|
Meister Petz
Es würde wieder einmal ein kalter Winter in Grünland werden und die Tiere waren emsig mit ihren Wintervorbereitungen beschäftigt. Noch schneite es zwar nicht, aber ein kalter Wind, fegte bereits durch Land und es wurde kühl in den Häusern der Tiere.
Fleißig wurden Vorräte zusammen getragen, Holz gesucht und alles für den Kälteeinbruch vorbereitet.
Alle Tiere, vom großen Hirsch bis hin zur kleinen Maus, halfen mit.
Nur einer nicht. Meister Petz, der Bär sah gar nicht ein, dass er den anderen Tieren helfen sollte.
Erstens war es noch viel zu früh, es würde noch Wochen dauern, bis der richtige Winter anfing und zum anderen reichte es doch voll und ganz, wenn er seine eigenen Sachen erledigte.
Also machte der Bär es sich in seiner Höhle bequem, faulenzte und schlief.
Ab und zu traute sich ein besonders mutiges und kluges Tier zu ihm und versuchte ihn zum Helfen zu überreden.
Heute war es Schuhu die Eule.
Ängstlich klopfte sie an die Tür des Bären und wartete, bis sie hereingebeten wurde.
„Was ist, was willst du?", brummte der Bär.
Schuhu trat nervös von einem Bein aufs andere und sagte dann: „Ich wollte dich fragen, ob du mir helfen kannst. Meine Familie und ich sind nicht so stark und wir brauchen jemanden der uns die Vorräte ins Haus trägt."
„Und was geht mich das an?
Das musst du schon selbst machen. Sind doch nicht meine Vorräte."
„Aber jedes Tier hilft dem anderen. Weil jeder eine andere Stärke hat. Manche sind stark so wie du und andere sind schlau und wissen, wie man die Sachen besorgt. So ergänzen sich alle", erklärte die weise Eule dem Bären.
„Na dann such dir mal jemanden. Ich helfe dir nicht", sagte der Bär unfreundlich und schloss seine Tür.
Schuhu die Eule war ratlos und sprach mit Reineke dem Fuchs darüber.
„Du musst dir nichts daraus machen, Meister Petz war schon immer so unfreundlich. Aber so ein alter Bär wird sich nicht mehr ändern."
Und so bereiteten sich alle Tiere auf den Winter vor.
Von morgens bis abends suchten sie Vorräte und machten ihre Häuser winterfest. Abends fielen sie nach getaner Arbeit erschöpft in ihre Betten.
Der Bär beobachtete das rege Treiben und belächelte die anderen Tiere.
Aber eines Morgens wachte Meister Petz auf und fühlte sich hundeelend. Seine Nase war verstopft, der Hals tat ihm weh und sein Kopf schmerzte.
Von irgendwoher hatte er sich eine dicke Erkältung geholt. Also blieb der Bär im Haus, trank heißen Tee mit reichlich Honig und schlief sich gesund.
Nach zwei Wochen hatte er seine Erkältung auskuriert und konnte endlich wieder ins Freie.
Aber nanu, was war das?
In der Zwischenzeit hatte der Winter Einzug ins Grünland gehalten und alles war von einer hohen Schneeschicht bedeckt.
Wohin er auch schaute, überall glitzerte die weiße Pracht. Erschrocken ging der Bär ins Haus und schaute nach seinen Vorräten.
Aber es waren keine da.
Er war ja der Meinung gewesen, dass er noch reichlich Zeit hatte. All seine Schränke waren leer, der Honig aufgebraucht und auf dem Platz neben dem Kamin lag nicht ein einziger Holzscheit.
Jetzt würde er den ganzen Winter über hungern und frieren müssen.
Warum hatte er bloß nicht auf die anderen Tiere gehört?
Traurig ging er nach draußen, aber seine Suche war hoffnungslos. Nirgendwo bekam er Holz oder Honig.
Verzweifelt stampfte er durch die zentimeterdicke Schneedecke nach Hause und dachte über seine Misere nach, als es plötzlich klopfte.
Er fragte sich, wer das wohl sein konnte.
Als er die Tür öffnete, erblickte er erstaunt alle Tiere von Grünland.
Schuhu die Eule, Reineke der Fuchs, der Hirsch, die Eichhörnchen, jeder war da.
Und sie kamen nicht mit leeren Händen. Jeder von ihnen überreichte Meister Petz ein Geschenk.
Schon bald häuften sich Honig, Brot, Gemüse und Feuerholz in seiner Hütte und der Bär war so sprachlos, dass er nichts außer einem leisen Danke hervorbrachte.
Dafür sind Freunde doch da, sagten die Tiere und verschwanden wieder in die kalte Winterlandschaft.
Der Bär blickte aus dem Fenster auf das Schneetreiben und war gerührt. Er wusste gar nicht, womit er das verdiente hatte.
Und ab diesem Winter wurde Meister Petz jemand anderes.
Jedes Mal, wenn ein anderes Tier Hilfe brauchte, war er zur Stelle.
Und im Winter war er mit Abstand derjenige, der am meisten arbeitete.
Aber nie wieder hörte man die Worte, dir helfe ich nicht, von ihm. Meister Petz der Bär gewann viele
Freunde und wurde endlich glücklich.
|