ich meinen verbundenen Oberarm. Faszinierend. Eine Schußwunde. Jemand hat auf mich geschossen, hat versucht, mich zu töten. Stattdessen ist er jetzt tot. Das allererste Mal, daß ich gewaltsam das Leben eines anderen Lebewesens, eines anderen Menschen, beendet habe. Ich bin mir nicht sicher, daß mich diese Tatsache so erschüttert, wie sie es sollte.


„Hat er schön gemacht“, sagt der Leutnant.


„Wie? Was?“


„Der Verband ist schön. Aber trotzdem könnten Sie mit der Bewunderung dieses wunderbaren Beispiels ärztlicher Verpackungskunst aufhören.“


„Sie sind gar nicht romantisch, Leutnant. Also gut, ich muß zu meinem Auto.“


Dessen Anblick treibt mir die Tränen in die Augen. Tapfer öffne ich die Tür und hole die Videocassette unter dem Sitz hervor.


“Was ist darauf? Politiker heimlich bei Sexspielen gefilmt?“


„Schlimmer, viel schlimmer. Haben Sie in Ihrem Büro einen Videorecorder?“


Er nickt amüsiert.


„Lachen Sie nicht. Wegen dem hier hat jemand versucht, mich umbringen zu lassen.“


„Wegen dieser Cassette?“


„Indirekt schon, ja.“


Der Leutnant fährt mich in seinem Buick ins Präsidium. Um in sein Büro zu kommen, müssen wir durch einen großen Raum mit gut zwei Dutzend Schreibtischen und ebensovielen Menschen. Ich würde verrückt werden, müßte ich hier arbeiten. Siever läßt zwei Polizisten mitkommen, einen jungen, elegant gekleideten Mann und eine Frau, der mal deutlich jede ernüchternde Erfahrung ihres Lebens ansieht. Er macht die Tür zu und bietet mir einen Sitzplatz an.


„Das ist Fiona Carter“, sagt er. „Fiona, die Detectives Laura Holler und Ben Norris. Ihr seid ab sofort ein Team.“


„Was?“ Laura Holler starrt ihren Chef völlig entgeistert an.


„Fiona bekommt Hilfspolizistinstatus nach §566 des Bürgergesetzbuchs. Das Gesetz ist zwar gut 150 Jahre alt, aber immer noch gültig.“


„Aber...aber sie ist doch völlig unerfahren“, stottert Laura.


„Das sind Polizeianwärter auch, wenn sie ihr Praktikum anfangen. Immerhin hat sie es geschafft, zwei professionelle Killer zu erledigen, die sie töten sollten.“


„Das ist gut fürs Kino, aber nicht für unsere alltägliche Arbeit.“


„Ein wenig Abwechslung ist eigentlich ganz interessant. Betrachtet es mal anders: Da Fionas Leben bedroht wird, müssen wir sie sowieso beschützen. Mit ihr in einem Hotelzimmer zu hocken auf unbekannte Dauer, wäre noch viel schlimmer und langweilig. Das ist nämlich die Alternative.“


„Alles, nur das nicht! Also gut. Aber ich kann nicht versprechen, immer jeden Schritt haarklein zu erklären.“


„Das ist auch nicht nötig“, erwidere ich. „Folgende Fakten: Das Auto, mit dem mein Bruder getötet wurde, hat das Kennzeichen SEV-09-6. Der Halter des Fahrzeugs ist Charles Brodwich und hat angeblich ein Alibi...“


„Nicht nur angeblich. Das Alibi ist wasserdicht, wir haben es überprüft.“ Ben Norris blättert in seinem Notizblock. „Um die fragliche Zeit war er bei seinen Eltern, die diese Aussage übereinstimmend bestätigt haben. Er kann unmöglich am Steuer gesessen haben.“


„Schön, aber das ist nicht so wichtig. Ich kann damit leben, daß er nicht selbst gefahren ist. Er ist trotzdem nicht sauber.“


„Das ist wahr. Genau wissen wir es nicht, aber er ist wahrscheinlich ein kleiner Haifisch. Nicht bedeutend genug, daß wir uns um ihn hätten kümmern wollen.“


„Meinetwegen. Richtig interessant wird es durch das hier.“ Ich halte die Cassette hoch und Siever zeigt auf den Videorecorder, der in einer Ecke rumsteht. Ich spule einige Meter zurück und schalte dann ein.


Alle drei Polizisten lehnen sich vor, als ihnen klar wird, was sie sehen. Am interessantesten ist das Gesicht von dem Leutnant. Spielte bis jetzt stets ein leicht spöttischer Ausdruck mit seinen Augenwinkeln, so ist das jetzt völlig weg. Als er zwischendurch mal einen Blick auf mich wirft, sehe ich nur aufrichtige Anteilnahme und tiefe Nachdenklichkeit.


Nach einigen Minuten schalte ich den Videorecorder wieder aus. Es ist still. Die Polizisten leisten Verdauungsarbeit.


Schließlich bricht Siever das Schweigen: „Das ist in der Tat sehr interessant. Das gibt dem Fall eine Wendung, mit der ich absolut nicht gerechnet habe. Woher haben Sie das?“


„Unter der Hand in einer Videothek bekommen, nachdem mir Savage davon erzählt hat.“


„Aha. Ihnen erzählt er also alles, nur uns nicht. Womit hat er begründet, daß Norman sterben mußte? Oh, das tut mir leid...“


„Schon gut. Damit muß ich sowieso fertig werden. Norman und Savage haben dafür Geld gekriegt, während die meisten der Kinder gezwungen wurden. Und werden. Als Norman das klar wurde, hat er versucht, die Schweine zu erpressen. Sie haben dann ein Exempel statuiert.“


„Das alles hat Savage erzählt?“


„Ja.“


„Wie zum Teufel haben Sie das hingekriegt?“


„Kinder reden mit Kindern eher als mit Erwachsenen...“


„Das ist aber jetzt mehrdeutig“, bemerkt Ben Norris.


„Sagen wir es mal so: Ich bin noch nicht so alt, daß ich alles Kindliche verloren hätte. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Ich denke, wichtig ist, daß aus einem tragischen Unfall eine richtig große Sache geworden ist. Immerhin sind die Mistkerle bereit, dafür zu töten, daß sich niemand in ihre Angelegenheiten mischt. Was habt ihr also jetzt vor?“


„Erst einmal ist das ein Mordfall und damit unser Bereich“, stellt der Leutnant fest. „Also gut, Fiona, ich erkenne an, daß Sie ein Naturtalent sind. Sicherlich hatten Sie auch viel Glück, aber daneben haben Sie auch sehr viel Zivilcourage bewiesen. Ich biete Ihnen ganz ernsthaft eine gleichberechtigte Zusammenarbeit an. Wir brauchen Savage als Zeugen, deswegen ist eine Ihrer ersten Aufgaben, ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen. Haben Sie Interesse?“


„Klar. Es ist allemale interessanter als eine Trainee-Stelle bei meinem Vater. Aber nur unter einer Bedingung: Ich bin bei allem dabei. Nicht daß es heißt, jetzt ist es brenzlig, bleib zu Hause.“


„Einverstanden, allerdings in dem Maße, wie ich das verantworten kann. Wenn Sie verletzt oder getötet werden, weil ich nicht die Bremse gezogen haben, haben wir alle einen Schaden davon.“


„Schön. Was ist mit den beiden Killern? Kennen wir deren Identität? Ihr habt ständig was von professionellen Killern erzählt.“


„Das waren sie auch. Bezahlte Berufskiller, seit langem gesucht. Sie haben Glück gehabt, daß die beiden Sie unterschätzt haben. Sie hielten Sie für keine große Aufgabe und sind entsprechend etwas lax an die Sache herangegangen. Was einem wirklich guten Berufskiller nicht passiert wäre.“


„Ich habe schon mein ganzes Leben immer wieder solche Glücksfälle erlebt. Sie müssen mich zu Hause aufgelauert haben. Die Frage ist, woher sie wußten, daß ich zu Hause sein würde. Als ich nach Hause kam, waren sie nicht da, und ich war nicht lange dort...es sei denn, sie haben mich beobachtet. Scheiße!“


„Was ist?“


„Dann wissen sie wahrscheinlich auch, daß ich mit Savage geredet habe!“


„Wo ist er jetzt?“


„An einem Ort, wohin er und Norman sich öfter zurückgezogen haben. Ich brauche ein Auto!“


„Wir kommen mit“, sagt Laura.


„Aber ich fahre. Ich weiß, wo es ist.“


Ich fahre zum ersten Mal einen zivilen Einsatzwagen. Wahrscheinlich verstoßen wir damit gegen sämtliche Vorschriften, daß ich mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt rase. Zumal ich jetzt noch weniger Rücksicht auf irgendwas nehme als sonst. Ich glaube, Laura und Ben bereuen inzwischen sehr, daß sie mich haben fahren lassen. Ben atmet sogar hörbar aus, als ich den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Spielplatz abstelle.


Dann laufe ich vor, trotz der Warnrufe der beiden, die es nicht ganz schaffen, hinter mir herzukommen. Aber die Sorge, ja, Angst um Savage läßt mich sogar berechtigte Vorsicht vergessen. So komme ich schweißgebadet auf der kleinen Lichtung an, von der aus man das Baumhaus sehen kann.


In der Ferne ist das Rauschen der Autobahn zu hören, in den Bäumen zwitschern Vögel. Ein leichter Wind geht leise durch den Laub, läßt einzelne Blätter rascheln. Irgendwo klopft ein Specht und erbittet Einlaß. Die sich bewegenden, belaubten Äste werfen Schattenspiele auf den Boden und auf das Gesicht von Savage.


Dutzende von Fliegen umschwärmen ihn.


Die weitaufgerissenen Augen starren mich an, selbst wenn der Wind seinen baumelnden Körper weg dreht. Die raushängende Zunge ist blau verfärbt, genau wie der zusammengeschnürte Hals. Die Mistkerle haben ihn lebend hochgezogen und vielleicht sogar zugeschaut, wie er minutenlang erstickt ist.


Ich falle langsam auf die Knie. Um mich herum entwickelt sich bald größte Geschäftigkeit. Nach nur wenigen Minuten trifft schon der Notarzt ein, den Ben bereits von unterwegs angefordert hat, in weiser Voraussicht, daß etwas Schreckliches passiert ist. Der kann nur den vor etwa einer Stunde eingetretenen Tod des Jungen feststellen. Die Spurensicherung beginnt damit, die Spuren zu sichern. Unterdessen tritt der Arzt zu mir, dem auf dem Boden kauernden Bündel Elend.


„Ich gebe Ihnen jetzt eine Beruhigungsspritze“, sagt er, „dann gehen Sie nach Hause und schlafen sich aus. Sie sind ja völlig fertig.“


Ich starre ihn wütend an. „Ich will Ihre verdammte Spritze nicht! Es wird nichts schlimmer oder besser dadurch, daß ich es nicht mehr mitkriege!“


„Mädchen, haben Sie eine Ahnung, wie Sie aussehen?“


Ich kann es mir zumindest vorstellen. Eine unnötig grobe Antwort wieder runterschluckend, erhebe ich mich, mit dem T-Shirt mein Gesicht trocken wischend. Dann sage ich ganz leise: „Ich sage es zum letzten Mal: Ich brauche weder eine Beruhigungsspritze noch sonstigen seelischen Beistand. Ich werde jetzt das tun, was ich mit Leutnant Siever verabredet habe. Ben, Laura, auch wenn Savage tot ist, wir haben andere Anknüpfungspunkte. Wollt ihr hier rumstehen oder die Mörder erwischen?“


„Willst du wirklich weitermachen?“ fragt Laura, unwillkürlich in das vertrauliche Du fallend.


„Ja, das will ich. Wenn ich jetzt aufhöre, könnte ich mir das nie verzeihen.“


„Sie sind keine Polizistin“, wirft der Notarzt ein.


„Doch, Hilfspolizistin. Dafür gibt es ein uraltes Gesetz aus der Zeit, als Sheriffs rar waren, aber dringend benötigt wurden. Sie konnten Zivilisten zu Hilfssheriffs ernennen und ihnen einen Teil ihrer Aufgaben übertragen. Dieses Gesetz wurde nie abgeschafft, so daß es heute noch gilt. Wahrscheinlich wird es demnächst abgeschafft.“


„Woher weißt du das so genau, Ben?“ erkundigt sich Laura baff.


„Das Bürgergesetzbuch ist Lernstoff auf der Polizeiakademie. Und diesen Passus fand ich recht interessant. Hätte allerdings nie gedacht, daß ich die Anwendung von §566 mal erleben würde.“


„Naja, bei mir liegt die Akademie schon etwas länger zurück“, murmelt Laura.


„Wenn das so ist, können wir ja jetzt loslegen“, sage ich.


„Womit?“ erkundigt sich Laura.


„Mit dem Videoladen“, erwidert Ben, seine Intelligenz unter Beweis stellend.


„Eine gute Idee. Die Jungs hier schaffen das auch ohne uns.“


Beim Auto angekommen, setzt sich Ben ans Steuer und verweist mich nach hinten. Meinen schwachen Protest überbügelt er mit einem Hinweis auf meinen Seelenzustand. Außerdem hätte ich eine Schußwunde am Arm, eigentlich dürfte ich überhaupt kein Auto fahren. Zu einer Diskussion fehlt mir die Motivation. Ich dirigiere Ben also zu der Videothek StarV. Bin nur neugierig, ob wir hier überhaupt noch fündig werden.


Es sind noch mehr Kunden da als heute vormittag. Stanley Mime hat Unterstützung gekriegt. Als er uns reinkommen sieht, irrt sein Blick durch den Verkaufsraum, als suchte er einen Fluchtweg. Mein Adrenalinspiegel geht bereits hoch. Doch umsonst, wie es scheint, denn Stanley wartet schließlich auf uns.


„Stanley Mime?“ fragt Laura.


„Der bin ich.“


„Können Sie sich bitte ausweisen?“


Er holt seine ID-Karte hervor und reicht sie der Polizistin. Diese studiert sie und steckt sie dann ein.


„Stanley Mime, Sie sind verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen, und wenn Sie...“


„Was liegt gegen mich vor? Ich habe wohl ein Recht darauf, das zu erfahren!“


„Sie werden verdächtigt, unerlaubtes Filmmaterial verbreitet zu haben.“


„Ach! Und dafür wird man gleich verhaftet?“


„Manchmal schon. Wollen Sie nun Ihre Rechte hören?“


„Kann darauf verzichten.“


„Das sagt ja viel über Ihre Vergangenheit aus. Drehen Sie sich bitte um und legen Sie Ihre Hände auf den Rücken.“


Stattdessen wirft er ihr einen Ordner an den Kopf, so daß sie aufstöhnend zu Boden geht. Dann sprintet er um den Pult herum, weg von Ben. Dafür muß er an mir vorbei. Offensichtlich schätzt er mich weniger gefährlich ein. Daß dies eine Fehleinschätzung war, wird ihm wahrscheinlich bewußt, als ich ihn mit einem Tritt gegen das Brustbein kurzfristig stoppe und dann seinen Arm nach hinten drehe. Er ist dadurch gezwungen, sich hinzuknien, sonst wäre seine Schulter ausgekugelt. Ich erwische auch noch seinen zweiten Arm, so daß Ben ihm in Ruhe Handschellen anlegen kann.


Ich kümmere mich dann um Laura. Sie hat eine Platzwunde an der Schläfe, nicht schlimmer als meine an der Wange. Das scheint sie sich auch zu denken, denn nach einem Blick auf mein Gesicht erhebt sie sich und begnügt sich damit, das Blut mit einem Papiertaschentuch abzuwischen.


Wir liefern Mime im Untersuchungsgegfängnis ab. Nachdem er den Vollzugsbeamten übergeben wurde, wendet sich Ben ab.


“Erstmal ist er beschäftigt. Wir sollten seine Befragung auf morgen verschieben.“


„Wieso?“


„Weil er ein Weichei ist“, antwortet Laura. „Eine Nacht in U-Haft gibt ihm Gelegenheit, über seine Lage nachzudenken.“


„Und die ist beschissen. Seine Auftraggeber oder Partner werden schnell erfahren, daß er verhaftet wurde. Und sie werden zumindest die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß er plaudern wird.“


„Genau. Ich glaube nicht, daß wir heute noch viel tun können. Das heißt, Laura und ich müssen einen Bericht schreiben. Das wird schon Stunden dauern. Du solltest dich wirklich mal etwas ausruhen. Der Tag war ziemlich anstrengend für dich.“


„Habt ihr denn wenigstens noch Zeit, mit mir zu essen? Ihr seid eingeladen.“


Ben wirft einen Blick auf die Uhr. „Mittagessen hatten wir alle nicht. Bißchen was zwischen die Zähne wäre tatsächlich nicht schlecht. Was meinst du, Laura?“


„Eine ausgezeichnete Idee, vor allem, wenn wir eingeladen sind. Ich weiß auch ein gutes französisches Restaurant...“


Also essen wir heute französisch. Ich falle mal wieder aus dem Rahmen in meinem blutigen Aufzug und dem roten Verband. Aber heute ist mir alles so scheißegal!


 


Meine Eltern sitzen noch am Frühstückstisch, als ich runterkomme.


„Na, willst du endlich wieder arbeiten?“ empfängt mich mein Vater.


„Guten Morgen“, erwidere ich mürrisch. „Laß mich bloß in Ruhe! Ich glaube, ich werde demnächst ausziehen, wenn das so weitergeht. Ich kann deine zynischen Anspielungen nicht mehr ertragen. Außerdem werde ich wirklich arbeiten, aber bei der Polizei.“


„Wofür hältst du dich eigentlich? Für einen weiblichen Columbo? Und was die zynischen Bemerkungen angeht, die hast du selbst zu verantworten.“


„An unserer ausgezeichneten Beziehung trage ich ganz sicher allein die Schuld. Nur habe ich jetzt keine Lust, darüber zu diskutieren. Gleich kommen Laura und Ben, um mich abzuholen. Wenn ihr nämlich wirklich Interesse daran hättet, was ich mache, wüßtet ihr, was gestern so passiert ist.“


„Zumindest sind die äußerlichen Veränderungen nicht zu übersehen“, bemerkt mein Vater spöttisch. „Hast du dich wieder geprügelt?“


„Ich wurde angeschossen.“


Das sitzt. Meine Mutter läßt ihr Besteck fallen, und selbst mein Vater vergißt für einen Moment, daß ich nur die mißratene Tochter bin.


„Angeschossen?“


„Oh, bin ich zu euch durchgedrungen? Zwei Berufskiller haben versucht, mich ins Jenseits zu befördern. Jetzt sind sie dort. Savage haben sie dafür aber umgelegt. Aufgehängt.“


„Oh mein Gott!“ Mutter starrt mich entsetzt an. „Was ist mit seiner Mutter?“


Ich schüttel den Kopf. „Weiß nicht. Wahrscheinlich war die Polizeipsychologin bei ihr.“


„Fiona, rede endlich!“ Mein Vater starrt mich mit einer Mischung aus Wut und Angst an.


Scheiße! Ich wünschte, ich müßte es nicht tun. Ich hasse es. „Es...es tut mir leid. Aber das, was ich euch gleich sagen werde, ist nicht sehr angenehm. Ich wollte es auch nicht glauben, aber dann habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Norman...Norman wurde umgebracht, um andere zu warnen. Er...scheiße!“ Ich hole tief Luft. „Er hat Pornofilme gedreht, Savage auch. Mit Kindern und Erwachsenen. Dann hat er die Produzenten erpressen wollen, dafür haben sie ihn umgebracht. Und jetzt auch Savage. Und weil ich das rausgefunden habe, sollte auch ich dran glauben. Zwei Killer auf Motorrädern haben mich verfolgt, einer bis in ein Kaufhaus...“


„Du warst das?“ fragt mein Vater ungläubig. „Ich habe die Überschrift gelesen, nicht den ganzen Artikel.“


„Vater! Hast du mir überhaupt zugehört?“


„Natürlich. Aber ich glaube dir nicht.“


„Das habe ich mir gedacht“, erwidere ich resigniert. „Ich habe einen Film gesehen, in dem beide mitgespielt haben. Und wir haben gestern nachmittag den Videothekar verhaftet, der den Schund unter der Ladentheke verkauft. Mutter..?“


Sie starrt an mir vorbei, die Augen weit aufgerissen. Mein Vater springt auf und holt zwei Tabletten. Er sorgt dafür, daß Mutter beide nimmt und viel Wasser hinterher trinkt.


„Das hast du sauber hingekriegt“, sagt er dann zu mir. „Ihr psychischer Zustand war sowieso labil, das mit den Filmen hat ihr den Rest gegeben. Wenn es überhaupt stimmt. Gnade dir Gott, wenn du hier einen zusammenfantasiert hast!“


„Du spinnst wohl“, flüstere ich. Um mich herum dreht sich alles. „Interessiert es euch wirklich nicht, daß ich fast getötet und angeschossen wurde?“


„Aber du lebst noch, Norman nicht.“


„Aha, wäre ich tot, dann würdet ihr mich also ganz doll liebhaben, aber da ich noch lebe und euch grausame Wahrheiten erzählen kann, bin ich - ich, Fiona, eure Tochter - euch vollkommen egal! Weißt du was? Ich hasse euch!“


Ich springe auf und renne raus. Mein Vater versucht zwar, mich zurückzurufen, aber ich würde höchstens zurückgehen, um ihn umzubringen. Ich setze mich vor dem Haus auf die Stufen und drücke mein brennendes Gesicht gegen die nackten Knie. Daß für meinen Vater das Nesthäkchen Norman, ein Junge auch noch, mehr bedeutet hat als ich, das ist mir schon seit langem klar. Für ihn ist er sogar bereit gewesen, sein Büro zu verlassen, wenn er ein Spiel hatte. Für mein Schulabschlußfest, bei dem die Abiturzeugnisse feierlich überreicht wurden, ließ er sich mit einem dringenden Besprechungstermin entschuldigen - durch seine Sekretärin. Trotzdem habe ich bis vorhin gedacht, er würde wenigstens akzeptieren, daß auch ich sein Fleisch und Blut bin. Trotz der vielen Streitereien, die wir gehabt haben, bei denen ich als Kind auch die eine oder andere Ohrfeige kassiert habe, habe ich irgendwie erwartet, daß mein Tod ihn traurig machen würde. Doch jetzt bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.


Als ich zu Laura und Ben ins Auto steige, starren sie mich fragend an. Ich bitte um eine Papiertaschentuch, wische damit mein Gesicht halbwegs trocken und putze mir die Nase.


„Ich habe mich mit meinem...Vater unterhalten“, erkläre ich dann trotzig.


„Muß eine bemerkenswerte Unterhaltung gewesen sein“, meint Laura.


„Ich möchte nicht darüber reden, okay?“


„Kein Problem. Aber über deine Kleidung sollten wir reden.“


„Was ist damit?“


„Sie ist nicht ganz angebracht. Nicht wirklich.“


Warum regen sich alle über meine Kleidung auf? Es ist Hochsommer und heiß. Sowohl das Top als auch die Jeans-Shorts tragen lediglich dieser Tatsache Rechnung. Und zu solchen Shorts passen Cowboystiefel am besten. In der Innenstadt laufen Dutzende von gutaussehenden Frauen so rum, außerdem einige, die es lieber nicht tun sollten.


„Es ist heiß“, erwidere ich die Kurzfassung meiner Gedanken.


„Ist ja auch egal“, winkt Laura ab. „Ich persönlich würde mich selbst bei der größten Hitze nicht so anziehen.“


„Warum nicht? Beim Schwimmen trägst du keinen Bikini?“


„Doch, eigentlich schon. Hör zu, Fiona, vergessen wir dieses Thema. Uns ist durchaus klar, daß du dich emotional in einer sehr schwierigen Situation befindest.“


„Schön gesagt, danke. Und nachdem auch das geklärt ist, sollten wir uns den alltäglichen Aufgaben widmen. Was machen wir mit Stanley Mime?“


„Wir müssen irgendwie aus ihm ein paar Namen rausquetschen“, antwortet Ben, während er sich endlich nach rechts in den Querverkehr einfädelt. Ich wäre schon zehnmal gefahren. Deswegen sitze ich auch nicht am Steuer.


„Das hört sich gut an. Ich glaube bloß nicht, daß eine Nacht in Knast reicht, ihn mürbe zu machen.“


„Wir werden ihn im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten permanent verhören. Ich glaube nicht, daß er sehr widerstandsfähig ist. Er ist in Wirklichkeit ein Versager, der in seinem jämmerlichen Leben noch nichts Gescheites zustande gebracht hat.“


„Na, dann ist es ja einfach“, stelle ich spöttisch fest.


Ich ignoriere bei unserem Einzug ins Präsidium die gierigen Blicke geiler Männer und die neidischen Blicke feiger Frauen. Feige? Was ist mutig daran, mit so wenig Stoff am Hintern, daß ein Teil der Arschbacke raushängt, rumzulaufen? Okay, so dramatisch ist es nicht. Aber wenn du ehrlich zu dir bist, Fiona, mit dem Wetter hat dein Aufzug heute wirklich nichts zu tun. Nur, ich will ja gar nicht ehrlich sein.


Stanley Mime macht nicht den Eindruck eines Mannes, der ernsthaft in Erwägung zieht, mit der Polizei zu kooperieren. Daran ändert sich auch in den nächsten Stunden nichts. Vor Ben türmen sich die leeren Kaffeebecher, und der Aschenbecher könnte eine Leerung ganz gut gebrauchen. Ich halte mich die ganze Zeit diskret im Hintergrund. Und beobachte Stanley. Gegen Mittag mache ich den Vorschlag Ben abzulösen. Er winkt.


„Mach nur. Viel Erfolg.“


Es ist mit Sicherheit gegen die Vorschriften, aber ich bin allein mit Mime. Als erstes biete ich ihm Kaffee an, was bis jetzt keiner getan hat. Er nimmt dankbar an. Ich schaue ihm zu, wie er den Kaffee schlürft.


„Müßte bei soviel Zucker doch ekelhaft süß sein“, bemerke ich.


„Kaffee muß süß sein.“


„Wie die Kleinen?“


„Was für Kleinen? Ich habe wirklich keine Ahnung, was ihr von mir wollt. Ich hatte einen einigermaßen guten Job. Den kann ich mir ja jetzt wohl abschreiben.“


„Du findest bestimmt was Neues. Kakerlaken deiner Sorte fallen auch immer auf die Füße.“


„Ist das der Preis für den Kaffee? Daß ich mich beleidigen lassen muß?“


„Nein, natürlich nicht. Den Kaffee gibt es umsonst. Hey, Stanley, was ist das eigentlich für ein Gefühl, von einer Zehnjährigen einen geblasen zu bekommen?“


„Das ist ziemlich billig“, knurrt er.


„Klar. Aber es ist auch ziemlich billig, wenn du behauptest, von all dem nichts zu wissen. Ich meine, ich habe persönlich ein Pornovideo von dir in die Hand gedrückt bekommen, auf dem Kinder zu Sex gezwungen werden. Sexueller Mißbrauch von Kindern, das ist schon ziemlich heftig. Da werden selbst Leute, die Andere auf brutalste Weise gefoltert und getötet haben, plötzlich zu Moralaposteln. Ben...Ben ist der Beamte, der sich bisher um deine Antworten bemüht hat, also, dieser Ben erzählte mir vorhin von Claas Hendriks. Ein Geschäftsmann von tadellosen Manieren und exzellentem Ruf. Leider hatte er etwas unglückselige Neigungen. Aufgrund eines psychischen Defekts, der wohl was mit seiner Kindheit zu tun hatte, konnte er nur in Kindern kommen. Irgendwann brachte er sein Opfer mal um. Und das erregte ihn so sehr, daß er fortan diesen ganz besonderen Kick brauchte. Er hat insgesamt sieben Kinder im Alter zwischen acht und dreizehn erst umgebracht und sich anschließend an ihnen vergangen. Aber, wie so oft, auch er wurde gefaßt und überführt. Naja, sie haben ihm den Damm nähen müssen. Sage und schreibe 27 andere Gefängnisinsassen haben ihn innerhalb von einer Stunde gefickt. Als er Anzeige erstatten wollte, riet ihm der Gefängnisdirektor ernsthaft, sich das genau zu überlegen, sein Gefängnis hätte zur Zeit etwa 3000 Insassen. 3000 Schwänze im Männerarsch, das kann böse enden.“


„Warum erzählst du mir diese Horrorgeschichte?“ erkundigt sich Stanley.


„Damit du schon mal anfangen kannst, deine Schließmuskeln zu trainieren.“


„Ich bin aber kein Kinderschänder!“


„Das behauptest du. Was wir dir jedenfalls nachweisen können, ist der Vertrieb von Kinderpornos. Da machen die anderen aber keinen großen Unterschied mehr. Glaub mir, du wirst gut durchtrainierte Schließmuskeln im Gefängnis brauchen.“


„Ihr könnt mir gar nichts nachweisen.“


„Ich denke, meine Zeugenaussage wiegt mehr als dein Schweigen. Als Beweis haben wir immerhin die Cassette. Dazu kommen zwei Tote. Mein Freund, du steckst in sehr ernsthaften Schwierigkeiten. Da ist allerdings noch eine andere Sache. Du mußt wissen, ich bin ein Krimifan. Da gibt es einen uralten Trick, der mir wirklich gut gefällt. Der Chef von Ben und Laura läßt gerade eine Pressemitteilung abfassen, daß wir eine heiße Spur haben. Aufgrund der Aussage eines Kronzeugen sind bald weitere Festnahmen zu erwarten. Um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden, können wir leider keine Namen nennen. Andererseits - wenn du dich weigerst, mit uns zusammenzuarbeiten, können wir dich natürlich tatsächlich nicht weiter festhalten.“


„Du lügst! Das ist illegal, also wird das auch nicht gemacht.“


„Bist du sicher? Ich sehe schon, du hast überhaupt keine Ahnung von echter Polizeiarbeit. Naja, du wirst es ja erleben. Ich sage jetzt Bescheid, daß das Verhör wegen Ergebnislosigkeit beendet wird.“ Auf dem Weg zur Tür drehe ich mich noch einmal um. „Ach ja, wie werden eigentlich Verräter bei euch denn bestraft?“


„Fick dich ins Knie!“


„Ich weiß zwar nicht, wie das geht, werde es aber bei Gelegenheit mal ausprobieren. Ich besuche dich dann in der Pathologie.“


Der Junge ist widerstandsfähiger, als ich dachte. Er ruft mich erst zurück, als ich schon die Hand am Türgriff habe. Ich drehe mich mit einem fragenden Blick um.


„Du hast was von einem Kronzeugen gesagt“, sagt Stanley und leckt sich über die Lippen. „War das ein Scherz oder sowas?“


„Da läßt sich sicherlich etwas machen, entsprechendes Entgegenkommen deinerseits vorausgesetzt.“


„Du bist doch eigentlich keine echte Polizistin, nicht wahr? Du bist doch die Schwester von Norman Carter.“


„Das kann dir doch egal sein, welche Rolle ich spiele. Du bist hier in U-Haft bei der Polizei und wirst von mir offiziell verhört.“


„Also gut, wenn ich es von einem Polizeioffizier höre, daß ich in das Verfahren für Kronzeugen reinkomme, liefere ich euch alles, was ich weiß. Aber dann kein Gefängnis und dafür Schutz, bis ihr die Drahtzieher der Organisation kassiert habt.“


„Bist du sicher, daß du so wertvolle Informationen hast?“


„Ich kann euch zumindest sagen, wer das Material liefert und direkten Kontakt zu den Hintermännern hat. Damit müßtet ihr an diese herankommen, oder?“


„Möglicherweise. Okay, ich werde den Leutnant informieren. Aber ich warne dich. Du hast nur eine Chance. Wenn du uns verscheißerst, endoskopiere ich dich mit der bloßen Hand!“


„Vielleicht wäre das ja ganz geil“, grinst er.


„Ganz sicher nicht.“


Jack Siever schaut erst einmal etwas dumm aus der Wäsche, als ich ihm von dem Deal erzähle. Nach kurzem Überlegen nickt er aber und meint, ich sollte mich bei ihm bewerben. Gleichzeitig greift er nach dem Telefon, um mit dem Staatsanwalt zu sprechen.


 


Ich betrachte die Pistole, die Laura mir hinhält. „Habe noch nie so ein Ding in der Hand gehabt.“


„Aber Schußwaffen schon?“


Ich muß unwillkürlich grinsen. „Die richten aber keinen Schaden an!“


„Das hier auch nur bei unsachgemäßem Gebrauch. Und wenn wir schon alle Regeln ordentlicher Polizeiarbeit über Bord werfen, dann auch richtig. Es steht ja wohl fest, daß wir es nicht mit besonders skrupelbehafteten Leuten zu tun haben. Jetzt nimm schon!“


Ich lege die Hand um den Pistolengriff. Kühl und hart.


„Dieser Knopf entsichert die Waffe. So kannst du nachsehen, ob sich eine Kugel im Lauf befindet. Und wenn du das hier drückst, verläßt diese Kugel den Lauf durch diese Mündung. Möglicherweise beendet sich dadurch ein menschliches Leben auf dieser Welt. Also schön vorsichtig sein. Und damit das auch klappt, möchte ich dich bitten, auf dieses Pappmännchen da hinten zu schießen. Versuch einfach nur, es zu treffen. Egal wo.“


„Ganz egal?“


Laura nickt und setzt den Ohrschutz auf. Ich folge ihrem Beispiel, dann lege ich die Pistole an. Mit dem Daumen entsichere ich die Waffe. Auch wenn ich noch nie eine Waffe in der Hand gehalten habe, weiß ich, daß Kimme und Korn eine Linie bilden müssen. Zuerst ziele ich ganz genau auf das Herz des Pappkameraden, dann fällt mir ein, daß der Rückstoß die Pistole hochreißen wird. Also ziele ich etwas tiefer.


Der erste Schuss zerfetzt den oberen Rand des Kopfes. Der zweite trifft den Hals. Der dritte und alle restlichen durchlöchern das aufgemalte Herz.


Als die Zielscheibe herangefahren ist und alle die Einschüsse sehen können, herrscht nur noch betroffenes Schweigen. Schließlich fragt Siever: „Wo haben Sie hingezielt?“


„Jedes Mal auf das Herz. Aber die ersten beiden Schüsse waren Mist, weil ich zu hoch gehalten habe.“


Siever schaut Laura und Ben an. „Legt euch niemals mit ihr an. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Jedenfalls ist sie ein natural born killer. Glück für uns, daß sie nicht auf der Gegenseite steht. Wann kriege ich die Bewerbung?“


Laura reicht mir stumm den Schulterhalfter. Ich sehe ziemlich idiotisch aus, bauchfreies Top und eine Pistole unter der Achsel. Andererseits, einmal haben sie schon versucht, mich umzubringen. Beim nächsten Mal kann ich mich wenigstens effektiver wehren. Die Wunde am linken Oberarm pocht leise, wohl auch wegen den Erschütterungen bei den Schüssen.


Gerry Malcolm. Das ist der Name, den Stanley Mime ausgespuckt hat. Er ist der Polizei nicht unbekannt. Seine Hauptdelikte sind bewaffneter Raub, Autodiebstahl und am häufigsten Körperverletzung, einmal mit Todesfolge. Strafmildernder Umstand war die Tatsache, daß der Getötete selber die Schläge provoziert hatte. Daß die Schläge von Gerry etwas heftiger ausfielen, das war ja nun wirklich nicht seine Schuld. Meinte er...


„Das sind die Typen, die ich so liebe“, bemerke ich im Auto, während wir uns sichtbar dem Ghetto nähern. Ghetto, so habe ich South Village getauft. Äußeres Anzeichen ist das zunehmende Alter und der immer vernachlässigtere Zustand der Gebäuden.


„Ich glaube kaum, daß in eurem Viertel viele von denen rumlaufen“, erwidert Laura leicht gereizt.


„Das stimmt allerdings.“ Ich betrachte im Vorbeifahren eine Gruppe Jugendlicher vor der Filliale einer Megastore-Kette. Greg könnte dabei sein. „Aber hier dafür umso mehr.“


„Wann hast du dich denn hierher verirrt?“


„Als ich mit Greg zusammen war. Er war der Leader einer Gang und wohnte hier im Viertel bei seiner Mutter. In den zwei Monaten, die wir zusammen waren, schlief ich öfter hier.“


„Wie kamst du denn an so einen?“


„Wir haben uns beim Karatetraining kennengelernt. Allerdings wollte er eigentlich nur schnell Karate lernen, um sich in der Gang besser durchsetzen zu können. Darum fehlte ihm die nötige Willenskraft. Als ich ihm gesagt habe, daß es aus ist mit uns, ging er sogar auf mich los.“


„Und dann?“


„Da passierte nicht viel. Er trainierte damals seit einem halben Jar, ich seit sieben. Aus Wut darüber, daß er mich tatsächlich versucht hat zu verprügeln, war ich nicht sanft zu ihm. Naja, im Ficken war er jedenfalls um Klassen besser.“


„Mußt du dich immer so vulgär ausdrücken?“ Laura schüttelt verärgert den Kopf.


„Das ist nicht vulgär, das ist ungeschminkt, ohne Pathos, wie es ist. Ficken ist jedenfalls bestimmt treffender als miteinander schlafen. Es ist keineswegs nötig, dabei zu schlafen. Ich glaube, ich hätte mich von einer Brücke gestürzt, wenn jemals ein Kerl in mir eingeschlafen wäre.“


„Ist das nur Angabe, oder hast du wirklich den größten Teil deines Lebens damit verbracht, dich durch die Männerwelt Skyline´s zu schlafen?“


„Ich gebe nie an.“


„Wieviele?“


„Was?“


„Männer. Oder waren auch Frauen dabei?“


„Keine Frauen. Ich habe es zwar noch nicht probiert, aber der Gedanke hat schon keinen Reiz für mich. Tja, wieviele? So genau weiß ich es nicht. Viele.“


„Was ist denn mit Aids, oder überhaupt, allgemein mit Geschlechtskrankheiten?“


„Was soll sein? Schon mal was von Gummi gehört?“


„Immer? Hast du einen ganzen Vorrat bei dir?“


„Nicht immer. Ich entscheide es intuitiv.“


„Das macht HIV auch“, bemerkt Ben zynisch.


„Schon möglich“, erwidere ich achselzuckend. „Wir müssen alle mal sterben.“


„Fragt sich nur, wie.“


„Sagen dir Namen wie Rock Hudson oder Freddy Mercury etwas?“ erkundigt sich Ben.


„Willst du mich verarschen? Sagt dir der Name John Wayne etwas? Hot Spot, Krebs, krepiert. Kein Sex, kein Aids, trotzdem krepiert. Und viele andere auch. Kennst du Lex Barker? Durchtrainiert, sportlich, mit kaum mehr als 50 Herzversagen. Mann, Ben, kapierst du es nicht? Der Tod holt dich, wenn er es will, nicht wenn du es willst. Du kannst gar nichts dagegen machen.“


„Tut mir leid, das ist mir etwas zu heftig. Gilt das für dich immer, oder nur beim Sex?“


„Ben, zwei Profikiller haben es nicht geschafft, mich in die Kiste zu bringen. Glaubst du wirklich an Zufälle?“


„Du hast verdammt viel Glück gehabt, das ist alles.“


„Oh Mann, Ben, ich verrate dir ein offenes Geheimnis: Natürlich war ich in der Kneipe und habe mich mit Brodwich und Kumpanen geprügelt. Neun Mann gegen eine Frau. Weißt du, in welchem Zustand die neun Männer sich hinterher befanden? Ich habe sowas noch nie vorher gemacht und mir fast in die Hose geschissen. Es gibt Gott und es gibt Schutzengel, und meine Schutzengel sind verdammt aufgeweckt. So wie es aussieht, will Gott mich noch am Leben erhalten. Worüber sollte ich mich da aufregen?“


„Glaubst du den Müll eigentlich, den du da verzapfst?“ fragt Ben verzweifelt.


„Ist es denn Müll? Vergiß es, Ben, du hast keinen Sinn für das Mystische. Ich bin eigentlich voll die Asketin. Eine größere Gottesleugnerin wirst du nicht finden. Quatsch, gegen Gott habe ich eigentlich gar nichts. Ich bin Kirchenhasserin. Jede Form von Kirche ist mir zuwider. Gott gar nicht. Es ist eine Definitionsfrage. Aber eins weiß ich: So wie ich Auto fahre, so wie ich eigentlich alles in meinem Leben mache, müßte ich schon längst die Radieschen von unten beobachten. Wahrscheinlich werde ich 100 oder älter. Hoffentlich finde ich dann noch Männer, die keine Angst davor haben, mich anzufassen.“


„Fiona, du bist eine Vollidiotin!“ Ben hakt mich offensichtlich ab. Für ihn sind nur diejenigen Menschen, die realistisch genug denken, in 666 nur eine Zahl zu sehen.


„Wahrscheinlich“, murmele ich. „Da ist übrigens das Haus, in dem Malcolm wohnt.“


Das Haus hat fünf Stockwerke, davor ein Parkplatz und Garagen. Zur Hinterseite hin vermutlich weitere Garagen und Gärten. Typisches Haus in dem Ghetto. Genauso typisch sind die spielenden Kinder in ihren abgewetzten Klamotten und den Holzschwertern. Demnach lief gestern wieder ein Hau-und-Degen-Film im Fernsehen. Nicht nur für diese Gegend typisch sind die Blicke, welche die etwas älteren Jungs mir zuwerfen. Dabei sehe ich aus wie eine Vogelscheuche. Platzwunde an der rechten Backe, Schürfwunde am Kinn und dicker Verband am linken Oberarm. Okay, dazu braungebrannte Beine und flacher Bauch, Männerträume.


Hm...


Im Treppenhaus stinkt es. Nach Nikotin und Alkohol, aus einer Wohnung zusätzlich nach Pisse.


„Die könnten auch mal einen Klempner rufen“, stellt Laura angewidert fest.


„Vielleicht wohnen hier Natursektliebhaber“, erwidere ich grinsend.


„Du etwa auch?“


Ich verziehe das Gesicht. „Nein, das nicht. Habe zwar viele Dinge ausprobiert, aber Natursekt oder Kaviar - nein danke!“


„Und hintenrum?“


„Na klar! Muß nur richtig vorbereitet sein.“


„Alles klar. Themenwechsel. Da ist die Wohnung von Malcolm.“


Laura setzt sich auf die Klingel. „Polizei! Machen Sie die Tür auf!“


Die Kugel bricht durch das Holz und pfeift knapp an ihr vorbei. Etwas bleich hechtet sie zur Seite. Ben und ich reißen unsere Pistolen hervor, dann trete ich die Tür ein. Etwas unüberlegt, aber ich habe mal wieder Glück. Niemand zu sehen. Ich renne an Ben vorbei, obwohl er versucht, mich zurückzuhalten. Wahnsinnige soll man doch gehen lassen! Ich kann Malcolm hören. Er klettert gerade aus dem Küchenfenster und feuert dabei noch nebenbei in meine Richtung. Während ich mich ducke, zerspringt über mir die getroffene Wanduhr.


Ben kommt hechelnd neben mir an. „Bist du bescheuert?! Willst du dich umbringen lassen?“


„Reg dich ab. Ihr solltet ihn lieber unten abfangen.“


„Und du?“


„Ich mache Treibjagd!“


„Das gefällt mir aber...“ Den Rest kriege ich nicht mehr mit, als ich zum Fenster sprinte und vorsichtig nach unten schaue. Malcolm bewältigt gerade die letzten Meter, ohne nach oben zu schauen. Ich springe auf den Sims und von dort auf die Feuerleiter. Lasse mich an einer Strebe hinuntergleiten, wobei meine Hände etwas warm werden. Fluchend hebe ich meine Pistole wieder vom Boden hoch, wohin ich sie habe vor Schmerz fallen lassen. Dann nehme ich die Verfolgung des Flüchtigen auf. Natürlich macht er es uns allen unnötig schwer, indem er über die Hinterhofgärten geht. Zäune und Ähnliches stellen für ihn kein Hindernis dar, für mich aber auch nicht. Auf die Idee, mal nach hinten zu schauen, kommt er allerdings nicht, sonst bliebe er vielleicht sogar stehen. Wer läuft schon vor einem einsamen Mädchen davon, vor allem, wenn man ein stadtbekannter Schläger ist? Nicht so gut fürs Renommée.


Malcolm ist groß, kräftig und durchtrainiert. Das beweist er durch die Schnelligkeit, mit der er Zäune überwindet, aber auch seine Laufgeschwindigkeit ist nicht ohne. Trotzdem verringert sich der Abstand zwischen uns. Mein geringeres Gewicht erlaubt es mir, niedrigere Zäune auch im Freiflug zu nehmen. Dann bleibt der Kerl auf einem Hof, der von Garagen gesäumt wird, endlich stehen und dreht sich um. Ich richte meine Pistole auf ihn, er seine auf mich. Das weckt unangenehme Erinnerungen.


„Du bist also dieses Wundermädchen“, keucht er. „Dein Ruf eilt dir inzwischen voraus!“


„Du bist ein richtiger Poet“, erwidere ich, mich über mich selbst wundernd. Eigentlich müßte meine Hose schon ganz naß sein. Wieso empfinde ich keine panische Angst? Ganz im Gegenteil, ich genieße es! „Wagst du es auch abzudrücken? Es dauert ein Momentchen, bis die Kugel hier ist. Sie hat etwa eine Geschwindigkeit von, sagen wir mal, 6000 Kilometern in der Stunde. Das sind acht bis zehn Metern zwischen uns, macht etwa 5 Millisekunden. In dieser Zeit habe auch ich abgedrückt, glaub es mir. Dein Kollege war sogar langsamer als ein Messer. Also, was ist? Willst du es probieren?“


„Du bist wahnsinnig“, sagt er, sich die Lippen leckend. „Wer bist du, zum Teufel?“


„Mein Name ist Fiona Carter, und ihr habt meinen Bruder auf dem Gewissen. Wie wollen wir es handhaben? Okay, ich gebe dir eine faire Chance. Wir legen beide die Pistolen weg und tragen es mit bloßen Händen aus. Wenn du es schaffst, mich aufs Kreuz zu legen, kannst du abhauen. Okay?“


„Hör zu, ich habe 20 Jahre Kampfsporterfahrung.“


„Das ist gut, denn dann wird es nicht so langweilig. Machen wir es? Warte nicht lange mit der Entscheidung, gleich sind die Kollegen hier.“


„Also gut. Ich werde mit Freude erzählen, daß ich der Gans aus Derek die Schnute gestopft habe.“


„Werd lieber nicht übermütig. Ich zähle bis drei, dann legen wir beide Pistole auf den Boden und kicken sie gesichert weg. In Ordnung?“


„Fang an!“


Wir bringen die Prozedur hinter uns. Dann richtet sich der Gorilla auf und bleckt sich die Zähne. Er würde es wahrscheinlich grinsen nennen.


„Komm, greif an!“ fordert er mich auf.


Ich tu ihm den Gefallen, aber sehr, sehr halbherzig. Er schlägt mein Bein zur Seite und läßt seins hochschnellen. Ich weiche zurück, immer und immer wieder. Was er anfangs noch als Spiel locker macht, wird langsam zu wütenden Attacken. Ich begnüge mich damit, ihn immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Mag ja sein, daß er 20 Jahre Kampfsporterfahrung hat. Aber er scheint es nie richtig gelernt zu haben. Durch seine Kraft und Brutalität kann er sich bei Leuten, die nicht selber trainieren, sicherlich durchsetzen und denen auch imponieren. Er beherrscht zumindest einige Kicks, wenn auch sehr unsauber. Aber von durchdachten Kombinationen hat er noch nie etwas gehört.


Dann wird es mir zu bunt. Ich wehre seinen nächsten Tritt mit dem linken Bein ab und ziehe mit dem rechten übergangslos hinterher. Die Stiefelspitze erwischt seine Magengrube. Ich drehe mich um die eigene Achse, mein linker Absatz explodiert auf seinen Rippen. Malcolm hebt ab und schlittert noch zwei, drei Meter nach der Landung weiter.


Während er noch damit beschäftigt ist, sich zu sammeln, hole ich meine Pistole und richte sie auf seine Eier.


„Ich habe es noch nie gemacht, daher weiß ich nicht so genau, wie die Auswirkungen wären“, fange ich an, „aber ich könnte mir gut vorstellen, daß so ein Schuss in die Kronjuwelen zwar schmerzhaft, aber nicht tödlich ist. Ich meine, du hast mich angegriffen, ich mußte mich verteidigen. Wer weiß schon, daß du kampftechnisch eine Niete bist?“


Malcolm setzt sich auf, die Rippen mit schmerzverzerrtem Gesicht massierend.


„Bleibt sitzen, sonst kannst du dir Plastikeier annähen lassen“, sage ich ruhig.


Er wirkt, als wollte er meine Warnung ignorieren. Dann scheint er sich daran zu erinnern, wie es Brodwich ergangen ist, als er meine Worte nicht ernst nahm, denn er bleibt sitzen.


„Du bist eine Schlampe, eine verfluchte“, teilt er mir dann mit.


„Deine Ansichten interessieren mich nicht. Irgendein Arschloch wie du hat meinen Bruder gekillt, und plötzlich stelle ich fest, daß mir diese Scheißshow sogar Spaß macht. Insofern hätte ich kein Problem damit, dir die Eier wegzuschießen. Gib mir nur einen Grund. Tust du das? Jetzt?“


„Du bist ja völlig durchgedreht!“ Malcolm kriecht auf dem Hintern rückwärts.


„Hey, beweg dich lieber nicht!“ Ich hebe die Pistole an, die Mündung nach wie vor auf seine Eier gerichtet. Dann lasse ich ein Grinsen über mein Gesicht huschen. „Hör nicht auf mich, Gerry. Tu es, ich möchte so gern auf dich schießen.“ Ich krümme leicht den Zeigefinger. „Los, flieh, greif mich an, sitz nicht so rum!“


„Paß mal auf, Mädchen...“ Gerry schwitzt. „Ich habe dir nichts getan, deinen Bruder habe ich auch nicht gekannt. Was soll das also?“


„Scheißer, hör auf zu lügen, okay? Wir wissen genau, daß du ein Kurier bist! Schau mich an! Gerry Malcolm, wessen Eier soll ich denn wegschießen? Deine? Oder gibt es da noch jemanden?“


„Wer sagt mir denn, daß du nicht trotzdem abdrückst, nachdem du den Namen hast?“


„Keiner“, antworte ich grinsend. „Wenn ich ehrlich sein soll, wäre es mir sogar lieber, wenn du es vorziehst, dein Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Doch genug der Vorfreude. Ich bin schon feucht im Schritt bei dem Gedanken, dir eine Kugel in den Schritt zu verpassen. Also, ich zähle bis drei. Wenn du lieb bist, wehrst du dich, versuchst zu fliehen, gibst mir endlich den Grund. Eins-zwei...“


„Warte! Warte, verdammt! Er heißt Jay King Rollo! Ich schwöre, daß ich nichts weiß! Er ist derjenige, der die Hinterleute kennt! Nimm jetzt endlich die Waffe weg!“


„Du verdirbst mir den Spaß, wenn du die Wahrheit gesagt hast. Das macht mich verdammt wütend! Aber...warum sollte ich dir glauben?“


„Verdammt, warum sollte ich lügen? Du schießt mir doch die Eier weg, wenn ich lüge!“


„Ich kann es aber jetzt nicht überprüfen. Ich denke, ich blase dir schon mal ein Ei weg. Als Vorschuß. Was hältst du davon?“


„Verdammt, nein! Hör jetzt auf!“


Er scheint richtig erleichtert zu sein, als mit quietschenden Reifen Laura und Ben neben uns anhalten. Als die beiden rausspringen, drücke ich ab. Außer einem matten Klack ist nichts zu hören.


„Habe nie behauptet, eine Kugel wäre im Lauf“, sage ich lächelnd.


Malcolm ist weiß wie das Gewand eines Gespenstes. Seine Adern schwellen an, er sieht aus, als würde sein Kopf gleich platzen.


„Aber im Magazin schon...“ Die Kugel trifft neben ihm den Boden und jagt als Querschläger jaulend davon, in einem Garagentor stecken bleibend.


„Was soll das?“ fährt Laura mich an.


„Oh, nichts. Ich habe nur eine Unterhaltung mit ihm geführt.“


„Sie ist völlig durchgedreht!“ brüllt Malcolm. „Sie wollte mir die Eier wegschießen! Sie ist verrückt!“


„Die Idee mit den Eiern ist nicht schlecht“, konstatiert Ben. „Aber natürlich darf eine Polizistin sowas nicht. Fiona, was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“


„Naja, wir sollten lieber Jay King Rollo besuchen. Vielleicht kann er was zu meiner Verteidigung vorbringen.“


„Oh, der ist das?“ Ben geht zu Malcolm, um ihm Handschellen anzulegen. „Jemand, der so heißt, kann ja auch nicht dicht sein.“


„So wie ihr“, erklärt Laura. „Na los, packt den Mistkerl ins Auto und laßt uns zu dem König der Zuhälter fahren.“


 


Der König residiert auf einem Campingplatz. Auf einer Luxusausgabe davon, und auch sein Domizil ist nicht irgendein spießiger Wohnwagen, sondern einer, für den man mindestens einen Pajero braucht, um ihn vom Fleck zu bewegen. Davor ist noch ein großes Vorzelt aufgebaut mit Terasse, also einer Überdachung. Nach einer kurzen, aber heftigen Diskussion mit dem Platzwart, die damit endet, daß ich selbst die Schranke öffne und den Platzwart auf seinen Pult drücke, konnten wir bis vor das Zelt rollen.


Etwas überrascht schauen uns drei Augenpaare entgegen. Eins davon gehört offensichtlich Jay King Rollo. Er sieht aus wie ein nicht gealterter, aber fett gewordener Marlon Brando. Also scheiße. Mir gefällt Brando in seinen bekannteren Rollen wie Endstation Sehnsucht oder Die Faust im Nacken, keine Mißverständnisse, aber da war er weder alt noch fett.


Die beiden Mädels, beide blond und mit giftgrünen Bikinis mehr schlecht als recht bekleidet, gehören offensichtlich zum Inventar. Zur Zeit sind sie damit beschäftigt, ihrem Herrn und Meister die Nägel zu maniküren. Unzweifelhaft, daß ihr Aufgabengebiet sich auch auf andere Dienstleistungen erstreckt.


„Jay King Rollo?“ fragt Laura.


Der King zündet sich umständlich eine Cigarillo an. Dann bläst er uns den Rauch entgegen und bemerkt: „Bis gestern habe ich Zigaretten geraucht. Ich sage euch, der Unterschied ist so, als würde man von einer Gummipuppe auf die beste Fickerin des Universums umsteigen.“


„Ich bin fasziniert von Männern, die es schaffen, in gänzlicher Undeutlichkeit trotzdem sehr deutlich zum Ausdruck zu bringen, was sie eigentlich meinen.“


Der King mustert mich grinsend. „Baby, du bist echt scharf. Ich habe noch eine Stelle in meinem Unternehmen frei. Solltest dich bewerben.“


„Danke, kein Interesse. Bist du nun Jay King Rollo?“


„Möglicherweise ja.“


„Was ist das denn für eine dämliche Antwort?“ fährt Laura ihn an. „Zeigen Sie bitte Ihren Personalausweis!“


Der King macht eine leichte Handbewegung, woraufhin eine der Titten auf zwei Beinen im Wohnwagen verschwindet und kurze Zeit später mit drei Personalausweisen wiederkommt. Während Ben diese überprüft, mustere ich die Damen. Lange halten sie meinem Blick aber nicht stand. Ich lasse diesen schweifen.


„Wenig los hier“, stelle ich fest.


„In der Saison sieht es anders aus“, erwidert der King  mit einem angedeuteten Lächeln.


„Gehört dir der Laden?“


„Sieht man das nicht?“


„Eigentlich machst du den Eindruck, als wärst du dauerhigh. Und Dauerbekiffte können keinen Laden führen.“


Sein Gesichtsausdruck ändert sich nicht, er arbeitet allein mit der Stimme. Sie ist immer noch sehr freundlich, soweit eine Stimme wie seine das überhaupt leisten kann, aber da schwingt ein neuer Oberton mit. Ich empfinde eine geradezu diabolische Freude daran, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen - irgendwann.


„Wir sollten uns über dich unterhalten...“


„Wartet mal!“ mischt sich Laura ein. „Das wird mir zu sehr ein Dialog zwischen euch beiden. Mr Rollo, wir sind hier...“


„Können Sie sich auch ausweisen?“ unterbricht der King Laura mit freundlich bestimmter Stimme, so wie ein Vater mit seinem ungezogenen Kind, das er nicht schlagen will, spricht.


Laura hält ihren Ausweis in seine Richtung. Ein Blick genügt, und eins der Mädchen holt ihn. Man müßte die beiden mal genauer untersuchen, vielleicht sind sie Roboter, keine Menschen. Nein, menschliche Wesen können unmöglich so gehorsam und so unterwürfig sein. Laura erhält jedenfalls ihren Ausweis zurück, nachdem der King sie kurz studiert hat.


„Morddezernat also. Ich habe keinen umgebracht, meine Damen, mein Herr. Worum geht es also?“


Ich zünde mir eine Zigarette an, während Laura ansetzt: „Mr Rollo, Sie werden von einem Zeugen in einem Mordfall belastet...“


„Mädchen, vergiß doch die Zigarette! Cigarillos sind der Himmel dagegen.“


Laura ist anzusehen, daß sie bei der nächsten Unterbrechung den fetten King verhaften und in Einzelhaft stecken wird.


„Ein feiner Herr läßt die Damen in seiner Gesellschaft ausreden“, bemerke ich süffisant, Jay Kings Aufforderung ignorierend.


„Oh, tatsächlich. Das tut mir aber leid, Miss...wie war noch einmal Ihr werter Name?“


„Laura Holler. Wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, machen wir auf dem Präsidium weiter. Klar?“


„Absolut klar.“


„Ein Zeuge, der in einem Mordfall vernommen wurde, hat Sie beschuldigt, Verbindung zu den Hintermännern eines Kinderpornorings zu haben oder vielleicht sogar einer der Drahtzieher zu sein. Wir gehen jedem Hinweis nach.“


„Das finde ich erfreulich, daß die Polizei solche Hinweise ernst nimmt. Als Steuern zahlender Bürger kann ich das ja auch erwarten. Aber den Vorwurf, den finde ich nun wirklich albern. Wenn Sie Beweise hätten, stünden Sie nicht hier, sondern hätten mich längst festgenommen. Wenn aber kein Haftbefehl gegen mich vorliegt, haben Sie nicht das Recht, gegen meinen Willen auf dem Gelände zu sein. Deswegen fordere ich Sie hiermit auf, diesen Campingplatz zu verlassen. Danke. Maree, wir können mit meinem Daumen weitermachen.“


Ich spaziere zu der Gruppe und beuge mich über den Campingtisch, der als Ablage für solche nützlichen Dinge wie Manikür-Set und Gläser dient.


„Jay King, wir haben eine Zeugenaussage. Daraus kann recht schnell eine Vorladung werden. Verlaß dich darauf, ich kriege dich. Wenn nicht heute, dann morgen.“


„Ich mag aggressive Frauen. Wirklich. Du bist mir außerordentlich sympathisch. Hör zu, du hast eine klasse Figur. Wäre doch schade, wenn du daraus kein Kapital schlügest. Ich finde, du solltest deinen Lebensunterhalt lieber mit dem Mund und den Titten verdienen als mit der Pistole.“


„Die Fotze hast du vergessen“, ermahne ich ihn, innerlich zitternd vor Wut.


„Oh ja, du hast recht. Wir scheinen uns ganz gut zu verstehen...“


„Einen Dreck tun wir!“ Ich atme langsam ein. „Vermutlich weißt du ganz genau, wer ich bin. Sag lieber nichts! Ich bin mir sehr sicher, daß du mit der Ermordung meines Bruders etwas zu tun hast. Du wirst noch darum betteln, alles gestehen zu dürfen.“ Ich wende mich ab, doch dann fällt mir noch etwas ein: „Sag Charles Brodwich einen schönen Gruß von mir. Bei Gelegenheit schreibe ich einen Autogramm auf sein Gipsverband.“


„Wer ist Charles Brodwich?“


„Hey, Jay King, scheint so, als hätte der Alzheimer dein Gehirn schon ziemlich zerfressen. Ladies, wie macht ihr das eigentlich? Wenn überhaupt, dann hat er ja nur einen Schwanz und...“


„Hör jetzt lieber auf, Fiona“, schreitet Ben ein und zieht mich davon.


„Irgendwann werde ich dir beweisen, was für einen Schwanz ich habe!“ ruft Jay King uns grinsend hinterher.


Im Auto lege ich den Kopf in den Nacken und schließe die Augen. „Warum nehmen wir ihn nicht mit?“


„Mit welcher Begründung? Wir haben nichts als die erpreßte Aussage eines stadtbekannten Schlägers. Seine Anwälte machen Hackfleisch aus uns. Du hast sowieso schon Grenzen überschritten.“


„Er aber auch, und das weiß er. Ich kann ihn wegen sexueller Belästigung anzeigen.“


„Das läßt du schön sein. Wir kriegen ihn schon, keine Sorge. Aber nicht so.“


„Ja, ich weiß. War nur ein Scherz. Wo fahren wir jetzt hin?“


„Ins Präsidium. Wir müssen Berichte schreiben. Was ist mit dir? Sollen wir dich irgendwo absetzen?“


„Ach nein, ich komme mit.“


„Okay, bist auf einen Kaffee eingeladen...“


„Apropos Kaffee, habt ihr eigentlich gar keinen Hunger?“


„Naja, die Mittagspause haben wir geschlabbert...“


„Dann kommt, ich lade euch ein. Die Berichte können auch warten.“


Ben kennt ein gutes italienisches  Restaurant in der Nähe. Ich merke mir die Adresse, denn das Essen schmeckt wirklich hervorragend.


 


Ich fühle mich müde. Von meinen Eltern unbemerkt habe ich mich ins Haus geschlichen. Nach dem Duschen setze ich mich auf die Fensterbank, nur mit einem T-Shirt bekleidet. Der Garten wirkt verlassen. In wenigen Stunden wird die Sonne ganz untergegangen sein. Im Hintergrund spielt Musik, Supergirl...


...and suupergirls don´t cry.


Wie gern wäre ich jetzt das Supergirl von jemandem. All die vielen Männer, all die vielen Affären, sie verlieren in diesem Augenblick die Bedeutung. Bedeutung, die sie sowieso nie gehabt haben. Ben? Oh nein, Ben ist ein netter Junge, aber nicht das Richtige für mich. Zu langweilig, zu spießig, zu farblos. Vielleicht wäre es sogar ganz nett mit ihm im Bett - die ersten Male. Aber bald würden wir anfangen, uns immer öfter zu streiten. Er hat gern festen Boden unter den Füßen, aber ich bin ein Supergirl, und Supergirls müssen fliegen.


Supergirls lassen sich auch nicht einfach sagen, sie sollen nach Hause gehen und das Puppenhaus hüten. Das war es sinngemäß, was Jack Siever uns mitteilte, als wir ins Präsidium zurückkamen.


„Ich habe schlechte Nachrichten“, empfing er uns, nachdem er uns ausrichten ließ, daß er uns in seinem Büro sehen wollte. „Der Polizeipräsident ist gar nicht erbaut über eure Aktivitäten und möchte, daß Fiona nach Hause geht. Meinen Hinweis auf das Gesetz schmetterte er mit dem Argument ab, daß das Gesetz für Männer gemacht wurden, die eine Waffe richtig anpacken können.“


„Dieser Chauviarsch!“ entfährt es mir.


„Das habe ich überhört“, sagt Siever trocken. „Sorry, aber ich kann seine Anordnung nicht einfach ignorieren...“


„Aber ich kann das!“ erwidere ich heftig. „Okay, ich werde ihn davon überzeugen, daß er die Dinge falsch bewertet. Komme gleich wieder!“


„Fiona! Wo willst du denn hin, verdammt?“


Ich beachte Laura nicht. Das Büro des Präsidenten befindet sich in der obersten Etage. Schon auf dem Korridor merkt man, daß hier nicht die kleinen Fische arbeiten. Meine Schuhe gleiten durch den hochwertigen Teppich, schwere Holztüren führen in das Allerheiligste. Besser gesagt, in den Vorhof davon, zu der Sekretärin.


Sie schaut mich über ihren Brillenrand hinweg fragend an. „Wo möchten Sie hin? Ich vermute, daß Sie sich verirrt haben.“


Ich deute auf eine verschlossene, dunkle Tür. „Ist dort das Büro des Polizeipräsidenten?“


Die Sekretärin nickt.


„Dann bin ich goldrichtig. Ist er da?“


„Ja, aber er hat eine Besprechung...hey, da können Sie nicht rein!“


Als sie versucht, sich mir in den Weg zu stellen, schiebe ich sie mit sanfter Gewalt zur Seite. Danach holt sie mich erst wieder ein, als ich schon die Tür aufgerissen habe.


„Es tut mir leid, aber sie wurde gewalttätig...“


Der Polizeipräsident schaut hoch. Sein Blick durchbohrt mich, dann gleitet er an mir hinunter. Seufzend wendet er sich an die beiden Männer in dunkelgrauen Anzügen.


„Es tut mir leid, meine Herren, wir müssen die Fortsetzung unseres Gesprächs vertagen. Sandra, schon gut. Ich kenne die junge Dame. Sie kann sehr nachdrücklich sein. Holen Sie bitte ihr einen Kaffee.“


Sandra geht mit einem irritierten Blick auf mich aus dem Büro. Auch die beiden Herren machen einen erstaunten Gesichtsausdruck, gehorchen aber widerspruchslos. Als die Tür hinter ihnen zugeht, wende ich mich an den Mann hinter dem großen Schreibtisch.


„Hast du wirklich gesagt, das Gesetz wäre für Männer, die eine Waffe richtig anpacken können?“ erkundige ich mich mit einem süßen Lächeln.


„Diesen Gesichtsausdruck mag ich nicht sonderlich, Fiona. Davon abgesehen, habe ich sowas angedeutet."


„Du bist ein elender Chauvinist!“


Seufzend erhebt er sich und kommt zu mir. „Es ziemt sich nicht, so mit deinem Onkel zu reden.“


Die Tür geht auf und Sandra bringt den Kaffee. Sie zieht die Augenbrauen hoch, als sie uns so nah beieinander sieht, enthält sich aber eines Kommentars. Sie ist schon fast wieder draußen, als Steve Connor bemerkt: „Ach, übrigens, ich glaube Sie kennen Fiona Carter noch nicht. Ihre Mutter ist eine Cousine ersten Grades von mir. Fiona ist etwas empört darüber, daß ich sie aus dem Fall rausziehen will.“


„Oh...mir scheint, sie ist genauso ein Sturkopf wie Sie, Steve.“


Steve Connor lacht verhalten. „Oh nein, sie ist viel schlimmer. Sturköpfig und absolut respektlos sind ihre Hauptattribute. Wahrscheinlich liegt sie mir auch deswegen so am Herzen.“


„Wahrscheinlich“, erwidert Sandra und geht raus.


„Du irrst dich“, sage ich leise. „Ich bin nicht etwas empört, ich bin stinkesauer!“


„Es ist gefährlich. Du hast keine Ausbildung...“


„Stopp! Wer hat die Ermittlungen überhaupt soweit gebracht? Das war ja wohl ich!“


„Früher oder später wären wir auch ohne dich zu diesen Erkenntnissen gelangt.“


„Hach! Blödsinn!“


„Möchtest du einen Kaffee?“


„Lenk nicht ab!“


„Kaffeetrinken ist sowas wie eine Zeremonie, ähnlich der, wenn bei den Naturvölkern Amerikas die Friedenspfeife geraucht wurde. Also, Fiona, bitte setz dich und trink einen Kaffee mit mir. Ich würde gern mit dir wie mit einer Erwachsenen reden. Du bist doch eine Erwachsene?“


„Natürlich“, erwidere ich mürrisch.


„Also, setz dich bitte. Und erzähl mir, warum ich dich weiter im Team lassen sollte? Eine dreiundzwanzigjährige Zivilistin, die eigentlich Trainee im Unternehmen ihres Vaters ist.“


„Weil ich umgebracht werden soll. Wenn ich bei den Ermittlungen mitarbeite, habe ich automatisch auch gleichzeitig Schutz.“


„Schutz können wir dir auch so gewähren.“


„Laut Siever nicht, weil er nicht genug Leute für eine solche Rundumbewachung hat. Und ich dabei auch nicht mitspielen würde. Wie dem auch sei, was hast du eigentlich dagegen?“


„Erstens ist es viel zu gefährlich, zweitens förderst du auch nicht gerade unseren guten Ruf, wenn du in diesem Aufzug für die Polizei deine Haut zur Schau trägst.“


„Ich bin durchaus in der Lage, auf mich aufzupassen. Das habe ich ja wohl bewiesen. Lies den Bericht von Laura und Ben. Was die Kleidung anbelangt, daran läßt sich ja etwas ändern. Onkel Steve, laß mich bitte dabei bleiben. Ich verspreche, daß ich mich nicht mehr daneben benehmen werde! Oder soll ich vor dir auf die Knie fallen?“


„Wenn du das tust, lasse ich dich verhaften. Wie ernst ist dein Versprechen?“


„Sehr ernst.“


„Also schön, ich lasse es auf einen Versuch ankommen. Aber für heute hast du genug. Ich will dich hier frühestens morgen wiedersehen, und zwar ausgeschlafen und vernünftig angezogen. Am besten nimmst du dir zum Einschlafen ein Verhaltensbuch mit. Darin sind nämlich auch einige der wichtigsten Rechtsvorschriften, die Polizisten beachten müssen, aufgeführt. Ist das klar?“


„Ja, Onkel Steve, sonnenklar. Du wirst mich nicht wiedererkennen.“


„Übertreibe nicht. Und jetzt verzieh dich, ich muß arbeiten!“


„Danke! Sagst du Siever Bescheid?“


„Ja, mache ich. Raus jetzt!“


In der Tür bleibe ich zögernd stehen und drehe mich um.


„Du bist ja immer noch da!“ Steve mustert mich nachdenklich.


„Ich fände es schön, wenn du Mama wegen Norman anrufen würdest“, sage ich leise.


Steve atmet tief durch. „Ja, es tut mir leid. Ich werde es tun, OK?“


Ich nicke und verlasse das Büro.


Unten angekommen, brauche ich nicht zu fragen. Lauren und Ben sind beim Leutnant im Büro, und alle drei starren mich an, als ich eintrete.


„Was hast du gemacht?“ fragt Siever ungläubig. „Ich hoffe, du hast ihm nicht einen geblasen!“


Ich registriere das vertrauliche Du nur am Rande. „Das wäre ja Inzest! Steve Connor ist ein Cousin 1. Grades meiner Mutter.“


„Ups“, sagt Laura.


„Das wußte ich nicht“, so Siever.


„Es wird ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Bis jetzt hatte ich mit meinem Onkel ja auch nur privat zu tun. Übrigens hat er mich nicht im Team gelassen, weil wir verwandt sind, sondern weil ich sachliche Argumente hatte, die ihn überzeugt haben. Bringt mich jemand nach Hause?“


Ben nickt. „Ich mache das. Bin gleich zurück.“


„Hey, Fiona“, sagt Siever, als ich schon fast durch die Tür gegangen bin. „Ist das Du in Ordnung?“


„Sicher, Jack.“


„Fein. Übrigens, du hast gute Arbeit geleistet. Nicht unbedingt immer hundertprozentig entlang der Legalität, aber gute Arbeit.“


„Danke. Das erinnert mich daran, daß mein Onkel mir aufgetragen hat, einen Verhaltensleitfaden nach Hause mitzunehmen. Habt ihr einen?“


Ich bekomme einen. Zu Hause wandert er erst einmal in die Ecke. Ich gehe duschen. Dabei merke ich erst, wie müde ich bin. Müde und niedergeschlagen. Braves Mädchen, das ich nunmal bin, ziehe ich mich nach dem Duschen Polizei gerecht an: Jeans und weißes Hemd. Gut, die Jeans sind recht eng und elastisch, aber keineswegs irgendwie frivol oder gar obszön. Niemand wird gezwungen, mir auf den Schritt oder den Hintern zu starren.


Ich betrachte mich im Spiegel. Der Blick aus den geränderten Augen erschreckt mich. Mir kommt es so vor, als wäre die Welt um mich herum um Jahre gealtert in wenigen Tagen. Oder bin ich gealtert? Ich weiß es nicht. Solange ich arbeite, merke ich es nicht, doch die Angelegenheit nimmt mich mehr mit, als ich es mir selbst eingestehen will. Vielleicht ist es die Anstrengung, vielleicht die Nachwirkung von dem Schock, daß ich umgebracht werden sollte. Oder es ist der Ekel, den die Begegnungen mit den kaputten Typen dieser Gesellschaft in mir auslösen.


Sie zeigen mir meinen Weg.


Ich ziehe Schuhe an und verlasse das Haus nach hinten raus. Obwohl ich versprochen hatte, es nicht mehr zu tun, gehe ich trotzdem den Weg, der zu James Flame führt. Er sitzt im Wohnzimmer, ein Buch lesend. Da die Terassentür ein Stück weit offen steht, trete ich ein, bleibe aber an der Schwelle stehen und klopfe leise gegen die Scheibe.


„Was willst du?“ fragt er, ohne den Kopf zu heben.


„Äh...ich...ich dachte nur...“


„Du dachtest?“ James legt das Buch weg und kommt bis auf wenige Schritte auf mich zu. „Das kannst du? Hör zu, du hast mir etwas versprochen. Ist dein Gedächtnis so kurz, oder bist du einfach nur so richtig unverfroren?“


Ich schlucke meine Tränen runter. „Ich wollte...nicht...ich meine, ich wollte dich schon um einen Gefallen bitten...aber nicht so. Das heißt, wenn du nicht...willst, dann ist das okay. Ich verstehe dich und daß du sauer bist. Es ist...es ist nur...ach scheiße!“


Ich drehe mich um, damit er nicht sieht, daß sich meine Augen plötzlich mit Tränen füllen, und gehe, in der festen Absicht, ihn wirklich niemals wieder zu belästigen.


„Warte!“


Ich bleibe sofort stehen, während die ersten Tränen mein Kinn erreichen und runtertropfen.


„Was genau wolltest du eigentlich?“


Ich drehe mich um. „Eigentlich habe ich keine Ahnung. Ich bin fertig. Ich meine, es kommt ja nicht jeden Tag vor, daß man Berufskillern begegnet. Und daß ständig Menschen um einem herum wegsterben. Vor ein paar Tagen war ich einfach nur eine verwöhnte Göre, auf Kriegsfuß mit sich und mit allen. Ich hätte vielleicht sogar als Nutte enden können, bloß um der Rolle gerecht zu werden. Genau genommen war ich sogar eine Nutte. Nur daß ich nicht wegen dem Geld mit den Männer schlief, sondern weil ich mir damit meinen Wert erkaufte. Es gibt schließlich nicht viel, was wirklich mir gehört. Doch dann bekam ich Gelegenheit, viele Dinge zu überdenken...was rede ich da eigentlich? Das sind meine Probleme, und ich sollte dich nicht damit belästigen. Ich habe es dir versprochen, und daran halte ich mich auch. Tut mir leid, daß ich dich gestört habe, James...“


„Du kannst gerne bleiben, Fiona“, sagt James leise und kommt endlich näher. „Ich habe mich wohl geirrt.“


„Sind es die Tränen?“


James wischt diese mit dem Daumen ab. „Die Tränen zeigen mir nur, daß du es ernst meinst. Ich kenne die Geschichte, die du angedeutet hast, nur partiell. Wenn du darüber reden möchtest, ich höre dir zu.“


„Wenn ich ganz ehrlich sein soll, möchte ich gar nicht reden.“


„Damit habe ich auch kein Problem. Oh, ein angedeutetes Lächeln auf deinem Gesicht! Komm schon, wenn du dich konzentrierst, kriegst du es bestimmt noch besser hin. Oh ja, das ist schon viel besser!“


„Du bist ein Mistkerl.“


„Trotzdem bist du hier?“


„Genau darum.“


„Sieh an, du stehst also auf Mistkerle?“


„Je mistiger, desto besser.“


„Wie mistig?“


„Sehr mistig.“


„So mistig auch?“


Leider kann ich nicht deutlich antworten. Sein Mund auf meinem verhindert es. Ich lege beide Arme um seinen muskulösen Oberkörper. Explosionsartig zieht sich die Wärme durch meinen Körper, und ich fange an zu zittern, als er mich hochnimmt und zum Sofa trägt. Wir reißen uns gegenseitig die Kleidung vom Leib, dann setze ich mich auf ihn und lasse ihn eindringen. Seine kräftigen Hände umschließen meine Pobacken, während ich sein Gesicht festhalte. Es ist kurz und heftig.


„Acht Minuten“, sagt James grinsend, nachdem ich wieder soweit bin, daß ich ihn auch verstehe.


„Hä!?“


„Vor acht Minuten habe ich dich zum Sofa getragen.“


„Super. Gleich können wir uns etwas mehr Zeit lassen.“


„Gleich? Du, ich bin ein alter Mann, dieses Gleich ist frühestens in einer halben Stunde.“


„Ich habe nicht gesagt, wie lange das bei mir dauert“, erwidere ich lachend. „Im Moment ist jedenfalls nicht viel Staat mit ihm zu machen.“


„Das ist natürlich und vom Schöpfer so gewollt.“


„Ach, tatsächlich? Dann bin ich ja beruhigt. Gibt es bei dir eigentlich auch was zu trinken?“


„In der Küche sicher.“


Stimmt. Er kommt mir hinterher, sich dabei die Hose anziehend. Ob sich das für die halbe Stunde lohnt? Ich mache uns beiden Kaffee, dann sitzen wir am Küchentisch, rauchend, nachdenkend.


„Willst du es mir nicht erzählen?“ bricht James schließlich das Schweigen.


„Es ist so scheiße...zwei Kinder sind tot.“


„Zwei?“


„Liest du keine Zeitung?“


„Normalerweise schon. Aber die letzten Tage bin ich nicht dazu gekommen. Ich weiß von nichts, wie es mir scheint.“


Ich atme tief durch und erzähle dann die ganze Geschichte, von Anfang an. James hört mir  schweigend zu, ohne mich auch nur einmal zu unterbrechen. Zwischendurch zieht er an seiner Zigarette, ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden. Als ich dann fertig bin, zündet er sich eine neue an. Holt sich Kaffee. Ich beobachte seinen Rücken. Und denke, daß wir ein tolles Paar abgeben. Sie sitzt nackt in der Küche eines Mannes, dessen Tochter ihre beste Freundin ist, er trägt zumindest eine Hose. Hey, Fiona, du trägst auch was. Seinen Sperma, in dir drin...


„Du weißt, daß ich beim Geheimdienst war. Wenn jemand, ohne selbst eine Pistole zu haben, vor der Mündung einer stand, hat er die Hände gehoben. Die Chancen, auf die Entfernung einer Kugel auszuweichen, sind nicht besonders groß. Mit deinen Fähigkeiten würdest du wahrscheinlich mit Kußhand bei der Abteilung ID5 genommen werden. Aber das spielt jetzt keine so wichtige Rolle. Ich werde nicht schlau aus dir. Bis jetzt kannte ich dich als die Tochter von Jason Carter: Reich, verwöhnt, arrogant und rücksichtslos. Das muß ich anscheinend revidieren...“


„Verwöhnt war ich nie“, flüstere ich. „Mein Bruder war das Nesthäkchen. Ich bekam Prügel, er die Streicheleinheiten. Schon bevor er geboren wurde, kam mein Vater nicht gut mit mir zurecht, aber als Norman ankam, war es ganz vorbei.“


„Er hat dich regelmäßig geschlagen?“


„Regelmäßig nicht, aber öfter. Die Schläge haben erst aufgehört, als ich vor Wut und Verzweiflung mit der Faust ein Loch in die Haustür geschlagen habe. Sie war aus Mahagoni. Ich glaube, er wollte nicht riskieren, daß ich eines Tages die Beherrschung verliere und ihn so schlage.“


„Warum hat er dich geschlagen? Entschuldige, das geht mich nichts an.“


„Schon gut. Mit der Frage habe ich mich auch beschäftigt. Die einzige Erklärung, die ich habe, ist die, daß ich natürlich kein Engel war. Ich bin von klein auf wild gewesen, ihm gegenüber auch respektlos. Ich hasse ihn, solange ich denken kann. Ich habe ihn angefangen zu hassen, als ich gemerkt habe, daß er mich gar nicht haben wollte. Er träumte davon, einen Sohn zu haben. Das wurde mir klar, als ich mich erinnert habe, wie sehr anders er Norman von Anfang an behandelt hat. Kurz danach fing ich mit Karate an. Und gar nicht viel später mit Jungs. Naja, ein paar Jahre später schon. Aber du hast mich nicht entjungfernt, kann dich beruhigen.“


„Ich weiß. Sowas merkt ein Mann meistens. Denke ich mir zumindest. Ich habe noch keine Jungfrau gevögelt.“


„Hey, das aus deinem Mund? Du überrascht mich!“


„Endlich mal so herum! Fiona, aber jetzt bist du erwachsen, könntest dein eigenes Leben führen. Warum riskierst du es?“


„Weil ich es meiner Mutter versprochen habe, versprechen mußte, den Mörder von Norman zu finden...“


„Was genau hast du versprochen? Nur, daß du ihn findest?“


Ich schüttel den Kopf.


„Fiona, das ist doch Mist! Oh Mann! Willst du dein Leben im Gefängnis verbringen, nur wegen sowas? Das ist es nicht wert, denn damit würdest du deiner Mutter ihr zweites Kind auch rauben. Ich glaube nicht, daß sie in der Lage war, darüber nachzudenken, als sie dir dieses Versprechen abgerungen hat.“


„Das glaube ich auch nicht. Jetzt stecke ich aber drin, ob ich will oder nicht. Und mir ist es auf jeden Fall lieber, ich kann aktiv dafür sorgen, daß ich nicht unter dem Bett nachschauen muß, bevor ich schlafen gehe. Immerhin würde mich ID5 mit Kußhand nehmen...“


„Aber natürlich nur lebend..! Ja, ich weiß, sie versuchen es, ob du nun abwartest oder selbst was unternimmst. Mir ist auch klar, daß du unter dem Schutz der Polizei stehst, wenn du mit ihr direkt zusammenarbeitest. Hast du aber auch darüber nachgedacht, daß du in den kriminellen Kreisen bekannt wirst auf diese Weise, und zwar nicht nur bei denen, die hoffentlich am Ende ins Gefängnis wandern werden?“


„Der Gedanke ist mir noch nicht gekommen. Aber grundsätzlich ändert es eigentlich nichts.“


James legt seine Tasse weg, kommt zu mir und zieht mich vom Stuhl hoch. „Ich habe durchaus ein Faible für starke Frauen. Was mich nur ein bißchen stört, daß du gleichzeitig sehr erwachsen und sehr kindlich wirkst...“


„Übertriebene Sorgen machst du dir aber deswegen nicht“, erwidere ich, seinen Schwanz durch die Hose packend.


„Ich weiß ja, daß du nicht mehr minderjährig bist“, grinst er. „Ich glaube, die halbe Stunde ist um.“


„Das sehe ich auch so. James, ich würde das bequeme Bett bevorzugen.“


„Dem steht nichts entgegen. Der Idee stehe ich sehr aufgeschlossen gegenüber.“


„Stehen ist das richtige Stichwort“, murmele ich, seine Hose aufknöpfend. „Komm mit!“


Auch Männer möchten mal geführt werden...


 


Die frühe Sonne schaut durch das Küchenfenster und beschließt, meine Haut zu wärmen. Der Kaffeedurft breitet sich zunehmend aus, vermischt sich mit dem Nikotindunst. Ich suche und finde eine große Tasse für das Magengift, mische viel Zucker und Milch bei und setze mich an den großen, blankpolierten Tisch.


Es ist still. Richtig still. Die Straße ist zu weit weg, außerdem ist in dieser Gegend um diese Zeit niemand unterwegs. Die Vögel scheinen noch nicht wach zu sein, und im Haus selbst gibt es wohl keine Geräuschquelle. Mit geschlossenen Augen genieße ich das Leben. Zu leben...und zu lieben. Hey, Fiona! Was denn? Nach sieben Jahren vögelst du ein zweites Mal mit dem Mann und denkst an Liebe? Das geht ja wohl nicht mit rechten Dingen zu! Außerdem ist er doppelt so alt wie du.


Na und?


Er ist ein Mann, wie man ihn sich nur wünschen kann. Reif, zärtlich, aufmerksam. Kein Macho, aber auch nicht zu weich, nicht unterwürfig. Daß er gut aussieht, ist ein Bonbon. Zumal gutes Aussehen sowieso relativ ist.


Aber Liebe?


Vielleicht nicht, aber zumindest fühle ich mich wohl. Habe auch nachher nicht das dringende Bedürfnis zu gehen. Wir haben zusammen geschlafen, nicht nur miteinander. Als ich aufwachte, das Gesicht neben seiner Schulter, seinen Duft in der Nase, seine regelmäßigen Atemzüge im Ohr, das war schön. Ich bin leise aufgestanden und aus dem Schlafzimmer geschlichen, mir nur ein T-Shirt überstreifend.


Es war doch gut, daß ich rübergekommen bin.


Ich bin so in Gedanken versunken, daß ich Leslie erst bemerke, als sie schon fast neben mir steht.


„Guten Morgen“, sagt sie lächelnd.


Sie trägt einen goldfarbenen Pyjama, die Haare sind strubbelig, aber die Augen lachen.


„Hi“, erwidere ich verlegen. Was jetzt? An Leslie habe ich überhaupt nicht gedacht. Wie erkläre ich ihr denn, daß ich nur mit einem T-Shirt bekleidet in dieser Küche sitze, um sieben Uhr morgens? „Was macht das Studium?“


Laut lachend holt sie eine Tasse aus dem Schrank und gießt sich Kaffee ein. Dann setzt sie sich mir gegenüber.


„Ich komme gut voran. Willst du nicht auch an die Uni?“


„Und was soll ich da? Außerdem haben wir das Thema schon gehabt.“


Sie zuckt die Achseln. „Sportstudium, zum Beispiel. Du bist ja eine Sportskanone. Oder Informatik. Soviel ich weiß, liegt dir das auch.“


„Aber nicht hauptberuflich“, murmele ich.


„Schon klar. Und dann sind da noch die Jungs. Wobei sie es natürlich nicht mit meinem Vater aufnehmen können.“


„Wieso mit deinem Vater?“


„Schätzchen, ich sah euch heute nacht da liegen, als ich nach Hause kam. Engumschlungen, wie zwei zufriedene Babies lagt ihr da, auch noch nackt. Was hättest du denn gedacht?“


„Ääh...ich weiß nicht genau...“


„Oh, so unschuldig sind wir aber nun doch nicht, oder? Ich weiß auch, wie zwei Menschen nach guten Orgasmen aussehen.“


„Aha...das sieht man schlafenden Menschen an?“


„Sicher. Nur völlig entspannt kann man so ruhig schlafen.“


„Tja, was soll ich sagen?“


„Nicht drumherum reden. Baby, glaubst du, ich bin blöd? Ich weiß sogar von eurem Abenteuer vor...wann war das?...sieben Jahren. Damals warst du ja wirklich noch ein Baby. Jetzt bist du erwachsen und bist hier geblieben.“


„Ja. Mir ging es ziemlich dreckig gestern und...“


„Stopp! Fang nicht an, dich zu rechtfertigen, okay? Ich habe kein Problem damit.“


„Kein Problem?“


„Nein, habe ich nicht. Mein Vater ist erwachsen, und ich bin es auch. Erwarte von mir nicht den Spruch: Er ist viel zu alt für dich. Den Scheiß wirst du von mir nicht hören. Dazu wurde ich viel zu offen erzogen. Mein Vater hat Prinzipien. Ganz oben stehen solche Sachen wie Toleranz, Selbstverwirklichung, Ehrlichkeit. So wurde auch ich erzogen, und auch wenn du es nicht gesehen hast, weil du es nicht sehen konntest, auch ich lebe danach. Wenn ihr euch liebt, dann ist es mir egal, wie alt du bist. Ausgenommen natürlich wirkliche Kinder oder Grabflüchtlinge. Nicht daß ich ein Problem mit Sex im hohen Alter habe. Ich sehe da nur eher praktische Probleme.“


„Ähem...du überrascht mich schon. Aber ich habe in letzter Zeit soviele Überraschungen erlebt, daß ich mich schnell davon erholen werde.“


„Habe es gehört“, nickt Leslie.


„Naja, was natürlich die Liebe anbelangt: Ich weiß es nicht. Nicht einmal über meine eigenen Gefühle bin ich mir im klaren, geschweige denn darüber, was James denkt oder fühlt.“


„Er ist verknallt in dich.“


„Was!?“


„Yeah! Wußtest du das wirklich nicht, du Träumerin? Glaubst du ernsthaft, er hat dir jeden Gefallen erfüllt, weil er Angst davor hatte, du könntest plaudern? Schatz, du warst 16. Er hätte nicht wirklich Probleme gekriegt, und was die Leute geredet hätten, wäre ihm scheißegal gewesen. Aber er ist seit sieben Jahren verknallt in dich.“


Ich schließe die Augen, weil sich die Küche plötzlich mit hoher Geschwindigkeit dreht. Es dauert eine Weile, bis sie zur Ruhe kommt.


„Das...das ist ein Schock für mich“, sage ich schließlich mit belegter Stimme.


„Jetzt überrascht du mich. Ich habe, ehrlich gesagt, ein paarmal gedacht, du spielst nur mit ihm. Ich versuchte ihn dazu zu bringen, dich zu fragen, was denn nun Sache sei, aber er hat immer geantwortet, du müßtest von selbst draufkommen. Also hat er sieben Jahre lang geschwiegen.“


„Und jetzt bin ich zu ihm gekommen, als ich das Gefühl hatte, zu keinem Anderen gehen zu können.“


„Wie schön, daß wir Menschen so vielschichtig sind. Und? Was wirst du tun?“


Darüber denke ich nur kurz nach. Dann erhebe ich mich.


„Weglaufen?“


„Nein.“ Ich öffne ein paar Schränke, von Leslie neugierig beobachtet, bis ich finde, was ich suche. Auf das gesuchte und gefundene Tablett lege ich alles, was zu einem vernünftigen Frühstück dazu gehört, auch Kaffee. „Entschuldigst du mich jetzt, Leslie?“


„Natürlich. Viel Spaß!“


„Danke.“


James schläft noch. Ich lege das Tablett ab, ziehe das T-Shirt aus und krieche unter die Decke. Als ich mich von hinten an ihn schmiege, wacht James auf und blinzelt mich an.


„Hallo...du bist noch da...“


„Bin ich. Und deine Hände werden schneller wach als der Rest.“


„Ist das ein Wunder?“


„Nicht wirklich.“ Ich küsse ihn. „Guten Morgen, Fummler.“


„Hmm...riecht nach Kaffee. Ich weiß gar nicht, worauf ich mehr Verlangen habe.“


„Das ist dir unklar? Soll ich nachhelfen? Soll ich?“


Ich soll. Er bereut seine Entscheidung nicht, und auch ich habe meine kleine Freude am Morgen. Naja, so klein auch wieder nicht. Und es ist anders. Anders als beim ersten Mal, anders als gestern abend. Ich weiß nicht genau, was anders ist. Es ist nicht einfach nur ein Mann, der meine Brüste festhält, nicht irgendein Mann, gegen dessen Unterleib meinen Klitoris reibend ich schreiend untergehe...ER IST ES!


Die Atemfrequenzen werden langsam wieder normal. Ich schaue ihn lächelnd an, bis er die Augen öffnet. Seine Hände streicheln sachte meine Beine, gleiten runter bis zu den Füßen. Ich rolle mich zur Seite und aus dem Bett, das Tablett holend. Zum ersten Mal frühstücke ich im Bett.


„Du warst ja früh auf“, bemerkt James, während er von dem Brötchen abbeißt, das ich ihm hinhalte.


„Und ich hatte schon eine Begegnung.“


„Begegnung mit wem?“


„Mit deiner Tochter.“


„Oh.“


„Ja, oh. Das habe ich auch gedacht.“


„Warst du nackt?“


„Nicht ganz. Aber ganz so viel an hatte ich auch nicht. Es spielt keine Rolle. Sie hat uns in der Nacht gesehen, als wir schliefen wie zwei Babies.“


„Ich verstehe. Was hat sie gesagt?“


„Alles.“ Ich schaue ihn grinsend an. „Ich weiß Bescheid.“


„Aha.“ Er lehnt sich zurück und widmet seine Aufmerksamkeit dem Brötchen, das er gerade beschmiert und belegt hat. „Es scheint dich nicht abgestoßen zu haben.“


„Nein. Ich bin gekommen.“


„Im doppelten Sinne des Wortes.“


„Ja. Dreimal seit gestern abend. Das ist selbst für mich schon nicht ohne. Aber viel wichtiger ist, daß ich auch geblieben bin. Das ist nämlich neu.“


„Du pflegst sonst nach dem Orgasmus aus dem Bett zu springen und zu gehen?“


„Mehr oder weniger. Meistens ekelt mich der Mann nachher nur noch an. Bei dir ist es anders. Aber ich bin ja auch zu dir gekommen, nicht umgekehrt. Das ist auch neu.“


„Ich kann mir vorstellen, daß dir die Jungs scharenweise nachgelaufen sind. Du brauchtest nur noch auszuwählen.“


„Tja, ich kann auch nichts dafür, daß ich so gerne ficke.“


„Daran ist nichts verkehrt. Wozu sonst hat man die Libido?“


„Um uns zu testen.“


„Ach? Wer sagt das?“


„Hat mal mein Religionslehrer gesagt. Ich habe ihn nämlich gefragt, warum Gott uns diese Gefühle gegeben hat, wenn Sex doch etwas Schlechtes sei. Seine Antwort war, daß er auf diese Weise unsere Willenskraft testet. So findet er heraus, wer stark ist und damit das Paradies verdient hat. Ich wollte dann noch wissen, ob im Paradies endlich dann die Entbehrungen vorbei sind und soviel gefickt werden kann, wie man schafft. Und frau natürlich auch.“


„Was passierte dann?“


„Ich durfte mir eine Moralpredigt des Direktors anhören.“


„Du Ärmste.“


„Das sah ich auch so...was ist denn da los?“ Draußen nähert sich Sirenengeheul, fährt vorbei - und verstummt. Ich laufe zum Fenster und versuche herauszufinden, wo die hingefahren sind. Ich kann die Blaulichter erkennen. Mein Herz krampft sich zusammen.


„Sie sind bei uns!“


Es ist schwierig, sich beim Laufen anzuziehen. Die Schuhe sind erst auf dem Weg zum Tor dran. Salonfähig bin ich selbst auf der Straße noch nicht. Vor dem Tor zu unserem Grundstück stehen mehrere Polizeiwagen, ein Krankenwagen fährt gerade rein. Polizisten sind bereits dabei, die Zufahrt abzusperren. Einer will mich aufhalten, als ich ankomme.


„Laß mich vorbei! Ich wohne hier!“ Er hat sowieso keine Chance, mich am Weiterlaufen zu hindern. Pro forma versucht er zwar noch, mich aufzuhalten, aber das ist so, als wollte jemand Wasser am Fließen hindern. Vor dem Haus stehen mehrere Krankenwagen. Auf einer Trage wird gerade jemand rausgetragen. Es ist Nicholas. Er hat eine Schußwunde unterhalb des Halses, aber er ist wach.


„Nicholas! Was ist geschehen?“


„Es...es tut mir leid...“


„Gehen Sie weg!“ ruft der Arzt energisch. „Der Mann ist schwerverletzt, er darf jetzt nicht reden!“


Ich renne ins Haus rein. Der Korridor sieht aus wie nach einem Schlachtfest. Überall Blut, besonders viel an den Wänden. Die Tür zur Küche ist weit geöffnet, in der Küche sind Männer, die etwas betrachten. Einige knien. Ich drängel mich an den Polizisten vorbei, bin darauf vorbereitet, meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu finden.


Es ist nicht meine Mutter, trotzdem wird mir fast schlecht. Sie haben die Haushälterin bestialisch ermordet, von ihr dürfte das meiste Blut stammen. Ihre Kehle ist von einem Ohr zum anderen aufgeschnitten, ebenso der Bauch. Ihre Därme liegen auf dem Küchenboden zerstreut herum. Würgend renne ich wieder raus und nach oben. Bis ich alle Zimmer durchsucht habe, ohne einen weiteren Menschen zu finden, sind auch Laura und Ben eingetroffen. Ben kotzt sich vor dem Haus aus, Laura lehnt an der Hauswand, farblich sehr gut dazu passend.


Ich setze mich auf die Treppe, finde in der Hosentasche eine zermatschte Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. Meine Hände zittern, als ich die vorletzte Zigarette anzünde und den Rauch sehr tief einatme.


„Wo warst du heute nacht?“ fragt Laura nach einigen Minuten.


„Bei einem Freund.“


„Wir hatten vereinbart, daß du zu Hause bleibst.“


„Dann wäre sie auch tot“, sagt Ben.


„Ich war im Nachbarhaus, die ganze Nacht. Und ich habe nichts gehört. Gar nichts. Wir schliefen bei offenem Fenster.“


„Ihr habt geschlafen?“


„Ja, haben wir. Fast die ganze Nacht. Es war noch hell, als ich rüberging.“


„Warum eigentlich?“


„Ich brauchte menschliche Gesellschaft. Hör damit auf, okay? Meine Eltern wurden entführt, die Haushälterin geschlachtet und Nicholas fast tot. Das reicht, daran kann ich eine Weile rumknabbern, also hör auf mit den Vorhaltungen zwischen den Zeilen!“


Laura und Ben schweigen. Nach einer Weile gehen sie ins Haus, um die Spurensicherung anzuleiten. Ich zünde mir auch die letzte Zigarette an. Sie ist noch nicht aufgeraucht, als der Leutnant eintrifft. Er mustert mich nachdenklich, dann schaut er sich drinnen um. Als er wieder rauskommt, wirkt er sehr müde. Stöhnend setzt er sich neben mich.


„Tut mir leid.“


„Mir auch.“


„Du warst nicht hier, als es passiert ist?“


„Nein.“


„Dein Glück. Vermutlich hätte die Putzfrau dann fünf Leichen gefunden. So makaber es klingt, deine Eltern haben Glück gehabt.“


„Ja, wahrscheinlich. Vielleicht hätte ich aber auch die Schweine erledigt.“


„Sicher ist das nicht.“


„Was ist schon sicher?“


Ein Polizist kommt auf uns zu und sagt: „Da draußen ist ein Mann, er behauptet, er sei Ihr Freund. Sie würden wollen, daß er hier ist. Sein Name ist James Flame.“


„Lassen Sie ihn rein.“


James wirkt auch so, als hätte er sich etwas eilig angezogen. Er mustert mich und den Leutnant. Das Umschauen spart er sich. Dafür mustert er den Leutnant etwas genauer.


„Jack Siever, nicht wahr?“


Dieser nickt. „Sie kommen mir auch bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher.“


„Wir haben mal zusammen gearbeitet. Ich war vor langer Zeit bei MD1. Bei einer Ermittlung haben wir gemeinsam Verdächtige beschattet. Ist ein paar Jahre her.“


„Ja, das stimmt. Etwa 15 oder so. Jetzt wohnst du hier nebenan?“


„Ich bin ja auch Immobilienmakler, kein Geheimagent mehr. Nach zehn Jahren hatte ich die Schnauze voll.“


„Kann ich verstehen. Und so sehen wir uns wieder. Eine Scheißgeschichte. Fiona war bei dir die Nacht über?“


„War sie.“


„Ich frage nur, weil ich bis jetzt den Eindruck hatte, es gäbe keinen festen Freund. Das sieht jetzt anders aus.“


„Gestern hatte ich auch noch keinen“, erwidere ich. „Oh Mann, was mache ich jetzt?“


„Auf jeden Fall nichts, ohne es mit uns abzusprechen. Wir müssen jeden unserer Schritte gut überlegen.“


„Ich werde bestimmt nicht tatenlos herumsitzen und abwarten, was passiert!“


„Das brauchst du auch nicht. Wir werden...oh, hoher Besuch!“


Der Wagen, der angerollt kommt, ist mir gut bekannt. Mein Onkel trägt einen tadellos sitzenden Anzug, der aussieht, als käme er frisch aus der Heißmangel. Wahrscheinlich wurde er vor einer halben Stunde erst geweckt, aber das sieht man ihm nicht an. Er mustert uns nur kurz, dann geht er rein. Auch er braucht nicht lange, dennoch hat er noch eine einigermaßen menschliche Hautfarbe.


„Sieht böse aus.“


„Ich liebe deine verfluchte Sachlichkeit, weiß Gott!“ breche ich aus.


„Fiona, ich bin auch zutiefst erschüttert, auch ich mache mir Sorgen um deine Eltern. Aber gerade in dieser Situation müssen wir einen kühlen Kopf bewahren. Nur dann haben wir eine Chance, daß nicht noch mehr passiert. Als erstes solltet ihr euch diesen Zigarillos rauchenden Mistkerl namens Jay King Rollo vorknöpfen. Laßt ihn bei einer Gegenüberstellung mit Malcolm offiziell identifizieren. Damit könnten wir ein geeignetes Druckmittel haben.“


Siever nimmt sein Handy und beginnt zu telefonieren. Ich drücke meine Stirn gegen James´ breite Brust. „Laß mich bitte aufwachen, James. Bitte!“


Er fährt durch meine Haare, während er leise sagt: „Das würde ich wirklich gern.“


„Das ist so gemein...die wollten nur mich. Diese Geschichte ist wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die Wellen breiten sich ganz weit aus...“


„Ich denke, das ist nicht die richtige Zeit zum Philosophieren“, meint Jack. „Ich fahre zum Präsidium, um die Gegenüberstellung vorzubereiten. Was macht ihr?“


„Wir kommen nach“, antworte ich.


„Dann bis gleich.“


Ich schaue dann meinen Onkel an. „Bitte laß mich jetzt meinen Job machen. Ich habe das meinen Eltern eingebrockt, ich werde sie da rausholen...“


„Fiona, keine Eigenmächtigkeiten. Damit hilfst du niemandem.“


„Ich verspreche, daß ich nichts tun werde, was nicht mit Jack Siever abgesprochen ist. In Ordnung?“


„Ja, das ist in Ordnung. Wir sehen uns gleich.“


Nachdem der Polizeipräsident weg ist, seufzt Ben: „Das war ja ein filmreifer Auftritt...oh sorry, Fiona.“


„Schon gut. Du hast ja recht. Laßt uns fahren.“


Ans Steuer lassen sie mich trotzdem nicht.


 


Der Anblick der hektischen Betriebsamkeit im Großraumbüro wird mir fast zuviel. Mit Kaffee und Zigarette ziehe ich mich in eine Ecke zurück und beobachte. Zwischendurch kommt Siever und teilt mir mit, daß Jay King auf dem Weg hierher ist. Er wird gleich mit Malcolm sprechen.


„Wieso hat Rollo nur darauf gewartet, daß er verhaftet wird?“ erkundige ich mich.


„Hat er nicht. Es hat eine kleine Schießerei dabei gegeben. Ich denke, er hat nicht damit gerechnet, daß wir ihn holen. Die Überheblichkeit des bösen Mannes...“


„Erstaunlich.“


Wenig später setzt sich James zu mir. „Sie haben ID5 eingeschaltet. Ich bin gespannt. Bis jetzt habe ich keinen Kontakt mit den Jungs gehabt.“


„Wie?“


„MD und ID sind nicht gerade freundschaftlich miteinander verbunden. In zuvielen Bereichen gibt es Kompetenzüberschneidungen. Das sorgt gelegentlich auch für böses Blut.“


„Immer die selbe Leier. Komm, James, schauen wir uns die Gegenüberstellung an.“


Malcolm sitzt schon in dem abgedunkelten Raum. Seine Hände sind vorne gefesselt. Er sitzt leicht gekrümmt, als hätte er Schmerzen.


„Wie geht es deinen Eiern, Gerry?“ frage ich, dabei das süßeste Lächeln, dessen ich jetzt mächtig bin, auf mein Gesicht zaubernd.


„Fick dich...“


„Oh, das ist nicht sehr freundlich. Und deinen Rippen?“


„Fick dich nochmal. Ich werde mich bei ai beschweren.“


„Hey, du kennst die? Das finde ich geil. Du weißt aber, daß ai nicht nur für artificial intelligence steht?“


„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“


„Das dachte ich mir. Was kriegst du dafür, wenn du deinen Chef identifizierst?“


„Wenn meine Aussage ihn hinter Gitter bringt, komme ich in ein Zeugenschutzprogramm.“


„Schön. Kriegst du dabei auch ein neues Gesicht?“


„Du bist eine..!“


„Sag nichts Falsches, Gerry...“


Es kostet ihn sichtbar viel Willenskraft, den Satz nicht zu Ende zu bringen. Danach setzt er sich demonstrativ mit dem Rücken zu mir. Viel Zeit bliebe sowieso nicht für weitere Nettigkeiten, denn jetzt werden die Kandidaten reingeführt. Jay King ist natürlich sofort zu erkennen. Er ist der einzige Mann mit einem Arm in der Schlinge. So kommt es, daß die Gegenüberstellung keine Überraschungen birgt. Trotzdem empfinde ich keine Zufriedenheit, als Jay King abgeführt wird.


„Jetzt sind wir unheimlich weit gekommen“, stelle ich fest. Auch wenn es niemand außer James hört.


„Sie werden es aus ihm rausbekommen, was er weiß“, sagt James, nicht sehr überzeugend.


„Daß er nichts weiß?“


„Fiona, ich kann deine Ungeduld verstehen. Als meine Frau vor vielen Jahr den Unfall gehabt hat und sie stundenlang operiert wurde, bevor sie dann doch starb, ging es mir genauso. Ich weiß nicht mehr, wieviele Schachteln Zigaretten ich geraucht, wieviele Becher Kaffee ich getrunken habe. Ich wurde fast wahnsinnig.“


Ich streichel seine Wange. „Und dann starb sie doch. Und die Moral von der Geschichte? Zuviel Kaffee ist ungesund. Komm mit!“


Er trottet etwas irritiert hinter mir her. Wir gehen zurück in das Großraumbüro. Die ID5 Leute sind gerade eingetroffen und erobern den Konferenzraum der Etage. Dieser verwandelt sich langsam aber sicher in den Kontrollraum von Houston. Oder in etwas sehr Ähnliches. Als nächstes tanzt der Pizzadienst an. Ich ergattere eine Funghi. Ich bin noch dabei, diese gerecht mit James zu teilen, als ein älterer Mann zu uns tritt.


„Miss Fiona Carter?“


„Das bin ich“, sage ich.


„Mein Name ist Tom Halliway. Ich bin Major bei der Abteilung ID5, Innere Sicherheit. Ich möchte mein Bedauern darüber ausdrücken, was Ihren Eltern widerfahren ist.“


„Danke.“


„Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um Ihre Eltern zurückzuholen.“


„Wieviel ist das?“


Der Major mustert meine rechte Wange und meinen verbundenen Arm. „Ich habe bereits von Ihren Fähigkeiten gehört. Ich habe großen Respekt vor Frauen, die über Zivilcourage verfügen. Doch hier geht es um andere Dinge. Wir brauchen Logistik und Technik. Wir verfügen darüber. Unsere Erfolgsquote liegt bei 95%.“


„Was ist mit den restlichen 5%?“


„Unwägbarkeiten.“


„Aha. Was schützt uns in diesem Fall vor diesen Unwägbarkeiten, Major?“


„Wenn Sie hundertprozentige Sicherheit bevorzugen, Miss Carter, hätten Sie nicht zur Welt kommen dürfen.“


Ich grinse unwillkürlich. „Hey, eine zynische Antwort, wie ich sie mag. Ich bin keine Sicherheitsfetischistin. Aber nicht ich wurde entführt, sondern meine Eltern...was?“


Ein uniformierter Polizist überreicht mir ein Paket. „Das hier wurde für Sie abgegeben, Miss Carter.“


„Von wem?“


„NNB.“ Dem Paketdienst.


Mißtrauisch wende ich das etwa buchgroße Paket hin und her.


„Bestimmt eine Bombe“, meint James mit einem ironischen Unterton. „Vielleicht sollte…“


Achselzuckend reiße ich die Verpackung auf, bevor jemand reagieren kann. Flüchtig schießt mir der Gedanke durch den Kopf, daß es gar nicht so schlecht wäre, jetzt und auf diese Weise zu sterben. Eine Bombe, ja, das wäre es.


Aber es ist keine Bombe.


Ein Kästchen. Daneben liegt etwas in ein Tuch eingewickelt. Mein Herz beginnt zu rasen. Vorsichtig nehme ich es raus. Etwas Längliches muß darin sein. An meinen Wangen strömt Schweiß hinunter. Ich muß über meine Augen fahren, um wieder richtig sehen zu können. Vorsichtig schlage ich das Tuch auseinander. Und lasse es fallen.


„Neeiinn!!!“


Auf dem Boden liegt ein Finger. Mit einem Ring dran. Und diesen Ring kenne ich. Er gehört meiner Mutter, genau wie der Finger. Besser gesagt, er gehörte ihr.


 


Ich laufe gegen die Wand, während ungefähr 1000 Leute mir dabei zuschauen. Ich will nicht mehr! Verdammt, verdammt, verdammt! Jemand reißt mich herum. Leider kann ich ihn kaum erkennen, was an den Tränen liegen muß. Jedenfalls hat er die Stimme von James.


„Fiona! Hör mir zu! Wenn du dir den Schädel einschlägst, hilft das deinen Eltern auch nicht!“


„Wenn ich tot wäre, wenn sie mich gefunden hätten, wenn ich nicht abgehauen wäre, dann wären sie auch nicht in Gefahr!“ schreie ich undeutlich hervor. „Der Finger da zeigt auf mich!“


„Entsorgt ihn endlich!“ ruft James nach hinten, dann packt er meinen Kopf. „Fiona, wir haben keine Zeitmaschine! Verstehst du denn nicht? Sie wollen Kontakt mit dir! Wenn du jetzt ausflippst, schadest du deinen Eltern noch mehr! Willst du das?“


„Was..?“


Er hält etwas hoch. Ich wische meine Tränen ab, um sehen zu können. Es ist eine Handykarte.


„Das war in dem Kästchen, was dabei lag. Eine Aufforderung zur Kommunikation. Und sie wollen, daß du mit ihnen redest.“


„Eine Handykarte?“


„Oh ja, gut erkannt. Fiona! Bist du bereit, mit uns zu reden, anstatt an der Wand den Schädel zu zermatschen?“


Ich betaste meine Stirn. Ein blauer Fleck mehr oder weniger spielt wirklich keine Rolle.


„Miss Carter?“ Das ist der Major. „Ich verstehe, daß Sie außer sich sind. Aber Sie sind eine sehr starke Frau, das haben Sie bereits bewiesen...“


„Schon gut! Laßt mich bloß in Ruhe mit diesem Gelaber! Ich kriege das hin, okay? Alles in Ordnung! Das war nur ein vorübergehender Aussetzer.“ Ich atme tief durch. „Okay. Sie wollen tatsächlich mich, dann sollen sie mich kriegen. Aber sie werden keine Freude daran haben. James, kennst du noch Leute bei MD1?“


„Bei was?“ entfährt es dem Major.


„Ich war mal bei dem Verein“, erklärt James. „Ja, ich habe Kontakt.“


„Da gibt es doch auch ein paar Fachleute für Entführungen...“


„Wir haben hier technisch alles unter Kontrolle, Miss Carter“, unterbricht mich der Major. „Es gibt keine Notwendigkeit für eine solche Maßnahme.“


James zuckt die Achsel.


Ich entreiße ihm die Karte und tausche sie gegen meine im Handy aus. Und starre das Display an, als es das Kennwort verlangt.


„Versuch es mit Fiona“, schlägt James vor.


„Spielst du Lotto?“ frage ich ihn, während das Handy sich einbucht. „Solltest du tun.“


„Glück ist nicht machbar, aber Intelligenz kann man trainieren. Die nächste Frage ist: Rufen sie dich an?“


Ich öffne das Telefonbuch auf der Karte. Es gibt nur einen einzigen Eintrag, und der dazugehörige Name lautet: Call Me.


„Beantwortet das deine Frage?“


„Absolut. Übrigens, es wäre vielleicht eine gute Idee, die SIM überwachen zu lassen.“


Ich lasse wählen. Während es klingelt, wird mir bewußt, daß ungefähr 1000 Leute mich anstarren. Mit einer Hand versuche ich, eine Zigarette aus der Schachtel in meiner Jackentasche zu fischen, bis James sich meiner erbarmt. Er gibt mir auch Feuer.


„Na endlich rufst du an.“


„Brodwich!“ entfährt es mir.


„Das schmeichelt mir aber jetzt, daß du mich so spontan erkennst.“


„Es wird dir weniger schmeicheln, wenn ich dir den Arsch so weit aufreiße, daß du ihn dir als Ohrwärmer benutzen kannst!“


„Oh, die kleine Lady kann nicht nur mit den Fäusten umgehen. Aber warte damit, bis ich dir erzählt habe, was du tun sollst.“


„Dann erzähl doch!“


„Nicht so hastig, junge Dame. Die Anweisungen folgen bald.“ Und aufgehängt.


Ich starre das Handy ungläubig an, dann James.


„Ein wahrlich kurzes Gespräch“, nickt er.


„Ähm...vielleicht hätten Sie es zurückhaltender angehen sollen“, bemerkt Major Halliway.


„Ich war schon sehr zurückhaltend“, erwidere ich gereizt. „Wollen Sie mich nerven oder was unternehmen?“


Major Halliway setzt zu einer Antwort an, die weniger freundlich ausfallen soll, aber James kommt ihm zuvor. Er nimmt mich beim Arm und zieht mich raus. Auf dem Korridor drückt er mich gegen eine Wand und starrt mir in die Augen.


„Fiona, so geht das nicht. Die Leute da drin können nichts dafür, was dir und deinen Eltern widerfährt. Im Gegenteil, sie wollen dir helfen. Und ich will das auch. Also behandle sie wie Freunde, nicht wie Feinde. Okay?“


„James...wie lange halte ich das durch?“


„Ewig.“


„Du traust mir viel zu. Ich bin doch nur ein schwaches Mädchen.“


„Erzähl keinen Schwachsinn. Du bist kein Mädchen mehr, sondern eine erwachsene, intelligente Frau...“


„Schön hast du vergessen.“


„Was?“


„Die wichtigste meiner positiven Eigenschaften...“


„Naja, ich weiß nicht, ob...“


„Was?!“


„Ja, du bist wunderschön.“


Ich ziehe sein Gesicht runter und küsse ihn. So lächerlich sich das auch anhört, der Kuß lädt mich förmlich auf. Wissenschaftlich ausgedrückt, durchströmen Endorphine und sonstige Hormone und was auch immer meinen Körper, verteilen sich in jeder Zelle, regen die Durchblutung an, wecken das Hirn aus seinem Tiefschlaf...kurz, machen mich wieder zur Fiona.


Und das macht sich sofort bemerkbar. Ich nehme James an der Hand und ziehe ihn mit mir.


„Wohin gehen wir?“


Zum Pförtner. Er begutachtet uns mit einem fragenden Gesichtsausdruck, in den er auch noch tiefstes Mißfallen hineinlegt.


„Vorhin wurde hier für mich ein Päckchen abgegeben. Haben Sie es in Empfang genommen?“


„Ich glaube schon.“


„Sie glauben?“


„Wenn wir von dem selben Päckchen reden, dann ist das so.“


„Ich habe nur ein Päckchen gekriegt, seitdem ich hier bin“, erwidere ich mit leicht vibrierender Stimme.


„Dann wird es wohl so sein.“


Gott, steh mir bei und gib mir die Kraft, diesem Mann nichts Schlimmes anzutun!


„Hat dieser Paketbote zufällig auch eine Quittung abgegeben? Bei dem Päckchen war nämlich nichts dabei.“


„Ich glaube schon.“


Ich glaube auch. Daß die Platte einen Sprung hat.


„Sind Sie in der Kirche?“


„Ja, wieso?“


„Weiß nicht. Sie machen einen so gläubigen Eindruck.“


„Junge Dame, machen Sie sich lustig über mich?“


„Wie käme ich dazu? Geben Sie mir bitte diese Quittung.“


„Einen Augenblick. Wo habe ich sie bloß hingetan? Ach ja, da ist sie. Bitte schön.“


„Danke schön.“ Nachdem ich mich umgedreht habe, stopfe ich mir die Faust ins Maul, um nicht laut loszuschreien. Eine Alternative wäre zu heulen. Mit Tränen in den Augen mustere ich die Empfangsquittung.


„Was hast du vor?“ erkundigt sich James.


„Wie war das? Intelligenz kann man trainieren?“


„Vorsicht, noch sind wir nicht verheiratet...kleiner Scherz!“


Ich lasse das lieber ohne Kommentar. Stattdessen wähle ich die Nummer von NNB.


„Newope National Bringing, guten Tag. Sie sprechen mit Eliza. Was kann ich für Sie tun?“


Mein Gott, was für ein vorbildliches Call-Center!


„Guten Tag. Polizeibezirk Skyline, Detective Carter. Ich brauche eine Auskunft.“


„Handelt es sich um etwas Vertrauliches? Dann muß ich zurückrufen.“


„Wir können das abkürzen, Eliza. Diese Information können Sie mir wahrscheinlich auch so geben.“


„Wenn es so ist, dann gerne.“


„Ich habe hier eine Empfangsquittung mit etwas unleserlicher Unterschrift. Daneben ist eine Nummer, die vermutlich den Fahrer identifiziert.“


„Ja, das ist richtig, Mrs Carter.“


„Miss, ich bin nicht verheiratet.“


„Oh, entschuldigen Sie bitte, Miss Carter.“


„Noch besser, nennen Sie mich doch Fiona. Schließlich rede ich Sie ja auch mit dem Vornamen an.“


„Das ist kein Problem, Fiona. Vermutlich möchten Sie wissen, wer der Fahrer ist.“


„Das ist richtig. Das Päckchen wurde für mich beim Pförtner abgegeben. Ich habe ein paar Fragen an den Fahrer in Zusammenhang mit diesem Päckchen.“


„Kann er Probleme bekommen?“


„Nein. Es handelt sich lediglich um Informationen, die er mir geben kann.“


„Gut. Wie lautet die Nummer, bitte?“


„G11A4.“


„Das ist Giles, Lew Giles. Ich kann ihn anrufen und ihn bitten zurückzufahren.“


„Das wäre sehr freundlich.“


„Kann ich Sie unter dieser Nummer erreichen?“


„Ja, kein Problem.“


„Bis gleich, Fiona.“


Ich lege auf und grinse James an. „Du bist eine ausgebuffte Hexe“, sagt er lächelnd.


Ich gehe auf Toilette. Beim Händewaschen klingelt das Telefon. Es ist Eliza. Lew Giles wäre gerade beim Mittagessen bei McDonalds. Entweder wir warten, oder wir können zu ihm fahren. Wir fahren hin. Auch jetzt läßt mich James nicht ans Steuer seines Jaguars. So kann ich wenigstens telefonieren und rufe Siever an.


„Hi Jack!“


„Wo steckst du?“


„Im Jaguar meines Freundes.“


„Fiona, was soll das?“


„Wir verfolgen eine vage Spur. Vielleicht kann uns der Fahrer etwas dazu sagen, wo das Päckchen herkam. Wir sind gerade auf dem Weg zu ihm.“


„Wolltest du nicht alles mit uns absprechen?“


„Komm schon, Jack. Wir fahren zu McDonalds, das kann nicht gefährlich sein. Außerdem bin ich bewaffnet. Und ich habe einen ehemaligen James bei mir.“


„Fiona, ruf an, wenn es Probleme gibt. Am besten vorher schon. Okay?“


„Großes Indianerehrenwort.“


„Hier gibt es keine Indianer.“


James grinst mich von der Seite an. „Ehemaliger James?“


„Bist du das nicht? - Da ist der Laden!“


Der ist, um die Mittagszeit nicht verwunderlich, ziemlich voll. Lew Giles ist an seinem Overall in den typischen Farben rot und gelb von NNB von weitem zu erkennen. Er schaut hoch, als wir neben ihm stehenbleiben.


„Seid ihr die Polizisten?“ erkundigt er sich.


„Ja.“ Ich setze mich, während James was zu essen besorgt. „Laß es dir schmecken!“


„Tu ich, keine Sorge. Was kann ich für euch tun?“


„Gehst du immer so zur Sache?“


„Das kommt darauf an.“ Er mustert mich neugierig. „Du bist eine ziemlich gutaussehende Polizistin.“


„Danke.“


„Gern geschehen. Also?“


„Du hast heute im Polizeipräsidium ein Päckchen abgegeben.“


„Das stimmt. Da kommt dein Kollege...“


James bringt mir einen BigBurger und sich selbst zwei Cheeseburger. Und zwei große Cola. Er weiß, was hungrige Mädchenmägen begehren.


„Du bist ein Schatz, James.“


„Ich weiß. Iß jetzt, du fällst noch vom Fleisch.“


Lew schüttelt lachend den Kopf. „Gentlemanlike war das nicht. Nicht mein Problem. Was ist mit dem Päckchen? War da eine Briefbombe drin?“


„So schlimm ist es nicht. Nur ein abgeschnittener Finger.“


Er stutzt, dann mustert er mich fragend. „Hm. Verarscht du mich jetzt?“


„Nein. Er gehörte meiner Mutter.“


„Oh. Bist du wirklich Polizistin?“


„Aushilfsweise schon.“


„Aushilfsweise? Warte mal, jetzt fällt mir ein, woher ich dich kenne! Bist du das Mädchen, das die beiden Motorradkiller erledigt hat?“


„Ja, aber schrei nicht so.“


„Wenn ich gewußt hätte, daß das Päckchen so wichtig ist, hätte ich dem Jungen gesagt, er soll mir seinen Namen geben.“


„Was für einem Jungen?“


„Der mir das Päckchen gab und direkt bezahlt hat. Du weißt schon, der neue Service von NNB: Du gibst dein Päckchen dem Fahrer, der kassiert, fertig. Keine Unterlagen, nichts. Meiner Meinung nach Scheiße. Aber den Marketingleuten fällt immer was Neues ein. Jedenfalls habe ich keinen Absender, sorry.“


„Schade eigentlich“, meint James. „Trotzdem danke. Komm, Fiona. Oder wolltest du noch was von ihm wissen?“


„Und was ist mit meinem Essen?“


„Nimm es doch mit.“


Auch James kann rasant fahren. Ich schaffe es gerade, alles zu essen, bis wir am Präsidium ankommen. Kaum im Großraumbüro, überreicht mir Ben stumm ein ungeöffnetes Päckchen. Ich starre es erschrocken an. Dann blicke ich hoch. Jack wendet sich mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck ab. Meine Hände zittern derart, während ich versuche, das Päckchen aufzumachen, daß ich eine Pause einlegen muß. Schließlich liegt es offen vor mir. Keine Bombe. Vermutlich wurde es diesmal sowieso durchleuchtet, bevor man es mir gab. Darin ist eine Videocassette unter einem anderen, länglichen Gegenstand, der in ein Tuch eingewickelt ist. Obwohl ich längst weiß, was ich sehen werde, entrolle ich das Tuch auf einem Tisch. Diesmal ist es der kleine Finger.


Ich beschließe, ohnmächtig zu werden.


 


„Was ist auf der Videocassette?“ erkundige ich mich bei James, der neben mir steht und meine Hand hält. Es liegt sich gar nicht mal schlecht auf dem Bettimitat im Erste-Hilfe-Raum des Polizeipräsidiums.


„Wir haben es uns noch nicht angeschaut.“


„Schade. Wie lange war ich denn weg?“


„Etwa zehn Minuten.“


Ich richte mich langsam auf. „Was soll ich bloß tun? Hätte ich nur Normans Tod einfach akzeptiert! Durch meine Sturheit ist Savage umgekommen und wurden meine Eltern entführt. Wahrscheinlich bekomme ich sie in Einzelteilen zurück! James, sag, daß ich eine blöde Kuh bin!“


„Auch wenn du dies so nicht gewollt hast und der Preis sehr hoch ist, kannst du nicht davon ausgehen, daß Nichtstun die bessere Alternative gewesen wäre. Möglicherweise hätte es das Leiden hinausgezögert. Und Savage ist in dem Moment gestorben, in dem er seine Seele dem Teufel verkauft hat. Genau wie dein Bruder. Tut mir leid, Fiona.“


Ich begrabe mein Gesicht in den Händen. Die Tränen kommen nicht, ich habe keine mehr. Seufzend stehe ich auf und nehme James bei der Hand. Ich brauche seine Unterstützung bei dem, was vor mir liegt. Wir schauen uns das Video im Büro von Jack an. Während er sie in den Videorecorder einlegt, nehme ich eine Bewegung von hinten wahr. Es ist mein Onkel, der in das Büro kommt und in der Tür stehenbleibt. Meinen Blick erwidert er mit einem tröstenden Lächeln.


Auf dem Video ist meine Mutter zu sehen. Sie sitzt in einem abgedunkelten Raum auf einem Stuhl. Jemand richtet einen Scheinwerfer auf sie, so daß sie blinzeln muß. Dann sagt eine mir unbekannte, männliche Stimme, daß sie sprechen soll.


„Hallo“, sagt sie zögernd. „Sie...sie halten mir eine Tafel hoch, auf der ihre Forderungen stehen. O mein Gott...tut mir leid, tut mir leid! Ich reiße mich zusammen... Also, sie haben folgende Forderungen:


1. Freilassung von Jay King Rollo.


2. Zehn Millionen US-Dollar Lösegeld, ausgezahlt in US-Dollar.


3. Einen aufgetankten Jumbo-Jet mit Piloten.


4. Und einen Geiseltausch. Fiona für uns...oh mein Gott, das könnt ihr nicht wollen!


Was tut ihr da?! Schon gut, wartet..! Ich bin auch wieder ganz ruhig... Also, was ich noch sagen muß, ist, was passiert, wenn ihr die Forderungen nicht erfüllt. Dann schneiden sie mir jede Stunde einen Finger ab. Wenn die Finger alle sind, dann geht es andes weiter. Ich weiß nicht, was sie dann machen wollen. Ich flehe euch an! Laßt das nicht zu!“


Weiter kommt sie nicht. Zwei Männer schieben sich ins Bild, halten sie auf dem Stuhl fest. Ein dritter kommt hinzu, er hält eine Astschere in der Hand. Er steht zwischen der Kamera und meiner Mutter, aber der grelle Schrei läßt keinen Zweifel daran, was er tut. Dann dreht er sich um und hält den dritten abgeschnittenen Finger in die Kamera.


Damit endet die Aufzeichnung.


James fängt mich auf. Diesmal dauert meine Ohnmacht nur Sekunden. Trotzdem muß ich mich setzen, denn meine Beine zittern und sind völlig kraftlos.


„Okay, Leute, ich möchte die Leute MD1 hinzuziehen“, sagt James. „Die sind fit in Kidnapping. Außerdem sollten die Befreier bereit stehen.“


„Ich bin dagegen“, erwidert Major Halliway. „Wir haben unsere eigenen Fachleute für sowas und brauchen nicht diese Pseudo-Eliteeinheit.“


„Aber nicht die Technik. Wenn Fiona überhaupt bereit ist, sich auf diesen Tauschhandel einzulassen, müssen wir sie gut verdrahten. Die Technik dafür hat der Geheimdienst in der ausgereiftesten Form. Und die Befreier sind darauf spezialisiert, auch unter schwierigen Umständen erfolgreich zu operieren. Wir können nicht wegen Kompetenzneid das Leben von Menschen aufs Spiel setzen!“


„Das ist kein Kompetenzneid“, entgegnet Major Halliway heftig. „ID5 verfügt selbst über die nötigen Ressourcen. Und wir kennen uns hier aus. Außerdem haben wir nicht soviel Zeit...“


„Wir haben Zeit genug“, mischt sich mein Onkel ruhig ein. „Fiona muß erst einmal zusehen, wie sie das Geld auftreibt. In der Zwischenzeit wird alles vorbereitet. Sie haben grünes Licht, Mr Flame. Major Halliway, ersparen Sie uns allen bitte eine zeitraubende Diskussion. Ihre Leute werden dadurch keineswegs überflüssig.“


Halliway nickt stumm, aber man sieht ihm an, daß er keineswegs überzeugt ist. James holt sein Handy hervor und telefoniert im Abseits. Ich gehe raus, raus aus dem Büro, raus aus dem Trakt, nach unten in die Kantine. Setze mich still in eine Ecke und rauche. Wo, zum Teufel, soll ich in wenigen Stunden 10 Millionen Dollar hernehmen? Hat mein Vater überhaupt soviel Geld?


Das Handy klingelt mit einer unbekannten Nummer. Ahnend, wer anruft, nehme ich an.


„Na, hat dir unser kleines Kunstwerk gefallen?“


„Das werde ich dir bei Gelegenheit in einem persönlichen Gespräch ausführlich erklären“, antworte ich mit einer Gefaßtheit, die mich selbst überrascht.


Von der anderen Seite kommt ein amüsiertes Lachen. „Du bist ein interessantes Mädchen, Fiona. Sowas kommt nicht oft vor. Ich freue mich schon ganz besonders auf unser Wiedersehen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß du deine Eltern einfach opfern würdest, oder?“


„Ich halte nichts von Opfern“, erwidere ich zweideutig.


„Gut. Ich melde mich bald wieder. Sieh zu, daß du das Geld besorgst.“


„Warte..!“ Es nützt nichts, er hat schon aufgelegt. Wütend rufe ich Jack an und frage ihn, ob der Anruf zurückverfolgt werden konnte.


Er verneint und fragt dann: „Wo bist du?“


„In der Kantine. Wieso?“


„Die MD-Leute schweben heran. Hast du dich schon um das Geld gekümmert?“


„Ich weiß nicht, wie.“


„Dein Freund schlägt vor, die Sekretärin deines Vaters zu fragen. Sie müßte eigentlich eine Idee dazu haben.“


„Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag! Ich werde sie anrufen.“


„Und komm wieder hoch. Wir müssen Lagebsprechung machen und dich verdrahten.“


„Jaja. Bis gleich.“


Der Anruf bei Irene Proster  sorgt für eine Überraschung. Sie erklärt mir, daß sie schon auf meinen Anruf wartete, denn mein Vater hätte für diesen Fall Instruktionen hinterlegt. Wohlwissend, daß er aufgrund seines Vermögens das Ziel von Erpressungen werden könnte, hätte er dafür gesorgt, daß einige Berechtigte, wie Familienangehörige, erfahren, wo sie Geld herbekommen können. Freundlicherweise verrät sie mir auch den Namen: Tyrone Carrwell.


Die Telefonnummer, die sie mir dazu auch liefert, ist gut organisiert. Keine Sekretärin, keine Automatenstimme, sondern ein kräftiger Baß: „Carrwell.“


„Mr Carrwell, hier spricht Fiona Carter. Ich habe diese Telefonnummer von der Sekretärin meines Vaters erhalten...“


„Ich verstehe, Miss Carter. Ich weiß, was dieser Anruf bedeutet. Sie verstehen sicherlich, daß ich sichergehen muß. Können Sie persönlich hier vorbei kommen?“


„Wenn Sie mir sagen, wo hier ist, ja.“


Er gibt mir also die Adresse, und ich verspreche, binnen einer Viertelstunde aufzukreuzen. Daß ich dieses Versprechen nicht halten kann, liegt nicht an mir, sondern an den neuen Leuten, denen ich mich in der Zentrale des Krisenstabs plötzlich gegenüber sehe.


James stellt mich ihnen vor und umgekehrt. „Fiona, das sind Mitglieder von MD1. Sie wissen Bescheid und haben auch Ausrüstung mitgebracht.“


„Ich weiß auch Bescheid“, erwidere ich. „Ich habe nur ein Gespräch mitgebracht. Ich fahre jetzt zu der Bank meines Vaters und besorge das Geld.“


„Sehr schön. Aber vorher verdrahten wir dich.“


„Hat das nicht Zeit bis später?“ erkundigt sich Laura.


„Nein“, erklärt Jack, „sie wird sich beeilen wollen, das Geld abzuliefern, um ihrer Mutter weitere Tortur zu ersparen. Also verdrahten wir sie jetzt, damit sie von der Bank aus das Geld wegbringen kann.“


„Genauso machen wir es“, bestätigt James und führt mich zu einem untersetzten Mann mit Glatze. „Fiona, das ist Jerry. Er ist ein Spitzenfachmann auf dem Gebiet der Verdrahtung.“


„Das war jetzt aber sehr salopp ausgedrückt, James“, erwidert Jerry grinsend. „Hallo, Fiona. Am besten fange ich direkt an. Die Leute, zu denen Sie gehen, rechnen sicherlich damit, daß Sie nicht alleine kommen. Wir müssen ihnen also was liefern, damit sie nicht den eigentlichen Schatz finden. Für diesen Zweck haben wir sowas zum Beispiel.“


Er reicht mit eine Halskette mit einem goldenen Anhänger in Form eines Adlers.


„Was ist damit?“


„Im Adlerkopf befindet sich eine Miniaturkamera. Ein Mikrofon gibt es ebenfalls, das steckt im Vogelkörper.“


„Und das alles in diesem kleinen Ding?“


„Die technische Entwicklung bleibt nicht stehen“, grinst James. „Leg es um, Fiona, bitte.“


Ich tu ihm den Gefallen.


„Jetzt zum wichtigeren Teil“, fährt Jerry fort. „Das Wichtigste ist, daß wir immer wissen, wo Sie sich befinden. GPS ist eine gute Wahl.“


„Prima. Wir können uns aber nicht darauf verlassen, daß sie aufhören zu suchen, bloß weil sie den Vogel hier finden.“


„Ganz genau. Wir müssen den Sender also so verstecken, daß er nicht gefunden wird. Darüberhinaus dürfen Sie ihn aber auch nicht leicht verlieren.“


„Und? Was ist die große Lösung?“


Jerry hält zwei kleine Gegenstände hoch.


„Ach?“ Ich mustere ihn verwirrt. „Ein Tampon und eine Pille?“


„Falsch. Ein Sender und ein Sender. Einmal zum Runterschlucken und einmal...naja, das ist wohl offensichtlich.“


„Und Männer? Kriegen die einen Katheter?“


„Wo steht es geschrieben, wo man einen Tampon nur einführen darf?“ erkundigt sich Jack lächelnd.


„Echt schade, daß sie nicht dich als neue Geisel angefordert haben“, murmele ich. „Na schön, und wie geht es weiter?“


„Du mußt dich entscheiden“, erklärt James sanft.


„Ich habe also die Wahl zwischen Durchfall und Menstruation?“


„So könnte man es formulieren.“


„Was macht das Ding denn in meinem Magen?“


„Nichts. Die Schutzhülle ist absolut resistent gegen Magensäure.“


„Und wie kommt es wieder raus?“


„Das ist der Nachteil an der Pille. Es ist eine Magenspülung nötig.“


„Na klasse. Darauf habe ich absolut keinen Bock.“


Jerry reicht mir grinsend den Tampon, und ich ziehe mich zurück auf die Toilette. Hätte ich meine Tage, käme ich nicht um die Magenspülung herum. Der Tampon, der gar keiner ist, ist nichts für Jungfrauen oder Frauen, die wenig Sex haben. Die hätten ihn ruhig auch eine Nummer kleiner machen können.


„Na, sitzt alles perfekt?“ feixt Jack.


„Hör zu, du Leutnant der Leutnants, mach dich nicht lustig über mich, okay? Komm, James, wir haben noch eine Verabredung!“


„Viel Glück, Fiona“, sagt Jack.


„Danke, Leute. Wir sehen uns.“


„Einen Augenblick noch!“ Jerry drückt mir eine Uhr in die Hand.


„Muß ich die auch irgendwo einführen?“


„Möglich ist es, entspräche aber nicht dem Verwendungszweck. Zuallererst ist es eine unauffällige Uhr. Vielleicht dürfen Sie sie behalten. Wenn Sie den Knopf rausziehen und gegen den Uhrzeigersinn siebenmal drehen und dann wieder reindrücken, kommt aus dieser unscheinbaren Öffnung hier an der unteren Seite eine Spezialsäure rausgespritzt. Sie hat auf organisches Material eine extrem verheerende Wirkung. Soll heißen, paar Tropfen auf die Stirn fressen ein Loch bis zum Kleinhirn. Also schön vorsichtig damit sein.“


Ich betrachte die Uhr mit gewachsenem Respekt. In der Hoffnung auf gute Verarbeitung von dem Gehäuse, lege ich sie um. Dann machen wir uns auf zur Bank.


 


Unterwegs klingelt das Handy.


Brodwich´ verhaßte Stimme dröhnt in meinem Kopf. „Na, hast du das Geld?“


„Hör zu, du Wichser, hast du eigentlich eine Ahnung, wie kompliziert es ist, mal eben 10 Millionen flüssig zu machen? Ich bin gerade auf dem Weg, es abzuholen, okay? Du könntest wenigstens so tun, als hättest du Anstand, und guten Willen zeigen.“


„Woran denkst du?“


„Quäl meine Mutter nicht. Sie kann nichts dafür, was geschehen ist. Mach meinetwegen mit mir, was du willst, aber verstümmel sie nicht weiter. Bitte...“


„Oh, hast du tatsächlich Bitte gesagt? Wau! Ich bin zutiefst beeindruckt von soviel Tochterliebe. Was soll ich bloß mit dir anfangen? Also schön. Wir haben jetzt kurz vor 14 Uhr. Ich lasse diesmal das Fingerabschneiden ausfallen. Wenn du aber nicht bis 15 Uhr bei uns bist, verliert sie dann zwei. Du sollst nicht sagen können, ich wäre ein Ungeheuer.“


„Danke“, flüstere ich, obwohl ich ihm am liebsten die Augen ausstechen würde.


„Keine Ursache. Denk daran, keine großen Scheine, keine Seriennummern und so weiter. Du kennst das.“


„Hast du spezielle Wünsche hinsichtlich der Farbe des Geldkoffers?“


„Schwarz wäre mir sehr angenehm. So, das reicht. Ich rufe dich in einer halben Stunde wieder an.“


„Hey, warte..!“ Aufgelegt.


Aufgeregt rufe ich Jack an, er soll rausfinden, ob sie die Karte orten konnten. Kurze Zeit später ruft er zurück.


„Sorry, das war nichts. Er scheint die SIM-Karte zu wechseln. Er benutzt jedes Mal eine neue. Die Verbindung ist nicht lange genug da gewesen.“


„Dieses Scheißkerl! Gnädigerweise verschiebt er die nächste Fingerabhackerei um eine Stunde. Ich muß mich sputen. Jack, ich melde mich, sobald ich das Geld habe.“


„In Ordnung. Viel Glück, Fiona.“


„Danke.“


Tyrone Carrwell ist ein großer Mann. Das gilt für jede der drei Dimensionen. Schätzungsweise wiegt er knapp 200 Kilo. Selbst der wirklich sehr massive und teure Chefsessel, in dem er hinter dem Schreibtisch thront, stöhnt und ächzt bei jeder seiner Bewegungen. Als ich eintrete, deutet er sogar Aufstehen an und küßt mir die Hand.


„Es tut mir außerordentlich leid, Miss Carter, daß wir uns unter so traurigen Umständen begegnen. Ihr Vater hat für einen solchen Fall vorgesorgt. Es gibt Sicherheiten, die eine gewisse Summe abdecken können. Darf ich erfahren, um wieviel Lösegeld es geht?“


„Die Kidnapper wollen 10 Millionen USD in nicht registrierten Scheinen. Möglichst klein.“


„Ich verstehe, Miss Carter. Nun, das dürfte kein Problem sein. Allerdings haben wir das Geld nicht hier, sondern in dem zentralen Bargeldlager. Mit dem Auto ist man etwa 20 Minuten unterwegs.“


„Dann sollten wir uns auf den Weg machen. Um 15 Uhr werden meiner Mutter zwei Finger abgeschnitten, wenn ich bis dahin nicht vorstellig geworden bin.“


„Das ist ja grausam! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es Menschen gibt, die zu sowas fähig sind!“


„Gibt es aber. Drei Finger habe ich schon per Post zugeschickt bekommen.“ Der dritte war angekommen, als wir losfuhren. Ich habe das Paket ungeöffnet Jack zugeworfen.


Der Bankdirektor fährt mit seinem S-Klasse Daimler vor, wir schleichen hinterher. Zumindest kommt es mir so vor, als würden wir schleichen. James wirft mir von der Seite seltsame Blicke zu, aber er sagt nichts. Auch nicht, als ein schwarzer Koffer vor unseren Augen mit dem Geld vollgepackt wird. Ich nehme den Koffer entgegen, nachdem ich die Empfangsbestätigung unterschrieben habe.


Erst als wir im Auto sitzen: „Und was jetzt?“


Ich zucke die Achseln. Es ist 14:37 Uhr. Eigentlich ist jetzt ein Anruf von Brodwich fällig.


Das Telefon klingelt.


„Hallo, Brodwich“, melde ich mich müde.


„Woher weißt du, daß ich es bin?“


„Wer sollte es sonst sein?“


„Na schön. Hast du das Geld?“


„Ja, habe ich. Also erzähl jetzt endlich, wie es weitergeht. An mir kann es nicht mehr liegen, wenn ich zu spät komme.“


„Mädchen, halt dich zurück. Ich bestimme immer noch, wo es lang geht, klar?“


„Dann bestimm doch.“


„Fahr zum Central Up und geh in die U-Bahn-Station. Warte dann auf weitere Instruktionen.“


Aufgelegt.


„Zum Central Up, James.“


James macht den Motor an und gibt Gas. Ich stelle erneut überrascht fest, daß außer mir auch noch andere schnell fahren können. Viertel vor drei hält James den Jaguar neben der Treppe zum Subway an. Ich atme tief durch. In meinem Magen rumort es.


„Irgendwas sagt mir, daß die nächsten Stunden oder Tage ziemlich scheiße sein werden“, sage ich leise.


„Leider kann ich dem nicht widersprechen“, erwidert James.


„Ist das deine Art, Trost zu spenden?“


Nur seine Augen lächeln, während er mit der rechten Hand durch meine kurzen Haare fährt. Die Hand bleibt an meiner Wange haften, der Daumen berührt meine Lippen.


„Ich liebe dich, Fiona Carter. Weil du so bist, wie du bist. Eine intelligente und mutige Wildkatze.“


„Genug der Nettigkeiten, sonst werde ich noch ganz rührselig.“


„Und deinen Zynismus liebe ich auch.“


„Dann liebst du also auch meine Verrücktheit? Prima!“ Ich beuge mich rüber und küsse ihn. „Wenn du, sofern ich lebend zurückkomme, nicht um meine Hand anhältst, mache ich Bungeejumping - ohne Seil!“


Ich lasse ihn völlig verdutzt im Wagen zurück und sprinte nach unten. 12 Minuten vor 15 Uhr. Das Telefon klingelt, und ich gehe hektisch ran.


„Bist du schon unten?“


„Ja, ich bin an der Station am Central Up.“


„Gut. Dann steige in die Linie 3 uptown. Nach zwei Stationen steigst du um in die Linie 1 stadteinwärts. Nach drei Haltestellen verläßt du den Zug und wartest auf weitere Instruktionen. Angekommen?"


„Klar und deutlich.“ Das hätte ich mir sparen können, er hört es sowieso nicht mehr.


Um 14:53 steige ich in die Linie 1 ein. Für die drei Haltestellen braucht der Zug fünf Minuten. Zwei Minuten vor drei komme ich an einer Haltestelle ein, die hoffentlich meine letzte sein wird. Sofort klingelt das Telefon.


„Du bist erstaunlich pünktlich, Fiona Carter“, sagt Brodwich spöttisch.


„Ihr könnt mich sehen?“


„Wir können mehr, als du mit deinem kleinen Hirn dir auch nur annähernd vorstellen kannst. Dreh dich nach links. Siehst du die Metalltür am Ende des Stegs?“


„Ja, ich sehe sie.“


„Sie ist nur angelehnt. Schließe sie hinter dir richtig.“


„Was ist mit meiner Mutter?“


„Was soll mit ihr sein? Du bist noch nicht bei uns.“


„Du verdammter Mistkerl!“ schreie ich, während ich bereits auf die Tür zulaufe. „Wenn du ihr noch mehr antust, verfüttere ich deine Eier an irgendwelche Straßenköter, ich schwöre es!“


Brodwich legt lachend auf. Die Tür fliegt beinahe aus den Angeln, so heftig stoße ich sie vor Wut auf. Dahinter wartet lediglich ein dunkler, dreckiger Gang. Die Tür sorgfältig zumachend, wandere ich dann den Wartungsgang entlang. Über mir ein Geräusch, als würde Stahl an Stahl reiben. Als ich hochschaue, sehe ich das grinsende Gesicht von Charles Brodwich.


„Worauf wartest du noch, Mädchen? Beweg deinen Arsch hier rauf!“


Ich klettere hoch und gelange in einen muffigen Kellerraum. Ein Königreich, wenn ich wüßte, wo ich eigentlich bin. Ich mustere mein Empfangskomitee. Charles Brodwich, beide Arme in Gips. Er sieht ziemlich clownenhaft aus. Daneben zwei Männer in schwarzen Overalls und mit Maschinenpistolen bewaffnet.


„Schmeiß deine Pistole auf den Boden!“ befiehlt Brodwich. „Aber vorsichtig rausziehen, es sei denn, du möchtest ausprobieren, wieviele Einschläge du noch bewußt mitkriegst.“


Ich ziehe die Pistole aus dem Halfter, mit Zeigefinger und Daumen am Griff haltend, werfe sie dann Brodwich vor die Füße. Er nickt und kommt näher. Dann holt er erstaunlich schnell aus und rammt mir seinen Unterarm in den Unterleib. Stöhnend sinke ich auf die Knie, den Geldkoffer fallen lassend.


„Macht sie fertig und räumt danach auf. Ich will sie gleich bei ihren Eltern sehen.“


Ich höre ihn rausgehen. Einer der beiden Männer richtet die Mündung seiner Waffe auf mich, der andere beginnt damit, mich zu treten und zu schlagen. Er ist ein Profi. Ich trage keine ernsthafte Verletzungen davon, aber höllische Schmerzen. Sie hören auf, als ich atemlos und würgend auf dem Boden liege, unfähig, vor Tränen etwas zu sehen.


In diesem jämmerlichen Zustand erblicken mich meine Eltern. Sie sitzen nebeneinander auf zwei Stühlen, mit Handschellen aneinander gefesselt. Die linke Hand meiner Mutter ist mit einem blutigen Tuch verbunden, nicht sehr professionell. Mein Vater wirkt allerdings auch nicht sehr frisch. Seine Lippen sind geschwollen, und eine Platzwunde über dem rechten Auge zeugt ebenfalls davon, daß er zumindest versucht hat, sich zu wehren.


„Hi“, keuche ich und richte mich stöhnend auf. „Ihr habt euch gut versteckt...“


„Was machst du hier?“ fragt mein Vater, doch nicht mit der gewohnten Schärfe. Er klingt eher nach echter Sorge.


Ich betrachte meine Mutter, die keinen einzigen Ton von sich gibt. Ihre Augen verraten, daß sie unter Schock steht.


„Ich habe den netten Leuten hier ihr Taschengeld mitgebracht. Ihr kommt bald hier raus.“


„Du opferst dich tatsächlich für uns?“ Mein Vater starrt mich ungläubig an.


Ich atme ein paar mal tief durch, um die Schmerzen in meiner Bauchgegend zu bekämpfen. Viel bringt es nicht, also unterdrücke ich die Schmerzen einfach. Ich hätte nicht gedacht, daß es so geht.


„Ich dachte mir, ich hole euch hier raus, dann schnappe ich mir diese Clowns und übergebe sie der Polizei. Danach gehen wir irgendwo fein Abend essen.“


„Du hast Phantasie, Mädchen“, stellt Brodwich lachend fest. Er steht an die Wand gelehnt. „Was glaubst du, warum ich dich habe so zusammenschlagen lassen? Mir ist bewußt, daß gegen dich Bruce Lee und Chuck Norris wie blutige Anfänger sind, schließlich habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie du neun schwere Jungs auseinander genommen hast.“


„Leider habe ich es versäumt, dir auch noch die Knie zu brechen.“


„Oh, du bringst mich da auf eine Idee, Mädchen. Aber noch nicht. Ich brauche dich noch. Und deine Eltern auch.“


„Wie meinst du das?“


„Du bist eine wertvolle Geisel, aber zusammen mit deinen Eltern bist du noch wertvoller.“


„Hey, warte mal! Das war nicht abgemacht! Meine Eltern sollten freigelassen werden, sobald ich hier bin!“


„Selbst schuld, wenn du mir geglaubt hast.“


Ich brauche eine knappe Sekunde, um das zu verdauen. Dann setze ich mich in Bewegung.


„Laßt sie am Leben!“ brüllt Brodwich, während er zurückspringt.


Die beiden Jungs stürzen sich auf mich. Ich erwische den ersten mit einem Seitwärtskick, aber ich bin fürchterlich langsam. Irgendwas explodiert an meiner Schläfe. Im Fallen realisiere ich, daß es der Kolben der Maschinenpistole vom anderen Kerl war. Der Aufprall auf dem Boden raubt mir den Atem, jedenfalls solange, wie der Kerl braucht, um mit dem Fuß auszuholen und in mein Gesicht zu treten. Kein Knochen kracht beim Zerbrechen, aber das Feuerwerk ist verdammt hell. Als die Helligkeit dem normalen Tageslicht weicht, finde ich mich seitlich auf dem Boden liegend wieder. Der Boden ist mit Blut besprenkelt. Vermutlich aus meiner Nase. Beim Versuch, mich mit den Händen hochzudrücken, wird mir bewußt, daß meine Hände gefesselt sind. Am Rücken.


„Durchsucht sie!“ befiehlt Brodwich kalt, neben meinem Kopf stehend. „Ich wette, sie ist verdrahtet. Selbst über eine Kamera würde ich mich nicht wundern. Seht auch in ihrer Wäsche nach!“


Ich lasse die Durchsuchung ohne Regung über mich ergehen. Nicht einmal als die Hose runtergezerrt wird, reagiere ich.


„Sie hat ihre Tage“, stellt einer der Kerle grinsend fest.


„Na und? Soll sie uns hier noch mehr vollbluten? Du sollst nach Mikrofonen und Ähnlichem suchen, nicht deine Gelüste ausleben!“


„Da kann ich auch etwas bieten!“ Der Junge reißt mir die Halskette runter und reicht sie seinem Herrn und Meister. Der schaut sich den Adler neugierig an und nickt dann anerkennend.


„Das ist gut. Die technische Ausrüstung unserer Polizei wird immer besser. Schade eigentlich.“ Er läßt die Minikamera fallen und zermanscht sie mit dem Absatz. „Zieh ihr die Hose wieder hoch. Wir haben noch viel vor.“


Ich setze mich vorsichtig auf. Mein Kopf hat viel Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Schlagzeugs. Bereits diese einfache, langsame Bewegung löst eine Serie von nicht angenehmen Empfindungen aus. Ich wische mit der Schulter Blut von meinem Mund, um überhaupt sprechen zu können.


„Vor ein paar Tagen wachte ich noch als ein Mädchen auf, das manche Männer als hübsch bezeichnet haben. Damit ist es wohl jetzt vorbei.“


„Unglaublich!“ Brodwich schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich mag deine Art. Steh auf, du mußt telefonieren!“


„Telefonieren?“


Einer der Kerle packt meine Haare und zieht mich hoch.


„Du mußt den Negotiator anrufen, damit die guten Jungs erfahren, daß du mit dem Geld hier bei uns angekommen bist. Außerdem will ich wissen, ob das Flugzeug bereit steht. Und vergiß nicht, dich nach dem Befinden von Jay zu erkundigen.“


„Du kannst mich am Arsch lecken, Brodwich“, erwidere ich, dann schreie ich auf, denn es tut höllisch weh, als an meinen Haaren gezerrt wird.


„Ich werde darüber zu einem späteren Zeitpunkt nachdenken. Da du offensichtlich wenig Respekt vor deinem eigenen Körper hast und Schmerzen einfach ignorieren kannst, werden wir entsprechende Fähigkeiten deiner Mutter prüfen...“


„Schon gut“, sage ich zähneknirschend und mit geschlossenen Augen. „Laßt meine Mutter in Ruhe, ich werde alles tun, was ihr wollt!“


„Das hört sich schon besser an. Gebt ihr ein Telefon...oh, ich vergaß! Dann wählt mal!“


„Barker“, meldet sich der Unterhändler.


„Fiona Carter. Hören Sie gut zu, Mann. Ich habe das Geld übergebracht. Ist das Flugzeug bereit?“


„Es wird gerade vollgetankt. Wie geht es Ihren Eltern?“


„Den Umständen entsprechend. Ich habe keine Zeit für Romane. Wie steht es mit der Freilassung von Rollo?“


„Er ist bereits auf dem Weg zum Flughafen. Seine Freunde können ihn dort in die Arme schließen.“


„Na, dann ist ja alles bestens. Ich werde seinen Freunden die frohe Kunde überbringen...hey, ich habe mich nicht verabschiedet!“


Der Kerl steckt grinsend das Handy weg und verpaßt mir eine kräftige Ohrfeige. Nur mit Mühe schaffe ich es, auf den Beinen zu bleiben.


„Danke“, sage ich dann, die Lippen leckend. „Das habe ich gebraucht!“


Brodwich schnaubt. „Unglaublich. Was muß man tun, um dich kleinzukriegen?“


„Wenn du dich in den Arsch ficken läßt, verrate ich es dir - vielleicht.“


„Auch gut. Schafft sie und ihre Eltern in eine Zelle, bis wir mit den Vorbereitungen fertig sind.“


„Aber gern!“ Der Kerl, nicht arm an Ideen, nutzt diesmal sein Knie. Der Stoß in die Magengrube läßt mich zusammenklappen. Er zieht mich an den Haaren hinaus. Ich schaffe es zwar, auf die Füße zu kommen, aber nicht lange. So stolpere ich hinter ihm her, hauptsächlich damit beschäftigt, das Gleichgewicht nicht völlig zu verlieren. Trotzdem bekomme ich mit, wie wir an diversen Zellen, die durch schwere Metalltüren gesichert sind, vorbei kommen. Die kurze Wanderung endet in einer davon. Mein bester Freund schleudert mich gegen die Wand. Ich sacke nach unten, aus den Augenwinkeln meine Eltern rein kommen sehend.


„Wartet!“ krächze ich. „Beantwortet mir wenigstens eine Frage!“


„Was ist?“


„Die Zellen...wer ist darin?“


„Kannst du dir das nicht denken?“


„Die Kinder?“


„Du solltest in einer Quizshow auftreten, würdest garantiert gewinnen.“


„Was wird mit ihnen?“


„Das ist die zweite Frage, aber ich will mal nicht so sein. Im Büro warten ein paar Kanister, gefüllt mit Benzin, auf das Feuerchen, das urplötzlich entstehen wird, nachdem wir weg sind. Keine Zeugen, gute Zeugen.“


„Wenn du schon so auskunftsfreudig bist, sagst du mir noch, wie ich dich nennen soll?“


„Terminator.“


Mit einem dumpfen Knall schließt sich die Tür. Ich presse meine Stirn gegen die Wand und flenne los. Meine Mutter nimmt mich in die Arme, streichelt tröstend meinen Kopf. Ich drücke mich an sie, zwinge mich, das Heulen aufzuhören. Es ist noch lange nicht vorbei. Und ich muß mir etwas einfallen lassen, wie ich die Kinder vor dem Gegrilltwerden retten kann.


„Was machst du nur, Kind“, seufzt meine Mutter. „Warum reizt du diesen Mann noch so? Wie bist du nur soweit gekommen?“


„Sieh mich an! Sehe ich aus wie deine Tochter? Das ist wohl eher ein Zombie, oder? In dem Augenblick, als diese Scheißkarre meinen Bruder zermatscht hat, veränderte sich diese Welt unwiderruflich für mich. Ich wußte es da bloß noch nicht. Seitdem habe ich Menschen getötet, geschlagen, verhört. Und jetzt sitze ich hier, durchgeprügelt und sollte eigentlich am Boden zerstört sein. Stattdessen denke ich nur darüber nach, wie ich diese Kinder retten kann. Bin ich noch ganz dicht? Ich liefere mir einen Psychokrieg mit einem durchgeknallten Psychopathen und weiß gar nicht mal sicher, wer die größere Psychose hat, er oder ich. Tu mir einen Gefallen, Mama, frag mich bloß nicht, wie ich soweit gekommen bin, okay? Nimm es einfach hin, daß ich einige sehr seltsame Dinge tun werde.“


„Aber diese Verletzungen, diese Schmerzen...“ Sie streichelt mein Gesicht, berührt die Narbe an der Wange. Ich verkneife es mir, sie auf ihre eigenen Verletzungen anzusprechen. Vielleicht merkt sie diese ja gar nicht.


„Du hast es doch gehört“, knurrt mein Vater. „Deine Tochter ist ja richtig hart im Nehmen! Wo selbst die meisten Männer schon um Gnade bitten, legt sie noch eins drauf. Ja, richtig hart ist sie. Wie eine weibliche Mischung aus Rocky und Rambo. Nur viel Weibliches kann ich an ihr nicht mehr entdecken.“


„Sei nicht so grausam, Jason. Vergiß nicht, sie ist nur hier, weil sie bereit war, sich für uns zu opfern!“


„Das stimmt. Entschuldige bitte, Barbara. Ich glaube, ich bin etwas gereizt nach alldem hier. Also gut, Fiona, was geschieht als nächstes?“


Ups! Was ist denn mit dem los? Offensichtlich bereut er bereits wieder, was er vorhin vom Stapel gelassen hat. Naja, mir kann es nur recht sein, wenn ich vernünftig mit ihm reden kann.


Ich rappele mich auf und beginne, in der kleinen Zelle auf und ab zu gehen. Zum Glück ist die Zelle nicht zu klein.


„Wir werden irgendwann in den nächsten Stunden zum Flughafen fahren. Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, daß ihr vorher schon freigelassen werdet. Das war leider ein Schuss in den Ofen. Ich werde mir also etwas einfallen lassen müssen.“


„Und was hast du gedacht, was sie mit dir vorhaben, als du dich auf diesen Wahnsinn eingelassen hast?“


„Nichts Gutes.“ Ich schaue ihn an, dann zwinge ich ein schief geratenes Grinsen auf mein Gesicht. Wahrscheinlich bekomme ich dadurch Ähnlichkeit mit dem Glöckner von Notre Dame.


„Hast du dem einen Kerl die Ellbogen zertrümmert?“


„Leider habe ich nicht mehr kaputt gemacht. Damals habe ich nicht gewußt, wer er wirklich ist, das ist meine einzige Entschuldigung.“


„Er hat nicht vor, dich gehen zu lassen“, stellt meine Mutter mit einer erschreckenden Nüchternheit fest.


„Davon gehe ich aus. Vielleicht darf ich in zehntausend Meter Höhe aussteigen. Ohne Fallschirm.“


„Was tust du da eigentlich?“ erkundigt sich mein Vater, mein Treiben irritiert beobachtend.


„Ich male. Buchstaben. Worte. Sätze.“


„Und für wen?“


„Für denjenigen, der am Monitor sitzt und meine Position verfolgt. Ich hoffe inständig, daß die Ortsbestimmung wirklich so exakt ist, wie die behaupten, sonst erkennen sie nichts. Und einer muß auch noch darauf kommen, daß ich gerade eine Nachricht übermittle.“


„Du hast einen Sender bei dir?“


„Nicht an mir. In mir.“


„In dir?“


„Hey, Dad, sei nicht so phantasielos! Ich bin trotz allem eine echte Frau, okay?“


„Ich...äh, ich glaube, ich weiß, was du meinst...“


Ich gehe meine Nachricht ab. Sie werden verbrennen. Rettet Kinder. Jeden Buchstaben wiederhole ich zweimal. Es werden wohl keine Idioten sein, die mich beobachten. Hoffentlich nicht. Oh Gott, wenn die Kinder so grausam sterben müssen! Scheiße, Fiona, konzentrier dich lieber darauf, was du tust! Denk an nichts anderes als daran. Dich ausruhen oder deine Wunden lecken kannst du auch später. Du hast schließlich ziemlich genau gewußt, was dich erwarten wird, oder? Außerdem möchtest du bald Hochzeit feiern, dann mußt du dich wirklich konzentrieren.


Ich schaffe es gerade noch, den letzten Buchstaben einmal zu gehen, da wird die Tür aufgerissen. Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Jungs eskortieren den Terminator. Er kommt auf mich zu, drückt mich, am Hals gepackt, gegen die Wand. Seine freie Hand umschließt meine Brust und drückt fest zu. Ein Zucken der Augenlider ist die einzige Reaktion, die ich mir leiste.


„Du bist nicht so verweichlicht wie andere Mädchen in deinem Alter“, sagt der Terminator. „Das gefällt mir. Ich glaube, wir werden viel Spaß miteinander haben.“


„Das kann ich dir versprechen“, erwidere ich zähneknirschend.


„Nicht so voreilig!“ Er rammt mir sein Knie in den Unterleib. Während ich mich nach Luft schnappend krümme, verbindet er mir die Augen mit einem schwarzen Tuch. „Zur Sicherheit. Blinde Löwinnen sind weniger gefährlich. Außerdem hat deine Mutter noch einige Finger, die wir ihr abschneiden könnten.“


„Mach nur weiter so“, erwidere ich keuchend, „irgendwann werde ich dir dann in die Fresse kotzen!“


Er packt meine Haare und reißt meinen Kopf hoch. „Wenn du das tust, frißt du Scheiße. Echte Scheiße.“


„Aber bitte mit Knoblauch...aua!“


„Fiona!“ schreit meine Mutter. „Hör bitte auf damit, ihn zu reizen!“


„Genau, Fiona, hör auf deine Mutter. Obwohl ich zugeben muß, daß es mir riesig viel Spaß macht, diese Sachen mit dir zu machen.“


„Fein“, erwidere ich, die Bitte meiner Mutter ignorierend. „Es wird auch mir Spaß machen, jede Lektion mit dir durchzuexerzieren.“


„Du hältst wohl nie das Maul? Soll ich dir die Zunge rausreißen?“


„Und dich damit des Vergnügens berauben, mit mir feuchte Zungenküsse auszutauschen? Mach dich doch nicht lächerlich!“


„Ach ja? Glaubst du ernsthaft, ich riskiere es, daß du mir die Zunge abbeißt, Hexe?“


„Der Trick war wohl nicht besonders gut, nicht wahr? Schade eigentlich...“


„Ja, schade eigentlich. Gehen wir!“


Eine kräftige Hand packt meinen Oberarm und führt mich. Unsere Schritte klingen hohl auf dem Korridor. Dann geht es eine Treppe rauf. Ich rieche, daß die Luft frischer wird. Ein leichter Wind berührt meine Haut. Weitere Männer stoßen dazu. Daß es Männer sind, erkenne ich an ihrem Geruch und an ihren harten Schritten. Hinter mir gehen meine Eltern. Ich rieche die Angst, höre ihren stoßweise Atem. Dann kommen wir ins Freie. Wir steigen in einen Van, trotzdem stoße ich mir den Kopf und lasse mich fluchend auf den Sitz sinken. Im Hintergrund lacht jemand.


Die Fahrt dauert etwa eine Viertelstunde. Jemand tritt an das Auto heran.


„Fahren Sie dem weißen Wagen hinterher, er führt Sie zum richtigen Flugzeug“, sagt eine männliche Stimme.


„In Ordnung. Keine Dummheiten, sonst sind die Geiseln tot!“ Wie zur Bekräftigung spüre ich plötzlich die kalte Mündung einer Waffe am Hals.


„Schon gut“, sagt beschwichtigend der fremde Mann, vermutlich ein Polizist. „Wir werden nichts unternehmen, wenn Ihr vernünftig seid.“


„Ihr seid nicht in der Position, Forderungen zu stellen!“ erwidert Brodwich.


„Doch. Wenn Ihr den Geiseln was antut, verliert ihr euer Schutzschild, und dann Gnade euch Gott. Also spielt lieber nicht mit dem Feuer.“


„Vielen Dank für den guten Rat“, sagt Brodwich sarkastisch. „Und jetzt trete zur Seite!“


Der Van setzt sich wieder in Fahrt, nur der Fahrbahnbelag ändert sich. Offensichtlich sind wir auf dem Rollfeld des internationalen Flughafens, auf dem Weg zum Fluchtflugzeug. Die Bestätigung dafür erhalte ich beim Aussteigen. Die Motoren des Flugzeugs laufen bereits. Ich stolpere die Treppe rauf, und erst drinnen kriege ich die Augenbinde abgenommen.


Es herrscht die typische Düsternis in Großraumflugzeugen. Zwei Gänge, in der Mitte drei Sitzplätze, an den Fenstern zwei. Außer uns keine weiteren Fluggäste, was nicht weiter erstaunlich ist. Aber auch keine Flugbegleiterinnen. Nur zwei Piloten, die bereits im Cockpit sitzen.


„Die Alten setzen sich hin und schnallen sich an!“ befiehlt Brodwich. „Dann fesselt sie aneinander. Rechte Hand an rechte Hand und so weiter.“


Während die Anweisung ausgeführt wird, schaue ich mich weiter um. Es gibt nichts Ungewöhnliches zu sehen, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen, daß eine Regierung wie die von Newope Kidnapper wie diese einfach ziehen läßt. Außerdem spüre ich es einfach, daß da noch was kommen muss.


„Die Piloten sagen, daß die Maschine in einer Viertelstunde bereit sein wird“, meldet einer der Kerle.


Zusammen mit Brodwich besteht die Bande der Kidnapper aus acht Männern, die alle in schwarz gekleidet und mit Pistolen bewaffnet sind. Einige mustern mich mit unverhohlener Begierde, die auch Brodwich nicht entgeht. Er grinst, doch da ist keine Freude, keine Fröhlichkeit in seinen Augen. Er kommt näher, bis unsere Gesichter sich beinah berühren.


„Dann haben wir ja noch etwas Zeit, nicht wahr? Die sollten wir auch nutzen. Okay, drei Leute schieben Wache, die anderen können mit ihr machen, was sie wollen. Außer umbringen, natürlich.“


Es ist ein Gefühl, als wäre plötzlich gähnende Leere im Kopf. Gleichzeitig geht ein unterirdisches, kaum spürbares Rumoren vom Magen aus. Die Beine werden weich, Hitzewellen steigen hoch, bedingt durch den plötzlichen Adrenalinanstieg im Blut. Nur dumpf höre ich das Gröllen der Männer, die mich in der Nähe meiner Eltern zu Boden reißen. Da meine Hände gefesselt sind, wird das T-Shirt einfach zerrissen. Die anderen Kerle sind damit beschäftigt, mir Schuhe, Jeans und Schlüpfer auszuziehen. Dann erinnern sie sich wieder daran, daß ich meine Tage habe. Ein Hindernis ist das für sie nicht. Einer von ihnen reißt brutal den Tampon raus und hält ihn erstaunt hoch.


„Das Ding hat ja eine unglaubliche Saugkraft!“ stellt er fest.


„Zeig mal her!“ Der Terminator untersucht den Tampon, nicht ohne vorher daran zu riechen. „Hm...ich freue mich schon auf deine Muschi, Mädchen. Aber erst mal dieses Ding hier...ich würde sagen, daß ist sowas wie ein GPS-Sender in Miniatur. Das habt ihr ja richtig schlau eingefädelt! Aber jetzt ist es Geschichte.“ Er läßt den Sender fallen und zermatscht ihn mit dem Absatz. „Aber der Trick war wirklich gut. Erst serviert ihr uns eine Kamera, die wir finden sollen, und den wirklich kritischen Teil versteckt ihr einfach in deinem Körper. Klasse. Aber es wird dir gar nichts helfen. Zur Belohnung werde ich der erste sein, der dich fickt. Wie gefällt dir das?“


„Ist dein Schwanz denn groß genug, daß ich ihn spüren werde?“


„Ich denke schon.“ Er packt ihn aus, und ich muß unwillkürlich schlucken. „Die Kinder haben mich geliebt, Schätzchen. Mann, sie haben vielleicht geschrien, wenn ich sie zum ersten Mal...“


„Genug!“ brülle ich wütend und versuche, mich aufzurichten. Ich werde an den Haaren zurückgezogen und festgehalten. Mit der anderen Hand packt der Kerl meinen Hals, zwei andere Männer halten meine Beine gespreizt fest.


Ich gebe meinen nutzlosen Widerstand auf. Er führt nur dazu, daß ich mich verspanne, und das würde die nächsten Minuten unnötig schmerzhaft machen. Sie werden so schon mehr als hart sein.


Terminator ist über mir. Er verzieht das Gesicht vor Entzücken, während er eindringt. Ich brauche meine gesamte Willenskraft, um keine Regung zu zeigen. Doch den größten Schmerz empfinde ich nicht im Unterleib. Er kommt, als mir plötzlich mit grausamer Klarheit bewußt wird, daß ich gerade vergewaltigt werde. Ich! Ich, die bisher Männer ausgelacht hat, wenn ihre Augen vor Geilheit fast rausfielen, ich, die alle Männer an die Wand geklatscht hat, wenn sie aufdringlich wurden, ich liege nackt im Flugzeug zwischen der Sitzreihe am Fenster und der mittleren Sitzreihe und werde vergewaltigt, kaum drei Meter von meinen Eltern entfernt.


„Endlich eine Regung“, sagt Terminator, dessen Gesicht sich genau über meinem befindet, und der mich genau beobachtet. „Ist dir etwa klargeworden, in welcher Lage du dich befindest?“


Es kostet viel Kraft, nicht einfach zu schreien und zu weinen, sondern eine passende Antwort zu geben: „Du wilderst ja nicht in unentdeckten Gärten, Schlappschwanz, aber die wenigsten brauchen so lange. Und auf die Größe brauchst du dir soviel auch nicht einzubilden. Glaubst du, ich lasse mich freiwillig mit Nieten ein?“


Terminator schnaubt. „Alle Achtung, Mädchen. Fast schon schade, daß du auf der falschen Seite stehst. Und jetzt entschuldige mich, ich muß eben in dir kommen.“


Ich beobachte ihn dabei. Er schließt die Augen wie alle Männer. Seine Gesichtszüge entgleisen ihm, sein Unterleib klatscht wild gegen meinen. Es tut höllisch weh. Vor allem werde ich dabei mit seinem ganzen Gewicht auf meine Arme gedrückt. Als er fertig ist, öffnet er wieder seine Augen und grinst.


„Bist du auch gekommen?“


„Du bist ein Vollidiot“, kläre ich ihn auf, kann aber nicht verhindern, daß meine Augen sich mit Tränen füllen.


„Hey, du leistest dir ja eine Schwäche! Na schön, ich will dich nicht länger blockieren. Der Nächste, bitte!“


Als der vierte Kerl in mich eindringt, verliere ich die Beherrschung. Sein Stöhnen geht unter in meinem Geheul, zumindest für mich. Der Griff um meinen Hals wird fester, so daß ich doppelt um Atem ringen muß. Als dann endlich auch dieser Kerl von mir steigt, drehe ich mich auf die Seite, die Beine angezogen, von Weinkrämpfen geschüttelt.


„Laßt sie da liegen!“ befiehlt der Terminator. „Ich wollte schon immer bei einem Start im Cockpit sein!“


Ich bleibe allein.


Meine Augen brennen, vielleicht noch mehr als mein Unterleib. Und ich bin froh über meinen halbwegs vernünftig proportionierten Körper und über meine langen Beine. Denn dadurch sind meine Arme im Verhältnis zum Oberkörper relativ lang. Mein Schluchzen wird leiser, hauptsächlich auch, weil ich mich darauf konzentriere, die Hände nach vorne zu bekommen. Mit einiger Mühe gelingt es mir aber, und damit habe ich einen entscheidenden Vorteil gegenüber meiner Situation vor wenigen Minuten.


Ich werfe einen kurzen Blick von unten auf meine Eltern und bedeute ihnen mit dem Zeigefinger am Mund, daß sie sich still verhalten sollen. Dann robbe ich auf allen Vieren auf das Cockpit zu.


Acht Männer, wobei einer von ihnen im Kampf nicht ins Gewicht fällt. Aber es wird trotzdem heftig werden. Sehr, sehr heftig.


Mein Freund Rollo ist auch da, ich kann ihn hören. Offenbar gibt es Streit mit dem Tower, der die Starterlaubnis verzögert. Rollo droht damit, meiner Mutter die ganze Hand abzuhacken. Bis auf einen sind alle Kerle in und vor dem Cockpit versammelt. Dieser eine steht vor den Business Class-Sitzen, die Pistole locker in der Hand haltend. Er konzentriert sich so sehr auf das Gespräch mit dem Tower, daß er nichts von dem drohenden Unheil mitkriegt.


Lautlos streife ich die Uhr ab und aktiviere den Spritzmechanismus. Ich kann nur hoffen, daß das Ding wirklich funktioniert. Eine Wiederholfunktion gibt es nicht, schon mal gar nicht mit einer Kugel im Kopf. Ich bin erstaunlich ruhig. Mein Puls ist normal, meine Hände zittern kein bißchen, die Gedanken sind glasklar. Ich sollte über einen Berufswechsel nachdenken.


Zwischen mir und dem Bewacher gibt es etwa zwei Meter, die ich nicht unbemerkt überwinden kann. Wenn ich Pech habe, ist er mit der Pistole schneller als ich mit der Uhr. Im Moment schaut er nicht in meine Richtung. Ich richte mich schnell auf, ziele mit der Uhr auf seine Kehle und drücke ab. Ein dünner Strahl kommt aus der Spritzöffnung heraus geschossen, überwindet die Distanz bis zu dem Kerl und trifft dann seinen Hals etwas oberhalb des Adamsapfels.


Die Hand des Kerls mit der Pistole sinkt wieder hinunter, die Waffe entgleitet seinen Fingern. Aus dem aufgerissenen Mund kommt kein Laut. Dort, wo sich vorhin noch sein Hals befand, klafft jetzt ein etwa faustgroßes Loch. Ich zwinge mich, meinen Blick abzuwenden, stoße den Kerl gegen die Wand, mit der gleichen Bewegung die Pistole an mich raffend.


Der Rest geschieht unglaublich schnell.


Aus dem Cockpit kommt der Terminator angeschossen. Ich bücke mich während des Feuerns. Die Kugel reißt ihm das halbe Gesicht weg. Weitere Schüsse erklingen aus dem Cockpit, jemand schreit vor Schmerzen. Ich hechte nach links, so daß ich das Cockpit endlich einsehen kann. Einer der Piloten hängt über dem Steuerknüppel, der andere jagt gerade mehrere Kugeln in den ihm am nächsten stehenden Kidnapper. Ich erblicke Rollo. Seine Waffe hebt sich, die Mündung in meine Richtung weisend. Dann verteilt sich seine Gehirnmasse auf der Windschutzscheibe. Mit Brodwich zusammen sind noch vier über. Einer von ihnen hält bereits seine Pistole auf mich gerichtet. Ich springe zur Seite, auf die Wand zur Toilette hin, gleichzeitig schieße ich. Etwas trifft mich hart in Brusthöhe und läßt mich das Gleichgewicht verlieren. Auch mein Duellgegner geht in die Knie, gleich von zwei Kugel getroffen.


„Raus hier!“ schreit Brodwich. „Sie sind im Anmarsch!“


Mein Versuch, ihnen hinterher zu schießen, scheitert an Kraftlosigkeit. Aber sie kommen nicht weit. Offenbar werden sie draußen bereits erwartet. Ganze Schußserien erklingen, und die Schmerzensschreie zeugen davon, daß auch Brodwich nicht entkommen kann.


Ich lasse meine Waffe los und taste meine linke Seite in Brusthöhe ab. Die Finger färben sich rot. Das ist übel. Ich hatte nicht vor, heute schon zu sterben. Dabei ist es ein schöner Tag. Ich ertaste die Schußwunde, ohne daß ich Schmerzen fühle. Ich glaube nicht, daß das ein gutes Zeichen ist. Ich probiere, ob ich aufstehen kann, doch das führt nur dazu, daß rasender Schmerz plötzlich durch meinen Brustkorb schießt. Aufstöhnend lasse ich mich ganz fallen und beschließe, für den Rest meines Lebens hier liegen zu bleiben.


Aus dem Cockpit kommt der überlebende Pilot, seine Pistole in der Hand haltend. Er vergewissert sich, daß der Kerl, der mich erwischt hat, wirklich tot ist. Die zweite Kugel, die dem Kerl die halbe Seite weggerissen hat, stammte aus der Pistole, die der Pilot krampfhaft festhält. Er kniet sich neben mir nieder.


„Ich bin Polizeibeamter“, sagt er. „Haben Sie Schmerzen?“


„Mir geht es bestens“, erwidere ich keuchend. „Wieso fragen Sie?“


Er kommt nicht zu einer Antwort, denn das Flugzeug wird von maskierten Männern gestürmt. Innerhalb weniger Minuten haben sie es komplett durchsucht und melden an die Zentrale, daß die Luft rein ist. Dann tritt einer von ihnen zu uns und mustert mich. Schließlich spricht er in sein Mikrofon: "Sechs Tote, einer davon ist von uns. Außerdem ist Fiona Carter schwerverletzt. Sie hat eine Schußverletzung. Die Kugel hat möglicherweise die Lunge durchbohrt.“


„Das...das ist unwahrscheinlich“, widerspreche ich, mühsam das heftige Würgegefühl unterdrückend, das sich Bahn brechen will. „Dann würde ich Blut spucken.“


„Sie ist zumindest bei Bewußtsein und stellt Diagnosen“, fügt der Befreier hinzu, denn zu dieser Eliteeinheit gehört der Maskierte.


„Kümmert sich jemand auch um meine Eltern?“ erkundige ich mich.


„Selbstverständlich. Ihre Mutter hat einen Schwächeanfall erlitten, Ihr Vater kümmert sich um sie. Was können wir für Sie tun?“ In der Zwischenzeit hat ein anderer Befreier eine Decke besorgt und auf mich gelegt.


„Wie wäre es damit, die Kugel rauszuoperieren?“


„Das sollten wir vielleicht den Fachleuten überlassen.“


Jemand kommt mit einem Erste-Hilfe-Kasten an, holt Mullbinde raus, schneidet ein viereckiges Stück ab und legt es auf meine Wunde. „Pressen!“ befiehlt er, meine Hand dagegen drückend.


„Behandelt ihr angeschossene Frauen eigentlich immer so behutsam?“ will ich wissen, da ich sonst ja doch nichts zu tun habe.


Der Maskierte, der zuerst zu mir gekommen ist und der Truppenführer zu sein scheint, schüttelt den Kopf. „Normalerweise nicht. Aber normalerweise haben angeschossene Frauen nicht vorher vier Schwerkriminelle erschossen beziehungsweise verätzt und sich überhaupt sehr tapfer verhalten. Sie sind eine ungewöhnliche Frau, Fiona.“


„Heute ist vielleicht doch mein Glückstag“, murmele ich. „Ich werde von einem Elitepolizisten gelobt. Das glaubt mir keiner!“


Der Befreier schmunzelt unter seiner Maske. „Da kommt der Arzt und jemand, den Sie wahrscheinlich kennen...“


Ich verrenke mir fast den Hals, trotzdem kann ich beide erst sehen, als die Sitzreihen nicht mehr zwischen uns sind. Beim Anblick von James wird mir warm ums Herz. Er hockt sich neben mir nieder und streichelt mein Gesicht.


„Hallo“, begrüße ich ihn. „Ich habe Flugangst, deshalb habe ich verhindert, daß die Maschine abhebt.“


„Du bist verrückt.“


„Stimmt. Hast du die Ringe dabei?“


„Ringe?“


Ich seufze. „Also muß ich Bungejumping machen, ohne Seil.“


„Warte, warte! Ich habe es nicht vergessen! Aber irgendwie hatte ich keine Zeit, Ringe kaufen zu gehen, tut mir leid. Ich verspreche, wir werden es schnellstmöglich nachholen!“


„Wirklich?“


„Ja, wirklich...“


„Ich störe nur ungern diese herzergreifende Romanze“, unterbricht uns der Arzt. „Aber sie muß dringend medizinisch versorgt werden. Zum Glück hat die Kugel keinen wirklich großen Schaden angerichtet, aber es war nur eine Frage von Millimetern. Außerdem hat sie etliche Prellungen. Ganz abgesehen von der Vergewaltigung.“


„Woher wißt ihr das?“


„Wir haben Kameras installiert. Deswegen waren die Befreier auch so schnell da und konnten die Flucht der Überlebenden verhindern.“


„Naja, das hörte sich nicht so an, als wenn sie wirklich Überlebende wären...“


„Jetzt sind sie es auch nicht mehr“, sagt der Anführer der Befreier.


„Nehmen Sie die Pille?“ fragt der Arzt, während er eine Spritze aufzieht.


„Ja. Was ist das?“


„Ein Beruhigungsmittel. Ihr Herz klopft wie verrückt. Merken Sie es gar nicht?“


„Nicht wirklich...“


„Das ist der Schock. Okay, das wird etwas pieksen. - So, das wars. Hat es weh getan?“


„Was?“


Der Arzt grinst. „Ihre Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, ist bewundernswert. Aber nicht mehr nötig. Gut. Sie kommen gleich in ein Krankenhaus und werden operiert. Der Krankenwagen kann jeden Moment da sein.“


Er ist bereits da. James hält meine Hand fest, während ich auf eine Trage verladen und nach draußen gebracht werde. Und dann verlasse ich mit Blaulicht und Sirene den Flughafen, ohne davon etwas gesehen zu haben. Schweinerei.


Aber wenn ich ehrlich sein soll, habe ich jetzt nur noch einen einzigen Wunsch: Ganz viel zu schlafen!


 


Soweit die erste Hälfte des Romans.


 


Der ganze Roman ist bei Amazon als Kindle oder in der Printversion erhältlich, außerdem im Buchhandel.


 


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