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> Krimi Thriller > Die Engelsfalle
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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Die Engelsfalle, Claudia Leweke
Claudia Leweke

Die Engelsfalle



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Dezember 1991
Prolog

Mutter lag ausgestreckt auf dem Bett. Die Flickendecke, die sie als junge Frau zur Hochzeit geschenkt bekam, hing schlaff über ihrem massigen Leib und zeichnete ihre Körperformen nach, hob und senkte sich mit jeder ihrer immer spärlicher werdenden Atembewegungen. Mutter röchelte. Ein Husten, eine kurze Pause in der Atmung, bevor diese rasselnd wieder einsetzte.
»Mutter!« Er starrte sie an. Mutter wurde schwächer. Ihr Körper verfiel zusehends, obwohl sie nicht dünner geworden war. Sie war immer dick gewesen. Auch als der Krebs sie längst zerfraß, nahm sie nicht ab. Grau war sie geworden und ihre Wangen waren erschlafft, aber ihr riesiger Leib und ihre Brüste waren prall wie eh und je.
»Mutter, bleib doch bei mir!«
Zaghaft legte er seine Hand auf ihren Arm, bereit sie sofort wieder zurückzuziehen, wenn sie seine Berührung schroff abweisen würde. Er konnte sich nie sicher sein. Manchmal war es gefährlich, sie zu berühren, manchmal war es gut, wenn man es tat. Heute hielt sie still.
»Ach Junge. Du bist alt genug. Jetzt such dir endlich eine Frau. Aber eine anständige, nicht so ein Flittchen, hörst du?«
Ein pfeifender Atemzug begleitete ihre Worte, aber er hatte sie dennoch verstanden. Er kannte sie ohnehin bereits. Meist wurden sie lauter gesprochen, in dem für Mutter typischen Befehlston. Aber das war, als sie noch bei Kräften gewesen war.

»Ja, Mutter.«
Er parierte. Was hätte er auch sonst tun können? Wie hätte er ihr begreiflich machen können, dass keine normale Frau sich jemals mit ihrem Sohn einlassen würde?
»Mutter?«
Mutter antwortete nicht. Sie hatte ihn allein gelassen.
Er beugte sich zu ihr herunter. Diesmal war er sicher, dass sie ihn nicht abweisen würde.
Er drückte sein Gesicht in ihre tote Brust.


August 2006
Kapitel 1

Die harmonischen Klavierklänge von Cat Stevens‘ ›Morning has broken‹ begannen sanft und stimmten den unvorbereiteten Hörer auf ein ruhigen Song ein. Aber wie jeden Morgen folgte nach den ersten Takten die eigenwillige Version des Liedes, die der kleine Lokalsender als Erkennungsmelodie für seine Morgensendung aufgenommen hatte: ›Morning in Grietz - ein ganz neuer Tag‹.
Brigitte stöhnte. »Nicht schon wieder.«
»Guten Morgen, liebe Hörer aus Grietz und Umgebung. Es ist sechs Uhr. Zeit für ›Um Sechs in Grietz‹! Wir danken allen Radioweckern, dass sie sich pünktlich eingeschaltet haben und wünschen ihren Besitzern einen guten Start in diesen wunderprächtigen Tag! Und nicht vergessen: Wir von Local.Grietz sind immer für Sie da! Rufen Sie uns an! Jetzt sind wieder Ebbi und Belle für Sie im Einsatz, um Sie aus den Federn zu holen. Um Ihnen die Sache etwas zu erleichtern, erstmal eine alte Schmonzette von den Beatles: ›Love me do‹ - genau das Richtige, um an diesem schönen Sommertag munter zu werden. Unsere liebe Belle sieht nämlich noch ganz verschlafen aus, richtig verknittert. Ich werde sie wohl ein wenig aufwecken müssen. Wie gut, dass unsere Hörer sie so nicht sehen können.«
»Hahahahaha!« Das glockenklare Lachen von Isabelle Ruhnke ertönte wie auf Kommando, als Eberhard Linne sie ansprach.
Die Klänge von John Lennons Mundharmonika drangen in voller Lautstärke aus dem Radio.

»Spinner!« Brigitte Kaltmann schlug mit der flachen Hand auf ihr Radio. Sicherheitshalber schob sie den Schalter in die Off-Position, damit Ebbi auch nicht wieder anfangen würde, seine aufgesetzt fröhlichen Sprüche abzusetzen - zu dieser unchristlichen Zeit.
Sie hörte, wie die Türklinke leise nach unten gedrückt wurde. Brigitte zog die Decke über ihren Kopf, aber es nutzte nichts. Wenn Kristin das Radio gehört hat, wusste sie auch, dass ihre Mutter wach war.
»Morgen, Kleine.«, murmelte sie. »Wir haben noch ein bisschen Zeit. Magst du noch kuscheln?«
Kristin ging zu dem Bett ihrer Mutter und zupfte an dem dünnen Überwurf. »Die Kerzen, Mama.«
Brigitte setzte sich auf den Bettrand. Ihr Körper fühlte sich bleischwer an. Sie sehnte sich zurück nach den Kissen. »Die Kerzen.«, seufzte sie und nahm Kristin an die Hand. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer. Sie nahm drei kleine Teelichte aus dem Schrank und stellte sie auf das kleine Blumentischchen vor die Fotos von Paul, Antonia und Matthias. »Willst du?«
Kristin nickte. Brigitte gab Kristin das kleine Automatik-Feuerzeug und Kristin zündete ein Teelicht an. »Ich denk an dich, Papa.« Ihre dünne Stimme zitterte. Sie nahm das nächste Teelicht und hielt das Feuerzeug daran. »Ich denk an dich, Antonia.« Kristin schluchzte leise und entzündete auch das dritte Teelicht. »Ich denk an dich, Matthias.«
Brigitte nahm ihr das Feuerzeug ab und legte es auf die Fensterbank. Das Mädchen faltete seine Hände zum Gebet. Brigitte hockte sich hinter Kristin und legte ihre Hände um die kleinen Kinderhände herum. Sie schlossen beide ihre Augen und schickten ein stummes Gebet in den Himmel - oder wo immer die drei sich jetzt auch befinden mochten.

Nach einigen stillen Augenblicken lösten sie sich voneinander. Brigitte schob Kristin in Richtung Bad. »Zeit für den Kindergarten.«, erinnerte sie ihre Tochter leise.
Ihr war übel.


© 2007 Claudia Leweke

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