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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Krass, Ben Lehman
Ben Lehman

Krass


DAS total verrückte Märchenbuch

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1. Das Fest


 


Mady zögerte länger als sonst. Schließlich stupste sie Ruth scheinbar beiläufig an: „Wann machen wir es endlich?"


„Was denn?", ihre Schwester Ruth verstand nur Bahnhof, „los sag schon!"


Genau darauf hatte Mady gewartet: „Unser Sommerfest natürlich. Davon rede ich doch dauernd."


„Ich schwöre es! Kein Wort hast du gesagt."


„Trotzdem!"  Mady warf entschlossen das Köpfchen in den Nacken und grinste listig. „Wir werden ein Sommerfest veranstalten. Hast du das begriffen? Es wird unser aller-, aller-, allerschönstes Sommerfest."


„Aber ...", Ruth riss entsetzt die Augen auf.


„Was aber?", zischte Mady schroff.


„Wir hatten noch nie ein Sommerfest, liebe Mady", stammelte Ruth kleinlaut, „es ist doch der erste Sommer in unserem Leben."


Mady drehte sich zur Seite.


Ruth bebte. Dieser gemeine Befehlston. Genau wie Vater.


„Eben", keifte Mady und wandte sich Ruth wieder zu, „dann wird's höchste Zeit. Und wir laden viele Freunde ein. Verstanden? Viele Freunde!"


„Welche Freunde?", Ruth hielt den Atem an, „wir haben doch keine Freunde."


Das hätte Ruth nicht sagen sollen. Mady brauste auf: „Du vielleicht. Ich schon! Zum Beispiel, äh ..."


„... ja wen denn?", einen winzigen Moment triumphierte Ruth.


Mady fixierte sie durchdringend. Wieder dieser ekelhafte, stählerne Blick: „Zum Beispiel ... Tom, sein Bruder Bob und meinetwegen alle Schwestern. Eine heißt Longi oder so ähnlich. Sind das vielleicht keine Freunde?"


Ruth erschrak: „Diese hässlichen Regenwürmer willst du einladen? Du musst verrückt sein. Sippschaft! Pfui Teufel."


„Na und?", Mady senkte ihre Stimme. Sie kam Ruth ganz nahe und scherzte: „Dann ist der Unterschied zu uns beiden umso deutlicher. Ich finde uns Raupen sehr schön."


Damit traf Mady haargenau Ruths schwache Seite.


„Ja, ja, schon", lächelte sie sanft. „Gewiss ..."


Doch dann gab sie sich einen Ruck: „Was heißt überhaupt deutlicher? Nützt doch nichts. Regenwürmer haben keine Augen. Du bist vielleicht blöd!"


„Natürlich weiß ich das, liebe Schwester. Dann bewundern uns die anderen umso mehr."


Ruth ahnte nichts Gutes: „Die anderen? Um Gottes willen, welche anderen?"


„Ach Ruth! Überlege doch mal. Zum Beispiel ... Grilli, die musiziert immer so schön", Mady prüfte Ruths Reaktion eine Sekunde lang, dann fuhr sie fort: „Was hältst du von Schrecki? Wenn die beiden unserer Einladung folgen, kann getanzt werden."


„Waaas? Die Heuschrecke auch noch? Ich fasse es nicht. Hoffentlich war's das?", Ruth konnte nicht mehr.


„Wo denkst du hin?", wenn Mady mal Oberwasser hatte, war sie nicht mehr zu bremsen. Ruth hatte schon lange die Nase voll. Sie hasste Aufregung und saß am liebsten auf einem schönen, frischen, knackigen Salatblatt und ließ es sich himmlisch schmecken.


Inzwischen quasselte Mady unaufhörlich weiter: „Tante Alberta, die Nacktschnecke von nebenan, soll auch kommen. Kann ja ihre Kinder mitbringen."


„Die müssen doch früh ins Bett", wagte Ruth einzuwenden.


„Papperlapapp. So klein sind die gar nicht mehr. Gestern alberten sie bis Mitternacht im Gras herum. Jawoll", Mady nickte heftig, „Tante Alberta muss unbedingt dabei sein ... und natürlich Josefa."


„Die Häuselschnecke? Bitte, bitte, liebe Mady, hör endlich auf!" Ruth drehte sich ächzend um und rutsche davon.


„Und vergiss nicht", rief Mady ihr gehässig hinterher, „es muss alles perfekt vorbereitet werden. Du bist für das Essen verantwortlich. Hast du verstanden?"


Ruth hatte verstanden - und ächzte bitter. Wäre sie doch in eine andere Familie geboren worden.


 


Mady war ungewöhnlich schlau und ein ausgekochtes Organisationstalent. Sie verstand es, nur solche Freunde und Bekannte einzuladen, die sich darum rissen, bei den Vorbereitungen tatkräftig mitzuhelfen. Mady selbst jedoch verzichtete auf jede Art von Arbeit, sie erteilte lieber Befehle.


Leider war ihr ein dummer Fehler unterlaufen. Sie hatte ein paar schräge Typen ausgewählt, die sich grundsätzlich genauso vor Arbeit drücken. Mady schimpfte fast so unanständig wie ihre alte Tante Porti, die eigentlich Portschukula hieß: „Gesindel! Wieder diese Regenwürmer. Was für faule Biester. Immer Ausflüchte."


„Du wolltest sie unbedingt einladen", bemerkte Ruth.


„Feiern und fressen, das können sie, doch arbeiten ...?", keifte Mady und verschluckte sich, „... und was für oberfaule Ausreden. Bob hat sich angeblich das Kreuz verrenkt. Dass ich nicht lache. Hast du so etwas schon mal gehört? Auch Tom kneift, weil er keine Augen hat. Das fällt ihm erst heute ein. Ich dachte immer, Tom wäre der Nettere."


 


Mit großem Geschick hatten sie einen herrlichen, uneinsehbaren Festplatz hinter den Salatköpfen ausgewählt. Doch in letzter Minute weigerten sich alle Helfer, die duftenden, leider viel zu schweren Salatblätter rüber zu schleppen. Blitzartig wusste Mady wieder die Lösung. Sie lud eilends eine Horde Ameisen aus der Nachbarschaft ein. Die zerrten und schleppten und schafften alles in Windeseile.


 


Es regnete leicht, ideale Voraussetzung für ihr Fest. Empfindsame Gäste wie beispielsweise die Regenwürmer oder Nacktschnecken mussten also keine Sorge wegen der Sonne haben. Ruth wuchtete bis zuletzt wunderbar duftende Speisen heran. Sie schwitzte entsetzlich und konnte keinen Gedanken an ihr Äußeres verschwenden.


 


Dagegen machte sich Mady schön wie selten. Sie stand vor einem Wassertropfen und zupfte hier und zupfte dort und schminkte sich mit besonderer Sorgfalt. Und dieses wunderbare grüne Kleid, schwarz abgesetzt. Alle Gäste sollten Mady bewundern.


 


Wie edel der Teppich aus Salatblättern wirkte. Allerdings schimpfte Ruth: „Was für eine Verschwendung! Die schönen Salatblätter."


„Freu dich, Ruth. Setz dich mitten rein. Ist weniger anstrengend, als auf die Salatstauden zu klettern", schäkerte Mady, „letzte Woche wäre Tante Porti beinahe abgestürzt. Sie ist ja schließlich keine Artistin."


„Kein Wunder, bei dem Alter", murmelte Ruth.


 


 


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