Riemenschneider löste seine Haarpracht und ging zu Peter Jakobi hinüber. Für einen kurzen Augenblick kehrte Ruhe ein. Mittlerweile hatte man den letzten Knochen, die hie und da Textilsegmente aufwiesen, aus dem Erdreich geborgen.
Vor ihnen lagen die Überreste eines menschlichen Leichnams.
„Ich fasse zusammen", meldete sich Hauptkommissar Peter Jakobi mit gezücktem Notizblock zu Wort. „Ihr habt den Baum da gefällt und seid dabei auf ihn hier gestoßen."
Gerichtsmediziner Franz Decker rückte seine Brille zurecht und schüttelte den Kopf.
Meist arbeitete er als Pathologe, nicht als Forensiker. Doch seit ein früherer Chef vor fast zwei Jahrzehnten eine leitende Position am Institut für Rechtsmedizin in Mainz angetreten hatte, ermöglichte ein Sondervertrag ihm und seinen Kollegen die Autopsie ungeklärter Todesfälle im Kreis Trier Saarburg.
„Falsch!", korrigierte er den Schulfreund.
Jakobi stutzte und verzog den Mund.
„Du meinst ...?"
„Genau! Dieses Becken gehört zu einer Frau. Und eines kann ich jetzt schon sagen: Der Schädel zeigt keinerlei Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung auf. Ebenso wenig hat man ihr die Kehle durchgeschnitten. Erwürgt wurde sie auch nicht. Dann wäre das Zungenbein gebrochen."
Riemenschneider legte seine Stirn in Falten und zog die, vor einer Woche gestutzten, Haare an seinem Kinn in die Länge.
Stefans Linke knautschte die Vorderseite seines Sweatshirts. Seine rechte Hand hatte er in die Hosentasche gesteckt.
„Was, wenn hier noch mehr ...", setzte er an, doch dann bemerkte er Jakobis abwehrende Hand, die in seine Richtung zeigte.
„Du denkst an einen ehemaligen Friedhof?", brummte Riemenschneider mit halbem Munde. Vor seinem geistigen Auge sah er neben einem umgegrabenen Wiesenstück auch die restlichen seiner heiß geliebten Apfelbäume, die man samt Wurzelwerk aus dem Boden gehoben hatte, dazu ein Archäologenteam, das Millimeter für Millimeter in das Erdreich eindrang.