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> Kinderbücher > Dürfen wir bei dir wohnen?
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Kinderbücher
Buch Leseprobe Dürfen wir bei dir wohnen?, Marianne C. Kruse
Marianne C. Kruse

Dürfen wir bei dir wohnen?


Die alte Eiche erzählt ...

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Eines schönen Frühlingstages verabschiedeten sich zwei kleine Hasen von ihren Geschwistern und den Eltern. Sie wollten von der Welt etwas sehen und auf Wanderschaft gehen, um dann an einem neuen schönen Ort eine Höhle für sich zu bauen. Einen ganzen Tag waren sie schon unterwegs, doch fanden sie immer noch nicht den Platz, den sie sich erträumt hatten. Am zweiten Tag kamen sie an einer großen starken Eiche vorbei und machten an dieser erst einmal Rast. Ringsum war eine wunderschöne Wiese mit vielen Veilchen, Gänseblümchen und Löwenzahn. Hier war ein wundervoller Ort zum Ausruhen, und als sie sich von dem langen Weg erholt hatten, sagte das eine Häschen zum anderen: „Es ist so gemütlich, eigentlich könnten wir hier bleiben“, und so fragten sie die Eiche, ob sie sich unter den Wurzeln eine Höhle bauen durften, um dort zu wohnen. Die Eiche war einverstanden, und so blieben die beiden Hasen. Die Eiche freute sich sehr über die neuen Bewohner und erzählte den Hasen nun ihren Lebenslauf. „Vor mindestens 200 Jahren war hier an dieser Stelle ein sehr großer Bauernhof. Der Bauer war zugleich auch noch Müller. Sicher könnt ihr dort drüben den Bach sehen, wo die vier großen Eichen stehen. Dort stand früher auch eine große schöne Windmühle. Der Müller hatte eine Familie mit einigen Söhnen und das kleinste Kind war ein lieber Junge. Dieser Junge hatte einst eine ganze Hosentasche voller Eicheln, die er am Waldrand gesammelt hatte. Eine Eichel pflanzte er an dieser Stelle ein und sagte: „Hier wird für mich ein Bäumchen wachsen“. Ein Jahr später im Frühling bin ich dann als kleines Pflänzchen aufgegangen. Der Junge war sehr glücklich darüber und hat ein kleines Gitter um mich gezogen, damit mich niemand zertreten konnte. Er ist jeden Tag zu mir gekommen und hat sich mit mir unterhalten, hat mir alle seine Sorgen anvertraut und seine Unarten. gebeichtet. Wir beide hatten uns sehr gern. Die Zeit verging, und schon bald war ich kein Pflänzchen mehr, sondern nach drei/vier Jahren ein richtiges Bäumchen. Mein Gitter wurde entfernt, denn es wurde ja jetzt nicht mehr gebraucht. Der Junge ließ sich von seinem Vater nun eine Bank und einen kleinen Tisch herstellen, und so hat er dann bei mir gesessen und gespielt oder gelesen. Es war ein sehr gescheites Bübchen. Damals gingen noch nicht alle Kinder in die Schule, aber dieser Junge wollte unbedingt etwas lernen, und so ist er zu seinem Pfarrer gegangen und hat dort das Lesen und das Rechnen gelernt. Seine Eltern waren sehr stolz auf ihren Jungen. Erhielt die Familie eine Nachricht von einer Behörde, kamen sein Vater und die Brüder zu ihm, um sie sich vorlesen zu lassen. Auch andere Leute aus dem Ort suchten den Jungen auf, wenn sie einen Brief bekamen. Der Bub musste den Brief dann vorlesen, und so wurde unser kleiner Junge bald eine Berühmtheit in der Gegend. Es kannten ihn nun schon sehr viele Leute, da ja immer jemand zum Müller kam, um sein Korn mahlen zu lassen. Jeder war der Meinung, der Bub muss einmal Lehrer werden. Ja, Lehrer wollte er werden. Dazu musste er aber von zu Hause fort, um noch viel mehr zu lernen. Er musste also in eine große Stadt auf eine Universität. Darüber war er na-türlich sehr traurig. Er wollte doch nicht weg von seinem geliebten Bauernhof, den Eltern, den Ge-schwistern und schon gar nicht von seiner geliebten Eiche und seinem Lieblingsplatz unter diesem Baum. Eines Tages ging er ganz traurig zu der Eiche, hielt sie umschlungen und weinte bitterlich. So blieb er eine ganze Weile stehen, bis sich ein Vogel auf seine Schulter setzte. Dieser zwitscherte irgendetwas, doch der Junge konnte es nicht verstehen. Als der Vogel wieder weggeflogen war, fragte er seine Eiche, was der Vogel ihm denn hätte sagen wollen? „Der Vogel wollte dir sagen, du sollst nicht traurig sein. Alle Vögelchen fliegen aus dem Nest, wenn sie mal groß genug sind. Sie lernen in der Fremde alles, was sie einmal zum Leben benötigen, und dann kommen sie wieder heim. Das ist nun mal in der Welt so. Wenn man nur zu Hause bleibt, kann man nicht viel dazu lernen und man kommt im Leben auch nicht viel weiter“, erklärte ihm die Eiche. „Na wenn das so ist“, antwortete der Junge, „dann muss ich also auch in eine fremde Stadt. Ich komme ja bestimmt wieder heim“. Ein paar Tage später verabschiedete sich der Bub von seiner Eiche und ging für einige Jahre in eine große Stadt, um dort zu studieren. In der Zeit, in der unser Junge nicht mehr da war, wuchs das Gras rund um den Tisch und die Bank richtig hoch. Lauter bunte Blumen und Kräuter gingen auf und nichts erinnerte mehr an den fleißigen Schüler vom letzten Sommer. Eifrige Bienen, bunte Schmetterlinge und Käfer tummelten sich auf der Bank, dem Tisch und im Gras, als wenn es nie anders gewesen wäre. Das Leben nahm seinen Lauf, doch die Eiche vermisste den Jungen. Niemand erzählte ihr jetzt so viele Geschichten und neue Ereignisse wie sonst in den Jahren zuvor. Das Vögelchen baute jedes Jahr wieder ein neues Nest und fragte auch ab und zu nach dem Jungen. Zeitweise kam der Müller an die Eiche und schaute ganz versonnen in ihre Zweige. Sicher dachte er dann auch an seinen jüng-sten Sohn, der jetzt so weit weg in einer großen Stadt wohnte.


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