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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Seele des Bösen, Dania Dicken
Dania Dicken

Die Seele des Bösen


Unter Verdacht

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Mittwoch


 


„Bald ist ja auch schon wieder Thanksgiving.“ Cassandra seufzte dramatisch, was Sadie ein Lachen entlockte. 


„So schlimm? Ein paar Wochen Schonfrist haben wir ja noch.“ 


„Ja, schon klar ... Das ist der einzige Nachteil daran, dass ich jetzt hier arbeite. Der Flug nach New Jersey dauert ewig.“ 


„Ich verstehe dich nur zu gut“, sagte Sadie, während sie ihren Rechner herunterfuhr und nach ihrer Tasse griff. 


„Und wofür? Damit meine Stiefmutter meinen Vater wieder anzickt und Brad sich volllaufen lässt.“ Cassandra stieß, den Kopf in die Hände gestützt, einen weiteren Seufzer aus und brachte Sadie so zum Lachen. 


„Du könntest kneifen.“


„Dann werde ich bestimmt enterbt. Nein ... ich werde mich wohl fügen müssen.“ Mit diesen Worten fuhr Cassandra ebenfalls ihren Rechner herunter und folgte Sadie in die Küche, wo sie ihre Tassen in die Spülmaschine stellten. Zurück an ihrem Schreibtisch griff Sadie nach ihrer Tasche, verabschiedete sich von Cassandra und lief die zwei Stockwerke nach unten über die Treppe. Dort angekommen, kreuzten bereits einige von Matts Kollegen ihren Weg. Sie wartete, bis sie das Büro seiner Abteilung betreten konnte und ging hinüber zu seinem Schreibtisch. Darunter stand ein Hocker, den er für seinen Fuß brauchte. Gerade war er dabei, nach seinen Krücken zu greifen und mit ihrer Hilfe aufzustehen. Jason stand daneben und wollte seine Hilfe anbieten, aber Matt schüttelte schon im Voraus den Kopf. 


„Da ist deine Frau“, sagte Jason. Matt hob den Kopf und lächelte kurz, dann hatte er es geschafft und stand mit den Krücken. Er spekulierte darauf, den Gips in der Folgewoche loszuwerden. Das wurde auch mal Zeit, wie Sadie fand. Inzwischen trug er ihn schon seit fast fünf Wochen und regte sich jedes Mal beim Duschen fürchterlich auf. 


Es war nun schon die zweite Woche, in der er wieder arbeiten ging. Sobald der Arzt seine Blutwerte nicht mehr für allzu bedenklich gehalten hatte, hatte Matt darauf gedrängt, wieder als arbeitsfähig eingestuft zu werden. Der Gips hielt ihn ja nicht wirklich davon ab, ins Büro zu gehen und für den Arbeitsweg sorgte Sadie. Sie selbst war auch froh, dass er wieder arbeiten ging, denn während seiner Krankschreibung war er ziemlich unleidlich gewesen. Das konnte sie gut verstehen, sie kannte es auch von sich selbst. 


„Hey, Sadie“, sagte Jason zu ihr. „Bis morgen.“ 


„Bis morgen“, erwiderte Matt und folgte ihm in Sadies Richtung. Gemeinsam gingen sie zur Tür, die Sadie vorausschauend für ihn aufhielt. Gemeinsam gingen sie zum Aufzug, wo sie Jason wieder begegneten. Als die Aufzugtüren sich öffneten, machten die Leute im Aufzug Platz für Matt. Er fing sich manchmal fragende Blicke ein, weil er mit Krücken und Gips im Büro erschien, aber das prallte einfach an ihm ab. 


Als sie das Gebäude verließen, entdeckte Sadie Cassandra auf dem Parkplatz und winkte ihr zu. Sie ging langsam voraus zum Challenger, für den Matt im Augenblick völlig unerschrocken eine Sonderparkgenehmigung unweit des Gebäudes beantragt hatte, und Sadie nahm ihm die Krücken ab, als er auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Nachdem sie die Krücken in den Kofferraum gelegt hatte, stieg sie ebenfalls ein und fuhr los. Sie hatten den Parkplatz noch nicht verlassen, als Matt kommentarlos die CD wechselte und danach wieder aus dem Fenster starrte. 


„Und, wie war dein Tag?“, fragte Sadie ins Schweigen hinein, während Monster Magnet aus den Lautsprechern schallte. 


„Normal“, erwiderte Matt knapp. 


„Klingt ja nicht sehr aufregend.“ 


„War es auch nicht.“ 


„Für Aufregung ist es vielleicht auch noch etwas zu früh.“ 


„Oh, so ein bisschen Abwechslung würde nicht schaden. Ich würde gern wieder raus auf die Straße, aber das geht ja nicht.“ Matt starrte auf seinen Gipsfuß und verschränkte die Arme vor der Brust. 


„Geduldig warst du ja noch nie“, stellte Sadie augenzwinkernd fest, während sie die Auffahrt zum Freeway nahm. 


„Nein, vor allem nicht bei so etwas. Ich vermisse meine Arbeit.“ 


Sadie nickte nur. Sie konnte ihn verstehen, nur helfen konnte sie ihm nicht. 


Durch den dichten Verkehr schlängelte sie sich nach Hause. Es war jetzt fast fünf Wochen her, dass Matt beinahe verblutet wäre, was er nach seiner Schussverletzung im Vorjahr mit Fassung trug. Dass er in Lebensgefahr geschwebt hatte, machte ihm nichts aus. Was ihn wurmte, waren die ganzen Umstände dahinter. 


„Ich freue mich auf heute Abend“, versuchte Sadie, das Gespräch wieder aufleben zu lassen. 


„Wird bestimmt nett“, stimmte Matt zu. 


Sie seufzte leise und gab es auf. Sie konnte ihn wirklich verstehen, aber er machte es ihr auch nicht gerade leicht. In manchen Momenten bemühte er sich redlich, in anderen hatte sie keine Chance. Gerade war es wieder soweit. 


Sie brachten den Heimweg schweigend hinter sich. Zu Hause angekommen, reichte Sadie Matt die Krücken wieder an und schloss die Haustür auf. Wie so oft führte ihr erster Weg in die Küche, um die Katzen zu füttern. Mittens stand schon bereit und erwartete sie miauend. Das rief Augenblicke später auch Figaro auf den Plan. 


Im Augenwinkel sah Sadie, wie Matt sich auf die Treppe setzte, seinen rechten Schuh auszog und sich dann mit einer Krücke auf den Weg nach oben machte. Sie hatte es aufgegeben, ihm ihre Hilfe anzubieten, denn er lehnte sie grundsätzlich ab. Sadie stellte es nicht in Frage und nahm zur Kenntnis, dass sein Stolz in solchen Momenten größer war. 


Als sie in der Küche fertig war, folgte sie ihm nach oben und zog sich ebenfalls um. Für den Abend wählte sie eins ihrer wenigen Kleider. Matt pfiff durch die Zähne, als er aus dem Bad zurückkehrte und sah, was sie angezogen hatte. Er trug bereits eine dunkle Jeans und ein ebensolches Hemd. Sadie drehte sich zu ihm um und lächelte. 


„Du solltest öfter Kleider tragen“, sagte Matt. „Steht dir wahnsinnig gut.“ 


„Danke.“ Sadie errötete und senkte verlegen den Blick. 


„Hey.“ Matt arbeitete sich mit seiner Krücke zu ihr vor und umarmte sie mit dem rechten Arm. Er drückte sie fest an sich, vergrub eine Hand in ihrem langen roten Haar und küsste sie unerwartet leidenschaftlich. Sadie schloss die Augen und lächelte. In solchen Momenten war er immer ganz der Alte, ihr Matt, ihr geliebter Ehemann. Sie gab sich seinen Zärtlichkeiten ganz hin und erwiderte seine Umarmung, so fest sie konnte. 


„Meine wunderschöne Sadie“, raunte er ihr zu und grinste. 


„Soll das ein Angebot sein?“, fragte sie überrascht. 


„Na ja ... mein Fuß ist kaputt. Für andere wichtige Körperteile gilt das nicht ...“ 


Sie lachte, während er sich langsam von ihr löste und wieder auf den Weg nach unten machte. Schweigend blickte Sadie ihm hinterher und ging ins Bad, um sich zu frisieren. Es war nicht das erste Mal, dass Matt sich so verhielt, aber trotzdem wusste sie oft nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Sie war nämlich nicht sicher, ob das nur aufgesetzt oder ernst gemeint war. 


Allerdings verschwendete sie in diesem Moment keinen weiteren Gedanken daran, denn sie mussten sich allmählich auf den Weg machen. Es war schon kurz nach sechs und Nathan hatte den Tisch für sieben Uhr reserviert. Er hatte einen Inder in Downtown vorgeschlagen, womit Matt einverstanden war. Ein Parkhaus lag in der Nähe und solange er nicht weit laufen musste, war ihm alles recht. 


Wenig später machten sie sich wieder auf den Weg. Anfänglich starrte Matt aus dem Fenster, doch plötzlich tastete er nach Sadies Hand. Auf der Interstate brauchte sie ihre rechte Hand sowieso nicht, deshalb verschränkte sie ihre Finger mit seinen und schenkte ihm ein Lächeln. 


„Dass es dir nicht zu lästig ist, mich herumzukutschieren“, sagte er. 


„Ach was. Sonst fährst du immer, jetzt eben ich. Ich habe schon Typen kennengelernt, die ihre Frau oder Freundin nicht mit dem heiligen Auto hätten fahren lassen ...“ 


„Ja, das sind auch die Typen, die denken, der beste Liebhaber sei der, der am schnellsten fertig ist“, erwiderte Matt trocken und grinste. 


Sadie lachte. „Du hast ja Vergleiche.“ 


„Das ist mein Ernst. Denen sind Frauen fürs Bett gut genug, aber ansonsten nicht auf Augenhöhe. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf.“ 


Sadie drückte seine Hand und überlegte, was sie erwidern sollte, aber ihr fiel nichts ein. Sie war froh, dass Matt so anders war und liebte ihn für seine ganze Art. 


Auf dem Weg nach Downtown hinein betrachteten sie den beachtlichen Stau auf der Gegenfahrbahn. Matt navigierte Sadie bis an ihr Ziel, das sie zwar zu früh erreichten, aber Sadie war lieber überpünktlich als zu spät. Für den Weg zum Restaurant brauchte Matt auch wieder ein bisschen. Zwar war er inzwischen gut darin, mit den Krücken zu hantieren, aber so schnell wie gewöhnlich war er damit trotzdem nicht. 


Als sie am Eingang von einem Kellner in Empfang genommen wurden und Nathans Namen für die Reservierung nannten, nickte der Kellner und eilte geflissentlich voraus. Weder Sadie noch Matt waren überrascht, Nathan bereits an einem gemütlichen Tisch in einer ruhigen Ecke zu entdecken. 


„Ihr seid ja auch schon da“, sagte er und stand gleich auf, um sie zu begrüßen. Matt klemmte sich die Krücke unter den Arm, um Nathan die Hand zu schütteln und setzte sich schließlich. Nathan und Sadie machten ihm unter dem Tisch etwas Platz, so dass er den Fuß ausstrecken konnte. 


„Du siehst gut aus“, sagte Nathan und nickte Matt aufmunternd zu. 


„Danke, ich bin auch fast wieder ganz der Alte“, sagte Matt und blickte zu seinen Krücken. „Bis auf die da vielleicht.“ 


„Ach, wer hatte noch nie einen gebrochenen Knochen? Das ist doch halb so wild. Wann gehst du wieder arbeiten?“ 


„Er geht schon längst“, sagte Sadie. 


Überrascht hob Nathan die Augenbrauen. „Tatsächlich?“


„Schon seit letzter Woche“, sagte Matt. „Seit mein Arzt glaubt, dass ich nicht morgens neben der Kaffeemaschine umkippe.“ 


„Ganz schön motiviert“, fand Nathan. 


„Er war unerträglich zuhause“, sagte Sadie kopfschüttelnd. 


„Ja, vor allem in der zweiten Woche“, stimmte Matt trocken zu. „In der ersten warst du ja noch da, aber in der zweiten waren es bloß die Katzen und ich. Da wird man verrückt.“ 


„Arbeitstier“, sagte Nathan kopfschüttelnd und blickte zu Sadie. „Und wie geht es dir?“ 


„Gut. Endlich geht alles wieder seinen gewohnten Gang.“ 


„Es tut mir leid, dass ich es nicht vorher einrichten konnte“, sagte Nathan. „Heute wollte der Chief mir auch schon wieder den Feierabend versauen, aber dagegen habe ich gestreikt.“ 


„Was ist denn los?“, erkundigte Sadie sich. Sie wurden unterbrochen, weil der Kellner mit den Speisekarten kam und die Getränkebestellung aufnahm. 


Als er fort war, antwortete Nathan: „Ein neuer Mordfall. Ihr kennt das ja ... zwar ist derjenige schon tot, aber alle stehen Kopf. Dabei habe ich im Gefühl, dass ich in der Angelegenheit einen langen Atem brauche.“ 


„Das klingt ja nicht sehr ermutigend“, fand Sadie. 


„Nein ...“ Nathan seufzte. „Aber lassen wir das. Ich freue mich, dass wir es endlich geschafft haben, uns wiederzusehen. Auch wenn wir uns vielleicht nicht unter den glücklichsten Umständen kennengelernt haben, würde ich doch sagen, dass wir Freunde geworden sind. Das schaffe ich teilweise mit langjährigen Kollegen im Department nicht.“ 


„Danke für die Blumen“, sagte Sadie und lächelte. Ihr entging nicht, dass Matt ausdruckslos auf den Tisch starrte. 


„So etwas erlebt man ja nicht alle Tage“, sagte Nathan. 


„Hast du noch etwas von Manning gehört?“


„Nein, aber ich kann mich mal schlau machen, falls du das möchtest.“ 


„Das würde mich tatsächlich interessieren“, sagte Sadie. 


„Das war wohl auch für dich kein ganz alltäglicher Fall.“ 


„Ganz und gar nicht“, stimmte Sadie mit einem Lächeln zu. Dann widmeten sie sich der Speisekarte und gaben beim Kellner ihre Bestellung auf, als er ihre Getränke brachte. Sadie erkundigte sich nach Nathans Familie und erzählte ein wenig von Phil. Dabei entging ihr nicht, wie Nathan Matt immer wieder fragende Blicke zuwarf und vergeblich darauf wartete, dass Matt sich am Gespräch beteiligte. 


Schließlich wurde es ihm zu bunt. „Wie lang musst du den Gips noch tragen?“ 


Matt blickte auf. „Hoffentlich nur noch bis nächste Woche. Ich bin ihn so leid ... inzwischen juckt es darunter pausenlos, das ist die Hölle!“ 


Nathan lachte. Sie sprachen über die verschiedensten Dinge, bis das Essen kam und setzten ihr Gespräch auch während des Essens fort. Matts einziger Gesprächsbeitrag bestand jedoch aus der Feststellung, dass sein Chicken Curry ziemlich scharf geraten war. Nach dem Essen schnappte er sich seine Krücken und hinkte damit in Richtung der Toiletten. Er war gerade erst um die nächste Ecke verschwunden, als Nathan sich mit ernster Miene zu Sadie beugte und kurz überlegte. 


„Alles in Ordnung mit ihm?“, fragte er dann ganz direkt. 


„Definiere in Ordnung“, erwiderte Sadie, den Kopf in die Hände gestützt. 


„Ich kenne ihn ja nun nicht besonders gut und ich habe ihn auch nicht lang erlebt, bevor das mit Stacy Gallagher passiert ist, aber ich habe den Eindruck, er hat sich ziemlich abgeschottet.“ 


Sadie seufzte tief und zuckte mit den Schultern. „Das ist tagesformabhängig. Manchmal wechselt das auch von einer Minute zur anderen. Inzwischen schläft er besser und dass er wieder arbeiten kann, hilft ihm ungemein. Ich weiß, wie das ist. Das braucht einfach Zeit.“ 


Nathan hob die Hände. „Du bist die Expertin.“ 


Sie lächelte. „Nein, schon gut. Du hast recht, er tut sich noch etwas schwer. Es würde mir Sorgen bereiten, würde ich nicht sehen, dass es stetig besser wird.“ 


„Gut“, sagte Nathan. „Wenn du meine Hilfe brauchst, zögere nicht, es zu sagen.“ 


„Danke, Nathan, aber ich wüsste nicht, wie du da helfen könntest. Da hilft gerade eigentlich nur Geduld.“ 


„Wenn das jemand beurteilen kann, dann du“, sagte er und lächelte. „Ich glaube, du hilfst ihm ungemein.“ 


„Ich tue mein Bestes“, sagte Sadie. Das tat sie wirklich, aber dass Nathan sie auf Matts Verhalten angesprochen hatte, beunruhigte sie. Zwar stimmte es, sie hatten sich seit Wochen nicht gesehen, aber sie hielt Nathan für sensibel genug, um sich bewusst zu machen, dass die vergangenen Ereignisse nicht spurlos an Matt vorübergingen. Dass es ihn trotzdem beschäftigte, ließ ihre Alarmglocken schrillen. 


Sie kamen nicht dazu, das Thema weiter zu vertiefen, weil Matt schon wieder auf dem Rückweg war. Sadie lehnte sich wieder zurück und lächelte ihrem Mann zu, der das Lächeln vorbehaltlos erwiderte. 


„Eine Laufbahn als Detective hätte ich mir auch vorstellen können“, sagte Sadie zu Nathan, während Matt sich wieder setzte. 


„Ja, das ist nicht schlecht. Manchmal ist es der Wahnsinn, aber generell mag ich meine Arbeit“, sagte Nathan. 


„Worum geht es denn in deinem neuen Fall? Darfst du darüber sprechen?“ 


„Da wir unter uns sind ...“ Nathan holte tief Luft. „Es geht um eine Prostituierte, die ermordet in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde. Klingt erst mal nicht spektakulär, aber es war ein Luxushotel und die Dame hat Stundensätze genommen ... da schlackern dir die Ohren.“ 


„Um ehrlich zu sein, klingt das auch erst mal nicht ungewöhnlich“, sagte Sadie. 


„Nein, das stimmt schon, aber ich kriege noch keinen Kopf an der Sache. Das ist ganz schön schlecht, wenn man der leitende Ermittler ist!“ Nathan lachte. 


„Du weißt, ich helfe dir immer gern“, erinnerte Sadie ihn. 


„Ich komme darauf zurück, wenn ich muss“, sagte Nathan. „Dabei kannst du dir doch sicher auch Besseres vorstellen, als mir dauernd den Hintern zu retten!“ 


„Ich rette jeden Hintern, der gerettet werden muss“, sagte Sadie. 


„Ja, mal sehen. Ich gebe mich noch nicht geschlagen. Es ist eben die übliche zähe Polizeiarbeit ... Obduktionsergebnisse abwarten, mit dem Umfeld des Opfers sprechen, mögliche Zeugen verhören, Verdächtige ausschließen ... ehrlich gesagt sind wir da noch nicht besonders weit. Ich weiß bis jetzt nur, dass sie an dem Abend nicht offiziell über ihre Escortagentur gebucht wurde, sondern unter der Hand. Die Frage ist jetzt, von wem.“ 


„Da will jemand unentdeckt bleiben“, sagte Sadie. 


Nathan nickte. „Mit absoluter Sicherheit. Es bleibt spannend.“ 


„Du kriegst das schon hin“, sagte plötzlich Matt und lächelte. Nathan nickte ihm zu. 


Die beiden ließen sich schließlich Bier kommen. Sadie war es recht, sie hätte auch nichts trinken wollen, wenn sie nicht gefahren wäre. Sie bestellte sich nur einen alkoholfreien Cocktail, den sie in aller Ruhe austrank. 


Als Matt erst mal etwas Bier getrunken hatte, wurde er etwas gesprächiger und plauderte mit Nathan über die Arbeit und andere Themen. Sie blieben noch recht lang in dem Restaurant. Es war schon kurz vor halb elf, als sie sich vor dem Eingang voneinander verabschiedeten. Sadie umarmte Nathan und schenkte ihm ein Lächeln. 


„Du meldest dich, wenn du Unterstützung brauchst“, wiederholte sie. 


„In Ordnung. Ich weiß das zu schätzen. Gute Heimfahrt, ihr beiden. Bis dann!“ Nathan hob die Hand zum Gruß und verschwand in die andere Richtung. Sadie und Matt gingen zum Parkhaus und traten den Heimweg an. Während Sadie ihren Mann im Augenwinkel musterte, hatte sie das Gefühl, dass er deutlich ruhiger und entspannter war als zuvor. Bis auf das Leuchten der Armaturenanzeigen war es dunkel im Wagen. Die Musik dudelte nur leise, so dass das laute Röhren des V8-Motors nicht zu sehr in den Hintergrund trat. 


„Nathan ist schwer in Ordnung“, sagte Matt plötzlich ins Schweigen hinein. 


„Ich mag ihn auch sehr“, stimmte Sadie zu. 


„Ich bin froh, dass er für uns da war. Ohne seine Hilfe hätte das alles anders ausgesehen.“ 


Sadie nickte nur. Darüber wollte sie am liebsten überhaupt nicht nachdenken. 


„Bist du glücklich?“ 


Die Blicke der beiden trafen sich, als Sadie Matt erstaunt ansah. „Natürlich. Wie kommst du darauf?“ 


Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich mache es dir nicht leicht.“ 


„Du machst doch gar nichts.“


„Ach komm“, sagte er und atmete tief durch. 


„Ich verstehe dich, Matt“, sagte Sadie ungerührt. „Wundert dich das etwa?“ 


„Nein ... aber ich weiß, du machst dir Sorgen. Das musst du nicht. Was ich vorhin zu Hause gesagt habe, habe ich übrigens ernst gemeint.“ 


Sadie musste kurz überlegen. „Als du mir das Kompliment gemacht hast?“ 


Er nickte. „Ich liebe dich unverändert und ich finde dich wunderschön. Du sollst meinetwegen auf nichts verzichten.“ 


„Was kommt denn jetzt?“, fragte Sadie irritiert. 


„Du kannst es mir sagen, wenn dir der Sinn nach mehr steht. Das ist okay.“ 


„Ich weiß“, sagte sie knapp. Das hatte er ihr bereits bewiesen. Sie hatte keinen Unterschied gespürt und geglaubt, dass das bei Matt nicht anders gewesen war, aber das wusste sie eben nicht. Er hatte es unbedingt probieren wollen, sobald er sich körperlich dazu in der Lage gesehen hatte und es war auch nicht bei dem einen Mal geblieben. 


Trotzdem verstand sie nicht, warum er das jetzt ansprach. 


Erneut tastete er nach ihrer Hand. Seine war ganz kalt. Sadie drückte sie ganz fest. 


Es war eigenartig. Bislang war Matt immer derjenige gewesen, der sich um Sadie gekümmert hatte und versucht hatte, ihr Halt zu geben. Im Augenblick hatte Sadie das Gefühl, sie hätten die Rollen getauscht. Es war nicht, dass es sie störte – aber es beunruhigte sie. Oft verhielt er sich zurückgezogen und abwesend, aber in anderen Momenten war er nicht nur ganz der Alte, sondern intensiv um sie bemüht. Sadie war so unaussprechlich froh, dass sie ihn noch hatte und er nicht an diesem Tag vor einigen Wochen an der Stichverletzung verblutet war. Mit diesem Gedanken beschäftigte sie sich kaum, weil sie ihn nicht ertrug. 


Sie verließ den Freeway und fuhr das letzte Stück nach Hause ganz gemächlich. Es war kurz nach elf, als sie dort eintrafen. Sadie schaute noch einmal nach den Katzen und goss die Orchidee, die Cassandra ihr kürzlich geschenkt hatte. Einfach so. Sadie freute sich immer noch darüber. 


Matt war schon nach oben gegangen. Als sie das Schlafzimmer betrat, fand sie ihn bequem auf dem Bett liegen mit seinem Tablet in der Hand. Als sie sich neben ihn legte, um zu spionieren, was er machte, fand sie eine Seite mit Fotos. 


„Das ist ein Fotograf, dem ich folge“, sagte Matt. „Ich habe schon viel zu lang nicht mehr fotografiert.“ 


„Das stimmt“, sagte Sadie und schmiegte sich an ihn, um mit ihm gemeinsam die Fotos anzusehen. Als sie schließlich müde wurde, stand sie auf, zog sich um und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Wenig später erschien auch Matt, um es ihr gleich zu tun. Als er in Shorts hinter ihr stand, konnte sie mit einem Blick in den Badezimmerspiegel auch die Operationsnarbe an seinem linken Oberschenkel sehen. Sie war noch ganz frisch und leuchtend rot. Seine älteren Narben verblassten inzwischen immer mehr. 


Schließlich machte Sadie ihm Platz und wartete im Bett auf ihn. Als er dort angekommen war, stellte er die Krücke neben dem Bett ab, ließ sich ins Bett fallen und streckte einladend einen Arm aus. Sadie verstand und schmiegte sich seitlich an ihn, weil sie wusste, wie sehr er das immer liebte. Dabei rutschte die Bettdecke ihr bis an die Hüfte herab. Sie trug das Nachthemd, das Matt ihr einmal geschenkt hatte – aus eiskalter Berechnung, das war ihr klar. Der Stoff war ganz weich und der Schnitt verbarg nur das Nötigste. 


Tatsächlich hatte Matt es darauf abgesehen. Er streckte auch den anderen Arm nach ihr aus und fuhr den Ausschnitt ihres Nachthemdes ganz sanft mit den Fingerspitzen nach, so dass Sadie eine Gänsehaut bekam. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich einfach auf seine Berührung. 


Schließlich strich er ihr übers Haar und küsste sie auf die Nasenspitze. „Ich liebe dich, meine süße Sadie.“ 


„Ich liebe dich auch.“ 


 


Er lächelte ihr zu und löschte das Licht. Sadie ließ ihren Kopf auf seiner Schulter liegen und konzentrierte sich ganz auf seine Nähe und Wärme. Vielleicht war er auch einfach nur so liebeshungrig, weil er sie beinahe verloren geglaubt hatte. Was auch immer es war, Sadie nahm es zur Kenntnis. Für sie zählte nur, dass zwischen ihnen alles in Ordnung war. 




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