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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Im Schatten des Jaotar, Rike Moor
Rike Moor

Im Schatten des Jaotar



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Landir war schnell. Immer wieder verschwand er hinter einem Baum oder einer der mächtigen Wurzeln, die das unwegsame Gelände weitestgehend mitbestimmten und dafür sorgten, dass ihr Weg nicht mehr als ein paar Schritte geradlinig verlief. Im Bestreben ihn unter diesen Umständen nicht aus den Augen zu verlieren, fluchte Yriiel wortlos in sich hinein und brachte dabei noch irgendwie das Kunststück fertig, darauf zu achten, wohin er trat. Leicht außer Atem holte er schließlich auf und wunderte sich, als der Mando’kii so unverhofft stehen blieb.


»Das ... wurde ... auch ...«, schnaufte Yriiel erleichtert.


Leise und energisch schnitt Landir ihm das Wort ab. Er zeigte nach vorne. Verwundert folgte Yriiel dem Wink mit allem rechnend, doch nicht mit dem, was er dann sah. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt, am Fuße eines Karakshubaumes, stand Jharuun. Er drückte Kantaro mit eisernem Griff gegen den Stamm. Yriiel wusste sofort, was hier im Gange war. Zu oft hatte er in den letzten Wochen Situationen miterlebt, in denen Manori die Kontrolle über sich verloren und Stammesmitglieder angegriffen hatten. Nur, dieses Mal war es nicht das Gleiche. Die überwältigende dunkle Macht, die auf dem Weg hierher immer mehr an Stärke gewonnen hatte, schien direkt von Jharuun zu kommen. Yriiel verstand nichts davon, aber sein Empfinden war eindeutig. Das Erlebnis von vorgestern wirkte im Vergleich hierzu wie eine Lappalie. Den Schmerz, den er genauso empfand wie dieses extreme Unwohlsein, konnte er beim besten Willen nicht ignorieren und wunderte sich. Seine Gefühlswelt reagierte bei Weitem nicht so heftig. Mando’kii. Nach allem, was Yriiel inzwischen über Landir, Nairi und seinen Vater wusste, überraschte es ihn kaum mehr, auch Jharuun in das magische Treiben verwickelt zu sehen. Der Kastenmeister musste einer von ihnen sein. Eine andere Erklärung fiel ihm hierzu nicht ein. Festentschlossen, die Angelegenheit auf seine Weise zu bereinigen, trat Yriiel selbstsicher und viel zu voreilig aus seinem Versteck. Er achtete nicht weiter auf Landir, von dem er sich jetzt sowieso nichts mehr hätte sagen lassen.


»Meister Jharuun!«


Augenblicklich sah der Kastenmeister ihn an. Zehn Schritte trennten die beiden voneinander. Selbst auf diese Distanz und unter den dämmergleichen Lichtverhältnissen meinte Yriiel, einen schwarzen Schleier in Jharuuns Augen zu erkennen. Seine Anspannung stieg, als er mit der freien Hand auf Kantaro deutete.


»Lasst ihn los!«


Langsam wandte Jharuun sich wieder Kantaro zu. Ohne erkennbare Gefühlsregung lockerte sich sein Griff. Er ließ den oberen Späher der Ai’Pal los, der kraftlos zu Boden sank und gestützt durch die Wurzeln am Baumstamm regungslos sitzen blieb.


»Soll mir recht sein«, drang eine fremdartige, kratzige Stimme leise aus Jharuuns Mund hervor. »Er war zu widerspenstig ... vielleicht habe ich ja mit dir mehr Glück.«


Yriiel stockte der Atem. Diese Stimme, sie kam ihm so bekannt vor. Doch Jharuun ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken, und ging direkt auf ihn zu. Die Distanz zwischen ihnen verringerte sich schnell und mit jedem Schritt auf ihn zu wirkte der Kastenmeister noch imposanter.


So weit ... so gut. Und jetzt?


Yriiel bemerkte, nichts durchdacht zu haben. Kantaro war nicht mehr Jharuuns Ziel, sondern er. Einen Zweikampf gegen ihn zu gewinnen, war unter diesen Umständen schier unmöglich. Daran bestand kein Zweifel. Seine Gedanken überschlugen sich. Nur noch fünf Schritte lagen zwischen ihnen. Beschäftigen ... ich muss ihn irgendwie beschäftigen. Binnen dieses Augenblickes schmolz die Distanz auf drei Schritte zusammen. Hektisch sah Yriiel sich um. Ausweichen, er musste ausweichen. Nur wohin? Viel Platz bot dieser Ort nicht. In fast jede Richtung erstreckten sich Wurzeln der massiv gewachsenen Karakshubäume. Ernüchtert blickte er wieder nach vorne. Jharuun stand hämisch grinsend vor ihm. Seine Hände schnellten auf ihn zu. Yriiel wich seitlich nach hinten aus und fand sich umgehend in der gleichen Situation wieder. Mehrmals wiederholte er das Spielchen, mal mit einem Ausfallschritt zur Seite, mal mit einem nach hinten, und nutzte so die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit für seine Zwecke. Auf diese Weise lockte Yriiel ihn von Kantaro weg. Das bot Landir die Möglichkeit, sich um den oberen Späher zu kümmern. Was er unternehmen wollte, um sich zu retten, fiel ihm leider noch nicht ein. Dafür setzte Jharuun ihn viel zu sehr unter Druck. Der Kastenmeister war schnell und das wurde allmählich zu einem ernsten Problem. So oft wie Yriiel zurückwich, so oft erfolgte ein Versuch ihn festzusetzen. Dem letzten Zugriff entging er nur ganz knapp und bemerkte eher beiläufig eine Bewegung am Rande seiner Wahrnehmung, die ihm für den Bruchteil einer Sekunde die Konzentration kostete. Diese Unachtsamkeit rächte sich sofort. Jharuun bekam ihn an beiden Handgelenken gleichzeitig zu fassen. Reflexartig versuchte Yriiel, sich loszureißen, kam aber nicht gegen die Kraft seines Gegners an. Innerlich über seine eigene Unzulänglichkeit fluchend trat er gegen Jharuuns Schienbein und ließ dabei seinen Stab fallen. Diese scheinbar ungeschickte Gegenwehr sorgte für genügend Ablenkung. Der Griff um seine Handgelenke lockerte sich ein wenig. Jetzt gelang es Yriiel freizukommen. Zeit zur Gegenwehr erhielt er jedoch keine. Jharuun war schneller. Im letzten Moment wich Yriiel einem rechten Haken aus. Der Schlag zielte auf sein Kinn und hätte ihn bei einem Treffer vermutlich das Bewusstsein gekostet. Um nicht sofort wieder auf ähnliche Weise attackiert zu werden, zog Yriiel sich eiligst einige Schritte nach hinten zurück. Ein bösartiges Lächeln zierte Jharuuns Gesicht. Zu seiner Überraschung versuchte der Kastenmeister nicht, ihm nachzustellen. Er blieb einfach stehen, ohne Yriiel dabei aus den Augen zu lassen. Ihn beschlich eine düstere Vorahnung, die umgehend Bestätigung fand. Ein stetig lauter werdendes Grollen ertönte hinterrücks.


»Nicht umdrehen!«, rief Landir.


Die Warnung kam zu spät. Yriiel wirbelte bereits herum und erstarrte. Ein ausgewachsener Jaotar stand mit wenigen Schritten Abstand vor ihm und überragte ihn um mehr als einen Kopf. Die Schulterhöhe lag eine halbe Armlänge über der seinen. Ein dichter Schuppenpanzer überzog nahezu den gesamten Körper. Nur an den Ohren, der Quaste des Schwanzes, den Pfoten und entlang der Wirbelsäule wuchs sandgelbes, gebändertes Fell. Am Hinterkopf ragten auf der gesamten Breite lange, spitze und nach vorne gebogene Hörner heraus. Die Schnauze ähnelte stark der einer großen Raubkatze. Das markanteste Merkmal am Gesicht waren aber nicht etwa die langen Säbelzähne, sondern die Augen. Sie glichen der einer Schlange, mit ihren schlitzförmigen Pupillen umgeben von einer gelblich grünen Iris, und standen im starken Kontrast zum dunklen Schuppenkleid, das unter den vorherrschenden Lichtverhältnissen fast schwarz aussah. Nur an wenigen Stellen, an denen sich die Muskeln bewegten, bemerkte Yriiel einen metallisch irisierenden Glanz. Bei Tageslicht mochte sich ein grandioses Farbspiel aus Bronzegelb bis Schwarzgrün auf dem Körper des Jaotars abzeichnen. Doch jetzt war nur wenig mehr als ein Hauch davon zu erkennen. Gebannt durch den Anblick hatte Yriiel dem nun folgenden Angriff nichts entgegenzusetzen. Er spürte nur noch, wie sich von hinten etwas um seinen Oberkörper legte und zudrückte.


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