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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Luzifer von Beelzebub, Jens Olbrich
Jens Olbrich

Luzifer von Beelzebub


Die zwei Gesichter

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Ireke, einst meine beste Freundin, gab mir vor langer Zeit einen guten Rat. Sie sagte: „Wenn du meinst, im Schlamassel zu sitzen, stell dir vor, du seiest eine kleine Maus. Gefangen in den scharfen Fängen eines Falken. Tief unter dir zieht das weite Land dahin. Und dann, am Ende des Fluges, wenn du es vor Angst und Schmerzen kaum noch aushältst und du denkst, es geht nicht schlimmer, siehst du vor dir das Nest mit den Falkenküken, die dir hungrig ihre kleinen, gebogenen Schnäbel entgegenstrecken. Wenn es dir so ergeht, dann kannst du wirklich sagen, du sitzt im Schlamassel!“ Ireke hatte Recht. Leider verlor ich sie vor langer Zeit aus den Augen. Als ich mich aber jüngst wieder einmal an ihren Rat erinnerte und ihn befolgte, sah ich zum ersten Mal keinen Unterschied mehr zwischen dem Schicksal der Maus und dem meinen. Ich bin gefangen. Ich hänge in den scharfen Fängen des Teufels. Ich kann demnach sagen, ich sitze im Schlamassel. Bis über beide Hörner. Aber hört selbst, ich erzähle euch, wie es dazu kam. Ich bin Luzifer von Beelzebub, Prinz des Schattenreichs. Und das ist meine Geschichte. Sie beginnt mit einem lauten: „Luuu…ziiii…feeer!“ Das war meine Mutter. Gellend schallte ihr wütender Ruf durchs Tal und hallte als Echo, wie zur Erinnerung, leiser werdend zwischen den Bergen. Nur der mitschwingende Zorn in ihrer Stimme schien von Mal zu Mal lauter zu werden. Missmutig schlenderte ich, provokativ langsamer als zuvor, weiter. Dachte die alte Hexe wirklich, dass sie mir noch etwas zu sagen hatte? Hatte sie nicht! Daran sollte sie sich verdammt noch einmal gewöhnen! Gänzlich verdrängen konnte ich die Angelegenheit aber nicht. Nur wenige Schritte weiter schon begann mich zu fragen, was Mutter von mir wollen könnte. Verflucht aber auch, so ganz grundlos rief sie doch nicht fast ein halbes dutzend Mal nach mir. Beunruhigt, obwohl ich noch keine Idee hatte warum, beschleunigte ich meine Schritte wieder, rannte schließlich sogar den steilen Bergpfad hinauf. Als ich endlich um den kümmerlichen Jasmin vor der teuflischen Wohnhöhle bog, fiel mir plötzlich ein, warum Mutter heute so drängte: Besuch war geladen! Die Trolle, diese dusseligen Fusseltiere. Sie waren die einzigen, die der Alte zuweilen einlud. Wohl auch deshalb, weil Darkmoor seinen Namen zu Recht trug, dunkel und hinterlistig wie er war. Verschlagen wie ein Sumpfloch, und fast genauso bösartig wie ein Teufel. Und sein Weib, Krötina, stand ihm in nichts nach. Mein Favorit schlechthin war aber Sohnemann Natterzahn, dieser Blödtroll. Viel schlimmer aber war, dass mir Vater höchstpersönlich heute Morgen erst befohlen hatte, pünktlich zu sein! Das änderte die Sache von Grund auf. Meine Laune sank auf Höhe Frostgrenze. Verflucht aber auch! Missmutig wirbelte ich mit dem Fuß eine große Staubwolke auf. Das würde doch wieder reichlich Ärger mit dem Alten geben. Ich konnte es schon regelrecht riechen. Ich brauchte einen Vorwand. Und zwar einen guten. Vielleicht sollte ich von der Begegnung mit der Fee erzählen? Ja, das war eine gute Idee, ein Lichtschimmer am Horizont des bevorstehenden Ärgers. Immerhin war sie Schuld an meiner Verspätung. Zum Teil jedenfalls. Ich beschloss zu sagen, dass ich ja beizeiten da gewesen wäre, wenn mich diese absonderliche grüne Fee nicht aufgehalten und dummes Zeug geschwafelt hätte. Das stimmte sogar, zur Hälfte wenigstens. Fünf Minuten eher wären wenigstens drin gewesen. Ich atmete tief durch. Am Höhleneingang war niemand zu sehen. Ich war also noch nicht entdeckt worden. Einigermaßen beruhigt ging ich weiter. Je näher ich der Höhle kam, umso lauter wurden Stimmengewirr und Gekicher. Am lautesteten und falschesten kicherten die Trolle. Das passte zu ihnen. Dass Vater auf der dicken Schleimspur ihrer Anbiederung nicht zuweilen ausrutschte, war ein Mysterium. Als ich die Höhle betrat, verstummten von einem Moment auf den anderen die Gespräche. Alle starrten mich an. Natterzahn, dieser Dummtroll, grinste wie erwartet geifernd vor Schadenfreude über das hereinbrechende Unwetter, welches sich über meinem Kopf zusammenbraute. „Luzifer!“ Na das ging ja gut los, Vaters Stimme grollte extrem giftig. „Du mickrige Pestzecke! Wann solltest du hier sein? Nennst du das pünktlich?“ Verstohlen beobachtete ich gesenkten Kopfes meinen Alten. Verdammt auch, war der wütend! Nicht einfach sauer wie sonst, so mit fliegenden schwefelgelben Funken zwischen den Hörnern, lodernd roten Augen und giftig hervorquellendem Schwefeldampf aus Ohren und allen Nähten seines Mäusepelzmantels. Nein, das hier war keine Show, das war das volle Programm! Auf der Stirn prangte die gefürchtete Zornesfalte. Die gewaltigste, die ich je gesehen hatte. Ausgehend von der Nasenwurzel, zog sie sich tief eingegraben quer über die Stirn. Selbst der Satansstein in seinem Amulett strahlte grell und furchteinflößend. „Entschuldige … ich …“, begann ich stammelnd meine Rechtfertigung. Weiter kam ich nicht, denn Vater platzte sofort dazwischen: „Was, mehr hast du Rotzbengel nicht zu sagen? Mach endlich den Mund auf, sonst verwandle ich dich in eine Ratte und werfe dich meinen Hunden zum Fraß vor!“ Seine Stimme grollte nicht mehr, er fauchte. Gefährlich leise. Einer der großen schwarzen Höllenhunde, die dösend am Feuer lagen, erhob sich. Finster zu mir herübersehend fletschte er hungrig seine langen, dolchartigen, weißen Zähne. Seine rubinroten Augen glühten und die scharfen Krallen kratzten ungeduldig auf dem steinernen Boden. Die Angst kroch in mir hoch. Ratte war das Leibgericht schlechthin, da konnte kein Höllenhund widerstehen. Wie aus weiter Ferne hörte ich Baltzar, den Leithund, kurz und zurechtweisend knurren und sah, wie sich das jüngere Tier mit widerwilligem Gehorsam zurück ans Feuer legte. Verdammt, wenn der Alte so wütend war, mich an die Hunde verfüttern zu wollen, dann konnte alles passieren. Teuflischer Jähzorn war ein angeborenes Erbe der Beelzebubs. Ich kenne ihn sehr gut. Außergewöhnliche Vorsicht war angesagt. Viel Zeit, um groß nachzudenken hatte ich nicht. Zu dumm auch, dass sich mein Kopf gerade jetzt so absolut leer anfühlte. Einer leisen Ahnung folgend, entschied ich kurzerhand, die Fee vorerst nicht zu erwähnen. Mit fester Stimme, beinahe trotzig, begann ich erneut: „Ehrlich, es tut mir leid, dass ich nicht pünktlich hier war, aber ich war echt schwer beschäftigt! Es dauert halt seine Zeit, Nixen im See einzufrieren, Zwerge im Eimer zu fangen und Elfen auf der Wiese so zu erschrecken, dass sie bleich werden und sich auflösen.“ „Das war die falsche Antwort, verdammter Taugenichts! Du weißt, was ich wissen will! Also raus mit der Sprache!“ „Nein!“, widersprach ich trotzig. „Ich habe keine Ahnung, was du wissen willst! Ich habe mich doch entschuldigt …“ Vaters Faust donnerte so heftig auf den Tisch, dass die Becher in die Luft sprangen und beim Umkippen ihren Inhalt über den Tisch ergossen. Krachend barst die starke, steinerne Tischplatte. Scherben, Brot, gegrillte Rattenkeulchen und geschwefelter Tauwurmauflauf, kurz, alles was an leckeren Sachen auf dem Tisch gestanden hatte, bildete plötzlich ein wirres Durcheinander. „Du Schwachkopf …“, brüllte er, „… willst du mich veralbern? Ich gebe dir eine letzte Gelegenheit! Sag mir was los war, und zwar sofort!“ In der Teufelshöhle war es jetzt so still, dass man jeden Tropfen des durch die gebrochene Tischplatte versickernden Biers auf den Boden plätschern hörte. Während ich verzweifelt überlegte, wie ich meinen Kopf aus der Schlinge bekam, beobachtete ich desinteressiert, wie die Bierpfütze unter dem Tisch wuchs und wie sich das Gebräu dampfend in den Felsuntergrund einbrannte. Tiefgesenkten Kopfes wartete ich auf das, was jetzt unabwendbar geschehen würde. Doch außer, dass die Stille durch ein kaum hörbares, dumpfes Geräusch unterbrochen wurde, passierte nichts. Vorsichtig lugte ich, ohne den Kopf zu heben, durch die Wimpern. Vater schien mitten in der Bewegung erstarrt zu sein. Schließlich schüttelte er den Kopf und hob mit einem Ausdruck gespielter Verzweiflung die Augenbrauen. Die zuckenden Blitze zwischen seinen Hörnern wurden schwächer und schwächer, und schließlich verschwanden sie gänzlich. Mit besorgter Miene schob er das Durcheinander aus Tischtrümmern, zerbrochenen Tellern und Schüsseln zur Seite. Ich senkte die Augen und fixierte meine schmutzigen Füße. Ich brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, wer da mit qualmendem Pelz lag und hilflos mit den verkohlten Beinstummeln in der Luft zappelte. Natürlich Pestbeule, Vaters Liebling. Die dumme Vogelspinne hatte es wieder einmal versäumt, sich rechtzeitig vor Vaters Wutausbruch in Sicherheit zu bringen. Wie üblich würde er gleich mit leicht gerunzelter Stirn drei schwefelgelbe Fünkchen auf Pestbeule pusten und sie heilen. Und, auch wie üblich, würde sie sich, frisch wiederhergestellt, erst einmal schmollend irgendwo verstecken, um nicht so schnell noch einmal gegrillt zu werden. „So, nun zu dir, junger Luzifer!“, hörte ich Vater nach einer Weile sagen. Seine Stimme war wieder normal. Fast normal. Böse zwar, aber erträglich. Der erste Sturm war wohl an mir vorübergezogen. Vorsichtig wagte ich einen direkten Blick. Sofort fing er diesen auf und fesselte mich mit den Augen. Leicht grollend fuhr er fort: „Für wen, bitteschön, hältst du mich? Vielleicht denkst du ja, der Alte ist ein bisschen geistesgestört und bekommt sowieso nichts mit? Ist es so? Bist du wirklich so dumm, mein Sohn? Ich hoffe nicht. Also tu’ dir und mir bitte den Gefallen und hör auf mit den Ausflüchten. Nixen, Elfen und Zwerge, seit wann interessiert mich dieses Gewürm? Neugierig macht mich nur eine verdammte Tatsache: Enilorac war hier. Was wollte die alte Schachtel von dir?“ „War das etwa die blöde Fee, die mir vorhin im Wege stand?“, fragte ich vorsichtig und konnte dabei nicht verhindern, dass meine Stimme vor Angst bebte. „Ja, genau, die blöde Fee meine ich, du Schwachkopf! Wen sonst?“, äffte Vater mich nach und verdrehte höhnisch die Augen. Verdammt, er wusste Bescheid! Auf die Gefahr hin, ihn weiter zu reizen, spielte ich den Ahnungslosen. „Ach, das war Enilorac? Die Ratsfee? Na wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich dir natürlich von ihr erzählt. Ich wusste es aber nicht und hielt sie für unwichtig. Ich dachte, sie sei eine der dummen Blauelfen hier aus dem Tal. Nur war sie eben nicht blau, sondern grün. Auch war sie unendlich viel schöner …“ „So, schöner war sie … verdammter Dummkopf, ich wollte nicht wissen, wie sie dir gefallen hat, sondern was sie von dir wollte, klar?“ Was sie gesagt hatte? Das brauchte der Alte nicht zu wissen. Das ergäbe nur weitere Fragen, auf die ich keinen Bock hatte. Unschlüssig tuend antwortete ich: „Was sie für Absichten hatte, weiß ich nicht. Ehrlich! Sie erschien, schwebte einfach nur dumm und stumm vor mir herum und sah mich seltsam an. Dann verschwand sie ebenso plötzlich wie sie aufgetaucht war. Als ob der Erdboden sie verschluckt hätte!“ „Und … sie hat nicht mit dir gesprochen?“ „Nein. Wie gesagt, sie sah mich nur seltsam an.“ Das war zwar eine glatte Lüge, aber ich hatte den Sinn dessen, was die Fee vorhin dahergeschwatzt hatte, sowieso nicht verstanden. Also war es eigentlich keine Lüge. Jedenfalls keine richtige. „Nun gut!“ Vaters Miene zeugte zwar von seinen Bedenken, er bohrte aber nicht weiter und beendete die Angelegenheit mit den Worten: „Dann will ich dir das ausnahmsweise einmal glauben.“ Ich atmete auf, warum nicht gleich so. Indes, so schnell hatte ich eigentlich nicht erwartet, dass er Ruhe gab. Hoffentlich kam da nicht noch etwas hinterher. Bemerkenswert war jedenfalls, dass ich den ganzen Ärger anscheinend eher wegen der Fee bekommen hatte und nicht wegen der Verspätung. Meine leise Ahnung, sie erst zu verschweigen, hatte mich zum Glück nicht getrogen. So hatte ich ihr weniger Bedeutung beigemessen, und das war auf jeden Fall ein Pluspunkt. Da die Gelegenheit günstig schien, fragte ich mutig: „Sag, Vater, mir scheint, du kennst diese Enilorac näher? Was könnte sie denn von mir gewollt haben?“ „Schweig jetzt, wir sprechen ein anderes Mal darüber … und über Enilorac! Setz dich!“ Ächzend streckte sich Vater in seinem knarrenden Lehnstuhl. Das Durcheinander, den zertrümmerten Tisch und die fragenden Gesichter der Anderen beachtete er nicht. Für ihn war die Sache vorerst abgetan. Ich wollte den Bogen nicht überspannen. Deshalb beeilte ich mich, seinem Willen zu folgen. Ein flüchtiger Blick zu Natterzahn bestätigte, was ich erwartet hatte: Dem Ekelpaket stand die Enttäuschung über die glimpflich ausgefallene Abreibung deutlich ins Gesicht geschrieben. In Gedanken machte ich einen weiteren Strich auf der endlos langen Liste, warum ich ihn hasste. Mutter schien mindestens ebenso überrascht zu sein, doch in den vergangenen Jahrhunderten, seit sie des Teufels Weib wurde, hatte sie sich wohl an derartige Überraschungen gewöhnt. Ohne eine Frage zu stellen, begnügte sie sich damit, unauffällig mit den Schultern zu zucken und dezent mit dem Kopf zu schütteln. Seufzend erhob sie sich und überblickte das Chaos. Mit erhobenen Armen und abgespreizten Fingern über dem Tisch kreisend murmelte sie einen ihrer Zaubersprüche. Zwischen ihren Fingern zuckten kleine Blitze und von ihren Handflächen löste sich violetter Nebel, der sich über den kaputten Tisch und dem Durcheinander darauf sammelte. Durch den Nebel leuchtete es hell und ein leises Schaben und Knarren war zu hören. Als sich der Nebel ihres Hexenzaubers wenig später auflöste, war der Tisch wieder heil und alles stand so wie vor Vaters Wutausbruch. Während Mutter aufräumzauberte, beobachtete ich so heimlich wie möglich die Gesichtszüge meines Vaters. Hatte der wirklich nichts von meiner Lüge bemerkt? Es blieb still am Tisch. Alle starrten mich an. Ohne ein Wort zu sagen. Ich fühlte mich wie ein Krebs, den man in heißes Wasser geschubst hatte. Trotzdem blieb mir nichts weiter übrig, als das Theater mitzuspielen und so zu tun, als ob nichts wäre. In aller Ruhe popelte ich und sah zum Höhlenausgang hinaus, wo die Nacht das Tal langsam in Dunkelheit zu hüllen begann. Im linken Nasenloch hatte ich Glück. Vorsichtig klaubte ich einen dicken Popel heraus, prüfte seine Konsistenz und knetete ihn dann zur Kugel. Insgeheim fragte ich mich dabei, was Vater nur vorhatte? Den Anderen hatte er es wohl schon gesagt. Und dass es um mich ging, war klar wie Seenixenseewasser. Zum Glück brauchte ich nicht lange warten, denn die Pause schien, wie immer, Berechnung zu sein. Inszeniert bis ins letzte Detail. Plötzlich jedenfalls, begann er feierlich zu sprechen: „Luzifer … von … Beelzebub! Du bist, seit der alte Herr unseren Urahnen aus dem Himmelsreich vertrieb, der 13. Spross unserer glorreichen Teufelsdynastie. Die Zeit ist gekommen, wo du dich dessen als würdig erweisen darfst.“ Schon wieder eine effektheischende Atempause. Verdammt, das wurde eine dieser langweiligen, ewig andauernden Festreden. Ich hasste sie. Meistens schaltete ich kurz nach den ersten Worten auf Durchzug. Das ging heute leider nicht, denn ich musste aufpassen, dass ich den wichtigen Teil seines Geschwafels nicht verpasste. Ich biss mir also auf die Zunge, um nicht mit einer dummen Frage dazwischen zu platzen und mühte mich, einen interessierten Gesichtsausdruck hinzubekommen. „Luzifer, wenn mich nicht alles täuscht, ist heute dein zwölfter Geburtstag.“ Aufmerksam nickte ich, auch wenn ich keine Ahnung hatte. Heute war also mein Geburtstag? Ja gut, könnte stimmen. Aber das war belanglos, mein Geburtstag bedeutete mir nichts. Wie auch, hier im Tal Nirgendwo war dieser Tag, soweit ich mich erinnern konnte, Jahr für Jahr, ein Tag wie jeder andere. Langweilig und ohne, dass irgendjemand davon besondere Notiz davon genommen hatte. Zum Glück lebten wir nicht in der Menschenwelt, denn dort wären es nicht nur zwölf, sondern dreihundert Geburtstage gewesen. Zwölf Vierteljahrhunderte Einsamkeit und Langeweile, dem jedenfalls entsprach der verzögerte Verlauf der Zeit hier im Tal. Oder wäre ich dort schon eher zwölf geworden? Schnell verwarf ich die Frage. Ich durfte mich nicht ablenken, denn Vater sprach schon weiter, und jetzt klang seine Stimme noch eine Spur festlicher. „Der zwölfte Geburtstag ist kein Geburtstag wie jeder andere, er birgt ein altes Ritual. Wisse, bei uns von Beelzebubs ist es nicht nur Tradition, dass der erste Nachkomme, der angehende Fürst der Dunkelheit und Gebieter des Schattenreichs, Luzifer heißt. Es ist genauso Tradition, dass der Thronfolger nach seinem zwölften Geburtstag zeigt, dass er ein rechter Teufel ist. Du wirst einmal als Luzifer der XIII. die Macht und unsere Familiengeschäfte übernehmen. Vorher musst du jedoch, wie damals deine Großväter und schließlich vor langer Zeit ich, auf dich allein gestellt beweisen, dass deine Magie stark ist und du böse genug bist. Du wirst dich heute schon gefragt haben, wo dein wunderbares Geschenk bleibt. Nun das ist ganz einfach: Mein Geburtstagsgeschenk für dich wird eine Seele sein. Deine erste, eigene Menschenseele. Und die holst du dir selbst, bei den Normalsterblichen. Na, wie gefällt dir das?“ Die Maske meines vorgeheuchelten Interesses fiel und ich starrte Vater fassungslos an. Das war es? Ich sollte zu den Menschen, zu den Normalsterblichen? Sollte ich mich darüber etwa auch noch freuen? Ja, sollte ich wohl, wenn ich den erwartungsvollen Blick richtig deutete. Irgendwie hatte es mir aber die Sprache verschlagen. Ich musste mich erst räuspern, um die Kehle frei zu bekommen. Den Popel, den ich noch immer zwischen Zeigefinger und Daumen rollte, ließ ich achtlos unter den Tisch fallen. Er beruhigte mich nicht mehr. Schließlich raffte ich mich auf und antwortete mit gezwungen erfreuter Grimasse: „Na das ist ja … ein tolles Geschenk … danke!“ Nicht nur mein schauspielerisches Talent hatte versagt. Mit dieser Antwort hatte ich leider auch noch überdeutlich meinen Widerwillen eingestanden. Verflucht! Auf Vaters Stirn erschien schon wieder die steile Falte. Konnte ich die Angelegenheit noch irgendwie retten? Vielleicht reichte es ja, wenn ich ihm noch mehr Interesse vorheuchelte? Nur zu dumm, dass mich der Alte dabei meistens durchschaute. Kunststück, er hatte ja darin auch weitaus mehr Übung als ich. Aber probieren musste ich es wenigstens: „Das ist echt toll, Vater! Auch wenn es vielleicht nicht so rüberkam. Wo werde ich die Seele denn finden und … wie werde ich … meinen Menschen erkennen? Du weißt doch, ich kenne mich mit dem Seelenfangen noch nicht so richtig aus.“ Na ja, dass kam zwar nicht ganz so flüssig, wie geplant, aber es sah wenigstens nach Interesse aus. Mit aller Gewalt zwang ich mich, Vater in die Augen zu sehen und dabei einen möglichst forschen Eindruck zu erwecken. Der Alte schwieg und schien nachzudenken. Nach einer Weile erst antwortete er mit einer Stimme, als würde er mit sich selbst sprechen: „Sei es wie es sei, ich bin mir sicher, dass du fühlen wirst, welcher Mensch es ist …“ Nach einem kurzen Seitenblick zu Darkmoor und Krötina fuhr er etwas lauter fort: „Du wirst dabei auch nicht ganz allein sein. Natterzahn wird dich mit der gleichen Aufgabe begleiten. Ihr habt vier Wochen Zeit. Der kleine Wettkampf zwischen euch wird dich anspornen!“ „Ich und … Natterzahn?“ Ich war fassungslos. Nicht nur, dass ich mich dieser dämlichen Probe unterziehen sollte, nein, jetzt sollte das Ganze auch noch in einen Wettstreit mit diesem Dummtroll ausarten! „Ja, du und der junge Troll. Oder hast du etwa ein Problem damit?“ Vaters erwartungsvoller Blick spießte mich regelrecht auf. Plötzlich, noch bevor ich etwas sagen konnte, mischte sich Darkmoor ein. Der alte Troll hatte schon die ganze Zeit über abwechselnd mit stolzem Blick seinen Sohn und dann verächtlich mich gemustert. Jetzt schien es ihm wohl an der Zeit, seine Meinung kund zu tun: „Nun, alter Freund, ich denke, dein Sohn ist, nun wie soll ich es sagen, nicht gerade das, was man sich unter einem richtigen Teufel …“, Darkmoor verstummte unter Vaters strengem Blick. Oh, oh, der Troll war echt so dumm wie ein tiefgefrorener Kürbis. Insgeheim rieb ich mir die Hände. Und da ging es auch schon los: „Gar nichts sollst du sagen, du saudämlicher Schwachkopf! Behalt‘ deine Gedankenfürze in Zukunft gefälligst für dich, alter Freund!“ Ich hatte mich wohl zu früh gefreut, denn irgendwie erfüllte sich meine Hoffnung nicht. Vater grollte zwar den Troll an, ließ mich aber dabei nicht aus den Augen. Und Darkmoor schwieg. Klar, der war viel zu feige für einen Widerspruch. Selbst die Beleidigung ließ er aus Angst vor Vater wie Wasser an seinem fettigen Fell abperlen. Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht erst mitbekommen. Oder sofort wieder vergessen. Ich war jedenfalls noch nicht erlöst. Verdammt! „Also, Luzifer, was ist nun, hast du ein Problem damit?“, wiederholte Vater da auch schon mit drohender Stimme die noch immer im Raum stehende Frage. Schnell zwang ich mir ein freches Lächeln ins Gesicht und antwortete mit honigsüßer Stimme: „Klar habe ich ein Problem damit, diesen Blödmann im Schlepptau zu haben. Aber nur damit. Also keine Angst, ich werde dich nicht beschämen. Ein Wettkampf gegen einen Troll – pah! Das ist ja wohl nicht schwer. Den putze ich weg und hole mir die Seele nebenbei, du wirst schon sehen.“ Vaters Wut war sofort verraucht. Er nickte grinsend und streifte Darkmoor mit einem triumphierenden Blick. „Ach so ist das … ja, sehr gut! Genau so hatte ich das erwartet. Die Bosheit gab ich dir ins Blut, du musst sie nur nutzen. Und keine Ungeduld, du brauchst auch nicht lange warten. Morgen schon kannst du zusammen mit Natterzahn loslegen. Der Zaubertunnel führt euch beide bei Sonnenaufgang in eine kleine Stadt, wo ihr das Opfer findet.“ Die Sache war vorerst ausgestanden. Blöd war nur, dass es bereits morgen losging. Aber egal. Während sich der Alte schweigend seinem Bier widmete, lehnte ich mich bis auf weiteres beruhigt zurück … Wie zufällig begegnete mir in diesem Moment ein anderer Blick. Aus rubinroten Augen. Baltzar. Der alte Höllenhund hatte von seinem Platz vor dem Feuer scheinbar alles sehr aufmerksam verfolgt. Jetzt erst legte er seinen Kopf mit einem leisen Schnaufen wieder auf seine gigantischen Vorderpfoten und tat so, als ob er schliefe. * * * Nach dem Essen war nichts mehr passiert, was der Rede wert wäre. Außer dass Vater die brillante Eingebung hatte, die Trolle sollten doch gleich bei uns, und Natterzahn in meiner Schlafhöhle nächtigen. Da könnten wir beide, weil wir ja vor Aufregung sicherlich sowieso nicht schlafen würden, noch ein paar Sachen beschwatzen. Superblöde Idee! Jetzt hatte ich den Troll heute schon an der Backe. Womit hatte ich das nur verdient? Aufgebracht fuhr ich den muffig riechenden Stinker an: „Du kennst die Regeln: Wenn du schnarchst, fliegst du raus! Wenn du quatschst, fliegst du raus! Wenn du furzt oder mich sonst wie nervst …“ „… fliege ich raus! Huh, ich zittere vor Angst!“ Natterzahn tat, als schüttele es ihn, winkte dann aber spöttisch grinsend ab. „Schon gut, euer Hochwohlgeboren wird nicht merken, dass ich hier bin!“ Jetzt verhöhnte mich dieser nutzlose Dummtroll auch noch. Ich platzte gleich vor Wut. Das würde er bitterlich büßen! Vorerst nur ließ ich die neuerliche Frechheit unbeantwortet. Schweigend sah ich zu, wie sich der Troll in der feuchtesten und schimmligsten Ecke meiner kleinen Höhle auf dem steinharten Fußboden zusammenrollte und offenbar bereits nach wenigen Sekunden einschlief. Der merkte echt nicht, dass er mir auf den Senkel ging. Oder tat er nur so mutig? So oder so, bei nächster Gelegenheit war er fällig, und zwar so was von! Ich legte mich zurück und spielte mit dem faustgroßen Stein, der nicht ganz zufällig in Reichweite neben meinem Bett lag. An Schlaf brauchte ich gar nicht erst zu denken. Nicht nach dem, was Vater sich da ausgedacht hatte. Der Alte tickte doch wohl nicht ganz richtig! Was zur Hölle sollte ich bei den Normalsterblichen? Eine Seele holen? Toll! Weder diese strohdummen Menschen, noch ihre dusseligen Seelen interessierten mich. Einmal, und das war jetzt gut hundert Jahre her, hatte Vater mich mitgenommen. Ich weiß noch wie aufgeregt ich erst war. Und dann? Er zeigte mir, wie leicht es ist, sie zu verführen, ihre Gier zu wecken, Streit anzuzetteln oder mit ihren Ängsten zu spielen. Ermüdend einfach! Langweilig! Und daran hatte sich bestimmt nichts geändert. Jedes Mal, wenn ich Vaters Geschichten und Erzählungen über die Menschen zuhören musste, bestätigte sich das wieder. Schon der Besuch bei diesen tölpelhaften, nichtmagischen Wesen war die reinste Vergeudung teuflischer Kräfte. Was Vater daran so faszinierte war mir ein Rätsel. Ein spitzer Schrei riss mich aus meinen Erinnerungen. Es klang, als würde jemand in höchster Panik um sein Leben schreien. Dumpfes Knurren, nicht minder laut, und ein leises Schniefen folgten. Dann war es wieder ruhig. Mein Interesse war geweckt. Der Schrei und das Knurren reizten mich nicht. Das kam aus den Schloten tief in den verzweigten Gängen der Höhle. Die reichten bis hinunter in die graue Unterwelt und man hörte die verlorenen Seelen und Ungeheuer, die der Alte dort gefangen hielt. Das leise Schniefen aber, das stammte eindeutig von Natterzahn! Mit einem Gefühl der Befreiung in der Brust musste ich grinsen. Fast liebevoll betrachtete ich noch einmal den Stein in meiner Hand, prüfte ein letztes Mal seine Form, sein Gewicht, fast hätte ich ihn geküsst. Endlich zielte und warf ich wuchtvoll. Wie von der Tarantel gestochen fuhr der Troll hoch und fauchte drohend. Schlaftrunken blinzelnd sah er sich nach dem vermeintlichen Angreifer um. Doch da war niemand. Niemand außer mir. Wütend fuhr Natterzahn mich an: „Was soll das? Spinnst du?“ Abfällig grinsend konterte ich scharf: „Was das soll? Rate mal! Schon für dein ‚spinnst du‘ müsste ich dich verprügeln, du Dumpfbacke! Hatte ich dir nicht gesagt, wenn du furzt oder mich sonst wie nervst, fliegst du raus?“ „Und …?“ „Nichts und! Du hast geschnarcht. Also raus mit dir, mach die Fliege! Schlaf meinetwegen im Gang oder sonst wo! Hauptsache, dein Dunstkreis ist weit genug weg von mir!“ „Das bringst du nicht!“ Inzwischen anscheinend richtig munter, stützte Natterzahn herausfordernd die Fäuste auf die Hüfte. „Du wirfst mich nicht wirklich raus. Dafür bist du viel zu weich!“ „So!?“ Ich ließ meine Stimme eiskalt klirren. „Bist du dir da sicher?“ Ich sah, dass Natterzahn etwas entgegnen wollte. Schnell verklebte ich ihm die Kiefer. Mehr als ein leises Stöhnen durch die Nase brachte er nicht heraus. Gegen meine Magie kam er nicht an. Nach einer kleinen Pause erst, so wie sie auch Vater in solchen Momenten einflocht, fuhr ich fort: „So, du Blindgänger! Du willst jetzt nicht wirklich probieren, ob ich zu weich bin, oder? Na ja, wer weiß, vielleicht glaubst du ja wirklich an den Quatsch, den du da von dir gibst. Vielleicht fühlst du dich dadurch stark genug, dich mir zu widersetzen? Also dann – bitte! – mach es!“ Abwägend starrte Natterzahn auf die kleine Fluchzauberkugel, die ich zusätzlich zu meinem Schweigezauber gewoben hatte und nun drohend, wie zuvor den Stein, mit einer Hand jonglierte. Dann brummelte er noch einmal verdrießlich und verschwand schließlich schwitzend und vor ohnmächtiger Wut heulend in der Dunkelheit der Gänge. Endlich allein ließ ich mich auf den raschelnden Laubsack, der mir als Kopfkissen diente, zurücksinken. Sofort überfielen mich auch wieder die bedrückenden Gedanken, die mich schon den ganzen Abend gequält hatten. Sie spukten durch meinen Kopf wie eine Schar aufgescheuchter Gespenster. Ich sollte beweisen, dass meine Magie stark und ich böse genug war. Wegen meiner Magie brauchte ich mir keine Sorgen machen. Die war stark, das war nicht das Problem. Aber böse? Ich? Irgendwie war ich mir da nicht so ganz sicher. Gut, so wie ich soeben Natterzahn rausgeworfen hatte, das war wahrhaft teuflisch und mitleidlos. Vater wäre regelrecht stolz auf mich. Aber das war mir deshalb leicht gefallen, weil ich Natterzahn hasste. Und genau das war meine Achillesferse, egal ob Zwerg, Elfe, Nixe – wen ich nicht hasste, dem konnte ich nichts wirklich Böses antun. Und Menschen schon gar nicht. Die waren nicht nur langweilig gut, sondern auch noch schwach und wehrlos. Hier im Tal hatte ich es oft probiert, aber wenn ich doch einmal Böses tat, meldete sich sofort diese tadelnde Stimme in mir und vermasselte mir den Spaß. Enilorac schien das zu wissen, sie kannte diese Stimme. Gewissen hatte sie die Stimme genannt. Aber so richtig half mir das nicht weiter, denn mehr, als dass ich auf mein Gewissen aufpassen sollte, hatte sie mir dummerweise nicht verraten. Und ehrlich, wozu brauchte ich als Teufel ein Gewissen? Irgendwie musste ich diese doofe Mäkelstimme in mir zum Schweigen bringen! * * * In aller Frühe stand ich auf. Schwer fiel mir das nicht, an Schlaf war nicht zu denken gewesen. Im Grunde war ich froh, dass die Nacht vorbei war. Die Grübeleien hatten mich keinen Schritt weiter gebracht. Auf dem Weg nach draußen entdeckte ich Natterzahn. Fliegenumschwärmt lag er im Gang, mitten in einer stinkenden Pfütze. Er schlief noch tief und fest. Ungewiss war, was das für eine Pfütze war. Von der Decke tropfte es jedenfalls nicht, und vom stechenden Gestank her war alles möglich. Ergründen wollte ich es jedoch nicht, so genau mochte ich das gar nicht wissen. Angewidert lief ich schnell weiter durch das Labyrinth von Gängen in den Tunnel, der mich nach draußen führte. Vor der Höhle angelangt, atmete ich tief durch und ließ die herrlich klare Luft in meine Lungen strömen. Über dem schneeweißen Gipfel des Elfenberges stieg gerade die Sonne auf. Der Tag begann wie so viele, und doch schien heute alles anders. Leise Geräusche knarrender und knirschender Bettpfosten kündigten an, dass langsam Leben in die Höhle kam. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie Vater sich langsam und gequält aus dem Bett rollte. In aller Herrgottsfrühe, wo es der Alte doch eigentlich hasste, so zeitig aufzustehen. Er brannte wohl vor Ungeduld, mich in diese doofe Menschenwelt zu verfrachten. Gegen die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne blinzelnd, trat Mutter vor die Höhle. Als sie mich sah, lächelte sie dezent und kam zu mir geschlendert. Beinahe schelmisch fragte sie: „Guten Morgen! Ist der Platz neben dir vielleicht noch frei?“ „Dir auch einen guten Morgen, Mutter! Aber ja, der Andrang danach war zwar wirklich groß, aber es gelang mir, ihn extra für dich frei zu halten!“, antwortete ich ebenfalls lächelnd und machte eine einladende Geste. Während sie sich setzte, beobachtete ich sie. Ein leichtes Schmunzeln war ihre einzige Reaktion auf meinen Scherz. Sie lachte nicht. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich sie noch nie richtig lachen gesehen. Ihr langes, verfilztes und schmutziggraues Haar leuchtete in der Sonne rötlich. Ihren Rücken hatte das Alter gebeugt. Nur ihre ewig jungen, strahlenden Augen passten nicht so recht zu ihrem durch die vielen Jahrhunderte gekennzeichneten, runzligen Gesicht. Wenn ich es bedachte, war mir das alles bisher nie so aufgefallen wie jetzt, in diesem Moment. Aber warum war sie so bekümmert? Warum behielt sie die ewige Gestalt der alten Frau? Das musste sie nicht tun, schließlich war sie eine der mächtigsten Hexen der Welt. Ich beschloss, sie deshalb zu fragen, wenn ich aus der Menschenwelt zurückgekehrt war. Jetzt war leider keine Zeit mehr dafür. Doch eine Sache gab es da, die mir seit dem Abend zuvor regelrecht auf der Zunge brannte. Und ich wollte die Gelegenheit nutzen, solange Vater noch nicht hier war. „Sag Mutter …“, fragte ich, „… diese Enilorac, warum hasst Vater sie so sehr? Woher kennt er sie?“ Für einen flüchtigen Moment sah ich einen unergründlichen Schatten über ihr Gesicht huschen. Oder war es nur ein Schattenspiel der aufgehenden Sonne? Ich war mir da nicht so sicher. Ich hatte aber den Eindruck, dass ihr das Thema unangenehm war. Nach einer Weile dann antwortete sie dennoch: „Genau weiß ich das leider auch nicht. Mit mir sprach er niemals über sie. Und ich wagte ihn nie zu fragen. Ich redete mir immer ein, dass sie eben eine Fee des Rates ist, und dass er sie deshalb hasst. Wie die anderen Feen des Rates auch. Inzwischen bin ich mir aber sicher, dass es etwas anderes ist. Eine uralte Geschichte wahrscheinlich …“ Plötzliches Gepolter und Getöse unterbrach die Unterhaltung. Wie ein Kugelblitz kam der Alte aus der Höhle geschossen. Das trockene Gras hinter ihm stand sofort in Flammen, welche aber gleich wieder erloschen, da sie keine weitere Nahrung fanden. Hatte er etwa gelauscht? Wohl nicht, denn mit hintergründigem Grinsen fragte er ohne morgendlichen Gruß direkt: „Na Luzifer, schon aufgeregt?“ Ich nickte wortlos und schluckte dabei, als müsse ich einen von Mutters leckeren, faustgroßen Mäusemarkklößen in einem Stück hinunterwürgen. „Das macht nichts. Ein bisschen Aufregung tut gut, sie spornt den Eifer an. Aber ihr müsst sofort aufbrechen. Jetzt schlafen die da in der Menschenwelt noch und es fällt nicht so auf, wenn der Tunneleingang aufleuchtet … wo sind eigentlich die Trolle?“ „Die sind noch nicht hier.“ „Die sind noch nicht hier?!“ Vater knurrte unwillig. „Gesindel, diese Trolle. Nichtsnutze, allesamt. Schlafen noch, wenn ihr Herr schon auf den Beinen ist. Wo gibt’s denn so was?!“ Aufgebracht schüttelte er den Kopf. Mit dem Daumen in Richtung Höhle deutend flüsterte er: „Auf dieses Pack musst du aufpassen, Sohn! Ich zeige dir, wie man mit denen umgeht.“ Ich wusste nicht, was an der nun folgenden Prozedur neu sein sollte. Wie erwartet formte der Alte mit seinen Händen einen Trichter vor seinem Mund und brüllte dröhnend in die Höhle hinein: „Wenn ihr nicht sofort zu mir kommt, ihr verdammten Trolle, dann ziehe ich euch die Haut ab und brate euch zum Frühstück!“ Wie ein Wirbelsturm donnerten die Worte in die Höhle hinein. Hier draußen nicht sonderlich laut, wandelten sie sich erst drinnen zu der markerschütternden Lautstärke, die normalerweise Tote erwecken konnte. Den Trollen mussten die Trommelfelle platzen. Nun, ich gönnte es ihnen, insbesondere Natterzahn. Es dauerte auch nicht lange, bis ihre zerknitterten Gesichter im Höhleneingang auftauchten. Die spitzen Ohren zuckten bei dem immer noch nachhallenden Echo, welches kaum leiser werdend in den verschlungenen Felsgängen hin und her rollte. Blinzelnd im hellen Sonnenlicht, die triefenden Nasen schniefend, näherten sie sich unterwürfig buckelnd. „Wurde ja auch Zeit!“, knurrte der Vater und zwinkerte mir verschwörerisch-gehässig grinsend zu. Die qualvoll verzerrten Fratzen der schlaftrunkenen Trolle schienen ihm Spaß zu machen. Mit spöttischer Stimme fuhr er fort: „Nun meine Herrschaften, ich hoffe, ihr habt gut geruht und die sagenhafte Gastlichkeit der Teufelshöhle genossen?“ „Ja Herr, aber …“ „Na fein!“, unterbrach Vater Darkmoor und ignorierte dessen ‚aber’ genauso wie die knurrenden Trollmägen. „Frühstück fällt heute zur Feier des Tages aus. Dafür durftet ihr ja auch ein bisschen länger die herrliche Ruhe meiner Höhle mit eurem hässlichen Schnarchen stören.“ Die Trolle nicht weiter beachtend, wandte sich der Alte mir zu. Hoffentlich hielt er jetzt nicht noch eine Rede, schoss es mir durch den Kopf. Doch die Befürchtung war zum Glück umsonst. Im Gegenteil, er legte mir mit stolzer Miene die Hand auf die Schulter und drängte: „Geh jetzt, Sohn! Du verpasst sonst den richtigen Zeitpunkt.“ Der richtige Zeitpunkt! Zum Gehen! Wie wahr, sagte ich mir. Wenn ich noch länger zauderte, würde die Stimmung des Alten schnell wieder garstig werden. Und das konnte ich nun nicht auch noch gebrauchen. Also nichts wie weg hier! Kurz entschlossen umarmte ich Mutter. Auch sie zog mich dabei fest an sich, fester als jemals zuvor, und strich sacht durch das zottelige Haar zwischen meinen Hörnern. „Na, keine Sentimentalitäten jetzt! Los geht es!“, brummte Vater ungeduldig. Ich gab mir Mühe, ihm nicht zu zeigen, dass er nervte. Als ich mich zu ihm herumdrehte, sah ich zufällig Darkmoors blöd grinsendes Gesicht. Was hatte der denn schon wieder? Irgendwie war das alles hier sehr rätselhaft. Und Vater sah auch nicht aus, als ob er mich noch einmal zum Abschied umarmen würde. Im Gegenteil, er verdrehte die Augen und dirigierte mich ungeduldig an der Schulter auf den Weg in Richtung Zaubertunnelhöhle. Mit geheuchelt liebenswürdiger Stimme sagte er: „Was zögerst du? Geh nur, junger Teufel, es liegt ein weiter Weg vor dir. Oder hast du es dir anders überlegt?“ Anders überlegt? Als ob ich da eine Wahl hätte! Laut antwortete ich: „Nein Vater, habe ich nicht. Mach’s gut!“ Entschlossen ging ich einen Schritt schneller und löste mich damit, ohne mich noch einmal umzusehen, von der lenkenden Hand meines Vaters. * * * Das war symbolisch gesehen genau der Moment, wo der Falke seine Fänge in das Fell der Maus schlug. Nur dass ich das damals noch nicht wusste. Zweifel hatte ich, und zwar mehr als genug. Und Fragen, mehr als Antworten. Aber erst spätere Abenteuer brachten mich zu Irekes Vergleich mit der Maus und dem Falken und zu der Erkenntnis, dass es von nun an direkt zum Nest mit den hungrigen Falkenküken ging. Eine Wegbiegung später holte Natterzahn mich ein. Er flitzte dann auch gleich übermütig springend an mir vorbei. Er war wohl guter Dinge. Oder er hatte gute Laune. Wie auch immer man das bei einem Troll nennen mochte. Ich fand es für die Katz, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man Trolllaunen richtig beschreiben könnte. Es war auch egal, denn in Kürze kam das erste Hindernis, die geheimnisvolle und bedrohliche Zaubertunnelhöhle, die das Zaubertor in sich barg. Dieses Tor war der einzige Weg von der Außenwelt ins Tal Nirgendwo. Und auch der einzige Weg, um das Tal zu verlassen. Jenes Tor würde mich, wenn alles gut ging, in die Welt der Normalsterblichen bringen. Nie hatte ich es bisher gewagt, die von unheimlich starker magischer Energie umgebene Höhle oberhalb des Seenixensees allein zu betreten. Nun blieb mir nichts anderes übrig, denn auch mit einem Troll an meiner Seite war das gleichbedeutend mit allein. Tief durchatmend drängte ich alle quälenden Fragen und Zweifel beiseite. Um mich abzulenken, sah ich mich um. Es war ein sehr schöner Tag. Die Sonne schien von einem so sauberen und strahlend-blauen Himmel, dass es eine wahre Freude war. Die Schmetterlinge flatterten von Blüte zu Blüte und das Gras war saftig grün. Im nahen Schilfgürtel des Sees zwitscherten die Vögel. Ein Traum … „Ha, getroffen!“ Ich schreckte aus meinen wundervollen Betrachtungen. Der plötzliche Freudenschrei des Trolls verhieß mit Sicherheit nichts Gutes. Jedenfalls nichts, was ich selber auch für gut befinden würde. Meine Befürchtung war begründet. Keine fünfzig Meter vor mir sah ich Natterzahn vor Freude in die Luft springen und nur den Bruchteil einer Sekunde später ein kleines Eichhörnchen sowie einen faustgroßen Stein aus den Zweigen eines Holunderbusches fallen. Ich kochte. Die wenigen Meter raste ich dampfend vor Wut. Noch bevor ich bei ihm war, schrie ich böse: „Was soll das, du fellbezogener Trottel!?“ Meine Wut schien Natterzahn allerdings nicht im Geringsten zu stören. Immer noch hüpfend blaffte er zurück: „Was das soll? Oh nein, sag bloß! Du bist doch wohl nicht etwa wegen des Eichhörnchens sauer auf mich?“ „Na aber sicher doch, du elender Dummtroll! Das war doch absolut unnütz! Was hat dir denn das Eichhörnchen getan?“ „Hast du etwa … Mitleid? Du? Ein Teufel?“ Natterzahn tat, als müsse er sich von einem Schock erholen und fasste sich theatralisch an seine fliehende Stirn. „Ich fasse es ja nicht! Mein Vater sagte mir, dass du zu weich bist, gar kein richtiger Teufel. Ich wollte es nicht glauben, aber er hat wirklich Recht. Unfassbar!“ Meine Wut verpuffte augenblicklich. Jedenfalls die auf Natterzahn. Verdammt, ich war wirklich zu weich! Diese dusselige Meckerstimme in mir, dieses Gewissen machte das. Und das musste ich mir ausgerechnet von einem Troll sagen lassen. Von einem Geschöpf, das nun wahrlich nicht gerade die Spitze der magischen Evolution darstellte. Wenn ich wenigstens einen guten Grund dafür nennen könnte, warum das mit dem Eichhörnchen unnötig gewesen war. Dann hätte ich ihm den Wind aus dem Segel genommen. Hatte ich aber nicht. Aufgebracht über mich selbst und verwirrt zugleich warf ich einen kurzen Seitenblick auf das Eichhörnchen. Ein dicker Teppich aus Moos hatte den Sturz zwar sanft abgebremst, aber der Stein des Trolls hatte mit voller Wucht getroffen. Deutlich spürte ich die gesplitterten Knochen unter dem Fell des kleinen Tieres. Seine Angst brannte auf meiner Zunge und schmeckte abstoßend scharf. ‚Du bist zu weich!’ pulsierte es immer wieder durch meinen Kopf. Mit aller Macht musste ich mich beherrschen, nicht zu dem Eichhörnchen zu eilen. Sicher, mit meinen Zauberkräften hätte ich ihm leicht helfen, es heilen können. Aber das wäre eine weitere Schwäche gewesen. Unmöglich! Grimmig beschwor ich mich selbst: ‚Ich bin nicht zu weich!’ Doch es half nichts. Ich konnte es mir anscheinend nicht ausreden, dass ich ein zu sanftmütiges Herz hatte. Immer wieder hörte ich diesen verhassten Satz. Ich konnte ihn einfach nicht aus meinem Kopf verbannen … Wie auch! Plötzlich merkte ich, dass die Worte nicht aus meinem Kopf kamen, sondern dass ich sie tatsächlich hörte. Der Troll schien wohl in seinem Triumph kein Ende finden zu wollen. Er hüpfte wie ein Irrsinniger herum und sang immer wieder: „… Mein Vater hat immer Recht und du bist weich! …“ Da war sie wieder, meine alte Wut auf Natterzahn. Grinsend ließ ich zwischen meinen Hörnern drei kleine, schwefelgelbe Blitze aufflammen. Jetzt allerdings nicht wegen eines Eichhörnchens, sondern aus einem für einen Luzifer von Beelzebub wahrhaft ehrhaften Grund: Der Troll machte sich über mich lustig. Und das konnte ich ihm auf keinen Fall durchgehen lassen. Mit einer leichten Bewegung meiner Hand fegte ich ihn ohne jegliche Vorwarnung von den Beinen. Sich haltlos überschlagend rollte Natterzahn erst einige Meter über den Weg, ehe er an einem Baum hart Halt fand. Aufgebracht sprang er auf, fletschte seine gefährlich spitzen Zähne und knurrte drohend: „Was soll das?!“ Ich beobachtete ihn, lauernd wie eine Schlange das Kaninchen, und wartete. Aus meinen Ohren ließ ich schwefelgelben Rauch dampfen und meine rotglühenden Augen durchbohrten den Troll. Nach einer angemessenen Weile erst fragte ich herausfordernd und wiederholte dabei bewusst spöttisch Natterzahns Wortwahl: „Was soll das, fragst du?! Oh nein, sag bloß … du bist doch nicht etwa vermessen genug, dich mit mir anlegen zu wollen, du Dummtroll? Sei vorsichtig, dein Vater hilft dir hier nicht!“ „Aber du …!“, fauchte er zurück, wagte es aber nicht, seinen Satz zu beenden. Auch seine angespannte, angriffsbereite Haltung lockerte sich bereits. „Aber … ich bin zu schwach? Wolltest du das gerade sagen? Das ist ein sehr schmaler Pfad, junger Troll! Darüber würde ich an deiner Stelle nicht gehen. Sieh es mal so, Troll …“, ich setzte all meine Verachtung in das Wort ‚Troll‘ und grinste höhnisch, bevor ich fortfuhr: „… ich bin ein Teufel aus dem Clan der von Beelzebubs. Und du? Richtig! Du bist und bleibst ein einfacher Troll. Ein Troll, der mit einem Stein ein Eichhörnchen aus dem Baum schießt. Na prima! Da hast du echt deine gigantisch bösen Kräfte bewiesen. Also wirklich, auf so eine bescheuerte Idee muss man erst einmal kommen. Das können sogar Menschen, und die können wahrlich nicht viel. Ich war vorhin nicht schwach, ich war verblüfft über so viel Blödheit. Verwechsele das in Zukunft besser nicht mit Schwäche.“ Etwas leiser, dafür noch eine Spur bösartiger, fuhr ich nach einer kleinen, wirkungsvollen Pause fort: „Und noch etwas, Troll. Ein Rat, nur so zu deinem Besten: Wenn du dich noch einmal über mich lustig machst, dann mache ich dich so fertig, dass du nicht mehr weißt, ob du ein Troll oder ein Eichhörnchen bist, ist das klar?!“ Mit meinem Auftritt mehr als zufrieden lauerte ich nur wenige Zentimeter von Angesicht zu Angesicht auf Natterzahns Antwort. Genießerisch empfand ich den Geschmack seiner Angst. Säuerlich-bitter wie bei dem Eichhörnchen, nur bei ihm wahrhaftig lecker! Ich brauchte nicht lange zu warten. Zitternd begann er zu stottern: „Nein, … wirklich, ich … nein …“ „Was heißt nein? Ich fragte, ob das klar ist?“ „Ja … ja … ist klar“, stotterte er. Er hatte Angst. Und zwar entsetzlich stinkende Angst. Als unter ihm auch noch eine gelbe Pfütze zusammenlief, wandte ich mich angeekelt ab und schnaubte laut: „Das ist ja widerlich! Du bist eine Schande für alle Trolle!“ Mannomann, war ich gut! Trolle niedermachen könnte direkt ein Hobby von mir werden! Stolz erhobenen Hauptes wandte ich mich um, strich meine widerborstigen Haare zwischen den Hörnern nach hinten und kletterte, ohne mich noch einmal umzusehen, weiter den steinigen Weg zum Zaubertor hinauf. Ich kam nicht weit, da stürmte plötzlich Natterzahn, schon wieder geschwind wie ein Blitz, an mir vorbei. ‚Da schau her‘ dachte ich, macht dich die Angst schneller oder hast du die Lektion etwa schon wieder vergessen? Wahrscheinlich Letzteres. Merken und Denken ist nicht unbedingt Trollsache. Unheimlich flink und geschickt sind sie ja, das musste ich neidlos anerkennen. Das war es aber auch schon, sonst fand ich sie so dumm wie ein Furunkel am Hintern. Und genauso überflüssig. Nun, nach der Lektion ist vor der Lektion. Jetzt nutzte ich die Chance erst einmal, unbeobachtet zurück zu schauen. Halbverdeckt von einem Felsvorsprung sah ich den Holunderbusch, wo das Eichhörnchen gelegen hatte. Es war weg. Nur im Schatten der Blätter, kaum auszumachen zwischen den Blütendolden, verglommen ein paar Feenfünkchen wie verblassende Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht. Feenfünkchen? Grüne Feenfünkchen? Das konnte nur Enilorac sein. Die Fee war hier. Beobachtete sie mich? Bloß warum, verdammt noch mal? Hätte sie sich gestern nicht klar und deutlich ausdrücken können? Das wäre wirklich besser gewesen, als mich zu beobachten. Orakelhafte Feensprüche waren das Letzte, was mir jetzt weiterhalf. Modriger Geruch vertrieb meine bohrenden Betrachtungen. Die Zaubertunnelhöhle. Gedankenversunken hatte ich unbemerkt ihren Eingang erreicht. Die muffig feuchte Luft, nach Schimmel und uraltem Fledermauskot stinkend, stand wie ein kühler Vorhang vor dem Eingang. Natterzahn wartete brav vor der Höhle. Zwar nervös von einem Bein auf das andere tretend, wagte er trotz seiner offensichtlichen Ungeduld nicht, sich vorzudrängen. Das hieß, die Lektion wirkte doch noch, denn so ehrfürchtig hatte Natterzahn mich noch nie angesehen. Gut so, es ging doch! Warum hatte ich das eigentlich nicht schon viel eher getan? Anlässe für eine Abreibung hatte der Troll ja nun, weiß wer auch immer, schon oft genug geliefert! Ich konnte mir ein hochnäsiges Grinsen nicht verkneifen. Stolz und mit hocherhobenem Haupt ging ich, ohne den Troll auch nur eines Blickes zu würdigen, weiter in die Höhle. Doch kaum hatte ich die unsichtbare, aber deutlich spürbare Schwelle überschritten, überfiel mich plötzlich ein seltsames Gefühl. Es war, als ob direkt hinter dem Eingang ein düsteres Nichts begann. Da halfen auch meine teuflischen Kräfte nicht. Die Finsternis war undurchdringlich. Und mit ihr legte sich die gewaltige, fremdartige Magie der Höhle bedrückend auf meine Brust. „So weit war ich auch schon!“, hörte ich den Troll hinter mir. Sofort kochte der Groll in mir hoch. „Natterzahn!“, brüllte ich wütend. „Nein, nein!“, hörte ich Natterzahn aufgeregt winseln. „Versteh mich nicht falsch. Ich will mich nicht über dich lustig machen! Ich wollte wirklich nur sagen, dass ich nicht weiter kam, weil die Höhle stärker ist als ich …“ „Halt‘ die Klappe, ich muss nachdenken!“, unterbrach ich ihn und verharrte auf der Stelle wo ich gerade stand. Das war doch absolut peinlich. Ich sah schon das hämische Grinsen im Gesicht des Alten, wenn ich bereits an dieser dusseligen Hürde scheitern würde. Also, was musste ich tun, um hier weiter zu kommen? Grübelnd kaute ich auf meiner Unterlippe. Mit Vater zusammen hatte es nie Probleme gegeben. Allerdings hatte ich nicht darauf geachtet, wie er es angestellt hatte. Und er hatte es mir nicht gesagt. Selbst die Zwerge des Tals benutzten diesen Weg. Demnach hing weder Natterzahns noch mein Scheitern mit der Stärke oder Schwäche der Zauberkräfte zusammen. Plötzlich kam mir, wie aus heiterem Himmel, ein Gedanke. Eben, als der Groll in mir hochkochte, hatte sich der magische Druck auf mich verstärkt … klar, das war es: Die Magie der Höhle war nicht für uns, also für Wesen des Bösen, geschaffen! Unwillkürlich musste ich lachen. Wenn das, was ich vermutete richtig war, wie kam dann eigentlich Vater in diese Höhle? Und wie sollte ich den Troll in die Zaubertunnelhöhle bekommen? Das könnte schwierig werden. Na und, wenn es nicht gelang – Pech gehabt! Dann fand der Wettbewerb eben nicht statt! Langsam drehte ich mich zu Natterzahn herum und rief: „He, du fellbezogener Knallfrosch. Du kennst doch sicherlich den Unterschied zwischen guten und bösen Gedanken?“ „Ich kenne … was?“, fragte Natterzahn verständnislos zurück, ohne die düstere Höhle aus den Augen zu lassen. „Den Unterschied zwischen guten und bösen Gedanken, du Dummtroll! Also pass auf, ich erkläre es dir: Verbanne alles, an was du sonst so denkst, aus deinem Kopf. Das dürfte dir eigentlich nicht allzu schwer fallen, weil denken eh nicht eine deiner großen Stärken ist! So, und wenn dein Kopf frei ist, dann denke einfach an etwas Gutes.“ Die Fratze des Trolls wurde immer länger. Fragend sah er mich an: „Ich verstehe gar nichts! Was willst du von mir?“ „Mannomann, wenn Dummheit wehtun würde, würdest du dich vor Schmerzen winden wie ein Tauwurm im Schwefelpulver meiner Mutter! Also noch einmal: Denke an nichts, was mit dem zusammenhängt, was du sonst so gern tust. Wie zum Beispiel Eichhörnchen mit einem Stein bewerfen oder so. Bekommst du das hin?“ „Ich weiß aber nichts anderes, was gut sein sollte!“ Ratlos starrte Natterzahn mich an. „Und vor allem – warum soll ich das tun?“ Zur Hölle, war der Troll doof! Ich unterdrückte ein weiteres Stöhnen und überlegte: Etwas Einfaches musste es sein. Etwas sehr Einfaches. Etwas, was sich selbst ein Troll bildhaft vorstellen konnte. Vielleicht mein eigener Lieblingstraum? Könnte gehen, das sollte sogar der Troll hinbekommen. Es musste ja nicht ganz so reich bebildert sein wie in meinem Traum. „Weil du hier sonst nicht rein kommst“, antwortete ich lakonisch. „Pass auf, ich zähle dir jetzt ein paar einfache Dinge auf. Du hast nichts anderes zu tun, als sie dir möglichst bildhaft vorzustellen. Gelingt es dir, kommst du mit in die Höhle. Versagst du, bleibst du draußen. Klar?“ „Klar!“, antwortete Natterzahn und zitterte noch mehr. „Als Erstes stell dir die Sonne vor. Geht das?“ „Ja, das ist ja nun wirklich nicht schwer! Also die Sonne. Und das soll etwas Gutes sein?“ „Klappe halten! Zuhören! Vorstellen! Die Sonne hast du also? Gut! Als Nächstes einen blauen Himmel mit kleinen lustigen weißen Wölkchen. Und zum Abschluss noch eine grüne Wiese. Hast du das alles?“ „Ja?!“ „Gut, dann halte das Bild fest in deinem kleinen Hirnkasten und folge mir!“ Nun war ich dran. Sollte der Troll sehen, wie er weiterkam. Schnell verscheuchte ich ihn und alle anderen bedrückenden Gedanken aus meinem Kopf und konzentrierte mich auf meinen Lieblingstraum. Die Schnellversion, denn ohne wirklich zu träumen, und in dieser Umgebung sowieso, war das irgendwie komisch. Aber was sollte es! Eine strahlende Sonne. Fertig. Weiße Wölkchen an den blauen Himmel gedacht. Fertig. Duftende Blumenwiese mit Schmetterlingen … als die Bilder stark genug waren, geschah das, was ich erwartet hatte: Der Widerstand der fremden Magie verebbte. Vorsichtig machte ich den ersten Schritt tiefer in die Höhle. Nichts geschah. Außer, dass es noch dunkler wurde. Trotzdem die Strahlen der Vormittagssonne direkt in die Höhle fielen, war die Finsternis so ausnahmslos, dass ich nicht einmal die Wände der Höhle sehen konnte. Die Magie der Höhle verwehrte es selbst dem Licht, auch nur einen einzigen Zentimeter der geheimnisvollen und für Uneingeweihte abschreckenden Schwärze aufzuhellen. Fünfzehn Schritte hatte ich gezählt. Tastende Schritte, denn der Boden der Höhle war genauso unsichtbar im Dunkel verborgen wie die Wände. Es war, als würde ich in einem schwarzen Nichts schweben. Nur der unebene Felsboden unter meinen Füßen gab mir das Gefühl, dass ich noch immer auf festem Grund lief. Zwanzig Schritte. Der Druck der Ungewissheit, der beim Betreten der Höhle auf meiner Brust gelastet hatte, war gänzlich verschwunden. Sonne, Himmel, Blumenwiese … hinter mir hörte ich Natterzahn schwer atmen. Dem Troll fiel es offensichtlich schwer, sich auf die schönen Bilder zu konzentrieren. Wahrscheinlich schnürte die Höhlenmagie ihm langsam die Luft ab. Nicht, dass er jetzt abklappte. Ich begann, mir Sorgen zu machen. Irgendetwas musste ich tun, damit Natterzahn wieder an die richtigen Bilder dachte … doch andererseits, musste ich das wirklich? Ich war ja schließlich nicht das Kindermädchen dieses dusseligen Trolls. Eine Eingebung sagte mir, dass ich an der richtigen Stelle angekommen war. Natterzahn, der nicht bemerkt hatte, dass ich stehen geblieben war, stieß mir in den Rücken. Ich wusste es bereits, bevor es geschah. Seine Entschuldigung ignorierte ich und versuchte, mich umzusehen. Doch die Finsternis blieb undurchdringlich. Selbst der Eingang war von hier aus nicht mehr zu sehen, obwohl ich nur geradeaus gegangen war. Ich konnte mich jedenfalls an keine Wegbiegung erinnern … „Sind wir hier richtig?“, durchbrach Natterzahns zitternde Stimme die watteartige Stille der Höhle. „Ich denke schon. Was denkst du?“ „Ich denke an die Sonne, den Himmel und an viele bunte Blumen auf einer grünen Wiese!“ Bunte Blumen? Eine Wiese hatte ich ihm vorhin aufgezählt, da war ich mir sicher. Die Blumen hatte Natterzahn selbst hinzugedichtet. Beachtlich, diese kreative Leistung. Ich verkniff es mir aber, den Troll damit aufzuziehen und damit zu verunsichern, denn wenn er auch nur einen Fehler bei der Formel für den Zauber der Höhle machte, konnte zu viel schief gehen. Gut, wir beide benutzten die Höhle nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal allein! „Und, alles klar, Natterzahn? Bist du bereit? Den Spruch kennst du?“ „Ja …“, tief atmend machte der Troll eine Pause, „… es kann losgehen. Ich bin bereit!“ „Na dann, los!“ Ich sah Natterzahn genauso wenig, wie dieser mich. Aber dessen Angst fühlte und schmeckte ich. Hoffentlich ging das nicht schief! Wegen der Sorgen um den Troll schaffte ich es nur schleppend, die unbedingt notwendige Konzentration herzustellen. Doch immerhin, es gelang. Ich verdrängte alles um mich herum und richtete meine Sinne voll und ganz auf die Höhle, deren geheimnisvolle Wunder ich nicht durchschaute. Nach und nach tauchte ich in ihre Magie ein. Ich fühlte, wie sie mich annahm, wie ich langsam eins mit ihr wurde. Die zwei Teile der Formel mussten ruhig und ohne Hektik vorgetragen werden, erst dann öffnete sich der Zaubertunnel. So wollten es die unbekannten Schöpfer der Höhle. Leise flüsterte ich den ersten Vers: Zauberhafte Höhle, ich rufe dich! Verzeih, dass ich deine Ruhe störe, sei mir gewogen und erwache für mich! Den Text hätte ich im Schlaf aufsagen können, so lange hatte ich ihn auswendig gelernt. Bis jetzt lief alles reibungslos. Die Höhle erwachte. Zögernd begann ein mattes Leuchten über die Wände zu kriechen, die Höhle nahm mich an. Blaues Licht begann zu pulsieren, lief kaum merklich an Helligkeit zunehmend über die Wände und erweckte den Anschein, dass die Höhle ein lebendiges Wesen war. Nach dem nächsten Vers würden mir die Sinne schwinden, mein Körper würde sich auflösen, es würde kein Zurück mehr geben … Plötzlich sah ich Natterzahns vor Aufregung schwitzendes Gesicht. Verdammt, ich war nicht allein! Zweifel packten mich, denn wir steckten gemeinsam im gleichen Zauber! Wäre es nicht doch besser gewesen, den Troll zurück zu lassen? Ich hatte verflucht noch einmal keine Lust, wegen eines dusseligen Trolls für immer in der Leere der gewaltigen, magischen Unendlichkeit zu verschwinden! „Reiß dich zusammen, du nichtsnutziger Troll!“, fauchte ich leise zu Natterzahn hinüber. „Ich warne dich, selbst wenn wir im Nichts landen, ich komme noch einmal zurück und drehe dir den Hals um!“ Die Mahnung war angekommen. Natterzahn beantwortete sie zwar nicht, schwitzte aber umso mehr und begann wieder vor Angst und Aufregung zu zittern. Wenn das mal gut ging! Vielleicht hätte ich lieber nichts sagen sollen? Ich schloss die Augen und begann den zweiten Vers aufzusagen. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Den Tunnel des blauen Lichts entschleiere bitte, bereite mir den Weg zu meinem Ziel, nie begangene Pfade, führe mich nach deiner Sitte! In der Höhle wurde es so gleißend hell, dass selbst die geschlossenen Lider das Licht nicht mehr zurückhielten. Oder hatten die sich bereits aufgelöst? Irgendwie schien es, als würden überall kalte blaue Flammen lodern! Eine warme Welle erfasste mich plötzlich und spülte mich rasend schnell davon. Wie ein Stück Treibholz in der Gischt des Meeres, ohne Halt. Natterzahn war verschwunden, nicht mehr zu sehen. Ich war allein. Das blaue Licht begleitete mich auf meinem Weg, der direkt durch Felsen hindurch zu führen schien. Flüchtig erblickte ich schwere Goldschichten, dunklen Granit und blitzende Diamanten. Dann wieder Kalk und Sand. Kurz darauf spülte es mich durch das Gewirr riesiger Wurzeln, welche das Erdreich durchflochten. Die Magie der Höhle führte mich durch feste Erdschichten, Flüsse und Meere und sogar durch Felsgestein. Das hier war weder Höhle noch Gang. Wie sonst wäre es auch möglich, dass sich der Ausgang der Höhle jedes Mal an einem anderen Ort befand? Egal an welchem Platz der Welt das Ziel auch liegen mochte, der Zauber der Höhle, der Zaubertunnel brachte den Reisenden in diese andere Welt. Die Zeit flog dahin, war ich erst Minuten unterwegs oder gar Stunden? Vielleicht waren es auch nur Sekunden – ich wusste es nicht! * * * Durch den flimmernd blauen Schimmer des sich öffnenden Zaubertunnels sah ich Bäume. Viele Bäume. War das etwa ein Wald? Hatte der Alte nicht etwas von einer kleinen Stadt erzählt? Seltsam, aber falsch gelandet konnte ich hier nicht sein, denn das Ziel hatte Vater höchstpersönlich in die Höhlenmagie gehext, und der machte keine Fehler! Ein tiefes, befreites Schnaufen erinnerte mich daran, dass ich nicht allein war. Natterzahn! Der Troll hatte es also auch geschafft. Hätte diese fellbezogene, stinkende Plage nicht irgendwo unter der Erde an einer der Wurzeln hängen bleiben können? Genug davon waren immerhin da gewesen. Ohne ihn anzusehen, ließ ich meinem Spott freien Lauf: „Na, hast du dich auch hergefunden? Das hast du ja echt gut gemacht! Du bist ja ein ganz braver Troll!“ „Ja wirklich … ich …“, stotterte Natterzahn vor Aufregung, offenbar auf der Suche nach einer ernsthaften Antwort. Da ich nicht dazu aufgelegt war, unterbrach ich ihn schroff: „Klappe halten! Mitkommen!“ Er gehorchte erfreulicherweise. Wir mussten so schnell wie möglich aus dem Tunnel, bevor ihn doch noch jemand entdeckte. Hell genug leuchtete er ja. Schnell huschte ich, dicht gefolgt von Natterzahn, ins Freie und duckte mich sofort hinter einen großen Busch, um aus dem blauen Lichtschein zu kommen. Ohne dass ich etwas sagen musste, tat der Troll es mir gleich. Die Vorsicht war unnötig. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Die Normalsterblichen schliefen noch, wie geplant. Nur in der Ferne heulte ein Hund den untergehenden Mond an. Ein Zweiter fiel zuweilen ein. Vertraute Klänge. Es hörte sich fast an wie die großen Grauwölfe im Tal, wenn sie in den Vollmondnächten heulten. Alles war so, wie der Alte es vorhergesagt hatte. Bis hierher, denn hier endeten die Anweisungen. Von jetzt an sollte ich selbst entscheiden. Während sich hinter uns der Tunnel schloss, sah ich mich erst einmal um. Das hier war offensichtlich ein Stadtpark. Kein Wald, wie ich zuerst wegen der vielen Bäume angenommen hatte. Jedenfalls war der Endpunkt der Reise von Vater ideal gewählt – wie auch immer er das gedreht hatte, dass der Zaubertunnel mich und den Troll genau hier absetzte. Seit ich das letzte Mal vor gut 150 Jahren hier war, hatte sich einiges geändert. Auf den Straßen um den Park herum standen Autos. Pferde, Fuhrwerke und Kutschen gab es nicht mehr. Auch die flackernden Gaslaternen waren verschwunden. Überall gab es elektrisches Licht. Die Menschen hatten sich weiter entwickelt. Es war ja nicht so, dass ich das alles nicht kannte. Natürlich hatte ich zuweilen die gähnend langweiligen Hausaufgaben, die Vater mir aufgab, erledigt und dummes Zeug über die Menschen gelernt. Zuweilen, nicht immer. Eigentlich nur, wenn es sich nicht umgehen ließ. Aber irgendwie war es trotzdem eigenartig, alles so verändert zu sehen. Es kam mir vor, als wäre das alles über Nacht geschehen. Gerade, als sich die letzten bläulich schimmernden Rauchfetzen des Tunnels im Gras auflösten, spürte ich sie. Starke böse Gedanken. Kaum zu verfehlen. Sie bohrten sich förmlich in meinen Kopf. Mein Mensch. Mein Geburtstagsgeschenk. Ein Mädchen, ich sah es förmlich vor mir. Da drüben, auf der anderen Seite des Parks. Ich musste nur die Straße überqueren und in diese weiße Riesenvilla gehen. Ein Kinderspiel. Auch Natterzahn musste sie aufgestöbert haben. Ich sah, wie er immer nervöser wurde. Voller Tatendrang schnüffelte er prüfend, einem Hund nicht unähnlich, mit hocherhobener Nase in der Luft. Seine spitzen Ohren waren aufgerichtet, zuckten und erlauschten sicherlich das leiseste Geräusch in weiter Umgebung. „Lecker!“, flüsterte er schließlich. „Böser Mensch voraus, ich wittere ihn. Von da drüben. Da in der Villa.“ „Ist ja nicht wahr …“, stieg ich auf seine Hochstimmung ein, „… wirklich? Dort in der Villa?“ Natterzahn starrte mich irritiert an. Schließlich fragte er kleinlaut: „Du hattest ihn auch schon aufgespürt, oder?“ „Nicht ihn, du Knallkopf …“, korrigierte ich, „… es ist eine sie. Ansonsten war das schon ganz gut. Für einen Troll. Wenn du nicht so erbärmlich stinken würdest, könnte man dich direkt als Jagdhund gebrauchen.“ Natterzahns „Ich stinke gar nicht!“ missachtend stand ich auf und befahl: „Los geht es, folge mir! Sehen wir uns das Menschenkind doch mal aus der Nähe an.“ Ich hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, da flitzte der Troll auch schon los. Er ließ mich einfach stehen. Für einen kurzen Moment war ich verblüfft und fragte mich sogar, ob es sein konnte, dass er mich nicht aus Versehen stehen gelassen hatte. Es konnte nicht sein! Das war Absicht. Er wollte der Schnellere sein. Weil es ja ein kleiner Wettkampf zwischen uns war. Und weil er gewinnen wollte … Was bildete sich dieses kleine, übelriechende Fusseltier überhaupt ein? Hatte die Reise durch den Zaubertunnel etwa dem kleinen Trollhirn geschadet? Rechnete sich dieser Trottel wirklich Gewinnaussichten aus? Na der sollte sich wundern! Vor Vergnügen rieb ich mir die Hände. Meine Phantasie gaukelte mir sofort die herrlichsten Visionen vor, was ich mit dem Troll anstellen könnte. Eine davon begeisterte mich sofort – Wasser und Seife! Waschen, das hassten Trolle am meisten. Klar, darum rochen sie ja auch so gemein. Oh war ich gut! Gedacht, getan. Geschwind zauberte ich einen Holzzuber. Dem dampfend heißen Wasser verpasste ich einen gehörigen Schuss Duftschaumbad. Jetzt fehlten nur noch die großen, langstieligen Badebürsten und schon war der Spaß so gut wie fertig. Der Troll war noch in Sichtweite, kurz vor einer dichtgewachsenen Buschgruppe. Perfekt! Ich stellte den Zuber so hinter die Büsche, dass Natterzahn ihn noch nicht sehen konnte. Die drei Badebürsten wies ich an, sich in einem Hinterhalt, lauernd wie die Buschräuber, bereit zu halten. Den Wurzeln einer Birke, die aus der Erde herausgewachsen waren, hieß ich, das Spiel zu beginnen. Gehorsam fingen sie die Beine des Trolls und umschlangen sie. So gefesselt war er ein leichtes Opfer für die Badebürsten. Wie Furien stürzten sie sich auf den Troll. Auch als die Wurzeln seine Beine wieder freigaben, gab es kein Entkommen. Schubsend und stoßend dirigierten ihn die borstigen Diener der Sauberkeit zum Zuber, stießen ihn kopfüber hinein und begannen ausgiebig, ihn zu schrubben. Ein Bild für die Götter! Lachend ging ich los. In aller Ruhe. In sicherem Abstand zum Zuber blieb ich stehen und beobachtete den laut protestierenden, badenden Troll. Als es Natterzahn kurz gelang, sich den Schaum aus den Augen zu wischen, sah er mich. Sofort geiferte er wütend: „Du mogelst! Du fieser Teufel, du mogelst! Und dann auch noch so gemein! Pfui! Das ist unfair! Das darfst du nicht …!“ Ich konnte mich nicht mehr halten vor Lachen. Es sah aber auch zu lustig aus, wie der wütende Troll im Zuber saß und mich anschrie. Schließlich fasste ich mich aber doch und fragte scheinheilig: „Och, habe ich ganz gemein gemogelt? Ich böser, böser Teufel aber auch!“ „Ja! Das darfst du nicht“, fauchte Natterzahn zurück. „Ach, das darf ich nicht? Aber … wer will mir das verbieten? Du etwa?“ Nach einer kleinen, wirkungsvollen Pause wandelte ich den falschen, zuckersüßen Klang meiner Stimme und ließ sie nun klirren wie Eis: „Sag, hörst du dir auch hin und wieder selbst zu? Pass bloß auf, dass ich dir nicht zeige, wie ich noch mogeln kann, du Witzfigur! Aber gut, ich bin ja nicht so. Ich erkläre dir noch einmal ganz langsam, was es bedeutet, wenn ich sage folge mir. Und zwar heißt dies, der Troll – das bist du hässliche Pappnase – folgt dem Teufel. Und der bin immer noch ich, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest. Verstanden? Folgen, das heißt hinterher gehen! Hinterher! Klar!?“ „Klar! Hinterher, ich habe verstanden!“, erklärte Natterzahn verlegen und senkte den Kopf. „Na geht doch. Ich bin echt stolz auf dich!“ „Lässt du mich jetzt hier wieder raus? Bitte, Luzifer …“ Wie schön er „Bitte“ sagen konnte! Die Qual musste riesig sein für ihn. Wahrscheinlich war es sein erstes Bad überhaupt. Ich beschloss, dass er es noch eine Weile genießen sollte. Erstens war es lustig und zweitens war dies nun schon die dritte Lektion innerhalb einer sehr kurzen Zeit. Erschreckend, wie schnell er vergaß. Aber war das der rechte Weg, ein richtiger Teufel zu werden, wenn ich es nicht einmal schaffte, einem Troll Gehorsam beizubringen? Ich musste wohl noch ein bisschen üben. Da Natterzahn mich noch immer flehentlich ansah, antwortete ich: „Du kommst dort erst wieder raus, wenn du richtig sauber bist. Das ist nachher nur von Vorteil für dich, was den Unsichtbarkeitszauber angeht. Denn dieser nützt dir wenig bei deinem Gestank nach Jauchegrube. Die Bürsten lassen dich in ein paar Minuten gehen. Bis dahin widersetze dich ihnen lieber nicht, sie sind aus gutem Holz. Also, genieß‘ dein Bad.“ In aller Ruhe ging ich weiter zur Villa und sah mich um. Eine Villengegend. Jedes Anwesen war noch schöner, noch prachtvoller und sicherlich auch noch teurer als das nächste. Und das, zu welchem es mich zog, war eindeutig das größte und prunkvollste. Eher schon ein kleines Schloss. Am Tor hing eine in der aufgehenden Morgensonne glänzende Messingtafel. Darauf prangte in fetten, eingravierten Buchstaben: Rechtsanwalt Prof. Dr. Satan. Professor Doktor Satan? Na das war ja ein sehr, sehr seltsamer Zufall! Bevor ich jedoch tiefere Überlegungen über den Namen anstellen konnte, kam der Troll angehetzt. Sichtlich außer Atem starrte er mich mit großen Augen an. „Na …“, fragte ich ihn, „… bist du jetzt sauber?“ „Ja … Herr!“, antwortete er kleinlaut. „Fein! Es geht doch! Lass es dir eine Lehre sein, die du nicht so schnell wieder vergisst!“ „Ja … Herr!“ Den guten Duft des Trolls in der Nase wandte ich mich wieder dem Anwesen zu. Das Tor war geschlossen. Selbstverständlich war es nicht anders zu erwarten gewesen. Um das Anwesen herum zog sich ein schmiedeeiserner Zaun, dessen kunstvoll gearbeitete Muster oben in spitze und scharf geformte Enden ausliefen, die wie Speerspitzen in die Luft ragten. Nicht gerade einladend. Eines stand jedenfalls fest, diesen Zaun hatte keine Menschenhand errichtet! Ich fühlte die Schwingungen verborgener magischer Kräfte, ohne dass ich dafür die garstigen Fratzen in den eisernen Darstellungen betrachten musste – das war ein Werk des Teufels! Warum aber hatte mich Vater ausgerechnet hierher geschickt? Ich beschloss, sehr vorsichtig zu sein. Irgendetwas war oberfaul! Dem Troll war, wie es schien, noch nichts aufgefallen. Nach einem Seitenblick auf ihn korrigierte ich mich – das ‚noch’ konnte ich wohl streichen. Natterzahn würde hier ganz sicher nichts auffallen. Wie sollte dieser Dummtroll auch etwas merken – dazu bedurfte es feiner magischer Instinkte, und die fand man bei ihm hundertprozentig nicht. Immerhin, er wartete brav und gehorsam - und vor allem ohne zu nerven - auf das Ende meiner Betrachtungen. Er war nicht vorneweg gestürmt. Was Erziehung doch alles ausmachte! Vorsichtig berührte ich die Gitterstäbe. Nichts passierte. Das Metall fühlte sich ganz normal an. Die verborgene Magie wirkte nicht, sie war offenbar nicht gegen mich gerichtet. Es stand also nichts der Sache im Weg, hier hinein zu gehen. „Troll …“, entschied ich bestimmt, „… los geht’s! Mach dich unsichtbar und folge mir!“ In aller Ruhe stieg ich über das Gitter. Den Unsichtbarkeitszauber wirkte ich nebenbei. Auf der anderen Seite des Gitters sah ich mich noch einmal nach dem Troll um. Er sah wirklich urkomisch aus, wie er so bemüht langsam kletterte. Belustigt ging ich zu dem geschwungenen Weg und folgte ihm zur Villa. Die gepflasterte Zufahrt führte durch einen gepflegten Park mit riesigen, alten Bäumen. Die morgendliche Stille des eben erwachenden Tages wurde durchbrochen durch vielfältiges Vogelgezwitscher und durch das rhythmische Schnipp-Schnapp einer Handgartenschere. Den Gärtner, welcher mit der Schere hantierte, sah ich erst eine Wegbiegung weiter. Es war ein Mensch. Natürlich ein Mensch! Andererseits, irgendwie hatte ich hier doch beinahe jemand anderen vermutet. Der alte Mann stutzte mit einer einfachen Heckenschere die Sträucher am Wegesrand. Und das in dieser Hitze! Denn obwohl die Sonne gerade eben erst aufgegangen war, war es schon sehr warm. Oder besser gesagt warm geblieben. Die Hitze hielt sich seit einigen Tagen hartnäckig in der Stadt. Ich schmeckte es an der abgestandenen Luft. Selbst in den Nächten hatte es sich kaum abgekühlt. „Der schwitzt ja wie ein Schwein“, hörte ich den Troll lästern. Klar tat er das, ging es mir durch den Kopf. Der alte Mann arbeitete schließlich, und zwar trotz der Wärme. Irgendwie passte dieser Mensch damit nicht in das Bild, welches ich mir von den Normalsterblichen gemacht und wie es Vater gemalt hatte: Was sich im Moment meinen Augen bot, hatte nichts mit Raffgier, Selbstsucht, Hochmut oder gar Faulheit zu tun. Irgendwie erinnerte mich der Fleiß des Alten eher an die Zwerge und Gnome im Tal Nirgendwo. Warum zur Hölle mühte sich dieser Mensch so ab? „Und wie das stinkt!“, lästerte Natterzahn weiter und rümpfte die Nase. Urplötzlich störte mich der Spott des Trolls. Um nicht wieder die Mitleidsarie des Trolls heraufzubeschwören, verbarg ich meinen Groll. Aber Natterzahn selbst beleidigen, war ja wohl erlaubt. So abfällig wie möglich bemerkte ich deshalb: „Lästerst du Saftnase jetzt, weil du einmal in deinem Leben gebadet hast? Stinken ist für dich als Troll doch sonst ein vollkommen normaler Zustand, oder?“ Das hatte ihn getroffen! Natterzahn klappte sprachlos der Unterkiefer herunter und ich konnte förmlich sehen, wie er in seinem kleinen Hirn nach einer passenden Antwort suchte. Bevor diese zustande kam, setzte ich noch einen drauf: „Mach das Maul zu, du verwirrst die Fliegen vom Komposthaufen da drüben! Ich hätte dich nicht nur baden sollen, Zähneputzen hätte auch Not getan. Und jetzt noch ein kleiner Rat, falls du das mit deiner schwächlichen Trollmagie noch nicht festgestellt haben solltest: Der alte Mann da ist nicht unser Ziel.“ „Das wusste ich auch. Man wird ja wohl noch …“, begann Natterzahn sich zu verteidigen, doch ich unterbrach ihn sofort: „Man wird nicht! Halt einfach die Klappe und komm mit!“ Genau vor mir erhob sich die Villa. Sie war wahrhaft riesig. Die morgendliche Sonne ließ die riesigen weißen Säulen des Portals hell erstrahlen. An eine der Säulen gelehnt stand eine ältere Frau und sah dem Gärtner bei der Arbeit zu. Irgendwie musste ich den Troll für eine Weile loswerden. Und zwar so, dass dieser keinen Blödsinn anstellen konnte. Der Moment war mehr als günstig dafür. Ich setzte mich auf eine der steinernen Bänke vor dem Portal der Villa, grinste ihn an und sagte: „So, Troll, bis hierher habe ich dich gebracht! Jetzt kannst du zeigen, was du kannst. Sieh zu, dass du etwas über unsere Beute herausfindest. Wir treffen uns hier wieder. Aber spute dich, ich warte nicht ewig auf dich.“ Natterzahn, der sich gerade neben mich hatte setzen wollen, stutzte: „Ich dachte, dass du es mir zeigst?“ „So, dachtest du das, du kleiner Faulpelz von einem Troll?“, spottete ich. „Tja, das tut mir ja ehrlich leid, dass dir, vom niederen magischen Volk, die feine Magie der Sinneswanderung verschlossen ist. Aber vergiss nicht, dies ist ein Wettbewerb. Zwischen dir und mir! Vielleicht hast du ja wirklich Recht damit, dass ich zu weich bin, denn bis jetzt nahm ich Rücksicht auf dich. Sieh mal, ich hätte dich zum Beispiel nicht mit in die Höhle nehmen müssen. Hätte ich wirklich nicht – habe ich aber! Bis hierher habe ich dich gebracht – wegen der Chancengleichheit, verstehst du? Aber – das hier ist kein Trollkindergarten! Jetzt musst du zur Abwechslung auch selbst mal was tun. Also los, hopphopp, hör‘ auf zu trödeln und mach dich an dein Werk!“ Gehorsam, allerdings das Gesicht säuerlich verziehend und mit den Augen rollend, verschwand Natterzahn. Unsichtbar für die Augen der Menschen. Ich wartete kurz, bis der Troll verschwunden war. Dann ließ ich achtsam, immer den mit Spuren von Teufelsmagie behafteten Zaun im Hinterkopf, meine Sinne spazieren gehen. Erst folgte ich dem Troll, um zu sehen, ob ich auch wirklich Ruhe vor ihm haben würde. Als dieser durch die Vorhalle direkt auf die Treppe zusteuerte, verließ ich das Haus wieder und flog zu dem noch immer arbeitenden Gärtner. Einfache Gedanken konnte ich lesen. Die Büsche wollte der Mann noch fertig schneiden, ehe er sich in der kühlen Küche der Villa ausruhen und zusammen mit Emilia, der Haushälterin, frühstücken würde. Darauf freute sich dieser Mensch. Doch deswegen arbeitete er nicht schneller. Korrekt und sauber führte er Schnitt für Schnitt aus. Nichts auf der Welt würde ihn dazu bewegen, seine Arbeit unsauber und fehlerhaft auszuführen, nur um schneller fertig zu werden. Nein, dieser Mensch war wirklich nicht mein Ziel, er bot keine Ansatzpunkte für das Böse. Etwas verwirrt verließ ich die Gedankenwelt des Gärtners. Es war wohl tatsächlich so, wie ich bereits vermutet hatte: Die Normalsterblichen waren nicht alle von dem Schlag, wie Vater es beschrieben hatte. Kurz nur besuchte ich auf dem Weg ins Haus die Haushälterin Emilia, die noch immer an die Säule gelehnt stand und Wilhelm, so hieß der Gärtner, bei der Arbeit zusah. Auch ihre Gedanken waren einfach und bescheiden. Viel zu gut, um mir irgendwo einen Ansatz zu bieten. Einfach rührend war es, wie sie sich um Wilhelm sorgte. Sie überlegte, ob sie ihm das bereits fertige Frühstück bringen sollte, wusste aber, dass er es erst nach getaner Arbeit annehmen würde. Und das sollte er doch lieber im etwas kühleren Haus tun. Also wartete sie geduldig und ruhte sich dabei etwas aus. Auch sie hatte an diesem Morgen schon einiges erledigt. Vorsichtig verließ ich die einfache Gedankenwelt Emilias. Es war an der Zeit nachzusehen, wie das Mädchen aussah, das Vater mir als Beute zugedacht hatte. Den ersten Hauch ihrer Bosheit hatte ich ja bereits im Park drüben gespürt. Lange brauchte ich auch nicht zu suchen, denn in der Villa war außer ihr niemand. Schnell schwebte ich die Marmortreppe hinauf, einen Flur nach links, wieder links und dann durch eine geschlossene, zweiflügelige Tür in ein riesiges Zimmer. Das Mädchen hatte es wirklich in sich. Selbst jetzt, wo sie noch schlief, strahlte sie eine Aura aus, die mir das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Sie erfüllte ganz und gar das Bild, welches ich von den Menschen gehabt hatte. Ich sah mich um. Neben dem Mädchen stand Natterzahn. Offensichtlich gerade bemüht, in ihrer Gedankenwelt zu lesen. Der Troll wirkte dabei sehr geistesabwesend und angreifbar. Jetzt wäre es selbst für einen Zwerg ein leichtes Spiel, den Troll zu vernichten. Bloß, dass ein ehrenwerter Zwerg so etwas nie ausgenutzt hätte. Plötzlich ertönte laute Musik. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was los war. Böse sah ich zu Natterzahn. Doch der war ebenso erschrocken zusammengefahren. Und bewegt hatte er sich auch nicht. Den Troll traf wohl keine Schuld … Vorsichtig beobachtete ich weiter und stellte fest, dass das mit der Musik normal zu sein schien. Klar, sonst wäre das Mädchen längst angsterfüllt aufgesprungen. Tat sie aber nicht. Sie wurde zwar munter, blieb aber liegen. Dunkel konnte ich mich an den Begriff Musikwecker in einer der Lektionen von Vater erinnern. Also gut, alles war fein so. Dann konnte ich ja jetzt beruhigt in ihre Gedankenwelt eindringen … Das vergas ich aber sofort wieder, als ich ihre Augen sah. Was ging hier vor sich? Grüne Augen. Normalerweise nichts Besonderes, aber ihre sahen nicht nur beinahe so aus wie die meinen, sondern ganz genauso. Als ob ich in den Spiegel sehen würde. Dasselbe Grün. Eindeutig Beelzebub-Augen. Bei einem Menschenmädchen! War das ein Zufall? Nachdem ich meinen ersten Schock überwunden hatte, tastete ich mich in ihre Gedanken. Das Erste, was ich in ihr fühlte, war Hass. Sie hasste diese CD mit Oldie-Musik, welche sie von ihrem Vater einmal mit den Worten‚ das sei noch gute Musik gewesen, geschenkt bekommen hatte. Sie fragte sich, was verdammt daran so gut sein sollte? Etwa der allmorgendliche Kampf ums Aufstehen? Wenn ihr das Gejaule des Musikweckers bis zur Schmerzgrenze auf die Ketten ging? Für sie grenzte es an ein Wunder, dass sie noch keine Gehörgangallergie bekommen hatte. Na immerhin halfen ihr die ollen Kamellen überhaupt irgendwie auf die Beine zu kommen. Wenn auch nur, um der Qual zu entkommen … Was für ein Früchtchen. Irgendwie konnte ich sie schon jetzt nicht leiden. Ich liebte diese Musik. In Mutters Küche lief sie regelmäßig. Kopfschüttelnd bohrte ich weiter in ihren Gedanken und fand schnell das nächste Hassobjekt. Die Schule. ‚Jeden Tag der gleiche, nutzlose und langweilige Blödsinn‘, hörte ich sie denken. Gut zu wissen, dachte ich mir. Dann sah ich, wie sie einen Blick auf die Uhr warf. Der löste in ihr den Gedanken aus, dass sie bereits vor fünf Minuten hätte aufstehen müssen, um ihren knapp bemessenen Zeitplan am Morgen zu schaffen. Doch noch war es angenehmer im Bett zu liegen, als vor der Musik aus grauen Vorzeiten zu flüchten. Langsam wurde mir langweilig. Das Mädchen war zwar voll angestauten Hasses, der aber so unbedeutender Natur war, dass selbst der Geschmack davon schon wieder fade wurde. Während sie weiter über ihren Fahrer nachdachte, einen Bernd Müller, den sie aufgrund einer hochnäsigen Idee einfach Johann nannte, beschloss ich tiefer zu bohren. Und da war auch schon, der Ansatzpunkt! Tief gehegter Groll! Gegen ihren Vater. Der hatte ihr verboten, in den Ferien mit ihrem Freund Markus nach Südfrankreich zu fahren. Es interessierte ihn nicht, dass Markus einen neuen Sportwagen von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Verdammt, der Sportwagen und die Tour selbst waren ihr dabei zwar ebenfalls unwichtig, aber in Südfrankreich liefen Partys bis zum Abwinken. Sie musste dahin. Irgendeinen Dreh musste sie finden … Interessant! Ein Wunsch! Und warum hatte der böse Vater es verboten? Schnell kramte ich weiter. Ah, das war es: Er hatte es verboten, weil sie erstens zu jung sei für solche Touren und zweitens ziemlich schlechte Noten aus der Schule mitbrachte. Na also, das reichte mir. Noch tiefer wollte ich gar nicht in die Gedankenwelt dieses Mädchens eindringen. Nur ihren Namen musste ich noch herausbekommen. Doch den würde ich nicht in ihren Gedanken finden. Klar, wer dachte schon daran wie er hieß. Dafür würde es reichen, sie noch eine Weile einfach nur zu beobachten. Irgendjemand würde sie schon rufen … Ich hatte mich gerade aus dem Kopf des Mädchens zurückgezogen, da hörte ich eine Fahrradklingel von draußen. Eine freundliche Mädchenstimme rief: „Tschüüüüühüüüss, bis heute Nachmittag! Ihr braucht nicht mit dem Kaffee auf mich zu warten. Ich bin heute nach der Schule bei Simone.“ Ich sah es sofort an ihrer Grimasse, da war bereits das nächste Hassobjekt meiner auserkorenen Beute. Warum sie das Mädchen mit dem Fahrrad hasste, wollte ich erst gar nicht näher wissen. Ich hoffte nur darauf, dass hier langsam etwas passierte. Es war zwanzig nach sieben, wann stand sie endlich auf? Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da hatten die Beatles offenbar endgültig gewonnen. Missmutig warf das Mädchen die Decke zur Seite und ging ins angrenzende Bad. Im Vorbeigehen hieb sie wütend mit der Faust auf den kleinen Schalter der Musikanlage, die daraufhin schlagartig verstummte. Während sie offenbar unter der Dusche stand, wartete ich in ihrem Zimmer. Nicht so Natterzahn. Die dusselige Pappnase musste natürlich mit ins Bad um zu gaffen. Na ja, was wollte man von einem Troll auch erwarten! Ich sah derweil wartend aus dem Fenster. Wilhelm, der Gärtner, ging gerade wieder in den Garten. Hatte er sich endlich Zeit genommen und eine Pause gemacht? Noch während ich Wilhelm hinterher sah, schlug hinter mir die Tür. So schnell? Erstaunt folgte ich dem Mädchen, welches mit noch nassem Haar die Treppe nach unten rannte. Von unten hörte ich ein freundliches: „Guten Morgen, Lucy!“ Der Gruß kam eindeutig von Emilia, der Haushälterin. Sie stand in der Empfangshalle. Lucy hieß das Früchtchen also. Lucy … Lucy Satan? War das wirklich ein normaler Menschenname? Nachdenklich beobachtete ich, wie Lucy grußlos an der andeutungsweise mit dem Kopf schüttelnden Haushälterin vorbei lief. Für das Frühstück hatte sie nur einen kurzen Blick übrig, dann fegte sie mit einem angewiderten „Ooeechh …!“ Milch, Cornflakes, Marmeladentoast und Rührei schwungvoll vom Tisch. Als sie sich danach an der Kaffeemaschine bediente, zog ich mich aus dem Haus zurück. Ich hatte genug gesehen. * * * „Sie ist so herrlich böse, dass sie glatt meine Schwester sein könnte! Sie ist eine leichte Beute“, hörte ich den Troll gerade noch sagen, als ich draußen ankam. Gut, dass ich mir den Rest der Frühstücksvorstellung von Lucy erspart hatte. Schnell ließ ich meine Seele wieder in meinen Körper fließen. Verdammt, da hatte ich mich doch vorhin über den Troll lustig gemacht und jetzt hätte ich selbst leicht ein Trollopfer werden können. Mich schüttelte es, so unbehaglich fühlte ich mich. Zum Glück war ich noch rechtzeitig zurückgekehrt. Natterzahn wartete offensichtlich auf eine Antwort. Ich grübelte. Was hatte der Troll doch gleich gesagt? Ach so, ja: Dass sie böse ist und glatt seine Schwester sein könnte. Ha, die Schwester des Trolls! Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Na klar …“, antwortete ich von oben herab, „… das glaubst du Pappnase! Tja, wenn sie Fell hätte, spitze Ohren und eine Hundeschnauze, dann könnte sie eine Schwester für dich abgeben – hat sie aber nicht!“ „Ja, so ist das immer! Niemand traut mir etwas zu. Ich bin ja nur der dumme, kleine Troll. Die dusselige Pappnase. Und jetzt zweifelst du sogar daran, dass ich dieses eh schon garstige Mädchen zum noch Böseren verführen könnte …“ Mir drückte es plötzlich das Herz ab. Der arme, kleine Troll. Alle hackten auf ihm herum. Und ich war da nicht besser. Mitfühlend legte ich ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Das tut mir leid, Natterzahn. Ehrlich. Ich denke schon, dass du das könntest. Und … weißt du was, ich schenke sie dir. Zeig, was du kannst.“ „Und … du meinst das wirklich ernst? Sie gehört mir? Versprochen?“ In dem Moment, wo ich nickte und antwortete „Versprochen!“, sah ich den fragend-lauernden Blick des Trolls. Zu spät! Der Troll feierte schon. Während mir heiß und kalt zugleich wurde, hörte ich ihn heuchlerisch „Danke, lieber Luzifer!“ rufen und jubeln: „Ich hab‘ jetzt die Beute! Ich, der Supertroll! Sie ist mein! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen …!“ Was hatte ich getan? Ich biss mir vor Zorn auf die Zunge. Da hatte ich mir ja eine tolle Suppe eingebrockt! Wie zur Hölle sollte ich die jetzt auslöffeln? Mit der Mitleidsmasche hatte mich das kleine Schlitzohr ausgetrickst. Wenn Vater das mitbekam, würde er einen Tobsuchtsanfall kriegen. Und das zu Recht! Perfekt! Aber das würde mir die Pappnase bitterlich büßen! Während ich ihn anlächelte und bekräftigte: „Es bleibt dabei, sie gehört dir. Ich suche mir ein Opfer, das auch eine wirkliche Herausforderung darstellt!“, malte ich mir insgeheim bereits aus, wie ich ihn quälen würde. Einfach so. Aus Spaß an der Freude. Mit diesen Aussichten grinste ich Natterzahn ins Gesicht, stand auf und ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen in den Garten. Lange brauchte ich nicht zu warten. Sekunden später nur war Natterzahn an meiner Seite und bemühte sich eifrig, meine Haltung und meinen Gang zu imitieren. Er blieb sogar einen halben Schritt hinter mir zurück, wie es sich für einen Troll gehörte. Und er hielt die Klappe. Gut so, denn ich hatte den Kopf voll und so war ein wenig Ruhe genau das, was ich brauchte. In mir kochte es auf eine Art und Weise, wie ich es bisher noch nie erlebt hatte. Warum war ich auf die versteckte List des Trolls hereingefallen? Waren die Menschen, die ich heute erlebt hatte, schuld daran? Wie konnten die aber auch so … so … gut sein? „Du, Luzifer?!“ „Was willst du?“ Aus meinen Gedanken gerissen, war meine Beherrschung wie weggeblasen. Etwas leiser noch und sichtlich eingeschüchtert wagte Natterzahn seine nächste Frage: „Hilfst du mir?“ „Wobei?“ Ich blieb stehen und sah dem scheinbar immer kleiner werdenden Troll in die Augen. „Doch nicht etwa bei Lucy?“ „Ja, genau dabei. Weißt du, ich kann das nicht so … gut wie du.“ Ich musste prustend lachen und pustete dabei gelbe, fette Schwefelnebelwolken aus der Nase. „Und das fällt dir jetzt schon auf?“ Natterzahn schluckte und überlegte sichtlich angestrengt. Schließlich fragte er besorgt: „Brichst du jetzt dein Versprechen?“ „Nein, natürlich nicht. Versprochen ist versprochen … also sieh zu, dass du klar kommst. Und vergiss dabei nicht, dass hier ist ein Wettbewerb. Wenn du scheiterst, dann …“ „Na gut … ich bin mir nur so verdammt unsicher! Das hängt bestimmt auch damit zusammen, weil alles hier irgendwie so seltsam ist.“ „Was ist seltsam?“ „Fühlst du es nicht? Irgendetwas Bedrückendes liegt in der Luft, oder? Findest du nicht?“ Hatte er es doch gemerkt. Erstaunlich! Immerhin, auch wenn es nur ein unbestimmtes Gefühl war, eine beachtliche Leistung. Für einen Troll. Lästernd fragte ich: „Irgendetwas Bedrückendes? Zur Hölle, du bist ja so empfindsam wie ein kleiner Elf. Hast du etwa Angst?“ „Ich? Angst? Das ich nicht lache … natürlich nicht!“ Der Trolltrottel hatte Angst! Da konnte er noch so lauthals protestieren. Sollte er auch. Ich fühlte, wie mir vor Wut der Schwefel aus den Ohren dampfte. Verdammt, ich brauchte irgendetwas, um mich abzureagieren. Leider war die Reihe noch nicht an Natterzahn, aber die Gelegenheit ergab sich schon noch. Dafür sah ich im Schatten einer alten Eiche Wilhelm, den Gärtner. Ich spürte sofort, wie mein Zorn neue Nahrung bekam. Der alte Mann, dieser ach so gute Mensch, der mich verwirrt hatte. Der war jetzt genau der Richtige! Brodelnd vor Wut stapfte ich los. Wilhelm brachte gerade ein großes Rosenbeet mit prächtigen Blumen in Ordnung. „Der ist genauso pedantisch wie Willibald. Nur dass er größer ist als der Zwerg. Findest du nicht auch?“ Natterzahn! Die Nervensäge war mir natürlich gefolgt. Aber er hatte Recht. Wilhelm pflückte die verblühten Rosen genauso gewissenhaft ab wie der alte Zwerg Willibald bei uns im Tal an seiner Rosenhecke. Sogar die Nebentriebe kniff er mit dem Daumennagel ab … Plötzlich huschte Natterzahn, unsichtbar für den Menschen, zu dem Eimer mit den Pflanzenabfällen und entleerte ihn über das Rosenbeet. Überrascht hielt Wilhelm inne. Doch er wunderte sich nicht lange, sondern harkte, wenn auch kopfschüttelnd, alles wieder zusammen. Ich kochte! „Sag mal du Clown, geht’s noch? Hatte ich dir etwa erlaubt, dich vorzudrängeln?“ Mit einer Handbewegung wischte ich den Troll von den Beinen. Verwundert rappelte er sich hoch und stammelte kleinlaut: „Entschuldige, ich dachte ein kleiner Zeitvertreib bis Lucy losfährt …?“ „Ja, prima! Du dachtest … hör auf damit! Das mit dem Denken ist nichts für dich. Und wenn schon ein kleiner Zeitvertreib, dann richtig! Sieh zu und lerne, wie man das macht!“ Noch während ich die letzten Worte sprach, schüttelte ich locker aus dem Handgelenk einen geballten Zerstörungszauber. Ich warf die schwefelgelbe Zauberkugel spielerisch hoch, fing sie wieder, vergewisserte mich mit einem prüfenden Seitenblick Natterzahns Bewunderung und schnippte dann mit dem Finger einen kleinen Teil der Kugel auf die Rosen direkt vor Wilhelm. Augenblicklich wandelte sich die Farbe des Zauberkörnchens, spritzte im Moment darauf es auseinander und verteilte sich in Form kleiner schwarzer Fliegen auf den Stängeln der majestätischen Blumen. Wilhelm stutzte, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Mit den Worten „Verfluchte kleine Biester! Euch werde ich helfen!“, legte er die Harke zur Seite legte und nahm die Dose mit dem Ungezieferspray zur Hand. Auf den richtigen Moment lauernd jonglierte ich meine Zauberkugel. Ich beobachtete, wie Wilhelm die Kappe von der Dose zog und mit dem Daumen auf die Düse drückte. Mit einem leisen Zischen entwich die erste Spraywolke und senkte sich auf die vermeintlichen Fliegen. Wilhelm zielte noch einmal und sprühte erneut. Im gleichen Moment pustete ich in die aufleuchtende Kugel, die daraufhin in Millionen winziger Fünkchen zerstäubte. Wilhelm fiel gar nicht auf, wie sich die kleinen Fünkchen in den feinen Sprühnebel mischten, welcher mit einem leichten Zischen in die Blüten der prächtigen Mischung aus roten, gelben und bordeauxfarbenen Rosen eindrang. Innerhalb von wenigen Minuten verging das leuchtende Gelb der Frisco-Rosen. Das kräftige Rot der Jaccaranda-Rosen verblasste ebenso wie das Grün der Blätter zu einem hässlichen und fahlen Braun. Doch das Grauen ging weiter, denn die verkümmerten Blüten, Stängel und Blätter verfärbten sich weiter und wurden zunehmend dunkler. Knisternd begannen sie zu reißen und zu brechen. Alles zerfiel in abertausende kleine Stücke, bis schließlich nichts von der Blumenpracht mehr übrig war. Wilhelm starrte mit bleichem Gesicht abwechselnd von den vergehenden Rosen zur Sprayflasche in seiner zitternden Hand und zurück. Erschüttert stammelte er: „Das … das kann … nein, das glaube ich nicht …“ Mit den letzten drei kleinen Fünkchen wirbelte ich die soeben von Wilhelm zusammengeharkten welken Rosenblüten wieder aus dem Eimer heraus. Ein im richtigen Moment aufkommender Windhauch trieb sie zwischen die am Boden liegenden schwarzen Rosenreste. Die verwelkten Farben der alten Blütenblätter leuchteten beinahe frisch zwischen der so jäh vergangenen Pracht. Es war, als ob es nur dieses Kontrastes bedurft hätte. Hölzern taumelnd ging Wilhelm mit immer bleicher werdendem Gesicht drei Schritte rückwärts und bewegte dabei ständig seine Lippen, ohne auch nur ein verständliches Wort formen zu können. Seinen immer stärker zitternden Händen entfiel die Sprayflasche. Schweißüberströmt wandte er sich schließlich ab und stürzte in Richtung Villa davon … „So, du Dummtroll, hast du gesehen, wie das geht?“ Ich weidete mich an den bewundernden Blicken Natterzahns, der sich im Gras wälzte und den Bauch vor Lachen hielt. „Das war einfach … köstlich!“ Prustend versuchte er weiterzusprechen, wurde aber immer wieder durch einen neuen Lachanfall unterbrochen. Plötzlich, während ich mit verschränkten Armen dem immer noch vor Lachen im Gras herumkullernden Troll zusah, beschlich mich ein seltsames, altbekanntes und verhasstes Gefühl. Aber das konnte nicht sein! War es vielleicht nur das alberne Gekicher des Trolls, welches mich nervte? Ich hoffte es! Schließlich fuhr ich Natterzahn an: „Hör‘ sofort mit dem albernen Gelächter auf!“ Der Troll verstummte augenblicklich, sprang erschrocken auf und starrte mich verwundert an. Ich beachtete ihn nicht weiter und horchte in mich hinein. Das saublöde Gefühl war immer noch da. Das Gekicher schien es nicht ausgelöst zu haben. Hatte ich auch nicht wirklich geglaubt. Das wäre nur besser gewesen, denn so war es noch viel schlimmer, denn … ich hatte einen Stimmungsumschwung! Gerade noch war ich erleichtert, dass ich auf diesen gutherzigen Menschen so wütend sein konnte, und im nächsten Moment ergriff mich diese blöde Mitleidsduselei. Dieses überflüssige Gewissen. Das war doch nicht zum Aushalten! In der Ferne nahe der Villa sah ich den Gärtner, der, noch immer schreckensbleich im Gesicht, der Haushälterin von den Rosen erzählte. „Was hast du denn? Ist alles gut mit dir?“, fragte da auch schon der Troll scheinheilig und strich mir behutsam über den Kopf. Verflucht, der hatte Blut gerochen. Und er weidete sich gerade an meinen Qualen. Ich kannte doch den Troll! Möglichst gleichgültig antwortete ich: „Nichts. Was sollte denn nicht gut sein?“, und stieß dessen Hand beiseite. „Lass das, oder es setzt was!“ „Ich meine ja nur …“, meinte Natterzahn leichthin und tat, als ob er sich ehrlich Sorgen machte. Dass es anders war, sah ich an seiner hinterhältigen Grimasse. Er machte sich lustig. Über mich. Mit Worten würde ich ihn jetzt nicht zur Vernunft bringen können. Aber wollte ich das überhaupt? Nein, denn irgendwie fühlte ich, wie das Bauchdrücken wegen des Gärtners schwand und einem neuen Gefühl Platz machte: Jetzt war der richtige Zeitpunkt für den erhofften Denkzettel gekommen. Eine willkommene Ablenkung, denn dabei brauchte ich nicht befürchten, dass sich mein Gewissen einmischte. Eher im Gegenteil! Im Vorgeschmack verzweifelter Trollpanik leckte ich mir die Lippen. „Was meinst du nur?“, fragte ich vermeintlich genauso leichthin wie er. Ich wartete. Ich lauerte. Gespannt beobachtete ich jede noch so kleine Veränderung des hässlichen Trollgesichts, jedes Zucken der Ohrspitzen. Mein Gefühl sagte mir, dass er mir gleich den erwarteten Anlass bieten würde. Und es trog mich nicht! Der Troll konnte es nicht lassen. Mit einem leicht spöttischem Zucken um die Winkel seiner Trollschnauze stichelte er: „Du hast wie immer Recht, großer Luzifer. Unser Kinderschabernack mit dem Gärtner war albern. Und dir hat er nicht gefallen, weil du Mitlei …“ „Mitleid?“, fuhr ich ihm ins Wort. „Wolltest du etwa eben Mitleid sagen? Hatte ich dir das nicht verboten?“ Mein Zauber war fertig. Mit der rechten Hand nahm ich Natterzahns Kehle in den magischen Würgegriff. Dann steigerte ich seine Pein. Oh, das war gut! In meinem Hochgefühl schwelgend ließ ich die Muskeln des Trolls verkrampfen. Das war spitze, wie er sich vor Schmerzen wand! Spitze? Das war eine gute Idee! Noch mehr Schmerzen. Sofort ließ ich tausende kleine Nadeln erscheinen, die sich in seine dreckige Trollhaut bohrten. „So …“, fragte ich nach einer Weile, „… du Dummtroll wolltest erproben, wie weit mein Mitleid geht? Wie du siehst mit dir nicht sehr weit! Und damit du Knallkopf dir das merken kannst, machst du jetzt erst einmal Pause.“ Ohne Natterzahn auch nur das kleinste bisschen Luft zu lassen, schnippte ich mit dem Finger und eines der kreisenden Zauberfünkchen verwandelte sich in ein kleines, rundes Glasfläschchen. Ein Wink und der Troll begann zu schrumpfen. Protestieren konnte er nicht, denn sosehr er sich auch mühte, über seine qualvoll verzogenen Lippen kam kein Wort. Mit einem weiteren Wink strudelte ich die Luft um den geschrumpften Troll auf und schneller als das Auge folgen konnte, saß er in der kleinen Flasche. Was für eine Befreiung! Übermütig warf ich das kleine Fläschchen wirbelnd in die Luft, fing es wieder auf und hielt es mir vor die Augen. Der maikäfergroße Troll reckte aufgebracht die Fäuste. Doch auf meine Frage „Was willst du?“ summte es nur fürchterlich in der Flasche. Schlimmer noch als bei einer gefangenen Wespe. Apropos Wespe. Sollte ich etwa …? Nein. Das arme Tier! Nicht einmal eine Wespe hatte es verdient, mit dem Troll zusammen in einer Flasche eingesperrt zu sein. So zuckte ich nur mit den Schultern und rief laut: „Ich verstehe dich nicht, du kleiner Supertroll. Aber was soll‘s, jetzt erntest du die Früchte dessen, was du gesät hast! Das, Troll, ist wahre Macht. Das ist es, was dich von mir unterscheidet. Wenn ich es will, sitzt du in der Flasche und ich stehe davor. Und wenn ich dir sage, halt den Mund, dann halt ihn. Präge dir das endlich ein, du jämmerliche Pappnase!“ Das schien angekommen zu sein. Das Summen in der Flasche verstummte jedenfalls. Gut so! Zufrieden mit mir steckte ich das Fläschchen in die Hosentasche und sah mich um. Der Wagen mit Lucy war während meiner Trollstrafaktion losgefahren. Nun, das war nicht schlimm, da half ein Folgezauber. Die Beschwörung dafür hatte mir ein alter Elf beigebracht. Zu den Zeiten, als die Schattenwesen noch mit mir sprachen. Ich hatte ihn zwar nie wieder gebraucht, aber auch nie vergessen. Schmunzelnd bei dem Gedanken an jenen lustigen Nachmittag, der leider Ewigkeiten zurück lag, sagte ich den Spruch auf: Den Zauber schnell gewoben, ist halb geflogen! Egal, wo du dich versteckst, diese Magie dich gleich entdeckt! Bei dir Lucy, bin ich im Nu, wer es nicht merken wird, bist du! Begleitend zum Spruch zeichnete ich mit der rechten Hand noch eine Wellenlinie in die Luft und Sekunden später saß ich unsichtbar im Wagen, gleich gegenüber von Lucy. Sie schminkte sich gerade. Aufmerksam beobachtete ich, wie sie sich die Lippen schreiend rot anmalte. Die Wimpern und die Augenbrauen folgten. Obwohl bereits Schwarz, bekamen sie noch ein tieferes Schwarz. Die Augenlieder schimmerten bereits grellblau. Und das alles zu den teuflisch grünen Augen. Beelzebub-Augen. Bedrückt musste ich schlucken. Na ja, ging es mir durch den Kopf, vielleicht versagte Natterzahn ja, und dann … Mehr Zeit, um darüber nachzudenken, blieb zum Glück nicht, denn der schwere Wagen hielt. Direkt vor einem gepflastertem Weg, der in einen Park führte. Soweit ich sehen konnte, führte er flankiert von uralten Eichen und gepflegtem Rasen zu einem riesigen, schlossartigen Anwesen. Vermutlich Lucys Schule. Johann hielt ihr standesgemäß die Tür auf. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, stieg Lucy aus der Limousine. Ich verschwand unbemerkt noch bevor das Mädchen den ersten Fuß aus dem Wagen setzte. Vor der Schule holte ich schweren Herzens das kleine Fläschchen aus meiner Hosentasche. Zwei, höchstens drei Minuten hatte der Troll, bevor Lucy hier sein würde. Da würde er sich sputen müssen. Verdrießlich vor sich hinbrütend saß er auf dem Boden seines gläsernen Gefängnisses und sah mich mit seinen gelben Augen mürrisch an. Ich grinste gehässig und dachte bei mir, nur gut, dass seine Magie zu schwach ist, um sich an mir zu rächen. Dann warf ich die Flasche mit Schwung auf den Boden, wo sie sich in schwefelgelben Rauch auflöste, aus welchem heraus der Troll mit qualmendem Fell zu seiner ursprünglichen Größe heranwuchs. Gespannt sah ich ihm zu, wie er seine Glieder streckte und wie er – anscheinend mit großer Mühe – den Wunsch unterdrückte, sich auf mich zu stürzen. Sollte er doch. Dann scheiterte er garantiert. Aber er tat nichts dergleichen. Eigentlich schade, aber was nicht sein sollte, sollte eben nicht sein. Trotzdem sank mein Launenbarometer um einige Millibar. Da er in seiner sturen Wut nicht einmal mitbekam, wo er war, zischte ich ihm frustriert zu: „Halt dich ran, du missglückter Flaschengeist, deine Beute ist gleich hier.“ Natterzahn, der im ersten Moment etwas hatte entgegnen wollen, fuhr auf der Ferse herum. Festzustellen, wo er sich gerade befand und Lucy zu erblicken waren eins. Sie kam bereits um die letzte Wegbiegung. Panisch fuhr er herum und stöhnte: „Verdammt! Was soll ich jetzt tun?“ Ich konnte mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Gleichgültig antwortete ich: „Das musst du wissen! Du hast nur diese eine Chance, jetzt und hier. Wie du sie nutzt, ist deine Sache!“ Natterzahn unterdrückte die Antwort, die ihm sichtlich auf der Zunge brannte und änderte mit einer schnellen Drehung seine Gestalt. Schwarze Haare, die in der Sonne glänzten, teure Lederjacke, verwaschene Designerjeans. Mehr Zeit hatte er auch nicht, denn Lucy war schon da. Schnell sprach er sie mit einem frech klingenden „Hallo!“ an. Lucy blieb stehen, musterte ihn arrogant von oben bis unten und fauchte: „Was ist?“ „Ich sagte ‚Hallo‘!“ „Ja schön, du sagtest ‚Hallo‘! Und? Was willst du?“ „Ich will dir helfen, deine Wünsche zu erfüllen!“ „Du willst was?“ Lucys Gesichtszüge entglitten. „Ist ja nicht möglich! Quatscht mich dieser gelbäugige Idiot hier von der Seite an und labert sinnloses Zeug! Was ist los mit dir? Bist du krank oder was?“ Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und schaffte es gerade noch, nicht lauthals loszulachen. Da änderte dieser Trottel nicht einmal seine quietschgelben Augen. Schlampig! Typisch Troll. Na ja, immerhin hatte er es fertig gebracht, dass Lucy stehen geblieben war. Aber wenn er jetzt nicht ganz schnell mit einer verdammt guten Idee herausrückte, würde sie verschwinden. Belustigt verfolgte ich die Vorstellung weiter. Der Troll war am Zug. „Meine gelben Augen … na ja, die sind halt so“, druckste er erst, fuhr dann aber direkt fort mit: „Was ist, wenn ich dir ein paar Stichworte gebe … Südfrankreich etwa. Und … Schule. Und schließlich … dein Vater.“ Nach einer wirkungsvollen Pause fragte er mit butterweicher Stimme: „Möchtest du, dass sich dein Leben ändert?“ Lucys Interesse schien schlagartig geweckt: „Woher weißt du das alles? Wer hat dir das gesteckt?“ „Nicht so eilig, Lucy. Ich weiß es eben.“ Drohend machte Lucy einen Schritt auf Natterzahn zu. Sie war beinahe einen Kopf größer als der Troll in Menschengestalt. „Bist du nicht ganz richtig im Kopf? Jetzt aber flott, du Vollpfosten, erzähle was du weißt und wie du auf den absurden Gedanken kommst, mir helfen zu können!“ „Ich kann dir helfen, glaub mir. Es kostet dich nichts. Du musst nur den einen Satz sagen: Ich will, dass sich mein Leben ändert. Wenn du mir das sagst, dann …“ Der Troll war auf dem richtigen Weg, er scheiterte nicht. Ich hörte ihn zwar noch reden, erfasste aber nicht mehr den Sinn seiner Worte. Ich sah nur noch Lucys Augen. Ich konnte meinen Blick nicht losreißen. Das waren Beelzebubaugen. Eindeutig. Fehlte eigentlich nur noch, dass sie rot zu glühen begannen. Langsam, aber zielsicher wie eine Made auf ihrem Weg in das Innere eines Apfels, bohrte sich ein Gedanke in meinen Kopf: Lucy war wirklich mehr als ein Geburtstagsgeschenk! Mir wurde übel. Vater, der alte Teufel, hatte nichts dem Zufall überlassen. Alles hatte er geplant, vom Zeitpunkt der Abreise bis zum Zusammentreffen mit Lucy. Eigentlich hätte nichts schief gehen können, denn welcher Teufel hätte schon ihrer abgrundtiefen Bosheit widerstanden? Keiner. Außer mir! Da hatte ich ja etwas angerichtet. Das würde Vater mir nie vergeben … „Gefällt dir meine neue Haarfarbe nicht oder warum starrst du mich so an?“ Wie aus weiter Ferne erreichten Lucys Worte meine Ohren und rissen mich, nachdem ich begriffen hatte, dass wirklich ich gemeint war, aus meinen Gedanken. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass ich sie die ganze Zeit über angestarrt hatte. Und das offenbar auch noch mit offen stehendem Mund … Wieso konnte sie mich eigentlich sehen? Plötzlich begriff ich. Während ich tief in meine Überlegungen versunken war, hatte der Troll Lucy nicht nur zu seinem Eigentum gemacht, er hatte auch die in ihr schlummernde Magie geweckt. Deshalb war ich nicht mehr unsichtbar für sie. Und sie schien nicht einmal schockiert darüber zu sein, einem Teufel gegenüber zu stehen … Erst einmal schloss ich den Mund. Ich wollte ja keine falschen Vermutungen bei Lucy aufkommen lassen. Nebenbei beobachtete ich, wie sich gelbe, magische Rauchwölkchen aus ihrer verzauberten Haarpracht verzogen. Keine schwarzen Troll-Rauchwölkchen. Ein weiteres, wichtiges Zeichen! Ich hatte einen Riesenfehler gemacht. Irgendwie musste ich ihn wieder gut machen. Ich durfte Lucy auf keinen Fall Natterzahn überlassen. Um meinen Kopf aus der Schlinge zu bekommen, welche sich bereits zuzog, war es höchste Zeit zu handeln. „Natterzahn …“, begann ich entschlossen, „… ich kann sie dir nicht …“ Mir fehlten nicht nur die Worte, mir fehlte ein Plan. Wie zur Hölle wollte ich meinen Fehler eigentlich beheben? Einfach so und freiwillig würde mir der Troll Lucy sicherlich nicht herausgeben. „Was kannst du nicht?“, fragte Natterzahn da auch schon scheinheilig und sah mich schadenfroh an. Gute Frage. Ich war wie vernagelt und brachte keinen zusammenhängenden Gedanken, geschweige denn eine Lösung zustande. Zusammenhanglose Worte wie Schlinge, mächtige Magie und Stärke geisterten mir durchs Hirn! Mehr nicht … Aber das war es doch! Laut schallend schlug ich mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Stärke! Das war die Lösung! Dass ich nicht eher darauf gekommen war! Ein uraltes Trollgesetz würde mir helfen: Das Gesetz des Stärkeren. Und dagegen konnten weder Natterzahn noch sein Trollvater etwas ausrichten. Trollgesetz war Trollgesetz! Noch war es also nicht zu spät! Zu früh gefreut, es war zu spät! Die Schwingungen zunehmender magischer Kräfte schienen urplötzlich von überall her zu kommen, ohne bestimmte Quelle. Das war normalerweise nicht möglich, da jede Magie ihren Ursprung, ihr Zentrum hatte. Normalerweise gab es aber für jede Regel Ausnahmen. Und für das, was hier geschah, gab es nur eine Erklärung: Ich befand mich mitten im Zentrum. „Sieh da, wir bekommen Besuch“, bemerkte da Natterzahn auch schon und reckte überheblich die Brust. „Mein Vater wird so stolz auf mich sein!“ „Halt‘ die Klappe!“ Mich beschlich Angst. Wie dunkle Schatten kroch sie heran und in mich hinein. Ich hatte das Gefühl, dass meine Knie weich wie Kerzenwachs wurden, denn wer hier gleich durch den sich öffnenden Zaubertunnel erscheinen würde, war klar. Wie nur sollte ich meinem Vater erklären, dass ich das Mädchen leichtsinnigerweise an den Troll abgetreten hatte? Oder, wusste der Alte vielleicht schon alles? Wie auf glühenden Kohlen stehend wartete ich darauf, dass sich der Tunnel öffnete. Vergingen Minuten oder waren es nur Sekunden? Ich wusste es nicht. Wie hypnotisiert starrte ich in das grelle, blaue Licht, wo sich, umgeben von einer Wolke blauen Nebels die Gestalten meines Vaters und Darkmoors vergegenständlichten. Auch ohne große wahrsagerische Begabung ließ sich jetzt leicht vorhersagen, welches Donnerwetter es geben würde. Ein Vulkanausbruch war dagegen vermutlich nicht mehr als der schwache Abglanz eines Teelichts. Gebannt blickte ich auf die verschwommene Gestalt meines Vaters. Das flimmernde Licht des Tunnels verhinderte, dass ich ihn deutlich sah. Sicherlich konnte er es nicht abwarten, aus dem Tunnel herauszukommen und sich auf mich zu stürzen. In Gedanken sah ich deutlich sein vor Ungeduld und höllischer Wut verzerrtes Gesicht. Ich war wie gelähmt und wagte es doch nicht, den Kopf abzuwenden. „Na Luzifer, hast du schon Panik?“ Natterzahn! Wenn ich nicht wirklich richtig Panik hätte, würde ich diesem Schleimbeutel jetzt zeigen, was Panik war. So begnügte ich mich damit zu fauchen: „Halt‘ die Klappe!“ „Du wiederholst dich. Halt‘ die Klappe sagtest du schon. Ha, du hast wirklich Panik!“ Der Troll war obenauf! Klar, denn er war der Sieger in dieser Runde. Jetzt war nichts mehr zu ändern, der Tunnelausgang öffnete sich und gab den Reisenden den Weg frei. Trotzdem erschrak ich in dem Moment, als Vater mit einem gewaltigen Satz aus dem blauen Licht heraussprang, so sehr, dass ich vor Schauder auf den Hintern fiel. Langsam glitt mein Blick von Vaters Füßen aufwärts nach oben. Was mich erwartete, wenn ich sein Gesicht sehen würde, wusste ich bereits. Und es würde mir auch nicht helfen, wenn ich es hinauszögerte. Vaters Zorn war gewiss unermesslich! Am liebsten wäre ich davongerannt. Doch ich konnte meine Füße nicht bewegen, sie schienen angewachsen zu sein. Leise und mit zitternder Stimme stammelte ich: „Vater, ich wollte doch nur …“ „Ich weiß, ich weiß! Aber du brauchst keine Angst zu haben. Auch wenn du dich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hast – ich bin nicht wirklich böse auf dich. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst.“ Ich traute meinen Ohren nicht! War es das Rauschen des Blutes? Oder hörte ich schwer? Vaters Stimme klang so seltsam leise, beinahe mitfühlend. Keine Spur von Wut. Und was sollte heißen: Ich weiß, dass du nichts dafür kannst? Was war denn mit dem los? Verdutzt sah ich nun doch nach oben und blickte in ein fast mitleidig grinsendes Gesicht. Erstaunt fragte ich: „Und … du bist nicht wütend auf mich?“ „Wütend? Nein. Wozu? Ich weiß, dass du nicht anders handeln kannst. Das heißt nicht, dass ich es toll finde, aber es ist so. Sieh, in dir steckt viel zu viel Gutes! Du machst dir unnötige, quälende Gedanken, wenn es darum geht, wirklich böse zu sein. Ich bitte dich! Ein Eichhörnchen bringt dich zur Verzweiflung, wenn der Troll es mit einem Stein bewirft. Und dann noch dieser Mensch, dieser Gärtner – ich dachte, ich sehe nicht richtig! Junge, solche Späße musst du als mein Sohn wegstecken können. Selbst wenn sie in ihrer Bosheit einem Teufel nicht gerade würdig sind, sondern eher niedrigem Trollniveau entsprechen. Der Gipfel war natürlich, dass du Lucy dieser nichtsnutzigen, dusseligen Trollbrut überlassen hast. Gerade dieses Mädchen! Du und kein anderer sollte sie ins Tal bringen. Einem zukünftigen Herrscher des Schattenreiches dürfen solche Fehler natürlich nicht passieren. Das verstehst du doch mein Sohn, oder?“ Darkmoor schnaufte im Hintergrund. Wütender Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben. Schwarze Rauchwölkchen quollen aus seinen spitzen Ohren und zogen über das schmutziggraue Fell. Mit überschnappender Stimme brüllte er zornig: „Was heißt hier nichtsnutzige, dusselige Trollbrut? Natterzahn ist mein Sohn und weder nichtsnutzig noch dusselig! Ich dachte, wir sind Freunde? Ich dachte, es wäre ein fairer Wettstreit der beiden …“ Genervt die Augen verdrehend wandte Vater sich dem alten Troll zu und fauchte: „Halt‘ du dich raus hier! Fang‘ jetzt nicht an zu denken, dafür ist dein Kopf nicht gemacht! Vergiss nicht, wer dein Herr ist! Ich bestimme verdammt noch mal, was fair ist und was nicht! Ist das klar?!“ Noch ein kurzer Blick mit seinen rotglühenden Augen reichte und Darkmoor wich eingeschüchtert und untertänig buckelnd zurück. Ich empfand beinahe so etwas wie Schadenfreude wegen des Trolls. Und das, obwohl ich selbst gewaltig in der Klemme steckte. Denn auch wenn der Alte beinahe freundlich mit mir redete, täuschte das. Innerlich kochte er. Dass sich ringsum in atemberaubender Geschwindigkeit schwarze Wolken am Himmel zusammenzogen, aus denen gewaltige Blitze zuckten, verhieß genauso wenig Gutes wie der Stein des Teufelsamuletts, der so drohend böse leuchtete, dass es meinen Augen schmerzte, die Runen darauf zu deuten. Mit leiser Stimme versuchte ich mich zu entschuldigen: „Vater, ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. Bitte verzeih‘ mir, ich …“ „Verzeihen?“, unterbrach er mich sofort. „Mach dir keine Sorgen darum, Luzifer! Wie gesagt, ich weiß, dass du nichts dafür kannst. Sieh‘ also das, was nun folgen wird, nicht als Strafe an, sondern als Hilfe. Und, auch wenn ich weiß, dass du diesen Rat nicht annehmen wirst: Wehre dich nicht dagegen. Lass es einfach geschehen, dann tut es nicht so weh!“ Noch während er sprach, hob er langsam seine Hände, spreizte die Finger und stieß die Handflächen gegen mich. Beinahe feierlich rief er dabei: „Luzifer von Beelzebub, hiermit erlöse ich dich, getreu unserer Familientradition, auf immer und ewig von deinen Zweifeln!“ Wie eine gigantische Faust schlug die Höllenmagie in meine Eingeweide und riss mich von den Beinen. Mich wieder und wieder überschlagend rollte ich über die Wiese. Sand und Steine flogen durch die Luft. Aus den dunkel drohenden Wolken zuckten Blitze, die unaufhörlich um mich herum in den Rasen einschlugen und dabei qualmende Krater hinterließen. Aufsteigende Schwefeldämpfe mischten sich mit den Rauchschwaden des schwelenden Grases und verbargen das Geschehen in einem nebeligen Schleier, welcher von mit feinen Hagelkörnern durchmischtem Regen verstärkt wurde. Am Stamm einer riesigen Eiche fand ich endlich Halt. Beißende Schmerzen ließen meinen Atem stocken. Trotzdem stemmte ich mich mit den Ellenbogen hoch. Alles um mich herum wirkte undeutlich, wie mit einem weißen Nebelvorhang verhüllt. Die Gestalt Vaters wirkte wie ein schwarzer Schattenumriss inmitten des Nebels. Drohend, Unheil verkündend. „Warum, Vater?“, krächzte ich mühsam mit schwerer Zunge, die nicht mehr die meine zu sein schien. „Warum? Glaube mir, es ist wirklich nur zu deinem Besten, du wirst sehen. Es ist gleich vorbei, Sohn!“, antwortete er und hob noch einmal seine gespreizten Hände. Als er sie dieses Mal gegen mich vorstieß, löste sich ein gezackter Blitz. Ich sah das Unheil wie in Zeitlupe auf mich zukommen. Ein züngelnder Blitz, der sich mit einem plötzlich aus dem Stein des Teufelsamuletts hervorbrechenden, grell leuchtenden Lichtstrahl vereinte. Unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen, erwartete ich, gelähmt wie ein Kaninchen vor der Schlange, die herannahende Gefahr. Das magische Licht erreichte mich. Es umschloss mich. Ich sah nichts anderes mehr, als die unendlich schöne, gleißende Helligkeit. Warum nur hatte ich mich gefürchtet? Ich fühlte zwar, wie der Zauber in mich drang und wie er mich zu zerreißen drohte, doch es war mir gleich. Die Schmerzen waren vergessen. Ich spürte nur noch die wohltuende Wärme des Lichts, welches nach und nach sanft von grauen Nebeln verdunkelt wurde. Watteweich quollen die Nebel in meinen Kopf und legten sich lindernd wie Balsam über alle Sorgen. Langsam glitt ich in ein tiefes, tiefes Loch. Alles war so leicht, so anders … * * * Ein blinkendes Licht weckte mich. Hellrot, dunkel, hellrot … immer wieder im gleichen Rhythmus wechselnd schien es durch die geschlossenen Augenlider. Das war nicht unangenehm, denn immer, wenn das Licht leuchtend rot durch meine Augenlieder drang, wurde es gleichzeitig angenehm warm in meinem Gesicht. Neugierig, zu sehen, was mich da aufgeweckt hatte, wollte ich schon die Augen öffnen, da hörte ich plötzlich leise Stimmen. Wohlbekannte Stimmen. Vater und Darkmoor. In ihrer fast flüsternd geführten Unterhaltung ging es anscheinend um mich. Ein ungewisses Gefühl, mehr eine schlechte Ahnung, mahnte mich zur Vorsicht. Da war etwas, was nicht allzu weit zurück liegen konnte. Nur, so recht erinnern konnte ich mich nicht. Bestimmt hingen diese ungewissen Erinnerungen aber mit der seltsamen Schwäche zusammen, die ich fühlte. Vorsichtshalber unterließ ich es, meinen Vater zu rufen und lauschte mit geschlossenen Augen, ohne mich zu rühren. „Aber Herr …“, hörte ich Darkmoor, „… auch wenn ihr ihn nicht mehr braucht, ihr könnt ihn doch nicht so allein hier liegen lassen!“ „Papperlapapp!“ Vaters sonst so kraftvoll dröhnende Stimme war zwar leise, aber mindestens genauso herrisch wie sonst. „Zerbrich dir nicht schon wieder meinen Kopf, dafür ist er zu klein. Um den da kümmere ich mich noch rechtzeitig genug. Außerdem, pass‘ auf, was du sagst. Du quatscht zu viel!“ Erst nach einer respektvollen Pause hörte ich wieder die unterwürfig-näselnde Flüsterstimme Darkmoors: „Und wenn ihn hier jemand liegen sieht? Ein Mensch gar?“ „Troll, bist du so blöd oder tust du nur so? Klar wäre das fatal. Aber traust du mir wirklich eine solche Unbedachtsamkeit zu? Niemand wird ihn hier sehen. Zuvor jedoch muss ich meinen Sohn zurück ins Tal bringen.“ „Aber das könnte ich doch für euch erledigen, Herr.“ „Du? Du Dummtroll meinst doch wohl nicht wirklich, dass du jetzt noch mit ihm fertig wirst? Seine Bosheit ist nun sehr mächtig. Glaub mir, dem wirst du nicht mehr Herr, Troll!“ Ich verstand gar nichts. Wovon sprachen die beiden? Und warum diese Heimlichkeit? Wieso wollten sie jemanden hier liegen lassen? Und warum musste Vater mich selbst ins Tal zurück bringen? Irgendetwas stimmte nicht! Ohne mich zu rühren, spitzte ich die Ohren. Vielleicht erfuhr ich ja noch etwas mehr. Der Alte und Darkmoor mussten jedenfalls unmittelbar in meiner Nähe stehen. Zum Glück ließ das ekelhaft mulmige Gefühl in meinem Kopf langsam nach. „Also, los geht es, Darkmoor! Die Harmonie der Magien darf nicht noch mehr gestört werden. Pfeif‘ deinen Sohn und seine Beute heran und dann auf zum Rückzug! Schnell, ich will mit meinem Sohn hier weg sein, bevor der da erwacht. Vergewissere dich, dass er noch nicht bei sich ist. Kriegst du das hin?“ „Ja Herr. Ich tu‘ alles, was du befiehlst!“ „Na dann los! Worauf wartest du noch? Brauchst du eine extra Einladung?“ „Nein, Herr, ich …“ Vater wollte mit seinem Sohn hier weg sein? Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Aber der war doch ich? Verdammt, was ging denn hier ab? Ich musste endlich etwas sehen! Ungeduldig wartete ich, dass Darkmoor seinen Auftrag ausführte. Denn dass er nach mir sehen sollte, war klar. Zuerst hörte ich, wie sich Schritte entfernten. Ein harter Tritt folgte einem weichen. Das war eindeutig Vaters Pferdefuß. Fast gleichzeitig roch ich den stinkenden Troll. Ganz nah. Unhörbar fast und flink wie immer, war Darkmoor zu mir gekommen und schien mich zu begutachten. Zur Hölle aber auch, stank der Troll aus dem Maul! Was ausnahmsweise gut war, denn so konnte man diesen Tölpel wenigstens riechen, wenn man ihn schon nicht hörte. Regungslos verharrte ich und atmete gleichmäßig und so flach wie möglich. Das war gar nicht so leicht, denn die Ausdünstungen des Trolls waren selbst für mich als Teufel brechreizerregend. Glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis er seine Untersuchung beendet hatte und der Gestank sich entfernte. Ich wartete noch ein paar Sekunden, dann öffnete ich langsam die Augen. Einen Spalt erst nur, vorsichtig. Alles war verschwommen und undeutlich. Aber es reichte aus, um zu sehen, dass um mich herum niemand mehr war. Weitab hörte ich, wie Darkmoor Natterzahn heranrief. Gut so, dann war dieser kleine Schleicher auch weg und konnte mich nicht verraten. Vorsichtig neigte ich den Kopf ein bisschen und schielte in die Richtung, aus der ich Darkmoor gehört hatte. Plötzlich erstarrte ich wie vom Blitz getroffen! Wirkte das, was auch immer mit mir geschehen war, noch so sehr nach? Ganz klar konnte ich jedenfalls nicht sehen. Vielleicht trogen mich ja auch die leichten Schleier vor den Augen. Doch nein: Die Gestalt, die ich dort sah, war nicht zu verwechseln. Die erkannte ich auch mit verschleiertem Blick und hundertvierzig Grad Fieber: Blauschwarze Zottelhaare, aus denen kleine, glänzend schwarze Hörner hervorragten, grüne Augen – verdammt, dort stand ich selbst noch einmal! Im letzten Moment beherrschte ich mich, nicht aufzuspringen, um den anderen Luzifer zur Rede zu stellen. Das wäre nicht gerade listig gewesen, wenn ich das soeben Gehörte richtig zusammenreimte. Mühsam verhielt ich in meiner Reglosigkeit und beobachtete. Das konnte ja wohl alles nicht wahr sein. War es aber, denn auch jetzt, wo mein Blick etwas klarer wurde, verschwand mein Ebenbild nicht. Es war kein Traum … der war echt! Und streitsüchtig. Gerade widersetzte er sich den Weisungen des Alten. Und das mit einem Ton, wie ich es mir nie gewagt hätte. Wortfetzen drangen herüber: „Komm‘ jetzt! Du bist noch zu schwach für einen längeren Aufenthalt in dieser Welt!“ Mein Ebenbild runzelte übelgelaunt die Stirn. „Und, wer ist schuld daran, dass ich so schwach bin? Du doch wohl! Hättest du das Problem nicht besser lösen können?“ Gleich würde vor Wut purer Schwefel aus seinen Poren dampfen. Ich selbst hätte es jedenfalls so gemacht – an anderer Stelle versteht sich, nicht vor Vater. Das schien diesen Luzifer dort hinten aber nicht zu stören. Natterzahns Unterkiefer klappte schon herunter und der Speichel tropfte ihm aus den Mundwinkeln. Sein boshaftes Grinsen war so breit, dass sein stockfleckiges Hundegebiss beinahe vollständig entblößt war. Der Troll platzte geradezu vor Schadenfreude auf das, was sich jetzt normalerweise angebahnt hätte. Doch das Schauspiel fiel aus. Vater ließ die Frechheit des anderen Luzifers ohne Wutausbruch durchgehen. Ruhig antwortete er: „Das diskutieren wir später. Los jetzt, ab in den Tunnel. Wenn du hier bleibst, gefährdest du meine Pläne. Und das, mein Junge, wollen wir doch wohl beide nicht, oder?“ Nur bei den letzten Worten hatte der Alte die Stimme drohend angehoben. Für den, der ihn kannte, ein Anzeichen, dass er keinen weiteren Widerspruch mehr dulden würde. Dem anderen Luzifer war dieses Zeichen wohl auch bekannt, denn er stieg ohne weiteren Widerspruch, wenn auch mit sehr mürrischer Miene, in den Zaubertunnel. Schnell schloss ich die Augen. Jetzt, wo der andere Luzifer im Tunnel war, würde sich Vater sicher noch einmal nach mir umsehen. In Gedanken verfolgte ich das Geschehen, sah wie der Alte sich noch einmal umwandte, dann im blauen Licht unter der Erde verschwand, wie die Trolle ihm folgten und wie sich letztendlich der Tunnel schloss. Trotzdem ich fühlte, dass die Tunnelmagie nachließ, öffnete ich nicht gleich die Augen. Sicherheitshalber wartete ich noch. Nicht, dass der Alte doch einen unsichtbaren Wächter hier gelassen hatte oder mich sonst wie beobachtete. Es war besser, wenn ich noch eine gewisse Zeit verstreichen ließ, bevor ich so tat, als ob ich gerade erwachen würde. Während ich wartete, neckte mich wieder das blinkende Licht, welches mich geweckt hatte. Nun, gleich würde ich sehen, was es war. Nur einen Moment noch. Das schlotternde Etwas, welches halb versteckt hinter Natterzahn gestanden hatte, fiel mir ein. Das war sicherlich Lucy. In ihrer neuen Trollgestalt. Nun, als Trollsklavin musste schon ein Wunder geschehen, bevor sie statt des schmutzigen Fells ihre eigene Haut wieder sehen würde. Besonders glücklich schien sie jedenfalls schon jetzt nicht zu sein. Nun gut, das sollte mich nicht kümmern. Ich hatte mehr als genügend eigene Probleme! Eine ganze Weile später hatte ich das Gefühl, dass genug Zeit verstrichen war. Selbst wenn mich ein versteckter Wächter beobachtete, würde er sich nichts dabei denken, wenn ich zu mir kam. Langsam öffnete ich die Augen. Auch wenn ich vor Ungeduld fast platzte, musste ich doch wenigstens so tun, als erwache ich gerade erst. Zufrieden stellte ich fest, dass die Schleier vor den Augen nachgelassen hatten. Ich konnte jedenfalls die Blätter des Baumes über mir deutlich sehen. Dort sah ich auch die Ursache für das blinkende Licht vorhin. Ein im Wind wedelndes Blatt, welches den Sonnenstrahlen abwechselnd den Weg zu meinem Gesicht freigab, und dann wieder Schatten spendete. Deshalb hatte ich auch immer die Wärme auf der Stirn gespürt, wenn es heller wurde. Das war sehr schön! Eine wundervolle einfache Erklärung für ein einfaches, leichtes Rätsel. Wenn doch nur alles so einfach wäre … Zuerst einmal wollte ich aufstehen. Ich gab mir einen Ruck und stemmte die Hände in die weiche Erde. Doch mehr als dass meine Arme vor Anstrengung zitterten, geschah nicht. Ich kam nicht hoch. Erschöpft ließ ich mich zurücksinken. Warum zur Hölle war ich so schwach? Hatte Vater nicht zu dem anderen Luzifer vor wenigen Augenblicken auch gesagt, er wäre zu schwach? Leider war ich viel zu erschöpft, um darüber nachzudenken. Später vielleicht. Jetzt musste ich erst einmal zu Kräften kommen. Und aufstehen. Nach einer Weile, als mein Atem wieder ruhiger ging, probierte ich es erneut. Diesmal drehte ich mich erst auf den Bauch. Dann schob ich mich mühevoll auf die Knie. Endlich, Minuten später, gelang es mir, mit zitternden Knien auf die Füße zu kommen. Kaum dass ich stand, fielen mir die qualmenden, schwarz verbrannten Krater im Grün des Rasens um mich herum auf. Schwarze, verbrannte Krater? Dunkel und verschwommen erinnerte ich mich. Ich sah ein teuflisches Unwetter, gewaltige Magien … Prüfend sah ich in den Himmel. Doch da war kein Anzeichen eines Unwetters zu sehen. Die Sonne leuchtete golden und bis zum Horizont sah ich nicht die Spur einer Wolke. Ich hatte das alles aber nicht geträumt, soviel war klar. Ich musste mich nur erinnern … Na hin wie her, ich war allein. Ich saß im Schlamassel. Alleingelassen und verloren in der Menschenwelt. Irekes Vergleich fiel mir ein und ich musste feststellen, dass wirklich nur noch der Falke fehlte, der mich zu dem Nest mit den hungrigen Jungen trug. Gedankenverloren bohrte ich in der Nase und grübelte. „Na, findest du, wonach du suchst? Ist ja wohl nicht möglich! Polkt der Junge hier völlig ungeniert vor Publikum in der Nase herum. Hast du keine Manieren?“ Erschrocken fuhr ich herum. Vor mir stand nur ein alter Mann. Eindeutig ein Mensch. Aber wo kam der denn so plötzlich her? Ich hatte ihn nicht bemerkt. Und überhaupt, warum sah er mich? Vater hatte doch vorhin vor Darkmoor damit angegeben, dass er sich um alles gekümmert hätte. Erst einmal zog ich den Finger aus der Nase und griente den alten Mann freundlich an. Eine Antwort erwartete er wohl glücklicherweise nicht. „So ist es recht! Finger aus der Nase in der Öffentlichkeit. Popeln kannst du unter der Bettdecke, wo es keiner sieht. Und überhaupt, wie läufst du herum? Die Faschingszeit ist doch schon lange vorbei. Na ja, wird alles immer verrückter heutzutage. Früher, da haben wir auch Fasching gefeiert, aber zur richtigen Zeit und ohne so ein Feuerwerk.“ Jetzt wollte der Mann eine Antwort. Zu allem Überfluss sah er mich nicht nur, er sah mich auch noch in meiner Gestalt als Teufel. Verflixt nochmal! Abschätzend musterte ich ihn. Er war sehr groß, stand kerzengerade und trug einen sauberen, schwarzen Anzug. Die Schuhe waren absolut blank. Die laute, leicht brummige Stimme war sympathisch und flößte Vertrauen ein. Wenn auch nicht gleich so viel, dass ich mich als Teufel offenbaren wollte. Zum Glück dachte der Mann, dass es nur ein Karnevalskostüm sei. „Karnevalskostüm … Fasching! Ja genau, Fasching!“, ich öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen und bemerkte, dass ich immer noch vor der Schule stand. Da kam mir eine Idee, wie ich mich aus dieser peinlichen Situation retten könnte: „Wir proben. Für ein … Theaterstück.“ „Ja, ja, ich sehe schon. Und du spielst offensichtlich den Teufel. Gut Junge, das sieht überaus echt aus. Was spielt ihr denn für ein Stück?“ Na super! Woher sollte ich das denn wissen? Natürlich wusste ich, was Theater war, bloß wie die Theaterstücke der Menschen hießen, hatte ich mir nicht gemerkt. Ein Teufel musste mitspielen, soviel war sicher! Stotternd riet ich auf gut Glück: „Das Stück heißt … Der Teufel …“ „Ach so! Ja, schönes Stück!“, mischte sich der alte Mann schmunzelnd ein. „Du meinst, ihr spielt Der Teufel mit den drei goldenen Haaren?“ „Ja! Genau!“, antwortete ich aufatmend und dachte bei mir: Putziger Titel! Gab es das Stück wirklich? Zeit um darüber nachzudenken blieb mir nicht, denn der Alte bohrte schon weiter: „Aber sag mal … die Knallerei vorhin? Das hörte sich ja wahrhaft höllisch an! Ich hoffe, ihr macht keinen Unfug mit selbstgebastelten Sprengzeug!?“ „Unfug? Nein, wirklich, machen wir nicht. Das gehört zum Stück und …“ „… na klar, und die Lehrer sind immer dabei, so dass nichts passieren kann“, vollendete der alte Mann wieder grinsend meinen Satz. „Ja, das haben wir damals auch immer gesagt.“ Wie beiläufig streckte der Alte bei den letzten Worten die Hand aus, so als wolle er mir auf die Schulter klopfen. Stattdessen umfasste er plötzlich mit stahlhartem Griff meinen Arm. Erschrocken sah ich ihm ins Gesicht. Er hatte seine Maske fallen lassen, grinste mich böse an und zischte mit gedämpfter Stimme: „Tja Jungchen, guck nicht so, jetzt ist der Spaß vorbei! Aber alle Achtung, deine Ausreden waren nicht schlecht. Jedenfalls gemessen daran, dass du bei meinen Lektionen nie aufgepasst hast.“ Verdammt, das war eine Falle! Mein Vater hatte sich so höllisch gut verstellt, dass nicht einmal ich ihn erkannt hatte. Wütend wollte ich ihn anschreien, doch über meine Lippen kam kein Ton. Sie waren versiegelt durch einen Schweigezauber. Auch der Versuch, mich loszureißen scheiterte. Aus der eisernen Umklammerung gab es kein Entkommen. Hilflos ausgeliefert hing ich in seinem Griff, als er mit mir davonflog. Scheinbar schwerelos wie eine Daunenfeder, wurde ich durch die Luft gewirbelt. Sträucher, Bäume, Park und Schule drehten sich wie in einem Strudel zu meinen Füßen und wurden immer kleiner. Jetzt war ich wirklich die Maus. Jetzt hing ich in den Krallen des teuflischen Falken! Aufgebracht erwog ich, was der Alte jetzt wieder mit mir vorhaben könnte. Doch bevor ich überhaupt einen klaren Gedanken fassen konnte, sah ich, dass die Kronen der Bäume bereits wieder größer wurden. Es sah aus, als ob der Alte hier landen wollte. Mitten im Wald. Bis zum Horizont sah ich nichts außer Baumwipfel. Nur Augenblicke später verspürte ich bereits festen Boden unter den Füßen. Sachte, behutsam fast, war Vater mit mir auf einer kleinen Lichtung gelandet. Zu meiner Überraschung ließ er mich nicht nur los, sondern trat auch noch zurück, als wolle er mir damit verdeutlichen, dass ich frei sei. Keine Küken mit hungrigen Schnäbeln. War meine Angst umsonst gewesen? „Was …“, schrie ich und erschrak, wie laut meine plötzlich wieder vorhandene Stimme war. Etwas leiser, aber wenigstens genauso wütend setzte ich erneut an: „Was soll das? Was hast du mit mir gemacht? Warum bin ich so schwach? Warum lässt du mich erst so allein hier in der Menschenwelt liegen, um mich dann in diese verdammte Einöde zu schleppen? Und was soll das mit diesem …“, im letzten Moment unterdrückte ich die Frage nach dem falschen Luzifer. „Das sind ganz schön viele Fragen auf ein Mal.“ Vater zog erst die Augenbrauen zusammen und begann dann hämisch zu grinsen. „Nur so am Rande, ich brauche dich wohl nicht zu fragen, ob dir meine Vorstellung heute gefallen hat?“ Abwinkend, da ich nicht darauf einging, fuhr er fort: „Ich sehe schon, Beifall zollst du mir nicht. Versteh‘ ich sogar, ehrlich! Aber zu meinem Eigenlob kann ich dir sagen, dass mir alles wahrhaft meisterlich gelungen ist.“ „Soll ich dir meine Fragen wiederholen?“, fauchte ich, ohne auf seine Abschweifung einzugehen, bissiger als geplant. Aber bissig war letztendlich gut, denn wenn ich den Alten aus der Reserve locken wollte, musste ich ihn wütend machen. „Nein, musst du natürlich nicht!“ Vater war absolut ruhig. Nicht einmal einen Anflug von Wut. Normalerweise reichte weniger dafür aus. Und er sah mir nicht in die Augen. Es war, als suche er die Antworten in den schnell am Himmel dahinziehenden Schäfchenwolken. „Und?“, fragte ich mit nerviger Stimme. „Das gehört alles zu deiner Prüfung“, antwortete er schließlich. „Den Teil mit Lucy hast du vergeigt. Sieh das hier als eine Art Bewährung. Mach‘ das Beste draus. Und um deine Schwäche mach‘ dir keine Sorgen, die gehört dazu.“ „Ach, meine Prüfung geht weiter?“, fragte ich ironisch und fügte vorwurfsvoll hinzu: „Folglich soll ich mich jetzt, schwach wie ich bin, allein hier durchschlagen? Feiner Plan. Also im Ernst, was soll der Unfug?“ Ich beobachtete ihn. Wenn er meine Frechheiten ohne Wutanfall durchgehen ließ, dann war etwas faul … „Ja richtig, du sollst dich ab jetzt allein durchschlagen, Junge. Gut erkannt!“ Die Antwort kam mit unbewegter Miene. Ohne Wutanfall. Hier war etwas faul. Oberfaul! Das alles war eine Lüge! Und Vater musste sehen, dass ich das erkannt hatte, denn offensichtlich fühlte er sich nicht wohl in seiner Haut. Wie abzusehen, begann er sich zurückzuziehen. Übertrieben freundlich erklärte er: „So, ich muss dann auch langsam los, Luzifer. Ich habe noch etwas anderes zu tun. Zuvor werde ich jedoch deine Gestalt in die eines Menschen wandeln. Ich glaube, das bekommst du gerade selbst nicht hin. Und dann überlasse ich dich dem, was dich unweigerlich erwartet.“ Ich stutzte. Was hatte Vater da gesagt? Ich versuchte, seinen Blick zu fixieren und fragte wie nebenbei: „Und … was erwartet mich unweigerlich?“ Er schluckte und verdrehte die Augen. „Das wirst du früher oder später selbst herausfinden. Ich hoffe für uns alle eher früher, als später … äh ja, oder so … und nun entschuldige mich. Gehabe dich wohl, ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner … Prüfung.“ Von einem Moment auf den anderen, ehe ich noch etwas hätte sagen oder gar fragen können, verschwand er in einer dichten Rauchwolke, welche mich, bevor sie sich im leichten Wind auflöste, komplett einhüllte. Als sich der Rauch verzogen hatte, sah ich an mir herunter. Ich hatte eine menschliche Gestalt. Schön, aber wozu? Half mir die wirklich? Verlassen blickte ich mich um. Ich war allein. Ganz allein. Weit und breit gab es kein magisches Wesen und keine Menschenseele. Nichts bewegte sich, außer den Blättern, die im lauen Wind leicht rauschten. Trotzdem verkroch ich mich vorsichtshalber erst einmal in einem riesigen, dornenbewehrten Busch. Diese verdammte Schwäche! Hoffentlich kam ich bald wieder zu Kräften. Bis dahin konnte ich ja Pläne schmieden, was zu tun wäre. Genügend Zeit dafür hatte ich. Leider. Aber im Schlamassel saß ich erst wirklich, wenn die Falkenküken ihre Schnäbel in mein Fleisch bohrten. Bis dahin würde ich kämpfen! Also, was war das mit dieser ominösen Prüfung? Irrte ich mich vielleicht und mein Zweifel an der Prüfung war unberechtigt? Gut, das würde ich sehen. Dann war da noch dieser falsche Luzifer. Der Doppelgänger. Oder was auch immer das für ein Typ war, der vermutlich gerade jetzt meinen Platz im Tal einnahm. Und der wohl genauso geschwächt war, wie ich. Das alles, kombiniert mit dem ungewohnt hilflosen Lügengeflecht des Alten … war seltsam. Es ergab keinen Sinn. Oder doch? Lug und Trug waren für einen Teufel nichts Ungewöhnliches. Aber so laienhaft, das war nicht normal, zumal Vater sonst ein sehr guter Lügner war. Also, warum konnte er es plötzlich nicht mehr? War etwas nicht nach seinem Plan gelaufen? Vielleicht. Gut, das könnte ein Ansatz sein. Das war etwas, was es herauszufinden galt. Doch wo konnte ich das am Ehesten herausfinden? Natürlich im Tal Nirgendwo. Bei meiner Mutter allenfalls. Sie würde vielleicht Rat wissen und mir helfen. Bei dieser Gelegenheit könnte ich eventuell auch gleich den falschen Luzifer vertreiben. Sollte der sich doch prüfen lassen, ich hatte keine Lust mehr auf diesen Unfug. Also, ab durch den Zaubertunnel nach Nirgendwo! Meine Zauberkräfte regenerierten sich zwar bisher nicht, aber dafür würden sie schon reichen. Große Kräfte waren nicht nötig, denn wenn man das Tal durch den Tunnel in der Zauberhöhle verließ, schloss dieser sich nicht vollständig. Er wartete auf den Reisenden. Ich brauchte ihn nur zu rufen. Entschlossen kroch ich aus dem Gebüsch heraus und sah mich vorsichtig um. Niemand war zu sehen, niemand war zu spüren. Mit schnellen Handbewegungen beschwor ich die Magie des Zaubertunnels. Doch nichts geschah. Verwundert starrte ich meine Hände an. War der Zauber vielleicht doch zu schwach gewesen? Hatte ich mich zu früh gefreut? Ich versuchte es noch einmal. Mit all meinen magischen Kräften wiederholte ich den Spruch und die zugehörigen Handbewegungen. Doch außer, dass mir schwarz vor Augen wurde, schimmerte kein blaues Licht und auch blauer Nebel quoll nicht aus der Erde. Nichts geschah, nicht einmal ein kleines, blaues Fünkchen ließ sich sehen. Kraftlos sank ich auf die Knie. War ich vielleicht doch zu schwach? Oder … war der Zaubertunnel vielleicht für mich verschlossen? Aber das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein! Das hieße ja, dass ich hier für immer festsaß! Geschwächt ließ ich mich rücklings ins Moos sinken. Nach einer Weile erst verschwand das dumpfe Pochen in meinem Kopf und statt der weißen Nebelschwaden sah ich wieder die grünen Blätter der Bäume und Büsche um mich herum. Den Brechreiz überwindend stand ich auf, setzte mich auf einen Baumstamm und sah mich um. Abgesehen von einer aufgeregt davonflatternden Amsel war ich noch immer allein. In kalten Perlen stand mir der Schweiß auf der Stirn. Ich fühlte mich gerade wieder kräftig genug, um langsam klarere Gedanken fassen zu können. Es war wohl an dem, der Weg ins Tal war mir verwehrt. Ich saß hier fest. Aber wieso? Plötzlich hatte ich eine Eingebung: Der falsche Luzifer! Na klar, warum war ich nicht eher darauf gekommen? Das war es: Diese Imitation von mir hatte die wartende Tunnelmagie gestohlen. Meine Fahrkarte nach Nirgendwo hatte sich in Luft aufgelöst. Ohne sie kam ich hier nicht weg. Nicht mit meiner geschwächten Magie … und auch sonst nicht, denn das war der einzige Weg nach Nirgendwo. Ich würde wohl oder übel hier bleiben müssen. Vorerst jedenfalls, denn so leicht würde ich nicht aufgeben, das schwor ich mir. Ich würde einen Weg finden. Ob nun für die Prüfung oder für was auch immer – ich war immerhin ein von Beelzebub! Und jetzt musste ich mich erst noch einmal ausruhen. Wieder zu Kräften kommen. Gut gedacht, nur fehlte mir verdammt noch mal die notwendige innere Ruhe dafür. Wie sollte ich ruhen, wenn mich die Ungeduld auffraß? Vor allem jetzt, wo sich die Ereignisse überschlugen! Aufstöhnend stützte ich den Kopf auf die Hände und schloss die Augen. Doch die warme, leicht modrige, würzig riechende Waldluft und das leise Rauschen der Blätter taten das Ihrige. Die angespannten Nerven schwangen langsamer und die mühsam geschlossenen Augenlieder wurden schwerer …


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