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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Pfad der Götter

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Der Sonnenuntergang hatte die Farbe von Blut.


Es sickerte von Osten her, schickte rote Striemen über den Himmel und übergoss die Wolken mit dem verglühenden Feuer einer Esse. Auf ihrem Weg über das Land verloren die Wolken dicke, schwere Schneeflocken, die in einem stillen Tanz durch die Luft wirbelten und sich nicht entscheiden konnten, wo sie sich niederlassen sollten. Manche wurden bis weit in den Süden getragen, wo es wärmer war und sie schmolzen, bevor sie den Boden berührten. Andere bahnten sich im Krater von Skaldheim einen Weg in die Tiefe, sanken auf die metallische Oberfläche eines wuchtigen Streithammers, berührten die Rune, die in fahlem, goldenem Licht leuchtete und blieben dort eine Zeitlang liegen, bis auch sie ihr Ende fanden. Ich starrte auf die Rune, die langsam verblasste. Sowilo, eine der vierundzwanzig Runen der Macht. Ehre, Treue und das Feuer der Sonne. Vor fünfzehn Jahren war ich im Schildkreis gegen den Frostriesen Crosus den ehrenvollen Tod gestorben und von den namenlosen Göttern als ihr auserwählter Streiter zurückgeschickt worden. Wie das geschehen war und was der Grund dafür war, blieb mir verborgen. Eines wusste ich aber mit Sicherheit: Ich war ein Einherjer. »Asgrim, geht es Euch gut?« Ich blickte zur Seite. Yrsa stand unsicher neben mir, mit Augen so blau wie die hohe See. Sie war eine Kräuterkundige eines alten Ordens, der sich der Heilung von Kranken und Verletzten verschrieben hatte. Vor kurzer Zeit hatte sich herausgestellt, dass weitaus mehr dahinter steckte, als das bloße Auge erkennen konnten. Der Orden hielt am Glauben an die namenlosen Götter fest, trotz der Verbote, die von den Jarls des Landes erlassen worden waren. Die Kräuterkundigen hüteten Geheimnisse – beunruhigende Geheimnisse. Und ich stand damit in Verbindung. »Es ist alles in bester Ordnung«, sagte ich und stützte den Hammer auf den Boden. Asche wurde aufgewirbelt und vermengte sich mit dem Schnee, der seit wenigen Stunden niederging. Ich fühlte mich stark, gekräftigt und von einer Macht durchdrungen, die ich nicht verstand. Das Leuchten, das aus meinem Inneren gedrungen war, und die Entschlossenheit, die mich wie Feuer und Meer erfüllt hatte, waren vergangen. Nun übermannte mich wieder eine tiefe Traurigkeit und das heiße Verlangen nach einem kühlen Schluck Met, um zu vergessen, was einst geschehen war. Ich erkannte mein Schicksal als Einherjer an, auch wenn das meine Zweifel nicht verdrängte. Tief in meinem Inneren war ich weiterhin der Mann, der sich irgendwann verloren hatte und auf der Suche nach sich selbst war. Mein Blick streifte umher und nahm Eindrücke auf. Der namhafte Krieger Oleif Ohnefuß und seine zwei Dutzend Soldaten aus der südlichen Stadt Kolskegg lagen bewusstlos am Boden. Ihre Pferde verharrten in einiger Entfernung und scharrten mit den Hufen. Meine Gefährten standen um mich herum und blickten mich ratlos an. Da waren Skiddi, der blondgelockte Skalde aus der südlichsten Stadt Holmgaro, der den Heldensang vollenden wollte. Hromund Riesenblut Ernmundsson, ein Halbblut, der im Auftrag seines Jarls die Reisegruppe zusammengestellt hatte. Tofi Schnellbogen und Steinolf Steinbeißer, zwei namhafte Krieger, die dem Gold verschrieben waren. Der Koch Ulfrik aus dem westlichen Ingolfsfall war aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht und fummelte nervös an seiner Schürze. Skar, ein Wegfinder aus dem nördlichen Waldvolk, stand nicht weit entfernt und musterte mich aus seinen dunklen Augen, die tief in den Höhlen lagen. Auf seiner nackten Brust baumelten Holzketten und Skrallzähne, die Schultern und Arme bedeckte ein dicker Pelz. Die Blicke meiner Gefährten brannten im Rücken wie heiße Nadelstiche. Sie wollten eine Erklärung für das, was soeben geschehen war, und ich machte ihnen keinen Vorwurf. Allerdings konnte ich ihnen keine Antwort geben. Noch nicht. »Ich habe es gewusst«, flüsterte die Kräuterkundige. »Seit wann?«, fragte ich. Yrsa lächelte. »Seit meine Meisterin das erste Mal von Euch sprach. Als wir uns dann aber begegneten, war ich eine Zeitlang unsicher.« »Weil ich ein alter, verkommener Säufer bin?« »Das habt Ihr gesagt, Asgrim, aber ja, Euer Erscheinungsbild hatte nichts mit dem Mann zu tun, um den sich Legenden rankten. Der Huskarl, ein ruhmreicher Anführer der Tausend Äxte, der für Ehre und Treue steht, mit dem Ziel, Skaldheim in Frieden zu einen. Doch er verschwand und seine Errungenschaften gerieten in Vergessenheit. Nun habt Ihr endlich Eure Bestimmung angenommen und seid zu etwas gänzlich anderem geworden.« »Und was bin ich nun?« »Ist das denn nicht eindeutig?« Ich stützte mich schwer auf meinen Hammer. Nur, weil man sich etwas nicht eingestehen wollte, machte es das nicht weniger wahr. Diese Lektion, die mir einst von einem Freund beigebracht worden war, hatte ich mit brutaler Gewalt lernen müssen. »Ich bin mir nicht sicher«, gestand ich. »Ihr, Asgrim Krummfinger, seid ein Streiter der Götter.« Sie deutete in den Himmel und schloss die Augen. »Ihr seid den ehrenvollen Tod gestorben, als Einherjer wiedergeboren worden und wurdet von den Göttern auserwählt, die Menschheit zu beschützen.« Ein kalter Windhauch kam auf und blies mir Schneeflocken ins Gesicht. Ich machte einen Schritt auf sie zu. Es war ein schwerer Schritt und ich glaubte, dass mir der Wind stärker ins Gesicht blies. »Beschützen … wovor?« Sie öffnete die Augen und sah mich an. Etwas Seltsames lag in ihrem Blick, das mich an das Erlebnis erinnerte, das ich vor fünfzehn Jahren bei der Schlacht um Kolskegg erlebt hatte. Meinen Sieg über Crosus und den darauffolgenden Tod. »Vor dem Ewigen Winter«, raunte sie. Ihre Stimme schnitt wie ein Messer durch die Luft und hinterließ einen Eindruck von namenlosem Grauen. Es war nicht das erste Mal, dass ich davon hörte. Mit dem, was vor wenigen Minuten geschehen war, wurde mir allerdings bewusst, dass es nicht einfach nur Worte waren. Es war eine tief verborgene Wahrheit, die nicht nur mich, sondern die gesamte Menschheit vor eine fürchterliche Bedrohung stellte. Der Evig Vinter. Ragnarök. Das Schicksal der Götter. Erinnerungen zogen in Fetzen an mir vorbei. Ich hörte eine tiefe, wohlklingende Stimme, vernahm den Geruch von Met und spürte ein reines Licht auf der Haut. In der Ferne hörte ich das Rauschen des Meeres und das Zirpen von tausenden Vögeln. Das Salz verkrustete auf meiner Haut, das Blut pumpte Feuer durch meine Adern. Über mir ein Himmel, der in bunten Farben erstrahlte. Es war kalt, aber nicht unangenehm. All dies nahm ich aber nur verschwommen war, als wäre ich einst dort gewesen und hätte es dann vergessen. Ich verstand aber, dass es mit meinem Tod und meiner Wiedergeburt zu tun hatte. Kurzzeitig war ich an einem anderen Ort gewesen – einem besseren Ort. »Wie ist es dort gewesen?« Yrsas Stimme klang so einfühlsam, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte. Alles um mich geriet in Vergessenheit und es galt nur noch, eine Antwort auf ihre Frage zu finden. Ihr Geruch nach Blüten und Kräutern drang mir in die Nase und noch etwas anderes. Es hatte mich seit unserer ersten Begegnung verwirrt, nun verstand ich, dass es kein richtiger Geruch war, sondern ein Gefühl. Es war eine Verbindung zu den Göttern, wie ein dünner Faden, der nicht sichtbar war. Wie hatte ich es all die Zeit nur übersehen können? »Woher wisst Ihr davon?«, fragte ich nach kurzer Verzögerung. »Ich kann sehen, was Euch bewegt und was in Euch vorgeht.« Yrsa streckte ihre Hand nach mir aus, zuckte aber im letzten Moment zurück. Ich nahm sie entgegen und spürte, dass es die Hand einer Frau war, die viel im Leben erlebt hatte. Ihre Narben und Schwielen sprachen von Herausforderungen, Bürden und Schmerz. »Es war wunderschön«, flüsterte ich. »Es war aber zugleich auch schrecklich. Ich erinnere mich nicht an viele Dinge, kann aber spüren, wie das Meer meinen Schmerz und mein Feuer linderte. Ich habe von dem heiligen Met getrunken und das Licht auf meiner Haut gespürt. Und dann ist etwas geschehen. Ich spüre Zorn und Schmerz. Es endet abrupt und ich werde wiedergeboren.« Ich zögerte. »Gebt mir bitte mehr Zeit, damit ich es verstehen kann. Alles hat einen Grund, nichts geschieht aus Zufall.« Sie nickte zaghaft. »Ihr habt die Stimme der Götter vernommen, oder?« Ich schloss die Augen und versuchte, mich daran zu erinnern. Es war aber zu verworren als dass ich es wirklich hätte verstehen können. »Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht.« »Ihr seid der Erste der Einherjer. Der Anführer und der erhobene Krieger. Euch sollte bewusst sein, was das bedeutet.« Ich wollte diese Verantwortung nicht, Yrsa sprach aber mit einer solchen Inbrunst, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte. Sie wusste weitaus mehr über diese Dinge, das konnte ich spüren. Vielleicht sollte ich der Meisterin ihres Ordens einen Besuch abstatten, um mehr herauszufinden. »Wie geht es nun weiter?«, wollte ich wissen. »Ich verstehe diese Macht nicht und ich weiß nicht, was die namenlosen Götter von mir verlangen. Frost und Eis! Ich bin ein alter Mann, der seine besten Jahre hinter sich hat!« Hromund stapfte auf mich zu und musterte mich von oben bis unten. »Alt?«, schnaubte er und tippte mir gegen die Brust. »Du bist kein alter Mann.« Ich hob eine Augenbraue und suchte die Blicke der anderen, die ausnahmslos nickten. Skiddi sah aus, als könnte er sich kaum noch zurückhalten. Mit einem leisen Lachen reichte er mir einen Handspiegel, der in der Mitte gesprungen war. Als ich hineinsah, hätte ich ihn beinahe wieder fallen gelassen. Es war kein Mann von über fünfzig Jahren, der mir dort entgegenstarrte, sondern ein Mann mittleren Alters, der mindestens zehn Jahre jünger war. Die Haare waren weiterhin grau, der Bart ungepflegt und der Blick wachsam. Die Haut aber war straffer, einige Narben, die ich mir in den vergangenen Jahren zugezogen hatte, waren verschwunden, und die Muskeln unter meiner Rüstung fühlten sich kompakter an. »Im Namen der alten Götter!«, raunte ich. »Was geschieht hier?« Skiddi räusperte sich und spielte zur Begleitung einige Klänge auf seiner Leier. »Es steht geschrieben, dass die Einherjer so wiedergeboren werden, wie sie den ehrenvollen Tod gestorben sind. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe viele Dinge auf meinen Reisen erfahren. Ihr, Asgrim Krummfinger, seid in der Schlacht um Kolskegg …« »… zu Schlamm geworden«, vollendete ich seinen Satz. »Aber warum bin ich in den letzten Jahren gealtert und jetzt wieder jung?« »Ihr habt Euer Schicksal nicht angenommen und Eurer Bestimmung den Rücken gekehrt«, sagte Yrsa. »Zu diesem Zeitpunkt wart Ihr zwar ein Wiedergeborener und Auserwählter, aber Ihr habt die Macht nicht genutzt, die Euch die Götter gegeben haben. Was wir zuvor sehen konnten, war die Erscheinung, die Ihr gewählt habt.« »Hm ... wie meint Ihr das?« Sie rang die Hände. »Wie erkläre ich es Euch am besten? Ihr habt so ausgesehen, wie Ihr Euch selbst gesehen habt.« »Das erklärt einiges.« Ich starrte auf meine Hände, die mir auf einmal fremdartig vorkamen. »Und was ist, wenn ich diese Macht der Götter nicht haben möchte? Was ist, wenn ich diese Bürde nicht auferlegt haben will?« »Dann wird der Ewige Winter ganz Skaldheim vernichten.« Wir standen eine Weile in angespanntem Schweigen da. Die Stille dehnte sich immer weiter aus, bis sich Skiddi schließlich räusperte. »Ihr seid ein wahrhaftiger Held!«, rief er aufgeregt und spielte heroische Klänge auf seiner Leier. Irgendwie schaffte er es immer, dass man seine Musik fast vor Augen sehen konnte. »Ich fühle mich, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben der wahren Glorie gegenüberstehen. Ein Einherjer … ein göttlicher Streiter! Ich kann spüren, wie der Heldensang in mir anschwillt. Er dringt hervor, aus dem tiefen Gewässer meiner Inspiration und möchte vollendet werden!« »Aha«, brummte ich. »Lass ihn da mal ruhig stecken. Im Moment kann ich keine Lobeshymnen gebrauchen.« »Lobeshymnen? Für wen haltet Ihr mich? Es wird der wahrhaftige Heldensang und …« Ich schob ihn aus dem Weg und bewegte mich auf unsere Feinde zu, die noch immer bewusstlos auf dem Boden lagen. Anscheinend hatten sie im Auftrag von Eirík Weißfell, dem Jarl des Südens und einem alten Feind aus der Schlacht um Kolskegg, den Krater aufgesucht, nachdem er von den Gerüchten um unsere Reisetruppe gehört hatte. Ganz nach seiner Art wollte er eine Waffe in die Finger bekommen, die ihm einen entscheidenden Vorteil bei seinen Kriegstreibereien bescheren könnte. Der Norden gegen den Süden, ein immerwährender Krieg. Yrsas Worte verwirrten mich und ich brauchte Zeit, um darüber nachzudenken. Ich steckte nun in dem Körper, den ich vor fünfzehn Jahren besessen hatte und war von der Macht eines Einherjers durchdrungen. Scheiße, das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich wollte nur meine Ruhe haben, aber irgendwie lief seit geraumer Zeit alles schief. Ich blieb vor Oleif Ohnefuß stehen, einem Mann, mit dem mich viele Erinnerungen verbanden. Durch die Wucht meines Hammers waren die Riemen an seinen Beinen gerissen und er war aus dem Sattel geschleudert worden. Seltsamerweise verspürte ich trotz der Dinge, die vorgefallen waren, keinen Groll gegen ihn. All dies war wie weggewischt und einem Gefühl gewichen, das ich seit langer Zeit nicht mehr wahrgenommen hatte: Entschlossenheit. Auch das noch. »He!«, sagte ich und trat ihm gegen den Stiefel. Ohnefuß bäumte sich auf und verzog das Gesicht vor Schmerz. Er sah sich um, bis sein Blick an mir haften blieb. »Du schon wieder.« »Joh, auch wenn’s mir nicht leidtut. Du wolltest mich zu Schlamm machen und hast versagt.« »Verübelst du es mir?« »Nein, ich würd‘s ja selbst tun, wenn ich könnte.« Er zog den Rotz in seiner Nase hoch und spuckte aus. »Wer bist du?« »Das nenne ich mal eine ausgesprochen angenehme Frage. Joh, wer bin ich? Ich bin als Asgrim Krummfinger gestorben und den Worten der Kräuterkundigen nach«, ich deutete mit meinem Hammer auf Yrsa, »bin ich wiedergeboren und von den namenlosen Göttern auserwählt.« »Im Ernst jetzt?«, fragte Ohnefuß. »Scheint wohl so zu sein.« »Ich hätte meinen Schwanz darauf verwettet, dass du nach dem Schildkreis mit Eiríks Kämpen verreckt bist. Du warst mehr tot als lebendig, als du vor fünfzehn Jahren auf das Pferd geklettert bist. Was du aber eben mit deinem Hammer gemacht hast«, er schluckte, »das war nicht normal. Scheiße, ich habe mir beinahe in die Hosen gepisst!« »Beinahe? Bei mir ist das schon passiert, als wir uns begegnet sind.« Er lachte auf. »Du bist ein elender Bastard, Krummfinger. Weißt du das?« »Ich geb mein Bestes, Ohnefuß.« »Wie kommt es eigentlich, dass wir immer auf verschiedenen Seiten stehen?« Ich reichte ihm die Hand und zog ihn auf die Füße. Damit er nicht umkippte, musste ich ihn an den Schultern packen und bot ihm meinen Hammer als Stütze an. Er nahm beides dankbar an und ließ sich zu seinem Pferd geleiten. Meine Begleiter folgten uns schweigend. »Ich habe keine Ahnung«, sagte ich und half ihm, aufzusitzen »Ich erinnere mich, dass du mir in Hafnaross deinen nackten Arsch gezeigt hast.« »Das war eine Glanzleistung, sag ich dir. Ist ganz schön schwer, das auf einem Pferd zu machen, während die Beine in Schlaufen stecken. Ich musste aufpassen, dass mir nicht der Schwanz abfriert.« »In Mjolborg hätte ich dich fast bei den Eiern gehabt.« »Aber auch nur fast. Du warst zu langsam, wie immer.« Er gluckste. »Genauso wie in Grindill.« »Stimmt«, sagte ich nickend. »Und in Kolskegg bist du mit dem Schwarzdorn, dem Feuerbringer und dem Roten Broddi übergelaufen. Dann standen wir wieder nicht auf der gleichen Seite, bis ich dich mit Arschtritten aus der Stadt gejagt habe.« »Joh, daran hat sich seitdem nichts geändert.« Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, dass sich die Soldaten aufrichteten und aus ihrer Benommenheit erwachten. Sie sahen sich um, griffen nach ihren Waffen und warteten auf einen Befehl. »Das habe ich befürchtet, Ohnefuß. Du hast es dir wohl zur Aufgabe gemacht, mir das Leben schwer zu machen.« »Das Gleiche könnte ich von dir behaupten, Krummfinger. Ich folge trotzdem weiterhin meinem König. Eirík Weißfell ist ein stolzer und ehrenhafter Mann. Anfangs ging es mir und den anderen namhaften Kriegern nur darum, dir und der kleinen Missgeburt aufzuzeigen, wie ihr unsere alten Traditionen zerstört habt. Wie verkommen und wie machtbesessen seine Seele ist. Es ist Gerechtigkeit! Mittlerweile folge ich ihm aus Überzeugung. Diese Erfahrung wirst du auch noch teilen.« »Wir werden sehen.« Ein Soldat riss sein Schwert aus der Scheide und rannte mit lautem Gebrüll auf mich zu. Der Hammer zuckte in meiner Hand, flog schneller als mein Auge folgen konnte, auf den Soldaten zu, und blieb kurz vor seinem Gesicht in der Luft schweben. Ein reiner und klarer Ton erklang und der Hammer begann zu vibrieren. Die Rune auf der Oberfläche glühte in grellem Licht. »Einen Schritt weiter und ich reiße dir deinen verdammten Kopf von den Schultern!«, knurrte ich. Der Soldat zitterte am ganzen Körper, ließ sein Schwert fallen und ging in die Knie. »Verzeiht mir … edler Krieger«, stotterte er. »Gut so. Und jetzt liegen bleiben!« Der Hammer flog auf einen Befehl hin in meine ausgestreckte Hand zurück und die Rune verblasste. »Es stimmt also wirklich«, murmelte Ohnefuß. »Du bist ein …« Er rang nach Worten. »Einherjer«, sagte ich. Es klang seltsam, dieses Wort auszusprechen, aber was hätte ich sonst sagen sollen? »Und was jetzt? Wirst du mich umbringen und dafür bestrafen, dass ich der Missgeburt aus dem Norden nicht gefolgt bin? Das ich dich und deine Tausend Äxte aufrütteln wollte, damit die alten Tugenden wieder von Bedeutung sind?« Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Ich drückte ihm seine Keule in die Hand, die ich vom Boden aufgehoben hatte, und deutete zum Kraterrand. »Zwischen uns gibt es kein böses Blut mehr, Oleif Ohnefuß. Ich schenke dir dein Leben, weil ich das Gefühl habe, dass du noch eine große Rolle in diesem Krieg spielen wirst.« »Klar, ich bin der Heerführer von König Eirík Weißfell und werde Holdirs Armee zerquetschen.« »Nein, nicht dieser Krieg«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Es gibt immer einen nächsten Krieg, ich befürchte aber, dass der größer sein wird, als alles andere.« Ohnefuß runzelte die Stirn. »Wovon sprichst du?« »Der Evig Vinter naht.« Ich sah nach Norden und glaubte dort etwas zu spüren. »Ich versuche, mich dagegen zu wehren. Normalerweise bin ich ziemlich gut darin, das Offensichtliche und die Wahrheit zu verdrängen. Dieses Mal ist aber irgendetwas anders.« Ich holte tief Luft. »Wenn wir nicht bereit sind, wird das Land untergehen. Für immer. Richte dies Eirík aus. Vielleicht wird es etwas bei ihm bewirken.« »Darauf würde ich nicht hoffen. Ich schulde dir mein Leben, ich werde aber nicht für dich kämpfen, Krummfinger.« Er nickte seinen Männern zu und stieß einen leisen Pfiff aus. Sein Pferd schwenkte herum, verfiel in einen leichten Trab und bewegte sich auf den Kraterrand zu. Die Soldaten folgten ihm und wichen dabei meinem Blick aus. Kurze Zeit später waren sie verschwunden. *** »Ihr habt ihn einfach so ziehen lassen?«, ereiferte sich Hromund. »Wie konntet Ihr das nur tun?« »Oleif Ohnefuß ist nicht unser Feind. Nicht mehr.« Der Hüne baute sich vor mir auf. »Doch, das ist er! Ich habe meinem König die Treue geschworen und solange sein Armeeführer am Leben ist, bringt uns das einen Nachteil. Ich hätte diesem Krüppel den Kopf abschlagen können, wenn Ihr mich nicht daran gehindert hättet!« »Ich muss Hromund zustimmen«, warf Ulfrik ein. Die beiden Brüder Steinolf und Tofi nickten ebenfalls. »Es war unvorsichtig. Er könnte uns in den Rücken fallen. Oder schlimmer: Mit einer größeren Gefolgschaft zurückkehren.« »Nein, das wird er nicht.« »Was macht dich so sicher?« »Ich weiß es einfach!« Zischend stieß ich den Atem aus. »Es war meine Entscheidung und ich stehe dazu. Vermutlich versteht ihr das nicht, aber Ohnefuß ist ein Mann der alten Tugenden. Ich konnte in seinen Augen erkennen, dass er uns nicht auflauern wird. Er ist ein Mann, der zu seinem Wort steht.« »So ist es!«, rief Skiddi dazwischen. »Ich sollte ein Lied über diese ehrenhafte Tat verfassen.« »Steck dir dein Lied sonst wohin!«, knurrte Hromund. »Wir hätten ihn trotzdem nicht ziehen lassen sollen!« »Es war heldenhaft«, hielt Skiddi dagegen. »Mit Ehre hat das nichts zu tun«, sagte ich. »Und ich bin es leid immer wieder zu betonen, dass ich alles andere als ein Held bin.« »Die Götter sind da anderer Meinung.« Er lächelte breit. »Ihr seid der Beweis, dass sie zurückkehren und ihr Einfluss längst noch nicht verblasst ist.« »Die namenlosen Götter können da bleiben, wo sie sind! Manchmal muss man Dinge tun, die einem im ersten Moment richtig erscheinen.« Hromund baute sich vor mir auf und tippte mir gegen die Brust. »Lasst mich raten, hat das Euer Lehrmeister Gudleif Weißfell gesagt?«, fragte er bissig. »So ist es, aber es ist einstweilen unwichtig.« Ich deutete zur Kratermitte. »Wir müssen uns eine Wahrheit eingestehen, so schmerzhaft diese auch sein mag. Skjalmir, der Hammer der Macht, ist nicht hier.« Meine Worte hallten in der kühlen Luft nach und niemand traute sich, etwas zu sagen, bis Hromund die Stille schließlich durchbrach. »Was macht Euch so sicher?« »Ich weiß es. Ich kann es seltsamerweise … spüren.« »Und was soll das nun schon wieder bedeuten?« Ich suchte Yrsas Augen und seufzte schwer. »Das bedeutet, dass der Hammer nicht mehr existiert. Er wurde zerstört, vor fünfhundert Jahren.« »Zerstört?«, fragte sie. »Ihr meint, dass er …« »Ja, nicht die Götter waren es, die dieses Land straften, sondern der Hochmut ihrer Streiter. Sie haben etwas erschaffen, das zu groß für sie war. Skjalmir war es, der mit der Entfesselung seiner Macht das gesamte Land verwüstete und den Glauben an die Götter tilgte.« »Ihr lügt!«, blaffte Hromund. »Das ist eine maßlose Beleidigung an den Überlieferungen der Geschichte. Noch ein weiteres Wort und ich werde Euch zum Schildkreis fordern!« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Versucht es doch!« Er gab ein durchdringendes Grollen von sich und zögerte. »Seht Ihr? Ihr erkennt, dass es keinen Grund gibt, Euch anzulügen. Welchen Grund hätte ich?« »Es kann nicht wahr sein!« Er riss die Axt aus seinem Gehänge und packte sie mit beiden Händen. »Es darf nicht wahr sein!« Ich ging einen Schritt auf ihn zu, trotz der Waffe, die bedrohlich auf mich gerichtet war. »Weil es Euren Schwur nichtig machen würde, oder?«, fragte ich flüsternd. »Holdir hat Euch ein Versprechen abgerungen, das Ihr nicht halten könnt. Ich war ebenfalls einst in dieser Position und bezahlte dafür mit dem Leben.« Er straffte sich. »Das ist etwas anderes.« »Nein, das glaube ich nicht, Hromund! Nur weil Ihr sein Huskarl seid, bedeutet das nicht, dass Ihr fehlerlos sein müsst. Es ist keine Schande zu scheitern.« In dem Augenblick, in dem ich die Worte sprach, bemerkte ich, wie sie etwas in mir veränderten. Es stimmte, was ich sagte, mehr als mir bewusst war. »Ich kann das nicht alleine entscheiden.« Er rammte die Axt in den aschebedeckten Boden. »Ich muss zurückkehren und meinen König aufsuchen.« »Macht das, aber vergesst nicht, dass Euch keine Schuld trifft.« »Ich habe versagt«, schnaubte er und wandte sich um. »Das erste Mal in meinem Leben.« Er ging auf Tofi und Steinolf zu und drückte ihnen jeweils einen schweren Beutel aus seinem Gepäck in die Hand. »Ihr zwei habt eure Aufgabe erfüllt. Unsere Reise endet hier. Nehmt die Kronen und zieht eurer Wege.« Ulfrik und Skar drückte er ebenfalls einen Beutel in die Hand. Als er bei Skiddi ankam, schüttelte der den Kopf. »Kein Gold dieser Welt kann aufwiegen, was ich bei diesem Abenteuer erreicht habe«, sagte der Skalde und deutete mit einem Lächeln auf mich. Yrsa fragte er erst gar nicht, vermutlich hatten sie sich schon vor Beginn der Reise geeinigt. Zuletzt blieb er vor mir stehen und kramte in seiner Tasche nach meiner Bezahlung. »Lasst es stecken«, sagte ich und schnallte mir den Streithammer um. »Ihr besitzt nichts, was mir helfen könnte. Und ich möchte auch Holdir nichts schuldig sein.« »König Holdir«, verbesserte er mich. »Natürlich. Trotzdem werde ich die Kronen nicht annehmen. Das Band, das mich einst mit ihm verbunden hat, ist längst zerrissen. Der Huskarl ist tot.« »Ihr habt Eure Aufgabe erfüllt, Asgrim Krummfinger. Ich bestehe auf einer Bezahlung. Allein die Ehre verlangt es von mir.« »Wenn Ihr unbedingt die Kronen loswerden wollt, dann verwendet sie für etwas Sinnvolles. Baut ein Haus in Lonsheior oder schenkt es einem der Waisen in den äußeren Städten. Mir ist es gleich.« »Das werde ich tun.« Er streckte mir seine Pranke hin, die ich ohne zu zögern entgegennahm. Meine Hand sah darin seltsam verloren aus. »Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, danke ich Euch trotzdem«, murmelte er. »Ihr habt uns auf dieser Reise sehr geholfen. Lebt wohl.« »Es war mir eine Ehre, Hromund Riesenblut.« Ich senkte meine Stimme zu einem Flüstern. »Begeht nicht den gleichen Fehler, den ich begangen habe. Es gibt kein Schwarz und Weiß. Die Welt ist grau, egal, wo man hinsieht.« Sein Gesicht wurde abweisend. Er verstand es nicht und es brauchte vermutlich eine harte Lektion, damit er den Sinn hinter meinen Worten verstehen würde. Daran konnte ich aber nichts ändern. »Wir sehen uns wieder.« Hromund kehrte uns den Rücken zu, begleitet von den beiden Brüdern. Sie winkten nicht zum Abschied, verloren kein Wort über das, was wir erlebt hatten, und stapften davon. Vor mehreren Wochen waren wir losgezogen, eine Gemeinschaft aus Menschen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Nun war das dünne Band, das uns zusammengehalten hatte, verschwunden – einfach so. Am Ende waren wir gescheitert, der Zweck unserer Mission existierte nicht mehr. Es war erschütternd, aber auf dieser Reise hatte ich etwas gewonnen, das von weitaus größerer Bedeutung war: Meine Bestimmung. Ulfrik hielt mir seine Hand hin, die ich kurz und innig drückte. »Wir sehen uns wieder. Es war mir eine Freude, Krummfinger«, sagte er lächelnd und folgte dem Hünen durch den Krater. Ich vermutete, dass es nicht das letzte Mal gewesen war, dass wir uns gegenüber gestanden hatten. Zuletzt blieben Skar, Yrsa, Skiddi und ich zurück. »Was ist mit euch?«, fragte ich. »Was habt ihr jetzt vor?« Skiddi stemmte die Hände in die Hüften und schob den Brustkorb vor. »Ich werde dem Einherjer auf Schritt und Tritt folgen. Jawohl! Wir werden Abenteuer erleben, Gefahren trotzen und dem Ewigen Winter die Stirn bieten! Ganz so, wie es einst die großen Helden taten.« »Ich habe es befürchtet«, seufzte ich, bemerkte aber, wie sich ein Grinsen auf meine Lippen stahl. Ich mochte den jungen Mann, wollte es mir aber nicht anmerken lassen. Er hatte etwas Außergewöhnliches an sich, das ich nicht in Worte fassen konnte. Es erinnerte mich an einen alten Freund, der mir niemals von der Seite gewichen war, und an den ich lange nicht gedacht hatte. Gnupa Faulzahn. Der war ein guter Mann gewesen, einer von den Besten. Vermutlich war er längst wieder Schlamm. »Hm«, brummte Skar und rammte seinen Speer in die Asche. Es bedeutete, dass er mir ebenfalls folgen würde. Rod hätte mich dafür verdammt, dass ich seinem Sohn dies nicht ausgeredet hatte. Mein Blick fiel auf die Kräuterkundige, die sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. »Ich nehme an, dass Ihr mir ebenfalls folgen werdet, Yrsa?« »Euch folgen?« Sie kicherte leise. »Wisst Ihr denn überhaupt, wo es hingeht?« »Also … hm … tatsächlich nicht«, gab ich zu. »Ich hatte gehofft, dass Ihr mir das sagt. Jetzt, wo ich ein Einherjer bin und so.« Meine Hand zuckte zu dem Trinkschlauch an meiner Hüfte, ich hielt mich aber zurück. Einen Schluck. Einen Schluck. Einen Schluck. Wie lange ich dem Drängen noch widerstehen konnte, wusste ich selbst nicht. Es brauchte schon ein bisschen mehr, um einen handfesten Trinker von seinem Met zu trennen. Yrsa schulterte ihre Tasche und ließ sich mit der Antwort Zeit. »Ihr braucht jemanden, der Euch führt und den Weg weist.« Ihr Blick richtete sich auf meinen Trinkschlauch. »Vor allem benötigt Ihr jemanden, der auf Euch aufpasst.« Ich zuckte die Schultern. »Kann bestimmt nicht schaden. Und was jetzt? Wir befinden uns im Krater von Skaldheim. Der Süden rüstet zum Krieg, der Norden entzweit sich immer mehr. Sah auch schon mal besser für uns aus.« »Das muss einstweilen warten.« Sie sog tief den Atem ein. »Auf Euch wartet eine größere Aufgabe als das, Asgrim.« »Und die wäre?« »Ihr seid der erste Einherjer und werdet nicht der letzte sein. Ihr solltet um Eure Bestimmung wissen, aber irgendetwas hat Euch vergessen lassen.« Ich ahnte, worauf das hinauslief und fürchtete mich vor der Antwort. Genauso gut hätte ich aber auch versuchen können, einen Fluss umzulenken oder eine Blume am Wachsen zu hindern. »Asgrim Krummfinger, Ihr müsst andere wie Euch finden und den Orden der Einherjer neu gründen.


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