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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Luzifer von Beelzebub, Jens Olbrich
Jens Olbrich

Luzifer von Beelzebub


Die sechste Hexe

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Mit mir und der Welt zufrieden ließ ich meinen Blick über die im Schein der untergehenden Sonne warm leuchtenden, roten Dächer des Ortes streifen. Zusammen mit dem in allen möglichen Gelb- und Brauntönen gefärbten Herbstlaub der uralten Bäume bildeten sie einen wunderschönen Kontrast zum dunkler werdenden Blau des alles überspannenden spätherbstlichen Himmels. Eine friedliche Idylle, in die sich das Dorf einzukuscheln schien. Ich war auf dem Feldweg stehen geblieben und genoss das Bild. Herrlich. Das war mein Dorf. Es war klein, hatte nicht einmal hundert Einwohner, hieß Hausen und war umgeben von Feldern, Wäldern, Seen und Wiesen. Hier fühlte ich mich daheim. Ohne störende Magie, mitten unter den Menschen. Natürlich wusste keiner meiner Nachbarn, wer ich wirklich war. Nein. Hier war ich nicht Luzifer, der junge Fürst des Schattenreichs, hier war ich einfach nur Luzifer, der nette junge Mann von nebenan, der zwar von Ackerbau, Viehhaltung und Gärtnerei keine Ahnung hatte, weil er aus der Stadt kam, der aber handwerklich geschickt genug war, um aus dem alten, halb zerfallenen Bauernhof wieder ein Schmuckstück werden zu lassen. Das genügte den Leuten hier. Ich war akzeptiert. Jedenfalls soweit man im Dorf als Neuer eben anerkannt wurde. Zufrieden schlenderte ich weiter, ohne dabei die Augen von der herbstlichen Farbenpracht wenden zu können. Selbst die schwarzweiß gescheckten Kühe auf der Weide und der lilafarbene Storch, der gerade das riesige Nest auf dem Dorfanger ansteuerte, passten sich wunderbar in dieses großartige Kunstwerk der Natur ein … Ich stutzte. Ein Storch? Und das jetzt im Herbst? Die waren doch schon vor Wochen in Richtung Afrika abgezogen. Obendrein auch noch lila wie ein frisch aufgeblühter Krokus! Unmöglich! Das gab es nicht wirklich. Ein verspäteter Jungstorch konnte es auch nicht gewesen sein. Ich hatte sie zuweilen beobachtet. Denen waren, als sie dem Kükenflaum entwachsen waren, genau so, wie es sich für Weißstörche gehört, weiße Federn mit schwarzen Flügelenden gewachsen. Nebst rotem Schnabel und ebenso roten Beinen. Da war nichts Ungewöhnliches, und schon gar nichts Lilafarbenes zu erblicken gewesen … Erschrocken vergaß ich Krokusfarbvergleich sowie Jungstörche und starrte auf das riesige Nest, welches auf dem Dach der alten Kirche thronte. Dort war gar kein Storch. Weder ein normal- noch ein lilafarbener. Das Nest, in dem die Mutterstörchin noch Monate zuvor zusammen mit dem Storchenpapa drei hungrige Küken herangezogen hatte, war leer. Hatte ich mich geirrt? Hatte ich mir nur eingebildet, etwas zu sehen, was gar nicht da war? Unschlüssig fragte ich Lazarus: „Hast du … vielleicht … soeben auch einen Storch lilafarbenen gesehen?“ Lazarus, der mich wie immer auf Schritt und Tritt begleitete, schüttelte nur sacht seinen riesigen Kopf, bedachte mich mit einem dezent-skeptischen Blick und antwortete schließlich schlicht: „Nein.“ Meine gute Stimmung war dahin. Gerade noch so konnte ich mich beherrschen, keinen Wiederholzauber zu sprechen. Lazarus’ warnender Blick wäre also nicht nötig gewesen. Außerhalb meines durch mehrere Verborgenheitszauber geschützten Gehöfts würde ich keine Magie anwenden. Nicht hier. Keiner aus der magischen Welt sollte mich hier aufstöbern können. Jedenfalls niemand außer denen, die ohnehin wussten, wo der Teufelshof zu finden war. So war es für die Menschen hier besser. Eiligen Schrittes setzte ich meinen Weg fort. Vielleicht fand ich daheim mehr heraus. Doch gerade, als ich um den Holunder bog, hinter welchem sich der Weg gabelte, und zur Rechten ins Dorf hinein, und zur Linken zu meinem etwas abseits gelegenen Gehöft führte, hörte ich: „Grüß dich, Luzifer! Mensch, Nachbar, was ist los? Du hast dich ja heute extra fein herausgeputzt für den Abendspaziergang!“ Ich sah an mir herunter. Ich trug noch immer den schwarzen Anzug und das weiße Hemd. Nur die Krawatte hatte ich abgelegt und sie dann lose in meine Jacketttasche gestopft. Alles in allem nicht wirklich der richtige Aufzug für die staubigen Feldwege, da hatte Heinz vollkommen Recht! Zum Glück wusste ich, wie ich ihm ganz schnell den Wind aus dem Segel nehmen konnte. Noch bevor ich, wieder aufsehend, den Kopf vollständig erhoben hatte, setzte ich ein müdes Lächeln auf, verdrehte schauspielerisch leidend die Augen und rief zurück: „Tja Heinz, war ein harter Tag in der Stadt. Den ganzen Tag auf dem Gericht … also Anzug hin, Anzug her, das war mir vorhin, als ich heim kam, sowas von schnuppe. Ich musste erst einmal raus an die frische Luft!“ „Das glaub ich gern. Möchte ehrlich gesagt auch nicht mit dir tauschen. Noch dazu an einem so schönen Herbsttag.“ Bei den letzten Worten grinste Heinz so breit, wie sein riesiger, grau-blonder Schnauzbart reichte, nämlich von einem Ohrläppchen bis zum anderen. Dazu steckte er verschmitzt einen Daumen hinter die Träger seiner verwaschenen blauen Arbeitslatzhose und strich mit der anderen Hand seinem großen, dunkelbraunen Schäferhund, der ihm überall hin folgte, über den Kopf. Ich ahnte bereits, worauf das hinauslief … „Findest du nicht …“, fragte er da auch schon, „… dass es sogar noch so schön warm ist, dass man davon richtig Durst bekommt? Was hältst du von einem leckeren, kalten Bierchen zum Feierabend?“ Ich hatte richtig geahnt! Und fluchte innerlich, denn, auch wenn ich sonst gern einmal ein Feierabendbier mit ihm trank und dabei plauderte, hatte ich gerade jetzt dafür irgendwie so gar keine Zeit. Ich wusste aber, dass diese Ausrede bei Heinz keinen Bestand haben würde. Ein handfester Grund musste her. Bloß ohne Zauberei war das schwierig … „Heinz!“, ertönte es in dem Moment vom Haus her herüber. „Heinz, denkst du daran, dass gleich der Mann vom Traktorenservice kommt?“ Das war Hilde, die Frau von Heinz. Eine Seele von Mensch und der gute Geist der Buchhaltung des Hofs. Ohne sie wäre Heinz längst in seinem eigenen Papierchaos verloren gegangen, denn so ordentlich er auch auf dem Hof, im Stall und auf den Weiden alles in Schwung hielt, mit Rechnungen, Terminen und sonstigem Bürokram konnte man ihn jagen. Ich bin Bauer, sagte er immer, wenn die Sprache darauf kam, und kein staatlich anerkannter Buchhalter. Ich sah es Heinz‘ Miene an, wie er wehmütig den Gedanken an das geliebte Feierabendbier beiseiteschob. Denn natürlich hatte er den Traktortypen vergessen … wenn es ihn denn überhaupt gegeben hatte! Mit ehrlichem Bedauern sah er mich an und fragte zerknirscht: „Tut mir Leid, Luzifer, aber du hörst ja … wenn du willst, kannst du ja mit dazukommen. Der Typ ist immer lustig drauf.“ „Lass mal, Heinz, danke! Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben“, antwortete ich tröstend und vermied es wohlweislich, meine Begeisterung über diese unerwartete Wendung zu zeigen. „Geh du mal zu deinem Traktorheini. Ich bin heute sowieso zu erledigt, da wäre ich nur die Spaßbremse. Ich will nachher nur noch gemütlich die Beine hochlegen und ausspannen. Vielleicht klappt‘s ja morgen.“ „Und du bist auch wirklich nicht sauer?“, vergewisserte sich Heinz noch einmal. „Sauer? Ich? Nein, wirklich nicht! Mach dir keinen Kopf, das ist schon okay so. Viel Spaß beim Traktor basteln und liebe Grüße an Hilde!“ Die Hand zum Gruß hebend setzte ich meinen Weg fort. Nicht so schnell, dass es auffiel, aber auch nicht so langsam, dass Heinz Zeit gehabt hätte, weitere Ideen zu entwickeln. Aufmerksam die Büsche um den Hof herum und diesen selbst beobachtend näherte ich mich meinem Gehöft. Hier auf der Rückseite, also zum Feldweg hin, hatte der alte Vierseitenhof zwei große, hölzerne Tore. Eines davon direkt in der Scheune. Das andere führte durch die Durchfahrt in der Hofmauer auf den Wirtschaftshof. Beide Tore waren verriegelt. Nicht abgeschlossen, aber genau so, wie ich sie vorhin verlassen hatte. Langsam schob ich den eisernen Riegel des Hoftores auf und drückte sanft gegen den schweren Torflügel. Hässlich, in der Stille durchdringend laut in den verrosteten Angeln knarrend öffnete er sich gemächlich. Der Hof, teils noch rötlich hell erleuchtet durch die Strahlen der tief stehenden Sonne, teils schon von langen Schatten durchzogen, lag da wie ausgestorben. Nur der laue Herbstwind trieb leise raschelnd ein paar kleine Heubüschel und dörre Blätter vor sich her. Sonst bewegte sich nichts. Irgendwie hatte ich das beklemmende Gefühl, dass es zu ruhig war. Viel zu ruhig. Nahezu unnatürlich ruhig, fast schon Totenstill. War es nicht. Erschrocken fuhr ich herum, als hinter mir eine Amsel aufgeregt schimpfend davonflog. Aufgescheucht durch mein Erscheinen ließ sie dabei sogar den Regenwurm zurück, den sie gerade aus den sandigen Fugen des Feldsteinpflasters gezogen hatte. Auf dem Dach sitzend hörte ich sie immer wieder empört rufen: „So ein Flegel … so ein Flegel …“ Angespannt wie ich war, kam ich nicht einmal auf die Idee, zu ihr hinauf zu pfeifen, dass sie ruhig wieder herunterkommen könne. Aber immerhin, es war, als ob es nur dieses Geräusches bedurft hätte, um den anderen Lauten wieder den Weg in mein Ohr zu bahnen. Jetzt hörte ich auch die Hühner, die lebenslustig in ihrem Freigehege gackerten. Das Federvieh scharrte unbekümmert im Sand neben der Tenne. Ohne Aufregung. Selbst Ruprecht, meine Wachgans – einen Wachhund wollte ich Lazarus nicht antun – schnatterte entspannt auf der Wiese und zupfte grüne Halme und Blätter. Ich atmete auf. Hier schien sich mein Verdacht auf ungewöhnliche Ereignisse nicht zu bestätigen. Auch Lazarus, den ich wohl mit meiner Nervosität angesteckt hatte, schüttelte seinen riesigen Kopf. „Hier ist nichts!“, brummelte er nur leise und trabte zu seinem Lieblingsplatz im Schatten der alten Eiche. Ich beließ es vorerst dabei und ging, wenn auch nicht vollständig beruhigt, ins Haus. Wo ich auch nichts Abnormales finden konnte – ich hatte mich wohl tatsächlich geirrt. Während sich meine Anspannung nun doch so nach und nach löste, hörte ich nebenher, fast beiläufig, einen Nachrichtensprecher etwas von einem entführten Mädchen berichten. Sofort sprang mich die Ungewissheit wieder an, gleich einem Raubtier, wie aus dem Nichts kommend. Mir war vollkommen rätselhaft, wieso ich den Nachrichtensprecher hörte! Ich war mir vollkommen sicher, nirgendwo einen Fernseher eingeschaltet zu haben! Schon seit Tagen nicht … Schnell öffnete ich die Tür zur Küche, von wo ich die Stimme des Sprechers gehört hatte. Der kleine Fernseher lief. Seltsam! Wollte mich hier jemand ärgern? Noch während ich wegen des Fernsehers überlegte, hörte ich den Sprecher den Namen Elisabeth Gutmuth sagen. Plötzlich war ich hellwach. Ich hörte genauer hin: „… verschwand letzte Nacht unter mysteriösen Umständen die 15-jährige Johanna. Die Polizei sucht in der Umgebung des Kinderheims sowie im angrenzenden Stadtwald mit einem Großaufgebot nach dem Mädchen. Johanna ist zirka ein-Meter-sechsundsechzig groß, hat rote, schulterlange Haare und blaue Augen. Bekleidet war sie zuletzt mit einer hellblauen Jeanshose, einem blauen Pullover, einer blau-grünen Jacke und schwarzen Stoff-Sommerschuhen mit kleinen Fliegenpilzen. Wer das Mädchen gesehen hat und Hinweise zu ihrem jetzigen Aufenthalt geben kann, meldet sich bitte umgehend telefonisch bei der Polizeidienststelle in …“ Der Rest der Meldung rauschte an mir vorbei. Ich musste die Nachricht auch nicht noch einmal hören. Ich wusste, dass Mutter Elses Kinderheim gemeint war. Plötzlich vernahm ich lautes Flattern. Es hörte sich an, als würde ein großer Vogel landen. Vom Geräusch her draußen vor der Tür. Ich ging einen kleinen Schritt zurück, so dass ich durch den Flur zur Tür hinaus auf den Hof sehen konnte … und traute meinen Augen nicht! Auf der obersten Stufe war tatsächlich gerade ein großer Vogel gelandet. Ich sah ihn noch mit den Flügeln schlagen. Dass es ein Storch war, war jedoch noch nicht der Tropfen, der das Fass aber zum Überlaufen brachte. Das Tier leuchtete lilafarben wie ein Krokus! Plötzlich verspürte ich starke Magie und begann gleichzeitig zu ahnen, wer sich hier einen Spaß erlaubte. Obendrein verriet jetzt auch die Aura, wer da auf den Geflattert war. Mutter. Eine unmittelbare Bedrohung ging von ihr ganz bestimmt nicht aus. Beruhigt atmete ich auf, lehnte ich mich an den Türpfosten und beobachtete geruhsam wartend, wie sich das unnatürlich gefärbte Tier in violette Nebel hüllte, aus denen sich zusehends ihre Gestalt fügte. Ruprecht, der erst wild mit den Flügeln schlagend und laut fauchend angerannt gekommen war, schmiegte sich sofort an sie und schnatterte leise vor sich hin: „Mutterhexe … schnatter, schnatter … liebe Frau … schnatter, schnatter … darf auf den Hof!“ „Das ist lieb von dir, Ruprecht!“, meinte Mutter, während sie ihm den Kopf streichelte. Dann sah sie mich an und fragte mit einem leichten Vorwurf in der Stimme: „Bier? Du trinkst Bier?“ „Ja, Mutti … zuweilen“, antwortete ich belustigt lächelnd, fragte mich aber insgeheim, als ich sie zum Gruß umarmte, ob sie das mit dem Bier wirklich ernst gemeint hatte. „Kinder, Kinder! Kaum verliert man sie aus den Augen, schon machen sie Blödsinn!“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war nun nicht mehr zu überhören. Unfassbar, sie schien das tatsächlich ernst zu meinen! „Ach Mutti …“, antwortete ich daher, und bemühte mich, meinen Missmut über ihre seltsamen Anwandlungen nicht ganz so offen zu zeigen, wie ich ihn empfand, „… du hast ja Recht, als zwölfjähriger Mensch wär’s zu früh. Aber, falls du das vergessen haben solltest, ich bin ein Teufel. Ein mehr als dreihundert Jahre alter sogar. Überdies, Alkohol bewirkt bei mir gar nichts … aber das weißt du ja eigentlich.“ Jäh lächelnd gab Mutter mir einen Klaps auf die Schulter. „Weiß ich doch! Aber … du weißt ja auch, wo ich jetzt lebe. Außerdem ob Menschenkind oder junger Teufel – du bist und bleibst mein Sohn. Als du vorhin am Zaun mit Heinz sprachst, war das so seltsam, so … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Es gab mir irgendwie einen Stich ins Herz.“ „Hatte ich also doch richtig vermutet. Da war etwas. Du warst da. Und du hast uns belauscht.“ „Na ja, irgendwie musste ich dich ja hier vor den Fernseher zu den Nachrichten schleusen. Und als Heinz mit dem lecker kalten Feierabendbier anfing …“ „… hast du den Termin mit dem Traktorheini erfunden?“ „Aber bitte! Was denkst du denn von mir? Den hab ich doch nicht erfunden. Nein, ich habe nur auf magische Art und Weise organisiert, dass der Mann vom Traktorservice heute tatsächlich hierher kommt. Für eine erfahrene Hexe ist so etwas ja schließlich kein Problem.“ „Das glaub ich dir …“, ich grinste, wurde aber schnell wieder ernst und fragte geradeheraus, „… aber du bist nicht wegen des Bieres, sondern wegen des entführten Mädchens hier, oder?“ Über ihre Gesichtszüge flog ein trüber Schatten. „Ja … die Johanna.“ Mutter zog unglücklich die Mundwinkel herunter und sah mich grübelnd an. „Es ist ein Rätsel. Die Polizei tut, was sie tun kann, aber …“ „… sie kann hier nicht viel tun“, vollendete ich ihren Gedanken und fügte hinzu: „Sie können sie also nicht finden. Und du wohl auch nicht, oder? Deine Suchzauber waren erfolglos, sonst wärest du nicht damit zu mir gekommen.“ „Ja, so ist es. Sie ist weder mit kriminalistischen noch mit meinen Hexenkräften auffindbar.“ Seufzend ging Mutter in die Küche und stellte, ganz ohne Magie, den Fernseher am Schalter aus. Dann ließ sie sich niedergeschlagen auf einen der Stühle am Tisch fallen. Lazarus, der inzwischen auch ins Haus gekommen war, setzte sich zu ihr. Es war so leise, dass das Ticken der Küchenuhr kleinen Paukenschlägen gleichkam. Aber ich verstand das, Mutter musste sich sammeln. Wahrscheinlich hatte sie seit der Entführung keine ruhige Minute gehabt. Mir half dann immer ein kleiner Anstoß, eine belanglose Ablenkung. Leise fragte ich daher provozierend: „Möchtest du etwas trinken? Einen Kaffee? Oder vielleicht … ein Bier?“ Mutter fuhr aus ihren Gedanken und starrte mich entgeistert an. „Ein Bier? Ich? Nein, ganz bestimmt nicht! Aber ansonsten … ja, ein Tee wäre vielleicht nicht schlecht.“ Sie lächelte mich müde an. „Einen Hexentee hätte ich gern, wenn du so etwas da hast. Der bringt meine müden Lebensgeister bestimmt wieder in Schwung.“ „Habe ich.“ Ich ging mit dem Wasserkocher zur Spüle, füllte ihn und schaltete ihn an. Während das Wasser warm wurde und leise singend zu sieden begann, füllte ich etwas von der Kräutermischung aus der Büchse in zwei Tassen und stellte sie neben den Kocher. Ich machte viele Sachen so, wie sie die Menschen auch machten. Ohne Magie. Erst war es Spaß gewesen, irgendwann fand ich es originell und inzwischen war es Gewohnheit geworden. Außerdem war es sowieso besser, wenn ich mit diesen Dingen vertraut war und nicht erst damit begann, wenn ich Menschenbesuch hier hatte. Der Schalter des Kochers klickte, als das Wasser kochte. In Gedanken zählte ich langsam bis zwölf, dann goss ich auf und süßte den Sud sofort mit leicht geschwefeltem Zucker, so dass sich der Schwefel gut verbreitete. Schließlich stellte ich die Tassen behutsam auf den Tisch. „Sie ist so ähnlich zu uns gekommen, wie du damals, als Alfred Riesenberg dich auflas“, fing Mutter jählings an zu erzählen, ohne weiter auf mein menschliches Hantieren einzugehen. Hatte ich also recht vermutet damit, dass sie sich erst hatte sammeln müssen. Ich setzte mich und lauschte. „Nachts, allein auf der verschneiten Straße, lief sie durch den Wald. Und wieder war es zum Glück Alfred, der sie halb erfroren aufsammelte und sie zu uns brachte. Das war vor fast einem dreiviertel Jahr.“ „Vor einem dreiviertel Jahr …“, überlegte ich, „… etwa Ende Januar, kurz nach dem merkwürdigen Schneesturm, von dem bis heute keiner so recht weiß, woher er kam?“ Mutter nickte. „Genau nach dem. Nur einen Tag danach. Und so, wie niemand wusste, woher der Sturm gekommen war, wusste auch sie weder woher sie kam, noch wer sie war. Sie war zwar frech und wild, hatte aber einen guten Kern. Nach und nach schlossen wir sie alle ins Herz. Sie fand Freunde und wir hatten viel Spaß mit ihr. Das Wichtigste aber ist, und das solltest du wissen – irgendwann stellten wir fest, dass sie eine mehr als talentierte Hexe ist. Der Zufall brachte es ans Licht. Nicht einmal sie selbst hatte es gewusst. Und mit ihren Kräften ist es nicht gerade schlecht bestellt.“ „Eine Hexe?“ Überrascht sah ich auf. „Eine Hexe, die weder weiß, dass sie eine ist, noch woher sie kommt? Das hört sich aber sehr … na ja, sagen wir ungewöhnlich an.“ „Mehr als das! Wir waren, wie du dir denken kannst, total perplex. Sie ebenso. Richtig lustig wurde es, als sie die in ihr schlummernde Magie entfesselte. Besonders in der Schule, bei Stelzer, deinem Lieblingslehrer von damals. Seine kleinen, gemeinen Demütigungen und ihr ungebrochener Gerechtigkeitssinn – da hatten wir echt unseren Spaß …“, Mutter unterbrach sich, starrte in den Flur hinter mir und bemerkte dann wie nebenbei: „Wir bekommen Besuch.“ Das hatte ich auch schon gefühlt. Enilorac kam, ihre Aura eilte ihr voraus. Hatte sie auch etwas mit der Entführung zu tun? Na, das würde sie uns gleich sagen. Noch während sie aus dem Schwarm grüner Feenfünkchen ihre Gestalt fügte, was erfahrungsgemäß ewig dauerte, setzte ich frisches Wasser auf. Feen begrüßte man mit Tee. Mit handgemachtem Tee. Doch irgendwie reichte die Zeit diesmal nicht. Enilorac war wohl eindeutig schneller als sonst, denn noch bevor das Wasser kochte, hörte ich sie bereits mit forscher Stimme rufen: “Guten Tag beisammen!“ Für einen Moment war ich sprach- und fassungslos, weil ich ihre Verwandlung noch nie so schnell erlebt hatte. Meine Verwunderung jedoch schnell überwindend, antwortete ich, achtungsvoll den Kopf neigend, noch rechtzeitig genug bevor es peinlich wurde … „Guten Tag, Fee!“ … und ging ihr entgegen. „Komm herein und sei mein Gast.“ Mit einer einladenden Geste wies ich ihr einen Stuhl am Tisch. „Hab Dank, Luzifer. Verzeih, aber ich bin in Eile. Ich wollte nur fragen, ob du … oder ihr, wo ich euch schon zusammen hier antreffe, etwas über den magischen Dreizack des Meeresgottes gehört habt? Er ist verschwunden.“ Vor Schreck hätte ich beinahe den Wasserkocher fallen lassen. Ich fasste mich jedoch schnell wieder, goss sorgfältig das heiße Wasser über die Hagebutten, so dass der Sud ziehen konnte und starrte erst dann Enilorac fragend an. „Du meinst doch nicht etwa … das Erbe Poseidons, den Dreizack des Proteus?“ „Genau den!“ Enilorac nickte. „Und mit verschwunden meinst du doch nicht etwa … gestohlen? „Ja, genau das meine ich. Und das trotzdem Proteus ihn wie seinen Augapfel hütete.“ Bestürzt blickte ich erst Enilorac und dann Mutter an, die meinen Blick mit großen Augen erwiderte und mir kopfschüttelnd andeutete, dass sie davon ebenso wenig gewusst hatte, wie ich. Enilorac, die uns beobachtet hatte, setzte sich nun doch seufzend an den Tisch. Nach einer Weile erst meinte sie dann, mehr feststellend als fragend: „Ihr wisst also nichts.“ Ich schüttelte verneinend den Kopf, stellte ihr den Tee und die Dose mit dem ungeschwefelten Zucker hin und lehnte mich an den Küchenschrank. Stehend konnte ich besser überlegen. Was aber gar nicht so leicht war. Irgendwie entwickelte sich heute alles sprunghaft. Erst war es nur ein lila Storch, kurze Zeit später bereits um eine entführte Hexe, und nun um den Dreizack. Aus dem Dorf über das Kinderheim in die Tiefen des Meeres … „Jedermann kennt den Dreizack“, sinnierte ich. „Selbst die Menschen. Er wird in vielen ihrer Geschichten und Märchen erwähnt. Nur dass sie wohl eher nicht daran glauben, dass es ihn wirklich gibt. Jedenfalls die meisten nicht. Außerdem – ihn aus dem Palast in den Tiefen des Meeres zu stehlen, ist aus menschlicher Sicht so gut wie unmöglich. Kein Mensch würde sich je dorthin finden. Also für mich scheiden die Menschen als Diebe vorerst aus.“ „Aber die magische Gemeinde weiß es! Und sie könnten sehr wohl hinunter in den Palast“, meinte Mutter und spitzte grübelnd die Lippen. „Meinst du, dass der Dieb aus unseren Reihen kommt?“ „Vermutlich!“, antwortete ich nickend und sah Enilorac an. „Soweit hatten wir im Rat auch schon überlegt“, bemerkte diese schlicht und ohne Spott. „Aber was denkt ihr, wer aus der magischen Welt würde sich an diesem Schatz vergreifen?“ „Die entscheidende Frage ist doch viel eher – wem würde der Dreizack etwas nützen?“, fragte Mutter, während sie mit dem Fingernagel einen Zuckerkristall auf der Tischplatte spielerisch hin- und herschob. „Vielleicht kommen wir weiter, wenn wir zuerst diese Frage lösen?“ Das klang logisch. Enilorac und ich sahen uns an und nickten zustimmend. Noch bevor wir jedoch etwas dazu sagen konnten, mischte sich Lazarus in die Unterhaltung ein: „Nicht schlecht kombiniert, ihr magischen Detektive! Eigentlich fehlen euch nur noch eine Deerstalker-Mütze, ein Inverness-Mantel, eine Tabakspfeife und eine Lupe!“ Grinsend zog er die Nase kraus und fuhr ernsthafter fort: „Ihr habt natürlich Recht, so nutzt diese Insignie tatsächlich niemandem etwas. Außer in der Hand der Meeresgötter ist das Ding nutzlos und nicht mehr wert, als ein ganz normaler Fischspeer mit drei Zacken. Er birgt nicht einmal sehr viel Magie in sich. Aber, und wenn ich mich auf das geerbte Wissen der Ahnherren besinne, ist es, wie in fast allen magischen Insignien, die reine, unverfälschte und sich immer wieder erneuernde Urmagie der Altvordern …“ „Urmagie …“, wiederholte ich Lazarus‘ Anspielung auf Sherlock Holmes ignorierend und überlegte. „Genau!“, fügte Lazarus hinzu. „Urmagie. So wie ja auch dein Teufelsstein. Nur dass der Dreizack viel, viel schwächer ist als dein Amulett und daher, wie gesagt, niemandem nutzt.“ Enilorac war derweil bleich geworden. Mit großen Augen starrte sie Lazarus an. „Urmagie!“, flüsterte sie leise. „Aus diesem Blickwinkel hatten wir das noch gar nicht gesehen. Aber … für irgendjemand muss sie einen Nutzen haben.“ „Ja …“, führte ich ihren Gedanken fort, „… aber der erste Irgendjemand, der mir da einfallen würde, ist auf immer und ewig gefangen im Eispalast.“ „Auf immer und ewig …?“, fragte Enilorac leise und nippte an ihrem Tee, schüttelte sich und gab etwas Zucker hinein. Während sie langsam umrührte, gab sie zu bedenken: „So wie der alte Satan hineinkam, könnte er auch wieder herauskommen. Hoffen wir also, dass du Recht hast, Luzifer. Ich für meinen Teil werde jetzt erst einmal dem Feenrat Lazarus‘ Gedanken hinsichtlich der Urmagie unterbreiten.“ Ich nickte. „Mach das. Aber bevor du gehst – hast du etwas von dem entführten Mädchen aus dem Kinderheim gehört?“ „Johanna heißt sie“, fügte Mutter hinzu. „Eine fünfzehn Jahre alte Hexe mit roten Haaren, die gerade erst ihre Magie wiedergefunden hat.“ „Eine entführte Hexe? Was es nicht alles gibt! Die Zeiten werden wirklich immer verrückter! Aber …“, bekümmert schüttelte Enilorac den Kopf, „… nein, es tut mir leid. Ich habe nichts von ihr gehört.“ „Schade …“, ich zuckte unzufrieden mit den Schultern, „… aber nicht zu ändern. Wir kümmern uns darum. Du berichtest dem Feenrat, ich fahre mit Mutter ins Kinderheim. Vielleicht fällt mir etwas auf, was der Polizei entgangen ist.“ „Wir fahren …?“ Mutter verschluckte sich fast an ihrem Tee, hustete und sah mich groß an. „Ihr fahrt …? Aber mit deinem Reisezauber wäret ihr doch schneller, oder?“ Enilorac, die beinahe das gleiche Schicksal ereilt hätte, setzte ihre Tasse, ohne getrunken zu haben, wieder auf den Tisch. „Wären wir. Der wäre aber auf Dauer hier im Dorf viel zu auffällig“, antwortete ich schmunzelnd, als ich die verblüfften Gesichter der beiden sah. „Keine Angst, ganz so langsam geht’s dann doch nicht voran, wir fahren nicht die ganze Strecke. Nur aus dem Gehöft und dem Dorf hinaus, dann noch ein paar Kilometer weiter auf der Straße, und von dort fliegen wir dann in meinem Auto.“ Enilorac schüttelte lächelnd den Kopf. „Luzifer – Luzifer, du brühst Tee mit einem Wasserkocher, du fährst wie ein Mensch mit dem Auto. Ehrlich, das hätte ich dir nie zugetraut. Aber gut, du wirst schon wissen, was du tust! So, und nun macht es gut. Ich muss mich beeilen. Viel Erfolg bei der Suche!“ Und schon war sie weg. Aufgelöst in grüne Fünkchen stob sie davon. Mutter sah erst ihr kurz nach und mich dann spöttisch an. Sie brauchte nichts zu sagen. Ich wusste, was sie meinte. „Das ist ganz einfach …“ begann ich mich zu rechtfertigen, „… wenn ich hier bei den Menschen leben will und nicht wie ein Ausgestoßener in der abgeschiedensten Einöde von Trollhausen hinter den Trümmerbergen, dann muss ich mich schon irgendwie anpassen, oder?“ Mutter sagte noch immer nichts. Sie grinste nur, jetzt sogar irgendwie noch eine Spur spöttischer. Irgendwie ansteckend spöttisch! Trotzdem, oder gerade deshalb fühlte ich, dass ich ihr nichts erklären musste. Sie wusste, was los war. Angesteckt von ihrem spöttischen Grinsen entschied ich deshalb: „So, und nun ist Schluss damit! Es gibt wichtigeres, als dass der amtierende Teufel einen elektrischen Wasserkocher benutzt. Komm, lass uns den Ort des Verbrechens aufsuchen. Auf dem Weg ins Kinderheim können wir uns ja weiter unterhalten.“ Mutter erhob sich mit den Worten: „Na dann los!“, stutzte aber plötzlich und wies irritiert mit dem Zeigefinger auf die Küchengardinen. „Was ich dich vorhin schon fragen wollte – was … zur … Hölle … ist … das?“ Obwohl ich natürlich genau wusste, was sie meinte, streifte ich mit einem kurzen Blick die grasgrünen, über und über mit schneeweißen Gänseblümchen bedeckten Vorhänge. Das Grün war so grün und satt, die weißen Blütenblätter und die quietschgelben Blütenkörbchen so leuchtend, dass die guten Stücke eher aussahen, als würden sie aus einem kunterbunten Kinderbilderbuch stammen. „Gefallen sie dir etwa nicht?“, fragte ich scheinheilig, konnte mir jedoch ebenso wenig das Grinsen verkneifen wie Lazarus. „Gefallen?“ Mutter runzelte dir Stirn. „Die Dinger sehen aus wie …“ „Vorsicht!“, warnte ich sie lächelnd. „Wähle deine Worte mit Bedacht. Vor allem, wenn Ruprecht dich hören kann. Sonst bist du nicht mehr die gute Mutterhexe, die … schnatter, schnatter … auf den Hof darf!“ „Oh na dann …“, offenbar, um nicht lauthals loszulachen, presste Mutter ihre Lippen aufeinander, „… Ruprecht hat die Vorhänge ausgesucht?“ Lazarus und ich nickten grinsend. Mutter holte tief Luft. Schließlich, nachdem sie noch einen Blick auf die Vorhänge geworfen hatte, meinte sie: „Ja dann … naja … eigentlich doch … die sehen doch toll aus … so aus Sicht einer Gans zumindest!“ „Komm …“, beendete ich ihre Bemühungen, sich aus der Affäre zu ziehen, „… bevor du dich um Kopf und Kragen redest, lass uns fahren.“ Mir verschwörerisch zuzwinkernd folgte Mutter schmunzelnd meiner einladenden Geste voranzugehen. „Ja …“, antwortet sie erleichtert, „… lass uns fahren.“ Plötzlich blieb sie noch einmal stehen und sah mich fragend an. „Da fällt mir ein … hast du überhaupt einen Führerschein?“ „Einen … was? Ach so, einen … aber natürlich habe ich den!“, antwortete ich dezent den Kopf schüttelnd. „Habe ich gemacht. Letztens erst. Anmeldung, alle Prüfungen und Aushändigung des gültigen Dokuments am selben Tag. Magst du ihn sehen?“ Da sie nur grinste, hielt ich ihr die Tür des Wagens auf und ließ sie einsteigen. Um den Wagen herumgehend sah ich Ruprecht etwas abseits, aber in Hörweite neben der Tür stehen. Mit schief gehaltenem Kopf beobachtete er mich. Natürlich hatte er mitgehört. Mutters Glück war, dass wir in der Sprache der Menschen gesprochen hatten. Aber dass es um die Vorhänge gegangen war, musste der schlaue Ganter wohl trotzdem irgendwie mitbekommen haben. Jedenfalls, wenn ich seinen Blick richtig deutete … Als ich eingestiegen war, meinte Mutter: „Nein danke, ich kann mir vorstellen, dass deine Fahrschulprüfung ungefähr genauso aufregend ablief wie bei mir.“ Ich überlegte kurz, was sie wohl meinte. Als mir im nächsten Moment die Führerscheinsache wieder einfiel, grinste ich, antwortete: „Wird wohl so sein!“ und öffnete mit der Fernbedienung das schwere Hoftor zur Straße. Nur gut, dass bis jetzt noch niemandem aufgefallen war, dass das Tor eigentlich keinen Antrieb besaß. Das musste ich unbedingt so schnell wie möglich ändern! Immerhin steckte der sprichwörtliche Teufel immer im Detail. Und Menschen hatten, was solche Dinge betraf, sehr gute Augen! Ich stellte den Ganghebel auf „D“, rollte hinaus auf die Straße und wartete, bis sich das Tor wieder geschlossen hatte. Nebenbei sah ich einen hellblauen Lieferwagen mit der Aufschrift „Landmaschinen-Service“ bei Heinz auf das Grundstück einbiegen. Mutter hatte wirklich alles gut organisiert. Ich fuhr los. Kraftvoll zog der Motor an. Am Dorfausgang beschleunigte ich und so war der nahe Wald bald erreicht. Mutter sah sich derweil in aller Ruhe im Wagen um und bemerkte: „Da hast du dir ja einen tolles Auto geleistet. Mercedes-Oberklasse. Nobelhobel. Tolles Teil. So etwas können wir uns im Kinderheim nicht leisten.“ „Nun ja, als Anwalt …“ „Anwalt? Du bist jetzt Rechtsanwalt?“ Mit vor Bestürzung weit aufgerissenen Augen starrte Mutter mich an und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Aber damit trittst du ja genau in die Fußstapfen deines Vaters. Also das hätte ich nicht gedacht!“ „Nicht so ganz.“ Ich lächelte bitter. „Glaub mir, anfangs dachte ich natürlich über andere Berufe nach. Schon wegen Vater. Eisverkäufer zum Beispiel. Fand ich nicht schlecht. Habe ich auch ausprobiert.“ „Eisverkäufer?“ „Ja, war lecker, ging aber gar nicht. Danach spielte ich den Architekten, den Journalisten und anderes mehr … aber letztendlich scheiterte es immer an meinem Haupt-Job als Fürst des Schattenreichs. Erst Rechtsanwalt war dann optimal. Als solcher habe ich nicht nur nicht schlecht zu tun, der Job passt wie kein anderer zu mir als Teufel.“ „Davon hast du mir nie etwas erzählt!“ „Stimmt wohl. Irgendwie fehlte wohl immer wieder die Gelegenheit. Aber wenn es dich beruhigt – ich habe ein Arrangement gefunden, welches dir sicherlich gefallen wird. Vor Gericht vertrete ich als Rechtsanwalt einfach die Menschen, die unschuldig sind. Wie du dir vorstellen kannst, weiß ich sehr genau, wer wirklich schuldlos ist! Tja, und gewissermaßen nach Feierabend, wenn ich meine Robe an den Nagel gehängt habe, kümmere ich mich um die, deren Fälle ich als Rechtsanwalt aus Gewissensgründen abgelehnt habe …“ „… in dem Fall dann als Fürst des Schattenreichs! Die bringst du dann direkt in die Hölle. Das ist gut! Das gefällt mir wirklich!“ Mutter nickte. „Dann müsste es ja hier bald nur noch so von guten Menschen wimmeln.“ „Nun das eher nicht. Das Böse ist wie Unkraut. Es wächst nach. Leider. Immer wieder und von ganz allein. Auch ohne mein förderndes Zutun als Teufel.“ „Stimmt, das ist wohl so …“, meinte Mutter nickend und erschrak plötzlich etwas, als sie zum Fenster hinaussah. „Huch, wir fliegen ja schon!“ Da ich wusste, dass sie höchstens deshalb erschrocken war, weil sie nicht mitbekommen hatte, wann unsere Luftreise begonnen hatte, brauchte ich mir auch keine Sorgen zu machen. Mit so etwas schockte man eine alte Hexe wie sie nicht. Deshalb hatte ich auch nichts gesagt, sondern während unserer Unterhaltung einfach nebenbei den Flugzauber gewoben. Wie immer hatte ich dafür eine der Stellen genutzt, an denen die Straße nicht so gut einsehbar war. Solcher Stellen hatte ich mehrere auserkoren. Weit genug vom Dorf entfernt und so verteilt, dass selbst ihre Schnittpunkte, vorausgesetzt man würde sie auf eine Karte einzeichnen, ins Leere wiesen. Oder auf so viele Stellen, die dann immer noch mehr als weit genug von meinem Dorf entfernt waren. „Sehr angenehm!“, meinte Mutter derweil anerkennend. „So eine Luftreise im Auto ist wärmer als ein einfacher, normaler Flugzauber. Und vor allem bequemer! Da kann nicht einmal mein guter, alter Besen mithalten!“ „Dein was? Dein … guter … alter … Besen?“ Verdutzt starrte ich Mutter an. „Du reitest doch nicht etwa wieder wie früher auf ollen Besen durch die Gegend? Oder? Leben etwa die alten Zeiten wieder auf?“ Ein leichter Schatten flog über Mutters bis eben noch strahlende Miene. „Ach das …“, antwortete sie mit einer Stimme, als sei es ihr peinlich, „… nein, natürlich nicht! Das war … nur so ein Gedanke.“ Plötzlich riss sie die Augen auf und sah mich erschrocken an. „Du hast Lazarus vergessen!“ Ich nickte beruhigend und verdrängte die Besengeschichte wieder. Lazarus, natürlich! Wusste ich doch, dass er Mutters uneingeschränkter Liebling war. „Keine Angst …“, besänftigte ich sie daher, „… der ist vor uns da. Der läuft, weil er die Autofahrerei nicht verträgt. Er wird seekrank bei der Schaukelei. Verrate ihm aber bitte nicht, dass ich dir das erzählt habe.“ „Ich verrate nichts!“, versprach Mutter und fuhr bedauernd fort: „Seekrank, der Ärmste … naja, Hauptsache, er ist nachher bei uns. Sonst werden die Kinder traurig!“ Wohl eher du, korrigierte ich sie in Gedanken belustigt, sagte aber nichts, sondern beobachtete die Landstraße unter uns. Sie war leer. Und der Wald, durch den sie führte, ebenso. Das war günstig. Nicht allzu weit vor uns lag unser Ziel, die Stadt Oberhausen. Ich steuerte den Wagen nach unten, landete sanft und machte uns wieder sichtbar. Schnell erreichten wir die Stadt. Das war die Straße, auf der ich damals im Schulbus zu meinem ersten Schultag bei den Menschen gefahren war … Ich verdrängte die Erinnerungen. Ich musste mich konzentrieren. Auf das Hier und Jetzt. Aufmerksam, alle meine Sinne angespannt, dirigierte ich den Wagen durch die Straßen. Es war ruhig, die Stunde des Feierabendverkehrs längst vorüber. Die Nacht war noch nicht gänzlich angebrochen, im Flug hatten wir gesehen, wie sich der Tag mit feuerrot brennendem Himmel verabschiedet hatte. Hier, zwischen den Häusern, war es allerdings bereits dunkel und die Straßenlaternen verbreiteten schon ihr gelbliches Licht. Langsam bog ich in die Parkstraße ein. Voraus sah ich die Villen. Die größte, die ehemalige Dr. Satan Villa, strahlte im hellen Weiß zwischen den alten Parkbäumen hervor … Plötzlich spürte ich verborgene Magien. Irgendwo zwischen den dichten Büschen des Parks. Dunkle Kräfte, böse zwar, aber schwach. Nicht gefährlich. Ein Troll vielleicht. Ein Wächter? Ein Spion? Ich sah kurz zu Mutter. Sie saß mit zufriedenem Gesichtsausdruck neben mir und schien den Anblick des neuen Kinderheims zu genießen. Sollte ich sie beunruhigen? Ich beschloss, es vorerst nicht zu tun. „Dass du uns die Villa überlassen hast, war deine beste Idee. Sie ist so schön! Und mitten in der Stadt. Wir brauchen keinen Schulbus mehr, die Kinder haben einen kurzen Schulweg. Einfach perfekt!“, schwärmte Mutter und konnte die Augen nicht von Vaters ehemaligen, prunkvollen Anwesen lösen. Ich beobachtete derweil unauffällig weiter den Park. Nebenbei antwortete ich beleidigt tuend: „Das klingt ja so, als ob es meine einzige gute Idee war!“ Im Park huschte ein dunkler, felliger Schatten durch das Buschwerk. Also doch! Farbe und Schnelligkeit ließen tatsächlich auf einen Troll schließen. Irgendwie hatte ich sogar das Gefühl, zu riechen, wie über die Lüftung des Wagens der modrige, leicht nach Verwesung riechende Gestank seines schmutzigen Fells hereinströmte. „Du weißt genau, wie ich es meine!“ Mutter lächelte. „Natürlich weiß ich, wie du es meinst“, erwiderte ich nebenher. „Ich freue mich doch, dass es euch hier so gut gefällt. Zumal das riesige Haus viel besser zu euch passt als zu mir. Der überhebliche Protz, das war eher Vaters Ding …“ Mutter schwieg. Das Villenthema war wohl erledigt … oder … hatte sie etwa etwas mitbekommen? Möglich. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, dass sie erst mich prüfend angesehen hatte und dann meinem Blick gefolgt war. Sie kannte mich wohl doch viel zu gut, als dass ich ihr einfach so etwas vormachen konnte. Einen Augenblick später fragte sie auch schon: „Stimmt irgendetwas nicht? Du bist so … abwesend? Was ist da im Park?“ „Nichts Weltbewegendes“, antwortete ich grinsend. „Nur ein Troll, der uns beobachtet. Sieh nicht hin, der Tölpel ist drüben im Park.“ „Ein Troll?“ Mutters Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich wusste, sie verabscheute Trolle. Was ich sehr gut nachvollziehen konnte. So gut wie niemand mochte diese Stinker. „Siehst du ihn?“, fragte sie leise. „Gerade nicht. Ist jetzt auch nicht so wichtig. Um den kümmere ich mich später. Ist nur ein erstes Anzeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt.“ „Gut, lass uns erst einmal drinnen nachsehen. Vielleicht findest du noch mehr.“ Mutter zückte die Fernbedienung und öffnete das Tor. Richtig, mit Menschentechnik. Langsam schwang das schmiedeeiserne Tor auf. Noch immer war es verziert mit den garstigen Fratzen des Teufels, nur die protzige Messingtafel mit der Aufschrift „Rechtsanwalt Prof. Dr. Satan“ hatte ich durch eine neue Tafel ersetzt. „Kinder- und Jugendheim E. Gutmuth“ stand in großen, bunten Porzellanbuchstaben darauf geschrieben. Ich fuhr hinein und wartete, bis das Tor sich wieder geschlossen hatte. Der Troll war draußen geblieben. Im Weiterfahren sah ich vor dem Eingang im Schein der Laternen ein Auto stehen. Polizei, vermutete ich. Schon als ich die Tür öffnete, kam einer der beiden Männer auf mich zu und zückte, vorerst ohne etwas zu sagen, seine Dienstmarke. Ich begutachtete ihn und die Marke kurz. Meine Vermutung war richtig gewesen, er war Polizist. Ende zwanzig bis Mitte dreißig, sauber, aber gerade so an der Grenze zum Legeren bekleidet mit einer dunklen Jeans, einem dunkelblauen Hemd, welches lose über den Hosenbund hing und dessen oberster Knopf offen stand sowie einem dunkelgrauen, fast schwarzen Sakko. Klug war er auch, das jedenfalls offenbarte mir sein forschender Blick. Sonst ließ nichts auf seinen Charakter schließen. Unverkennbar hatte sich der Mann inzwischen auch ein Bild von mir gemacht. Freundlich fragte er: „Guten Tag. Sie sind sicherlich Herr Satan? Der Anwalt des Kinderheims?“ „Guten Tag. Richtig, der bin ich“, antwortete ich. „Luzifer Satan, Rechtsanwalt. Und Sie sind?“ „Mein Name ist Stutzig. Thomas Stutzig, Polizeikommissar, Bundespolizei. Ich leite hier die Ermittlungen.“ Bundespolizei? Sofort wurde ich stutzig. Schnell schlich ich mich in seine Gedanken ein. Und wurde noch stutziger, als ich dort las: „… was will der denn hier. Hat der Wind davon bekommen, dass Johanna nicht das einzige entführte Mädchen war, bei welchen die vorgefundenen Spuren übereinstimmten …“ „Sind Sie zufällig hier, Herr Rechtsanwalt? Oder geht es um die Entführung?“ Schnell zog ich mich aus Stutzigs Gedankenwelt zurück. Mehr war im Moment sowieso nicht zu erfahren. Was Stutzig nicht dachte, konnte ich auch nicht lesen. Aber fit war der Typ allemal. Schnell, bevor es auffiel, antwortete ich: „Wie Sie sicherlich wissen, Herr Stutzig, vertrete ich das Kinderheim in rechtlichen Angelegenheiten. Was liegt da also näher, wenn ich sowieso in der Gegend bin, nachzusehen und nachzufragen, was Sie bereits über die Entführung herausbekommen haben. Natürlich nur insoweit, wie es rechtliche Auswirkungen auf das Kinderheim hat.“ „Natürlich … und auch nur soweit, wie ich es Ihnen zum Stand der Ermittlungen berichten darf.“ Stutzig sah mich mit seinen strahlend blauen Augen forschend an. „Aber was erzähle ich da, das werden Sie als Anwalt sicherlich schon kennen“, fuhr er dann fort, „Gut dann, da Sie, wie ich hörte, ehrenamtlich und ohne finanzielles Interesse für das Heim arbeiten, will ich mal nicht so sein – auch wenn Sie Rechtsanwalt sind.“ Er grinste kurz. Ich hatte verstanden. Er mochte Rechtsanwälte wohl nicht besonders. „Bis jetzt wissen wir allerdings auch selbst noch nicht sehr viel“, fuhr er fort. „Die Erzieher trifft ersten Ermittlungen zufolge keine Schuld. Da können Sie also erst einmal beruhigt sein. Erschwerend für die Ermittlungen ist, dass wir von dem Mädchen nur den Vornamen und die Beschreibung haben. Den Nachnamen hat sie weder hier im Heim noch der Frau vom Jugendamt genannt.“ „Frau Steinherz?“, warf ich schnell ein und es gelang mir gerade so, meine Geringschätzung hinter einer verstellt honigsüßen Stimme zu verbergen. „Ja, genau, Frau Steinherz. Sie kennen die Frau?“ „Nun, sagen wir mal, ich hatte mit ihr zu tun“, antwortete ich grinsend und sah mich in Gedanken wieder vor der dummen, überheblichen Ziege sitzen. „Ganz ehrlich?“, fragte ich mit leiser, vertraulich wirkender Stimme. „Ich hätte mich eher gewundert, wenn diese … Person etwas aus dem Mädchen herausbekommen hätte!“ „Da haben Sie leider mehr als Recht. Eine überaus unangenehme Person.“ Stutzig nickte und grinste sarkastisch. „Vollkommen deplatziert in diesem Amt. Also ehrlich, wer diese … diese Frau … auf die Menschheit losgelassen hat, der wusste es wohl gelinde gesagt nicht besser! Aber gut, das gehört jetzt nicht hierher, dafür sind andere Leute zuständig. Zurück zu Johanna. Dadurch, dass wir nichts von ihr wissen, blieb uns im Moment nichts anderes zu tun übrig, als hier die Spuren zu sichern. Wir kennen keine Verwandten, wissen nichts von vertrauten Orten – für den Fall, dass sie wieder fortgelaufen ist und sich dort versteckt. Daher sind wir für jeden Hinweis dankbar. Also, wenn Sie etwas hören, wenn Ihnen etwas auffällt, rufen Sie mich bitte an.“


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