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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Karmageister, Simone Gütte
Simone Gütte

Karmageister



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Die Prophezeiung

 


≈ 1


 


Berthe schürte das Feuer unter dem Kupfer­kessel. 


»Nimm Frauenmantelkraut, füge es dem Sud hinzu, dann rührst du alles um, bis sich eine zäh­flüssige Masse bildet«, erklärte sie ihrer Tochter Gesine, als die Tür zur Holzhütte aufgerissen wurde und eine Magd hineinstürmte. 


Erschrocken drehten sich die beiden um. 


»Beeil dich, Wehmutter! Die Wehen unserer Herrin kommen bereits jede Stunde!« Die Magd war vom Laufen völlig außer Atem und japste nach Luft.  


»Beruhige dich«, sagte Berthe. »Wir werden es rechtzeitig schaffen.«


»Es ist etwas geschehen. Er ist wieder da«, be­richtete die Magd. 


»Wen meinst du?«, fragte Berthe. 


Die Magd nahm Berthe ein Stück beiseite. Mit einem Blick auf das Mädchen flüsterte sie: »Drei Eichenblätter über einer blauen Welle, das ist sein Wappen.«


Berthe überlegte eine Weile. Dann lachte sie auf. »Du meinst das Wappen des Verschmäh­ten.«


»Nenne ihn nicht so. Wir müssen uns vor­sehen!«


»Ängstige meine Tochter nicht«, sagte Berthe, als sie sah, wie Gesine die Ohren spitzte. 


Aufmerksam sah das Mädchen seine Mutter an. 


»Lass das Feuer nicht ausgehen, Gesine. Wenn alles fertig ist, kannst du den Kessel vom Haken nehmen, um den Sud abkühlen zu lassen. Hab keine Angst, ich bin bald zurück.« 


Das Mädchen nickte und sah seiner Mutter zu, die sich eilig ihr blaues Leinentuch um die Schul­tern legte. Sie steckte die blonden Locken zurück, die widerspenstig unter ihrer Haube hervorlugten.


Als die Tür hinter Berthe zufiel, stellte Gesine sich auf die Zehenspitzen und warf eine Hand­voll getrocknete Blätter Frauenmantelkraut in den Kessel. Ge­spannt verfolgte sie, wie sich diese mit dem ausge­lassenen Schweineschmalz ver­mengten und hoch schäumten. Mit beiden Hän­den griff sie sich einen Holzlöffel und rührte das sämige Gemisch um. 


Dies ergab eine besonders große Menge an Salbe. Sie wurde den schwangeren Frauen auf den Bauch gestrichen, damit sie weniger Schmerzen hatten, wusste sie. 


Ein feiner würziger Duft stieg aus dem Kessel empor. Er breitete sich in der Holzhütte aus, die aus einem einzelnen Raum mit einer Feuerstelle bestand. Direkt daneben stand ein Tisch mit zwei Stühlen und zwei Schemeln. Unter dem einzigen Fenster der Hütte befanden sich eine große Truhe und eine Bank. Nur ein Vorhang unterteilte das Zimmer in eine Arbeitsstube mit Schlafecke. 


Gesine hatte sich daran gewöhnt, dass ihre Mut­ter die schwangeren Frauen auf der Ebnis­burg oder im südlich gelegenen Löhnsfelde be­suchte. Seit ihr Vater vor wenigen Monaten unter mysteriösen Um­ständen zu Tode gekommen war, lebten sie allein mitten im Lara­wald. Zwi­schen den hohen Bäumen, die mit ihren Blätter­dächern das Häuschen ab­schirmten, fanden sie alles, was sie zum Leben und Herstellen ihrer Salben und Tinkturen brauchten. 


Gesine begann ein Lied zu singen, als sie an ihren Vater dachte.


 


»Mein Vater war ein Köhlersmann, 


schichtete Holz für Kohle an. 


Wachte Tag um Tag, Nacht um Nacht, 


hat den Menschen Wärme und Freude ge­bracht.  


Ruht nun tief im Larawald, 


umgeben von Buchen, Eichen, sehr alt. 


Verbirgt den Blick auf unser Haus


durch Äste und Zweige voller Laub.


Dass er uns behütet, ist unser Glück, 


so bleiben wir beschützt zurück.«


 


Der Reim zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht, während sie die Masse umrührte.


 


≈ 2


 


Marie lief den dunklen Gang hinauf. Er führte direkt aus dem kuppelförmigen Rondell zum Aus­gang des Mauselochs. Einzelne Wurzelenden hin­gen von der Decke herab und kitzelten sie an der Nase. 


Am Ende des Ganges hielt sie inne und streckte den Kopf hinaus. Hier öffnete sich ein zweiter größerer Hohlraum, bevor man die Kuhle verlassen konnte. Marie befand sich in der Eingangshalle.


Getreideähren stapelten sich an den Wänden der Kuhle. Stück für Stück pflückte Jo, der Pförtner, die Körner von den Halmen und sor­tierte sie auf ein­zelne Haufen. Er unterbrach seine Arbeit, als er Maries Atem im Rücken spürte.


Mit schwarzen runden Kulleraugen schaute er sie an und faltete die Pfoten. »Was ist denn vorge­fallen, Marie Laruu?«, fragte er.


»Na, was wohl?«, gab Marie patzig zur Ant­wort. »Hiero mal wieder. Wir hatten schon weit bessere Loherren als ihn.«


Jo schüttelte den Kopf. Er betrachtete die braune Waldmaus vor sich. In seinen Augen war sie wun­derhübsch. Sie war etwas kleiner als er selbst, hatte ein haselnussbraunes Fell und einen weißen Unter­bauch, blitzende schwarze Knopf­augen und einen zarten Flaum weicher Kopfhär­chen, die vor dem Hintergrund des Mauselochs fast durchsichtig schimmerten. 


Er seufzte. Wie konnte eine so hübsche Maus nur so streitlustig sein?


Marie sah zum Ausgang und schnaufte. »Ich bin eine Waldmaus«, sagte sie, und Jo bereitete sich auf einen Vortrag vor, als er den ärgerlichen Unterton vernahm. »Die Laruu-Mäuse haben sich dem Lo­herrn Hiero untergeordnet, aber das heißt nicht, dass wir uns alles von ihm gefallen lassen müssen!« Sie drehte ihren Kopf zu Jo und sah ihn heraus­fordernd an.


»Er heißt Hieronymus, Marie. So solltest du von ihm sprechen.« Als Marie schwieg, hakte Jo nach. »Was hat er dir denn getan?«


»Er behauptet, ich halte mich am falschen Ort auf«, erwiderte Marie und verschränkte die Arme.


Jo wartete. Sonst fing Marie immer mit Mono­logen an, aber diesmal betrachtete sie ihn nur. Er strich sich über sein hellgraues Fell. 


Ob sie mich hübsch findet?,ging es ihm durch den Kopf. 


Er senkte den Kopf und blickte auf seine Füße. Auch diese, einfach nur grau, nicht schwarz wie bei seiner Mutter oder weißbläulich wie bei Hie­rony­mus, kein besonderes Unterfell, nichts.


»Ich lebe bei Menschen«, erinnerte Marie ihn da­ran, dass sie vor ihm stand. 


Jo hob den Kopf und lächelte. Wenigstens habe ich die gleichen schwarzen Knopfaugen wie sie.


Er nickte. »Jo, du lebst bei Menschen«, wieder­holte er ihre letzten Worte.


»Dem Loherrn passt das nicht«, setzte Marie ihren Bericht fort. »Er verbietet mir, zurück­zugehen, obwohl sie mich mögen. Sie stellen mir Milch und Brotkrümel hin. Gesine lässt mich über ihre Hand krabbeln.«


»Du kennst sogar ihre Namen?«, fragte Jo er­staunt.


Marie nickte. »Nicht nur das. Ich kenne ihre Sor­gen und Nöte.« Sie ließ ihren Blick zum Aus­gang wandern. »Hiero ... Hieronymus sagt, es bringe Un­glück, wenn ich mich bei Menschen aufhalte. Was für ein Unsinn! Ich tue doch nichts, ich interessiere mich für sie. Es sind gute Men­schen.«


»Jo, aber warum bist du so gerne bei Men­schen?«


Marie hob die Schultern und sah zur Decke, als ob sie dort die Antwort finden würde. »Es sind be­sondere Menschen. Sie leben wie meine Familie und ich im Larawald. Sie ...« Marie un­terbrach sich mit­ten im Satz und kratzte sich am Hinterkopf. »Sie sehen mich«, fügte sie schließ­lich hinzu.


»Aber hast du keine Aufgabe in deiner eige­nen Familie? Vielleicht Futter sammeln, das Wetter be­obachten oder vor Feinden warnen?«


»Das mache ich nebenher«, sagte Marie, ohne ihn anzusehen.


»Jo, aber jede Maus hat eine spezielle Auf­gabe. Welche ist deine?«


Marie gab einen Laut von sich, den Jo nicht ein­ordnen konnte.


»Ich bin zum Beispiel der Pförtner der Feld­mäuse«, versuchte er, Marie auf die Sprünge zu helfen. »Ich halte Ausschau nach Feinden und warne sofort unsere Scharen.«


»Das weiß ich, Jo«, sagte sie versöhnlich. »Das ist eine besonders schöne Aufgabe.« Sie mochte die graue Feldmaus mit den riesigen Kuller­augen und den langen seidigen Wimpern.


Sie lächelte ihn an, und Jo senkte den Kopf. 


»Ich kehre in den Wald zurück. Berthe und Gesine warten sicher auf mich«, sagte sie.


»Jo, aber was ist mit deiner Familie?«, hakte er nach.


Marie winkte ab. »Sie wissen, wo ich bin, sie vertrauen mir.« Sie blickte hinab in den Gang, aus dem sie eben gekommen war. »Was man von die­sem Loherrn nicht behaupten kann.«


»Er versucht nur, uns zu beschützen. Das ist seine Aufgabe.«


Marie hatte die Stirn in Falten gelegt. »Du musst mich nicht daran erinnern, was seine Auf­gabe ist.«


Jo zog den Kopf zwischen die Schultern. 


Es donnerte über ihnen, dass die Erde erbebte. Die beiden hoben die Köpfe. 


»Reiter«, flüsterte Jo. »Mehrere.«


Die Mäuse drängten zum Ausgang.


»Menschen«, flüsterte Marie.


Jo verzog das Gesicht. »Riechst du das?«


Marie schnüffelte durch die Luft. Sie nickte.


»Das sind keine guten Menschen, nicht wahr, Marie?«


Sie gingen in Deckung, als die Pferdehufe über ihre Behausung preschten. Entsetzt hielten sie sich die Ohren zu. Ihre Körper bebten.


Nein, das sind gewiss keine guten Menschen,ging es Marie durch den Kopf.


»Was ist hier los?« Hinter ihnen war eine weiße Maus aufgetaucht. Sie stützte die Arme in die Hüf­ten und hatte sich zu voller Größe aufge­richtet. Fast den gesamten Höhleneingang füllte sie aus.


»Jo, da waren Reiter, drei an der Zahl, Hiero­ny­mus«, meldete Jo aufgeregt. Er machte eine Verbeu­gung vor seinem Loherrn. 


Hieronymus beachtete ihn nicht weiter, son­dern musterte Marie, die am Ausgang saß und den Rei­tern hinterher blickte.


»Marie Laruu, ich hatte dir gesagt, du sollst zu deiner Sippe in den Wald zurückkehren. Was tust du hier noch?«


»Mich nicht von den Pferden tottrampeln las­sen«, zischte Marie ihm zu. 


Jo sah zu ihr hinüber und legte eine Pfote auf die Lippen.


Marie ruckte vom Ausgang weg und stellte sich vor dem Loherrn auf. Sie ging ihm nur bis zur Hüfte und musste den Kopf weit zurück­lehnen, um ihn anzusehen. Das Restlicht am Ausgang ließ sein Fell weißbläulich schimmern, seine hellblauen Augen funkelten wie zwei Sa­phire. Bereits zu Leb­zeiten eilten ihm Legenden voraus, wie er die Scha­ren an Feldmäusen unter den Weizen­feldern, die Waldmäuse im Larawald und sogar die Bergmäuse der Ebnisburg zu­sammenhielt und an­führte. Ganze fünfund­zwanzig Lo umfasste sein Refugium. Eine Maus brauchte selbst im Trippelschritt einen gan­zen Tag, um nur einziges Lo abzulaufen.


Marie hielt dem Blick stand. Sie wusste, dass sie ihren Kopf hätte beugen müssen, aber sie hatte endgültig genug von seinem Befehlston. Sie war eine Waldmaus, und nur, weil er eine hü­nenhaft große und obendrein weiße Feldmaus war, hatte er ihr überhaupt nichts zu sagen.


»Jo, sie wollte gerade gehen, als die Reiter ka­men«, mischte sich Jo ein. »Sei bitte nicht böse auf sie, Hieronymus, wir können keine Maus hinauslas­sen, wenn das passiert.« Er nickte eifrig dabei.


»Natürlich nicht«, erwiderte Hieronymus, ohne Marie aus den Augen zu lassen. »Die Luft ist rein, du kannst gehen. Suche dir eine sinn­volle Aufgabe, bei der du dich nützlich in unsere Mäusegemein­schaft einbringen kannst.« 


Hoch erhobenen Hauptes wandte er sich um und verschwand im Gang, der nach unten führte.


Marie sah ihm hinterher. »Weißt du nun, was ich meine, Jo?«, fragte sie, ohne den Blick vom Gang zu nehmen. »In diesem arroganten Tonfall hat er mir vorgeworfen, ich hätte keine sinnvolle Aufgabe und würde mich bei den Menschen herumdrücken. Das ist gewiss nicht mein Lo­herr!«


Jo rieb sich nervös die Pfötchen. »Jo, das kannst du nicht einfach so sagen, Marie. Er ist unser aller Loherr.« Er machte einen Schritt auf sie zu und wollte ihr über das Fell streicheln.


Marie wirbelte herum. »Nein, ist er nicht. Ich ak­zeptiere ihn nicht! Und was das Nützlich­machen betrifft, ich habe gerochen, dass die Rei­ter nach Rauch stanken, sie bringen das Feuer mit! Diese Botschaft werde ich meinen Menschen über­bringen.« 


Sie stieß sich ab und huschte aus dem Mause­loch.


Jo sah ihr hinterher. »Doch, doch, das habe ich gerochen. Es ist meine Aufgabe, das zu bemer­ken. Ich bin der Pförtner, Marie Laruu«, flüsterte er in die leere Höhle.


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