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I.
Orientierungslos wachte Damian Andrews auf. Die Stille
dröhnte in seinen Ohren. Aus der Ferne vernahm er Straßenverkehr.
In seinem Schlafzimmer vernahm man niemals Straßenverkehr.
Er schluckte.
Jeder Muskel seines Körpers spannte sich zäh an. Das
schwarze Zimmer starrte ihn mit dunklen Augen an. Sein Atem
beschleunigte sich. Die Frage nach dem Ort, an dem er sich
befand, hallte in seinem Kopf durch jegliche Windung. Trotzdem
traute er sich nicht eine Bewegung zu tun.
„Hallo?", dürr und heiser blieb sein Wort in der Stille liegen.
Sein Hals und seine Lippen waren trocken, er befeuchte diese
kurz mit seiner Zunge und tastete langsam und vorsichtig nach
rechts.
Seine Hand glitt an der Bettseite entlang, er fand keinen
Nachttisch, kein Kabel, keinen Schalter. Leere strich um seine
Hand, wie eine schnurrende Katze. Wo war er?
Langsam richtete er sich auf. Genau vor ihm, am Fußende des
Bettes, befand sich ein Fenster. Nur spärlich erkannte er die
glitzernden Lichter der Nacht, auf unsteten Leinen am Firmament
aufgereiht. Wolken verhängten den Mond. Das Fenster
seines Schlafzimmers lag eigentlich zu seiner Rechten.
Er blinzelte mit den Augen, die suchend und lechzend jeden
Tropfen Licht in ihre weit geöffneten Pupillen sehnten.
Nichts knackte oder knarrte, unaufhörlich wuchs die Stille
und mit jeder Sekunde schienen sich die Sterne noch weiter
vom Fenster zu entfernen. Er bekam Angst, dass die Nacht
durch das Fenster hinein fließen könnte und ihn langsam, von
den Knöcheln aufsteigend umschließen würde. Dass sie kalt
und glitschig hoch kriechen, bis übers Kinn gleitend, sich
durch seine Lippen pressen und den Hals hinunter in den Magen
drücken würde. Das Dunkel würde seine Augen verdecken,
die Nase verstopfen und ihn nach Luft ringen lassen. Am
Ende stünde er eingeschlossen in die zähflüssige Nacht da, nur
dumpfe Laute nach Hilfe an nicht in der Nähe liegende Ohren
versuchend und sich doch bewusst, dass er am Schwarz erstickt.
Damian vergaß bei diesem Gedanken fast zu atmen, doch er
zog tief Luft ein und seine Lungenflügel weiteten sich nur
durch harmlosen, farblosen Sauerstoff.
Er tastete nach links und als er eine kalte und steife Hand berührte,
stockte der Atem schmerzhaft und ein erstickender
Schrei entfuhr in die Nacht, in der sich der Mond nur selten
zeigen sollte.
II.
Phil Payne saß an seinem schweren Schreibtisch und hielt das
Foto von Deborah und Anne, seiner Frau und seiner Tochter, in
den Händen. Zärtlich glitt ein Finger über den 13x8 großen
Abzug des zuletzt eingefangen Moments.
Deborah war nun seit acht Monaten tot. Der Krebs hatte sie in
seinen Klauen gehalten und schließlich an seinen Gefährten,
den Tod, übergeben, als er sie nicht mehr weiter quälen konnte.
Ihr Körper hatte einen unmenschlichen Kampf gegen die
Krankheit gekämpft. Nach unzähligen Schlachten hatte er sich
stets aufgebäumt und einen neuen Trupp Stärke zusammengetrommelt,
den ihr niemand mehr zugetraut hatte.
Ihr Leben glich am Ende nur einem Schatten der Tage, an denen
sie einst so glücklich vereint gelebt hatten. Sie hatte sicherlich
versucht nicht ihren Lebensmut und ihren zielsicheren
Humor zu verlieren, doch bleibt immer dem Schicksal die letzte
Pointe überlassen, auch wenn sie noch so tragisch ist.
Phil war danach in ein tiefes Loch gefallen. Ihre für sie untrennbare
Liebe war von den Waffen des Todes besiegt worden,
deren Grausamkeit die der Menschen noch übertrifft.
Er hatte aufgehört zu arbeiten, seinen Chief um eine Pause
gebeten. Sein Partner Zack Vebreska war enttäuscht gewesen,
schließlich waren sie ein unschlagbares Team, doch natürlich
verstand er die Entscheidung und unterstützte ihn, wo er nur
konnte.
Phil Payne war einer der besten Ermittler des Los Angeles Police
Department. Das FBI hatte oft an seiner Tür geklopft, doch
Phil war geblieben. Nicht das ihn ein Job beim FBI nicht gereizt
hätte, er wollte einfach nicht die rar gesäte Zeit, die mit Deborah
und Anne blieb, aufs Spiel setzen.
Hier wusste er was er hatte und so war es auch kein Problem
gewesen, als er vor drei Tagen gebeten hatte, wieder arbeiten
zu können. Chief Dean Sadler und sein Partner Zack waren begeistert
gewesen und freuten sich auf die Arbeit mit ihm.
Für Anne war auch gesorgt. Seit ungefähr drei Monaten
wohnte nun Melissa bei ihnen, ein Kindermädchen, welches
der Neunjährigen eine Freundin und Stütze in diesem harten
Leben ohne Mutter sein sollte.
Um diese Zeit, die Uhr zeigte zwei Uhr in der Nacht, schliefen
beide in ihren Zimmern.
Das Haus hatte Phil nicht verändert, die Spuren von Deborah
waren überall erkennbar. Ob an der Dekoration oder an ihren
Sachen im Bad, ihren Kleidern in den Schränken oder dem
Buch von Nicholas Sparks, das sie zuletzt gelesen hatte, auf
dem Nachttisch an ihrer Seite des gemeinsamen Bettes.
Melissa hatte den Raum bekommen, den er und Deborah als
zweites Kinderzimmer geplant hatten, doch nach der Geburt
von Anne konnte sie leider kein zweites Kind bekommen. Bereits
die erste Schwangerschaft war von vielen Risiken begleitet
gewesen und man hatte ihnen anfänglich sogar zu einer Abtreibung
geraten, um ihr Leben nicht zu riskieren, doch Deborah
war eben eine Kämpfernatur gewesen.
Phil und sie hatten lange probiert ein Kind zu bekommen und
waren von Arzt zu Arzt gereist, um sich beraten zu lassen. Sie
litt an einer bisher kaum bekannten Art der Lutealinsuffizienz,
einer seltenen Form der Gelbkörperschwäche. Man versuchte
mit Hilfe von Medikamenten, der Injektion von hCG, einem
Schwangerschaftshormon, dieses Problem zu bekämpfen, doch
nichts schien zu helfen.
Nach langer Zeit des Wartens und Ausprobierens, einer Zeit
in der sie als Paar einem Druck ausgesetzt waren, der dem Liebesspiel
im heimischen Schlafzimmer oftmals die Unbefangenheit
nahm, bekamen sie den Rat, sich an einen in Los Angeles
praktizierenden Spezialisten zu wenden. Dessen Terminkalender
war stets voll gewesen und so bekamen sie erst spät im
Jahr einen Termin bei ihm. Schließlich wollte es das Schicksal
anders und man schenkte Deborah und ihm rund sieben Wochen
vor dem Termin einen positiven Schwangerschaftstest.
Ein kleines Wunder, welches heute als neunjährige Prinzessin
im Zimmer nebenan einen hoffentlich süßen Traum träumte.
Phil dachte oft an Deborah und ihre Art mit nur einem Blick
ein Lächeln auf seine Seele zaubern zu können. Als Ermittler
bei der Mordkommission brauchte man eine starke Frau an
seiner Seite. Denn nach einem Tag, an dem die Welt einem
wieder mal bewiesen hatte, dass der Mensch in seiner Unmenschlichkeit
unnachahmbar ist und die Bilder des Tages wie
ein schmutziger Film auf der Haut brannten, sehnte man sich
nach Wärme die einen aufnahm, einen Blick, in den man versinken
und einen Menschen bei dem man alles loswerden
konnte.
Die Gespräche mit ihr waren wie Nektar gewesen, süß und
wohlschmeckend, an den man sich nur zu gern erinnerte. Ein
Geschmack der jedoch jeden weiteren Tag ohne sie nur noch
mit unglaublicher Anstrengung und niederschmetterndem
Vermissen ins Gedächtnis zurück gerufen werden konnte.
Manchmal wenn er aufwachte, dachte er ihren Duft zu riechen,
ihre Wärme kurz im Bett erhaschen zu können, doch es
blieb nur die kalte Leere und die fade Erinnerung des einst
Gewesenen.
Seine Arbeit schien nun ein weiterer Schritt in die Zukunft
ohne Deborah zu sein. Eine willkommene Ablenkung, auch
wenn diese sich oft von einer grässlichen Seite zeigte, so war
sie doch einfacher zu verkraften als die Nacht ohne die Liebe
seines Lebens an seiner Seite.
Plötzlich blinkte und vibrierte sein Mobiltelefon, welches neben
seinem Laptop auf dem Schreibtisch lag. Er hatte es immer
angeschaltet, um diese Zeit natürlich lautlos, damit keiner im
Haus geweckt wurde.
Im Display blinkte der Name von Zack.
Er schaute es einige Sekunden an und wurde sich bewusst,
wie rasch nun der Alltag seinen Mief verbreiten würde und
schneller als man denken konnte, stand man wieder knietief im
Sumpf der Verbrechen einer Großstadt.
„Hey Zack, was ist los?"
Er versuchte klar, aber dennoch leise zu sprechen, denn in einem
stillen Haus hörte sich selbst die eigene Stimme bedrohlich
laut an.
„Phil, entschuldige dass ich so spät anrufe. Aber hier gibt es
etwas, was du dir unbedingt ansehen musst."
Zack klang für seine Verhältnisse aufgeregt, er war eigentlich
die Ruhe selbst und so musste es schon etwas Besonderes sein,
was geschehen war.
„Was ist es?", fragte Phil.
„Es wäre zu kompliziert und zu viel, um es dir am Handy zu
erzählen, ich bin schon auf dem Weg zu dir. Zieh dich an, ich
bin in fünfzehn Minuten da und hol dich ab."
„Alles klar, Zack. Bleib einfach im Wagen, ich komm dann
raus."
Er nahm das Handy vom Ohr und drückte auf den roten Hörer
um das Gespräch zu beenden. Zack hatte aus dem Auto angerufen
und es war komisch, so plötzlich wieder im Geschehen
zu sein. Aber sein Riecher und gute Kombiniergabe warteten
sehnsüchtig darauf, endlich wieder eingesetzt zu werden. Die
Pause war nötig, aber nun auch lang genug gewesen. Es hatte
nichts damit zu tun, dass er nicht mehr trauerte, es war vielmehr
so, dass es da eine kleine Kammer in seinem Herzen gab,
die voll war mit Gedanken an Deborah und diese stand immer
auf, damit der Geruch der Erinnerung in seinem Inneren wehen
konnte. Es nagte an ihm und zog ihn sumpfartig in die Tiefe.
Sein gesamtes Dasein schrie nach einer Ablenkung und sei
es nur für Sekunden.
Phil stand aus seinem Ledersessel auf, stellte das Bild wieder
an seinen Platz und löschte die Schreibtischlampe. Er verließ
das Zimmer und schloss die Tür. Sein Schlafzimmer lag gegenüber
und so schaltete er dort das Licht an und zog sich
Jeans, ein khakifarbenes Longsleeve und ein braunes Jackett
an. Er blickte kurz in den Spiegel, fuhr sich durch das kurze
dunkle Haar und strich über den drei Tage Bart, während er
tief einatmete.
Oft war er nachts aufgestanden und immer hatte Deborah das
gleiche gesagt, bevor er das Haus verließ: „Pass auf dich auf,
Schatz."
Niemand hatte ihm gesagt, dass es so hart werden würde,
niemand hatte ihn gefragt, kein Gott, kein Teufel, kein Sektenführer.
Er wollte es so gerne rückgängig machen, diese Krebsgeschwüre
als Last auf sich nehmen, damit sie wieder da wäre,
doch es war eben anders gekommen. Er schrieb in der Küche
einen Zettel für Melissa, klebte ihn mit einem Magneten an den
Kühlschrank und verließ zum ersten Mal ohne die Worte seiner
Geliebten die Wohnung. Er fühlte sich fast so, als habe er
damit seinen Schutz eingebüßt.
III.
Sein Herz schlug bis in seinen Hals, seine Atmung war beschleunigt.
Damian lag da und rührte sich nicht. Er schien wie
eingefroren.
Die Hand, die er berührt hatte, war eiskalt. Da er seit fast
dreißig Jahren Arzt und Wissenschaftler war, wusste er, dass
diese Kälte niemals einem lebendem Menschen zugehörig sein
konnte. Die Kälte des Todes ist eine Kälte, die nicht mit der des
Winters vergleichbar ist, vielmehr ist sie so eisig, dass sich jedes
einzelne Haar des Körpers aufrichtet und man unwillkürlich
schlucken muss. Sie umarmt einen als klammes Gefühl,
schmiegt sich an und flüstert sich langsam und leise ins Ohr,
mit einer Stimme, die einem das Blut in den Adern gefrieren
lässt.
In seinem Kopf fuhren die Gedanken Karussell und dazu
spielte ein Leierkasten eine Melodie versuchter Erinnerungen,
die stets schräg und ungehört verhallten. Was wurde hier gespielt?
Wo war er? Was sollte das alles? Und wer war die andere
Person in diesem Raum, die er zu allem Überfluss nicht mal
fragen konnte?
Er stand auf. Teppich bedeckte den Boden. Er war nur mit
Boxershorts und einem T]Shirt bekleidet. Beide Sachen hatte er
am heutigen Morgen angezogen, soviel wusste er.
Er versuchte den Tag zu rekonstruieren, als er langsam näher
an das Fenster trat.
Er war heute Morgen aufgestanden, hatte einen Song der Bee
Gees im Radio gehört und sich darüber gewundert, wie hoch
diese Jungs singen konnten. Beim Zähneputzen lief irgendein
Hip]Hop]Song. Er hatte Cornflakes zum Frühstück gehabt.
Aber war er überhaupt aus seiner Wohnung gegangen? Er
konnte sich nicht erinnern, wie Polaroids versuchte er sich die
Bilder des Morgens in den Verstand zurück zu rufen, doch mit
jedem Versuch wurden die Bilder unschärfer und verschwammen
schließlich.
Er stand vor dem Fenster und blickte zum Himmel. Alles lag
da in tiefes Schwarz gekleidet, da die Nacht ihr dunkles Tuch
über die Erde erstreckt hatte und dazu leichter Nebel, wie von
einer Nebelmaschine klug in Szene gesetzt, der die Sicht erschwerte.
Nur vereinzelt konnte er die Straßenverkehrsgeräusche in der
Ferne vernehmen, er tippte jedoch darauf, dass es ein Highway
sein müsste, da es nach vielen Fahrzeugen klang.
Als er ausatmete, blieb sein Atem auf der Scheibe zurück und
im Licht des fahlen Mondes, der gerade aus einer Wolke hervor
lugte, erkannte er Buchstaben in diesem Bereich. Wie Kinderhände
beschlagene Autoscheiben als Malfläche benutzen, so
war dieses Fenster wohl benutzt worden, um eine Nachricht zu
hinterlassen.
Er erkannte klar und deutlich die Buchstaben „ett" und fragte
sich, was dies wohl bedeuten solle.
Langsam verblich sein Atem und der Mond schien sich verschämt
eine neue Schutzwolke suchen zu wollen.
Damian atmete tief ein und hauchte auf die Scheibe und es erschienen
immer mehr Buchstaben und so holte er noch einmal
tief Luft und versuchte noch mehr der Scheibe zu beschlagen.
„Unterm Bett". Auf der Scheibe stand: „Unterm Bett".
Verwirrt blickte Damian auf die Buchstaben und er suchte
noch weitere Teile der Scheibe ab, doch das war alles. „Unterm
Bett". Mehr war auf darauf nicht zu finden.
Er drehte sich herum und kniete sich vor das Fußende des
Bettes. Er hoffte und betete, dass dort nicht noch ein toter
Zimmergenosse läge und auch nicht irgendeines der Monster
lauere, die Kinder jede Nacht fürchteten.
Er legte sich auf den Bauch, kroch langsam unter das Bett und
tastete vorsichtig den Teppichboden ab.
Es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als im Dunkel an einem
fremden Ort ins Leere zu tasten...
Daniel Kohlhaas
Der Autor wurde am 15. September 1979 in Hachenburg (Westerwald)
geboren und lebt bis mit seiner Familie in Nümbrecht]
Benroth im Oberbergischen Kreis. Nach Abitur und Ausbildung
zum Industriekaufmann entschied er sich im Jahre 2004,
in einem zweiten Ausbildungsweg zum Gymnasiallehrer für
Deutsch und Sozialwissenschaften, ein Studium an der Allgemeinen
Hochschule in Siegen anzufangen, welches er 2009 abschloss.
Seit September 2009 arbeitet er als Referendar an einem
Gymnasium.
Veröffentlicht wurden bisher Kurzgeschichten und Gedichte in
Anthologien und Literaturzeitschriften. 2009 wurde die Kurzgeschichte
„Wormser Gift" im Rahmen des „Killerclubs" des
Droemer Knaur Verlags vertont und als Podcast im Internet
zum Download bereitgestellt. Weitere Romane sind in Arbeit.
Sämtliche Bücher des AAVAA E]Book Verlages, Berlin können
auch als ebooks bezogen werden
www.aavaa.de
oder als Taschenbücher unter:
E]Mail: verlag@aavaa.de
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