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Kinderbücher
Buch Leseprobe Kai und das Reitabzeichen, Manuel Magiera
Manuel Magiera

Kai und das Reitabzeichen


Für kleine und große Reiter

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1. Kapitel       Ringreiten


Heute ist ein schöner Sommertag. Die Sonne schickt ihre wärmsten Strahlen durchs Kinderzimmerfenster und der neunjährige Kai schlägt freudig die Augen auf. Er genießt seine letzte Ferienwoche. Kai ist ein recht guter Schüler und das Lernen macht ihm Spaß. Aber die Freizeit verbringt er am liebsten auf dem Reiterhof seines Onkels Jochen. Hier steht auch sein braunes Pony „Lonzo“, mit dem er gerade erste Turniererfolge als Springreiter feiern konnte, und natürlich lebt sein kleiner Alexander ebenfalls auf dem Ponyhof. Das pechschwarze Pony ist nun schon fünf Wochen alt und scheint sein Fohlenleben genauso zu genießen, wie Kai seine Ferien.


Es ist ein besonderer Tag. Im Nachbarort findet das alljährliche Ringreiten statt und Onkel Jochen nimmt auf dem Holsteiner Wallach „Caesar“ daran teil. Im letzten Jahr wäre er sogar fast König geworden. Aber sein Ringreiterkamerad Anton Petersen machte dem früheren erfolgreichen Springreiter einen Strich durch die Rechnung. Lange Zeit lagen sie beide gleichauf. Doch dann patzte Onkel Jochen und Anton nahm den dritten Ring in Folge mit. In diesem Jahr ist nun Revanche zwischen den beiden Freunden angesagt und Kai freut sich schon sehr auf einen spannenden Zweikampf um die Königswürde.


Nachdem er sich angezogen und gefrühstückt hat, ist der blonde Junge auch schon auf und davon. Seine Freundin Katja will ebenfalls zuschauen. Das achtjährige Mädchen ist nach einem Unfall querschnittgelähmt und muss im Rollstuhl sitzen. Ihre Mama liegt seit dem Autounfall im Krankenhaus und Katja macht sich große Sorgen, denn ihre Mutter konnte bisher noch nicht wieder aufwachen. Das Ringreiten kennt sie natürlich gar nicht und Kai hofft, die Freundin etwas aufmuntern zu können.


Beim Ringreiten handelt es sich um Reiterspiele, die in ihrem Ursprung bis ins Mittelalter zurückreichen. Zwischen zwei Pfähle wird ein Tau gespannt, an das ein Magnet mit einem Ring befestigt wird. Die Reiter galoppieren unter diesem sogenannten Galgen hindurch und versuchen mit einer Lanze oder einem kleinem ‚Ringpin‘, diese durch den Ring zu stecken. Das ist gar nicht so einfach und es gibt nur wenige Ringreiter, die den Ring in allen Durchgängen „mitnehmen“.


Kai ist schon auf dem Reiterhof angekommen und stellt sein Kinderrad in den Fahrradständer. Onkel Jochen führt  gerade den alten Caesar zum Pferdeanhänger.


Artig folgt ihm der großrahmige Fuchswallach auf die Rampe. Kai läuft vorne an die Hängertür und als Onkel Jochen die Stange hinter Caesar befestigt hat, bindet er ihn mit einem Sicherheitsknoten an. Vor ein paar Wochen hat Kai seinen Basispass bestanden und weiß natürlich, dass man sein Pferd auf dem Hänger erst anbinden darf, wenn die Stange hinter dem Pferd angebracht worden ist.


„Danke, Kai. Kannst du meine Lanze aus dem Stall holen?“, lacht Jochen Asmussen.


Kai nickt mit dem Kopf und rennt so schnell ihn seine Beine tragen, ins Stallgebäude. Einen Augenblick später legt er die blau-weiß gestreifte Lanze in den Kofferraum des Autos.


„Darf ich noch Alexander begrüßen, bevor wir losfahren?“, fragt Kai. Onkel Jochen, der schon seine weißen Reithosen und die schwarzen Stiefel trägt, lächelt  verständnisvoll.


 


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Es ist Max Thiessen, der bei Onkel Jochen reiten gelernt hat. Er sitzt auf einem Rappen, der anscheinend nicht so recht anreiten will. Max Thiessen dreht den Wallach zur Seite und presst die Knie zusammen. In diesem Moment springt das Pferd an und rennt los. Allerdings in die falsche Richtung. Eigentlich sollte Max auf Galli eins beginnen, aber sein Pferd hatte sich für die Bahn daneben entschieden. Es gelingt dem Unglücksraben gerade noch, oben zu bleiben. Vom Gelächter der Zuschauer begleitet trabt Max zurück, als er sein renitentes Tier wieder unter Kontrolle gebracht hat. Dann starten die beiden erneut und erreichen im Renngalopp doch noch die andere Seite. Den Ring konnte er bei diesem Tempo natürlich nicht treffen. Kai tuschelt mit Florian. Dieser grinst. Die beiden Jungs haben gerade ihre erste Wette abgeschlossen, wie lange es wohl dauern wird, bis Max Thiessen unten liegt und Sandkönig ist. Jochen Asmussen hat seinen Neffen aufmerksam beobachtet und schmunzelt etwas. Dann blickt er allerdings sehr ernst und vorwurfsvoll auf Kai, der ganz schnell zur Seite sieht. Er weiß, dass der Onkel die beiden Schlingel ertappt hat.


 


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Die neugeborenen Fohlen erhalten das Brandzeichen ihres Zuchtverbandes, wenn sie circa acht Wochen alt sind. Onkel Jochen besitzt eine sogenannte Deckkarte von Schneeflocke, in die der Name des Hengstes und noch andere Daten eingetragen wurden. Ein Fohlen hat ja eine Mama und einen Papa, genau wie ein Menschenkind.


Als Alexander dann geboren wurde, sandte Onkel Jochen die Geburtsmeldung an den Zuchtverband und der bestätigte Alexanders Geburt. Dann füllte Onkel Jochen die Brennkarte aus und trug alle Abzeichen von Alexander in das Diagramm  ein. Danach musste er nur noch einige Haare von Schneeflocke und Alexander zur Prüfung einschicken, damit Alexanders Abstammung auch sicher festgestellt werden kann. Wenn alles in Ordnung ist, erhält er sein Brandzeichen. Gleichzeitig findet einmal im Jahr eine Fohlenschau statt und die besten Fohlen werden prämiert. Sie laufen dazu neben der Mutter her und werden von extra dafür ausgebildeten Mitarbeitern des Zuchtverbandes, die man „Fohlenprämierungskommission“ nennt, bewertet. Katja stellte immer wieder neue Fragen. Und dann wollte sie wissen, ob das Einbrennen des Brandzeichens Alexander nicht weh tut.


 


 


3. Kapitel       Vorbereitungen


Die Herbstferien kommen immer näher. Kai hat sich für den Lehrgang zum Erwerb des Deutschen Reitabzeichens angemeldet. Wenn er auf Turnieren erfolgreich sein und weiter kommen will, ist zunächst das Kleine Reitabzeichen Klasse IV für ihn wichtig. Wer das Abzeichen bestanden hat, darf  die Urkunde an die „FN“ (Federation Equestre Nationale) nach Warendorf schicken. Dort hat die „Deutsche Reiterliche Vereinigung“ ihren  Sitz.


Und die sendet dann dem Antragsteller einen Reitausweis zu. Darin ist die Leistungsklasse vermerkt, in der man starten darf. Wer kein Abzeichen besitzt, hat die Leistungsklasse 0 und kann nur an C-Wettbewerben teilnehmen. Nach bestandener Prüfung des „kleinen“ Reitabzeichens hingegen, startet man in der Leistungsklasse 6. Um in die nächst höhere Leistungsklasse zu kommen, muss man erneut eine Abzeichenprüfung erfolgreich ablegen und wird nach dem Bestehen des Reitabzeichens Klasse III in die Leistungsklasse 5 eingestuft. Dann kommen die Klassen 4, 3, 2 und 1. In dieser höchsten Leistungsklasse starten aber nur die Profireiter.


Kai träumt davon, ein Springreiter wie sein Onkel Jochen zu werden. Mit seinem Pony „Lonzo“ besitzt er einen treuen Freund, der ihn zunächst zu den Ponyspringturnieren begleiten wird. Lonzo ist ein G-Pony. Die Bezeichnung hat etwas mit der Größe des Pferdes zu tun. Lonzos Stockmaß ist 1,38m. Mit Stockmaß wird die Höhe eines stehenden Ponys gemessen vom Boden bis zum höchsten Punkt am Widerrist, bezeichnet. Es gibt mit den K und M- Ponys auch kleinere Pferdchen. Beim Springen muss natürlich darauf geachtet werden, dass ein großes Pferd viel höher springen kann und auch einen weiteren Galoppsprung besitzt, als ein Pony. Und damit alle Reiter auf einem Turnier die gleichen Chancen haben, werden die Hindernisse der jeweiligen Größe des Pferdes entsprechend angepasst. Kai will zunächst nur Ponys reiten. Er ist erst neun Jahre alt und auf einem ausgewachsenen Pferd würde er noch nicht gut aussehen. Um seinem Pony die Richtung vorgeben, es also „steuern“ zu können, muss Kai mit seinen Einwirkungen auch „durchkommen“. Beim Reiten ist der losgelassene ausbalancierte Sitz wichtig. Nur wenn ein Reiter locker und entspannt in der richtigen Weise und Dosierung die Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen unabhängig voneinander geben kann, wird er sich mit seinem Pferd verständigen können.


Für die Prüfung, die wieder zuhause auf Onkel Jochens Reiterhof stattfinden wird, muss Kai noch mehr lernen, als es bereits für den Basispass nötig war. Nun ist neben dem theoretischen Grundwissen auch noch das reiterliche Können gefragt. Kai und die elf anderen Kinder und Jugendlichen, die unterschiedliche Prüfungen ablegen wollen, werden von Kais Onkel in einem vierzehntägigen Lehrgang auf ihre Aufgabe vorbereitet. Am letzten Sonntag vor Schulbeginn müssen sie sich dann den gestrengen Augen der Richter stellen. Für die Reitabzeichenprüfung sind zwei Richter vorgeschrieben.


 


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Jochen Asmussen schaut prüfend auf die Kinder und sein Blick fällt wie selbstverständlich auf die Ausrüstung. „Pamela, kommst du mal bitte zu mir. Deine Bügel sind für die Dressur zu kurz. Tom, ich glaube, bei dir sitzt das Reithalfter zu locker. Komm auch in die Bahn, dann werde ich es etwas kürzen.“ Während er sich um die beiden Kinder kümmert, fällt sein Blick auch missbilligend auf Kai. „Kai, hast du keine vernünftigen Reithosen? Sag mal deinem Onkel, er soll dir etwas Ordentliches zum Anziehen kaufen. In Jeans reitet reitet es sich nicht besonders gut. Was ihr privat macht, geht mich nichts an, aber für den Lehrgang wollen wir in Stiefeln und Reithosen reiten. Auch Handschuhe wären nicht schlecht.


Ina, einmal umsitzen, falscher Fuß.“


Inzwischen haben alle noch einmal nachgegurtet und sind auf Anweisung ihres Reitlehrers


auf die rechte Hand gegangen. „Durchparieren zum Scheritt und Abteilung bilden auf der rechten Hand. Philipp vorne weg und alle anderen zwanglos hintendran.“


„Anfang hier!“, ruft Philipp und hebt den rechten Arm. „Eine Pferdelänge Abstand halten. Ich möchte, dass ihr jetzt alle erst einmal euren Sitz korrigiert. Morgen wird euch meine Frau filmen und dann könnt ihr euch am Nachmittag auf Video betrachten. Wir werden dabei jeden einzeln besprechen.“ Dann erklärt Jochen Asmussen lehrbuchreif die wichtigsten Merkmale eines guten Sitzes und korrigiert jeden Reiter individuell. Er erzählt, was Halbe und ganze Paraden sind und wie man sie gibt. Während die Kinder in der Abteilung antraben, korrigiert er weiter und lässt sie einfache Bahnfiguren reiten.


 


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Die nächsten Tage sind im Fluge vergangen. Am Samstag fand wie geplant die Generalprobe statt und so gut wie nichts klappte. Einige der Mädchen hatten Probleme mit ihrer Kleidung, andere mit ihren Pferden. Lonzo schien verstanden zu haben und benahm sich auffallend artig, wenn Kai ihn über den Parcours ritt. Auch Tarzan lernte, etwas fleißiger zu gehen, sodass Kai nun die Qual der Wahl hatte.


Dafür musste er einen bösen Tritt von Alexander an eine sehr unbequeme Stelle seines Körpers hinnehmen. Vielleicht wollte sich das Fohlen dafür rächen, dass Kai so wenig Zeit mit ihm verbrachte. Als Kai die beiden Ponys von der Weide holte, drehte sich Alexander plötzlich um und trat ihn mit einem seiner kleinen, zum Glück natürlich nicht beschlagenen Hufe, mitten ins Gesäß. Das Sitzen fällt ihm nun etwas schwer. Carolyns Pferd aus der Gruppe, die das große Abzeichen macht, hatte sich am Freitag eine Kolik zugezogen und es schien nicht sicher zu sein, ob sie am Sonntag mitmachen kann. Eine Kolik ist sehr gefährlich.


 


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Reiten ist ein sehr schöner Sport. Aber es ist zeitaufwendig. Man muss auch als Kind schon über ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein verfügen und regelmäßig, ja täglich die notwendigen Arbeiten verrichten. Disziplin und Verantwortung gehören zum Reiten einfach dazu. Ein Pferd ist kein Tennisschläger, den man mal eben in die Ecke stellen kann. Es braucht tägliche Betreuung und Pflege und im Urlaub muss man für Vertretung sorgen. Dafür erhält man natürlich auch etwas Einmaliges: eine sehr tiefe und ehrliche Freundschaft und die Liebe, die man dem Tier gibt, kehrt auf wundersame Weise wieder zum Besitzer zurück.


 


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Der Dienstag ist ein ungemütlicher Oktobertag. Das Wetter lädt nicht gerade zum Spaziergang ein, aber Schneeflocke und Alexander sind mit den anderen Pferden und auch Bastian und Peter draußen. Herr Schmitz hat Katja gerade zum Ponyhof gebracht und will mit seiner Frau zum Einkaufen weiter fahren. Niemand ist auf dem Hof zu sehen. Es weht ein stürmischer Wind, als Katja langsam mit ihrem Rollstuhl zur Ponyweide fährt. Schon von Weitem hört sie merkwürdige und unheimliche Geräusche von dort. Überrascht fährt sie etwas schneller und schaut mit blinzelnden Augen über die Weide. Das verzweifelte Wiehern kommt immer näher. Sand wirbelt auf. Eine Bö erfasst plötzlich einen Blumentopf und kippt ihn um. Katjas Haare werden durchgepustet und wehen ihr in die Augen. Angsterfüllt nähert sie sich der eingezäunten Weide. Dann erblickt sie Schneeflocke, die ängstlich vor dem hin und her zappelnden Alexander steht. Ein Ast ist vom angrenzenden Baum gefallen und wurde durch den starken Wind in die Ecke der Weide gedrückt. Anscheinend wollte Alexander neugierig dort hin laufen und sich alles aus der Nähe ansehen. Dabei ist er wohl mit seinem Halfter zwischen die Astteile geraten und hat sich darin verhakt. Er kann sich nicht mehr selbst befreien und hängt mit dem Kopf nach unten fest. Katja erstarrt vor Entsetzen, als sie den unglücklichen kleinen Kerl sieht. Sie schreit laut vor Schreck auf. Dann dreht sie ihren Rollstuhl um und versucht, so schnell wie möglich zum Bauernhaus zu kommen. Mit aller Kraft muss sie gegen den starken Wind ansteuern. Immer wieder fliegen Blätter, kleine Äste und auch Gegenstände wie leere Eimer an dem verängstigten kleinen Mädchen vorbei. Als sie das Bauernhaus erreicht hat, sucht sie den Klingelknopf.


 


 


 


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