Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Story Bashing 1: Underdog
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Story Bashing 1: Underdog, Akira Arenth
Akira Arenth

Story Bashing 1: Underdog


Manchmal reicht kein Hundehirn

Bewertung:
(5)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
58
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

In einer Welt, in der wir tagtäglich mit negativen Dingen konfrontiert werden, habe ich mich gefragt: Was verbessert meine Stimmung, gerade wenn ich wirklich schlecht drauf bin? Die Antwort war einfach, denn sie saß direkt neben mir und hechelte mich mit unsagbar geruchsintensivem Gammelatem an, der nach getrocknetem Rinderschwanz miefte: mein zauberhafter Groenendaelmixrüde, Mister Joker Bambam. Schon oft erlebte ich mit Joker Situationen, in denen ich mich, aus einer miesen Laune heraus, dann urplötzlich vor Lachen wegschmeißen musste, weil Joker eben einfach Joker ist. Weder schämt er sich, wenn er in den romantisch-erotischen Momenten, die ich gelegentlich mit meinem Gatten habe, saftig einen fahren lässt, noch hat er Gewissensbisse, wenn er die über zwei Tage mühevoll zubereitete fünf Kilo schwere Weihnachtsgans wegputzt, sobald man für eine Sekunde die Küche verlässt. In solchen Augenblicken denke ich mir: Was geht im Hirn dieses Hundes vor? Macht er das, was er da tut, unbewusst, weil seine Triebe es ihm vorsäuseln, oder ist es gar eiskalt kalkulierte Absicht? Manchmal ist Joker ein perfider, kleiner, egoistischer, quengeliger, arschlöchiger Scherzkeks, schlimmer als jede Katze! Außerdem hat er einen nervösen Magen und eine Fischblase, denn er pieselt mit gut einem Jahr immer noch unkontrolliert los, wenn er sich zu sehr freut. Trotzdem ist er für mich das kostbarste Hündchen der Welt und ich würde ihn niemals hergeben! Hunde sind von Natur aus treu und planen nie etwas Böses, zumindest hat mir das mein Exemplar hier sehr überzeugend eingetrichtert. Sie handeln offenbar frei von der Leber weg, nehmen, was sie kriegen, sobald sich der Alpharüde umdreht, und machen immer das Beste aus ihrer Situation. Nun habe ich mir vorgestellt, was passieren würde, wenn ich für einen Tag in den Körper eines Hundes schlüpfen könnte. Mein bescheidener Intellekt bliebe dabei natürlich erhalten. Sehe ich da ein Grinsen in deinem Gesicht? Keine Angst, brauchst dich nicht schämen, ich musste auch erst mal lachen. Ganz ehrlich, nach einem ausgiebigen, mehrstündigen Selbstleckmarathon würde ich nur noch Blödsinn verzapfen. Während dieser Überlegungen kamen mir viele witzige Gedanken, die ich aufschrieb, um daraus eine Geschichte entstehen zu lassen. Eine Geschichte von einem Hund, der schlauer ist als alle anderen. Eine Geschichte von einem Helden, der nie ein Held sein wollte und eine Geschichte von einem Halbmenschen, der die Freiheit eines Tieres hat ... Vorhang auf! *** Erschöpft sucht sich ein mir bekannter Junge einen Weg zu einem Platz ganz hinten rechts in der Ecke und drückt sich dabei durch die im Gang stehenden Jugendlichen, die sich sehr lautstark über die letzten SyF-Finalisten unterhalten. Er lässt seinen Rucksack neben den zerkratzten Tisch fallen, zieht die nasse Jacke aus und hängt sie über die schiefe Stuhllehne. Dann plumpst er auf den Holzstuhl und wischt sich einmal über das Gesicht. Ich seufze und schließe für einen Moment die Augen, um all dem Gewusel und dem Rauschen der Gespräche zu entkommen. Ich bin so müde ... Die halbe Nacht habe ich nicht geschlafen. Eine ältere Frau betritt den Raum und mit Ertönen einer schrillen Klingel setzen sich nach und nach alle hin, aber so viele sind das gar nicht und auch vom Alter her gibt es wohl Unterschiede. Die Frau schaut über die Sitzreihen, als wolle sie sich vergewissern, dass auch alle da sind. »Guten Morgen, ihr Lieben, schön, dass ihr alle da seid«, sagt sie dann leise. »Guten Morgen, Frau Landhut«, antworten die Kinder gemeinsam. »Leider muss ich euch mitteilen, dass ich jetzt auch den Matheunterricht übernehmen werde. Herr Backer ...« Sie stockt kurz, wischt sich übers Gesicht und schaut dann schnell nach unten auf irgendwelche Papiere. »Herr Backer musste gestern überraschend operiert werden und wir wissen nicht, ob und wann er zurückkommen wird.« Ein Raunen geht durch die kleine Gruppe. Laut schniefend ordnet sie ihre Papiere mit einem Klacken auf ihrem Tisch und geht dann herum, um jedem einen Stapel auf den Platz zu legen. »Eigentlich sind die meisten von euch dafür noch zu jung, aber angesichts der Ereignisse halte ich es für notwendig, dass ihr die Gefahren, mit denen wir leben, nicht unterschätzt und lernt, mit ihnen umzugehen. Nur wer die Vergangenheit versteht, kann in der Gegenwart etwas ändern und seine Zukunft formen!« Bei diesen Worten durchziehen tiefe Falten ihr Gesicht. Wieder an der Tafel angekommen, setzt sie sich nun auf ihren Stuhl, bevor sie die Ellenbogen auf dem Tisch abstützt und die Finger ineinander verschränkt. »Was glaubt ihr, wie alt ich war, als das alles begann?«, fragt sie plötzlich, doch niemand antwortet ihr, also spricht sie schließlich selbst weiter. »Ich war siebzehn und bin die einzige Überlebende aller meiner Verwandten und Freunde.« Ich sehe, dass viele der Kinder die Augen weit aufreißen. »Wie haben Sie das nur geschafft?«, platzt es aus einem Mädchen heraus. »Wenn alle, die man liebt, um einen herum sterben ... Ich glaube, ich würde mir freiwillig das Leben nehmen.« »Und das aus dem Mund einer Fünfzehnjährigen.« Frau Landhut lächelt melancholisch und schüttelt den Kopf. »Wenn die Letzten damals aufgegeben hätten, gäbe es die Menschheit heute nicht mehr. Glaubt mir, je häufiger ihr dem Tod ins Gesicht blickt, desto mehr klammert ihr euch ans Leben. Der Zusammenhalt von Überlebenden einer Krise ist enorm. Die gegenseitige Wertschätzung steigt, denn jeder, der etwas tun kann, wird von anderen belobigt und geehrt, aber dazu komme ich später.« Sie tippt mit dem Finger auf einem großen, leuchtenden Brett an der Wand herum und auf einmal erscheinen Zeichen: EVE. Sie zittert, als sie sich wieder umdreht. »Ihr kennt die Bezeichnung alle, das weiß ich, aber kann mir jemand von euch sagen, woher der Begriff stammt?« Der mir bekannte Knabe hebt die Hand. »Der Name stammt von Evelyn, der Border Collie Hündin.« Frau Landhut nickt. »Ganz genau, Alex. Im Jahr 2029 war Evelyn die Erste, bei der man den Virus nachweisen konnte, also vor gut fünfzig Jahren. Sie war ein Familienhund, niemals negativ auffällig, wohlerzogen und sogar mehrfache Preisträgerin bei Hundewettbewerben. Es ist den Wissenschaftlern bis heute ein Rätsel, warum sich die Krankheit in ihrem Körper entwickelte. Kennt ihr die gängigste Theorie zur Entstehung des EVE-Virus?« Diesmal winkt der Kleinste aus der Gruppe mit der Hand. »Meine Mama hat mir erzählt, Hunde sind von Natur aus dreckige Tiere gewesen, deren Biss schon immer Krankheiten übertragen hat. Doch die Menschen früher waren eben leichtsinniger und -« »Das ist leider völliger Blödsinn«, unterbricht ihn die Frau sofort. »Hunde waren keinesfalls dreckige Tiere und ihr Biss war sogar weniger gefährlich als der eines Menschen. Also, ich versuche, es euch zu erklären.« Sie geht wieder an die leuchtende Tafel und wischt hektisch mit ihrem Finger darauf herum, während sie erzählt: »Grundlegend sind Viren Gene von Lebewesen, die sich aus dem bestehenden Organismus abspalten und herauslösen. Dabei bilden sie eine Art Schwundstufe, sind aber schon bei ihrer Entstehung vollständig existierende Organismen. Man geht nun im Fall Evelyn davon aus, dass die jahrelange und permanente Genmanipulation der Nahrungsmittel dazu führte, dass sich der Virus aus einem normalen Bakterienstamm, wahrscheinlich einer Erkältung, herausgebildet hat. Der Virus hat dann langsam und kontinuierlich immer mehr von seiner genetischen Information verloren, bis er schließlich zum Zellparasiten wurde, der darauf angewiesen ist, dass eine Wirtszelle ihm die verloren gegangenen Funktionen zur Verfügung stellt.« Aufgerissene Augen, offene Münder ... »Na gut, das war vielleicht ein bisschen hochgestochen. Machen wir mit dem geschichtsrelevanten Teil weiter. Weiß denn jemand von euch, wer Robert T. Henkel war?« Absolute Stille im Raum. »Robert T. Henkel war der Besitzer von Evelyn. Ein verheirateter, erfolgreicher Facilitymanager und Vater von zwei Kindern. Nach einem internationalen Agility-Turnier, das er mit seiner Hündin besucht hatte, bemerkte er, dass sie müde wirkte und auf der Heimfahrt zu husten und niesen anfing. Außerdem lief ihr die Nase, deshalb brachte er seine Vierbeinerin auf direktem Wege zum Tierarzt, der sie nach ihren Symptomen behandelte, die er fälschlicherweise als Erkältung deutete. Sie gesundete trotzdem, doch Henkel starb kaum zehn Tage später und war damit das erste Opfer der neuen Epidemie. Sämtliche Hunde, mit denen Evelyn in näheren Kontakt gekommen war, sei es beim besuchten Wettbewerb, beim Spazierengehen oder in der Praxis des Veterinärs, infizierten ihre Besitzer, die wiederum Familie, Freunde und Verwandte ansteckten. Schon bald waren ganze Stadtviertel von EVE betroffen, und durch die Tatsache, dass es ein internationales Turnier war, verbreitete sich der Virus gleichzeitig auch auf anderen Kontinenten.« »Wie viele Menschen sind denn an EVE gestorben?« »Man geht inzwischen von zirka achtzig Prozent der Weltbevölkerung aus«, sagt Frau Landhut seufzend und lässt die Schultern hängen. »Leider haben wir erst viel zu spät echte Gegenmaßnahmen einleiten können und diese wurden anfangs auch nur bei wohlhabenden Familien durchgesetzt, bevor wir die Plathz unter den Städten errichteten. Sämtliche Entwicklungsländer sind hingegen wegen der hygienischen Zustände und ihrer Überbevölkerung innerhalb weniger Wochen beinahe vollständig entvölkert worden.« Sie hält kurz inne, dann lehnt sie sich an einen der Tische. »Wisst ihr denn wenigstens, wie ihr euch schützen könnt und wie die Übertragung des Virus funktioniert?« »Nicht rumknutschen!«, ruft einer rein und alle müssen kurz lachen. »Ja, also, natürlich ist Küssen nicht generell verboten, aber es stimmt schon. Die Übertragung geschieht über eine einfache Tröpfcheninfektion. Habt ihr denn schon mal einen Befallenen gesehen und könnt beschreiben, woran man erkennt, dass er EVE hat?« Diesmal nicken alle, denn die Toten wurden noch vor ein paar Monaten täglich mit Schubkarren durch die Straßen geschoben und am Rand der Plathz entsorgt. Zeitweise liefen die Betroffenen sogar selbst an die Absperrungen und stürzten sich in den einhundert Meter tiefen Abgrund. »Die Haut verändert sich und wird von Knoten überzogen. Außerdem breiten sich große rote bis braune Flecken auf der Haut aus, die das Gesicht und andere Körperteile zersetzen.« »Genau, Alex. Sehr gut beobachtet! Ganz wichtig ist aber vor allem, dass die Inkubationszeit fünf bis acht Tage beträgt, ehe die ersten Symptome auftreten. Infizierte sind bereits in dieser Zeit hoch ansteckend. Viele tragen den Erreger unbewusst mit sich herum und stecken weitere Menschen an, ohne es zu bemerken. Nach dem Ausbruch des Virus zeigen die Erkrankten grippeähnliche Beschwerden, doch EVE befällt hauptsächlich nur ein Organ, das es systematisch zerfrisst. Am häufigsten betroffen sind dabei die Lunge, das Herz, der Magen und die Leber. Die abgestorbenen Zellen vergiften unser Blut und bis zum Tod vergehen nach den ersten Anzeichen in der Regel kaum achtundvierzig Stunden. Die Schlagzeilen überschlugen sich. Anfangs verwendete man falsche Bezeichnungen wie Hunde-Pest oder HundeGrippe. Dabei ähnelt der Virus eher einer der ältesten bekannten Krankheiten unserer Welt: der Lepra. Außerdem hatten die Nachrichten auch andere grausame Auswirkungen. Es begann eine Hetzjagd auf Hunde, die als Sündenbock und Überträger des Virus verurteilt wurden, und so starben Millionen von ihnen durch die Hand ihrer eigenen Besitzer. Nun aber das Wichtigste: Wie könnt ihr euch schützen?« »Niemanden küssen!«, ruft ein Junge. »Immer den Mundschutz tragen, wenn wir mit anderen reden«, sagt ein Mädchen und zieht ihren gleich wieder vom Hals vor die Nase. Frau Landhut nickt. »Ja, das hilft schon mal. Sehr gut! Aber was ist am allerwichtigsten für den Notfall?« »Ein Ghud«, höre ich es flüstern. »Richtig, Alex!«, bestätigt ihn Frau Landhut und fährt deutlich enthusiastischer fort: »Wissenschaftler auf der ganzen Welt versuchten eine Lösung für das Problem zu finden, doch weder Antibiotika noch Chemotherapie oder ähnlich radikale Gegenmaßnahmen funktionierten. Die einzige Überlebenschance bot eine Organtransplantation, insofern diese spätestens zehn Stunden nach Ausbruch des Virus erfolgte. Das Problem war nur, dass auch das neue Organ schnell von den übrigen Viren im Körper befallen wurde. Die Menschheit rottete also dahin und ließ ihre Wut und ihre Verzweiflung an den ursprünglichen Übeltätern aus, ihren einst so geliebten Haustieren, die auf regelrechten Hinrichtungsfesten verbrannt wurden. Die einzige Möglichkeit, EVE zu entkommen, schien anfangs die absolute Verbannung der Hunde und vorsorglich auch aller anderen tierischen Mitbewohnern zu sein. Damit sie auch nicht mehr von außen in unsere wenigen noch bevölkerten Städte gelangten, montierten wir unter diese riesige Platten, unsere sogenannten Plathz, um sie dann einhundert Meter über den Erdboden anzuheben. Plateaus, als letzte sichere Zufluchtsorte. Doch das allein genügte nicht, weil sich der Virus ja auch über die Luft verbreiten konnte. Kennt ihr den Wissenschaftler, dem schließlich die Lösung des Problems einfiel?« »Professor Charles Curie!«, rufen alle gemeinsam. »Ganz genau! Charles Curie, ein hochintelligenter, junger Franzose, fand heraus, warum EVE bei Hunden zwar ausbrach, aber keine Organschäden verursachte. Er experimentierte mit gefangenen Hunden von außerhalb der Plathz, erkannte, dass die Zusammensetzung der Erbanlagen eine Ausbreitung des Virus in ihren Zellen verhinderte und schlug vor, menschliche mit den resistenten tierischen Organen zu kreuzen, um sie den Erkrankten einzupflanzen. Das Ganze hatte nur einen Nachteil: Die gezüchteten Organe brauchten einen Wirt, um wachsen und überleben zu können, und das war bis dato moralisch zu verwerflich gewesen. Er legte seine Studien der damals bestehenden Weltregierung vor, welche dann die erweiterte Genforschung, aufgrund der drastischen Lage, in einem Eilverfahren legalisierte, um eine baldige Heilmöglichkeit zu finden. Vier Jahre nach dem Tod von Robert T. Henkel gelang Professor Charles Curie der Durchbruch, indem er was erschuf?« »Den ersten Ghud!«, rufen die Kinder diesmal gemeinsam. »Ganz genau! Der erste Genetic-Human-Dog, kurz G.Hu.D. und umgangssprachlich Ghud, erblickte das Licht der Welt. Allerdings lebte er nur vierzehn Stunden und musste dabei auch permanent beatmet werden. Ihm folgten zwanzig weitere Prototypen, die nicht viel mehr waren als hässliche, sabbernde, behaarte Zellklumpen auf Beinen, und auch sie starben ziemlich schnell nach ihrer künstlichen Geburt. Trotzdem gelang es den Wissenschaftlern, einige Organe dieser Ghud-Welpen in von EVE befallene Kinder zu transplantieren, und wie durch ein Wunder funktionierte es und sie wurden gesund. Genau aus diesem Grund ist Charles Curie der größte und wichtigste Wissenschaftler unserer Zeit, denn er fand einen Weg, die Menschheit zu retten.« Frau Landhut bittet nun darum, etwas vorzulesen. Ein Mädchen räuspert sich kurz, bevor sie mit dem Papier in der Hand aufsteht. »Die Nachricht über die Rettung der Menschheit verbreitete sich wie ein Lauffeuer und bald produzierte man Ghuds wie am Fließband, um das Massensterben einzudämmen. Man fütterte sie mit Wachstumsmitteln, damit sie zumindest annähernd die Größe eines Erwachsenen bekamen, und züchtete sie immer langlebiger. Jedes Organ, das von EVE zersetzt wird, kann nun durch eins von einem Ghud ausgetauscht werden. Dieses ist resistent und die tierischen Zellen reinigen auch den Rest des Körpers vom Virus, bis der Erkrankte vollständig gesund ist. Allerdings wird damit keine Neuansteckung verhindert, denn nach kurzer Zeit ist das fremde Gewebe mit menschlichem Blut durchzogen und verliert seine heilsame Kraft. EVE ist es zwar trotzdem nicht möglich, dieses Organ anzugreifen, doch jedes andere kann der Virus danach wieder befallen.« Einer der älteren Jungs wirft ungefragt ein: »Mein Onkel ist sechsundsechzig und hat inzwischen mehr Ghudorgane im Körper als eigene! Fünfmal hat er sich schon infiziert und beim letzten Mal haben sie fast alle restlichen Organe ausgetauscht, damit er nicht erneut angesteckt wird.« Dabei lacht er, als wäre es ein Witz. »Dann muss er ja schon einige Ghuds verbraucht haben«, merkt die Frau an und zieht die Stirn in Falten. »Ich weiß, dass dein Onkel sehr wohlhabend ist, aber es sollte eigentlich nicht unser Ziel sein, unsere Organe Stück für Stück auszuwechseln, sondern von vornherein zu verhindern, dass wir uns mit EVE infizieren. Nur weil die Laseroperationen inzwischen so gut funktionieren und sicher sind, können wir uns nicht darauf ausruhen. Ruri, lies nun bitte weiter.« Ruri nickt und folgt. »Da sich die Epidemie nur eindämmen, aber nicht aufhalten ließ, und Professor Charles Curies Zuchtmethode von Ghuds massentauglich gemacht worden war, hielt sich bald jede halbwegs wohlhabende Familie einen oder zwei eigene Ghuds zur Vorsorge. Die undefinierten, gruseligen Fleischbeutel, die es anfangs auf dem Markt gab, wollte aber niemand zu Hause haben und man konnte sie auch nicht dauerhaft an einer Kette auf dem Hinterhof halten, weil sie dort unterkühlten, noch immer schnell krank wurden und verstarben. Also wurden sie haustauglicher, vielfältiger und ansehnlicher gezüchtet. Man orientierte sich an den alten Hunderassen, die mittlerweile so gut wie ausgestorben waren, um einerseits Ersatz für diese Haustiere zu schaffen und den Käufern andererseits eine gewisse Vertrautheit und Abwechslung zu bieten. So entstanden hochwertige Symbio-Ghuds oder auch Mode-Ghuds, benannt nach den ursprünglichen Gattungen. Der erste war ein Schäferhund-Symbio für die Herren, der zweite ein Königspudel-Symbio für die Damen und ihnen folgten noch einige weitere Rassen.« »Vielen Dank, Ruri, du kannst dich wieder setzen. Sagt mir doch mal, ob ihr einen Symbio zu Hause habt und was für eine Rasse es ist.« Einer nach dem anderen nennt seinen Ghud, doch die meisten Familien teilen sich einen, weil sie noch immer sehr teuer sind. »Wir besitzen keinen mehr. Als sich meine Mutter vor sechs Jahren angesteckt hat, haben wir unseren sauteuren Doggen-Symbio schlachten lassen, aber sie ist trotzdem bei der Operation gestorben. Jetzt haben wir kein Geld mehr, um uns einen neuen Ghud zu leisten.« »Ich weiß, wie schlimm das damals für dich war, Alex, aber leider sind diese Operationen nach wie vor ein großer, gefährlicher Eingriff, und selbst wenn ideale Bedingungen herrschen, klappt er trotzdem nur in siebzig Prozent der Fälle. Das ist genau der Grund, warum ihr euch nicht darauf verlassen dürft, dass euch die Ghudorgane im Notfall retten. Am sichersten ist es immer, die Ansteckung an sich zu verhindern!« »Aber das ist doch alles schon so lange her! Heutzutage steckt sich doch kaum noch einer an. Wir haben drei Ghuds, die uns die Haare vom Kopf fressen, und gebraucht haben wir sie nie«, ruft ein Junge dazwischen, wird aber gleich von seinem Sitznachbarn angestoßen. »Das liegt doch nur daran, weil wir immer noch auf den Plathz leben. Aber meine Mama sagt, das geht nicht mehr lange und bald müssen wir wieder runter auf die Erde.« »Da hat er recht. Die Jahre sind vergangen und durch die Abschottung auf den Plathz, die Entsorgung der Infizierten sowie den systematischen Austausch verseuchter Organe ist es heute wie mit vielen anderen Krankheiten: Wir verlieren unsere Angst davor, halten unsere Sicherheit für unzerbrechlich, dabei ist es nur dünnes Glas, das uns umgibt. Hier, jetzt liest du weiter!« Plötzlich haut Alex auf den Tisch. »Wenn es nicht verboten wäre, könnten doch diejenigen, deren Familien nicht so viel Geld haben, einfach einen der unzähligen Straßenghuds nehmen. Überall rennen die rum! Warum wird mein Vater gezwungen, einen der völlig überteuerten Symbios aus dem Staatslabor zu kaufen, wenn ich allein auf meinem Heimweg schon jeden Tag vier Ghuds sehe, die mich beim Vorbeilaufen nach Futter anbetteln? Warum kann ich nicht einfach einen von denen mit nach Hause nehmen? Nein, die muss ich ignorieren und sie einfach sinnlos auf der Straße krepieren lassen!« Frau Landhut schüttelt langsam den Kopf. »Ich kann verstehen, dass manche von euch das nicht als gerecht empfinden, aber diese Ghuds sind wertlos und bringen euch im Ernstfall nichts. Ihr wisst doch, dass unsere Regierung inzwischen private GF beauftragt hat, die Straßenghuds zu fangen und zu beseitigen. Wenn ihr also seht, wo sie schlafen, dann gebt der Polizei Bescheid und die geben die Information an die Ghudfänger weiter. Dann werden sie innerhalb kürzester Zeit entsorgt und ihr müsst sie nicht mehr sehen.« ›Ist es denn so schlimm, uns zu sehen?‹ »Symbio-Welpen sind doch auch gar nicht so teuer. Warum kauft dein Vater denn keinen davon?«, wird Alex gefragt. »Weil die zu pflegeintensiv sind. Wir haben niemanden zu Hause, der sich darum kümmern kann, wenn Vater in der Fabrik ist und ich in die Schule muss. Wir haben nicht mal genug Geld für das Spezialfutter.« »Alex, wie wäre es, wenn du jetzt den letzten großen Abschnitt liest?«, unterbricht ihn Frau Landhut und er tut es. »Je größer ein Ghud, desto robuster und teurer ist er auch, weshalb nicht lizenzierte Labore wie Pilze aus dem Boden schießen und der Schwarzmarkt floriert. Diese Nachzuchten haben aber meistens zu viele tierische Gene, weil diese billiger sind. Damit sind sie nicht für den Organaustausch geeignet, denn unser Organismus stößt alles ab, was nicht mindestens zweiundvierzig Prozent humane Substanz enthält. Der vorgegebene Pflichtwert in den staatlichen Laboren liegt daher bei dreiundvierzig bis neunundvierzig Prozent, um bei einer Transplantation ein ideales Anwachsen der Organe im menschlichen Organismus zu garantieren. Ein weiterer, gravierender Unterschied zwischen den staatlichen und den Ghuds vom Schwarzmarkt ist, dass deren Zellen nicht aus erbkrankheits- und wesensgeprüften Organismen stammen, weshalb diese Symbios häufig Verhaltensstörungen aufweisen oder früh an Tumoren und Ähnlichem sterben. Leider sieht man diese Unterschiede von außen nicht, und nicht selten werden verhaltensauffällige Ghuds für Versteigerungen auch unter Drogen gesetzt, damit sie ruhig und ausgeglichen wirken. Wenn der Käufer die Wertlosigkeit seines Symbios beim ersten vorgeschriebenen Veterinär-Scan entdeckt, setzt er ihn schnell vor die Tür oder versucht ihn anderweitig loszuwerden. Infolgedessen leben viele dieser Ghuds heute auf den Straßen, bis es sie irgendwann dahinrafft oder die GF sie einfangen und über den Plathzrand entsorgen.« »Danke, Alex, das genügt. Setz dich wieder! Was glaubt ihr, auf welcher Plathz sich der größte Unterwelthandel befindet?« Nach anfänglichem Schweigen gibt schließlich einer die Antwort. »Er befindet sich hier bei uns, in Nilreb, der ältesten und großflächigsten Plathz in Europa.« *** Lauschige Sonnenstrahlen scheinen mir aufs Fell und kitzeln in meiner Nase. Ich rümpfe mein Schnäuzchen und niese einmal, weshalb ich bis zum Schwanzende aufzucke. Dann strecke ich mich, gähne und rolle mich grunzend über meine karierte Decke auf den Rücken. ›Ngahhh, endlich wieder Wärme!‹ Die Nächte sind noch immer furchtbar kalt, aber der Frühling zieht ein und so langsam wird es erträglicher. Ich blinzle in den Himmel, vorbei an den Wänden der alten, kaputten Hochhäuser und sehe einen kleinen Schwarm Vögel über mir, die meinen Magen grummeln lassen. ›Ich hab sooo Hunger!‹ Gestern früh waren die Sauger in meinem Bezirk, um alle Tonnen zu leeren, was zur Folge hatte, dass ich am Abend leer ausging und mir jetzt das Bäuchlein knurrt. Ich drehe mich schmatzend auf die Seite, strecke mich erneut und zwirble meinen Schwanz kringelnd hoch. Schließlich raffe ich mich auf, schüttle mich ausgiebig und schaue mich um, worauf ich feststelle, dass ich allein in meinem Karton bin. Mein Ohr juckt. Ständig juckt mein Ohr! ›Aaarrr, ich werde noch wahnsinnig!‹ Flink setze ich mich wieder hin, lasse meinen Fuß an meinen Kopf sausen und kratze damit wie wild meinen flauschigen Schädel, während ich mich galant im Kreis drehe. ›Ngaaaahhh. Viel besser!‹ Ich bin ein Ghud. Ja. Und ich bin grau! Ich weiß, es gibt deutlich betörendere Farben, aber Grau kann viele schöne Schattierungen haben: Steingrau, Zementgrau, Blaugrau, Staubgrau, Aschgrau, Mausgrau ... Außerdem habe ich überall so lustige schwarze Sprenkel. Teilweise sogar richtig große und die sind toll. Ich guck sie mir immer wieder gerne an und lecke sie eifrig, damit es mehr werden. ›Lecken ... hm. Ja, Lecken ist gut. Das mach ich jetzt! Wenn man sich leckt, ist alles gut.‹ Emsig beginne ich mich zu beknabbern und zu putzen und verdrehe genüsslich die Augen, sobald ich besonders empfindliche Stellen erwische. Dabei achte ich weiterhin auf die Nebengeräusche um mich herum und filtere einige Stimmen von Menschen heraus, die sich zwischen dem gleichförmig dumpfen Surren der sich auf den Straßen befindlichen Schwesis herauskristallisieren. Schwesis benutzen sie, um sich fortzubewegen, denn viele von ihnen scheinen das Gehen verlernt zu haben. Diese klapprigen Dinger sehen alle gleich aus. Es gibt sie überall in der Stadt und sie bestehen nur aus einer kleinen, rostigen, ovalen Magnetplatte, auf der ein rissiger Ledersitz montiert ist. Darüber befindet sich eine durchsichtige Käseglocke. Sobald ein Mensch einsteigt und sich hinsetzt, wirft er eine Münze ein und sofort begrüßt ihn eine seltsam monotone Stimme, die ihn fragt, wo er hinwill. Er nennt sein Ziel. Der Eingang der Glocke, die sich bei starker Sonneneinstrahlung dunkel verfärbt, schließt sich, und dann saust das Teil auch schon los. Die meisten Menschen schlafen im Schwesi ein oder starren auf ein kleines Display, das von einem Henkel an ihrem Ohr vor ihre Augen projiziert wird. Generell schauen sich die wenigsten in ihrer Umgebung um, und selbst den Laufenden, die inzwischen immer mehr Gehwege füllen, fällt nicht auf, dass auf den dürftigen grünen Seitenrändern die ersten Blumen erblühen. Ich warte, bis der Streifen frei ist, und husche dann flink auf die andere Seite hinüber. Warum sie diese Fahrbahnen haben, verstehe ich eigentlich nicht, denn durch die Metallplatten unter der Stadt können sie mit ihren Vehikeln überall entlangschweben. Die Fabriken öffnen gerade ihre Türen und Reinigungsroboter starten, die laut brummend und pustend über die Böden fahren. Ich ducke mich und will durch ein Loch im Zaun schlüpfen, auf den Weg zu einem Hinterhof, wo meistens eine Tonne mit Fleischabfällen steht. Da ertönt das markerschütternde, grollende Gebell eines großen Rottweiler-Ghuds, der in einer viereckigen, umgestürzten Mülltonne lebt, nur eine Seitenstraße von mir entfernt. Ich kenne ihn schon lange, lege die Ohren an, knurre zurück und scharre mit den Hinterläufen, bevor ich mich dünnmache und wegschlupfe. Big Black, wie ihn ein Passant mal betitelt hat, kläfft mich ständig laut und bösartig wegen nichts an, sobald ich ihm über den Weg laufe, und doch kommt er fast jede Nacht zum Kuscheln in meinen Karton ... Schon seltsam. Ich habe bereits gemerkt, dass meine Artgenossen nicht viel schlauer sind als ein Spatz. Sie hecheln gedankenleer vor sich hin, während sie Schmetterlinge beobachten und den halben Tag sinnlos irgendwelche raschelnden Mülltüten anbellen. Letztens habe ich beobachtet, wie ein Mensch zu einem streunenden Ghud sagte, dass er gleich eine mit dem Stock kriegt, wenn er nicht beiseite geht. Doch der blieb einfach sitzen und glotzte ihn nur weiter bettelnd an, als wenn er kein Wort kapiert. Natürlich wurde ihm eine übergezogen und er schien überhaupt nicht zu begreifen, warum. Zuerst dachte ich, dieses Verständigungsproblem läge nur daran, weil die Straßenghuds keinen engen Kontakt mit Menschen haben, doch dasselbe passiert auch den Mode-Ghuds, die von klein auf mit ihnen zusammenleben. Zum Beispiel beobachtete ich mal eine Frau, die ihrem Dalmatiner-Symbio sogar noch sagte, dass es ihr leidtut, ihre Tochter aber eben dringend sein Herz brauchte, und sie ihn ja schließlich genau für solche Fälle angeschafft hatten. Er lief fröhlich mit ihr in dieses weiße Haus, als ahnte er nichts, und keine halbe Stunde später kam sie mit einer kleinen Styroporbox im Arm wieder raus und lief in Richtung Krankenhaus. Obwohl Ghuds alle verschieden groß sind und jeder anders aussieht, haben sie also nach wie vor eines gemeinsam: Sie sind dumm wie Stulle! Bei mir muss da irgendwas schiefgelaufen sein. Ich verstehe ihre Sprache, auch wenn ich nicht weiß, wieso. Im Schaufenster dieser einen großen Fabrik sehe ich immer kleine Ghuds aller möglichen Rassen in Gläsern schwimmen. Die Winzlinge bewegen sich nicht und haben einen Schlauch im Bauch, der verhindert, dass sie nach oben treiben. Wenn sie jemand kauft, dann befestigt der Händler zwei Kabel an Haken seitlich am Glas, dann macht es peng und es blitzt. Danach holt er den Ghudwelpen aus der schleimigen Suppe und der plärrt dann ganz laut, weil ihm kalt ist. Komischerweise war ich nie klein. Zumindest nicht, dass ich mich erinnern könnte. Als ich zum ersten Mal aufwachte, und das ist gar nicht so lange her, lag ich so groß, wie ich heute bin, in einem zerbrochenen Glastank inmitten von Scherben und Trümmern. Um mich herum stank es nach Rauch. Ich hatte zwar keinen Schlauch im Bauch, dafür welche im Kopf, aber die konnte ich rausziehen, nachdem ich mein treues Füßchen entdeckt hatte. Ich mag mein Füßchen! Das rechte noch lieber als das linke, denn es hat mehr Punkte. Tja, seitdem wohne ich in meiner Pappbox in einer Seitengasse am Rande der Stadt und schaue immer, wo ich was zu fressen finde. ›Apropos Fressen! Ich hatte ja noch was vor.‹ Schnell husche ich über einen Innenhof und erreiche mein Ziel: die große dunkelgraue Plastiktonne, aus der es bereits saftig und säuerlich duftet. Die Tonnen scheinen eben erst rausgebracht worden zu sein, denn die Fabriken lassen sie meist drei Tage im Inneren der Hallen, bis sie bis zum Rand voll sind. Ich stelle mich auf die Hinterbeine, drücke den Kopf zwischen Deckel und Wand und schnabuliere erst mal die frischen Reste der oberen Schicht weg, um meinen gröbsten Hunger zu stillen. Als dies erledigt ist, schnappe ich mir eine dicke, leicht faulig riechende Wurstkette aus der suppenden unteren Lage und will die ebenfalls wegschlemmen, da knallt es plötzlich hinter mir und einer der Metzger steht vor dem Hintereingang. »Du schon wieder! Diebisches Mistvieh!!«, brüllt er und wirft sein Beil nach mir, dem ich in letzter Sekunde ausweichen kann, bevor es in die Plastikwand einschlägt, haarscharf neben mir. »Verschwinde, du elende Missgeburt!« Blitzschnell renne ich mit der Wurstkette im Maul durch das Loch im Zaun und presche blindlings über die Magnetfahrbahn, weshalb mich fast einer der Glassitzkästen erfasst. Ich ducke mich panisch und pirsche unter den Schwesis hindurch, bis ich an die andere Seite komme und mich wieder aufrichten kann. Dort streife ich mir den Dreck ab und drehe mich noch einmal zu dem wütend schreienden Beilwerfer herum, der fahrig an sein Ohr greift und nun einen Zettel an einer der Straßensäulen anschreit. ›Komischer Kerl. Der scheint generell alles und jeden anzublöken.‹ Triumphierend schüttle ich mich und will durch die Seitengasse davonlaufen, doch da ich bereits losrenne, bevor ich nach vorn schaue, pralle ich direkt gegen die Brust meines Nachbarn. Mit den Würsten im Maul sehe ich langsam nach oben in sein bedrohlich knurrendes, schwarzes Gesicht mit den hellbraunen Augenbrauen und dem gleichfarbigen Kinn. Seine Schnauze ist zwar gerade mal halb ausgeprägt, doch durch sein dunkles Fell und die zusammengezogenen Augen wirkt er immer sehr gefährlich. Seine zottelige, schwarze Kopfbehaarung zieht sich wie eine Mähne um seinen Hals, was ihn noch bulliger erscheinen lässt. »Arrooo ...?«, mache ich leise, obwohl wir uns nicht wirklich verständigen können. Doch als ich sehe, wie ihm der Speichel aus dem Maul tropft, lege ich die Würstchen ab und schiebe sie ihm mit der Nase zu, bevor ich mich, rückwärts laufend, ganz langsam zurückziehe. Sofort schnappt er sie sich und schlingt sie runter, ohne auch nur einmal aufzuschauen. Seufzend sehe ich ihm zu, setze mich dann und kratze mir meine kribbelnden Ohren. ›Was soll’s, muss ich nachher eben nochmal zur Tonne, wenn die Fabrik geschlossen ist.‹ Für mich ist das kein Problem. Ich bin schlank, schnell und sehr wendig, außerdem kann ich hoch springen und komme deshalb an fast jede Öffnung. Mich kriegen sie nicht, und ich bin sogar schlau genug, um Haken und Sicherheitsriegel zu öffnen. Black hingegen ist viel zu massig und zu groß, um sich schnell bewegen zu können. Ich habe keine Ahnung, wie er sich bisher ernährt hat, aber seit ich ihn kenne, kommt er eigentlich nur an Fressen, indem er es anderen Ghuds abnimmt. Nachdem er das letzte Stück runtergeschluckt hat, läuft er schnüffelnd um mich herum, um zu schauen, ob ich noch etwas versteckt habe. Dabei grollt er und schmatzt noch immer hungrig. Er schubst mit dem Kopf sogar meinen Vorderlauf hoch und schaut unter meinem Bauch nach, bevor er wieder nach vorn kommt und mir grummelnd über die mit Futter beschmierten Lefzen leckt. Dann knabbert er auch über den Rest meines Gesichts, und obwohl ich nicht weiß warum, mag ich sein Gehabe irgendwie und schließe kurz die Augen, als sein sanftes Beißen meine juckenden Ohren erreicht, wo es unglaublich guttut. Augenblicklich fängt mein linker Fuß an, rhythmisch die Luft zu pflügen, weil ich mich unbedingt kratzen will, doch da packt mich Black und zieht mich herum. Er springt auf meinen Rücken und beißt mir in den Nacken, um mich dann mit einigen kräftigen, starken Schlägen seiner massiven Lenden zu dominieren. Ich breche fast unter seinem Gewicht zusammen, sinke mit der Brust auf den Boden und halte nur noch mein Hinterteil hoch, was ihn zu noch schnelleren Stößen gegen meinen Körper verleitet. Mir wird schwarz vor Augen. Sein Dominanzverhalten geht mir durch und durch, aber ich kenne das bereits von ihm und warte ab, bis er sich beruhigt. »Guck dir die an!«, höre ich auf einmal einen Mann rufen. Daraufhin lässt mich Black los, springt abrupt ab und bellt demonstrativ, weshalb ich mich flugs wieder besinne. Einige Menschen sind vor der Gasse stehen geblieben, feixen oder verziehen pikiert das Gesicht, bevor sie eilig weitergehen. Die Gaffer halten ihre Gesichtsbildschirme auf uns gerichtet, um uns zu filmen. »Perverse Köter«, meint der eine lachend und »widernatürliches Pack«, zischt ein anderer, bevor er auf den Boden spuckt. Blacks Drohgebärden lassen sie zwar zurückweichen, doch kaum einer hat wirklich Angst vor uns. Ich nutze den Moment, rapple mich etwas ungelenk hoch und renne los, denn so viele Menschen auf einem Fleck sind mir nicht geheuer. »Na toll, jetzt haben wir ihnen die Nummer versaut« und »Nochmal Schwein gehabt, der Kleine«, höre ich beim Weglaufen.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2019 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs