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> Kinderbücher > Achim, der Märchenkönig erzählt:
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Kinderbücher
Buch Leseprobe Achim, der Märchenkönig erzählt: , Joachim Vaross
Joachim Vaross

Achim, der Märchenkönig erzählt:


Neue Märchen zur Winter- und Weihnachtszeit

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Die Gans


 


Es mag viele Jahre her gewesen sein, da lebte einmal ein König. Lange Zeit schon herrschte er klug und weise über seine Untertanen, er war wahrlich ein guter König. Seine Frau war ihm einst gestorben, nachdem sie ihm den einzigen Sohn geboren hatte. Der König liebte seine Königin mehr als alles auf der Welt, deshalb sprach er: „Ich will alleine bleiben und keine neue Frau nehmen!“



Der Königssohn wuchs also ohne eine Stiefmutter heran, und wer weiß, wozu das gut war — denn wie du wohl weißt, haben die Stiefmütter im Märchenland ja nicht gerade den besten Ruf. Eines Tages nun feierte man seinen 18. Geburtstag. Da sprach der Vater: „Mein Junge, ich komme so langsam in die Jahre, wo ein einsamer Vater gerne Großvater würde. Ach, gerne hätte ich ein paar kleine Enkelchen und damit ein wenig junges, munteres Leben in unserem so ruhigen Schlosse. Möchtest du dir nicht bald eine liebe Frau suchen?“ „Recht gerne, aber ich will nur eine, die mich um meiner selbst willen liebt. Ich möchte keine, die nur an Geld und Güter denkt. Ich mag auch keine, die wegen ihrer eigenen Eitelkeit einmal die Königinnenkrone
tragen will.“ „Daran tust du recht, mein Sohn. Doch es wird schwer sein eine solche zu finden. Von dieser Sorte hat der liebe Herrgott nicht viele gemacht. Und wenn wir einen Aufruf machen dir eine Frau zu suchen,so würde sich manch eine verstellen um uns einen falschen Anschein zu geben.“ „Ja, Vater. Und deshalb will ich heimlich hinausziehen ins Reich in ärmlicher Kleidung und will sehen, ob ich eine finde.“ So tauschte er also sein Prinzengewand gegen eines der gewöhnlichen Leute, stieg auf sein Pferd und ritt ins Reich hinaus. Nach einiger Zeit kam er an ein Dorf weit fort vom Königshofe mitten im Walde und er überlegte, wie er wohl erfahren könnte, ob in dem Dorfe ein Mädchen wohne, das als Braut infrage käme.
Da traf er einen Bettler am Wege, dem gab er einen Heller und sprach: „Ach, sage mir, gibt es hier eine junge Frau, die verheiratet werden soll und noch keinen Bräutigam hat?“
„Oh ja, die Tochter des Dorfschulzen. Aber sagt an, mein Prinz, warum tragt ihr gewöhnliche Kleidung?“ — „Wie habt ihr mich erkannt?“ — „Ein jeder im Land kennt doch euren königlichen Schimmel!“


 


Es war also nicht so einfach unerkannt zu bleiben, wie der Prinz gedacht hatte. Er brachte jetzt sein Pferd zurück zum Schlosse und begab sich ein zweites Mal heimlich ins Reich, dieses Mal jedoch zu Fuß. Wie er nun wieder zu dem Dorfe kam, ging er gleich zu dem Dorfschulzen: „Ich bin ein Wanderbursche und komme von weit her. Bekomme ich bei dir ein Nachtlager?“ — „Eigentlich habe ich keine freie Kammer ...“ — „Aber ich zahl’s dir auch!“ — „Das ist etwas anderes, dann komm herein. Meine Tochter wird dir gleich zu essen bringen, setz dich derweil.“ Der Schulze ging in die Küche und kratzte sich dabei nachdenklich am Kopfe: „Wer ist er nur? Er kommt mir so bekannt vor?“ Und er sprach zu seiner Tochter: „Deine Mutter kommt erst spät nach Haus. Bring du dem Gast von dem guten Braten!“ Wie der Prinz nun leise zur Türe ging und lauschte um mehr zu hören, erwiderte die Tochter zänkisch: „Vater, wer ist er, dass wir ihn bewirten? Wo kommen wir hin, dass wir jeden hergelaufenen Fremden verpflegen? Hat er denn auch Geld? Sonst bringe ich ihm nur Hirsebrei!“ ‚Oh je!‘ Dachte der Prinz. ‚Die hat aber Haare auf den Zähnen! Mit der ist nicht gut Kirschen essen!‘


 


In der Küche sprach der Schulze weiter: „Ja, wer ist er nur? Aber halt, ich weiß — doch die ärmlichen Kleider? Dennoch — ich bin ganz sicher! Es ist unser Prinz vom Schlosse! Bring ihm nur das beste Essen, und sei nett zu ihm! Man sagt, er suche eine Frau!“ Eilig nahm der Prinz wieder Platz, doch es dauerte einige Zeit, bis die Tochter hereinkam. Sie brachte gutes Essen, hatte ihr freundlichstes Lächeln aufgesetzt und sogar ein neues Kleid angezogen: „Bitte sehr, ich wünsche recht guten Appetit. Darf ich Euch ein wenig Gesellschaft leisten?“ Selbst ihre
Stimme war nicht wieder zu erkennen! Weil er gemerkt hatte, dass er getäuscht werden sollte, war der Prinz nicht sehr gesprächig und ging bald zu Bett, bezahlte am Morgen für Essen und
Unterkunft und zog weiter. Wie er nun wieder einen ganzen Tag gewandert war, kam er in ein weiteres Dorf. Dort hörte er von der Tochter eines reichen Bauern, die schön und im heiratsfähigen Alter sei. Er bat den Bauern um ein Nachtlager, und wie ihm eine Magd das Abendessen gebracht hatte, öffnete sich plötzlich die Tür. Herein stolzierte die Tochter
des Hauses, von einer Parfümduftwolke umweht. Die Magd machte vor ihr einen Hofknicks und verließ das Zimmer. Die Tochter aber schaute hochnäsig zur Decke und drehte sich in ihrem Ballkleid langsam im Kreis, damit man sie gebührlich bewundern sollte. „Ach, du bist ja auch wieder nur so ein armer Schlucker! Kennst du vielleicht einen reichen Grafen oder Edelmann? Einen anderen will ich nämlich nicht!“ Ihr Abgang war ebenso theatralisch wie ihr Auftritt, und sie würdigte den Gast keines weiteren Blickes mehr. Auch diesen Ort verließ der Prinz, nachdem er Kost und Logis bezahlt hatte, und er war froh wieder fort zu sein. Und er zog weiter durch sein Land, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Und er sah eine große Zahl von jungen Frauen. Und er sah Hartherzigkeit, Hochmut und Eitelkeit, Gewinnsucht und Geldgier. Keine von all den vielen war es wert um ihre Hand anzuhalten. Am schlimmsten aber war, dass ihn auch viele erkannten. Sie verstellten sich dann immer sofort und zeigten sich von ihrer besten Seite, taten lieb und nett, freundlich, edel und mildtätig, um einen besseren Eindruck zu machen. Das ärgerte ihn am meisten und manchmal wäre er nur zu gerne in eine andere Haut geschlüpft um unerkannt zu bleiben.


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