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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Alphacrash, Maternus Millett
Maternus Millett

Alphacrash



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Zahnersatz



Sie werden mich für verrückt halten.


Hier sitze ich, ein ehemaliges Mitglied der medialen


Elite, eine Kosmopolitin, am Arsch der


Welt, halte mir den Bauch, in dem es tritt und


boxt und genieße die Gesellschaft eines Rentners


und eines Dauerarbeitslosen.


Vielleicht können Sie mich nach der Lektüre


dieser Geschichte zumindest ein wenig verstehen,


aber wahrscheinlich werden Sie mich nicht


besonders mögen. Dieses Risiko gehe ich ein.


Bis zu meiner schicksalhaften Begegnung mit


Herberts Chef hatte ich in den letzten zweieinhalb


Jahren mit etwa hundert Männern ein Rendezvous,


davon im letzten allein mit dreiundsechzig


(einschließlich jener, mit denen ich beim


Speeddating ein „Date" von jeweils sieben Minuten


hatte, sieben pro Sitzung für neunundzwanzig


Euro). Von diesen dreiundsechzig Kandidaten


habe ich einundfünfzig spätestens nach dem


zweiten Treffen aussortiert (ich fand sie nicht attraktiv,


weil sie - ich bin jetzt ehrlich - meist sozial


oder einkommensmäßig, manchmal auch physisch


oder intellektuell nicht wenigstens auf


meiner Augenhöhe waren). Mit fünfzehn bin ich


im Bett gelandet, mit zwölf davon nur einmal,


neun davon waren (zumindest bei mir) impotent.


Von den sieben, mit denen ich länger als einen


Monat zu tun hatte, stellte sich bei fünf heraus,


dass sie gebunden waren, drei davon verheiratet.


Nur einem Einzigen von diesen hundert konnte


ich das Prädikat „Alpha]Plus" zuerkennen.


Dieses Gütesiegel bekam ein Mann, der zuverlässig


Herr der Lage ist, ein Fels in der Brandung,


ein menschliches Gravitationszentrum, ein


soziales Zentralgestirn, ein Mann, der mich beruflich


wie auch privat voranbrachte.


Ein bisschen zu ihm aufschauen wollte ich


schon. Ich nannte das das „Zehn]Prozent]Ideal".


Männer sind statistisch betrachtet im Schnitt


zehn Prozent größer als Frauen. Ich bin knapp


einen Meter siebzig groß, knapp einsneunzig


sollte er also mindestens messen. Um mindestens


zehn Prozent sollte er auch mein Einkommen


und meine Position übertreffen.


Ein solcher Alpha]Plus]Mann war mein Chefredakteur


Herbert Westerborn. Er war zwar


kaum größer als ich und überhaupt nicht


hübsch, aber er machte das in anderen Bereichen


mehr als wett.


Wenn Herbert einen Raum betrat, so füllte er


ihn sozusagen restlos aus. Gespräche erstarben,


und auch jene, die ihn nicht hatten kommen sehen,


drehten sich unwillkürlich nach ihm um. In


Sitzungen folgte dann Schweigen, manchmal


minutenlang. Erst nachdem er sich behaglich


niedergelassen und geräuspert hatte, lösten sich


die Anwesenden aus ihrer Habacht]Haltung.


Dann legte er sein Breitwandgrinsen auf und


strahlte in die Runde. Immer wieder fragten wir


Kollegen uns, ob dieses Raubtiergebiss wohl echt


sei.


Zum ersten Mal war ich Herbert während


meines Studiums der Geschichte und Soziologie


in Frankfurt begegnet. Damals ließ ich ihn noch


nicht an mich heran. Er war Dozent für Stochastik


und lebte sein linkes Sendungsbewusstsein


bei der Zeitschrift „Konkret" aus. Später


wechselte er dann zur „Tageszeitung", brachte


es bis in den Vorstand der Genossenschaft der


„taz" und war dann bei „Geld+Finanz" und im


Vorstand der Reuterbank gelandet. Ich konnte


mir das eigentlich nur durch die Gunst seiner


Fußballkumpels erklären. In diesem Club


schanzten sich die zu Professoren, Richtern,


Bankern und Abgeordneten arrivierten Altlinken


gegenseitig die Jobs zu und ließen die alten Zeiten


hochleben. Herberts Karriere war nicht allzu


erstaunlich in einem Land, in dem es ein ehemaliger Steinewerfer zum Außenminister und


Vizekanzler gebracht hatte.


Ein Vierteljahr nach meinem Einstieg als Redakteurin


bei „Geld+Finanz" (auch durch Herberts


Fürsprache, ich gebe es zu) war ich der Ansicht,


dass es wohl nicht nötig sei, jedes Mal die


gesamten drei bis vier Stunden einer Themenkonferenz


von Anfang bis Ende abzusitzen. Ich


hatte noch nicht begriffen, dass es da so etwas


wie eine Rangordnung gab: Die wichtigeren Kollegen


durften ihr Thema zuerst vortragen und


sich den Rest sparen. Ich war zu diesem Zeitpunkt


noch „die Neue" und mein Platz war immer


der letzte gewesen.


Als ich den Sitzungsraum dann zwei Stunden


nach dem offiziellen Beginn betrat, war niemand


mehr da. Ich kehrte zu meinem Büro zurück und


als ich an Kathrins Zimmer vorbeikam, sah sie


mich durch den Türspalt, griff meinen Arm und


zerrte mich zu sich hinein. Sie schloss die Tür


und fauchte:


„Bist du wahnsinnig? Weil du nicht da warst,


dürfen wir alle morgen noch mal antreten. Herbert


erwartet, dass von Beginn an alle anwesend


sind und du..."


Das nächste Mal war ich pünktlich. Und wie


immer als Letzte dran. Ein Kollege steckte mir


nach der Sitzung, dass in einem Fall von Unbotmäßigkeit


wie meiner Schwänzerei Herbert um


eine Audienz zu bitten sei.


Er war in den folgenden Tagen für mich nicht


zu sprechen. Als ich letztlich doch vor seinem


Schreibtisch strammstand, stand er von seinem


Chefsessel auf, ging einmal um mich herum und


scannte meinen herausgestreckten Hintern ab.


Ich fühlte mich erfasst und vermessen und erschauderte


in erregter Peinlichkeit.


Und dann raunte er mir ins Ohr: „Frau Wiesengrund,


ich glaube, wir sollten uns einmal ausführlich


unterhalten. Privat."


Bei einem x]Beliebigen wäre ich darauf natürlich


niemals eingegangen.


Es folgte unser erstes Treffen im „Kleinen


Löwen". Das ist so ein Gasthaus, in dem man


sich stundenweise Zimmer mieten kann.


Ich kam gern. Danach war ich in der Reihenfolge


der Vortragenden auf den ersten Platz aufgerückt.


Das ist es, was ich mit „Alpha]Plus" meine.


Doch dummerweise war Herbert mit ebendieser


Kathrin, meiner Ressortleiterin verheiratet.


Ein wenig verkommen war ich ja schon. Wahrscheinlich


halten Sie mich zudem für eine


Lügnerin, wenn ich Ihnen erzähle, dass dieser


„Alpha]Plus]Mann" sich fortan von seiner Gattin


verdreschen ließ.


Bei der vorletzten Themenkonferenz meiner


Karriere stutzte ich, als ich in Herberts Gesicht


schaute. Und dann sah ich, was anders war als


sonst: Kein Veilchen. Keine aufgeplatzte Lippe.


„Herbert ist mal wieder gestürzt", hatten wir


Kollegen seinerzeit hinter seinem Rücken gefrotzelt,


„Herbert hat sich gestoßen."


Die anderen Kollegen waren schon nach Hause


gegangen. Mir fiel auf, dass die Versicherungen


von mal zu mal immer später an die Reihe gekommen


waren und die Versicherungen, das


war ich. Ich war wieder die Letzte - wie zu Beginn


meiner Karriere. Auch das hatte ich Kathrins


Einfluss zu verdanken, wie ich später erfuhr.


Wir saßen um einen ovalen Tisch herum, mir


gegenüber Herbert, rechts von ihm Kathrin, neben


ihr mein besonderer Liebling Striezel, der


Verifikator. Wir Kollegen duzten einander. Striezel


hingegen siezte und wurde gesiezt.


Herbert war für seine Breite ein bisschen zu


kurz geraten, Striezel hingegen zu lang. Woran


musste ich denken, wenn ich den etwas dicklichen


Herbert mit den buschigen Koteletten und


Augenbrauen (sein Haupthaar schien sich dorthin


zu verlagern) und den hageren Striezel mit


dem immer abstehenden Haarschopf beieinander


sah? Genau: Max und Moritz. Die beiden


hatten als kleine Jungs bestimmt so ausgesehen


wie die Bengel aus Wilhelm Buschs Urcomic.


Damals fand ich das noch lustig.


Dazwischen Kathrin. Sie erinnerte mich stark


an meine Grundschullehrerin an der deutschen


Schule in Buenos Aires. Beide hatten schwer zu


bändigende Haare, und Kathrins würden irgendwann


einmal so grau sein wie die jener Frau


Hörr damals (Die Argentinier sprechen diesen


Namen wie „Señora Err]or", Frau Irrtum, oder


wie „Señora Horr]or" aus. Was beides nicht ganz


unzutreffend war - auch in Bezug auf Kathrin.).


Auch darüber lache ich heute nicht mehr.


Striezel und Kathrin: Irgendwie passten sie zusammen.


Beide waren hager und groß und hatten


etwas Grausames an sich. Etwas Überkorrektes,


das ich ihnen nicht abkaufte.


Kathrin fixierte mich. Wie viel wusste sie? Sie


kniff die Augen zusammen und wandte sich


kurz zu Herbert. Er bemerkte das und schaute


schnell auf den Seitenplan vor ihm auf dem


Tisch. Ich zuckte zusammen und fühlte mich wie


einst in der Schule, wenn ich nicht wusste, ob die


Lehrerin mir während der Klassenarbeit von hinten


beim Mogeln zuschaute. Nur dass mir die


Lehrerin diesmal nichts konnte. Dachte ich und


sah mich schon auf ihrem Platz sitzen.


Ich biss mir auf die Unterlippe. Herbert, was


ist los mit dir? `Wer ist hier der Chef?´, so wollte


ich ihn fragen. Und da sah ich, dass er schwitzte.


Der Schweiß nässte durch sein Hemd; Tropfen


glitzerten auf seiner Stirn.


Ich erkannte meinen Chef nicht wieder. Aus


dem Löwen war ein zahnloser Fall für den Tierschutzverein


geworden.


Es war ein Tag im April, und dieser April war


sommerlich warm. Aus der Klimaanlage an der


Decke ergoss sich ein eisiger Strom in den Raum;


das Öffnen der Fenster war im Sitzungsraum


nicht möglich. Ich fror und sehnte den Moment


herbei, an dem ich meine Fahrradklamotten


überstreifen und durch den Tiergarten rauschen,


den Geruch nach Fruchtbarkeit einsaugen, den


Vögeln lauschen würde.


Ich schaute nach draußen. Auf der linken Seite


des Reuterplatzes stand die mit braun verspiegeltem


Glas eingehüllte Zentrale der Reuterbank,


Herberts zweiter Arbeitsplatz. Die Fenster seien


die Augen eines Hauses, sagt man. Warum tragen


die dreizehn Geschosse der Reuterbank sozusagen


eine verspiegelte Sonnenbrille? Ich


fragte mich, ob die da drüben etwas zu verbergen


haben.


Gut dreieinhalb Stunden hatte ich mir die neuesten


Telefontarife und DSL]Angebote angehört,


die heißen Aktientipps, die News aus der


Fondsbranche und Baufinanzierungen im Vergleich.


Bring es hinter dich, dachte ich, als ich an


der Reihe war und trug meinen Themenkomplex


vor: Die Vor] und Nachteile von privaten und


gesetzlichen Krankenversicherungen, Tarif] und


Leistungsvergleiche.


Dann der Höhepunkt: Zusatzpakete für Zahnersatz.


Drei Wochen lang hatte ich den Markt


durchforstet, Tabellen angelegt, versucht, das


Unvergleichbare vergleichbar zu machen, Berge


von Kleingedrucktem gewälzt. Striezel, der Verifikator


und Stachel in meiner Seite, warf mir


skeptische Blicke zu. Ich kriege dich, wollten seine


Augen sagen. Ich war gespannt, ob er auch


dem Paragraphenmonster Zahnersatz auf den


Zahn fühlen und mir zwecks Verifikation meiner


Behauptungen auf meinem Leidensweg folgen


würde. Demonstrativ ließ ich eines der Aktenbündel


auf den Tisch knallen, die ich hinter mir


auf dem Boden gestapelt hatte. In Gedanken


fragte ich ihn: Na, mein Freund, willst du dir das


wirklich antun?


Ich blickte ihn entsprechend an. Doch er wich


nicht aus, sondern hob langsam das Kinn, straffte


seine Haltung und verschränkte die Arme. Ich


schlang meine Beine und meine eisigen Schweißfüße


fester ineinander.


Hätte man mich damals gefragt, ob mich das


Versicherungsgeschäft überhaupt interessiert, so


hätte ich geantwortet: „Selbstverständlich,


schließlich ist das mein Beruf!" Worüber ich heute


lachen muss.


Endlich Sitzungsende. Beim Hinausgehen fragte


ich Herbert:


„Wo sind denn deine Blessuren? Hast du laufen


gelernt?"


„Sehr witzig. Hast du heute Abend Zeit, so ab


sieben?", fragte er.


„Wird schwierig", antwortete ich. „Ich muss


zum Chorsingen."


„Und morgen?"


„Geht auch nicht. Betriebssportgruppe. Muss


Rennrad fahren."


In der letzten Zeit war Herbert besonders anhänglich


geworden. Es machte mir Spaß, ihn ein


bisschen zappeln zu lassen.


„Freitag?", fragte er.


Ich schaute mich um. Kathrin war außer Hörweite.


Ich zischte:


„Mensch, Herbert, da bin ich doch ab fünf bei


euch zum Babysitten."


Ja, Babysitten. Ich bin verrückt nach Kindern.


Kathrin und Herbert hatten ein dreijähriges


Söhnchen, Julian. Mit blonden Löckchen und


großen blauen Kulleraugen. Ich bin sicher: Irgendwo


in Oberbayern gibt es eine barocke katholische


Kirche, in der ein Engelchen fehlt.


Ich bin ein schwerer Fall von Gluckensyndrom.


Welch rührender Versuch, dem Unausweichlichen,


dem Altern und dem Tod zu entkommen!


Indem man sein Ego zumindest zur


Hälfte dupliziert, reicht man den Schwarzen Peter


ans Kind weiter, macht eine neue Runde auf,


Geburt, Altern, Tod, endlos und immer wieder


von vorn.


Herberts Schweißgeruch waberte mir um die


Nase. Es war Angstschweiß.


Ich drehte mich noch einmal um: Kathrin und


Striezel gingen nebeneinander davon. Die passen


wirklich gut zusammen, dachte ich.


„Ich muss dich sprechen. Sofort und unter vier


Augen", sagte Herbert.


„Ich muss jetzt los", antwortete ich.


„Es ist wichtig."


„Heute nicht. Ich muss zum Chor."


„Zum Chor!" Er schnaubte. „Es geht auch um


dich."


Er schaute sich um. Kathrin und Striezel waren


in Kathrins Büro verschwunden.


„Komm jetzt." Er griff mich am Oberarm und


gab die Richtung vor. Das überzeugte mich. Er


schob mich in sein Zimmer und schloss die Tür


hinter sich ab. Er schloss sie ab, das hatte ich


noch nie beobachtet.


„Setz dich", sagte er und ließ sich in seinen


Chefsessel plumpsen, nahm sein Taschentuch


und wischte sich den Schweiß von der Stirn.


„Also, was ist? Ich habe nicht viel Zeit", drängte


ich.


„Hast du überhaupt eine Ahnung, was hier los


ist?", fragte er.


„Ein paar Posten werden neu vergeben, das


hatten wir doch schon besprochen", sagte ich.


„Allerdings. Aber nicht so, wie du denkst. Wir


sollten reinen Tisch machen. Ich habe hier keine


Zukunft. Und du auch nicht."


Keine Zukunft? Du auch nicht? Es hallte durch


meinen Kopf. Ich spürte, wie sich die Härchen


auf meiner Haut sträubten.


„Wie bitte?", platzte ich heraus.


„Vergiss den Laden hier. Alles Affentheater.


Wir bewegen uns an der Oberfläche, alles Fassa


de. Darunter läuft eine Sauerei, die so groß ist,


dass sie keinem auffällt. Niemand schaut hin,


keiner fragt nach. Und wenn jemand darüber reden


würde, würde man ihm nicht glauben, ihn


für verrückt erklären."


Ich hoffte, dass er nur ein Spiel mit mir trieb.


Mich veralberte, so eine Art Stressinterview mit


mir machte. Doch dazu war er selber zu gestresst.


„Aber das sind doch gute Jobs hier. Du selber


hast einmal gesagt, für Systemkritik sei hier kein


Platz. Und ehrlich gesagt: Ich sehe das auch so.


Ich habe keine Lust, nachzustochern. Ich lebe


ganz gut. Und du doch auch", argumentierte ich.


Er stand auf und lief vor dem Fenster hin und


her. Im Gegenlicht fiel mir auf, dass er in der


letzten Zeit eine Menge Kummerspeck angesetzt


hatte. Seine Haltung war gebeugt.


Nach einer Weile sagte er: „Ich bin sozusagen


das System und das System fährt gerade an die


Wand. Die Knautschzone ist demnächst verbraucht.


Kein Airbag. Höchste Zeit, ............


..........................


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