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Es war wieder einer der nervigen Arbeitstage für Max Finder gewesen.
Er war inzwischen 29 Jahre alt und kannte dieses Phänomen nur zu gut.
Sein Leben schwankte stets irgendwie zwischen erträglich und unerträglich.
Über den Spruch: »Jung, dynamisch, erfolglos« konnte er
schon lange nicht mehr lachen, denn er traf allzu oft auf ihn zu.
Er war für seine Firma, eine kleine Spedition, unterwegs. Sie gehörte
seinem Freund Gerd. Er selbst besaß nur einen kleinen Anteil. Das Unternehmen
hielt sich nur mit Mühe und Not am Leben. Gerade heute
hatte er wieder eine Abfuhr bei einem Kunden in Ludwigslust einstecken
müssen. Zwar hatte ihn der Chef des Unternehmens, welches er
vor wenigen Stunden besucht hatte, ein aalglatter und gewienerter Typ
in dunkelgrauem Anzug, freundlich lächelnd verabschiedet und ihm
versichert, ihn bei der anstehenden Auftragsvergabe auf alle Fälle zu
berücksichtigen, aber er war erfahren genug, um zu wissen, dass er nie
auch nur einen Auftrag erhalten würde.
Dies ging ihm durch den Kopf, als er mit seinem altersschwachen,
dunkelgrauen Passat kurz nach Mitternacht auf der B5 Richtung Berlin
fuhr. Es war Vorsicht angesagt, denn die kalte Novembernacht war nebelverhangen.
Der Asphalt schimmerte matt im Scheinwerferlicht. Die
Straße war um diese nachtschlafende Zeit wie ausgestorben. Schon seit
Perleberg war er keinem anderen Verkehrsteilnehmer mehr begegnet.
Die Situation war gespenstisch. Sein Fahrzeug fuhr wie gedämpft durch
die diffusen Nebelschwaden, und seine Laune wurde von Kilometer zu
Kilometer schlechter. Bald mussten die langen Strecken durch den Wald
kurz vor Gumtow auftauchen, vermutete er. Jetzt hieß es besonders
aufpassen, denn gerade dort konnte es höllisch glatt werden, da am Beginn
derartiger Waldschneisen große Temperaturunterschiede auf dem
Boden herrschen konnten.
Gewohnheitsmäßig warf er einen kurzen Blick in den Rückspiegel und
zuckte merklich zusammen, als er hinter sich ein hell aufgeblendetes
Lichterpaar unverhältnismäßig schnell aufholen sah.
»Ist der verrückt, bei solch einem Sauwetter so zu rasen«, schimpfte er
laut vor sich hin.
Sicherheitshalber nahm er den Fuß vom Gas und zog noch etwas mehr
an den rechten Rand der baumbesäumten Landstraße, um den sich
schnell nähernden Wagen überholen zu lassen. Er war ein erfahrener,
sicherer Fahrer und wusste, dass es in solchen Situationen besser war,
besonders defensiv zu fahren und kein unnötiges Risiko einzugehen.
Immerhin fuhr er selbst trotz schlechter Sicht fast 80 Kilometer pro
Stunde.
Mit einem tiefen Aufbrummen rauschte eine dunkle, schwere Limousine
an ihm vorbei und schleuderte eine feine Wasserfontäne gegen seine
Frontscheibe. Wütend schaltete er den Scheibenwischer ein.
»Ihr Rindviecher! «, brüllte er hinter dem Wagen her, »ich seh´ doch
ohnehin kaum was, und jetzt auch das noch! «
Er wusste zwar, dass derartige Ausbrüche ungehört verhallen würden,
aber sie beruhigten ihn gewaltig. Mühsam putzten die Scheibenwischer
den Schmierfilm von der Frontscheibe seines Wagens, bis er endlich
wieder etwas besser sehen konnte.
Was er nun allerdings wahrnahm, machte ihn stutzig. Der schwere
Wagen vor ihm war bereits mehrere Hundert Meter entfernt und hatte
offensichtlich zusätzlich ein Nebelschlusslicht angeschaltet, sonst hätte
er ihn bereits nicht mehr sehen können. Und gerade dieses zeigte ihm
deutlich, dass der Wagen ins Schleudern gekommen sein musste, denn
das Licht bewegte sich hektisch von links nach rechts und wieder zurück,
um anschließend noch einmal deutlich nach rechts abzudriften
und kurz darauf abrupt zu verschwinden.
Verwundert rieb er sich die Augen, bremste vorsichtig ab und versuchte
das Nebelschlusslicht wieder zu erspähen. Sein Wagen wurde immer
langsamer. Als er ungefähr an der Stelle ankam, wo er vermutete, dass
die Lichter verschwunden waren, fuhr er fast im Schritttempo. Es war
die Stelle, wo die Straße eine leichte, lang gezogene Linkskurve machte
und zu beiden Seiten ein dichter, grauer Nadelwald begann.
Der Boden war hier, genau wie er vermutet hatte, gefährlich glatt. So
intensiv er auch den Straßenrand musterte, er konnte durch die wallenden
Nebelschwaden kaum etwas erkennen. Er war schon mehrere Meter
im Waldbereich, als er für einen Moment ein hellrotes Aufblitzen zwischen
den Bäumen wahrnahm. Aber so konzentriert er auch ausschaute,
es war nichts mehr zu erkennen. Als er noch am Überlegen war, ob er
einfach weiterfahren oder mit seinem Handy sicherheitshalber der Polizei
von seinen Beobachtungen berichten sollte, bemerkte er einen kleinen,
schmalen Waldweg. Ohne weiter nachzudenken, fuhr er einige Meter
hinein und stellte den Motor ab. Mit der einen Hand griff er nach
seinem dunkelblauen, gefütterten Anorak, der auf dem Beifahrersitz
lag, mit der anderen öffnete er das Handschuhfach und nahm eine längere
Stabtaschenlampe heraus. Er war in diesem Augenblick froh, dass
er stets ausreichend Werkzeug und andere Hilfsmittel im Fahrzeug hatte,
die er immer wieder mal benötigte, wenn eines seiner Fahrzeuge liegen
geblieben war.
Behände öffnete er die Wagentür und fuhr fröstelnd zusammen, als
ihn eine nasskalte Windböe erfasste. Seine dunkelblonden, halblangen
Haare wirbelten durcheinander, die schmucklose Krawatte wehte vor
seinen Augen, so dass er verärgert brummend die Jacke anzog und die
störende Krawatte hineinstopfte. Hastig warf er die Tür zu und stapfte
frierend zur B5 zurück. Während er langsam Richtung Perleberg ging,
beobachtete er aufmerksam den Straßenrand. Bereits nach wenigen
Schritten sah er deutlich die Radspuren eines schweren Personenwagens
an der Böschung, die in den Wald führten. Es stand für ihn fest,
dass genau an dieser Stelle das Fahrzeug von der Straße abgekommen
sein musste. Neugierig richtete er den Strahl seiner Taschenlampe in
den Wald, in der Hoffnung, den Wagen zu erspähen. Aber durch den
wabernden Nebel war nichts zu sehen. Kopfschüttelnd stellte er fest,
dass der Fahrer des Wagens unglaubliches Glück gehabt haben musste,
dass er durch derart dicht stehende Bäume durchfahren konnte, ohne
daran zu zerschellen. Langsam, um nicht auszurutschen oder zu stolpern,
folgte er den markanten Radspuren in den Wald hinein. Nach einigen
Metern stockte ihm der Atem. Direkt vor seinen Füßen, tief im
weichen Waldboden eingesunken, befand sich das Heck des schweren
Fahrzeuges. Wie er mit Kennerblick schnell feststellte, handelte es sich
um einen ziemlich neuen, schwarzen Mercedes der S]Klasse.
»Hallo, ist da jemand?«, rief er, so laut er konnte, in Richtung Fahrzeug
und erstarrte vor Schreck.
Der Wagen stand leicht schräg nach oben zeigend an einer mächtigen
Fichte. Die Motorhaube war aufgewölbt, und feiner Dampf vermischte
sich mit den Nebelschwaden, gespenstig beleuchtet von dem einzigen
noch funktionierenden Scheinwerfer. Der Wind säuselte etwas - ansonsten
war Totenstille. Hastig drehte er sich um. Er hatte plötzlich das
Gefühl gehabt, jemand stünde hinter ihm. Das Licht seiner Taschenlampe
erlaubte ihm nicht, irgendetwas zu erkennen, denn die Nebelschwaden
warfen eine undurchsichtige, weißgraue Wand zurück. Mit seiner
dunklen, etwas hart klingenden Stimme fragte er laut in die Nacht hinein:
»Ist da jemand? Kann ich helfen?«
Aber niemand antwortete. Es blieb unnatürlich still. Ganz allmählich
beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Angst hatte er nicht, dafür fühlte er
sich zu stark und gewandt. Immerhin hatte er einige Jahre Kick]Boxen
und andere Nahkampfsportarten hinter sich und war dabei immer einer
der Besseren gewesen. Aber wohl fühlte er sich in diesem Augenblick
nicht. Langsam, sich nach allen Seiten umsehend, wandte er sich wieder
dem zerstörten Wagen zu und bewegte sich Richtung Fahrertür weiter.
Die Taschenlampe hatte er inzwischen wieder eingeschaltet. Die Tür
stand halb offen. Erstaunt nahm er wahr, dass die Scheiben ganz waren.
Normalerweise hätten sie bei solch einem heftigen Aufprall zerbersten
müssen. Überhaupt kam ihm die Tür extrem massiv vor. »Es muss sich
um eine gepanzerte Limousine handeln«, schoss es ihm durch den
Kopf, »ob es ein Diplomatenfahrzeug ist?« Diesen Gedanken verwarf er
aber sofort wieder, denn er hatte am Heck weder ein CD] noch ein CCSchild
entdecken können. Vielleicht war es eine Politikerfahrt gewesen.
Ein solches Gefährt war keine Stangenware. Nur wenige kamen an derartige
Sonderanfertigungen heran. Und nun lag solch ein Wagen zerschmettert
vor ihm.
Vorsichtig näherte er sich der halb geöffneten Fahrertür. Er ahnte bereits,
was er nun zu sehen bekommen würde. Kaum berührte der Lichtstrahl
seiner Lampe den vorderen Teil des Innenraumes, als er sich
auch schon bestätigt sah. Der Airbag hing wie ein schlapper, hellgrauer
Sack über dem verbogenen Lenkrad. Sogar ein kleiner Seitenairbag war
durch den Aufprall ausgelöst worden. Der Bildschirm eines integrierten
Satelliten]Navigationssystems war neben dem Lenkrad zu sehen.
Schräg zur Seite gelehnt, hing ein bullig wirkender, dunkelhaariger
Mann in feinem, schwarzem Smoking in seinem Sicherheitsgurt. Seine
starren Augen wirkten entsetzt. Der Kopf des Mannes war so stark verdreht,
dass Max schlussfolgerte, er müsse sich das Genick gebrochen
haben. Obwohl er auf ein derartiges Bild vorbereitet gewesen war,
durchlief ihn jetzt ein eisiger Schauder. Langsam ließ er den Lichtstrahl
weiter durch den Innenraum gleiten. Zuerst glaubte er, dass der Wagen
nur mit dem Fahrer besetzt gewesen war, da niemand sonst zu sehen
war. Aber als er die beiden weit offen stehenden rechten Seitentüren
des Fahrzeuges erblickte, war er sich nicht mehr so sicher. Ohne sich
weiter um den Toten zu kümmern, ging er behutsam um den Wagen
herum, bis er an den geöffneten Türen stand. Der hintere, rechte Kotflügel
schien ebenfalls kräftig mit einem Baum kollidiert zu sein, aber
von weiteren Fahrgästen war keine Spur zu sehen. Nur zwei kräftige
Schrammen an der Innenseite der hinteren Tür erregten seine zusätzliche
Aufmerksamkeit. Es sah aus, als hätte irgendjemand mit einem
scharfkantigen, massiven Gegenstand dicke Kerben in den Rahmen der
Tür geschlagen. Auch die Verkleidung der Tür war erheblich in Mitleidenschaft
gezogen worden. Ein Baum oder etwas Ähnliches konnte es
nicht gewesen sein. Im Innenraum befand sich ebenfalls nichts, was
diese Schrammen erzeugt haben könnte. Es war rätselhaft. Sogar der
Sitzbezug - immerhin bestand er aus sehr teurem Leder - war nahe
dem Ausstieg eingerissen. Es sah aus, als hätte jemand einen scharfkantigen,
schweren Gegenstand mit Gewalt aus dem Fond des Wagens gerissen.
Oder ein solcher Gegenstand war bei dem verheerenden Aufprall
aus dem Wagen geschleudert worden.
Nach einem kurzen, flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr begann
Max gründlich die nähere Umgebung des Aufprallorts abzusuchen.
Schon nach wenigen Metern fiel sein Lichtstrahl auf eine verkrümmt
liegende Gestalt. Die ohnehin dunkle Kleidung des Liegenden wirkte
durch die Feuchtigkeit in der Luft und auf dem Boden noch dunkler.
Ohne weiter nachzudenken, beugte er sich über die verkrümmte Person
und beleuchtete ihr Gesicht. Erschrocken fuhr er zurück. Das Gesicht
des Mannes wies kaum noch menschliche Züge auf. Lediglich ein Ohrring
ließ das Ohr vermuten. Der Mann musste bei dem Unfall mit hoher
Geschwindigkeit aus dem Wagen katapultiert worden sein und war mit
voller Wucht, das Gesicht voran, gegen einen Baum geprallt. Auch hier
kam jede Hilfe zu spät. Der Lichtstrahl glitt weiter über den massigen
Oberkörper, der ebenfalls mit einem eleganten Smoking bekleidet war,
aus dem das Griffstück einer kleinen Faustfeuerwaffe lugte. Der Mann
lag in einer Blutlache.
Max fühlte sich hundeelend. Was war das für eine kleine Gruppe gewesen?
Bewaffnet und gesichert wie Geheimagenten, gekleidet wie
Ballbesucher oder ... ? Er überlegte nochmals, ob er nicht umgehend die
Polizei verständigen sollte. Aber was für ein Gegenstand war da ebenfalls
aus dem Unglücksfahrzeug geschleudert worden?
Erst einmal weitersuchen, entschied er für sich, die Polizei konnte er ja
immer noch benachrichtigen, und Hilfe war ohnehin nicht mehr möglich.
Gründlich erforschte er in den folgenden Minuten die unmittelbare
Umgebung um den Mercedes, aber nichts war zu finden. Der Nebel ließ
allmählich etwas nach, und es begann zu regnen. Max war bereits stark
durchnässt, aber er bemerkte es nicht, so gespannt war er, ob er noch
etwas finden würde. Kopfschüttelnd musste er sich eingestehen, dass er
sich wohl getäuscht hatte. Es war doch kein schwerer Gegenstand aus
dem Fahrzeug herausgeschleudert worden. Also würde er den Rückweg
zu seinem Fahrzeug antreten und von dort aus die Polizei verständigen.
Nur kurz erwog er noch, ob er die Taschen der Toten durchsuchen
sollte. Er verwarf diesen Gedanken aber und machte sich achselzuckend
auf den Rückweg, wieder den Radspuren folgend, die jetzt
wegen des immer stärker werdenden Regens schon bedeutend undeutlicher
zu erkennen waren.
Er war kurz vor der B5, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.
Er hatte vermutlich an der falschen Stelle gesucht. Der Gegenstand war
bereits vor dem Aufprall, nämlich in der schärferen Linkskurve im
Wald, herausgeschleudert worden, und zwar in dem Augenblick, als
das Heck mit dem rechten, hinteren Kotflügel gegen einen Baum geprallt
war. Also musste er nur noch einen beschädigten Baum suchen,
und dort musste dann auch der gesuchte Gegenstand liegen.
Bereits der dritte Baum auf der rechten Seite nach der Linkskurve wies
schwere Aufprallspuren auf. Jetzt kam nur noch das Gebiet um diesen
Baum in Frage. Das Jagdfieber hatte Max gepackt. Ort und Zeit waren
vergessen. Auch seine völlig durchweichten Lederschuhe interessierten
ihn nicht. Gründlich inspizierte er Meter um Meter. Das erste, was er
entdeckte, ließ ihn ungläubig erzittern. Vor ihm auf dem nassen Waldboden
lag eine Hand. Eine helle, leicht schrumpelige Hand, die von einem
nicht allzu scharfkantigen Gegenstand förmlich vom Arm abgerissen
wurde. Ein würgendes Gefühl machte sich in seiner Magengegend
breit. Sollte hier etwa noch ein Mensch, vielleicht sogar ein noch lebender,
zu finden sein?
Langsam ließ er den Lichtstrahl durch das vor ihm liegende Waldstück
gleiten. Ganz deutlich sah er einen Menschen, eingeklemmt zwischen
zwei stämmigen Fichten, auf dem Boden liegen. Nichts regte sich.
Kein Stöhnen. Kein Keuchen. Es war unheimlich. Allen Mut zusammennehmend,
näherte er sich dem Liegenden, - einem schmächtig
wirkenden Mann, der mit dem Gesicht auf dem Boden lag - und hockte
sich neben ihm nieder. Leicht hielt er seinen Finger an die Stelle am
Hals des Verunglückten, wo er die Halsschlagader vermutete, um zu
fühlen, ob noch Leben in ihm war. Aber nichts war zu spüren. Auch
hier schien der Tod schon sein Werk getan zu haben. Behutsam griff er
in das schüttere, weiße Haar des Toten und hob den Kopf an, leuchtete
mit der Taschenlampe in sein Gesicht und betrachtete es aufmerksam.
Der Mann hatte stark durchgeistigte Züge. »Er sieht aus wie ein Wissenschaftler
«, dachte Max traurig. Der Mann war mit Sicherheit bereits
älter als sechzig Jahre, hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart und
ebensolche Augenbrauen. Das Gesicht war sehr blass und markant faltig.
Ein einprägsames Gesicht, fand Max und ließ den Kopf wieder auf
den Boden gleiten.
Nachdenklich untersuchte er den Liegenden weiter. Mit Entsetzen
stellte er fest, dass dem schmächtigen Körper beide Hände fehlten. Es
war unglaublich. Der Mann war offensichtlich verblutet, nachdem ihm
beide Hände abgerissen worden waren. Eine Hand hatte er bereits gefunden,
wo aber war die zweite?
Kopfschüttelnd suchte er weiter. Dann sah er sie. Nur wenige Meter
lag auch die zweite Hand im Unterholz und unmittelbar dahinter ein
silbrig glänzender Koffer. Während er sich dem Koffer näherte, verspürte
er eine beißende Übelkeit. Der gesuchte Koffer hatte eine Abmessung
von ungefähr 60 x 40 x 50 Zentimeter. Verwundert stellte er
fest, dass direkt neben dem Griff eine Handschelle angebracht worden
war. Die Handschelle war geschlossen. Nun verstand er, was mit dem
Toten geschehen war. Er war aus dem Auto herausgeschleudert worden
und zwischen den Bäumen hängen geblieben. Die Koffer aber waren
weitergeflogen und hatten die Hände mit brutaler Härte abgerissen. Die
Koffer? Es durchzuckte ihn wie elektrisiert. Zwei abgerissene Hände
bedeuteten auch zwei Koffer. Wo war der andere?
Auch ihn fand er nach kurzem Suchen in der Nähe des Toten. Dieser
Koffer war ungefähr so groß wie der erste. Und er war ausgesprochen
schwer. Er schätzte ihn auf 40 Kilogramm. Kein Wunder also, dass derart
schlimme Folgen bei dem Herausfliegen aus dem schleudernden
Wagen aufgetreten waren. Der alte Mann hatte keine Chance gehabt.
Aber was befand sich in diesen offensichtlich sehr bedeutenden Behältnissen?
Durch den immer stärker werden Regen glänzten sie im Licht der Taschenlampe.
Vergeblich suchte er etwas, das wie ein Schloss aussah um
die Koffer zu öffnen. Er wollte unbedingt einen Blick hineinwerfen. Lediglich
mehrere massive runde Scheiben mit kleinen Zahlen und Buchstaben
beschrieben, befanden sich unterhalb des Griffes auf der langen
Seite. Sie erinnerte Max an flach gepresste Zahlenräder eines Tresors.
Dass es sich hierbei um Spezialanfertigungen handelte, war ihm längst
klar geworden. So etwas gab es nicht im Supermarkt zu kaufen. Ein
Spalt zwischen Deckel und Unterteil war kaum zu erkennen, so perfekt
waren die Koffer verarbeitet.
Versonnen hockte Max vor den Koffern und bemerkte kaum den prasselnden
Regen. In kleinen Bächen rieselte das kalte Nass in seinen Nacken.
Plötzlich fuhr er erschrocken hoch. Deutlich sah er, wie ein weißlicher
Lichtstrahl von der B5 her durch das Geäst strich und die unwirkliche
Szene beleuchtete. Blinzelnd blickte er auf. Aber nur kurz
währte diese Erscheinung, dann war sie vorüber. Nach langer Zeit war
ein Fahrzeug an der Unfallstelle vorbeigekommen. Dieses kurze Ereignis
erinnerte ihn, dass er nun endlich irgendetwas unternehmen musste.
Aber was befand sich in den Koffern? Wer waren die mysteriösen Toten?
Politiker? Mafia? Handelte es sich um einen Werttransport? Sollte
er noch einmal den Wagen und vielleicht auch die Toten genauer untersuchen?
Bei diesem Gedanken zuckte er angeekelt zusammen und
schüttelte unbewusst heftig den Kopf. Je mehr er nachdachte, desto sicherer
war er, dass sich etwas ausgesprochen Wertvolles in den Metallkoffern
befinden musste, denn sonst wären die Handschellen und das
gepanzerte Fahrzeug unnötig gewesen.
Sollten mit diesem grausigen Fund seine finanziellen Nöte vorbei
sein? Wer wusste denn, dass er hier war? Wer sollte es je erfahren? Er
hatte doch nichts angefasst und niemand hatte ihn gesehen. Den Leichen
konnte ohnehin keiner mehr helfen, also konnten sie getrost noch
einige Zeit liegen bleiben, bis sie irgendjemand anderes fand. Außerdem
stand zu erwarten, dass der Wagen aufgrund seiner eingebauten
Satelliten]Navigation ohnehin von den entsprechend interessierten
Kreisen geortet und bald gefunden werden würde. Sein im Waldweg
geparkter Wagen konnte zwar von dem Fahrer des soeben vorbeigefahrenen
Fahrzeuges bemerkt worden sein, doch hielt er das für unwahrscheinlich.
Niemand würde wissen, wer die beiden Koffer hatte - und
er könnte sich vielleicht ein für alle Male sämtliche Sorgen vom Hals
schaffen.
Als er gerade die Koffer anheben wollte, vernahm er ganz deutlich ein
Stöhnen in seinem Rücken. Erschrocken drehte er sich um. Der Totgeglaubte
zwischen den Bäumen bewegte sich kaum spürbar. Ohne zu
überlegen ließ Max die Koffer liegen, eilte zu dem alten Mann und
leuchtete ihm ins Gesicht. Gequält blickten ihn zwei wässrige, graue
Augen an. Aus dem Mund des Mannes floss ein dünnes Rinnsal Blut.
Scheinbar wollte ihm der Sterbende irgendetwas mitteilen. Hastig beugte
sich Max zu ihm hinunter und hielt sein Ohr dicht an die Lippen des
Mannes.
»Danger«, glaubte er deutlich zu verstehen. Er ging noch dichter an
den Mund des Sterbenden heran und lauschte angespannt. Aber der
grauhaarige Alte schien nichts mehr sagen zu wollen oder zu können.
»Danger«, kam es plötzlich doch wieder brüchig und undeutlich über
die Lippen des Mannes, »be careful. Donʹt use them without special
knowl...
Mehr war nicht mehr zu verstehen....
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