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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Das verschwundene Buch, Rita Hausen
Rita Hausen

Das verschwundene Buch



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1. Odilienberg


 


 


 


Gesine Kaberta fuhr mit ihrem weißen Twingo die steile Straße hinauf, die zum Odilienberg führte. Sie wollte noch vor dem ersten Touristenansturm die wichtigsten Stätten in Ruhe auf sich wirken lassen. Sie hatte Glück, auf dem Plateau standen nur wenige Leute. Sie genoss den wundervollen Ausblick von der Klosterterrasse ins Rheintal hinunter. In der Ferne zeichneten sich blassgrau die Berge des Schwarzwaldes ab. Sie spürte die starke Schwingung des Ortes, fühlte sich angenehm aufgeladen. Sie hatte die Fähigkeit, ohne Pendel und ähnliche Hilfsmittel gewisse Adern und Ley-Lines zu spüren. Hier auf dem Odilienberg kreuzten und trafen sich unterschiedliche bedeutende Linien, das hatte sie schon bei früheren geomantischen Erkundungen intuitiv wahrgenommen.


 


Als sie das erste Mal im Klosterbezirk gewesen war, hatte sie versucht, den sogenannten Schlüsselplatz zu finden, den Ort, von dem aus sich am besten ein innerer Zugang zur Anlage finden ließ.


 


Auch jetzt zog es sie zur Statue der Heiligen Odilia im Klosterhof und dem alten Sodbrunnen. Vor ihrem geistigen Auge entstand das Bild einer Himmelsleiter als Ausdruck dafür, dass der Odilienberg ein gewaltiger kosmischer Einstrahlungspunkt war.


 


Inzwischen waren die Kapellen geöffnet, und nachdem eine Schulklasse sich entfernt hatte, betrat sie die Tränenkapelle. Obwohl der Tränenstein durch ein kreuzförmiges Gitter verschlossen war, spürte sie in der Kapelle seine enorme Kraft. Sie stellte sich in die unmittelbare Nähe des Steins und schloss die Augen. Ihr war, als träte sie in einen lichten inneren Raum. Gleichzeitig hatte sie das Empfinden, als ob sich in ihrem Kopf alle Spannungen lösten.


 


Die Legende berichtete, dass Odilia hier Tränen über ihren Vater vergossen hatte, der ins Fegefeuer gekommen war, weil er in Wut seinen eigenen Sohn erschlagen hatte. Durch ihre Tränen, die den Stein erweichten, erlöste sie ihn von den Qualen des unterweltlichen Daseins.


 


Gesine ging hinaus und schaute auf ihre Uhr. Es war Zeit, zur Klosterbibliothek zu gehen. Sie hatte die Schwestern vom Heiligen Kreuz um Erlaubnis gebeten, die Bibliothek benutzen zu können, da sie auf der Suche nach einem Dokument war. Sie hoffte, es hier zu finden. Sie beschäftigte sich seit vielen Jahren mit Geomantie und wollte eine strittige Frage klären. Die meisten Menschen taten die Geomantie als unwissenschaftlich und esoterisch ab, solche Skeptiker waren schwer zu überzeugen vom dem, was für sie so offensichtlich war. Die Art des Denkens, die die industrielle Vergiftung der Landschaft hervorgebracht hatte, war überall verbreitet und so dominant, dass man es schwer hatte, eine andere Sichtweise dagegen zu setzen. Fortschrittsglaube und die Interessen der Wirtschaft waren bei vielen vorrangig. Geomantie aber bildete die Einführung in ein völlig anderes Verständnis des Lebens.


 


Eine Nonne führte sie in die Bibliothek und wies sie in den Gebrauch der Bücher und des Katalogs ein. Als die Ordensfrau gegangen war, schweiften Gesines Augen ehrfürchtig über die alten Buchbände. Einige durfte sie nur mit Baumwollhandschuhen anfassen, manche waren nur in digitalisierter Form zugänglich. Im Leseraum saß noch ein etwa fünfzig Jahre alter Mann mit grau meliertem Haar, in das Studium eines Buches vertieft. Gesine klickte sich durch das Suchprogramm des Computers. Sie hatte Hinweise erhalten, dass hier in der Klosterbibliothek die ″Ars geomacie″ von Hugues de Santella aus dem 15. Jahrhundert zu finden sei. Nach zwei Stunden erfolglosen Suchens fühlte sie sich müde und hungrig. Sie machte sich auf zum Restaurant in der Nähe des Klosters, um etwas zu essen und einen Kaffee zu trinken. Am Nebentisch entdeckte sie den Mann aus der Bibliothek. Nach dem ersten Schluck Kaffee lehnte sie sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Der Kellner brachte den bestellten Flammkuchen, den sie mit Genuss verspeiste. Der Mann vom Nebentisch kam und fragte, ob er sich zu ihr setzen dürfe. Er sah gut aus mit seinen dunklen Augen und seinem braun-grau melierten Haar. Sein Gesicht war markant, Nase und Backenknochen traten stark hervor. Sie nickte und schaute ihn neugierig an.


 


″Entschuldigen Sie, ich möchte nicht aufdringlich sein. Sie waren vorhin sehr vertieft in den Computer, und ich habe mich gefragt, warum jemand in einer so gut bestückten Bibliothek nur auf den Bildschirm starrt, anstatt sich die alten Handschriften und Bücher anzusehen.″ Er lächelte schief.


 


Gesine lächelte ebenfalls, strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn und antwortete: ″Ja, erst muss man halt mal das richtige Buch finden, in dem man blättern möchte.″


 


″Was suchen Sie denn? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.″


 


″Wie kommen Sie darauf?″


 


″Ich kenne mich ganz gut aus in der Klosterbibliothek.″


 


Gesine schaute ihn an, unschlüssig, ob sie sich ihm anvertrauen wollte.


 


″Hören Sie″, fuhr er fort, ″ich bin Lateinlehrer an einem Gymnasium in Offenburg. Gelegentlich nehme ich auch Aufträge an, antike Schriften zu übersetzen. Ich komme oft hierher, um in alten Büchern zu stöbern.″


 


″Na ja, also, so geheim ist das ja nicht. Ich suche die ′Ars geomacie′ von Hugues de Santella″, verriet Gesine ohne weiteres Zögern.


 


″Hm″, sagte er, ″mal sehen, ob ich Ihnen da weiterhelfen kann. Gehen wir zurück zur Bibliothek?″


 


Gesine nickte.


 


Auf dem Weg dorthin fragte sie: ″Wie heißen Sie eigentlich?″


 


″Ach so, entschuldigen Sie, ich heiße Bernhard Wölz.″


 


″Und ich bin Gesine Kaberta.″


 


In der Bibliothek angekommen, trat Bernhard an ein Regal, das versteckt in einer Nische stand, zog ein paar schmale Bände heraus, blätterte darin und stellte sie zurück.


 


″Hier finde ich keine Hinweise.″


 


Sie hörten, wie jemand den Lesesaal betrat.


 


Bernhard flüsterte: ″Ich habe eine Vermutung, wo das Buch sein könnte. Kommen Sie bitte mit nach draußen.″


 


Im Lesesaal saß, dem weißen Kragen nach zu urteilen, ein Geistlicher. Er blickte kurz hoch, als die beiden die Bibliothek verließen.


 


Vor der Tür des Klosters angekommen, sagte Bernhard: ″An dieser Stätte vermischen sich Christliches und Heidnisches. Geomantie ist nicht christlichen Ursprungs, und die Schwestern werden nicht viel damit anfangen können. Es gibt vermutlich eine Art Tresor, in dem sehr wertvolle, alte Bücher, aber auch suspekte Bücher aufbewahrt werden. Da kommen wir nicht so ohne Weiteres dran.″


 


″Was heißt das jetzt?″, fragte Gesine irritiert.


 


″Ich muss etwas klären und organisieren. Wie wäre es, wenn wir uns heute Abend im Restaurant Tour des Tanneurs in Obernai treffen? Sagen wir um acht?″


 


″Aber was wollen Sie unternehmen?″


 


″Ich erkläre Ihnen alles heute Abend.″


 


Er entfernte sich Richtung Parkplatz.


 


 


 


Gesine rief sich ins Gedächtnis, dass der Odilienberg schon vor dem Christentum eine bedeutende Kultstätte der Kelten war, die von den Römern übernommen wurde. Die spätere Vereinnahmung durch den Katholizismus hat dafür gesorgt, dass er im Großen und Ganzen erhalten blieb. Odilia verschmolz mit der Göttin Rosmerta und den geistigen Kräften, die hier anwesend waren. Das mächtige Sandsteinplateau, das mehr als 700 Meter aus der Rheinebene emporragte, schien die vorchristliche Zeit noch deutlich zu vergegenwärtigen. Plateau und Nebengipfel umschloss eine gewaltige zehn Kilometer lange Mauer, die viele Rätsel aufgab.


 


Gesine ging schwerfällig zur Engelskapelle. Ihre Gedanken kreisten um die Schrift Santellas und den Lateinlehrer. Sie fragte sich, warum er sich nahezu aufgedrängt hatte, ihr zu helfen. Er war ihr sympathisch. Seine dunklen Augen hatten sie fasziniert.


 


Nach christlicher Auffassung wurde in dieser Kapelle der Erzengel Michael verehrt. Sie betrachtete nachdenklich das Wandgemälde, auf dem Michael dargestellt war, wie er den Drachen tötet. Sie war sich sicher, dass dies ein so genannter Omphalus-Ort war, ein Landschaftsmittelpunkt, von dem starke Impulse auf die Umgebung ausgingen. Unterirdisch gab es bestimmt einen blinden Brunnen, was bedeutete, dass Wasser mehr oder weniger senkrecht stark nach oben gedrückt wurde, aber nicht an die Oberfläche trat. Quer durch die Kapelle ging eine Drachenlinie, eine Energielinie, die eine intensive Verbindung zur Erdmutter hatte und mütterliche Qualitäten zeigte. Ausgerechnet hier gab es das Bildnis des Drachentöters. Das hatte vermutlich mit dem Kampf des Christentums gegen die alte Mutter-Religion zu tun. Die neue Religion tötet in der Gestalt des Erzengels die vorhergehende, die den Drachen verkörpert. Ihr erschloss sich noch eine andere Deutung:


 


Sie konnte das Mütterliche in Form des Getragenwerdens spüren, als Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit. Hier begegneten sich die Archetypen von Mutter und Engel. Kein Konflikt, sondern eine Ergänzung und Übereinstimmung.


 


 


 


Sie fuhr in ihr Hotel in Obernai, checkte ein und brachte ihre Reisetasche ins Zimmer. Nachdem sie sich umgezogen hatte, bummelte sie durch den Ort, bis es Zeit war, sich zum Restaurant zu begeben. Dort angelangt sah sie sich um. Bernhard Wölz war noch nicht da. Sie setzte sich an einen Zweiertisch und schaute in die Speisekarte. Wenig später kam Bernhard. Gesine sah ihn erwartungsvoll an.


 


″Haben Sie schon bestellt″, fragte er.


 


″Nein. Nun sagen Sie schon, was Sie vorhaben. Machen Sie es nicht so spannend.″


 


Er beugte sich über den Tisch zu ihr und antwortete mit gedämpfter Stimme: ″Es geht um etwas, was niemand erfahren soll.″ Noch leiser fügte er hinzu: ″Es gibt einen Geheimgang zur Bibliothek.″


 


Der Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen.


 


Als dieser gegangen war, fuhr Bernhard fort: ″Das Problem bilden die vergitterten Schränke. Ich habe versucht herauszufinden, wie man an den Schlüssel kommt bzw. wie man sie öffnet. Das ist noch nicht klar. Ich treffe mich morgen mit jemandem, der mir vielleicht helfen kann.″


 


″Das klingt alles sehr abenteuerlich. Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie das Buch stehlen. Wäre es nicht einfacher, nachzufragen bzw. die Einsichtnahme zu beantragen?″


 


″Ich habe da so meine Erfahrungen. Es ist wie bei den Geheimarchiven des Vatikans. An manche Dinge lassen sie dich nicht ran.″


 


″Eigentlich ist es ja meine Sache. Warum hängen Sie sich da so rein?″


 


Gesine nippte an dem Wein, den der Kellner soeben gebracht hatte.


 


″Ach wissen Sie, ich bin da wie ein Spürhund, der die Fährte aufgenommen hat. Ich lasse mich dann nur sehr schwer davon abbringen. Allerdings ist es nicht sicher, ob die Schrift hier ist. Vielleicht ist sie auch in Straßburg oder in Freiburg. Das Kloster wurde ja nach der Französischen Revolution geplündert und hatte danach verschiedene Eigentümer. Erst 1853 kaufte der Bischof von Straßburg das Kloster zurück, und zwar mit einer Kollekte der Elsässer Katholiken.″


 


″Und dieser Geheimgang? Wo soll der sein?″


 


″Der ist zwischen den Mauern der Klosterkirche und dem Bibliotheksgebäude. Es gibt einen Hohlraum, der unter Holzdielen versteckt ist, von dort gelangt man in einen Durchgang, der etwa 40 Zentimeter breit und zwei Meter hoch ist″, flüsterte Bernhard.


 


Der Kellner brachte die Gerichte. Eine Weile war ihre Aufmerksamkeit auf das Essen gerichtet, dann fragte Bernhard: ″Was machen Sie beruflich?″


 


″Ich bin Heilpraktikerin und habe mit einer Kollegin zusammen eine Praxis in Freiburg.″


 


″Interessant. Welche Ausbildung braucht man dafür?″


 


″Ich habe angefangen, Medizin zu studieren, es aber nicht gepackt. Außerdem begann ich skeptisch zu werden gegenüber der Schulmedizin. Ich entdeckte meine eigenen Fähigkeiten, zu heilen und begann eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Dafür braucht man Kenntnisse in der Medizin, der Pharmazie und der Pflanzenheilkunde. Ich absolvierte außerdem noch Reiki-Kurse.″


 


″Und Sie beschäftigen sich mit Geomantie?″


 


Gesine nickte.


 


″Ich habe eine vage Vorstellung davon. Können Sie mir erklären, was Sie darunter verstehen?″


 


″Es geht um das Finden und Nutzbarmachen von subtilen Erdenergien. Die Landschaft wird als magnetisches Feld betrachtet, in welchem positive Energie, die von Felsen und Bergen hervorgebracht wird, im Gleichgewicht gehalten ist durch eine negative Strömung, die mit niederen Hügeln und Flüssen verbunden ist. Bevorzugte Plätze sind solche, wo beide Ströme vereint sind. Die Natur und Intensität des Geistes der Erde wird vorrangig durch die Formen der örtlichen Geologie bestimmt, aber sie sind auch abhängig von kosmischen Kräften.″


 


″Was heißt das für den Odilienberg?″


 


″Die Landschaft ist überzogen mit magnetischen Linien. Auf dem Odilienberg kreuzen sich verschiedene davon. Außerdem ist er ein kosmischer Einstrahlungspunkt. Es begegnen sich nicht nur unterschiedliche Erdkräfte, sondern auch Erde und Kosmos. Untersuchungen haben ergeben, dass der Odilienberg Zentrum eines vorgeschichtlichen geodätischen Gitternetzes ist.″


 


″Vorgeschichtlich? Das heißt Steinzeit?″, fragte Bernhard nach.


 


″Auf jeden Fall lange vor den Kelten. Aber genau das möchte ich mithilfe der Schrift von Santella eingehend ergründen.″


 


″Ich habe mich ebenfalls mit diesem Ort hier, insbesondere mit der Legende der Heiligen Odilia beschäftigt. Es gibt keine echten Chroniken oder Dokumente über sie vor dem 16. Jahrhundert. Die angeblich von einem Zeitgenossen der Odilie verfasste Biografie der Heiligen ist eine Fälschung. Der Herausgeber der 1649 gefundenen Fragmente hat ein Genealogienbuch erfunden, um Odilies Vater Etticho als Stammvater der Herrscher des Elsass hinzustellen, was aber 1885 durch Julien Havet aufgedeckt worden ist. Alle späteren Verfasser haben aus der Genealogie abgeschrieben und weitere Anekdoten hinzugefügt.″


 


″Ich denke, dass Odilia in Wirklichkeit eine weibliche Gottheit war – oder eine keltische Priesterin.″


 


″Nach meiner Einschätzung geht sie zurück auf eine von drei wichtigen Muttergottheiten, die auf sogenannten Frauenbergen verehrt wurden. Das Kennzeichen von Odilienbergen ist, dass es häufig eine Verbindung gibt von Gestirnsbeobachtung, Kultstätte und Heilquelle. Die Heilkunst lag in der Hand der Mütter, sie wussten, wie die Krankheiten zu heilen waren, mit Hilfe von Quellen, Pflanzen und der Kraft der Steine. Der Name Odilie lässt sich in etwa übersetzen mit ″die mit dem Lebensatem Beseelende″. Odilienquellen sind ausnahmslos Orte der Kraft.″


 


″Ja, sehen Sie, da gibt es eine Verbindung zur Geomantie. Aber was hat es mit der Heilung der Augen auf sich? In alten Zeiten dachte man doch ganzheitlich.″


 


″Es sind nicht nur die Augen, die geheilt werden. Es ist auch das innere Sehen, die Erleuchtung gemeint. In der Legende der Heiligen Odilia heißt es, dass sie durch die Taufe von ihrer Blindheit geheilt wurde. Sie war blind geboren und wurde deshalb von ihrem Vater verstoßen. Auch wenn das alles Fiktion ist, so wurde es doch gut erfunden, indem Archetypen aufgegriffen wurden: Sehen, Blindheit, Auge, Licht, Heilerin und so weiter. Und schließlich die Aussage, dass erst die Taufe den Menschen sehend macht.


 


Das Auge hat noch eine weitere Bedeutung. Im Wappen des Klosters gibt es eine Abbildung, in der die Sonne als Auge dargestellt ist. Das könnte darauf hindeuten, dass es auch einen Sonnenkult gab.″


 


″Die Verbindung zum Kosmos, zu kosmischen Kräften″, ergänzte Gesine.


 


Eine Weile beschäftigten sie sich mit dem köstlichen Dessert, das aufgetragen worden war. Mangocreme mit Ananas. Dann fragte Gesine: ″Wie gehen wir denn jetzt vor?″


 


″Ich versuche, morgen meine Beziehungen spielen zu lassen. Es geht nicht nur um die Schlüssel beziehungsweise Verriegelung, sondern auch um die Alarmanlage. Wir brauchen den Code, um sie auszuschalten.″


 


″Meinen Sie nicht, dass das alles etwas zu kriminell ist? Was ist, wenn wir erwischt werden?″


 


Bernhard zuckte die Schultern und sagte: ″No risk, no fun!″


 


Gesine seufzte: ″Also, mir ist nicht wohl bei der Sache. Es muss doch einen anderen Weg geben.″


 


″Glauben Sie mir, auf legale Weise kommen Sie an dieses Buch nicht ran. Ich habe mit jemandem telefoniert. Mein Bekannter hat eine gewisse Kenntnis über diese Schrift, und er meinte, dass sie mit Sicherheit unter Verschluss gehalten wird.″


 


Gesine sah in Bernhards Augen, die sie herzlich und verständnisvoll ansahen. Sie gab nach und erwiderte: ″Also gut, versuchen wirs.″


 


″Geben Sie mir Ihre Handy-Nummer, dann kann ich Sie morgen Nachmittag anrufen. Wenn ich alles geklärt habe, schleichen wir uns am späten Abend durch den Geheimgang.″


 


 


 


Am nächsten Morgen machte Gesine sich wieder auf zum Odilienberg. Es gab drei unterscheidbare Bereiche, die von der Heidenmauer umschlossen wurden. Im mittleren lag das Kloster. Im südlichen Bereich lagen die Druidengrotte, der Mendelstein und der Wachstein. Die sogenannte Druidengrotte war ein Dolmen am Rand der Mauer.


 


Auch das könnte ein Schlüsselplatz sein, dachte Gesine. Sie hielt sich fast eine Stunde in der Grotte auf. Die Strahlung des Platzes war sehr stark. Gesine fühlte sich warm, geborgen und leicht trotz der tonnenschweren Steinplatte über ihr.


 


Als sie weiter ging, kam sie zum sogenannten Canapé-Felsen, der zum Sitzen oder Liegen einlud, aber sie entschied sich für einen Schalenstein, in den sie sich hineinlegte. Sie stellte sich vor, wie man Menschen heilen könnte, indem man sie in einen solchen Stein hineinlegte.


 


Als nächstes stieg sie zur Odilienquelle hinunter. Dort spürte sie eine feine, schöne, aber schwache Energie, als habe sich die Strahlung erschöpft. Sie netzte sich die Stirn und wusch ihre Augen, was sehr wohltuend war.


 


Nach einer Stärkung im Restaurant machte sie sich auf zum nordwestlichen Teil, dem Elsberg. Ihr Weg führte sie durch Föhrenwald mit Farn und rotem Fingerhut. Sie gelangte zur Etticho-Grotte, die nach dem Vater Odilies benannt war. Sie war sehr niedrig, aber man konnte sich hineinsetzen. Sie lehnte sich an den Felsen und spürte einen starken Sog ins Innere des Berges. Sie versetzte sich in eine leichte Trance. Schattenhafte Gestalten aus tiefer Vergangenheit tauchten auf.


 


Als sie sich zu ihrer letzten Station aufmachte, dachte sie daran, dass Bernhard Wölz noch nicht angerufen hatte. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bereits kurz nach vier war.


 


Am nördlichsten Punkt des Elsberges befand sich ein Plateau, auf dem es viele Schalensteine gab. Sie stand dort oben und genoss den wundervollen Blick bis hinüber in den Schwarzwald. Nachdenklich ging sie zurück zum Parkplatz.


 


Dann fuhr sie zum Hotel. Als sie die Zimmertür öffnete, dudelte ihr Handy. Bernhard teilte ihr mit, dass alles bereit sei. ″Wir treffen uns um zehn am vorderen Parkplatz. Hast du eine Taschenlampe?″ Gesine verneinte. ″Vielleicht kannst du dir noch eine besorgen.″


 


Punkt zehn Uhr war Gesine am Parkplatz. Bernhard wartete mit einer Umhängetasche, in der er Werkzeuge verstaut hatte. Sie gingen zur Klosterkirche. Einige Fenster des Klosters waren erleuchtet, sonst lag alles in tiefem Dunkel. Bernhard hatte einen Schlüssel, mit dem er eine Nebentür der Kirche aufschloss. Sie schlüpften hinein und schlossen die Tür. Das leise Klacken des Schlosses und ihre Tritte hallten im Kirchenschiff laut wider, was Gesine schaudern ließ und nervös machte. Was, wenn jemand sie hörte? Bernhard leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Ecke, wo der Schacht begann. Mit vereinten Kräften schoben sie zwei schwere Bohlen beiseite. Das Kratzen und Schaben rief ein unheimliches Echo hervor, und Gesine war in gewisser Weise froh, als sie endlich in dem Schacht verschwinden konnten. Es waren Trittstufen angebracht, die sie hinunter steigen mussten, dann öffnete sich zur Linken ein niedriges Tor, durch das sie in den Geheimgang gelangten. Er war eben, ziemlich schmal, doch hoch genug, um aufrecht gehen zu können. Die Kegel ihrer Taschenlampen wanderten über die Wände, die durch die Erde gegraben worden waren. Sie kamen an Holzstützen vorbei, dann wendete sich der Gang nach rechts und begann leicht anzusteigen. Als sie ans Ende gelangten, sahen sie über ihren Köpfen den Ausgang, der ebenfalls mit Holzplatten abgedeckt war. Bernhard begann sie mit einer Brechstange wegzudrücken, was recht mühsam war. Doch schließlich war es geschafft.


 


Gesine bewunderte seine Sportlichkeit. Es gelang ihm, sich mit den Händen nach oben zu ziehen, während er sich mit den Füßen an der vorderen Wand abstemmte. Als er oben war, legte er sich auf den Bauch und zog Gesine durch die Öffnung. Sie verschnauften kurz und lächelten sich an. Gesine leuchtete in den Raum. Sie befanden sich in einem Teil der Bibliothek, der durch ein Gitter abgetrennt war, und den sie von außen nicht bemerkt hatten. Gesine schüttelte den Kopf. ″Warum hat man sich die Mühe gemacht, diesen Teil abzusperren und gleichzeitig mit einem Geheimgang zugänglich zu machen?″


 


″Vielleicht war es ein Fluchtweg, der es ermöglichte, wertvolle und wichtige Bücher mitzunehmen.″


 


″Wo sollen wir jetzt mit der Suche beginnen?″, fragte sie ratlos.


 


Bernhard sah sich die Regale eindringlich an, als wolle er ihnen ein Geheimnis entlocken. Dann begann er, in den Lücken über den Büchern zu tasten.


 


″Was ist mit der Alarmanlage? Müssen wir sie nicht zuerst entschärfen?″


 


″Nein, das hat sich erledigt. Die Bewegungsmelder hören vor dem Gitter auf.″


 


″Woher wissen Sie eigentlich von diesem Gang?″


 


″Ich habe in der Universitätsbibliothek in Straßburg ein Buch über die Architektur des Klosters gefunden. Da war der Gang eingezeichnet.″


 


Plötzlich gab es ein lautes Klacken, Gesine fuhr heftig zusammen. Bernhard hatte einen Mechanismus gefunden und ausgelöst, der einen Teil des Regales aufklappen ließ. Dahinter befand sich eine kleine Nische mit nur wenigen Büchern. Aufgeregt durchstöberten sie die Handschriften und fanden die gesuchte. ″Sie ist wirklich hier!″, rief Bernhard aus, als er sie in den Händen hielt, und Gesine hüpfte vor Freude in die Höhe. ″Das ist … das ist … fantastisch″, jubilierte sie. Erschrocken legte Bernhard den Finger auf den Mund. Sie lauschten angestrengt. ″Ich dachte, ich hätte etwas gehört″, flüsterte Bernhard, ″wir sollten möglichst schnell verschwinden.″ Er stieß das Regal zurück, ließ es wieder einrasten und verstaute das Buch in seiner Tasche. Sie kletterten durch die Öffnung am Boden und hasteten, so schnell es ging, durch den Gang zur Kirche und zum Parkplatz zurück. Da gellte ein Schrei durch die Nacht. Gesine fuhr heftig zusammen, ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie sah Bernhard bestürzt an. Er schlug daraufhin vor: ″Lass uns zusammenbleiben. Fahren wir mit meinem Auto. Deines können wir morgen holen. Irgendetwas ist nicht geheuer.″ Gesine nickte beklommen.


 


Im Hotelzimmer angekommen, packten sie mit klopfendem Herzen das Buch aus. Gesine legte es andächtig auf den Tisch und schlug es auf. Einen Moment lang war sie irritiert, dann rief sie aus: ″Das ist nicht die ′Ars geomacie′! Der Titel lautet ′Altitona′. Was hat das zu bedeuten?″


 


″Altitona ist die alte Bezeichnung für den Odilienberg. Das ist doch fantastisch. Eine alte Schrift über den Odilienberg″, rief Bernhard begeistert. Er zog das Buch zu sich her und begann zu blättern. ″Hier″, sagte er und schob das Buch zu Gesine hinüber, ″das Kapitel über Geomantie.″


 


Sie nickte und seufzte zufrieden. ″Mein Latein ist nicht berauschend, Sie werden es mir übersetzen müssen.″


 


″Ja, aber ich finde, es ist Zeit, dass wir uns duzen. Nachdem wir gemeinsam dieses Abenteuer überstanden haben.″


 


Gesine antwortete: ″Einverstanden.″ Ihr war mulmig zumute. Sie dachte an den Schrei, den sie gehört hatten.


 


″Kann das ein Tier gewesen sein?″, fragte sie.


 


″Was? Du meinst den Schrei?″ Bernhard schaute sie nachdenklich an. ″Ich glaube eher nicht.″ Nach einer Pause ergaben sie sich der Anziehungskraft des Buches und vertieften sich erneut darin. Bernhard begann zu übersetzen.


 


 ″Der antike Name des Ortes weist auf vorchristliche Zusammenhänge hin. Altitona bedeutet die ′Hochtönende′. Von vorgeschichtlichem Interesse ist vor allem die sogenannte Heidenmauer, eine ehemals drei bis vier Meter hohe und zwei bis drei Meter dicke Trockenmauer, die auf fast zehn Kilometern Länge die drei Berggipfel des Odilienberges umschließt. Dreihunderttausend Steinblöcke, durch schwalbenschwanzartige Zapfen und Kerben miteinander verfugt, bilden das Baumaterial des Walles, eines der größten Bauwerke Alteuropas.


 


Die geodätische Position des Odilienberges ist einzigartig. Er liegt auf einer der megalithischen Sternenstraßen erster Ordnung und ist Zentrum eines vorgeschichtlichen Gitternetzes. Es gab lange vor den Kelten im Elsass eine Kultur, die hervorragende vermessungstechnische Leistungen erbracht hat. Das Wissen dieser Hochkultur ist durch Kataklysmen von weltweitem Ausmaß verloren gegangen.″


 


″Was sind Kataklysmen?″, unterbrach Gesine.


 


″Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet im wörtlichen Sinn ′Überschwemmung′. Wird gebraucht für eine alles zerstörende Katastrophe. – Hier steht: Eine Zivilisation wurde so gründlich vernichtet, dass nur noch Namen blieben.″ Bernhard überflog einige Seiten und fuhr fort: ″Santella schreibt weiter: In unserer Zeit breitet sich der Odilienkult überall im Deutschen Reich aus. Mir persönlich sind 22 christliche Odilienheiligtümer bekannt. Typisch ist die Verbindung von Kultstätte bzw. Kapelle und zugehöriger Quelle, die Augenleiden heilt. Es handelt sich ursprünglich um vorgeschichtliche Frauenberge, auf denen Muttergottheiten verehrt wurden, die die Fähigkeit zum Heilen hatten.


 


Der Odilienberg war ein vorgeschichtlicher Heilort. Nicht nur die Quelle, auch die Schalensteine sind wirksam gegen Krankheiten. In den Steinen wirken Erdstrahlen. Die geomantische Heilweise unserer Vorfahren, die um die heilende Kraft der Felsen wussten und diese Kräfte zur Gesundung anwandten, ist weitgehend verloren gegangen. Die Alteuropäer konnten den Lauf der unterirdischen Gewässer erkennen, die Qualität des Wassers bestimmen sowie das Vorhandensein und die Richtung von Erdstrahlen feststellen. Die Heilquellen entspringen meist an energetisch hochaktiven Orten.


 


Die Erinnerung des Volkes an die heiligen Mütter ist unauslöschlich. Der Kirche bleibt nur der Ausweg, die Mütter in das christliche Glaubenssystem zu integrieren. So wurden für sie entsprechende Heilige erfunden und vorchristliche Kultstätten in Stätten der Ausübung des christlichen Glaubens umgewandelt.″


 


 


 


Inzwischen war es spät geworden, ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es halb drei war. Gesine schlug vor, am nächsten Tag weiterzumachen.


 


 


 


Nach dem Frühstück fuhren sie auf den Odilienberg, um Gesines Auto zu holen, danach wollten sie mit der Übersetzung der Schrift weitermachen. Es war bereits elf Uhr, und es wimmelte von Menschen um Kloster und Quelle.


 


Als Gesine und Bernhard ausstiegen und auf Gesines Auto zugingen, hielt ein Polizist sie auf.


 


″Ist das Ihr Wagen″, fragte er.


 


″Ja″, antwortete Gesine.


 


″Ihr Auto stand die Nacht über auf dem Parkplatz″, sagte der Polizist.


 


″Ist das verboten?″, fragte sie.


 


″Nein, aber warum lassen Sie Ihr Fahrzeug hier oben stehen?″


 


Geistesgegenwärtig erwiderte Gesine: ″Ach, ich bin gestern auf der Suche nach der alten Römerstraße zu Fuß nach Obernai gewandert. Und jetzt hat mich ein Freund hochgefahren, um das Auto zu holen.″


 


Der Polizist nickte und notierte sich die persönlichen Daten Gesines und den Namen des Hotels in Obernai.


 


″Warum fragen Sie mich das alles? Ist etwas passiert?″, fragte sie.


 


″Ja. Jemand ist in die Klosterbibliothek eingebrochen.″


 


″Oje und jetzt bin ich verdächtig, weil mein Auto hier stand.″


 


″Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Aber ich glaube nicht, dass Sie es waren″, sagte der Polizist augenzwinkernd mit Blick auf Gesines zierliche Gestalt.


 


″Warum nicht?″


 


″Na, um einen solchen Einbruch zu verüben, muss man schon recht kräftig sein.″


 


Er lachte und ging in Richtung Kloster davon. Gesine und Bernhard sahen sich vielsagend und beunruhigt an.


 


″Lass uns verschwinden″, sagte Bernhard. Sie stiegen in ihre Autos.


 


Im Hotel angekommen, öffnete Gesine die Tür zu ihrem Zimmer und blieb schockiert stehen. Es lag alles drunter und drüber, ihre Reisetasche war durchwühlt worden, ihre Sachen lagen zerstreut auf dem Bett und dem Fußboden. Die Handschrift, dachte sie sofort und sah unter der Matratze nach. Sie war fort! Zugegeben, kein gutes Versteck, aber sie war auch nicht lange weg gewesen. Und wer wusste denn überhaupt davon? Sie schlug die Hände vors Gesicht, Tränen schossen ihr in die Augen. Wie lange hatte sie nach dieser Schrift gesucht – und wie hatte sie sich gefreut, sie gefunden zu haben. Es klopfte. Die Tür stand noch halb offen, und sie versuchte zu erkennen, wer davor stand. ″Gesine″, rief Bernhard leise. Sie riss die Tür auf, ließ ihn eintreten und wies wortlos mit der Hand auf die Bescherung.


 


″Oje″, entfuhr es Bernhard, ″was ist denn hier passiert?″


 


″Sie ist weg″, sagte Gesine aufgebracht, ″wie kann das sein?″


 


″Es muss uns jemand beobachtet haben. Woher soll einer sonst wissen, dass du diese Handschrift hast? Sehr merkwürdig.″


 


″Und wir können weder beim Hotelpersonal nachfragen noch die Polizei informieren, ohne uns verdächtig zu machen.″


 


Gesine ließ sich resigniert in den Sessel fallen.


 


 


 


Zu diesem Zeitpunkt stand Kommissar Deluc an der Etticho-Grotte und besah sich den Toten, der darin lag, als sei er dort hineingebettet worden wie in ein Grab. Touristen hatten ihn gefunden und die Polizei alarmiert. Der Polizeiarzt untersuchte die Leiche und sagte: ″Ich kann auf den ersten Blick keine Spuren von Gewalteinwirkung feststellen. Wir müssen ihn erst in die Rechtsmedizin bringen.″ Deluc nickte. ″Dem weißen Kragen nach zu schließen, ist er ein Geistlicher.″


 


″Und am Revers steckt ein Kreuz″, ergänzte der Arzt.


 


Deluc durchsuchte die Taschen des Toten. Er fand einen Rosenkranz und ein merkwürdiges Gebilde, das auf den ersten Blick wie ein Hundehalsband aussah, ein kettenartiges, dreireihiges und vielgliedriges Metallband, das aus einem starken Draht gefertigt war und nach einer Seite hin zahlreiche Spitzen aufwies. An einem Ende des Metallbandes war eine Schnur befestigt.


 


″Was ist das?″, fragte Deluc den Arzt. Dieser schaute es sich eingehend an und sagte: ″Vermutlich ein Bußgürtel. Es gibt religiöse Fanatiker, die so etwas tragen, um ihre Sinnlichkeit abzutöten.″


 


Erste Recherchen ergaben, dass der Tote im Gästehaus des Klosters gewohnt hatte. Als die Ermittler das Zimmer durchsuchten, fanden sie eine Brieftasche mit seinem Ausweis, ein Notizbuch und verschiedene Bücher. Der Name des Toten war Dieter Kraus.


 


Zwei Assistenten Delucs befragten einige der Schwestern. Sie sagten, dass er aus Offenburg komme und vermutlich in der Klosterbibliothek nach etwas gesucht habe. Jedenfalls sei er häufig dort gewesen und habe in alten Büchern herumgestöbert. Sie hörten auch davon, dass in der Nacht zuvor in die Bibliothek eingebrochen worden war. Merkwürdig, dachte Deluc, ob es da einen Zusammenhang gibt? Er fragte eine der Nonnen: ″Wer hat denn in letzter Zeit noch die Bibliothek aufgesucht?″ Die Schwester blätterte in den Anmeldeformularen und nannte dem Kommissar die Namen der Benutzer. Darunter auch Bernhard Wölz und Gesine Kaberta.


 


 


 


Die gerichtsmedizinische Untersuchung brachte wenig zutage. Der Arzt berichtete Deluc: ″Sehen Sie hier die Verletzungen an den Oberschenkeln?″ Der Kommissar nickte. ″Sie stammen von diesem Bußgürtel. Der Geistliche muss ihn häufig getragen haben. Er hat die Schleife nach vorne gebunden, damit, wenn er sich hinsetzte, die Dornen tiefer ins Fleisch eindringen konnten. Das ist sicher sehr schmerzhaft. Aber an diesen Verletzungen ist er selbstverständlich nicht gestorben. Ich kann ansonsten keine Ursache für seinen Tod feststellen. Keinen Einstich, kein Gift. Ein paar Tests stehen allerdings noch aus.″


 


Deluc fragte: ″Kann er Selbstmord begangen haben?″


 


″Ja, aber auch dann müssten wir ein Gift oder sonst irgendetwas finden.″


 


Deluc beugte sich über die Leiche und besah sich die Wunden an den Oberschenkeln. Die Metallspitzen hatten sich tief in die Haut eingegraben und als Spuren kleine rote Punkte hinterlassen. ″Also wenn hier jemand etwas injiziert hätte, würde man das nicht sehen!″


 


Der Rechtsmediziner nahm eine Lupe und besah sich die Stellen eingehend. ″Wir nehmen noch ein paar Gewebeproben und untersuchen sie auf Insulin.″


 


″Insulin?″


 


″Ja, Insulinzufuhr führt schnell zum Koma und kann nicht oder nur sehr schwer nachgewiesen werden. Es ist ein körpereigner Stoff und verschwindet im Blutkreislauf. Wir könnten eine C-Peptidanalyse vornehmen. Durch die längere Haltbarkeit des C-Peptids im Blut kann man den vergangenen Insulinspiegel ermitteln.″ Er rief einen Assistenten und erklärte ihm die Prozedur, die er sogleich in Angriff nahm.


 


Zu dem Kommissar sagte er noch ergänzend: ″Insulin wirkt, je nach Dosis, sehr schnell und vor allem fatal. Die Person erleidet einen starken Unterzucker. Schwindelgefühl und Konzentrationsschwächen sind neben kaltem Schweiß und Koordinationsverlust nur einige der Symptome, die nach wenigen Minuten auftreten können. Der Endeffekt ist ein Koma und das schlussendliche Ableben der betreffenden Person.


 


Aber bei diesem Befund wird es schwierig sein, das Insulin eindeutig nachzuweisen. Denn Unterzuckerung kann ja auch natürliche beziehungsweise krankheitsbedingte Ursachen haben.″


 


 


 


Gesines Urlaubstage gingen zu Ende. Sie musste zurück nach Freiburg, um ihre Arbeit als Heilpraktikerin wieder aufzunehmen. Zuvor wollte sie noch einmal zum Odilienberg hinauf. Sie stellte ihr Auto auf dem Parkplatz ab und wanderte zum Hagelschloss. Sie wunderte sich, dass an der Etticho-Grotte Polizisten standen, und erkundigte sich, was passiert sei. Ein Polizist sagte, dass man hier einen Toten gefunden habe. Nachdenklich und beunruhigt ging sie weiter. Bald tauchte der mächtige Brückenbogen auf, der zwischen zwei Felsvorsprüngen gespannt war, und von unten wie ein riesiges Tor wirkte. Vom Schloss waren nur noch die Grundmauern übrig. Gesine setzte sich auf einen Stein, schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Schwingungen des Ortes. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie in einiger Entfernung einen Mann, der langsam auf sie zukam. Er trug eine weite beige Leinenhose und ein ebensolches Hemd mit halblangen Ärmeln. Die langen weißblonden Haare hatte er seitlich zu einem Knoten gebunden. Um den Hals trug er eine Schnur mit einem ankerähnlichen Amulett, das reich verziert war mit sich schlängelnden Linien und Punkten. Er lächelte Gesine an und setzte sich neben sie. Dann begann er unvermittelt, über die Besonderheiten des Ortes zu sprechen.


 


″Der Odilienberg liegt auf einer Sternenstraße erster Ordnung, die viele bedeutende Kultstätten verbindet. Er ist das Zentrum eines geodätischen Gitternetzes. Im alten Europa gab es ein System von astronomischen, kalendarischen, geodätischen und mathematischen Daten. Auf der ganzen Erde gab es eine Raumordnungswissenschaft nach kosmologisch-religiösen Gesichtspunkten. Kultstätten wurden nicht isoliert geplant, sondern bildeten zusammen mit Grabstätten, Säulen, Wegen, Bäumen, Bergen und Flüssen eine heilige Landschaft, die aus dem ganzen Land einen großen Tempel machte.″


 


Er holte aus seiner Umhängetasche ein Diagramm aus Messing in der Form eines Dreiviertelkreises hervor, das mit verschiedenen Riffelungen und Linien bedeckt war.


 


″Dies ist eine Art Kompass, auf dem verschiedene Einflüsse und Knotenpunkte abgelesen werden können.″


 


Er richtete das Gerät aus und deutete nach Südosten. ″Auf dieser Linie ist der Elsberg mit dem griechischen Delos verbunden.″


 


Gesine nickte beifällig und sagte: ″Ich bin Geomantin und kann subtile Erdenergien wahrnehmen. Die unsichtbaren Bahnen und Kraftlinien, durch welche die Energie geleitet wird.″


 


″Diese Energien können auch zu stark sein. Und sie können missbraucht werden. Man muss sich schützen″, sagte der Fremde.


 


″Tragen Sie deshalb dieses Amulett?″


 


Er griff danach und lächelte. ″Das stellt Thors Hammer Mjöllnir dar und versinnbildlicht den Schutz des Gottes. Kennen Sie die alten germanischen Mythen?″


 


″Ein wenig.″


 


″Thor kämpfte immer wieder gegen die Midgardschlange, am Ende konnte er sie besiegen, aber durch ihren Gifthauch kam er ebenfalls um.


 


Die Weltuntergangsvisionen vom Ragnarök sprechen davon, dass ein schrecklicher Winter kommt mit Schneestürmen aus allen Himmelsrichtungen. Das Land ist von Eis und Schnee bedeckt. Beißende Winde wehen, die Sonne scheint nicht mehr, weil der Fenriswolf sie verschlungen hat. Ein anderer Wolf verschlingt den Mond. Gewaltige Erdbeben entwurzeln die Bäume, Berge spalten sich von oben bis unten. Die Midgardschlange windet sich in gigantischem Zorn, strebt auf das Ufer zu, sodass sich eine gewaltige Flutwelle über das Land ergießt. Aus dem Maul von Fenrir lodern Flammen, die Midgardschlange speit Gift und hüllt Erde und Meer in Rauch und Gestank. In all dem Tumult bricht der Himmel auseinander. Die Söhne des Feuerreichs reiten mit flammenden Schwertern und verbrennen alles. Flammen, Rauch und Dampf steigen zum Firmament auf. Die Sterne erlöschen, die Erde versinkt im Meer.


 


Odin kämpft gegen den Wolf Fenrir und Thor gegen die Midgardschlange. Odin wird von Fenrir verschlungen, doch sein Sohn rächt ihn, indem er den Wolf zerreißt.


 


Wenn die Feuer niedergebrannt sind und sich das Wasser zurückgezogen hat, wird sich die Erde frisch und grün aus dem Meer erheben. Die Sonne wird eine Tochter haben und ihren lebensspendenden Weg am Himmel aufnehmen. Die Erde wird neu bevölkert werden von dem Paar Lif und Lifthrasir, die sich in der Weltesche verborgen hatten. So wird das Ende den Keim eines neuen Anfangs enthalten.″


 


″Das klingt alles nach einer schweren Katastrophe mit Erdbeben und Tsunami″, sagte Gesine nachdenklich.


 


″In der Tat. Der Mythos verlegt diese Katastrophe in die Zukunft, aber in Wirklichkeit war es etwas, was die Menschen erlebt haben. Man könnte an einen Meteoriteneinschlag denken, der alle hochstehenden menschlichen Kulturen vernichtet hat. Einige haben das überlebt und mussten neu anfangen, so wie es in der Mythologie beschrieben wird.


 


Die Germanen stellten sich die Welt aus drei übereinandergeschichteten Ebenen vor. Auf der obersten Ebene, in Asgard lebten die Götter, die Asen und Wanen. Auf der Ebene darunter lag Midgard, die Erde, wo die Menschen, die Riesen, die dunklen Elfen und die Zwerge hausten. Asgard und Midgard waren durch die Brücke Bifröst miteinander verbunden, die bewacht wird. Die unterste Ebene kann man sich als Reich der Toten oder Unterwelt vorstellen. Der mächtige Stamm der Weltesche Yggdrasil reicht über alle drei Ebenen, verbindet sie und hält sie zusammen.″


 


Gesines Blick suchte den Brückenbogen der Hagelburg, der sich über zwei Felsen spannte und nirgends hinführte, außer vielleicht, dass er Himmel und Erde miteinander verband. Sie stand auf und sagte: ″Ich muss zurück. Wenn Sie wollen, können wir unten noch einen Kaffee zusammen trinken.″ Er erhob sich ebenfalls, nickte und sah Gesine mit einem eigenartigen Blick an. ″Eine Gefahr umschwebt Sie″, sagte er nach einer Weile. Gesine atmete tief ein und fragte: ″Wie kommen Sie darauf?″


 


″Ich spüre es einfach. Überlegen Sie selbst, was es sein könnte.″


 


Während sie Richtung Kloster gingen, erzählte Gesine dem Fremden, dem sie ohne zu überlegen vertraute, von ihrer Suche nach dem Buch von Santella, wie sie es gefunden und entwendet hatte und dass es aus ihrem Hotelzimmer gestohlen worden war. Der Fremde fragte zu einigen Punkten genauer nach und sagte dann: ″Dieses Buch enthält Aussagen, die für uns von ungeheurer Bedeutung sind. Mit diesem Wissen muss man umgehen können – und es kann missbraucht werden.″



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