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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Geschöpfe der Nacht, Andreas Koch
Andreas Koch

Geschöpfe der Nacht



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1

In einer Mainacht steuerte Jeff Morrell seinen Pick-Up nach Hause. Hinten auf der Ladefläche lag seine Angelausrüstung neben zwei Kühlboxen mit den Fischen, die er in den letzten Stunden aus dem Big Stone Lake gezogen hatte – sieben Streifenbarsche und ein prächtiger Muskellunge. Einen Teil davon wollte er seiner Schwester und deren Kindern geben, die restlichen zu Hause räuchern. Trotz des vielen Kaffees aus der Thermosflasche fühlte er sich erschöpft und versuchte unentwegt, sich auf die von beiden Seiten mit hohen Fichten gesäumte Straße zu konzentrieren. Über Glenwood, Minnesota erstreckte sich ein sternenklarer Himmel.
Bis zu seinem Haus waren es noch drei Meilen, als plötzlich eine menschliche Gestalt im Scheinwerferlicht auftauchte. Reflexartig trat Jeff auf die Bremse und riss das Lenkrad herum, um der Person auszuweichen, die anscheinend vor Angst erstarrt war. Als der Wagen mit dem Körper kollidierte, schleuderte er ihn zur Seite und kam ein Stück weiter schlingernd zum Stehen. Jeff stieg hastig aus dem Fahrzeug und fragte sich dabei unwillkürlich, ob er einen Sekundenschlaf gehabt hatte, denn seiner Wahrnehmung nach war der Kerl wie aus dem Nichts auf der Straße erschienen.
Nun war Jeff hellwach – das Adrenalin trieb alle Müdigkeit aus seinem Körper und ließ sein Herz das Blut schneller durch die Arterien pumpen. Er näherte sich der Gestalt, die regungslos am Straßenrand lag.
"Bist du in Ordnung?", erkundigte sich der Angler, erhielt jedoch keine Antwort. Eine eisige Kälte breitete sich in seiner Magengegend aus. "Hörst du mich?"
Als Jeff neben ihm in die Hocke ging, stellte er fest, dass es sich um einen blonden Jungen handelte, dessen Alter Jeff auf achtzehn oder neunzehn Jahre schätzte. Der schmächtige Teenager steckte in einem eigentümlichen Overall.
Jeff berührte den Jungen vorsichtig an der Schulter. "Kannst du mich hören?", fragte er erneut, doch auch dieses Mal bekam er keine Reaktion darauf.
Mit wachsendem Entsetzen überprüfte der Angler den Puls des Verletzten und spürte zu seiner Erleichterung einen regelmäßigen Herzschlag. Ihm fielen weder Knochenbrüche noch andere sichtbare Verletzungen auf, doch konnte er nicht mit Gewissheit sagen, wie es um innere Verletzungen bestellt war. Eine gebrochene Rippe oder ein Knochensplitter könnten die lebenswichtigen Organe beschädigen, wenn er den Körper bewegte.
Jeff überlegte fieberhaft, was zu tun sei, und bereute, sein Mobiltelefon – wie bei jedem Angelausflug - zu Hause gelassen zu haben. Da er den Jungen nicht auf der Straße liegen lassen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn mitzunehmen – auf die Gefahr hin, eine innere Verletzung zu verschlimmern. Behutsam hob er den leichten Körper von der Fahrbahn auf und trug ihn zu seinem Wagen, wo er ihn ebenso vorsichtig auf der Rückbank platzierte und mit dem Sicherheitsgurt anschnallte.
"Bis zum Krankenhaus ist es nicht weit", teilte Jeff dem ohnmächtigen Jungen mit. Ihm war bewusst, dass dieser ihn nicht hören konnte, doch brachte es ihm eine gewisse Entspannung, die drückende Stille zu brechen.
Nachdem er sich an das Lenkrad und den Pick-Up in Bewegung gesetzt hatte, achtete er auf mögliche Schlaglöcher, um Erschütterungen zu vermeiden.
"Wo bin ich?", hörte er unvermittelt die klare Stimme des Jugendlichen hinter sich.
"Ich bringe dich ins Krankenhaus, wir sind gleich da", erwiderte Jeff. Er konnte das hell erleuchtete Gebäude bereits in der Ferne sehen. "Hast du Schmerzen?"
"Mir geht es ganz gut", antwortete der Junge. "Was ist denn passiert?"
Der Angler warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. "Ich habe dich vorhin auf der Waldstraße angefahren", sagte er und verlangsamte das Tempo seines Fahrzeugs, um in die Einfahrt des Glenwood Medical Centers einzubiegen. "Wo bist du hergekommen?", erkundigte er sich.
"Ich bin spazieren gewesen", entgegnete der Jugendliche nach kurzem Zögern.
"Mitten in der Nacht?", fragte Jeff skeptisch, während er den Motor abstellte und den Schlüssel herauszog.
Sein Mitfahrer zögerte mit einer Antwort. "Ja, warum nicht?", stellte er die Gegenfrage. "Ich bin eben ein Nachtwanderer."
"Wie ist dein Name?", wollte Jeff wissen, als er aus dem Wagen stieg. Dieser Junge kam ihm zunehmend seltsam vor – sei es wegen seines nächtlichen einsamen Spaziergangs abseits jeglicher Zivilisation oder wegen seiner scheinbaren Schmerzunempfindlichkeit. Diesen Zusammenstoß konnte er unmöglich unverletzt überstanden haben. Auch die regelmäßigen Pausen vor jeder Antwort wirkten verdächtig. Vielleicht hatte er eine Gehirnerschütterung erlitten oder steht unter Schock, ging Jeff durch den Kopf.
"Nennen Sie mich Robin", ließ der Jugendliche von der Rückbank vernehmen.
"Bleib im Wagen und bewege dich nicht", wies Jeff ihn an. "Ich werde ein paar Sanitäter mit einer Tragbahre holen." Mit diesen Worten eilte er zum Eingang des Krankenhauses.


2

Ben Harris räumte die alten Buddha-Figuren aus dem Regal, um Platz für die am frühen Morgen gelieferten Wokpfannen zu schaffen. Seit er den Laden vor drei Jahren vom früheren Besitzer übernommen und ihn zusammen mit seiner Frau auf Vordermann gebracht hatte, machten sie damit nicht viel Profit, kamen jedoch gut über die Runden – auch wenn manche Waren wie Blei in den Regalen liegen blieben. Das asiatisch geprägte Sortiment bestand aus Artikeln, die von Räucherstäbchen über Gebetsmühlen bis hin zu Buddha-Statuen und Klangschalen eine beachtliche Bandbreite umfassten. Oft spielte er mit dem Gedanken, die hintere Wand einzureißen und einen weiteren Raum anzubauen, um die Verkaufsfläche zu vergrößern. Der Laden trug den Namen Ying & Yang.
Mit seinem Vollbart, in dem vereinzelt graue Haare zu sehen waren, wirkte der stämmige Mann älter als er mit seinen vierzig Jahren war. Neben ihm stand gerade Nelson Rooker und gab eine von seinen Geschichten zum Besten. Nelson, ein pensionierter Feuerwehrmann mit grau meliertem Kopf und zerfurchtem Gesicht gehörte seit vielen Jahren zu seinem Freundeskreis. Mit Vorliebe schilderte er seine Erlebnisse und schmückte sie dabei mit hinzu gedichteten Beigaben aus. Ben konnte nur spekulieren, was davon der Wahrheit entsprach und wie viel frei erfunden war. Die Geschichten, die er stets im Präsens erzählte, handelten in den seltensten Fällen von Feuerwehr-einsätzen.
"... und da sagt sie mir plötzlich, dass sie mich nicht mehr braucht und sich nur an ihrem Macker rächen wollte", berichtete Nelson gerade. "Ich kann mir gerade noch die Hose anziehen, da wirft sie mich auch schon aus ihrem Haus."
Der Ladenbesitzer lachte auf. "Hast du dich etwa benutzt gefühlt?"
"Ja, und wie", gab der Alte zurück und lachte ebenfalls. "Wie geht es Mabel?", erkundigte er sich nach kurzem Schweigen.
"Ihr geht es gut, wir haben gestern Abend telefoniert", antwortete Ben.
"Wie lange ist sie schon in Florida?"
"Seit einer Woche." Der Verkäufer begutachtete einen feinen Riss, der über die Schulter einer Buddha-Figur verlief, und verzog das Gesicht. "Sie sagt, die Kur tut ihr gut."
"Wann kommt sie zurück?", fragte Nelson.
"In zwei Wochen", erwiderte Ben mit einem Blick zur Eingangstür, durch die soeben Rosemarie und Sarah Higgins eingetreten waren. Sarah war eine alte Klassenkameradin von ihm, und auch ihre Mutter kannte er seit seiner Kindheit. "Guten Morgen", grüßte er sie, während er mit einem feuchten Tuch über das leergeräumte Regal wischte.
Lächelnd erwiderten sie seinen Gruß und begaben sich zu den buddhistischen Rollbildern, von denen die betagte Dame begeistert war und inzwischen eine beachtliche Sammlung besaß.
Nachdem Ben mit dem Säubern fertig war, brachte er die Buddha-Statuen in den kleinen Lagerraum im hinteren Teil des Gebäudes und kehrte in den Laden zurück. Dort gesellte er sich zu Nelson, Rosemarie und Sarah, die sich neben dem Tresen miteinander unterhielten.
"Ich glaube nicht, dass er etwas Besonderes ist", sagte der ehemalige Feuerwehrmann. "Wahrscheinlich haben sie ihn bei der Einlieferung nicht ordentlich untersucht oder seine Akte mit einer anderen verwechselt."
"Über wen redet ihr?", wollte der Ladenbesitzer von ihnen wissen, als er sich hinter die Kasse stellte.
"Na, über diesen Jungen, den Jeff Morrell gestern angefahren hat", entgegnete Sarah.
"Er heißt Robin", warf Rosemarie ein.
Nelson zuckte mit den Achseln. "So nennt er sich, aber er hat keine Papiere dabei, und die Polizei kann seine Identität nicht überprüfen. Würde mich nicht wundern, wenn er ein entlaufener Verbrecher ist."
"Was ist mit seinen Fingerabdrücken oder seiner DNS?", erkundigte sich Ben. "Können sie ihn in keiner Datenbank finden?"
"Sieht ganz so aus."
"Aber selbst wenn er ein Verbrecher wäre – das würde trotzdem nicht erklären, weshalb seine Knochenbrüche so schnell verheilt sind", wandte Sarah ein. Sie bezahlte die beiden Mandalas und den kleinen Buddha-Anhänger, den sie neben der Kasse entdeckt hatte. "Ich habe es mit meinen eigenen Ohren von der Krankenschwester gehört, die ihn behandelt."
"Sie könnten doch ein Bild von ihm in der Zeitung drucken", meinte Ben und reichte ihr das Wechselgeld, das sie in ihrer Brieftasche verstaute. "Vielleicht erkennt ihn jemand – ein Verwandter oder ein früherer Nachbar."
Nelson, der sich mit einer Hand am Ladentisch abstützte, schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, dass sie das machen dürfen, schließlich haben sie keine Beweise, dass er ein Verbrechen begangen hat", argumentierte er. "Dafür brauchen sie wahrscheinlich sein Einverständnis."
"Sie haben sein Gesicht doch schon im Fernsehen gezeigt", meldete sich Rosemarie zu Wort. "Vorhin in den Lokalnachrichten."
"Das habe ich verpasst", sagte Sophie enttäuscht. "Wie sieht er denn aus?", fügte sie mit einer wissbegierigen Stimme hinzu.


Rosemarie hob die Schultern. "Scheint ein netter Junge zu sein."
"Was sagt denn deine Krankenschwester? Welchen Eindruck macht er auf sie?", erkundigte sich Nelson bei Sophie.
"Sie meinte auch, dass er sehr freundlich und höflich ist", gab sie zur Antwort. An ihre Mutter gewandt sagte sie: "Wir sollten langsam weiter, sonst schaffen wir es nicht rechtzeitig zum Augenarzt."
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, blieben Ben und Nelson allein in dem Laden. Der Verkäufer ging zum leeren Regal und entfernte die alten Preisschilder, während der Alte das Regal mit den japanischen Zugsägen inspizierte. Nachdem er sich für eine von ihnen entschieden und bezahlt hatte, verließ auch er das Geschäft, um im Supermarkt Hundefutter für seinen Labrador-Mischling zu kaufen.
Ben war gerade dabei, die neuen Wokpfannen im Regal zu platzieren, als Dean Chapman hereinkam. In Neuengland geboren, lebte er seit vierzehn Jahren auf einer Farm in Glenwood, die in Sichtweite von Bens Haus ihren Sitz hatte. Er hatte eine Einheimische mit dem Namen Alison geheiratet und ein verwaistes Mädchen adoptiert, das inzwischen erwachsen war und in Superior als Maklerin arbeitete. Bei seiner Körperfülle geriet Dean schnell ins Schwitzen - so holte er auch jetzt ein zusammengefaltetes weißes Tuch aus seiner Hemdtasche hervor und betupfte damit seine Stirn.
"Ist das heute heiß", klagte er und ließ das Tuch wieder in der Tasche verschwinden.
"Es geht langsam auf den Sommer zu", entgegnete Ben und begrüßte seinen Freund mit einem Händedruck. "Willst du einen Kaffee?"
"Hast du auch etwas Kaltes?", stellte der Besucher die Gegenfrage.
"Komm mit." Ben begab sich nach hinten in den kleinen Pausenraum und öffnete den leise summenden Kühlschrank.
"Was machst du morgen?", erkundigte sich Dean.
"Habe noch nichts vor. Warum fragst du?"
"Alison und ich wollen ein kleines Barbecue veranstalten", erklärte er und nahm die Bierflasche an, die Ben ihm reichte. Das kalte Glas war mit winzigen Kondenswassertropfen bedeckt. "Kommst du zusammen mit Mabel?"
"Sie ist noch in Florida", erwiderte der Ladenbesitzer und schloss den Kühlschrank. "Ich werde allein kommen."
Dean öffnete die Flasche und nahm einen kräftigen Schluck. "Geht es ihr schon besser?", fragte er zögernd.
"Sie sagt, die Kur tut ihr gut", gab Ben zur Antwort. Es wunderte ihn nicht, dass niemand nach dem Grund fragte, weshalb seine Frau eine Auszeit von ihrem Job als Lehrerin benötigte. In dem kleinen Städtchen wussten alle von dem Selbstmord, den eine von Mabels Schülerinnen einen Monat zuvor begangen hatte. Seiner Frau setzte insbesondere der Umstand zu, dass sie das Mädchen in ihrem letzten Gespräch unter Druck gesetzt und ihm gründlich die Leviten gelesen hatte. Um die Schülerin zu mehr Fleiß zu bewegen, hatte Mabel sie auf ihre alarmierend schlechten Noten hingewiesen. Sie hatte ihr die katastrophalen Zukunftsaussichten vor Augen gehalten, falls sich ihre Noten nicht umgehend verbesserten. Mabel befürchtete, damit zu ihrer Verzweiflung beigetragen zu haben und damit mitschuldig am Tod des Mädchens zu sein. Ben hoffte, dass sie sich nach ihrer Rückkehr soweit erholt haben würde, dass sie wieder unterrichten konnte. Die Schule war ihre Berufung.
"Bestelle ihr schöne Grüße von mir, wenn du das nächste Mal mit ihr telefonierst", sagte Dean, nachdem er die Bierflasche geleert hatte. "Wir sehen uns dann morgen."
"Soll ich etwas mitbringen?", fragte ihn der Verkäufer.
"Nein, nicht nötig. Alison und ich werden alles zubereiten. Komm gleich nach der Arbeit bei uns vorbei." Mit diesen Worten begab er sich zur Tür und verließ den Laden.


3

Eric saß in seinem Wagen und blickte durch die beschlagene Frontscheibe in die Nacht hinaus. Nachdem der Jugendliche seinen Ford Mustang auf einem Schotterweg geparkt hatte, ließ er den Motor laufen und wartete auf Ned, der sich verspätete. Ihn befiel eine seltsame Nervosität, die nicht allein auf den bevorstehenden Deal zurückzuführen war. Obgleich Eric in Glenwood aufgewachsen und seit seiner Kindheit mit den hiesigen Wäldern vertraut war, kam ihm die Stelle, die sie als Treffpunkt vereinbart hatten, unheimlich vor. Zu seiner Rechten erstreckte sich der Fichtenwald, dessen Randbäume wenige Schritte von der Fahrbahn entfernt wuchsen. Das Feld auf der linken Seite verbarg sich zum größten Teil unter einer dichten Nebelbank, die tief über dem Gras hing.
Beim nächsten Mal werde ich unseren Treffpunkt selbst aussuchen, beschloss er.
Um seine Furcht abzuschütteln, schaltete Eric das Radio ein und wechselte von einem Sender zum anderen, bis er auf ein Lied von Limp Bizkit stieß und die Lautstärke aufdrehte. Als er im Rückspiegel die sich ihm nähernden Scheinwerfer bemerkte, atmete er erleichtert auf und stellte den Motor ab. Er zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und verstaute ihn in seiner Hosentasche. Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, für den Fall der Fälle das Klappmesser aus dem Handschuhfach mitzunehmen, entschied sich jedoch dagegen. Obwohl er Ned erst seit wenigen Monaten kannte, schätzte er ihn als ungefährlich ein und konnte sich nicht vorstellen, von ihm ausgeraubt oder anderweitig gelinkt zu werden.
Ned brachte seinen Wagen hinter dem Mustang zum Stehen und stieg aus. Vor seinem Gesicht leuchtete die Glut der Zigarette, die zwischen seinen Zähnen steckte. Nachdem Eric den Umschlag mit dem Geld unter dem Sitz hervorgeholt hatte, öffnete er die Tür und trat auf die unbefestigte Straße.
"Wo bist du gewesen, Mann?", fragte er den Händler, als sie sich mit einem Handschlag begrüßten. "Ich warte schon die ganze Zeit."
"Reg dich ab, jetzt bin ich ja da", entgegnete Ned gelassen und zog an seiner Zigarette. Er griff in die Tasche seiner Jacke und brachte eine Tüte mit kleinen Pillen zum Vorschein, die so prallgefüllt war, dass sie einem Kissen ähnelte. "Hier hast du es", sagte er und hielt sie ihm in der ausgestreckten Hand hin.
"Dasselbe, wie letztes Mal?", erkundigte sich Eric und nahm die Tabletten an, während er gleichzeitig seinen Papierumschlag mit dem Geld an Ned reichte.


"Sind dieselben", bestätigte der Händler. Er griff in den Umschlag und zählte mit geübten Fingern die Banknoten im Scheinwerferlicht seines Autos. "Waren deine Käufer zufrieden?"
"Das waren sie", räumte Eric ein.
Unvermittelt vernahmen sie Geräusche, die aus dem Wald drangen und sich ihnen näherten. Das wiederholte Knacken von Zweigen erweckte den Eindruck, ein Rudel wilder Tiere bahne sich einen Weg durch das Unterholz des Waldes.
"Was ist das?", fragte Ned nervös. "Wölfe?"
"Keine Ahnung", erwiderte Eric, wobei er sich um eine möglichst ruhige Stimme bemühte, um sich seine Furcht nicht anmerken zu lassen.
"Ich muss weiter, in der Stadt wartet noch jemand auf mich", meinte der Verkäufer, ließ den Zigarettenstummel fallen und trat ihn mit dem Stiefel aus. "Melde dich, sobald du wieder was brauchst."
"Werde ich machen", versprach Eric.
Erleichtert begab er sich zur Tür seines Wagens und legte schon seine Hand auf den Griff, als er plötzlich Neds Aufschrei hörte und herumfuhr. Der Anblick, der sich ihm bot, erfüllte ihn mir blankem Entsetzen. Eine Schar scheußlicher Kreaturen kam aus dem Wald und stürmte auf die beiden Männer zu. Die grauenerregenden Ungeheuer – es waren mindestens ein Dutzend – schienen weder dem Tierreich noch dem menschlichen Geschlecht zu entstammen. Sie unterschieden sich so stark untereinander, dass sie nicht derselben Gattung angehören konnten. Manche von ihnen beherrschten den aufrechten Gang und ähnelten kahl rasierten Menschenaffen, während andere auf allen Vieren liefen. Eines der Wesen verfügte über fledermausähnliche Flugmembranen, die an seinen Seiten schlaff herunterhingen.
In seinem Inneren zog sich alles zusammen, die Nackenhaare sträubten sich. Die Situation erinnerte Eric an einen Trip, den er vor drei Jahren nach dem Verzehr von halluzinogenen Pilzen erlebt hatte, doch diesmal war es anders. Diesmal fühlte sich alles deutlich realer, greifbarer an, und seit dem vergangenen Wochenende hatte er keine Drogen genommen, die solche Trugbilder hätten hervorrufen können. Erst als ein zweibeiniges Wesen mit einer Hühnerbrust nur wenige Schritte von ihm entfernt war, löste er sich aus seiner Starre, öffnete hastig die Wagentür und stieg ein. Eric knallte die Tür zu, verriegelte sie und kramte fieberhaft in seiner Hosentasche, bis er den Schlüssel ertastet hatte. Während er ihn aus der engen Hosentasche herausfischte, blickte er durch die Seitenscheibe und stellte fest, dass die Bestie nun direkt neben seinem Auto stand und ihn durch die Scheibe anstarrte. Ihre ledrige blassgelbe Haut umspannte das Gerippe und war frei von jeglicher Behaarung. Der Blick ihrer schwarzen Augen, in denen keine Pupillen zu erkennen waren, wirkte hypnotisch. In dem lippenlosen Mund waren zwei Reihen von Reißzähnen zu sehen, zwischen denen sich eine glitschige Zunge wand. Das Monster rümpfte seine flache Schweinenase, als würde es Witterung aufnehmen.
Mit einiger Überwindung wandte sich Eric von diesem Anblick ab und schaffte es endlich, den Schlüssel aus der Hosentasche herauszuziehen.
Inzwischen umkreisten mehrere Kreaturen sein Auto und schlugen mit ihren Gliedmaßen auf Türen, Scheiben, Motorhaube und das Dach des Mustangs ein. Als der Jugendliche versuchte, den Schlüssel mit zitternder Hand in das Zündschloss zu stecken, warf er einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel und sah voller Entsetzen, wie mehrere Ungeheuer Ned aus dessen Wagen zerrten. Sie schleiften ihn an dem Mustang vorbei und warfen ihn auf die Schotterstraße vor Erics Auto. Der Drogenhändler setzte sich mit aller Kraft zur Wehr, hatte jedoch keine Chance gegen die zahlenmäßig überlegenen Gegner. Mit ihren scharfen Krallen zerrissen die Geschöpfe seine Kleidung und schlitzten seine Haut auf; mit ihren Zähnen bissen sie ihn in jedes erreichbare Körperteil. Eric war sich darüber im Klaren, dass er dem Dealer nicht helfen konnte – jeder Versuch wäre reiner Selbstmord gewesen. Trotz allem verspürte er Gewissensbisse.
Als die übrigen Wesen sein Auto zu schaukeln begannen, entglitt der Schlüssel seinen Fingern, prallte von seinem Knie ab und fiel auf den Boden zwischen seine Füße. Benommen sah er zu, wie Ned sich auf dem Boden unter ihren Krallen und Zähnen wand, bis alle Lebenskraft seinem nun fast nackten, blutüberströmten Körper entwich. Die Bestien rissen ihm seine Gliedmaßen aus den Gelenken, trennten seinen Kopf vom Rumpf ab und schlitzten mit ihren Krallen seinen Bauch auf, um an seine inneren Organe heranzukommen. Sie nagten an seinem Fleisch und zerkauten seine Innereien.
Zur selben Zeit rüttelten die restlichen Monster weiter am Mustang, womit sie Erics Suche nach dem Schlüssel erschwerten. Schließlich gelang es ihnen, den Wagen auf die Beifahrerseite zu kippen und ihn in den Straßengraben zu stoßen, wo er auf dem Dach liegen blieb. Als der Jugendliche im Auto herumgeschleudert wurde, stieß er mit beiden Oberschenkeln hart gegen das Lenkrad und prallte mit dem Kopf gegen die Decke, wobei seine Zähne klappernd aufeinander schlugen. Inzwischen befand er sich in einem derartigen Schockzustand, dass sein Bewusstsein sich in den Hintergrund verzogen hatte und sein Handeln überwiegend instinktiv war. Er kroch auf die Beifahrerseite und öffnete das Handschuhfach. Lange ließen die Kreaturen nicht auf sich warten – sie sprangen auf die Unterseite des Mustangs, und von dort aus auf die Erde neben der Beifahrertür, in deren Scheibe sich durch den Aufprall Risse gebildet hatten. Eric griff in das Handschuhfach und tastete nach dem Klappmesser, als das Glas neben ihm zersplitterte und ihn mit Scherben übersäte. Dann spürte er, wie ihn kalte Hände an seiner Kleidung und an seinen Haaren packten und ihn aus dem eingeschlagenen Wagenfenster nach draußen zerrten.
Während zwei Ungeheuer ihn festhielten – ihre Krallen bohrten sich tief in seine Oberarme –, näherte sich ihm ein drittes, dessen Anblick dem Jugendlichen selbst in seinem Schockzustand einen Schrei entlockte. Die Haut des Geschöpfes war von derselben schmutzig-gelblichen Farbe wie die seiner Begleiter und hing in Lappen von seinem dürren Körper herab, als hätte er in kürzester Zeit eine radikale Diät durchgemacht und dabei beträchtlich an Gewicht verloren. Das Wesen hatte einen deformierten Schädel, der auf einer Seite größer war als auf der anderen. Ebenso waren die Augen und die Ohren unterschiedlich groß und trugen damit zu seiner grotesken Asymmetrie bei. Die Bestie fasste mit beiden Händen Erics Kopf und zog ihn zu sich heran, als würde sie ihn küssen wollen. Stattdessen biss sie ihm mit ihrem schiefen Maul die Nase ab und kaute darauf, bis sie die zerkleinerten Knorpel schluckte. Abermals stieß Eric einen gellenden Schrei aus und spürte, wie ihm das warme Blut aus dem klaffenden Loch in seinem Gesicht über die Lippen und das Kinn rann. Sein Schrei erstarb, als das Monster ihm mit einer Hand den Kehlkopf herausriss und ihn sich in den Rachen stopfte. Während die letzten Lebensgeister seinem Körper entglitten, fielen die Kreaturen über ihn her, zerfetzten seine Kleidung und gruben ihre Zähne in sein Fleisch.


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