|
Kunibert Kumbernuss war ein Pilzkobold. Wer ihn sah, verstand sofort, woher diese Koboldart ihren Namen hatte. Ein schlechter Beobachter, also zum Beispiel ein gewöhnlicher Mensch, hätte Kunibert ohne weiteres für einen Pilz gehalten. Kunibert hatte zwar eigentlich recht auffällige, spitze Ohren und auch zwei Arme und Hände mit knorrigen Fingern, die aussahen, wie Astwerk findet man eher selten bei Pilzen, von einem Gesicht ganz zu schweigen. Aber wenn so ein Mensch durch den Wald läuft, sieht er die Dinge ja mehr von oben und da sah man zuallererst Kuniberts Haar, das eine dichte, dunkelbraune Kappe bildete, ähnlich einem chinesischen Kulihut – oder eben einem Pilzhut. Auf diesem Hut schienen gelbe Flecken zu sein, wie bei einem Fliegenpilz, in Wahrheit aber waren es Hörnchen, die zwischen den Haaren herausschauten. Alle zehn Jahre kam ein neuer hinzu, so dass man an ihnen ungefähr das Alter des Trägers ablesen konnte. Diese Eigenart hatte alle Pilzkobolde. Weil Kunibert Kumbernuss ein wenig kurzsichtig war, kniff er oft die Augen zusammen, was ihm zusammen mit der hutförmigen Haartracht ein bisschen ein chinesisches Aussehen gab. Aber das nur nebenbei. Eigentlich war es ja auch egal, denn der Pilzkobold stand in einem Winkel des Waldes, zu dem ohnehin nie ein Mensch vordrang. Er stand da ganz für sich, ein Männlein im Walde, wie in dem berühmten Lied. Wobei das Lied ja angeblich von der Hagebutte handelt – aber das kann nicht stimmen. Eine Hagebutte ist nämlich nicht allein, sondern immer in Gesellschaft etlicher anderer Hagebutten und sie steht auch nicht auf einem Bein sondern hängt mit ihren Artgenossen an einem Rosenstrauch. Nein, das Lied passt viel besser zu Pilzkobolden und wurde zweifellos für sie geschrieben – hätte der Dichter Hoffmann von Fallersleben, von dem der Text stammt, das aber zugegeben, hätte man ihn wohl für verrückt erklärt. Aber zurück zu Kunibert Kumbernuss, der allein für sich stand. In seiner Jugend war er, wie alle Pilzkobolde, viel unterwegs gewesen. Das geht, denn Pilzkobolde haben durchaus zwei Füße, die sind nur so klein, dass man sie kaum sieht. Es liegt aber in der Natur eines Pilzkobolds, dass er sich mit den Jahren einen Platz sucht, an dem er sich niederlässt. Und da steht er dann. Allerdings nicht still und stumm – zumindest Kunibert nicht. Denn Kunibert liebte Kinder und so hatte er eine Art Kindergarten, zu dem die Bewohner des Waldes ihre Sprösslinge brachten, wenn sie mal was in Ruhe erledigen wollten. Und Kunibert erzählte den kleinen Eichhörnchen, Fuchsjungen, Feldmauskindern, den kleinen Wichtelchen und all den anderen dann von seinen Erlebnissen, als er auf Reisen gewesen war. „Eines Tages“, fing er also an einem schönen Tag im Sommer an, „begegnete ich dem großen Nebelgeist am Himmel.“ „Welchem?“ fragte ein vorwitziges Wichtelkind dazwischen. „Was soll das heißen – welchem?“ Kunibert war irritiert. „Na ja,“ der Wichteljunge wies mit dem Finger durch die Zweige hindurch zum Himmel, „da sind doch mehrere!“ Tatsächlich segelten am Himmel einige Schäfchenwolken dahin. „Aber das ist doch nicht der Große Nebelgeist!“ „Dann vielleicht der daneben?“ „Keiner von denen - er ist da nicht am Himmel,“ Kunibert machte eine wegwerfende Handbewegung, Thema erledigt, basta. „Aber er heißt doch ‚Großer Nebelgeist am Himmel',“ mischte sich jetzt auch ein anderer Wichtel ein, „warum ist er denn dann nicht am Himmel?“ „Doch ist er schon - wir sehen ihn aber normalerweise nicht,“ versuchte es der Pilzkobold noch einmal, „das, was ihr da seht, das - das sind bloß die Boten des Großen Nebelgeistes, jawohl, das sind sie.“ „Was bieten die denn?“ „Was?“ „Na ja, Boten - die bieten dann, oder?“ Kunibert seufzte abgrundtief: „nein, sie befördern Botschaften.“ „Ach, was denn für welche?“ „An wen?“ „Wieso?“ „Warum kriegen wir nie welche?“ „Wollt ihr denn nicht wissen, wie die Geschichte weitergeht?“ versuchte Kunibert abzulenken. „Aber das wissen wir doch“, winkte da eine junge Feldmaus ab, „das hast du schon mindestens zehnmal erzählt.“ „Nö, öfter“, behauptete ein Elfenmädchen. „Na ja, kann schon sein“, die Maus zuckte die Achseln. „Hast du denn keine neue Geschichten?“
|
|
Kunibert Kumbernuss ist ein Pilzkobold. Wer ihn sieht, versteht sofort, woher diese Koboldart ihren Namen hat. Ein schlechter Beobachter, also ein gewöhnlicher Mensch zum Beispiel, hätte Kunibert ohne weiteres für einen normalen Pilz gehalten. Kunibert hatte zwar eigentlich recht auffällige, spitze Ohren und auch zwei Arme, aber unachtsame Menschen verwechselten ihn ständig. Hätten sie von Anfang an genauer hingeschaut, hätten sie ein Gesicht erkannt. Vielleicht wäre ihnen spätestens da aufgefallen, dass Kunibert kein Pilz ist. Nein – er ist Kindergärtner und erzählt Geschichten. Doch eines Tages gehen ihm diese aus. So begibt er sich auf die Suche nach neuen, spannenden Geschichten und erlebt so einiges dabei. Aber lest selbst …
13 Kurzgeschichten sind in diesem Buch enthalte
|
|
Das Magazin Blätterwelt sagt: Ruth M. Fuchs ist der beste Beweis, dass man nicht in die Ferne schweifen muss, um phantastische Wesen und Welten zu finden. In ihren humorvollen und märchenhaften Geschichten kommen Kobold, Gnom und Co. so nah, dass man sich gleich umdreht und einen erwartet – großartig.
|