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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Wölfinnen, Marion Schlicker, Shila
Marion Schlicker, Shila

Wölfinnen



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Es werden Fieberphantasien sein.

Tag und Nacht hatten keinen Unterschied mehr. Wenn er mühsam die Augen öffnete, sah er flirrendes Sonnenlicht oder kaltes, klares Mondlicht. Er registrierte es, und doch interessierte es ihn nicht. Manchmal war es kalt. Immer, wenn es besonders kalt war, fühlte er einen warmen, pelzigen Körper halb auf, halb neben sich. Irgendwann wurde ihm bewusst, dass da etwas war, das ihn wärmte, etwas, was seine Wunden versorgte, das ihm Flüssigkeit zwischen die Lippen träufelte, etwas, was in der Lage war, ihm sogar die Schmerzen zu nehmen.

Ein beruhigend beunruhigender Gedanke, sich in den Händen eines Unbekannten zu befinden.

Irgendwann wachte er auf, war wacher als sonst und bemerkte, dass er sich wieder bewegen konnte, und dass von den tiefen Wunden an Brust und Schulter nur Narben übrig waren, die er fühlen konnte.

Wie kann das sein? Wie lange liege ich schon hier?

Neugierig blickte er sich um, fragte sich, wo er war und was in den vergangenen Tagen geschehen war. Noch immer lag er dort, wo er sich zuletzt hingeschleppt hatte, unter einem dicht belaubten Busch in weichem Moos. Durch die Blätter flirrte das Sonnenlicht, es war also heller Tag.

Der unbekannte Helfer hatte eine Decke über ihm ausgebreitet, neben ihm stand ein Tongefäß mit Flüssigkeit. Sein Kopf war auf sein Lederhemd gebettet, das ihm offenbar jemand ausgezogen hatte. Noch immer schwach, aber immerhin hungrig und durstig, schoss er die Augen und wartete. Irgendwann wird der barmherzige Helfer zurückkommen, dessen war er sich sicher.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, war es dunkel, kein Mondlicht war zu sehen und er spürte einen kühlen Lufthauch in seinem Gesicht. Vorsichtig tastet er um sich, suchte die Decke, die ihn bisher warm gehalten hatte, sie musste verrutscht sein.

Da spürte er Wärme, Atmen - seine Finger ertasteten ein warmes, weiches Fell. Er wollte fühlen, wissen, was da neben ihm lag. Aber urplötzlich erhob sich das Wesen und wischte blitzschnell davon, bevor er auch nur einen Schatten davon wahrnehmen konnte.


Jetzt habe ich das Tier erschreckt, wahrscheinlich ist es der Hund meines Unbekannten.


Zu müde, um weiter darüber nachzudenken, schlief er wieder an.

Bei seinem nächsten Erwachen musste es Morgen sein, denn die Sonne stand noch tief und rot im Osten. Soviel konnte er sehen. Er fühlte sich überraschend wohl und beschloss, unter seinem schützenden Busch hervor zu kriechen.

In der Nähe musste sich ein Fluss befinden und erst jetzt nahm er dessen gleichmäßiges Rauschen bewusst wahr. Vorsichtig teilte er die Zweige des Busches und spähte hinaus. Wie er richtig vermutet hatte - ganz in der Nähe sah er das Wasser eines nicht sehr breiten Flusses. Am anderen Ufer standen dicht gedrängt Bäume, deren Blätter in allen erdenklichen Grüntönen leuchteten. Vereinzelt dazwischen konnte er Blüten erkennen von Pflanzen, die auf den Bäumen wuchsen. Offenbar war es der Anfang des großen Waldes. Er hatte also die erste Etappe seiner Reise erreicht. Ein kleiner Schritt zum Ziel.

Drüben am anderen Ufer bewegte sich etwas. Er zog vorsichtshalber seinen Kopf etwas zurück und beobachtete den Schatten, den er gesehen hatte. Aus dem Schatten wurde ein Tier, ein großes Tier mit silberfarbenem Fell. Es war ein Wolf, aber ein Wolf, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Ein schönes Tier, mit langem, weichem Fell. Es schien genau in seine Richtung zu blicken, ihm direkt in die Augen. Unwillkürlich zog er sich weiter in den Busch zurück, konnte den Blick aber nicht von dem Tier lassen. Da senkte der Wolf den Kopf, trank etwas von dem klaren Flusswasser und zog sich in den Wald zurück.

Der Anblick des Wolfes hatte brachte ihm urplötzlich die Erinnerung zurück. Alles fiel ihm wieder ein, alles was geschehen war mit dem Clan der Falken. Der ganze Schrecken kam zurück. Aber vor allen Dingen hatte er die letzten Worte seines Großvaters, der ein großer Weiser unter den Falken war, genau im Ohr. An jedes Wort erinnerte er sich, als ob es gestern erst gesagt wäre.

„Suche die Wölfinnen. Sie können dir helfen, die Kinder der Falken zu finden. Die Wölfinnen sind Wissende.“

„Die Wölfinnen gibt es doch nicht. Sie sind eine Sage, ein Märchen, dass uns Großmutter erzählt hat, um uns Kinder zu erschrecken.“

„Die Sage ist ihr Schutz, das nicht Glauben an sie ihr größter Verbündeter. Geh, suche sie, ehe es zu spät ist. Sie leben jenseits des großen Waldes. Aber sie sind überall. Geh - glaub mir - laufe - denk an die Kinder der Falken! Wenn du sie findest, sage ihnen: Du, Kalin, bist der Enkel von Alton, dem großen Falken. Dann werden sie dich anhören. Geh, bevor die Bären merken, dass du noch lebst!“

Alton sah seinen Enkel noch einmal flehend an, dann sank sein Kopf zurück und er überließ sich dem großen Schlaf. Kalin sah zum Himmel: „Große Göttin, der du unsere Mutter bist, hilf mir, sag mir was ich tun soll!“ Die Wölfinnen - eine Sage, eine Geschichte der Großmutter, sie sollte es wirklich geben? Diese kriegerischen Weiber, welche die Männer hassen, ihre neugeborenen Knaben töten, sich in der Nacht in jagende Wölfe verwandeln und zaubern können?“

Kalin wusste aber auch, dass sein Großvater mehr wusste, als alle anderen lebenden Menschen. Alton hatte niemals gelogen, warum sollte er es jetzt tun?


Ich werde seinen Körper den heiligen, reinigenden Flammen übergeben, die Totengebete für ihn und die anderen sprechen und mich auf den Weg machen.


Die Nacht über saß er neben seinem Großvater, hielt die Totenwache und sprach alle vorgeschriebenen Gebete. Aber er ließ die Trauer nicht zu, weinte nicht. Da war nur nacktes Entsetzen und dann die Wut, eiskalte Wut, die ihn überfiel, wenn er an seine Eltern, Geschwister und all die anderen dachte. Und er gab dem toten Alton das Versprechen, zu tun, was ihm zuletzt aufgetragen wurde. Als am Morgen die Sonne aufging, war Kalin klar, dass er eine große Aufgabe übertragen bekommen hatte. Aber er war entschlossen, diese Aufgabe zu erfüllen.

Kalin erhob sich, sammelte trockenes Holz zusammen, zog halb verkohlte Balken unter den Trümmern der verbrannten Hütten hervor, schichtete alles zu einem Scheiterhaufen auf und legte Altons Körper drauf. Ein Feuer zu entfachen, war nicht schwer. Glut war noch genug vorhanden.

Als er langsam durch das einst so blühende Dorf der Falken ging, sah er erst das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Keine Hütte stand mehr. Alles war verkohlt, verbrannt. Unter den Trümmern lagen verkohlte Leichen. Männer und Frauen waren auf der Flucht dahin gemetzelt, und hier und da lag die Leiche eines Kindes.

Er sammelte alles zusammen, was er noch fand und was ihm unterwegs nützlich sein könnte. Wunderbarerweise fand er das Schwert seines Vaters, sowie ein Messer, einen Speer und einen Wasserschlauch. Er wunderte sich, dass das Schwert noch da war, denn es war wertvoll und berühmt.


Ich werde nicht darüber nachdenken, warum sie es vergessen haben, sondern glücklich sein, dass es sich in meinem Besitz befindet.


Er warf einen vermeintlich letzten Blick zurück und wandte sich nach Norden, dahin, wo sich der große Wald befinden sollte.

Da hörte er etwas, zuerst undeutlich, weit entfernt, dann lauter und näher kommend. Kalin blieb stehen und lauschte. Kein Zweifel - das waren Pferde! Schnell verschwand er hinter den großen Bäumen und wartete. Tatsächlich - am Bauchlauf entlang näherten sich drei Reiter schnell und ohne anzuhalten dem einstigen Dorf.

Kalin erschrak: Die Bären - sie kommen zurück! Was wollen sie noch hier?

Da fiel sein Blick auf das Schwert in seiner Hand, das wertvolle, sagenhafte Schwert seines Vaters, das durch Zufall in seine Hände gelangt war. Den Griff zierte auf der einen Seite eine kleine, erhabene Abbildung eines Falken, der einen winzigen blauen Stein im Schnabel hält. Auf der anderen Seite befand sich genau in der Höhe der Handfläche ein eingefasster, rot glänzender Stein. Ansonsten sah es schlicht und einfach aus.


Sie haben gemerkt, dass sie das wertvollste Beutestück übersehen haben. Wenn sie es nicht finden, werden sie wissen, dass ich noch lebe.


Nur durch einen glücklichen Zufall war er nicht im Dorf gewesen, als die Bären es überfielen. Er hatte zwei Tage lang einen Hirsch verfolgt, der ihm dann doch noch entkam. Als er sich auf den Heimweg machte, sah er schon von weitem die Rauchwolken über dem Dorf und hörte das schreckliche Geschrei der Frauen und Kinder. Endlich im Dorf angekommen, war alles vorbei, nur seinen alten Großvater hatte er noch lebend gefunden. Dieser erzählte ihm, dass alle Männer und die älteren Frauen ermordet wurden. Die überlebenden Kinder und junge Frauen hatten die grausamen Bären weggeschleppt

Es kann kein Zufall sein, dass ich noch lebe. Die Göttin hat es so gefügt, damit ich die Frauen und Kinder befreien kann.

Kalin zog sich langsam und vorsichtig zurück, das Schwert fest an sich gepresst. Sein Herz pochte so laut, dass er glaubte, die drei vom Bärenclan müssten es hören.

Er hatte keine Erfahrung im Kampf, genau wie die meisten anderen der Falken. Sein Volk hat immer friedlich von der Jagd gelebt und von dem Gemüse, was sie selbst anbauten. Sie waren bei den anderen Stämmen, mit denen sie Tauschhandel trieben, immer beliebt. Es war Kalin rätselhaft, warum die Bären das Dorf überfallen hatten, sie hatten doch niemand was getan!

Kalin ahnte noch nicht, dass die Bären inzwischen ihre erfolglose Suche nach dem Schwert seines Vaters aufgegeben haben. Sie untersuchten die Umgebung, fanden natürlich den Scheiterhaufen und die Spuren, die Kalin nicht mehr hatte beseitigen können. Dann machten sie sich an die Verfolgung.

Da bemerkte Kalin den Falken - schrill kreischend flatterte er aufgeregt - ganz gegen die sonstige Gewohnheit eines Falken - über Kalins Kopf. Flog davon, kam wieder zurück. So ging es eine Weile hin und her. Kalin wunderte sich, aber dann begriff er endlich, dass der Vogel ihn warnen wollte.

Die Bären- sie verfolgen mich!

Er dachte an ihre Pferde, und er sah auch, dass der Falke immer in Richtung der großen Felsen flog, die westlich von seinem Weg lagen.

Er musste unwillkürlich lächeln.


 Der Vogel ist schlau, in die Felsen können sie nicht mit ihren Pferden.


Da rannte er, so schnell er konnte, ohne weiter auf seine Verfolger zu achten. Er rannte, bis er bei den ersten Felsausläufern angekommen war. Da erst drehte er sich um und sah, dass ihn seine Verfolger entdeckt hatten und schon gefährlich nahe waren. Schnell warf er den Speer weg, der ihm beim Klettern nur hinderlich sein konnte.

Er war ein guter Kletterer, hatte er doch mit seinem Vater von Kind an geübt. Sie waren zu den Falkennestern geklettert, um nach den Jungen zu sehen. Manchen Falkenjungen hatten sie selbst großgezogen, wenn seine Mutter einem Räuber zum Opfer gefallen war. Bei diesen Gedanken sah er zum Himmel, wo der Falke wieder ruhige Kreise zog. Er lächelte. Bestimmt hat der Vogel ihn wieder erkannt.

Er schlüpfte in eine schmale Felsspalte, kletterte in ihr nach oben, immer weiter, ohne zurückzuschauen. Irgendwann war die Spalte zu Ende, und er stand hoch oben auf dem Felsen, fast auf dem Gipfel. Erst jetzt stellte er fest, dass seine Verfolger keineswegs aufgegeben hatten, sondern dabei waren, ihm nach zu klettern. Allerdings stellten sie sich längst nicht so geschickt an wie Kalin. Wieder kam ihm der Falke zu Hilfe. Er flog ständig über den Köpfen der Verfolger, belästigte sie, zerrte gar hier und da an ihren Haaren. Wehren konnten sie sich nicht, da sie ja beide Hände brauchten, um sich an der Felswand festzuhalten. Einer aber vergaß sich. Mit der rechten Hand wollte er nach dem Vogel schlagen. Wild ruderte er in der Luft herum und verlor den Halt. Jetzt ging es abwärts mit ihm, was nicht weiter schlimm war, denn die Felsspalte war eng und irgendwann blieb er hängen. Zerschunden und zerkratzt, machte er sich fluchend erneut an den Aufstieg.

 „Danke, du mutiger Vogel!“ rief Kalin und verschwand schnell zwischen den Felsen. Jetzt war der Aufstieg nicht mehr sehr schwierig und er kam schnell voran. Er gelangte auf ein kleines, flaches Felsplateau, das von  wenigen Krüppelkiefern bewachsen war. Von seinen Verfolgern war noch nichts zu bemerken, trotzdem umklammerte er das Schwert in seiner Hand etwas fester. Er musste nach einem Abstieg suchen, denn oben bleiben konnte er schlecht.

Wie kommt ein Hirsch hierher?

Erstaunt beobachtete er das große, schöne Tier am Rande des Plateaus. Es schien ihm so, als sei es der Gleiche, den er unlängst verfolgt hatte. Verwirrt wischte er sich mit der Hand über die Augen, wie um ein Trugbild zu verscheuchen. Aber der Hirsch stand immer noch da, sah ihn direkt an, drehte sich langsam um und verschwand.

Da muss es einen Abstieg geben!

Kalin lief zu der Stelle, an der das Tier gestanden hatte. Tatsächlich gab es da einen kleinen, sehr schmalen Pfad, fast wie von Menschenhand geschaffen. Den hatte auch der Hirsch benutzt. Jetzt wunderte sich Kalin nicht mehr, denn als er auf dem Pfad abwärts stieg, bemerkte er, dass rechts und links des Weges allerlei Arten von schmackhaften Kräutern wuchsen. Diese waren es wohl, die den Hirsch dazu veranlasst hatten, den beschwerlichen Weg nach oben zu klettern. Kalin sammelte unterwegs davon ein, soviel er in der Eile erwischen konnte, denn es waren einige recht wertvolle Heilpflanzen dabei.

Er kam recht schnell voran und schaffte den Weg ohne besondere Mühe. Unten angekommen ging es zwischen Felsen- und Baumgewirr weiter. Das Gelände war beschwerlich, aber nicht sonderlich gefährlich. Auf Schlangen und giftige Spinnen musste er aufpassen. Aber das waren Gefahren, die Kalin gewohnt war, mit denen er sich auskannte. Außerdem trug er feste Stiefel und lange Hirschlederhosen und war so relativ gut geschützt vor Schlangen- und Spinnenbissen.

Es war auf jeden Fall ein für Pferde fast unbezwingbarer Weg, den sie nur sehr langsam und mühevoll würden bewältigen können. Selbst wenn seine Verfolger die Suche in den Felswänden aufgegeben hatten und um den Berg herumritten. Hier würden sie wieder absteigen müssen.

Dieser Gedanke beruhigte Kalin. Er hoffte, den Bären vorläufig entkommen zu sein. Aber ganz aufgeben werden, können sie nicht. Er würde immer eine Gefahr für sie bleiben, das wusste er nur zu gut.

Den Hirsch hatte er mittlerweile wieder aus den Augen verloren, was ihn jedoch nicht sonderlich bedrückte. Aber er erinnerte sich an die Worte seines alten, weisen Großvaters: „Junge, wenn du dringend Hilfe brauchst, wird dir die große Göttin Hilfe schicken. Du musst nur lernen, sie zu erkennen.“

Inzwischen waren etliche Stunden vergangen, die Sonne stand schon tief am Himmel und Kalin merkte, dass er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Er nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch und machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem.

An den Sträuchern wuchsen süße Beeren und es fanden auch einige genießbare Pilze. Er wagte es nicht, ein Feuer anzumachen, da es sehr verräterisch für seine Verfolger sein könnte. So kaute er im Gehen auf den rohen Pilzen herum, aber er hatte dadurch wenigstens etwas im Magen.

Einen Platz für die Nacht musste er auch finden, es war gefährlich in der Dunkelheit in dieser felsigen Gegend. Inzwischen hatte er sich wieder nach Norden gewandt, die Richtung, wo er den großen Wald finden sollte. Er kannte niemand, der schon da war, er wusste auch nicht, wie weit er noch gehen musste. Stunden - Tage - Wochen? Im Moment war es müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Erst mal ausruhen und warten bis es wieder hell ist.

Da fiel ihm ein großer, einsamer Baum auf, mit breiten, ausladenden Ästen. Geradezu einladend stand er da, der geeignete Platz für die Nacht. Kalin überlegte nicht mehr lange, kletterte hinauf und stellte fest, dass es zwischen den untersten Ästen sehr bequem war. Außerdem konnte er die -abgesehen von den Felsformationen - an sich flache Gegend gut überblicken. Inzwischen war die Sonne untergegangen, aber der Mond leuchtete hell.

Irgendwann schlief er ein. Im Traum sah er sich selbst, wie er mit wehenden langen Haaren an der Seite seines Vaters ritt, er war glücklich und geborgen, jagte mit ihm Hirsche und Rehe, lernte mit Hilfe von Steinen Feuer zu machen, übte sich im Gebrauch von Schwert und Speer. Dann waren da plötzlich Wölfe mit blutunterlaufenen Augen und fletschenden Zähnen, sein kleiner Bruder und seine Schwester, die von richtigen Bären weggezerrt wurden, sein Vater, wie er mit blutigem Schwert hinterherlief, dann seinen Großvater, der ihm ermunternd zulächelte und immer wieder sagte: „Suche die Wölfinnen, die große Göttin wird dir helfen.“

Mit diesem Traumbild im Kopf erwachte Kalin genau bei Sonnenaufgang. Er wunderte sich, dass er so lange hatte schlafen können. Er war ausgeruht, trotz des Alptraums. Noch immer sah er das Gesicht Altons deutlich vor sich und hörte seine Worte.

In der Nähe schien sich niemand zu befinden. Jedenfalls entdeckte er nichts Verdächtiges, als er sich umschaute. Also kletterte er vom Baum, und machte sich auf seinen vermutlich noch langen Weg. Wieder fand er Beeren und Pilze. Ein wilder Apfelbaum trug sein übriges dazu bei, seinen Hunger in Grenzen zu halten. Nach einigen Stunden begann die Gegend sich zu verändern. Es war nicht mehr so steinig, und hier und da spross saftiges Gras aus dem Boden. Es war jetzt einfacher zu gehen, und Kalin kam schnell voran.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, wurde es heiß in der schattenlosen Landschaft. Noch hatte Kalin keinen Tümpel oder Bach gefunden, an dem er seinen Wasserschlauch hätte auffüllen können. Das bereitete ihm einige Sorgen, denn Wasser war wichtiger als Essen.

Aber unverzagt ging er weiter, ruhig und bedächtig, auf alles in der fremden Umgebung achtend, kannte er doch bisher nur die Wälder rund um sein Dorf. Noch nie hatte er das Bedürfnis gehabt, weiter herumzustreifen. Es hatte ihm die nähere Heimat immer genügt. Es passierte auch dort soviel Spannendes, dass es niemals langweilig war. Er lernte Fallen für Kaninchen zu bauen, jagte die Hirsche und Rehe mit dem Speer und war stolz, wenn er eines der Tiere erlegen konnte. Aber niemals tat er es aus reinem Vergnügen. Immer tat er es für das Dorf, und immer nur, wenn der Fleischvorrat zu Ende ging. Oder er gesellte sich zu den anderen jungen Männern. Sie redeten, scherzten, rauften oder übten mit ihren Waffen. Die Älteren unter ihnen, zu denen auch Kalin gehörte, unterhielten sich oft über die Mädchen. Es gab Burschen, die hatten schon einige Erfahrung, die sie nicht ohne Stolz an die anderen weitergaben. Von heimlichen Küssen und Schmusen war die Rede, aber auch von Liebe, wenn einer unter ihnen ein Mädchen gefunden hatte, mit dem er gerne zusammen bleiben wollte. Auch er, Kalin, hatte eine Freundin gehabt, hat gelacht, geschmust, geküsst und schon daran gedacht, mit ihr zusammen eine eigene Hütte zu bauen. Wehmütig dachte er an Doria, die jetzt sicher eine Gefangene der Bären war. Was werden sie mit ihr anstellen? Er musste versuchen, gar nicht daran zu denken, denn sonst kroch kalte Wut in ihm hoch, und Wut ist, genau wie Angst, ein schlechter Berater.

Feinde kannten die Falken bis dahin nicht. Wenn Fremde in das Dorf kamen, wurden sie stets freundlich aufgenommen. Neugierig hörte man zu, was in der großen Welt geschah, um dann anschließend wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die Einzigen, die viel herumkamen und immer unterwegs waren, waren die wenigen Händler des Dorfes. Sie zogen im zeitigen Frühjahr mit den Körben, Teppichen, Tongefäßen und Schmuck, den die Frauen über den Winter gefertigt hatten, los. Irgendwann im Spätsommer kamen sie mit allerlei Waren zurück, die sie im Tausch dafür bekommen hatten. Dann konnten sie tagelang erzählen, Lustiges und Trauriges, Spannendes und Langweiliges. Aber am Ende der Geschichten stellte sich immer wieder heraus, dass es nirgendwo anders war als in ihrem Dorf. Überall lachten, weinten, lebten und starben die Menschen.

Die Einzige, die viel mehr wusste als alle anderen, war seine Großmutter. Sie konnte herrliche Geschichten aus einer Welt erzählen, die niemand kannte, auch die weit gereisten Händler nicht. Es war eine Welt voller Wunder, voller Gefahren. Dort gab es gute und böse Hexen, Elfen, Waldgnome, riesige Vögel, Tiere, große Felsenschlösser und - die Wölfinnen! Als kleiner Junge hatte er mit ungläubigem Staunen die Geschichten geglaubt, später hat er darüber gelächelt, war sich sicher zu wissen, dass das nichts weiter als Märchen sind. Zwar wusste er, dass seine Großmutter eine Fremde war, die vor langer Zeit von weit her kam, weil sie seinen Großvater liebte. Auf seine Fragen, ob es denn wahr wäre, was die Großmutter erzählt, hat Alton immer nur geheimnisvoll gelächelt. Einmal sagte er: „Wenn es an der Zeit ist, wirst du die Wahrheit der Märchen erfahren.“

Jetzt war es wohl an der Zeit, denn er wurde zu den Wölfinnen geschickt. Und hatte er nicht auf dem kurzen Stück des Weges schon Wunder erlebt? Waren da nicht zuerst der seltsame große Hirsch, der ihn lange genug vom Dorf weg gelockt hatte, dann der Falke, der ihm half und endlich wieder ein Hirsch, der ihm den Weg zeigte? Hilfen der großen Göttin, die man Wunder nannte?

Kalin schreckte plötzlich aus seinen Gedanken auf, als er in nicht allzu weiter Entfernung etwas sah, was sich bewegte.


Das falsche Paradies


Schnell warf er sich ins Gras und beobachtete die Stelle. Tatsächlich! Eine kleine Gestalt, vermutlich ein Kind, lief da herum, bückte sich hin und wieder, um etwas aufzuheben und in einen Beutel zu stopfen. Das erschien Kalin so harmlos, dass er sich erhob und langsam auf die kleine Gestalt zuging. Diese war so mit ihrem Tun beschäftigt, dass sie Kalin erst bemerkte, als er dicht bei ihr angekommen war.

Mit einem erschreckten, schrillen „Girrrrrrrrr“ hüpfte das Wesen zur Seite um dann wie hypnotisiert auf den Fremden zu starren. Kalin sah jetzt, dass es sich keineswegs um ein Kind handelte, sondern um ein offensichtlich schon älteres, weibliches Wesen von zwergenhaftem Wuchs. Sie trug ein langes, farbenprächtiges Kleid und ein eben solches Tuch auf dem Kopf. Fest hielt sie ihren Leinenbeutel an sich gepresst und schaute jetzt nicht mehr erschreckt, sondern eher neugierig zu dem großen, jungen Mann auf. Ihr Gesicht war faltig, aber nicht hässlich, beherrscht von großen, klugen, blauen Augen.

Kalin spürte wohl, dass keine Gefahr von der Frau ausging, aber er wusste auch nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Er beschloss erst einmal freundlich zu lächeln. Das kann nicht verkehrt sein, dachte er. Dann sagte er etwas verlegen „Hallo, entschuldige bitte, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Da kam wieder das merkwürdige „Girrrrrrrrr“, diesmal aber nicht schrill und erschrocken, sondern belustigt wie ein Lachen.

„Fremder hat sich verlaufen?“

„Eigentlich nicht, ich will nach Norden zum großen Wald. Aber im Moment bin ich auf der Suche nach Wasser und vielleicht etwas zu Essen.“

„Fremder, hier kein Wasser, hier kein Essen, hier etwas viel Wertvolleres!“

Bei diesen Worten umklammerte sie den Leinenbeutel noch fester, drückte ihn an sich wie einen wertvollen Schatz.

„Was ist wertvoller als Wasser?“ fragte Kalin etwas erstaunt.

Die Frau legte den Kopf etwas schief und schaute ihn an, wie man ein Kind betrachtet, das dumme Fragen stellt. Sie sagte nichts, sondern schien zu überlegen, was sie nun tun oder zur Antwort geben sollte. Da trat sie plötzlich auf ihn zu, zupfte ihn an seinen Hosen.

„Fremder kommen, schauen. Nuria ihm zeigen.“

„Nuria ist Dein Name?“

„Girrrrrrrrr". Ich Nuria, die Reiche. Aber kommen, zeigen!“

Wieder zupfte sie ungeduldig an ihm herum, bis er ihr folgte, nun doch neugierig geworden, was das denn sei, das wertvoller ist als Wasser.

Sie schritt langsam vorwärts, ihr Blick war immer suchend auf den Boden gerichtet. Plötzlich blieb sie stehen, bückte sich, hob etwas auf und hielt es so hoch sie konnte unter Kalins Nase.

„Fremder sehen, das ist wertvoll!“

Kalin streckte die Hand aus und wollte das Ding nehmen, das sie ihm entgegenhielt. Nuria aber sprang erstaunlich schnell nach hinten.

„Girrrrrrrrr“ kam es jetzt wieder, aber nicht belustigt, sondern wütend.

„Meines ist das!“

„Ich nehme es dir sicher nicht weg, ich wollte es nur näher ansehen. Aber wenn du nicht willst - auch gut.“

Wieder sah sie ihn sekundenlang forschend und neugierig an, hielt ihm dann wieder die Hand entgegen.

„Fremder ist ehrlich, gibt Nuria zurück.“

Was sie ihm gab, war ein kleiner Stein, aber was für einer! Als Kalin ihn ins Sonnenlicht hielt, leuchtete er in allen Farben dass es ihn blendete.

„Das ist wunderschön, was ist das?“

Nuria kicherte belustigt vor sich hin und klatschte in die Hände, wie ein Kind, dem eine besondere Überraschung gelungen ist.

„Girrrrrrrrr". Fremder auch wunderschön, aber Stein ist schöner und wertvoller, ist Edelstein!“

„Und was kann man damit machen, außer ihn anzusehen und sich an seiner Schönheit zu freuen?“

Diese Frage erschien Nuria scheinbar so ungeheuerlich, dass sie Kalin ungläubig anstarrte, so wie man jemand ansieht, der die einfachsten Dinge einfach nicht kapiert. Dann blinzelte sie geheimnisvoll, senkte ihre Stimme zu einem Flüstern:

„Wesen gibt es, mächtige Wesen, die alles dafür geben, was man haben will!“

„Auch Wasser und Essen?“

Auch diese Frage erschien der kleinen Frau mehr als naiv, denn nun schaute sie nicht mehr ungläubig, sondern stampfte fast wütend mit einem Fuß auf.

„Du bist dumm!“ rief sie dazu „Wenn ich sage: Alles, dann meine ich alles! Steine können auch heilen.“

Abrupt drehte sie sich um und rief über ihre Schulter: „Komm mit.“

Ohne weiter auf Kalin zu achten, lief sie davon. Er folgte ihr, neugierig, was wohl als nächstes passieren würde, und in der Hoffnung, dass sie Wasser und etwas Essbares für ihn hätte.

Weit und breit war nichts zu sehen, was darauf schließen ließ, dass sich in der Nähe so etwas Ähnliches wie eine Behausung hätte befinden können. Das einzig Auffällige war ein riesiger Baum, mit einem Stamm, der sicher doppelte Mannsbreite hatte, mit starken, ausladenden Ästen und riesigen Blättern, die man fast als Sonnenschirm benutzen konnte.

Kalin hatte so einen Baum noch nie gesehen, aber er wunderte sich nicht darüber, schließlich befand er sich schon weit weg von seiner gewohnten Umgebung. Und in einer anderen Gegend gibt es eben andere Dinge. Das hatten ihm seine Eltern und Großeltern immer erklärt.

Offenbar war genau dieser Baum das Ziel Nurias, denn sie ging geradewegs darauf zu. Sie sah sich nicht einmal nach ihrem Begleiter um. Entweder war sie sich sicher, dass er folgte, oder es war ihr ganz einfach egal. Als sie vor dem Baum stand, raffte sie ihren langen Rock und kletterte wieselflink an dem Stamm hoch bis zu einer Höhlung, die Kalin erst jetzt bemerkte. Genauso schnell wie sie geklettert war, verschwand sie darin.

„Warte doch! Ich bin nicht so klein und wendig wie du!“ rief Kalin. Aber es kam keine Antwort. Also kletterte er einfach hinterher.

Nun doch etwas verdutzt, bemerkte er, dass das Innere der Baumhöhle ausgebaut war wie eine bequeme Treppe, allerdings zugeschnitten für kleinere Personen, aber durchaus auch für ihn bequem begehbar. Die Treppe war nur ungefähr zweimal so hoch - oder tief - wie er selbst. An ihrem Ende dehnte sich ein breiter Gang aus, der auf irgendeine, noch unerklärliche Art, beleuchtet war. Da stand auch Nuria und sah zu ihm hinauf. Als sie sah, dass er ihr nachkam, kicherte sie wieder auf ihre ganz eigene Art vor sich hin und lief weiter. Es ging nur in eine Richtung, also konnte Kalin nichts verkehrt machen.

Der Gang war sehr kurz, und nun sah Kalin auch, woher das Licht kam - vom Ende des Ganges. Dieser mündete nämlich in einen Art Hof oder Garten voller Pflanzen, Blumen und einem schmalen Bachlauf, der in einen kleinen See mündete, in dem farbige, schillernde Fische schwammen und auf dem sich bunte Wasservögel zwischen prächtigen Seerosen tummelten. Kleine Vögel, die aussahen wie Edelsteine mit Flügeln, saßen und flogen zwitschernd und trillernd zwischen Rosen- und Jasminsträuchern. Dicht am Ufer des Sees stand eine kleine Steinhütte, davor führte ein Steg bis fast zur Wassermitte. Am Geländer des Steges kletterten farbig blühende Winden empor. Süßlich schwerer, fast betäubender  Blumenduft lag in der Luft. Schmale Steinwege führten in alle Richtungen, zwischen den normalen Kieselsteinen lagen auch Edelsteine, die Nuria so leidenschaftlich sammelte. Es glitzerte, blinkte und flimmerte überall. Es war unmöglich, alles auf einen Blick zu entdecken. Ein seltsames Licht kam von oben aus einer Kuppel, die aussah wie kristallklares, bläuliches Glas.

Kalin stand da, ungläubig staunend und fast betäubt von soviel Schönheit. Die Märchenländer der Großmutter hatte er sich immer so vorgestellt.

Nuria hatte sich derweil auf eine kleine Bank vor ihrer Hütte gesetzt und lächelte ihm zu. Er ging zu ihr, setzte sich wortlos neben sie und betrachtete weiter seine phantastische Umgebung. Etwas störte ihn an dieser Märchenwelt. Er wusste zwar noch nicht, was es war, aber er würde es sicher herausbekommen.

„Gefällt es dem Fremden?“ fragte Nuria vorsichtig.

„Ja, es ist wunderschön, irgendwie unwirklich.“

„Die anderen Fremden haben es mir gebaut, ich gebe ihnen Edelsteine dafür.“

Etwas unsicher, wohl auf eine Reaktion wartend, schielte sie Kalin von der Seite an. Er schwieg. Was hätte er dazu auch sagen sollen? Außerdem hatte er ziemlichen Hunger, und seine Kehle war inzwischen wie ausgetrocknet. Am liebsten hätte er seine Kleider vom Leibe gerissen und wäre in den See gesprungen, was aber dessen Botanik ziemlich durcheinander gebracht hätte. Also ließ er es lieber sein.

Schlagartig wurde ihm auch bewusst, was ihn an dieser Szenerie störte!

Die Natur zeigte ihre verschwenderische Fülle - aber es war eine künstliche Zusammenballung ihrer natürlichen Schönheit. Man konnte sich nicht an einem einzelnen bunten Schmetterling, der auf  einer Blüte sitzt, freuen, denn in dieser Fülle war die Schönheit des Einzelnen nicht mehr erkennbar. Man roch den Duft einer Rose nicht, weil viele andere Blütendüfte dazukamen.

Nuria sammelte diese schönen Steine, gab welche davon den „anderen Fremden“ ab, bekam dafür diese künstlich - schöne Welt, vermutlich auch ihre Nahrungsmittel. Inzwischen war sie nicht mehr in der Lage, sich an kleinen Dingen, an einer einzelnen Blume, einem einzelnen Schmetterling zu freuen, sie wollte immer mehr davon. Immer mehr Steine sammelte sie, immer gieriger wurde sie. Sie machte sich nicht mehr die Mühe, das Wasser der Bäche zu trinken und die Früchte der Bäume zu suchen, sie bekam was sie wollte, wenn sie nur genügend Steine sammelte.

Aber was ist, wenn es keine Steine mehr gibt, was tut Nuria dann? Sie wird dann wohl verhungern müssen.

Sehr nachdenklich geworden, betrachtete Kalin seine Umgebung mehr als kritisch.

Dann aber beschloss er, das Ganze zuerst mal zu genießen. Er wusste, dass er mit Nuria über seine Gedankengänge nicht würde reden können. Sie würde ihn vermutlich nicht verstehen.

Währenddessen war diese in der Hütte verschwunden und kam mit einem großen Henkelkorb zurück

Darin befanden sich Obst, kaltes Hühnchen, frisches duftendes Fladenbrot, geräucherter Fisch und eine Flasche Wasser. Ächzend stellte sie den Korb ab, griff sich mit der rechten Hand in den Rücken.

„Da, Essen und Trinken für dich, los!“

Das ließ er sich natürlich nicht zweimal sagen, hungrig griff er zu, bis der Korb und die Flasche leer waren.

„Mein Rücken tut weh, jeden Tag viele Stunden laufen über die Steine und das dauernde Bücken ist nicht gut für eine alte Frau, ich werde auch immer kleiner, irgendwann bin ich ganz verschwunden.“

Nuria sagte das zwar lachend, aber ihr klagender Unterton war nicht zu überhören.

„Sind das diese Edelsteine denn wert?“ fragte Kalin.

Da blitzte sie ihn wieder mit ihren blauen Augen wütend an, stampfte auf den Boden und verschwand wortlos in ihrer Hütte.

„Ich danke dir für das Essen, du bist meine Lebensretterin“ rief er ihr lachend hinterher, da sie ihn in diesem Moment an ein kleines, zorniges Kind erinnert hatte. Er war satt und der volle Bauch hatte ihn schläfrig gemacht. Da kam Nuria auch wieder zurück und versöhnlich lächelnd meinte sie: „Meine Hütte ist zu klein für uns beide, aber ich bringe dir eine Decke, im Gras dort ist es weich und trocken“. Mit diesen Worten verschwand sie wieder, kam mit der Decke und einem Becher voll mit warmem, aromatisch duftendem Tees zurück.

„Trink das, bevor du dich schlafen legst.“ sagte sie in einem ziemlich strengen Ton.

„Ich bin aber nicht durstig“, meinte Kalin, der es sich schon auf der Decke bequem gemacht hatte.

„Trink!“

„Na gut, wenn du meinst“

 Ergeben nahm Kalin den Becher und trank ihn in einem Zug leer.

„Schmeckt sehr gut“, stellte er fest, da fielen ihm aber auch schon die Augen zu. Verschwommen nahm er die kleine Frau an seiner Seite noch wahr, sah, wie sie sanft lächelte und hörte noch, wie sie sagte: „Vergiss die kleine Nuria nicht.“

Er wollte noch fragen, warum sie plötzlich so ganz anders sprach und sagen, dass man sich ja wohl am anderen Morgen wieder sehen würde, aber sie drückte ihm unverhofft einen Kuss auf die Lippen und bevor er reagieren konnte, war er eingeschlafen. Und da kamen die Träume wieder, die Träume von seiner Heimat. Der Kuss Nurias hatte Erinnerungen hervorgeholt. Erinnerungen an Doria. Er sah sie vor sich, schlank, schön, mit langen wehenden schwarzem Haar. Lachend und winkend lief sie zum Fluss hinunter, ließ sich ins Gras fallen. Im Traum nahm er sie in die Arme, fühlte ihren weichen warmen Körper, die sanften Lippen, streichelte ihren kleinen festen Busen und wühlte sich in ihre weichen Haare.

Plötzlich war Doria verschwunden, dafür sah er die Großmutter, wie sie durchs Dorf lief, fast immer lächelnd, immer freundlich. Obwohl sie eine Fremde war, mochten sie alle, denn sie war eine sehr kluge, heilkundige Frau. Egal, was für ein Zipperlein jemanden plagte, sie konnte mit Sicherheit helfen. Die Leute kamen mit allen Problemen zu ihr, sie konnte zuhören und wusste Rat.

Großmutter  - Doria - wo waren sie eigentlich? Lebten sie noch? Waren sie tot? Er wusste es nicht, er hatte auch in all der Trauer und Aufregung vergessen, Alton danach zu fragen. Kalin bemerkte die Tränen nicht, die ihm im Schlaf und Traum über die Wangen liefen.

Irgendetwas kitzelte ihn in der Nase, so dass er niesen musste. Ärgerlich darüber, dass er aus seinen Träumen gerissen wurde, öffnete er die Augen. Es war schon heller Tag, die Sonne schien und er hörte Vögel zwitschern.

Wieso scheint hier die Sonne?

Es war sowieso alles so anders als gestern. Noch immer befand er sich in diesem seltsam schönen Garten. Der Teich war auch noch da, die Hütte stand noch an ihrem Platz, aber die blaue Kuppel war weg. Stattdessen erhoben sich hohe, unbezwinglich erscheinende Felswände rund um das kleine Tal.

Auch der Garten hatte sich verändert. Wohl waren Bach und Blumen, Schmetterlinge und Vögel da. Aber es war alles verwildert. Der Bach hatte sich unkontrolliert einen Weg zwischen den Steinen gesucht, der See hatte sich ausgebreitet, sein Ufer war sumpfig und mit quakenden Fröschen und schimmernden Libellen bevölkert. Auch die glitzernden Steine, die überall lagen, waren verschwunden. Nurias Hütte war verfallen, von Moos und Flechten bewachsen. Es ging ein leichter Wind, und die Tür, die nur noch haltlos in einer Angel hing, bewegte sich leise quietschend hin und her.

Verwirrt wischte sich Kalin über die Augen, kniff sie zu und öffnete sie wieder, als wolle er kontrollieren, dass er nicht noch träumte. Aber es nützte nichts, es war Realität, was er sah.

Da erfasste ihn eine leichte Panik, denn das alles konnte doch nicht in nur einer Nacht geschehen sein! Wo war Nuria?

„Nuria“, rief er, „Nuria, wo bist du? Was spielst du für ein Spiel mit mir? Melde dich doch!“

Er lief zur Hütte und schob die morsche Tür zur Seite, was diese aber nicht mehr aushielt, denn sie fiel krachend vollends zu Boden. Er musste sich bücken, um vorsichtig hineinzuspähen, aber es war so gut wie nichts zu sehen, nur ein paar fette Ratten flüchtenden in ihre Löcher. Es war kein Bett da, kein Herd, kein Stuhl, nichts. Nur Flechten und Moose und ein paar gelbe dürre Grasbüschel wuchsen aus den Mauerritzen. Da sah er etwas direkt am Eingang liegen. Was Kalin zunächst für ein totes kleines Tier hielt, entpuppte sich beim näheren Hinsehen als ein kleiner Lederbeutel. Es war der gleiche Beutel, den Nuria bei sich getragen hatte.

Er hob ihn auf und fühlte, dass er nicht leer war. Vorsichtig wischte er die Staubschicht ab, öffnete ihn und drehte ihn um. Staunend betrachtet er den Edelstein, der in seine rechte Hand kullerte. Es war der gleiche, den Nuria ihm als ersten gezeigt hatte! Sofort erkannte er ihn an Form und Farbe wieder. Also hatte er nicht geträumt, diese seltsame kleine Frau war Wirklichkeit, genauso wie dieser Stein, den er in der Hand hielt. Er legte ihn zurück in den Beutel, hängte sich diesen um den Hals und schob ihn unter sein Lederhemd.

Immer noch zwischen leichtem Grausen und einigermaßen Ratlosigkeit schwankend, sah er sich draußen nun noch etwas näher um. Irgendwie musste er hier weg. Aber die Baumhöhle, durch die er gekommen war, gab es nicht mehr. Es blieben nur die Felswände, an denen er irgendwie nach oben klettern musste. Er beschloss, an diesen zunächst einmal entlang zu gehen, vielleicht gab es ja einen Höhlenausgang oder wenigstens einen Steg nach oben. So groß war das Tal ja nicht, in längstens einer Stunde würde er es umrundet haben.

Aber zuallererst füllte er seinen Wasserschlauch an dem klaren Bach auf und pflückte sich ein paar Äpfel von den Bäumen.  Merkwürdigerweise war die Decke, auf der er geschlafen hatte, noch da. Sie war im Gegensatz zu seiner Umgebung noch genauso wie vorher. Er hob sie auf, machte daraus ein Bündel, in dem er die Äpfel und den Wasserschlauch verstaute, warf dieses über den Rücken und machte sich auf den Weg.

Solange Kalin auch an den Felswänden entlang lief, er konnte weder eine Höhlung noch einen geeigneten Aufstieg finden. Panik ergriff ihn bei dem Gedanken, hier gefangen zu sein. Das Tal war zwar fruchtbar und schön, aber er musste hinaus. Das Leben vieler seines Stammes hing doch davon ab. Er wusste noch nicht einmal genau, wie viel Zeit vergangen war. Seiner Umgebung nach zu urteilen, waren es Jahre, seinem Empfinden nach nur eine Nacht.

Vielleicht hatte er nur etwas übersehen? Einen Busch, an dem man sich hinaufziehen konnte, versteckte kleine Felsvorsprünge, eine zugewachsene Höhle, irgendwas. Kalin erhob sich wieder und machte sich erneut auf den Weg. Aber sosehr er auch schaute, die Wände untersuchte, sie bleiben glatt wie poliert, und die Risse darin boten nicht den geringsten Halt.

Er setzte sich ins Gras und versuchte, sich zu beruhigen und klar zu denken. Er war mehrmals um das ganze Tal gelaufen, hatte keinen Ausweg gefunden.


Das Wasser des Baches muss irgendwo herkommen, und die Baumhöhle war auch mitten im Tal. Warum also den Ausweg unbedingt in den Felsen suchen?


Froh über diesen Einfall machte er sich erneut auf die Suche. Diesmal lief er rund um den See, so gut es in dem Sumpf ging. Aber auch das schien aussichtslos. Er ging den Bachlauf entlang, um festzustellen, dass dieser aus einer kleinen Quelle gespeist wurde.

Inzwischen waren einige Stunden vergangen, die Sonne stand hoch am Himmel. Kalin setzte sich an einen einigermaßen trockenen Platz am See. Die üppig blühenden Seerosen waren zwar nicht verschwunden, aber es gab nur noch wenige davon am Uferrand. Er trank etwas von dem klaren Wasser und schaute dabei verzweifelt auf sein Spiegelbild. Nein, Jahre können nicht vergangen sein. Er sah noch genauso aus wie gestern, abgesehen von dem Bart, der ihm langsam wuchs. Unwillkürlich musste er lächeln: Der Bart ließ ihn älter, erwachsener aussehen.


Seltsam, es gibt so viele Tiere hier, aber ich sehe keine Fische mehr im See. Obwohl das Wasser so klar ist, kann man auch den Grund nicht sehen, und eigentlich müsste das kleine Tal inzwischen durch den Bach überschwemmt sein.


Natürlich, das war es, der See! Irgendwo musste das Wasser hin. Vielleicht gibt es eine unterirdische Höhle, die irgendwohin nach draußen führt.

Die ganze Situation war verwirrend genug, aber Kalin dachte nicht daran, aufzugeben und in diesem Tal den Rest seines Lebens als Einsiedler verbringen zu wollen. Er konnte ebenso gut schwimmen und tauchen wie klettern.

Kurz entschlossen zog er seine Stiefel und Hosen aus und legte seine wenigen Habseligkeiten am Rand des Sees ab. Die Sachen konnte er später noch holen, wenn er wusste, dass es unter Wasser einen Ausweg gibt.

Das Ufer war sehr steil und er verlor sofort den Boden unter den Füßen, aber das Wasser war angenehm warm. Er schwamm ein kleines Stück und tauchte dann. Es war klar und er konnte gut sehen, aber eigentlich gab es nichts Bemerkenswertes. Kein Fisch schwamm da, keine Pflanzen wuchsen, außer den Seerosen am Rand.

Insofern war nichts Gefährliches zu bemerken. Kalin tauchte noch mal auf, holte Luft und versuchte es noch mal. Diesmal versuchte er es noch tiefer, aber auch da sah es wenig Erfolg versprechend aus.

Aber urplötzlich verspürte er eine ziemlich starke Strömung, die ihn nach unten ziehen wollte. Erschrocken kämpfte er dagegen an, aber der Sog wurde immer stärker. Nach kurzer Zeit wurde ihm der Atem knapp, das Blut pochte heftig in den Schläfen, er sah rote Kreise vor den Augen und die Kraft in Armen und Beinen ließ nach. Von echter Panik ergriffen sah er schon den sicheren Tod vor Augen. Aber noch einmal mobilisierte er seine letzte Kraft und es gelang ihm schließlich in fast letzter Sekunde, der tödlichen Umklammerung des Wassers zu entkommen. Völlig erschöpft gelangte er an die Oberfläche, schwamm mit letzter Kraft ans Ufer und legte sich heftig nach Luft ringend und hustend ins Gras. Nach einigen Minuten kam er wieder zu Kräften und konnte ruhig durchatmen.

Langsam wurde es dämmerig, die Sonne war in Begriff, hinter den Felswänden zu verschwinden. Daher beschloss Kalin, heute nichts mehr zu unternehmen, sondern sich auszuruhen und zu schlafen bis zum nächsten Morgen. Außerdem knurrte sein Magen, denn er hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Beeren, Äpfel und Pilze gab es genug, um den gröbsten Hunger zu stillen.

Am nächsten Morgen packte er seine wenigen Sachen zusammen, verschnürte alles in das Deckenbündel und zog Hosen und Stiefel an.

Er betrachtete seine Umgebung noch einmal genau, sah die Schmetterlinge, die Blumen, die Sonne am Himmel und hörte die Vögel singen. Vielleicht das letzte Mal in seinem Leben?

„Große Göttin, hilf mir, lass mich nicht im Stich. Du hast mir diese Aufgabe gegeben und ich vertraue dir. Außerdem bin ich noch viel zu jung um zu sterben.“

Kalin sagte dies laut, wie ein Gebet, und schaute dabei fast flehentlich zum Himmel.

Er atmete noch einmal tief durch, presste sein Bündel fest an sich und stieg in das klare Wasser. Zum Schwimmen konnte er nur seine Füße benutzen, was ihn aber nicht weiter behinderte. Seine Kleidung sog sich voll Wasser und wurde schwer, dadurch brauchte er sich nicht anzustrengen, um zu tauchen. Er überließ sich einfach dem Wasser und versuchte jegliches Angstgefühl zu verscheuchen. Nur nicht nachdenken, was passieren kann.

Da war er auch wieder, dieser Sog! Er kam Kalin allerdings wesentlich weniger stark vor als am Tag zuvor. Das lag mit Sicherheit auch daran, dass er sich nicht dagegen wehrte, sondern mit ihm mit zu schwimmen versuchte. Die einzige Hoffnung, die er hatte, war, dass es nicht zu lange dauerte, dass er es unter Wasser aushielt, bis er hoffentlich irgendwo Luft holen konnte.

Der Sog wurde immer stärker, und es war endgültig zu spät, um sich daraus freizuschwimmen. Da sah er vor sich algengrün schimmernde Felswände. Bevor ihm richtig bewusst wurde, dass er an ihnen zerschmettert werden könnte, zog ihn das Wasser in eine schmale Höhle. Aus dem Sog wurde ein Wirbel, der ihn hin und her schleuderte wie einen nassen Sack. Noch fester presste er sein Bündel an sich, denn dies durfte er keinesfalls verlieren; enthielt es doch das Wertvollste, was er besaß. Langsam spürte er, wie ihm die Luft knapp wurde und es kam ihm schon wie Ewigkeiten vor, seit er sich unter Wasser befand. Die Wände der Höhle waren zum Glück glatt gewaschen vom Wasser, denn immer wieder wurde er dagegen geschleudert, ratschte daran entlang. So gut es ging, versuchte er, sich mit den Füßen abzustoßen, aber das gelang nicht oft. Das Wasser war stärker als er. Erstaunlicherweise konnte er noch immer sehen, obwohl es in der Höhle eigentlich hätte dunkel sein müssen. Sein Verstand war noch hellwach, worüber er sich wunderte. Aber sicherlich war viel weniger Zeit vergangen, als er glaubte. Er spürte nur, dass er schnellstens wieder an die Oberfläche kommen musste. Lange würde er das sicher nicht mehr aushalten. Er wollte - musste wach bleiben!

Nur nicht ohnmächtig werden, ich muss aufpassen wegen der Felsen, und ich muss das Schwert behalten.Alle Willenskraft schien aber nichts zu nutzen. Es wurde ihm schwarz vor Augen und er spürte, dass er einer Ohnmacht nahe war. Einfach die Augen schließen, nicht mehr kämpfen, sich treiben lassen, Abschied nehmen, aufgeben.

Er sah grelle Blitze, rote Sterne. Irgendwo hatte er sich schrecklich den Kopf angestoßen. Er griff sich an die Stirn, öffnete die Augen - und konnte tief Luft holen! Da wurde ihm schlagartig bewusst, dass er noch lebte. Tote haben doch keine Schmerzen. Alles tat ihm weh, die Arme, die Beine, der Rücken und vor allem der Kopf.

Wo ist das Bündel, das Schwert?

Leicht panisch öffnete er vollends die Augen, und das erste was er zu seiner Erleichterung sah, war das Bündel, das neben ihm im Wasser lag. Er wollte danach greifen, doch sein rechter Arm gehorchte ihm nicht mehr. Taub und lahm hing er da, als ob er nicht zu ihm gehören würde.

Mit der Linken wischte er sich über das Gesicht, um das Wasser, das aus den Haaren tropfte, wegzuwischen. Aber es war kein Wasser, sondern Blut aus einer Wunde an der Stirn. Mit der Linken zog er nun auch das Bündel näher zu sich und hielt es fest. Vorsichtig versuchte er die Beine zu bewegen, was zu seiner Erleichterung glückte, wenn es auch wehtat.


Ich lebe. Das ist das Wichtigste. Alles andere wird verheilen.


Nun erst begann er sich mit seiner Umgebung zu beschäftigen. Noch immer lag er halb im Wasser, das hier eine sehr starke Strömung hatte und ihn gegen einen Felsen presste. Das Bachbett hatte sich tief in eine Bergwand gewaschen, die Uferwände waren glatt und steil. Hinter ihm befand sich der sehr schmale Ausgang der Unterwasserhöhle. Er wunderte sich, dass er überhaupt da durchgekommen war. Wahrscheinlich war dies die Stelle, an der er sich den Kopf gestoßen und den Arm gequetscht hatte. Es war laut, das Wasser toste und rauschte, wahrscheinlich befand sich in der Nähe ein Wasserfall. Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten. Aber die Steine im Bachbett waren glitschig und er konnte sich mit seinem verletzten Arm nirgends festhalten. Nur für einen kurzen Augenblick konnte er über den Felsen spähen, hinter dem er sich befand. Entsetzt stellte er fest, dass sich seine Lage keineswegs entspannt hatte. Der Felsen hatte ihm wenigstens für den Moment das Leben gerettet. Denn direkt dahinter ging es steil bergab. Wie tief, das konnte er allerdings nicht erkennen. Daher kam also das laute Rauschen, das er hörte. Allerdings konnte er auch nicht liegen bleiben, denn mit der Zeit würde ihn das Wasser unterkühlen. Er musste versuchen, irgendwie aus dem Bach zu kommen und sich auf den Uferfelsen ausruhen und aufwärmen. Aber das Bachbett war steil und in seinem Zustand war es schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich an den Felswänden festzuhalten oder gar hinaufzuklettern.

Aber er wollte es dennoch versuchen, im Vertrauen auf sein Glück und den Beistand der Göttin. Bis hierher hatte er doch auch alles überstanden, also war zum Aufgeben noch nicht die richtige Zeit. Außerdem spürte er seinen rechten Arm wieder, konnte wenigstens die Finger bewegen. Langsam und bedächtig erhob er sich, rutschte auf den glatten, veralgten Steinen im Bachbett aus, wollte reflexartig mit der rechten Hand nach Halt suchen, aber das Wasser zog ihm vollends die Beine weg, riss ihn mit sich an den Abgrund. Verzweifelt presste er sein Bündel an sich, als das Wasser ihn über den Felshang trieb.

„Nein!!!! ...Große Göttin hilf mir doch!“ Es war ein Schrei der Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Diesmal schien die Göttin zu schlafen, oder sie hatte das Interesse an ihrem Schützling verloren. Erbarmungslos wurde er in die Tiefe gerissen und war nur noch ein Spielball der Wassermassen. Sein Körper ratschte hilflos an Felskanten entlang, schlug auf, blieb einen Moment liegen, wurde weiter gerissen. Sein Bündel hatte er fallen lassen, um sich irgendwo festklammern zu können, denn es ging jetzt nur noch um sein nacktes Leben.

Wie ein gieriger Schlund verschluckte ihn ein kleiner See, wirbelte ihn unter Wasser herum, spuckte ihn wieder aus. Ein kräftiger Sog riss ihn nach oben und schwemmte ihn an ein sandiges, flaches Ufer, welches sich unter seinem Körper rot von Blut färbte. Hustend spuckte er das Wasser aus, wobei seine Brust fast unerträglich schmerzte. Der rechte Arm hing taub und leblos herunter, sein Brustkorb war aufgerissen, auf seiner Stirn klaffte eine große Wunde, aber er lebte noch.

Wenn ich jetzt einschlafe, dann wache ich nie mehr auf.

Aber es wurde ihm immer wieder schwarz vor Augen und nur mühsam blieb er bei Bewusstsein. Mit dem linken Arm versuchte er um sich zu tasten.

Mein Bündel, das Schwert - alles ist weg!

Bei diesem Gedanken überkam ihn vollends die Verzweiflung, Tränen der Wut und der Schmerzen stiegen ihm in die Augen. Nichts als das nackte Leben hatte er behalten. Wie sollte er so jemals dort ankommen, wohin er geschickt worden war?

Er versuchte mit aller ihm verbliebener Kraft vollends aus dem Wasser zu kriechen, aber das war für seinen geschundenen Körper zu viel. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, er schrie noch einmal auf, dann wurde es schwarz um ihn. Über ihm, am sich rötlich färbenden Abendhimmel, zog ein Falke seine Kreise und stieß schrille, klagende Töne aus.


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© by Shila


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