Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern

zurück zum Buch

Faust und die Tragödie der Menschheit


von Roman Möhlmann

fantasy
ISBN13-Nummer:
9783833490057
Ausstattung:
Paperback Taschenbuch, 330 Seiten, 8 s/w-Illustrationen
Preis:
18,00 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
-kein Verlag-
Kontakt zum Autor oder Verlag:
info [at] roman-moehlmann.de
Leseprobe

[...]

Mephisto war lange nicht mehr im Himmel gewesen.
Verändert hatte sich hier im Reich des Herrn kaum etwas, stellte er fest. Der gleiche blaue,
angenehme Äther, die gleichen flockigen weißen Wolken, die gleichen marmorierten Wege
und Torbögen, die gleichen goldenen Geländer und Fahnen. Und der sanfte Wind trug immer
noch die gleichen zarten Harfenklänge einer wunderschönen endlosen Melodie durch die
Lüfte.
Der gleiche Humbug, entschied Mephisto.
Man geleitete ihn über malerische Wolkenwege zum Thron des Herrn.

[...]

Als Mephisto beim Handschlag in die grau-blauen Augen seines Gegenübers blickte, war ihm
klar, dass Faust immer noch ein wenig zweifelte. Doch ein wenig Misstrauen war kein
Hindernis für das, was bevorstand. Mephistos Pläne erforderten weder Fausts vollständiges
Vertrauen noch irgendeine Art der vertraglichen Abmachung wie einst. Abgesehen davon war
Mephisto sehr wohl bewusst, dass er Fausts Vorsicht und Intelligenz kaum beikommen
konnte. Aber auch das machte nichts...

Ein Engel namens Eledal stand am goldenen Himmelstor und starrte die lange weiße
Wolkentreppe hinab, die sich weiter unten in mehrere Wege verzweigte, welche sich
irgendwann im unendlichen Blau zwischen den Wolken verloren. Diese Wege führten überall
und nirgendwo hin, zur Erde, zur Zwischenwelt und hinab zur Hölle.
»Sie verlassen uns, Herr Faust? Davon weiß ich nichts.« fragte der Engel.
»Auf unbestimmte Zeit.« entgegnete Faust.
»Er geht mit mir.« sagte Mephisto schnell.
»Seit wann dürft Ihr hier Order geben, Höllenknecht?«
Mephistos Blick traf Eledal scharf. Dem Engel wurde es ganz anders. Faust schaute skeptisch
zu Mephisto hinüber. Er spürte, wie es plötzlich kälter wurde. Eledal bemerkte dies ebenfalls.
Der harmonisch klingende Wind war plötzlich einer zischelnden Brise gewichen. Es wirkte,
als wäre die Umgebung von einem Moment auf den anderen düster und dunkel geworden.
Mephisto schien von einer tiefschwarzen Aura umgeben. Seine Augen blitzten kurz feurig-rot
auf.
»Er - geht - mit - mir!« Die Stimme des Verführers klang düster und verzerrt.
Eledal öffnete das Himmelstor und wich zurück. Er war kreidebleich, zitterte und bewegte
sich wie in Trance.
Mephisto und Faust entschwanden.
Eledal schloss das Himmelstor, atmete tief durch und öffnete die Augen. Der Himmel war
herrlich blau. Ein warmer Wind trug eine harmonische Melodie durch die Lüfte. Die ewigen
sonnigen Strahlen des Himmels durchfluteten die Wolken. Der Engel besann sich blies in sein
goldenes Horn. Er musste Bericht erstatten.
»Ich dachte, der Teufel hätte im Himmel keine Macht?« fragte Faust.
»Unsere Macht schwindet in der Nähe des Herrn. Gänzlich ohne sie sind wir aber nie.«
entgegnete Mephisto.
Die beiden standen auf dem Wolkenplateau tief unter dem Himmel, von wo aus die
verschiedensten wolkigen Treppen zu den unterschiedlichsten Orten abzweigten.
Faust war von Erwartung und Skepsis innerlich zerstritten. Äußerlich behielt er die Fassung
und wartete darauf, was nun folgen mochte. Ein leises, aber vertrautes Geräusch erklang. Weit
über ihnen blies jemand in ein Horn.
Faust: »Der Herr wird erzürnt sein, von deinem Frevel zu hören. All deine Gunst hast du
soeben verspielt. Den Himmel wirst du nie wieder betreten dürfen.«
Mephisto: »Das wird nicht mehr nötig sein. Und nun befreie dich von deinen Bedenken und
folge mir.«

[...]

»Ist es nicht erbärmlich?« fragte Mephisto.
Ein kalter Wind blies ihnen ins Gesicht. Faust und Mephisto standen am Fuße einer steilen
steinigen Klippe. Das Wasser roch seltsam, weder frisch noch modrig. Es hatte eine tiefgrüne,
nur selten leicht bläulich schimmernde Farbe. Der Himmel war bedeckt, es sah nach Regen
aus. Hinter dem Meer und der felsigen Bucht erstreckte sich eine karge, schwarze
Berglandschaft. Am Horizont warf ein Vulkan Magma aus dem Innersten der Erde. Das
dumpfe Grollen des Ausbruchs war auch hier, Hunderte von Kilometern entfernt, noch
deutlich hörbar.
Die beiden Reisenden schauten auf den feuchten, schlammüberzogenen Kies zu ihren Füßen
hinunter. Sie hatten bereits einige Zeit an dieser Stelle verweilt, doch soeben war es
geschehen. Ein dunkles Etwas mit vier breiten Beinen, ein kleines schuppiges Lebewesen,
nicht größer als Fausts Schuh, mit rollenden, dunkelroten Augen war langsam aus dem
Wasser an den Strand gekrabbelt. Offenbar atmete es.
»Erbärmlich?« fragte Faust.
»Etwa nicht? Dieses namenlose, mickrige Ding ist die Grundlage eurer Existenz, des Lebens,
wie du und alle anderen Menschen es kennt.« entgegnete Mephisto.

[...]

Es war ein ungewöhnlicher Ort für einen Engel. Aber Gabriel störte dies nicht. Er war auf der
Suche nach Antworten. Und wenn er sie hier bekommen konnte, war er hier richtig.
Graue Nebelschwaden zogen durch die alten, hohen Gemäuer der Zwischenwelt. Ein
undurchdringlicher, farbloser Dunst lag überall über diesem Ort, wo man sonst etwas wie
einen Himmel vermuten würde. Die Zwischenwelt war ein seltsamer Ort, er existierte
irgendwo zwischen den bekannten Gefilden des Himmels, der Erde und der Hölle, und
beherbergte die verlorenen Seelen in einer trostlosen Scheinwelt. Gabriel mochte diesen Ort
nicht sehr, und nur selten besuchte er ihn. Diesmal hielt er es für notwendig.
Die trostlosen Häuserreihen zu beiden Seiten der engen, endlosen Gassen wirkten erdrückend
und fremd. Ab und zu hallte eine Stimme, ein entferntes Lachen oder ein Schrei durch die
Straßen. Gabriel stand im Schatten eines hohen, mit verwitterten Fresken verzierten Vorbaus
und wartete. Er war in einen langen grauen Umhang gehüllt, der den stets leuchtenden
Schimmer seines himmlischen Wesens verbarg. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er
in die Finsternis.
Eine Tür knarrte. Schnelle Schritte hallten durch die Gasse und kündigten Gesellschaft an.
Eine dunkle Gestalt huschte um die nächste Ecke, hielt einen Moment inne und schob sich
dann mit leisen Schritten langsam die steinerne Wand entlang. Einige Meter vor Gabriel blieb
sie stehen. Eine Hand wanderte in einem dunklen Mantel hinab zu einer kurzen, aber scharfen
Klinge. Kleine Augen unter einer tief hängenden Kapuze beäugten die große, in einen grauen
Umhang gehüllte Person im Schatten des Häuserecks,
»Den Engel sieht man kaum bei Nacht...« flüsterte eine Stimme.
»Doch stets hat er auch hier gewacht...« war die Antwort des Erzengels.
»Gabriel!« sagte der kleine Mann erleichtert und ließ von seiner Klinge ab. »Deine Nachricht
beunruhigte mich sehr. Es ist für mich nicht einfach, dich so kurzfristig zu treffen.«
»Stribor, du alter Gauner.« gab Gabriel zurück und wandte sich nun ganz seinem Gegenüber
zu. »Solltest du nicht stets Zeit haben für deinen alten Gönner?«
»Ich bin doch hier, oder nicht?«

[...]

Stribor wog den Beutel kurz in seiner Hand, um ihn dann mit einem kurzen zufriedenen
Grinsen in seiner Hose verschwinden zu lassen. Dann sagte er: »Gabriel, dass plötzlich und
ohne offensichtlichen Grund hier in der Zwischenwelt Menschen verschwinden und nie
wieder gesehen werden, kommt nicht selten vor. Aber in letzter Zeit häufen sich solche Fälle,
so dass es selbst für diese Gefilde merkwürdig wirkt. Wanderer, die von den fernen
Walpurgishöhen kamen, erzählten von seltsamen Erscheinungen, die sie in den Bergen sahen.
Aber nur, um Stunden nach ihrem Bericht nie wieder aufzutauchen. Ich selbst bin Teil manch
merkwürdiger Vorgänge geworden, habe Anweisungen von Gestalten angenommen, deren
Hintermänner ich niemals kennen lernen möchte, und für sie die seltsamsten Aufträge
ausgeführt. Außerdem... außerdem erzählt man sich, dass ein Teufel hier gesichtet worden
sei.«
Gabriel wurde hellhörig.
»Ein Teufel?« fragte er. »Welcher? Ein Fürst? Mephistopheles vielleicht, oder Belial? Oder
ein einfacher Dämon?«
»Ich weiß es nicht.« antwortete Stribor. Unsicher blickte er in die dunstigen Schwaden, die
die Gassen durchzogen. Er glaubte, dass der Nebel etwas dichter geworden wäre. Die Fresken
an den Dachfürsten der hohen Gemäuer warfen seltsame Schatten auf die Wege. »Ich selbst
habe nichts dergleichen gesehen. Es heißt, manche hätten seine Aura bemerkt, als sie ihm
direkt in die feurigen Augen sahen. Mehr weiß ich darüber nicht. Bedenke, es sind vielleicht
auch nur Gerüchte. Frag???? hier nach, wenn du mit jemanden sprechen willst, der sicher ist,
einen Teufel gesehen zu haben.«
Der kleine Mann steckte dem Erzengel ein zerknittertes Papier zu. Gabriel beäugte es kurz
und steckte es in eine Tasche seines Umhangs. Was Stribor ihm hier zu sagen hatte, war
eigentlich zu wenig, wusste Gabriel. Es war zwar zuviel, um gänzlich ignoriert zu werden,
aber gleichzeitig zu dürftig, um große Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen. Die Leute
hier sahen und redeten viel, sie hatten ja schließlich kaum etwas anderes zu tun, verloren und
gestrandet wie sie waren, zwischen all den anderen Sphären. Dennoch beunruhigten Gabriel
Stribors Ausführungen. Einen Reim darauf machen konnte er sich aber noch nicht. Jedenfalls
gab es noch ein anderes, vorerst wichtigeres Thema zu besprechen.
»Was weißt du über Faust?«

[...]
---------------------
© 2006 Roman Möhlmann

Klappentext

Hunderte von Jahren nach seiner Begegnung mit dem teuflischen Verführer Mephisto ist Faust im Himmel. Die Schrecken vergangener Tage, die tragische Liebe zu Gretchen, die Weltfahrt und Helena sind fast vergessen. Unterdessen ist die Welt im 21. Jahrhundert angelangt – und ihr Untergang steht kurz bevor. Doch zu spät erkennt die Menschheit die Bedrohung aus den Tiefen der Hölle...

   Faust, Inbegriff des ewig strebenden Menschen, will durch eigene Taten wirken und helfen – doch alles kommt anders, als Mephisto im Himmel auftaucht und ihm das Angebot einer neuen Weltfahrt unterbreitet. Von Erkenntnisdrang und Tatendurst getrieben, des passiven Wartens müde, willigt Faust ein. Während er alsbald mit Mephisto an seiner Seite die Wirren der Menschheitsgeschichte durchstreift, wirken dunkle Mächte auf die Erde und die Menschen ein. Und als ein großer Krieg die Menschheit heimsucht, scheint die Welt endgültig am Abgrund zu stehen...
"Faust und die Tragödie der Menschheit": Eine Hommage an Goethe und seinen "Faust", erzählt als modernes Epos über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit - und die Frage, was ein einzelner Mensch zu leisten vermag.