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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Rift, Pascal Wokan, Joshua Tree
Pascal Wokan, Joshua Tree

Rift


Der Übergang

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Aldora stürmte auf einen halb geschmolzenen Stahlträger zu und duckte sich dahinter. Kurz ließ sie ihr geschultes Auge umherschweifen. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken gab sie Vidmond zu verstehen, dass die Luft rein war. Natürlich hinterfragte er ihr Zeichen nicht, zu eingespielt waren sie als Team. Vidmond zog sich seinen Goggle vom Zylinder und stülpte ihn über die Augen. Die Schutzbrille war mit einem metallischen Rahmen und verschiedenen kleinen Zahnrädchen am äußeren Rand versehen. Eigentlich war es momentan nicht notwendig, seine Sehkraft zu verstärken. Der Hüne liebte es aber, den Moment der Aufmerksamkeit auszukosten. Er nickte, pirschte um die Ecke und ließ sich mit einem Schnaufen direkt neben ihr nieder. »Warum hast du deinen Goggle noch nicht aufgezogen?«, fragte er, und sah sich um. Aldora ließ ebenfalls ihren Blick noch einmal umherschweifen. Wo man auch hinsah, erkannte man unförmige Trümmer und geschmolzene Stahlkonstruktionen. Das was vom ehemaligen Empire State Building übrig war, dem Ort, an dem eine der größten Katastrophen in der Geschichte New Yorks stattgefunden hatte. Alles, was von dem einst höchsten Gebäude der Welt noch zu sehen war, konnte man bloß als Friedhof bezeichnen – einen Friedhof für vergangenen Stolz und geplatzte Träume. Das war aber längst nicht alles, was Aldora an diesem Ort wahrnehmen konnte. Da war noch etwas anderes, etwas wesentlich tieferes. Nur wenn man in den Rang eines Klerikers erhoben worden war, konnte man es so eindeutig spüren: Der Ort war von einem dunklen Widerhall durchdrungen, der aus menschlichen Emotionen entstanden war, die über Jahre hinweg dort angestaut worden waren. Sie konnte Schmerz fühlen, Leid und unendlichen Hass. Keine gute Mischung, wenn man beabsichtigte, hier für längere Zeit zu verweilen. Es lockte die Anderen an und mehrte ihre Macht. Das war nicht gut, denn es würde sie für die bevorstehende Situation schwächen. Also zwang sie sich zur Ruhe, atmete tief durch und versuchte, sich von allen äußeren Einflüssen abzunabeln. Sie spürte Vidmonds Blick auf sich ruhen. Aus welchem Grund er über eine derartige innere Stärke verfügte und sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, stellte sie noch immer vor ein Rätsel. So waren Menschen aber nun einmal: jeder verfügte über andere Talente. »Geht′s wieder?«, fragte er nach einer Weile. Aldora öffnete die Augen und nickte knapp. Sie hatte sich beruhigt und gegen die äußerlichen Einflüsse unempfindlich gemacht. Schmerz, Leid und Hass waren nur Gefühle, die man ausblenden konnte, wenn man über die nötige innere Stärke verfügte. »Also, was ist jetzt?«, fragte er. »Ziehst du die Schutzbrille zur Sicherheit noch auf?« »Nein, blendet mich manchmal.« »Blendet? Wir haben die Dinger eigentlich, um unsere Sehkraft zu verstärken!« Aldora runzelte die Stirn. »Was ist los mit dir? Bist du nervös?« Er brummte etwas Unverständliches. Seitdem sie ihn kannte, war er noch nie wirklich nervös gewesen. Noch nicht einmal aufgeregt. Ja, im Grunde genommen war er genau das, was einen perfekten Kleriker ausmachte. »Wenn′s dich glücklich macht, dann ziehe ich das Ding eben auf«, schnaubte sie und stülpte sich den Goggle über die Augen. Obwohl sie bereits im normalen Zustand laut Vidmond über eine außergewöhnliche Sehkraft verfügte, wurde diese mit der anbarischen Maschine nochmal um ein Vielfaches verstärkt. Nun konnte sie jede noch so kleine Unebenheit in dem Stahlträger vor sich sehen. Die Maserung, die leicht korrodierten Stellen und sogar ein ganz feines Muster, das Hinweis darauf gab, wie heftig damals das Feuer gewütet hatte. Mehr als dreißig Jahre war die Zerstörung des Empire State Building durch einen Mondbrocken nun her und doch konnte man die verheerenden Auswirkungen noch immer erkennen. Aldora zog ihre Taschenuhr aus der Jacke und warf einen kurzen Blick darauf. Kurz vor Mitternacht. Höchste Zeit, sich einmal richtig umzusehen. Entschlossen sprang sie hinter dem Stahlträger vor, umrundete einen großen Trümmerhaufen und stürmte über eine weitläufige Fläche davon. Feiner Staub lag in der Luft und es roch nach Schwefel und etwas anderem, das sie nicht richtig zuordnen konnte. Während ihr Atem rasselte, trommelten die schwarzen Stiefel auf dem zerbrochenen Asphalt. Die dumpfen Laute wurden durch Vidmonds schwere Schritte übertönt, als er ihr in geringem Abstand folgte. Nachdem sie den Platz überquert hatte, kniete sie hinter einem riesigen Metallbrocken nieder. Einst war es wohl eine Statue gewesen – heute erinnerte nichts mehr an ihre einstige Pracht. Die Statue war halb zerstört und verwittert – wie so vieles auf dieser Welt. Vidmond blieb neben ihr stehen, zog eine Differenzmaschine aus seiner Weste und tippte mit gezielten Bewegungen darauf herum. Bei dem Gerät handelte es sich um einen kleinen kastenförmigen Apparat, der kaum größer war als eine Hand. An der Seite waren mehrere Schrauben und Federn befestigt und durch eine gläserne Scheibe konnte man unzählige kleine Zahnrädchen erkennen, die hypnotisierend ineinandergriffen. Wenn die Maschine am Rechnen war, dann stieß feiner, weißer Dampf aus einem Loch an der Seite. Eine der neuesten anbarischen Errungenschaften in der Wissenschaft und ein großer Vorteil während eines Auftrags wie diesem. »Noch einhundert Meter bis zum Ziel«, sagte Vidmond und kratzte sich dabei den dichten Vollbart, der seine gesamte untere Gesichtshälfte bedeckte. »Sicher?« »Mhm«, brummte er. Natürlich war er sich sicher. Wenn Vidmond seine Maschinen bediente, dann tat er das mit einer Sorgfalt und Geduld, um die sie ihn beneidete. Aldora näherte sich dem Ende des großen Brockens hinter, dem sie Schutz gesucht hatten und wagte einen kurzen Blick. Der vor ihr liegende Platz war leer. Insgeheim nannte sie diesen Bereich Metallfinger. Der Grund war simpel: Der Platz vor ihnen hatte wohl einst die größte Anzahl an stählernen Stützbalken für das Empire State Building beheimatet. Nach dem Einsturz des Gebäudes, waren nur noch die abgebrochenen Stützpfeiler übrig geblieben. Sie wirkten wie das Gerippe eines geschlachteten Wals oder ein trocken gelegtes und abgestorbenes Korallenriff. Sie sah sich noch einmal um und traf dann eine Entscheidung. »Gib mir Deckung!«, flüsterte sie und stürmte um die Ecke. Eigentlich war es nicht notwendig, etwas zu sagen. Vidmond würde ihr ohnehin immer den Rücken decken - egal, in welcher Situation sie sich wiederfanden. Aldora umrundete erst einen Stützbalken, rannte dann an einem zweiten vorbei und sprang über einen großen Brocken. Kurz sah es so aus, als wäre der Brocken viel zu hoch für sie. Sie nutzte jedoch ihren Gaialink – eine Macht, die nur den ausgebildeten Klerikern vorbehalten war -, stählte sich innerlich gegen den dunklen Widerhall der Umgebung und bekam einen immensen Auftrieb, der sie mehrere Meter in die Höhe beförderte, sodass sie direkt hinter dem Hindernis landete. Als sie auf den Boden traf, ging sie ächzend in die Knie und atmete tief aus. Dabei wurde ihre Jacke aufgebauscht und ihr Fliegerhelm rutschte ihr fast vom Kopf. Mit einem flüchtigen Seitenblick erkannte sie nun Vidmond, der in diesem Moment mit wehendem, dunkelbraunem Mantel und seinem Goggle samt Zylinder ebenfalls über den Brocken hinweg segelte. Er landete mit lautem Krachen auf dem Asphalt, ließ den Boden darunter splittern und zog erneut seine Differenzmaschine heraus. »Zwanzig Meter«, bemerkte er. »Gut. Sag mir nochmal, warum wir hier sind!« »Warum?« »Sag′s mir einfach!« Vidmond zuckte mit den breiten Schultern. »Auftrag von ganz oben. In dieser Umgebung treibt sich vielleicht ein oberstes Übel der Anderen umher und wir sollen die Information überprüfen. Notfalls das Übel und seine Gefolgsleute unschädlich machen.« »Hört sich leicht an.« »Sehr witzig!« »Haben schon Schlimmeres hinter uns.« »Warum hast du dann gefragt?« »Einfach nur so.« Vidmond runzelte die Stirn. »Du wirkst heute etwas nachdenklich, Aldora. Immer daran denken: Das steinerne Herz! Deine Gefühle ausblenden und dich einzig und allein auf deine Aufgabe konzentrieren!« Kurz verspürte sie den Drang, irgendetwas zu entgegnen. Im gleichen Atemzug verflog das Gefühl jedoch wieder. Vidmond hatte recht. Sie wusste selbst nicht, was an diesem Tag mit ihr los war. Vielleicht lag es daran, dass dieser Ort für sie eine wesentlich größere Bedeutung hatte als für ihn. Vielleicht war sie auch einfach nur unkonzentriert. Letztendlich war es vollkommen egal. Sie hatte einen Auftrag und es war ihre Pflicht, diesen ohne Widerworte auszuführen. »In Ordnung«, sagte sie schließlich. »Bringen wir′s hinter uns!« Je näher sie sich auf das Zentrum der Ruinen zubewegten, desto stärker konnte Aldora den negativen Widerhall wahrnehmen. Dieser Ort war förmlich davon durchdrungen und schien zu vibrieren wie die missgestimmte Saite einer Gitarre. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich an diesem Ort befand. Eine derartig konzentrierte Form war ihr bislang allerdings noch nicht begegnet – um genau zu sein, eigentlich noch nie in ihrer Laufbahn als Klerikerin. Jeder weitere Schritt fühlte sich so an, als würde sie durch Wasser waten. Schwefel und Staub lagen in der Luft und brannten bei jedem Atemzug in der Lunge. Was auch immer hier gerade im Begriff war zu geschehen, es konnte nichts Gutes bedeuten. »Scheiße!«, murmelte Aldora. »Mhm«, brummte Vidmond zur Antwort. »Wie machst du das?« »Was denn?« »Komm schon! Kannst du es etwa nicht spüren?« Vidmond tippte sich nacheinander an den schwarzen Zylinder, den Goggle und schließlich auf die Brust. »Konzentration und gegen äußerliche Einflüsse festigen. So einfach ist das, Aldora. Erinnere dich an deine Ausbildung. Nutze dein steinernes Herz und verschließe dich gegen alles andere.« Nein, so einfach war es eben nicht. Er hatte gut reden, schließlich war er drei Jahre länger ein Kleriker als sie. Insgeheim wusste sie aber, dass es nicht daran lag. Vidmond war einfach nur wesentlich talentierter. »Wie auch immer«, entgegnete sie. »Irgendetwas geht hier vor. Das ist einfach nicht normal.« »Mhm.« »Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?« »Ja.« »Gut, dann sind wir uns ja einig!« Aldora pirschte an dem letzten Stützpfeiler vorbei, duckte sich unter einem Querbalken hindurch und erreichte schließlich das Zentrum der Ruinen. Dort blieb sie sprachlos stehen. Vidmond stellte sich neben sie und wirkte ebenfalls einen Moment lang so, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. »Verdammte Scheiße!«, fluchte er und zog sie zur Seite. Das Zentrum unterschied sich nicht sehr von dem Rest der Umgebung. Es war ein weitläufiger Platz, der unförmige Metallhaufen, geschmolzene Stahlträger oder riesige Erdbrocken darbot. Das war es aber nicht, was sie so sehr verunsicherte. Auf dem Platz befand sich mindestens ein Dutzend Andere. Menschen, die von einem Übel beherrscht wurden. Willenlose Sklaven, die dem Bösen aufgrund ihrer niederen Gelüste auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Manche von ihnen trugen gerade mal dreckige Lumpen am Leib. Andere hingegen sahen so aus, als wären sie vor kurzem noch ihren alltäglichen Dingen nachgegangen. Ob Kinder oder Erwachsene - sie alle konnten durch den verdorbenen Widerhall willenlos gemacht werden. »Was bei den obersten Übeln geht hier vor?«, raunte Aldora. »Nichts Gutes«, antwortete Vidmond und knöpfte seine Weste auf. Dann richtete er seinen Zylinder und überprüfte noch einmal seinen Goggle. »Aber wieso sind so viele von ihnen hier?« »Warum wohl? Sieh genau hin!« Sie konzentrierte sich und erkannte den Grund für die Versammlung. Normalerweise stellte ein Anderer kein größeres Problem für einen Kleriker dar. In der Mitte der Meute befand sich allerdings ein Übel. Nicht irgendein Übel, es war Hass – ein Anderer, der eine Mischung verschiedener Gefühle in Aldora auslöste. Hass war mächtig, sehr sogar. Durchtrieben, hinterhältig und nahezu gesättigt von negativen Gefühlen. Von weitem unterschied sich seine Erscheinung kaum von der eines Menschen. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn er war in der Lage, jede beliebige Erscheinung anzunehmen. Die Form, die er gewählt hatte, war die eines hochgewachsenen, hageren Mannes, mit langen schwarzen Haaren und einer langen Hakennase. Der einzige Hinweis auf seine wahre Natur waren die dunklen Schlieren, die ihn wie schwarze Schatten umgaben. Sie erinnerten entfernt an zerfasernde Schwingen, die sich zuckend durch die Luft bewegten. Es war die geballte Form von dunklem Widerhall, der an diesem Ort noch mehr verstärkt wurde. Das bedeutete wiederum, dass es fast unmöglich sein würde ihn hier und jetzt gänzlich zu vernichten. Fast unmöglich, aber nicht ganz unmöglich. Ein Kleriker wurde darauf trainiert, jede Situation zu einem Vorteil abzuwenden. Dies war nun für Aldora und Vidmond eine Möglichkeit, um ihr Wissen, ihre Macht und ihre Überzeugung unter Beweis zu stellen. Ein Leitsatz der Kleriker war: Nicht nachgeben! Deshalb machten sie sich bereit, einmal mehr einen aussichtslosen Kampf zu fechten. Wahrhaft nichts Neues in ihrem Leben. Aldora zog sich die Fliegerjacke zurecht, nahm den Goggle ab und wagte einen Blick auf ihre Uhr. Es war eine schöne Taschenuhr aus Kupfer, mit purem Gold übergossen. Im Inneren konnte man die vielen kleinen Zahnräder erkennen. An der Außenseite zog sich ein filigranes Kettenmuster entlang. Die Zeiger waren hauchdünn und bildeten am Ende die Form einer geschwungenen Blüte. Ein Familienerbstück und sehr wertvoll – eine letzte Erinnerung daran, was einst gewesen war. »Mitternacht«, sagte sie. »Warum muss es eigentlich immer Mitternacht sein, wenn sie ihren merkwürdigen Ritualen nachgehen?« »Unwichtig«, raunte Vidmond und nahm aus seinen Waffenhalterungen am Rücken einen ausklappbaren Schockhammer und ein Entermesser heraus. Er konnte sich nicht entscheiden, welche Waffe er nehmen sollte. Letztendlich war es aber unerheblich. Bei so vielen Feinden war im dichten Getümmel eine Nahkampfwaffe immer von Vorteil. Aldora zog aus ihrem Gürtelgehänge einen Kettendolch und eine Steinschlosspistole hervor. Eine Waffe von Kumbley&Brum, mit einem Griff aus Elfenbein und dem Emblem von Charing Cross London an der Seite. Der Lauf ging in ein verschlungenes Rankenmuster über, das am Ende die Form einer Tulpe bildete. Eine nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen gefertigte Handfeuerwaffe vom Kaliber .46. Ein Schuss genügte, um einem Feind den Kopf wegzublasen. Genau das, was sie in diesem Moment benötigte. Der Kettendolch hingegen bildete die perfekte Ergänzung dazu. Der Griff war leicht gebogen und passte sich dadurch hervorragend der Hand an. Die Klinge war mit unzähligen kleinen Zacken versehen, die sich durch alles fraßen, was sich ihnen in den Weg stellte. Aus einem seitlichen Halfter nahm sie einige Kugeln heraus. Silber und Blei. Eine gute Mischung, um sich notfalls den Weg freizuschießen. Als sie die Kugeln in das Futter der Pistole einrasten ließ, gab diese ein vertrautes Klicken von sich. Das Geräusch rief bei Aldora viele Erinnerungen hervor. Die Kaliber .46 und sie hatten bereits einen langen gemeinsamen Weg hinter sich. Wie zwei Vertraute, die sich aufeinander verlassen konnten. »Bereit?«, fragte Vidmond. Er hatte sich für den Schockhammer entschieden. Eigentlich war es eine beidhändige Waffe, in Vidmonds großen Pranken sah der Schockhammer jedoch geradezu mickrig aus. Ein Knistern verlief quer über den breiten, metallischen Kopf. Ab und an gab es sogar einen Funkenschlag. Über einen Knopf an der Seite konnte der Stiel verkürzt werden, sodass der Schockhammer auch als Wurfwaffe zu gebrauchen war. Eine vielseitige und brutale Waffe, wie geschaffen für den wortkargen Hünen. Aldora überprüfte noch einmal die Schnallen an ihren schwarzen Stiefeln. Die Fußsohle aus Blei konnte auch wunderbar zur Verteidigung genutzt werden, sollte alles andere versagen. Nicht umsonst sagte man, dass der Tritt eines Klerikers mit nichts zu vergleichen war. Den Fliegerhelm samt Goggle ließ sie an Ort und Stelle zurück – im Kampf würde er sie nur stören. Aldora sog tief die Luft ein und nahm dabei die Eindrücke ihrer Umgebung auf. Irgendwo vernahm sie das bekannte Geräusch von Knallbüchsen. In der Ferne erkannte sie sogar das Rattern und tiefe Brummen eines Zeppelins. Vermutlich ein anbarischer Aufklärungszeppelin der Regierung, der Auskunft über die Situation im Inneren der Stadt geben sollte. Subtil ging anders – aber das würden sie nicht verstehen. Einfache Menschen waren so beschränkt. Mit geradezu verzweifelter Hoffnung wollten sie um jeden Preis ihren Lebensstandard aufrechterhalten. Dabei verstanden sie nicht, dass der Krieg gegen die Anderen bald verloren sein würde. Allein die Kleriker hatten noch die Chance, das Blatt zu wenden. »Bereit!«, antwortete Aldora schließlich und überprüfte noch einmal die Patronen in ihrer Steinschlosspistole. »Achte auf deinen Gaialink!«, sagte Vidmond. »Hass wird es uns nicht leicht machen. Der Boden hier ist Nahrung für ihn.« »Schon klar«, schnaubte sie. »Halte mir einfach nur den Rücken frei!« »Mhm.« Aldora spürte, wie der Gaialink Kraft durch ihren Körper sandte. Sie versenkte sich ins steinerne Herz und wies alle Gefühle, Gedanken und Empfindungen von sich. Nun war sie nicht mehr als ein Gefäß für die Macht, die ihr gegeben wurde, um diesen Krieg zu entscheiden. Kurz ließ sie die Eindrücke auf sich einwirken und stemmte sich innerlich dagegen. Dann stürmte sie entschlossen vor. Der Wind peitschte an ihr vorbei und trieb ihr Tränen in die Augen. Jeder Schritt trug sie schneller und weiter voran, als es einem normalen Menschen möglich gewesen wäre. Kraft, Schnelligkeit und eiserne Entschlossenheit – das waren die Fertigkeiten, die ihr als Klerikerin vermacht wurden. Es war notwendig, denn anders wäre es nicht möglich, gegen die Anderen zu bestehen. Als Aldora nah genug an die ersten Feinde herangekommen war, stieß sie sich ab und sprang in die Luft. Sie flog und flog und landete schließlich genau in der Mitte mehrerer Anderer. Es hatte begonnen.


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