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Seit er denken kann, spürt Leon, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er hat die Fähigkeit, seine Träume weit über das übliche Maß hinaus zu lenken. Allerdings will ihm das bei dem alljährlichen kurz vor seinem Geburtstag wiederkehrenden Albtraum nie gelingen: Dieser macht ihn zum Gefangenen eines fremden Willens, auf dessen geheiß er Dinge vollbringt, die so schrecklich sind, dass er sie schon wieder verdrängt hat, wenn wer morgens aufwacht ... Doch da ist noch mehr: Stets muss er darauf achten, nicht von den Gefühlen anderer überflutet zu werden, sobald ihr Schatten auf ihn fällt. Und sein eigener Schatten scheint ohnehin ein Eigenleben zu führen. Schließlich ist da noch dieses unheimliche Raunen und Wispern, das ihn im Dunkeln umgibt und ihn die Finsternis fürchten lässt. Zu viel für Leon: Seine Andersartigkeit lässt ihn zum Einzelgänger werden - und für seine Umwelt ist er schlicht ein Freak. Als er Lucy kennenlernt, erfährt sein Leben eine Wende. Zum ersten Mal spürt Leon, wie es sich anfühlt, zu jemandem zu gehören. Zuhause zu sein. Durch Lucy lebt auch die schmerzlich vermisste Freundschaft zu seinem Zimmergenossen Christian wieder auf. Doch Glück und Unglück liegen oft nahe beieinander. Ein Mord geschieht. Der blutige Vorfall offenbart Leon Dinge, die es eigentlich nicht geben dürfte, und führt ihn in eine Welt, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Etwas in ihm bricht auf, etwas, das bisher - zu Recht? - im Verborgenen lag. Die Suche nach dem Mörder wird zugleich zu einer Suche nach sich selbst. Leon erfährt Geheimnisse, die besser im Dunkeln geblieben wären, und entdeckt, dass Kräfte in ihm schlummern, die alles andere als menschlich sind ...
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Zwischenfall
Den Sonntag verbringt Leon wie den Tag zuvor: auf seinem Zimmer. Seine finstere Miene steht mit der strahlenden Sonne im Widerstreit. Das Himmelslicht wird nicht müde, allem und jedem ein Schattenabbild anzuhängen. Kein Wunder, dass sich die ganze Welt verfolgt fühlt. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass morgens bis abends Kinder aus der Nachbarschaft kreischend hin und her laufen, scheinbar ständig auf der Flucht vor ihren düsteren Doppelgängern? Leon presst die Stirn gegen das kühle Glas der Fensterscheibe. Bei genauerem Hinsehen muss er zugeben, dass das ganze Schauspiel auch an der kunterbunten Pumpgun in den Händen des rothaarigen Jungen mit dem F95-Schal liegen könnte, der mit seinem Spielzeug die übrigen Kinder zu erwässern versucht. Der Witzbold hofft wohl darauf, dass sich der Sommer noch einmal zurückmeldet. Leon schaudert es bei dieser Vorstellung. Nicht nur wegen der schweißtreibenden Temperaturen. Die Sache mit der Sonne und all dem vielen Licht ist schlicht und ergreifend ein zweischneidiges Schwert. Zumindest für ihn. Am Montag schlägt das Wetter zu Leons Zufriedenheit um. Die Sonne verbirgt sich die meiste Zeit hinter einer milchig grauen Mauer. Nur das diffuse Licht, das durch die feinen Ritzen der Wolkenwand sickert, beweist, dass sie sich noch nicht ganz aus dem Staub gemacht hat. Bereits am Vormittag flüchtet Leon in jeder wolkenverhangenen, pflichtfreien Minute nach draußen. Am liebsten, um mit dem Skateboard durch die Gegend zu kurven. In möglichst weiten Bögen um andere Leute herum. Und deren Schatten. Denn wer weiß, ob die Wolkenwand auch wirklich hält, was sie verspricht. Während des Mittagessens bekommt Leon neben Lasagne auch noch ein paar schwer verdauliche Sprüche von Jasmin zu schmecken. Er flüchtet auf dem Skateboard in Richtung Innenstadt. Die Rheinuferpromenade ist wie leergefegt. Der Wind weht den Geruch des Wassers zu ihm herüber. Leon passiert den Schlossturm und trabt die breiten Stufen der Rheintreppe herunter. Zu den Gerüchen, die vom Strom herüberwabern, gesellt sich der Gestank von verschüttetem Bier. Leon wird ganz anders zumute, wenn er an die Menschenmassen denkt, die sich hier bei Sonnenschein tummeln. Nicht zu vergessen das Durcheinander der Schatten. Am Fuße der Treppe angekommen, schaut Leon sich um. Noch weniger Leute als oben. Noch besser. Leon dreht ein paar Runden, bevor er sich ausgiebig an den Feinschliff des einen oder anderen Skateboard- Tricks macht. Die kreisrunden Lichter am Schaft des Rheinturms erinnern ihn schließlich daran, dass es Zeit wird aufzubrechen. Auf dem Rückweg verfehlt er einige Passanten nur um Haaresbreite, darunter zwei Weißkappen in Uniform. Einer der Polizisten will sogar sein Board konfiszieren, aber Leon ist schneller davon, als der andere zupacken kann. Auch seinen Mitbewohnern geht er in diesen Tagen möglichst aus dem Weg. Am leichtesten macht es ihm Lucy, von der er bisher nicht einmal eine Haarspitze zu sehen bekommen hat. Den anderen ist sie ebenfalls noch nicht über den Weg gelaufen, wie Leon am Rande mitbekommt. Nur Sarah und die übrigen Betreuer suchen Lucy regelmäßig in ihrem selbst gewählten Exil auf und versorgen sie mit dem Nötigsten.
„Vielleicht hat die ja die Fresse voller Pickel und schämt sich“, spottet Jasmin während des gemeinsamen Frühstücks am Dienstagmorgen. Nicole schlägt in die gleiche Kerbe. „Oder sie hat ‘ne Pestlippe.“ „So was kriegt man doch, wenn man sich vor etwas ekelt, oder? Vielleicht ist die Heulboje ja doch mal aus dem Mief ihrer Wohnhöhle gekrochen. Wer oder was ist ihr da wohl über den Weg gelaufen?“ Jasmin nimmt jeden der Anwesenden genauestens in Augenschein. Leon kann sich an fünf Fingern ausrechnen, was jetzt kommt. Jasmin enttäuscht ihn nicht. Als ihr Blick auf ihn fällt, weiten sich die Augen seiner Mitbewohnerin in gespielter Erkenntnis. „Leon!“, stellen Jasmin und Nicole zeitgleich fest und schlagen sich in perfekt einstudierter Choreographie vor die Stirn. Leon lächelt betont müde, doch das Grinsen der beiden Mädchen nagt kleine Stücke aus seiner mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung. Mit beiden Händen klammert er sich an seiner Lieblingstasse fest. Ein feuerroter Drache auf – wer hätte das vermutet – schwarzem Grund. Sarahs Willkommensgeschenk. WG-Tradition. Komisches Gefühl, etwas geschenkt zu bekommen, nur weil man irgendwo ankommt. Ohne Geburtstag. Ohne Weihnachten. Zwei Kerben am Rand, eine am Griff. Für jedes Jahr eine. Die vierte fehlt noch. Wäre schön, wenn es dabei bliebe. Zum Glück hat es den Drachen bisher nicht erwischt. Jasmin unternimmt einen weiteren Versuch, Leons zur Schau gestellten Gleichmut auf die Probe zu stellen. „Oh Mann, die Cornflakes sind alle. Welcher Vollhorst hat die leer gemacht, ohne mich vorher zu fragen?“ Sie macht sich nicht einmal die Mühe, ihren Blick auf Rundreise zu schicken. Unverblümt schaut sie Leon an. „Das kannst ja eigentlich nur du gewesen sein. Ansonsten frisst hier ja niemand das Zeug.“ „Und wenn?“ Da ist dieses flaue Gefühl in der Magengrube. Bestimmt nicht wegen der Flakes, die er sich vor einer halben Stunde einverleibt hat. Die waren echt in Ordnung und noch weit diesseits des Mindesthaltbarkeitsdatums. Schwer im Magen liegt ihm einzig und allein die Missachtung einer seiner goldenen Regeln: Nimm nie den Rest von etwas, das womöglich im Keller auf Vorrat liegt. Aber vielleicht hat er ja Glück und … „Hallo! Erde an Döskopp!“ Jasmin hält Leon einen abgewetzten Schlüssel mit langem Schaft und gewelltem Bart vor die Nase. „Hast dich sowieso schon viel zu lange davor gedrückt.“ Gebannt starrt Leon auf den Schlüssel, der an einem Plastikanhänger vor ihm hin und her schwingt. Auf dem Anhänger die Aufschrift Keller. Scheiße. „Und mach hin, ich hab Kohldampf.“ Muss das sein? Als hätte Jasmin seine Gedanken gelesen, fügt sie hinzu: „Du kennst die Regeln. Wer sich den Rest unter den Nagel reißt, muss für Nachschub sorgen. Oder soll ich Petra rufen, damit sie dich ans Händchen nimmt, du Schisser?“ Sie grinst breit. „Die freut sich bestimmt.“ „Du hast mir gar nichts zu sagen!“ Christian rückt vom Tisch ab. „Hört auf zu streiten. Das ist ja echt nervig. Dann hol ich eben die blöden Flakes.“ Leon schnellt vom Stuhl hoch und schnappt sich den Schlüssel. „Ist meine Sache.“ Christian hebt die Schultern und blickt zur Küchenuhr. „Macht doch, was ihr wollt. Ich bin dann mal weg. Hab Petra schon Bescheid gesagt.“
Leon verlässt die Wohnung nach Christian und ganz ohne Eile. Soll Jasmin ruhig glauben, dass er sich so viel Zeit lässt, um sie zu ärgern. Wahrscheinlich weiß sie es sowieso besser. Leider. Im Hausflur ist es kühl. Eine Gänsehaut überzieht Leons blanke Arme. Vielleicht sollte er sich erst mal was überziehen … Mach hin, dann hast du es hinter dir. Er schaltet das Licht ein. Geht die Treppe zum Keller hinunter. Er weiß, dass ihm knapp 90 Sekunden bleiben, bis das Licht wieder ausgeht. Zum Glück gibt es neben der Kellertür einen weiteren Lichtschalter. Am ersten Etappenziel angekommen, steckt Leon den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn aber noch nicht herum. Er drückt auf den Lichtschalter. Noch mal 90 Sekunden. Ab jetzt. Während er stumm mitzählt, greift Leon in seine Hosentasche. Seine Finger kämpfen sich durch den üblichen Wust aus Papiertaschentüchern, Taschenmesser, Kleingeld und Bonbonpapier. Leise klirrend kommt der magere Schlüsselbund zum Vorschein. Die Schlüssel selbst sind völlig uninteressant. Wichtig ist nur der stabförmige, nicht einmal kleinfingerdicke Anhänger. Eine Taschenlampe. Leon hat sie sich nach dem letzten Kellerausflug zugelegt. Der Stromausfall ist ihm eine Lehre gewesen. Leon drückt auf den kleinen, schwarzen Plastikknopf. Ein bläulicher Lichtkreis erscheint auf der Kellertür. Er hat lange suchen müssen, um eine Lampe mit blauem Licht zu finden. Er prüft das Licht noch mal. Aus. An. Aus. An. Aus. Nur zur Sicherheit. Und drückt noch mal den Schalter fürs Treppenhaus. Mann, jetzt mach schon … Selbst das kalte Metall der Türklinke fühlt sich wärmer an als seine Finger. Er öffnet die Tür. Ohne Umschweife fällt sein Blick auf den Kippschalter rechts von ihm. Er legt den Schalter um. Die weiter unten lauernde Dunkelheit wird von dem aufflammenden Licht in die Ritzen und Fugen zurückgetrieben, aus denen sie gekrochen ist. Nach zehn Stufen bleibt Leon abrupt stehen. Er dreht sich um. Bis auf die weit offen stehende Kellertür ist nichts zu sehen. Und auch nichts zu hören. Alles nur Einbildung. Nervensirren. Und weiter. Leons Schatten zeichnet sich dunkel auf den Betonstufen ab, wie ein eigenständiges Lebewesen, das ihm vorausschleicht, um ihn in die Falle zu locken. Leon fuchtelt mit den Armen. Sein Schatten winkt gehorsam zurück. Vielleicht einen Tick zu spät. Oder einen Deut übertriebener als das Original. Spinner. Nur zu gut erinnert er sich an Christians spontane Diagnose, als er ihm davon erzählt hat, was er manchmal in den Schat ten sieht – in denen anderer Menschen und in seinem eigenen. Den Blick, mit dem Christian ihn betrachtet hat. Wie er ein Stück von ihm abgerückt ist. Wie von einem Aussätzigen. Aus dem Bruch zwischen ihnen wurde im Laufe der Zeit eine unüberwindbare Kluft. Wenigstens hat Christian das Geständnis für sich behalten. Ein letzter Freundschaftsdienst. Vielleicht so eine Art Abschiedsgeschenk. Leon erreicht den Fuß der Treppe. Er atmet tief durch. Schisser. Jasmins Stimme zischt durch seine Gedanken. Macht ihm Beine. Zeitlupenbeine. Leon setzt einen Fuß vor den anderen. Wieso ist der Keller überhaupt so groß? War wohl ein geistig umnachteter Architekt, der ihn entworfen hat. Einer, der auf Irrgärten und Horrorfilme steht … Leon lugt um die Ecke in den nächsten Gang hinein. Wieso muss der Vorratsraum auch noch so weit hinten liegen? Er beäugt seinen Schatten. Je nach Stand der Deckenlampen erscheint er mal schemenhaft, mal scharf umrissen, mal vor ihm, mal neben ihm, mal hinter ihm. Leon wünscht sich Augen im Hinterkopf. Oder eine andere Kellerbeleuchtung. So eine wie im Kaufhaus oder in Büroräumen. Diffuses Licht. Schattenunfreundliches Licht. Platz eins in Leons persönlicher Top Ten der Lampen- und Beleuchtungshitparade. Dicht gefolgt von blauem Licht. Leon erreicht sein Ziel. Aufatmen. Die Tür zum Vorratsraum ist unverschlossen. Doch wo sind all die Sachen hin? Und was machen die Blumentöpfe und das Gartenzeugs hier drin? Hat er sich vielleicht im Raum geirrt? So lange ist es nun auch wieder nicht her, als er das letzte Mal hier unten gewesen ist. Der Groschen fällt. In das Sparschwein mit der Aufschrift Eigentor.Wer hat in der WG-Versammlung vor drei Wochen noch mal vorgeschlagen, den Keller umzuräumen? Leon! Wer hat es wohl verpasst, sich selbst darum zu kümmern? Leon! Ein neues Kapitel im Buch Der Weg war umsonst. Ihm wird schwarz vor Augen. Seinen Kreislauf trifft keine Schuld. Nur die Stromversorgung. Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt bloß nicht panisch werden. Er tastet sich zur Tür zurück. In seinen Ohren rauscht ein blutroter Fluss, der alle anderen Geräusche schluckt. Was gibt’s da auch schon zu hören? Hier unten ist niemand. Nur er selbst. Und die Dunkelheit. Leon klammert sich an den Türrahmen. Trotzdem hat er das Gefühl zu schwanken, wie ein Schiff in Seenot. Der Türrahmen ist das Riff, auf das er aufgelaufen ist – und von dem ihn die nächste nachtschwarze Welle wieder fortspülen wird. Kein Leuchtturm in Sicht. Kein Licht, das ihn in den sicheren Hafen geleitet. Du Idiot! Die Taschenlampe. Er hält sie die ganze Zeit in der Hand! Er tastet nach dem Schalter. Die Hände zittern, die Finger sind klamm. Der Schlüsselbund mit der Lampe fühlt sich glitschig an wie ein Fisch. Schwups, da fällt er auch schon und landet klirrend auf dem Fußboden. Leon flucht. Bitte, bitte, lass sie nicht kaputt gegangen sein! Er will sich bücken, aber seine Knie zittern. Selbst das Rauschen in seinen Ohren verstummt. Ein zu Eis erstarrter Fluss. Das hast du ja wirklich toll hingekriegt! Erneut tastet Leon nach dem Türrahmen. Mit dem Rücken lehnt er sich dagegen. Sein Hinterkopf pocht rhythmisch gegen die glatte Fläche. Wie blöd muss man sein …Heiße Tränen schießen ihm in die Augen, verschleiern seine Blindheit. Als ob sie sich über ihn lustig machen wollten. Leon wischt sie fort. Jetzt bück dich schon und heb ihn auf. Irgendwo vor dir muss er ja liegen. Aber wo? Zentimeter für Zentimeter rutscht er, den Rücken am Türrahmen, nach unten. Er bleibt in der Hocke sitzen. Das Kinn auf der Brust. Nichts zu hören. Nur sein Atem. Und der mehligtrockene Geruch des Steinbodens. Leon lässt sich auf alle viere nieder. Schutzlos fühlt er sich. Ausgeliefert. Tastet sich in das Dunkel vor. Kleine Steinchen bohren sich in seine Handballen. Grobkörniger Staub bleibt an den Fingern kleben. Keine Spur vom Schlüsselbund. Vielleicht unter einem der Regale? Leon quetscht seine schlanken Finger zwischen Regalbretter und Kellerboden. Doch das Einzige, was er sich einfängt, sind zwei Holzsplit- ter, Schürfungen und ein umgeknickter Fingernagel. Leon beißt die Zähne zusammen. Am liebsten würde er losheulen. Er schluckt die Tränen hinunter und sucht weiter. Der Elektriker muss ein guter Freund des Architekten gewesen sein. Oder vielleicht waren die beiden ja sogar miteinander verwandt? Wer sonst käme auf die total bescheuerte Idee, die gesamte Kellerbeleuchtung nur über einen Schalter zu steuern? Und wer hat ihm den Saft abgedreht? Das Licht geht nämlich nicht von allein aus wie das im Treppenhaus. Das war kein Zufall. Auch kein Versehen. Der Kreis der Verdächtigen ist klein. Sehr klein. Petra fällt schon mal raus. Sie beschränkt sich üblicherweise auf die kleinen Gemeinheiten, die ihr von den anderen Betreuern nicht nachgewiesen werden können. Bleibt eigentlich nur … Guck erst einmal, dass du hier rauskommst. Leon sucht weiter, tastet einmal im Kreis und trifft wieder auf den Türrahmen. Er hangelt sich hoch. Seine Knie zittern. War da nicht ein Geräusch hinter ihm? So ein Knacken wie von Holz? Er denkt an den Baum in Poltergeist, der lebendig wird und die Äste nach seinen Opfern ausstreckt. Leon vertreibt jeden Gedanken an den Uraltstreifen. Du musst hier raus. Seine Füße fühlen sich nicht angesprochen. Nicht einen Millimeter bewegen sie sich vom Fleck. So weit ist es nicht bis nach oben. Endlich gibt er sich einen Ruck, schleicht in den Gang hinaus. Tastet sich an der Kellerwand entlang. Trotz der lichtlosen Schwärze um ihn herum reißt er die Augen weit auf. Hier ist niemand. Leon unterdrückt den Impuls, hinter sich zu fassen. Du bist ganz allein. Trotzdem geht er jetzt schneller. Immer schneller. Jetzt links … Er stolpert über eine Kiste. Holz schabt über Stein. Er erstarrt und lauscht in die Stille. Umständlich steigt er über das Hindernis. Um bloß nicht den Kontakt zur Wand zu verlieren. Noch ein paar Schritte geradeaus, dann rechts herum … Leon wechselt zur anderen Seite des Gangs. Rasch, damit der Dunkelheit auch ja keine Zeit bleibt, die rettende Wand zu verschlingen. Zwei geprellte Finger und ein trockenes Knacken im Handgelenk sind der Preis, den seine Linke für die hastige Aktion zahlt. Leon schluckt den Fluch hinunter. Selbst schuld. Sein rechter Fuß stößt an den Treppenabsatz. Endlich! Leon sucht nach dem Geländer. Mitten in der Bewegung hält er inne. Mit geweiteten Augen starrt er in die Dunkelheit. Hat sie sich nicht noch mehr verfinstert? Ist sie nicht irgendwie … dichter geworden? Die feinen Härchen in Leons Nacken richten sich auf. Er fröstelt. Dann vernimmt er es. Dieses Wispern. Das Raunen. Wortlos. Stumm. Unlaute, für die seine Ohren taub sind. Die ohne Umschweife in sein Denken, in sein Fühlen eindringen. Wie beim letzten Mal. Wie früher. Ich bilde mir das nicht nur ein … Ich bin nicht verrückt … Ein kühler Hauch dringt Leon unter die Haut. Geisterfinger, die sich in sein Innerstes vortasten. Die etwas suchen. Etwas, das tief in ihm verborgen liegt. „Nein!“ Leon stürzt die Treppe hinauf. Die Stufen paktieren mit der Dunkelheit. Ein ums andere Mal versuchen sie, ihn zu Fall zu bringen. Auf der Zielgeraden zur Tür erwischen sie ihn. Der Länge nach schlägt Leon hin. Instinktiv dreht er den Kopf zur Seite. Ein Schmerz an der Schläfe. Im Mund knirscht etwas. Metallischer Geschmack auf der Zunge. Der flammende Schmerz tritt in den Hintergrund, wird zu schwarzem Rauch, in den sich Leon flüchtet.
Der dunkle Leib des Riesen ragt aus den milchigen Schwaden des Wolkenmeeres, schiebt sie beiseite mit seinem breiten Kreuz und dem kantigen Schädel. Um seine Schultern liegt ein Mantel aus weißem Samt. Unzählige zu Eis erstarrte Sterne sind in den zerschlissenen Stoff eingewoben und erwidern den funkelnden Gruß ihrer Geschwister hoch oben in der endlosen Schwärze. Tiefe Furchen durchziehen die Haut des einsamen Giganten, die unter dem fadenscheinigen, löchrigen Weiß des Mantels schwarz und grau hindurchschimmert. Seiner verwahrlosten Erscheinung zum Trotz steht der Riese aufrecht. Reckt sich dem hell leuchtenden Mond entgegen. Wie um ihn herauszufordern. Oder um ihm einfach nur seinen Gruß zu entrichten. Wie es unter Ebenbürtigen üblich ist. Wie von König zu König. Denn nicht nur das majestätische Himmelsrund ziert eine glänzende Krone. Auch das Haupt des Riesen schmücken die Zacken eines solch herrschaftlichen Zeichens. Verkennung wandelt sich zu Erkennen. Langsam. Als erwache Leon aus tiefem Schlaf. Als könne er Traum und Wirklichkeit noch nicht so recht voneinander unterscheiden. Nach und nach klart sein Blick auf. Die Zacken der Krone werden zu Türmen, die Krone selbst zum Ringbau einer Festung. Zu einer Festung, errichtet aus zu Stein erstarrter Finsternis, hoch oben auf einem Berg. Wie aus dem schneebedeckten Gipfel entwachsen. Kein Licht dringt aus den Fenstern und Torbögen. Nicht der kleinste Funke. Still und verlassen liegt die Festung unter ihm. Als schaue er von einem noch viel höheren Gipfel auf sie herab. Noch nie hat Leon eine solche Ruhe erlebt. Kein Laut dringt an sein Ohr. Grabesstille. Nicht einmal das Flüstern eines Windhauchs ist zu hören. Alles Leben verharrt. Hält den Atem an. Doch die lautlose Düsternis schreckt Leon nicht. Stattdessen fühlt er … „Dieser Weg ist nicht der deine.“ Leon wirbelt herum. Ein bloßer Reflex. Von überall her könnte die Stimme erklungen sein. Spiegelglatt ist die Ebene, in der er sich wiederfindet, wie ein Meer aus Öl erstreckt sie sich endlos in alle Himmelsrichtungen. Doch Himmel ist nicht das richtige Wort für das Chaos, das über Leon wogt: Das Spiegelbild dessen, was unter ihm liegt. Und womöglich spiegelt die Ebene tatsächlich nur den Himmel. Oder der Himmel die Ebene. Falls es an diesem seltsamen Ort überhaupt ein Oben und Unten gibt. Leon fühlt keinen festen Boden unter seinen Füßen. Und doch fällt er nicht. Vielleicht gaukelt ihm auch nur sein Verstand die Illusion von Himmel und Erde vor. Um seinen Füßen, seinen Augen Halt zu geben, so trügerisch er auch sein mag. Um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren, der hinter der Aufhebung aller Naturgesetze lauert. Bis auf die Spiegelbilder des hin und her wogenden Ölmeeres ist jedoch nichts zu erkennen. Nichts und niemand. Wer also hat mit ihm gesprochen? Zögerlich dreht sich Leon wieder um. Und prallt mit rudernden Armen zurück. Direkt vor ihm im Boden klafft ein gewaltiger Riss. Eine Wunde mit aufgeworfenen Rändern. Wie mit einer riesigen, ungeschliffenen Klinge geschlagen, die mit brutaler Gewalt aus dem Fleisch des Opfers gezerrt wurde. Also hat er sich doch nicht getäuscht. Er hat den Berg mit der Festung gesehen. Und er ist unter ihm, in dem Spalt. Ein zarter Schleier, dünn und durchscheinend wie ein Libellenflügel, liegt über der Szenerie. Lässt sie unscharf erscheinen. Unwirklich. Jenseits des Abgrunds, inmitten der Ebene, erblickt er plötzlich eine Gestalt. Sie muss es sein, die zu ihm gesprochen hat. Jedenfalls vermutet er das. Niemals zuvor ist Leon einem solchen Wesen begegnet. Nicht einmal in seinen Träumen. Unsichtbare Hände bändigen den quecksilbrigen Leib. Trotzen ihm ein Äußeres ab, das nur vage an einen Menschen erinnert. Eher an einen Geist. Die Konturen der Erscheinung zerfließen. Wehen davon wie Schwaden milchigen Nebels, mit denen der Wind sein Spiel treibt. Leon erkennt keine Arme, keine Beine. Als sei die Gestalt in einen langen Mantel gehüllt. Dieser Anblick. An irgendetwas erinnert er ihn. Sein Blick sucht das Gesicht des gespenstischen Wesens. Und mit einem Mal wankt Leons Verstand. Verliert den kläglichen Halt, den ihm die Illusion von Oben und Unten bis eben noch bot. Ordnung zerschellt. Nicht am Chaos, sondern an dem, was Leon anstelle des Gesichts erwartet. Etwas, das sich seinen Sinnen entzieht. Das es nicht geben dürfte. Das es auch nicht gibt. Leons Verstand droht zu verzweifeln. Er weigert sich, dieses Nichts als wahrhaft existent hinzunehmen. Diesen blinden Fleck, den sein Hirn nicht zu füllen vermag. So unmöglich wie Leben und Tod in ein und demselben Wesen, wie Licht und Dunkelheit an ein und demselben Ort. „Kehre um.“ Keinerlei Regung liegt in der Stimme, deren Klang in Leons Gedanken tausendfach nachhallt. „Wo bin ich? Ist das ein Traum?“ „Du bist der Traum.“ „Ich bin … was?“ Leon schüttelt den Kopf. Dann nickt er plötzlich. „Klar träume ich das hier nur.“ Wieso ist ihm der Gedanke nicht bereits viel früher in den Sinn gekommen? Andererseits passiert es selbst ihm gelegentlich, dass er träumt, ohne es sofort zu bemerken. Die Anzeichen lassen jedoch keinen anderen Schluss zu. Die unwirkliche Umgebung, Berg und Festung unter ihm, das seltsame Wesen … Die Beweislast ist erdrückend. Leons Gedanken ordnen sich. Das Wanken lässt ein wenig nach. Vielleicht auch nur, weil er dieses Gesicht, dieses Etwas, dieses … Nichts meidet. Allein der Gedanke daran bereitet ihm Unbehagen. Versengt sein Hirn. Samt aller Erinnerungen an den eben erlebten Irrsinn. Leon hält den Blick gesenkt. Schaut durch den Spalt auf die nächtlich- winterliche Berglandschaft hinab. „Verirrt hast du dich. Du solltest nicht hier sein.“ „Wer bist du?“ Keine Antwort. „Wie heißt du?“ „Wir haben keinen Namen. Wir brauchen keinen Namen.“ „Wir?“ Niemand sonst ist zu sehen. „Die Sprache der Vergänglichen kennt kein Wort, das uns bestimmt.“ „Wer oder was seid ihr dann? Du und die anderen?“ „Es gibt keine anderen. Nur uns. Wir wahren das Gleichgewicht.“ „Welches Gleichgewicht?“ „Jenes zwischen Diesseits und Jenseits.“ Diesseits und Jenseits. Eine düstere Ahnung macht sich in Leon breit. Ein Hauch von Abschied. Von Endgültigkeit. Von … „Du musst diesen Ort jetzt verlassen.“ Leons Blick geht wieder nach unten, klammert sich an den von der Festung gekrönten Berg in dem Spalt – das einzig Reale in dieser sonderbaren Umgebung. In Leon regt sich etwas. Zerrt an ihm. Dieser Weg ist nicht der deine. Und doch wünscht sich ein Teil von ihm nichts sehnlicher, als sich in den Spalt fallen zu lassen. Er fürchtet weder den steil aus dem Nebel ragenden Gipfel noch die lichtlose Festung. Vielmehr erscheinen sie ihm vertraut. Wie gute Freunde. Sicherer als jeder andere Ort, an dem er jemals gewesen ist. Irgendwie verrückt. Doch heißt es nicht, dass Feuer manchmal mit Feuer bekämpft werden muss? Muss man nicht den Feind kennen, um ihn besiegen zu können? Vielleicht bedarf es ja einer Festung, erbaut aus zu Stein erstarrter Finsternis, um sich vor dem Dunkel zu schützen. Um endlich Ruhe zu finden. Du musst diesen Ort jetzt verlassen. Ein dumpfer, zäher Schmerz frisst sich in Leons Herz. Füllt es mit Blei. Der Druck in seiner Brust raubt ihm die Luft zum Atmen. Er fühlt sich krank. Krank vor … Ihm will kein Name einfallen für das, was er fühlt. Nie zuvor hat er etwas Vergleichbares empfunden. Leon schaut auf, die Zähne fest zusammengebissen, die Hände zu Fäusten geballt. Dies ist sein Traum. Niemand hat ihm zu sagen, wohin er zu gehen hat und wohin nicht. Niemand kommandiert ihn herum. Nicht hier.
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