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Krimis & Thriller
Buch Leseprobe Adams Väter, Daniel Kohlhaas
Daniel Kohlhaas

Adams Väter



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I.


Orientierungslos wachte Damian Andrews auf. Die Stille


dröhnte in seinen Ohren. Aus der Ferne vernahm er Straßenverkehr.


In seinem Schlafzimmer vernahm man niemals Straßenverkehr.


Er schluckte.


Jeder Muskel seines Körpers spannte sich zäh an. Das


schwarze Zimmer starrte ihn mit dunklen Augen an. Sein Atem


beschleunigte sich. Die Frage nach dem Ort, an dem er sich


befand, hallte in seinem Kopf durch jegliche Windung. Trotzdem


traute er sich nicht eine Bewegung zu tun.


„Hallo?", dürr und heiser blieb sein Wort in der Stille liegen.


Sein Hals und seine Lippen waren trocken, er befeuchte diese


kurz mit seiner Zunge und tastete langsam und vorsichtig nach


rechts.


Seine Hand glitt an der Bettseite entlang, er fand keinen


Nachttisch, kein Kabel, keinen Schalter. Leere strich um seine


Hand, wie eine schnurrende Katze. Wo war er?


Langsam richtete er sich auf. Genau vor ihm, am Fußende des


Bettes, befand sich ein Fenster. Nur spärlich erkannte er die


glitzernden Lichter der Nacht, auf unsteten Leinen am Firmament


aufgereiht. Wolken verhängten den Mond. Das Fenster


seines Schlafzimmers lag eigentlich zu seiner Rechten.


Er blinzelte mit den Augen, die suchend und lechzend jeden


Tropfen Licht in ihre weit geöffneten Pupillen sehnten.


Nichts knackte oder knarrte, unaufhörlich wuchs die Stille


und mit jeder Sekunde schienen sich die Sterne noch weiter


vom Fenster zu entfernen. Er bekam Angst, dass die Nacht


durch das Fenster hinein fließen könnte und ihn langsam, von


den Knöcheln aufsteigend umschließen würde. Dass sie kalt


und glitschig hoch kriechen, bis übers Kinn gleitend, sich


durch seine Lippen pressen und den Hals hinunter in den Magen


drücken würde. Das Dunkel würde seine Augen verdecken,


die Nase verstopfen und ihn nach Luft ringen lassen. Am


Ende stünde er eingeschlossen in die zähflüssige Nacht da, nur


dumpfe Laute nach Hilfe an nicht in der Nähe liegende Ohren


versuchend und sich doch bewusst, dass er am Schwarz erstickt.


Damian vergaß bei diesem Gedanken fast zu atmen, doch er


zog tief Luft ein und seine Lungenflügel weiteten sich nur


durch harmlosen, farblosen Sauerstoff.


Er tastete nach links und als er eine kalte und steife Hand berührte,


stockte der Atem schmerzhaft und ein erstickender


Schrei entfuhr in die Nacht, in der sich der Mond nur selten


zeigen sollte.


II.


Phil Payne saß an seinem schweren Schreibtisch und hielt das


Foto von Deborah und Anne, seiner Frau und seiner Tochter, in


den Händen. Zärtlich glitt ein Finger über den 13x8 großen


Abzug des zuletzt eingefangen Moments.


Deborah war nun seit acht Monaten tot. Der Krebs hatte sie in


seinen Klauen gehalten und schließlich an seinen Gefährten,


den Tod, übergeben, als er sie nicht mehr weiter quälen konnte.


Ihr Körper hatte einen unmenschlichen Kampf gegen die


Krankheit gekämpft. Nach unzähligen Schlachten hatte er sich


stets aufgebäumt und einen neuen Trupp Stärke zusammengetrommelt,


den ihr niemand mehr zugetraut hatte.


Ihr Leben glich am Ende nur einem Schatten der Tage, an denen


sie einst so glücklich vereint gelebt hatten. Sie hatte sicherlich


versucht nicht ihren Lebensmut und ihren zielsicheren


Humor zu verlieren, doch bleibt immer dem Schicksal die letzte


Pointe überlassen, auch wenn sie noch so tragisch ist.


Phil war danach in ein tiefes Loch gefallen. Ihre für sie untrennbare


Liebe war von den Waffen des Todes besiegt worden,


deren Grausamkeit die der Menschen noch übertrifft.


Er hatte aufgehört zu arbeiten, seinen Chief um eine Pause


gebeten. Sein Partner Zack Vebreska war enttäuscht gewesen,


schließlich waren sie ein unschlagbares Team, doch natürlich


verstand er die Entscheidung und unterstützte ihn, wo er nur


konnte.


Phil Payne war einer der besten Ermittler des Los Angeles Police


Department. Das FBI hatte oft an seiner Tür geklopft, doch


Phil war geblieben. Nicht das ihn ein Job beim FBI nicht gereizt


hätte, er wollte einfach nicht die rar gesäte Zeit, die mit Deborah


und Anne blieb, aufs Spiel setzen.


Hier wusste er was er hatte und so war es auch kein Problem


gewesen, als er vor drei Tagen gebeten hatte, wieder arbeiten


zu können. Chief Dean Sadler und sein Partner Zack waren begeistert


gewesen und freuten sich auf die Arbeit mit ihm.


Für Anne war auch gesorgt. Seit ungefähr drei Monaten


wohnte nun Melissa bei ihnen, ein Kindermädchen, welches


der Neunjährigen eine Freundin und Stütze in diesem harten


Leben ohne Mutter sein sollte.


Um diese Zeit, die Uhr zeigte zwei Uhr in der Nacht, schliefen


beide in ihren Zimmern.


Das Haus hatte Phil nicht verändert, die Spuren von Deborah


waren überall erkennbar. Ob an der Dekoration oder an ihren


Sachen im Bad, ihren Kleidern in den Schränken oder dem


Buch von Nicholas Sparks, das sie zuletzt gelesen hatte, auf


dem Nachttisch an ihrer Seite des gemeinsamen Bettes.


Melissa hatte den Raum bekommen, den er und Deborah als


zweites Kinderzimmer geplant hatten, doch nach der Geburt


von Anne konnte sie leider kein zweites Kind bekommen. Bereits


die erste Schwangerschaft war von vielen Risiken begleitet


gewesen und man hatte ihnen anfänglich sogar zu einer Abtreibung


geraten, um ihr Leben nicht zu riskieren, doch Deborah


war eben eine Kämpfernatur gewesen.


Phil und sie hatten lange probiert ein Kind zu bekommen und


waren von Arzt zu Arzt gereist, um sich beraten zu lassen. Sie


litt an einer bisher kaum bekannten Art der Lutealinsuffizienz,


einer seltenen Form der Gelbkörperschwäche. Man versuchte


mit Hilfe von Medikamenten, der Injektion von hCG, einem


Schwangerschaftshormon, dieses Problem zu bekämpfen, doch


nichts schien zu helfen.


Nach langer Zeit des Wartens und Ausprobierens, einer Zeit


in der sie als Paar einem Druck ausgesetzt waren, der dem Liebesspiel


im heimischen Schlafzimmer oftmals die Unbefangenheit


nahm, bekamen sie den Rat, sich an einen in Los Angeles


praktizierenden Spezialisten zu wenden. Dessen Terminkalender


war stets voll gewesen und so bekamen sie erst spät im


Jahr einen Termin bei ihm. Schließlich wollte es das Schicksal


anders und man schenkte Deborah und ihm rund sieben Wochen


vor dem Termin einen positiven Schwangerschaftstest.


Ein kleines Wunder, welches heute als neunjährige Prinzessin


im Zimmer nebenan einen hoffentlich süßen Traum träumte.


Phil dachte oft an Deborah und ihre Art mit nur einem Blick


ein Lächeln auf seine Seele zaubern zu können. Als Ermittler


bei der Mordkommission brauchte man eine starke Frau an


seiner Seite. Denn nach einem Tag, an dem die Welt einem


wieder mal bewiesen hatte, dass der Mensch in seiner Unmenschlichkeit


unnachahmbar ist und die Bilder des Tages wie


ein schmutziger Film auf der Haut brannten, sehnte man sich


nach Wärme die einen aufnahm, einen Blick, in den man versinken


und einen Menschen bei dem man alles loswerden


konnte.


Die Gespräche mit ihr waren wie Nektar gewesen, süß und


wohlschmeckend, an den man sich nur zu gern erinnerte. Ein


Geschmack der jedoch jeden weiteren Tag ohne sie nur noch


mit unglaublicher Anstrengung und niederschmetterndem


Vermissen ins Gedächtnis zurück gerufen werden konnte.


Manchmal wenn er aufwachte, dachte er ihren Duft zu riechen,


ihre Wärme kurz im Bett erhaschen zu können, doch es


blieb nur die kalte Leere und die fade Erinnerung des einst


Gewesenen.


Seine Arbeit schien nun ein weiterer Schritt in die Zukunft


ohne Deborah zu sein. Eine willkommene Ablenkung, auch


wenn diese sich oft von einer grässlichen Seite zeigte, so war


sie doch einfacher zu verkraften als die Nacht ohne die Liebe


seines Lebens an seiner Seite.


Plötzlich blinkte und vibrierte sein Mobiltelefon, welches neben


seinem Laptop auf dem Schreibtisch lag. Er hatte es immer


angeschaltet, um diese Zeit natürlich lautlos, damit keiner im


Haus geweckt wurde.


Im Display blinkte der Name von Zack.


Er schaute es einige Sekunden an und wurde sich bewusst,


wie rasch nun der Alltag seinen Mief verbreiten würde und


schneller als man denken konnte, stand man wieder knietief im


Sumpf der Verbrechen einer Großstadt.


„Hey Zack, was ist los?"


Er versuchte klar, aber dennoch leise zu sprechen, denn in einem


stillen Haus hörte sich selbst die eigene Stimme bedrohlich


laut an.


„Phil, entschuldige dass ich so spät anrufe. Aber hier gibt es


etwas, was du dir unbedingt ansehen musst."


Zack klang für seine Verhältnisse aufgeregt, er war eigentlich


die Ruhe selbst und so musste es schon etwas Besonderes sein,


was geschehen war.


„Was ist es?", fragte Phil.


„Es wäre zu kompliziert und zu viel, um es dir am Handy zu


erzählen, ich bin schon auf dem Weg zu dir. Zieh dich an, ich


bin in fünfzehn Minuten da und hol dich ab."


„Alles klar, Zack. Bleib einfach im Wagen, ich komm dann


raus."


Er nahm das Handy vom Ohr und drückte auf den roten Hörer


um das Gespräch zu beenden. Zack hatte aus dem Auto angerufen


und es war komisch, so plötzlich wieder im Geschehen


zu sein. Aber sein Riecher und gute Kombiniergabe warteten


sehnsüchtig darauf, endlich wieder eingesetzt zu werden. Die


Pause war nötig, aber nun auch lang genug gewesen. Es hatte


nichts damit zu tun, dass er nicht mehr trauerte, es war vielmehr


so, dass es da eine kleine Kammer in seinem Herzen gab,


die voll war mit Gedanken an Deborah und diese stand immer


auf, damit der Geruch der Erinnerung in seinem Inneren wehen


konnte. Es nagte an ihm und zog ihn sumpfartig in die Tiefe.


Sein gesamtes Dasein schrie nach einer Ablenkung und sei


es nur für Sekunden.


Phil stand aus seinem Ledersessel auf, stellte das Bild wieder


an seinen Platz und löschte die Schreibtischlampe. Er verließ


das Zimmer und schloss die Tür. Sein Schlafzimmer lag gegenüber


und so schaltete er dort das Licht an und zog sich


Jeans, ein khakifarbenes Longsleeve und ein braunes Jackett


an. Er blickte kurz in den Spiegel, fuhr sich durch das kurze


dunkle Haar und strich über den drei Tage Bart, während er


tief einatmete.


Oft war er nachts aufgestanden und immer hatte Deborah das


gleiche gesagt, bevor er das Haus verließ: „Pass auf dich auf,


Schatz."


Niemand hatte ihm gesagt, dass es so hart werden würde,


niemand hatte ihn gefragt, kein Gott, kein Teufel, kein Sektenführer.


Er wollte es so gerne rückgängig machen, diese Krebsgeschwüre


als Last auf sich nehmen, damit sie wieder da wäre,


doch es war eben anders gekommen. Er schrieb in der Küche


einen Zettel für Melissa, klebte ihn mit einem Magneten an den


Kühlschrank und verließ zum ersten Mal ohne die Worte seiner


Geliebten die Wohnung. Er fühlte sich fast so, als habe er


damit seinen Schutz eingebüßt.


III.


Sein Herz schlug bis in seinen Hals, seine Atmung war beschleunigt.


Damian lag da und rührte sich nicht. Er schien wie


eingefroren.


Die Hand, die er berührt hatte, war eiskalt. Da er seit fast


dreißig Jahren Arzt und Wissenschaftler war, wusste er, dass


diese Kälte niemals einem lebendem Menschen zugehörig sein


konnte. Die Kälte des Todes ist eine Kälte, die nicht mit der des


Winters vergleichbar ist, vielmehr ist sie so eisig, dass sich jedes


einzelne Haar des Körpers aufrichtet und man unwillkürlich


schlucken muss. Sie umarmt einen als klammes Gefühl,


schmiegt sich an und flüstert sich langsam und leise ins Ohr,


mit einer Stimme, die einem das Blut in den Adern gefrieren


lässt.


In seinem Kopf fuhren die Gedanken Karussell und dazu


spielte ein Leierkasten eine Melodie versuchter Erinnerungen,


die stets schräg und ungehört verhallten. Was wurde hier gespielt?


Wo war er? Was sollte das alles? Und wer war die andere


Person in diesem Raum, die er zu allem Überfluss nicht mal


fragen konnte?


Er stand auf. Teppich bedeckte den Boden. Er war nur mit


Boxershorts und einem T]Shirt bekleidet. Beide Sachen hatte er


am heutigen Morgen angezogen, soviel wusste er.


Er versuchte den Tag zu rekonstruieren, als er langsam näher


an das Fenster trat.


Er war heute Morgen aufgestanden, hatte einen Song der Bee


Gees im Radio gehört und sich darüber gewundert, wie hoch


diese Jungs singen konnten. Beim Zähneputzen lief irgendein


Hip]Hop]Song. Er hatte Cornflakes zum Frühstück gehabt.


Aber war er überhaupt aus seiner Wohnung gegangen? Er


konnte sich nicht erinnern, wie Polaroids versuchte er sich die


Bilder des Morgens in den Verstand zurück zu rufen, doch mit


jedem Versuch wurden die Bilder unschärfer und verschwammen


schließlich.


Er stand vor dem Fenster und blickte zum Himmel. Alles lag


da in tiefes Schwarz gekleidet, da die Nacht ihr dunkles Tuch


über die Erde erstreckt hatte und dazu leichter Nebel, wie von


einer Nebelmaschine klug in Szene gesetzt, der die Sicht erschwerte.


Nur vereinzelt konnte er die Straßenverkehrsgeräusche in der


Ferne vernehmen, er tippte jedoch darauf, dass es ein Highway


sein müsste, da es nach vielen Fahrzeugen klang.


Als er ausatmete, blieb sein Atem auf der Scheibe zurück und


im Licht des fahlen Mondes, der gerade aus einer Wolke hervor


lugte, erkannte er Buchstaben in diesem Bereich. Wie Kinderhände


beschlagene Autoscheiben als Malfläche benutzen, so


war dieses Fenster wohl benutzt worden, um eine Nachricht zu


hinterlassen.


Er erkannte klar und deutlich die Buchstaben „ett" und fragte


sich, was dies wohl bedeuten solle.


Langsam verblich sein Atem und der Mond schien sich verschämt


eine neue Schutzwolke suchen zu wollen.


Damian atmete tief ein und hauchte auf die Scheibe und es erschienen


immer mehr Buchstaben und so holte er noch einmal


tief Luft und versuchte noch mehr der Scheibe zu beschlagen.


„Unterm Bett". Auf der Scheibe stand: „Unterm Bett".


Verwirrt blickte Damian auf die Buchstaben und er suchte


noch weitere Teile der Scheibe ab, doch das war alles. „Unterm


Bett". Mehr war auf darauf nicht zu finden.


Er drehte sich herum und kniete sich vor das Fußende des


Bettes. Er hoffte und betete, dass dort nicht noch ein toter


Zimmergenosse läge und auch nicht irgendeines der Monster


lauere, die Kinder jede Nacht fürchteten.


Er legte sich auf den Bauch, kroch langsam unter das Bett und


tastete vorsichtig den Teppichboden ab.


Es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als im Dunkel an einem


fremden Ort ins Leere zu tasten...



Daniel Kohlhaas



Der Autor wurde am 15. September 1979 in Hachenburg (Westerwald)


geboren und lebt bis mit seiner Familie in Nümbrecht]


Benroth im Oberbergischen Kreis. Nach Abitur und Ausbildung


zum Industriekaufmann entschied er sich im Jahre 2004,


in einem zweiten Ausbildungsweg zum Gymnasiallehrer für


Deutsch und Sozialwissenschaften, ein Studium an der Allgemeinen


Hochschule in Siegen anzufangen, welches er 2009 abschloss.


Seit September 2009 arbeitet er als Referendar an einem


Gymnasium.


Veröffentlicht wurden bisher Kurzgeschichten und Gedichte in


Anthologien und Literaturzeitschriften. 2009 wurde die Kurzgeschichte


„Wormser Gift" im Rahmen des „Killerclubs" des


Droemer Knaur Verlags vertont und als Podcast im Internet


zum Download bereitgestellt. Weitere Romane sind in Arbeit.


Sämtliche Bücher des AAVAA E]Book Verlages, Berlin können


auch als ebooks bezogen werden


www.aavaa.de


oder als Taschenbücher unter:


E]Mail: verlag@aavaa.de


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