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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Seele des Bösen, Dania Dicken
Dania Dicken

Die Seele des Bösen


Rachlust

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„Ihr seid hier jederzeit wieder herzlich willkommen“, sagte Matt. Andrea nickte sofort. 


„Das ist toll, wir haben hier noch längst nicht alles gesehen. Ich beneide euch so um euer Land!“ 


„Und viele Amerikaner sehen bis zur Rente nicht besonders viel davon“, sagte Matt bedauernd. „Ich habe schon jede sich bietende Gelegenheit zum Reisen genutzt, in den letzten Jahren auch mit Sadie.“ 


„Der Yellowstone war so toll“, schwärmte Sadie. 


„Oh, der steht noch auf meiner Liste … Wir kommen wieder“, sagte Andrea. 


„Geh nicht“, sagte Libby nicht ganz ernst gemeint und etwas theatralisch zu Julie, während sie ihr um den Hals fiel. 


„Ich will auch gar nicht“, murrte Julie. „Es ist so viel cooler hier als in England.“


„Ach, das ja nun auch wieder nicht“, widersprach Libby. „England ist klasse.“


„Lass uns tauschen!“ 


„Ich fürchte, wir müssen langsam“, sagte Matt mit Blick auf die Uhr. Gern hätten sie alle Andrea und ihre Familie zum Flughafen begleitet, aber so viel Platz hatten sie nicht im Auto. Matt würde sie allein zum Thomas Bradley International Airport fahren. 


„Sieht so aus“, sagte Sadie und umarmte Andrea noch ein letztes Mal. „Wir bleiben in Kontakt.“ 


„Wie immer“, sagte Andrea und ging zum Auto. Libby und Julie nahmen Abschied, dann blieben Sadie, Hayley und Libby in der Auffahrt zurück, während Matt den Motor startete und den Weg zum Flughafen einschlug. Sadie und Libby gingen wieder ins Haus. Hayley saß zufrieden auf Sadies Arm und zappelte herum. Sie gingen in die Küche, wo Libby sich etwas zu trinken aus dem Kühlschrank nahm. Dann seufzte sie traurig. 


„Julie ist klasse … hier kenne ich niemanden, der ist wie sie.“ 


„Das verstehe ich“, erwiderte Sadie. „Mit ihrer Mutter geht es mir ähnlich.“ 


„Du hast mit Andrea aber deutlich mehr Gemeinsamkeiten“, sagte Libby. 


„Sicher, aber Julie hat durch den Beruf ihrer Mutter eine bestimmte Sicht auf die Dinge. Sie ist schon mit vielen Dingen in Kontakt gekommen, die Gleichaltrige nicht kennen. Deshalb versteht sie dich auch gut“, sagte Sadie. 


Libby nickte. „Sie wird mir fehlen.“ 


Das konnte Sadie wirklich gut nachvollziehen, denn sie hatte die Mädchen zusammen gesehen. Sie waren einander vertraut, konnten stundenlang reden, verstanden sich wunderbar. Und das, obwohl sie tausende Meilen voneinander entfernt lebten, mehrere Zeitzonen sie trennten und sie sich erst zweimal persönlich gesehen hatten. Aber Sadie wusste, dass sie sich regelmäßig Mails schrieben und wann immer sie Gelegenheit hatten und die Zeitverschiebung es zuließ, telefonierten sie auch. Für Libby war das ein Geschenk. Sadie war froh, dass sie die Chance gehabt hatte, Libby mit nach England zu nehmen, um ihr das zu ermöglichen. 


Überhaupt konnte sie Libby so viel ermöglichen, was noch vor zwei Jahren für das Mädchen undenkbar gewesen war. Inzwischen war Libby in dieser Welt angekommen, hatte sich an alles gewöhnt, wirkte gefestigt. Aber ihr alltägliches Leben spielte dabei auch eine große Rolle: In der Schule wurde sie inzwischen ganz normal behandelt, niemand machte einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Sie hatte bereits den Führerschein und konnte Auto fahren – etwas, woran in der Sekte für sie kein Denken gewesen wäre. Sie durfte jetzt das normale Leben eines amerikanischen Teenagers leben, anstatt zwangsverheiratet und vermutlich vergewaltigt ihr erstes Kind eines Mannes zu hüten, der nicht bloß sie als Frau hatte. Sadie mochte sich die Trostlosigkeit und Furcht nicht vorstellen, die dieses Leben wohl prägten. Sie verstand so gut, dass Libby davor geflohen war und sie war wirklich froh, dass sie Libby jetzt ein wenig begleiten konnte. Das hatte man für sie schließlich auch einst getan. 


Sadie war ebenfalls etwas traurig, dass die unbeschwerte Zeit des Urlaubs schon vorbei war. Sie hatte die Zeit am Grand Canyon genossen, auch wenn sie ihr viel zu kurz erschienen war. Sie konnte Andrea gut verstehen, die sich in ihrem Urlaub regelrecht in die Wüste der USA verliebt hatte. Es war ihr immer ähnlich gegangen. 


Aber nun standen viele Veränderungen bevor. Matt würde in zwei Tagen wieder zur Arbeit gehen und Hayley würde die Tage ab Libbys Schulbeginn bei einer wundervollen und lieben Tagesmutter verbringen, nach der Sadie und Matt lange und gezielt gesucht hatten. Matt war öfter mit Hayley dort gewesen, um sie an alles zu gewöhnen, und auch Sadie hatte sich alles genau angesehen. Was ihre Tochter betraf, wollte sie ganz sicher gehen, dass sie es gut antraf. Sie liebte Hayley einfach viel zu sehr und war davon überzeugt, dass ihre Tochter das gut meistern würde. 


Während Libby in ihr Zimmer ging, setzte Sadie Hayley auf dem Wohnzimmerteppich ab und räumte ein wenig in der Küche auf. Sie war schließlich so vertieft in die Hausarbeit, dass sie Matts Rückkehr erst bemerkte, als er im Flur nach ihr rief. Sie hockte in diesem Moment vor der Waschmaschine. 


„Was ist denn?“, antwortete sie. 


„Du hast schon wieder Post“, sagte er. 


Sadie stöhnte. Sie wusste, Matt meinte damit einen weiteren Brief von Brian Leigh. Er schien es sich jetzt zur Gewohnheit zu machen, sie mit Briefen zu nerven. Den ersten hatte er ihr ziemlich unmittelbar nach der Verkündung seines Strafmaßes geschrieben, das nun war bereits der vierte. Sadie wunderte sich wirklich, dass er sein knappes Taschengeld für Briefmarken ausgab, nur um der FBI-Agentin zu schreiben, die ihn hinter Gitter gebracht hatte. 


„Kannst ihn behalten“, erwiderte sie knapp. 


Als keine Antwort kam, wunderte sie sich schon und dachte, dass das Problem damit erledigt sei. Allerdings hatte sie sich getäuscht. Sie fand Matt mitten in der Küche vor – lesend. Er hatte den Brief geöffnet. 


„Was tust du da?“, fragte sie überrascht. 


„Was du gesagt hast. Ich will wissen, was dieser Kerl dir schreibt.“ 


„Ich nicht“, murmelte sie. 


Matt las den Brief noch zu Ende und blickte dann auf. „Solltest du aber.“ 


„Wieso?“ Skeptisch hob Sadie eine Augenbraue. 


Wortlos hielt Matt ihr den Brief hin und Sadie nahm ihn in die Hand, bevor sie zu lesen begann. 


 


Ich verstehe nicht, warum du mich ignorierst. Du hast doch auch mit Carter Manning hier gesprochen, das hat er mir erzählt. Ich sagte ja, hier sitzen einige, die mit dir zu tun hatten. Ihre Berichte sind teilweise deckungsgleich, sie alle haben einen gewissen Respekt vor dir. Sogar Juan Filhos – den hast du ziemlich beeindruckt, um ehrlich zu sein. 


Aber die beiden meinte ich gar nicht, als ich letztens von jemandem sprach, der mir Dinge über dich erzählt hat. Eigentlich nicht bloß über dich, sondern speziell über deinen Ehemann. Sicher weißt du, was ich meine, wenn ich sage, dass Tyler Evans sie mir erzählt hat. 


Ich denke wirklich, du solltest mal herkommen und dich mit mir unterhalten. Nicht unbedingt darüber … eher ganz allgemein. Lass uns reden, Special Agent Sadie Whitman, FBI-Profilerin. Du wirst es nicht bereuen. 


Wobei ich einsehe, dass du Libby dann schlecht mitbringen kannst. Sie will bestimmt nicht hören, was ich dir über die Morde erzählen kann. Wir hatten ja nie mehr wirklich die Gelegenheit, ins Detail zu gehen.


Aber noch ist nicht klar, wann ich nach San Quentin komme – vielleicht haben wir bis dahin noch öfter Gelegenheit, zu reden. Was meinst du?


 


Sadies Blick hatte sich verdüstert. „Er droht dir?“ 


„Nein, so dumm ist er nicht. Er wollte ja, dass der Brief hier ankommt“, grollte Matt. 


„Er will dir Scherereien machen, wenn ich nicht hinfahre! Ich fasse es nicht … Tyler hat ihm das erzählt?“ Sadie schüttelte ungläubig den Kopf. 


An Tyler Evans hatte sie ja schon gedacht, seit Brian ihr das erste Mal davon geschrieben hatte, dass er im Knast mit jemandem über sie gesprochen hatte. Carter Manning hatte sie für sich ausgeschlossen, und an Juan Filhos hatte sie nicht wirklich geglaubt. Joey Baker konnte es gar nicht sein, der saß in Chino ein, genau wie der Pasadena Stalker Julio Hernandez. Aber Tyler Evans war ebenfalls in Lancaster inhaftiert. Chino war ziemlich überbelegt, deshalb war das kein Wunder. Craig Conway fiel aus, der saß seine Strafe ja längst in England ab. 


Also hatte sie Recht gehabt. Es war Tyler. Und Tyler wusste von Stacy. 


Sadie musste zugeben, dass sie anfangs tatsächlich hin- und hergerissen gewesen war und überlegt hatte, ob sie nicht tatsächlich nach Lancaster fahren und mit Brian sprechen sollte. Eine gewisse Neugier konnte sie nicht leugnen – allerdings hatte er ihr jede ernsthafte Lust darauf mit seinem Ausbruch im Gerichtssaal ausgetrieben. Sie hatte dabei auch an Libby gedacht, denn sie glaubte, dass Libby sich schwer damit tun würde, zu verstehen, warum Sadie jetzt noch mit Brian sprechen wollte. Nicht zuletzt war der Zeitpunkt schlecht gewesen, aber Brian gab ja einfach keine Ruhe. 


„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck“, sagte Matt. 


Sadie blickte auf. „Ich könnte ihm den Hals umdrehen!“ 


„Weshalb?“


„Das hat mir gerade noch gefehlt, dass er mit Tyler Evans spricht.“


„Das hattest du doch sowieso vermutet.“ 


„Ja … leider. Die zwei verstehen sich bestimmt hervorragend.“ 


„Du musst das nicht meinetwegen tun“, sagte Matt. „Soll er doch machen, was er will. Evans konnte mir damals schon nichts anhaben.“


„Ich lasse es bestimmt nicht drauf ankommen“, grollte Sadie. 


„Also willst du hin.“


Sie verschränkte die Arme vor der Brust, den Brief immer noch in der Hand, und seufzte. „Ich weiß es nicht. Natürlich wäre es interessant, mit ihm zu reden, aber ich könnte ihm wirklich den Hals umdrehen. Eigentlich will ich ihn nicht wiedersehen. Und Libby freut sich bestimmt auch nicht.“ 


„Sie wird es verstehen.“


„Ja, schon …“ Sadie seufzte erneut. „Ich frage Cassandra, was sie dazu meint.“ 


„Gute Idee. Vielleicht will sie mit.“ 


Das hielt Sadie ebenfalls für möglich. Sie ging zum Schreibtisch und holte die anderen Briefe von Brian heraus. Cassandra kannte nur die ersten beiden, der dritte war während ihres Urlaubs gekommen. Doch bevor sie ihre Kollegin anrief, überflog sie die Briefe selbst noch einmal. Vielleicht fiel ihr noch etwas auf. 


Der zweite war etwa eine Woche nach dem ersten eingetroffen und hatte sie tatsächlich ins Grübeln gebracht. Er hatte so versöhnlich geklungen. 


 


Mein erster Brief sollte dich eigentlich erreicht haben, da hatte die Gefängnisleitung nichts zu beanstanden. Willst du es nicht machen wie John Douglas und Robert Ressler, die Urväter deiner Disziplin, und einen Austausch mit mir führen? Solange ich noch hier in Lancaster bin, wäre es doch ein Leichtes für dich. Interessieren dich meine Beweggründe denn gar nicht? Vieles hast du ja vor Gericht schon ganz richtig ausgeführt, das muss ich zugeben. Ich verstehe nur nicht, warum du glaubst, dass ich nicht zu einem eigenen Szenario in der Lage gewesen wäre. Dass ich berühmte Vorbilder hatte, heißt doch nicht, dass ich unkreativ bin. Kannst du dir vorstellen, was dazugehört, jemanden wie Dennis Rader nachzuahmen? Man hat ihn über drei Jahrzehnte nicht geschnappt. Den Zodiac-Killer hat man bis heute nicht. 


Ich weiß, in diese Liga habe ich es nicht ganz geschafft. Mein Vorliebe für Libby hat mir den Hals gebrochen. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, jemanden sympathisch zu finden und ihn gleichzeitig weh tun zu wollen? Das ist ganz schön anstrengend. 


Ich wünschte, ihr würdet mich besuchen kommen. Beide. Ich würde Libby gern sagen, dass ich sie nicht umbringen wollte. Auch nicht bei dem Unfall. Ich wollte, dass sie meine Caril Ann ist. Ich würde ihr ja einen Brief schreiben und ihr das selber sagen, aber den würdest du ihr vermutlich nicht geben und ich glaube auch nicht, dass sie ihn lesen würde. 


Aber du liest meine Post, denn ich glaube, du bist neugierig. Antworte mir doch wenigstens. 


 


Bei aller scheinbaren Versöhnlichkeit hatte der Brief Sadie jedoch auch geärgert, denn Brian hatte ihr für ihren Geschmack zu viel von Libby gesprochen. Sie musste ihre Adoptivtochter beschützen und hatte ihr diesen Brief auch gar nicht gezeigt. Zwar wusste Libby, dass Brian ihr schrieb, aber sie hatte nicht weiter gefragt und Sadie hatte auch von sich aus nichts mehr dazu gesagt. 


In seinem nächsten Brief war er dann etwas direkter geworden. 


 


Es ist so schade, dass du mir überhaupt nicht antwortest. Ich weiß, du hast Gründe, wütend auf mich zu sein. Nimmst du das mit Libby persönlich? Bitte nicht. Ihr müsst mir glauben, dass ich ihr nichts tun wollte. Das ist alles entgleist. Ich wollte doch auch keine Verfolgungsjagd. Das alles tut mir leid. 


Willst du wirklich nicht nach Lancaster kommen, Special Agent? Ich hätte zu gern gewusst, wie du mein Profil erstellt hast. Ich könnte dir erklären, wo du vielleicht falsch gelegen hast. Das würde doch bestimmt für zukünftige Fälle helfen, oder nicht? 


Immerhin in einer Hinsicht bin ich Charles Starkweather ähnlich: Man hat mich auch mit neunzehn zum Tode verurteilt. Darauf bin ich nicht stolz, aber ich bin auch nicht wütend. Ja, ich habe all diese Menschen getötet. Das habe ich nie geleugnet. Aber dafür gab es Gründe. Du hast gesagt, nicht jeder Mensch mit einer schweren Kindheit wird zum Mörder. Das stimmt, aber du hast mich nie wirklich verstanden. 


Ich meine das ernst, lass uns reden. Schreib mir doch wenigstens. Ich hätte tatsächlich auch Fragen an dich. Ich habe hier Dinge über dich erfahren, die ich wirklich spannend finde. Weißt du, von wem? Du hast doch sicher einen Verdacht. 


Bitte richte Libby einen ernst gemeinten Gruß von mir aus. 


 


Diesen Brief hatte Sadie erst zwei Tage zuvor bei ihrer Rückkehr aus Arizona entdeckt und bislang weitgehend ignoriert. Überhaupt war der Besuch von Andrea und ihrer Familie der Grund dafür, dass sie sich nicht weiter mit dem Thema beschäftigt hatte. Aber davon wusste Brian natürlich nichts und es wäre ihm wohl auch egal gewesen. 


Dass er sich mit Tyler Evans angefreundet hatte, gefiel Sadie überhaupt nicht. Warum konnte man ihn nicht endlich nach San Quentin verlegen? Es war ein Kreuz mit den überfüllten Gefängnissen. 


Und Tyler Evans hielt sie durchaus für gefährlich. Sie konnte sich prima vorstellen, dass Brian und Tyler sich gut verstanden. Tyler war zwar ein paar Jahre älter als Brian und hatte einen ganz anderen Hintergrund, aber was brutale Morde anging, hatten sie sich etwas zu sagen. Tyler hatte Anita Paley im Drogenrausch vergewaltigt, gefoltert und brutal totgeschlagen. Er war nicht der typische Serientäter, aber unter den passenden Voraussetzungen hätte er es wieder getan. 


Und Brian … sie konnte das Todesurteil für ihn einfach nicht falsch finden, denn sie hielt ihn für äußerst gefährlich. Er war erst neunzehn und hatte trotzdem schon neun Menschen getötet. Er war davon besessen gewesen, hatte es präzise und durchdacht angestellt und die Ermittler monatelang vorgeführt. 


Tatsächlich war ihm nur seine Schwäche für Libby zum Verhängnis geworden. Hätte er sich ihr nicht offenbart, wäre nichts passiert. Aber er hatte sich ihr anvertraut und sie entführt – nur deshalb war Sadie misstrauisch geworden. 


Er hatte etwas an sich, das ihr eine Gänsehaut bescherte. Sie konnte es nicht genau benennen, aber sie war selten bei einem Täter so froh gewesen, ihn hinter Gittern zu wissen, wie bei Brian. Wie Tyler Evans war Brian ein sadistischer Vergewaltiger. Das hatte er zwar nicht bei jeder seiner Taten bewiesen, aber der Tod seines ersten Opfers, der Schülerin Emily Bryant, musste schrecklich gewesen sein. 


Matt verschwand in der Küche, während Sadie zum Telefon griff und Cassandra anrief. Sie hatte jedoch zuerst Jason am Telefon, der erst auf die Suche nach seiner Freundin gehen musste. 


„Sadie für dich“, sagte er schließlich und reichte Cassandra das Telefon. 


„Hey, was gibt es? Ist dein Besuch schon weg?“, fragte Cassandra. 


„Ja, Matt hat sie vorhin zum Flughafen gebracht. Ich rufe an wegen Brian Leigh.“ 


„Ah.“ Cassandra klang wissend. „Neue Post?“ 


„Kann man so sagen. Ein Brief kam, als wir in Arizona waren, und vorhin noch ein weiterer. Ich überlege ernsthaft, ob wir ihm nicht am Montag einen Besuch abstatten sollen.“ 


Darüber musste Cassandra erst nachdenken. „Jetzt also doch?“ 


„Ja, er hört sonst doch nicht auf. Hören wir uns an, was er zu sagen hat.“


„Du bist neugierig.“ 


„Auch, wobei ich nach seiner wüsten Drohung im Gerichtssaal wirklich keine Sehnsucht nach ihm habe.“ 


„Glaube ich dir. Aber ja, bin dabei. Ich habe gerade keinen Fall, nur Papierkram. Passt also hervorragend.“ 


Sadie lächelte. „Treffen wir uns im Büro?“ 


„Sicher.“


„Sehr gut. Bis Montag.“ 


Cassandra verabschiedete sich von ihr und Sadie legte auf. Sie hatte wirklich keine Sehnsucht nach Brian, aber es half ja nicht. 


Sie wollte sich erst einmal nicht weiter damit auseinandersetzen und widmete sich wieder der Hausarbeit – nach der Abreise ihrer Gäste musste noch einiges aufgeräumt werden und manches war auch liegengeblieben. Mittendrin erwachte Hayley und Sadie ging schnell nach oben, um ihre Tochter aus dem Bettchen zu nehmen. Als Hayley ihre Mutter im Halbdunkel des Schlafzimmers erkannte, streckte sie gleich ihre Ärmchen nach oben und strahlte übers ganze Gesicht. Sadie wurde warm ums Herz. 


„Hey“, sagte sie und nahm ihre Tochter auf den Arm. In ein paar Tagen wurde Hayley schon ein Jahr alt. Sadie konnte es nicht fassen. Für sie war es, als sei Hayleys Geburt erst gestern gewesen. Sie konnte sich gut an alles erinnern und war stolz und glücklich zugleich, dass alles so abgelaufen war. Durch Hayley hatte sie ein ganz neues und unbekanntes Selbstvertrauen gewonnen und allein dafür liebte sie ihre Tochter über alles. Sie drückte sie an sich und drückte ihr einen Kuss auf die weiche Wange, dann ging sie mit Hayley hinüber zu Libbys Zimmer und klopfte dort an die angelehnte Tür. Sie konnte leise Musik hören. 


Libby saß vor ihrem Laptop und war damit beschäftigt, sich Videos bei Youtube anzusehen. Sadie lächelte. Es war schön für sie, zu wissen, dass Libby inzwischen ganz normale Dinge tun konnte. 


„Hey“, sagte Libby und pausierte das Video. „Da ist ja meine kleine Schwester! Gut geschlafen?“ 


Hayley strahlte sie fröhlich an. Das reichte Libby als Antwort. 


„Was gibt’s?“, fragte Libby an Sadie gewandt. 


„Ich muss mit dir über Brian reden“, sagte Sadie und nahm mit Hayley auf Libbys Bettkante Platz. 


„Ah.” Libby verzog murrend das Gesicht. „Hat er wieder geschrieben?“ 


Sadie nickte. „Er ist da irgendwie ziemlich hartnäckig.“ 


„Wie viele Briefe sind das jetzt?“ 


„Vier.“


„Oh.“ Libby nickte. „Und was will er?“ 


„Mit mir reden. Er will ja, dass ich ihm antworte … oder, besser noch, zu ihm ins Gefängnis komme.“


„Das könnte ihm so passen.“ 


„Am liebsten hätte er es, du kämst mit.“ Sadie wollte ehrlich zu Libby sein, die nur verächtlich kicherte. 


„Ist nicht sein Ernst.“


„Doch, das schon, aber natürlich kommt das nicht in Frage. Ich wollte dir nur sagen, dass ich am Montag wirklich mit Cassandra hinfahren werde. Vielleicht reicht ihm das.“ 


„Okay“, sagte Libby bloß. 


„Ich hatte gehofft, dass es kein Problem für dich ist.“


„Nö, musst du ja wissen. Das ist deine Arbeit. Wenn du mit ihm reden willst, nur zu. Solange ich das nicht muss.“ 


„Nein, dafür werde ich schon sorgen. Er würde dir ja auch gern schreiben, weiß aber, dass ich dir keinen Brief geben würde.“


„Ist auch richtig so. Er hat mich geküsst und mir dann gesagt, dass er ein Serienmörder ist. Das ist doch krank.“ Mit einem unwirschen Gesichtsausdruck zog Libby die Schultern hoch und schüttelte sich. 


„Du konntest es nicht wissen.“ 


„Nein, aber das war mies von ihm. Einfach nur mies. Und ich mochte ihn …“ Es klang, als sei Libby enttäuscht über sich selbst. Sadie lächelte ihr zu. 


„So etwas passiert. Sei nicht so hart zu dir selbst.“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging langsam zur Tür. Die beiden tauschten einen vielsagenden Blick. 


 


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