Auszug aus dem Kapitel 11
[...] Schließlich naht der Moment des Abschiednehmens. Die Erwachsenen nehmen sich kurz in den Arm und wünschen sich schulterklopfend alles Gute. Anna und Lucia versuchen, es den Eltern gleich zu tun. Plötzlich geht alles ganz schnell. Lucia sitzt angeschnallt auf der Rückbank. Papa fährt den Wagen aus der Einfahrt. Die Hupe ertönt dreimal. Mama, Papa und Lucia winken ein letztes Mal hinaus...
Lucia ist dem Weinen nahe, da hört sie plötzlich Almuts Stimme: „Nur Mut! Du wirst zwar Anna bis zum Herbst nicht sehen, aber das ist nur halb so schlimm! In deinem Erinnerungs-schatzkästchen sind schließlich hunderttausend Bilder von euch beiden! Schließ nur die Augen und schau schnell nach! Tief in dir drin sind alle Erinnerungen quicklebendig! All die Farben, Geräusche und Gerüche eurer schönen, gemeinsamen Sommertage!“
Lucia schließt die Augen und lächelt. Auf einmal sieht sie wieder alles ganz deutlich vor sich: Anna und sie im Schwimmbad, beim Puppenpicknick, beim Erdbeerpflücken...
Die dicke Träne, die noch in ihren Wimpern haftet, schillert kurz auf wie ein Edelstein. Dann fällt sie einfach herab auf den Kindersitz, wo sie ganz schnell wegtrocknet.
„Auch das Abschiednehmen hat etwas Schönes, weil man sich in diesem Moment bereits auf ein Wiedersehen freuen kann“, sagt Almut. [...]
Auszug aus dem Kapitel 13
[...] „Nun ist es hier richtig grau, still, tot und leer“, murmelt Lucia ihrem Teddy zu, den sie fest im Arm hält. Puppe Dorle und der große Stoffhund sitzen bereits auf der Rückbank im Auto, wo sie sicher sehnsüchtig auf ihre kleine Mama warten.
Lucia fühlt sich zwischen den leeren Wänden schon gar nicht mehr wie zu Hause. Trotzdem graut es ihr vor dem Moment, in dem Papa die Haustür endgültig hinter ihnen abschließen wird.
„Süße, möchtest du noch ein letztes Mal durch dein altes Kinderzimmer gehen und auf Wiedersehen sagen?“, ruft Mama die Treppe herab.
„Das ist doch gar nicht mehr wirklich mein Zimmer“, murmelt Lucia und kämpft dabei mit den Tränen. „Nein, ich mag nicht“, ruft sie Mama mit zitternder Stimme zu.
„Lucia, denk daran, Abschiednehmen gehört zum Leben dazu“, meldet sich Almut tröstend zu Wort. „Ich finde, du solltest dich gebührend von diesem Haus verabschieden. Sonst kannst du gar nicht euer neues Haus in Frankreich aus vollem Herzen begrüßen. Nur Mut und Kopf hoch, zusammen schaffen wir das!“
Langsam und bedächtig steigt Lucia die vertraute Holztreppe hinauf.
„Wußte ich’s doch, die fünfte Stufe knarrt“, wendet sie sich an Almut. „Sicher werde ich dieses Knarzen vermissen, denn ich habe mich so sehr daran gewöhnt! Es hat mir immer angezeigt, wann Mama und Papa mir Gute Nacht sagen kommen!“
„Dann erzähl das doch der Stufe“, schlägt Almut vor.
„Meinst du wirklich? Die Stufe ist doch bloß aus Holz! Sie kann mich doch bestimmt nicht hören! Oder ... oder etwa doch?!“
Almut nickt eifrig: „So ein Haus hat an allen Ecken und Kanten Augen, eine Stimme und Ohren. Natürlich darfst du dir das nicht so vorstellen, wie bei einem Menschen! Sieh mal, die Fenster sind die Augen eines Hauses. Sie blicken nach innen oder nach draußen, je nachdem, ob du im Garten spielst, oder im Zimmer. Natürlich merkt das Haus, ob du in ihm glücklich bist, oder nicht! Wenn du genau hinhörst, kannst du vielleicht noch dein Lachen von den Wänden widerhallen hören. Die Wände sind nämlich in etwa vergleichbar mit den Ohren eines Menschen. Und dann ist da natürlich noch die Stimme: das Pfeifen des Schornsteines wenn der Wind hinüberpfeift, das Quietschen der Fensterläden und das Knarzen der Treppe -- all das ist die Stimme eines Hauses!“
„Dann haben wir also nicht nur in diesem Haus gelebt, sondern das Haus hat auch mit uns gelebt?“, fragt Lucia verblüfft.
„Genau!“, bestätigt Almut. „Und so wie ich dieses äußerst nette Haus einschätze, wäre es sicher sehr unglücklich, wenn du ihm nicht Adieu sagen würdest!“ [...]