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Die Drachenwächterin


von Wolfgang Schwerdt

fantasy
ISBN13-Nummer:
9783941839878
Ausstattung:
Softcover
Preis:
9.95
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
AAVAA-Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
verlag@aavaa.de
Leseprobe

1. Kapitel

Eigentlich hätte es eine fröhliche Zeit bei den

Drachen sein müssen. Immerhin, der Nachwuchs

hatte diesmal besonders lange auf sich warten lassen

und jetzt waren bei fast allen Drachenfamilien

die Jungen aus ihren Eiern geschlüpft, die Zukunft

der Drachen scheinbar gesichert.

Statt sich aber zu freuen und ausgelassene Drachenfeste

zu feiern, schlichen die wilden Gesellen

mit finsterer Miene umher, wagten kaum sich gegenseitig

anzusehen, geschweige denn nach dem

Wohlbefinden des Nachwuchses zu fragen. Nun

gut, Drachen waren noch nie besonders gesellig

und gingen sich im Allgemeinen sowieso aus dem

Weg. Aber bei einem solch seltenen Ereignis wie

Nachwuchs, legten die Drachen sonst immer ihr

finsteres Gehabe ab und waren für mindestens

zwei Monate ] nur ein Augenblick in einem Drachenleben

] richtig wohlgelaunt, fröhlich und außergewöhnlich

kontaktfreudig.

Nicht aber diesmal. Dabei ] das wussten sie natürlich]

waren die Drachen längst vom Aussterben

bedroht. Alle hundert Jahre dauerte es früher, bis

sich bei Drachens Nachwuchs einstellte. Dafür

aber lebten sie ] so sagen die alten Geschichten ]

Tausende von Jahren, waren zum Teil sogar unsterblich (was natürlich nur ein Märchen war,

denn heute lebt keiner der alten Drachen mehr).

Der jüngst ausgeschlüpfte Nachwuchs hatte immerhin

ganze einhundertfünfundsiebzig Jahre auf

sich warten lassen und das, obwohl Drachen heutzutage

nicht viel älter als zweihundertfünfzig Jahre

werden. Und trotzdem keine Fröhlichkeit?

Der Drache Herr von Alfons konnte das Verhalten

seiner Artgenossen auch nicht verstehen, sein

Kind war noch nicht geschlüpft und er jedenfalls

freute sich gewaltig auf den Nachwuchs, der sein

uraltes Geschlecht immerhin eine Generation weiter

sichern würde. Drache Herr von Alfons legte

sehr viel Wert auf seinen Namen und seine Abkunft,

waren doch seine Ahnen direkte Abkömmlinge

der alten Götter. Sie ließen sich zurückführen

auf die Midgardschlange, auf die schrecklichen

und unendlich mächtigen Drachen des finsteren

Zeitalters. Sicher, ihre Macht und Schrecklichkeit

hatte im Laufe der Zeit abgenommen und sie hatten

schon vor vielen Generationen ihre Unverwundbarkeit

verloren. Aber immerhin waren sie

selbst für solch übermächtige Helden wie Beowulf,

Sigurd und Siegfried ernsthafte Gegner gewesen.

Dass seine Vorfahren in diesen Zweikämpfen

auch die Verlierer gewesen und schließlich im MitTodeslogistik

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telalter von jedem Hinz] und Kunz] Ritter gejagt

und ermordet worden waren, hatte Drache Herr

von Alfons weitestgehend aus seinem Gedächtnis

gestrichen. Er sich ja sonst kaum etwas auf seinen

Namen einbilden können.

Sicher, Drache Herr von Alfons war kein Riese,

kein Berg wie seine Vorfahren, ja selbst mit der

Höhe eines Baumes konnte er sich nicht messen.

Genau genommen, so musste er zwangsläufig einräumen,

erreichte er kaum noch die Größe einer

Kuh. Er tröstete sich damit, dass er immerhin größer

als die meisten seiner Artgenossen war ] und

vor allem fürchterlicher, viel fürchterlicher. Da es

mit der Größe nicht mehr so hinhaute, legte Drache

Herr von Alfons besonderen Wert auf Fürchterlichkeit.

Er war es seinem Geschlecht schuldig,

der finsterste und furchterregendste aller Drachen

zu sein. Und so wunderte ihn zwar die mangelnde

Euphorie seiner Artgenossen, die bereits Nachwuchs

hatten, war andererseits aber froh, dass er

nicht gezwungen war, seinen furchtbar finsteren

Ruf aufs Spiel zu setzen. Denn bei der Freude über

den Nachwuchs konnte auch er sich nicht mehr

beherrschen, egal ob über den Eigenen oder über

Fremden.

Aber natürlich war ihm sein eigener Nachwuchs

am wichtigsten, schließlich sollte der ja ] wie wir

Todeslogistik

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wissen ] die Linie des uralten und ganz fürchterlichen

Geschlechtes derer von Alfons fortsetzen.

Und deshalb, da war sich Drache Herr von Alfons

sicher, würde sein Sohn (denn es war ein gelbes Ei)

noch fürchterlicher als er selbst werden, mit mächtigen

Schwingen furchterregenden Klauen an den

vier kräftigen Echsenbeinen, einem Gebiss wie

Godzilla und mit Sicherheit mindestens so groß

wie ein Pferd. Sein Sohn würde selbst wieder

Nachkommen haben und bald schon, in vielleicht

nur tausend Jahren, würden die von Alfons wieder

die Erde beherrschen, die Menschen in Angst und

Schrecken versetzen und statt mit dämlichen Rittern

wieder mit Göttern ringen (irgendwie gab es

die Ritter gar nicht mehr, fiel dem Drachen Herrn

von Alfons ein, wo waren die denn geblieben?).

Wenn Drache Herr von Alfons so über die alten

Zeiten und die Zukunft nachdachte ] die Gegenwart

ließ er meistens aus ] dann wirkte er ]

schweigend und unnahbar ] besonders fürchterlich,

zumindest auf seine Artgenossen. Andere

Lebewesen zeigten in der Regel deutlich weniger

Respekt. So hatte er einmal auf einer Viehweide

fürchterlich dagesessen und in seinen Träumen geschwelgt,

als ihn doch tatsächlich so ein Rindvieh,

eine Kuh, auf die Hörner genommen und von der

Wiese verjagt hatte. Wäre er nicht so in Gedanken

versunken gewesen, hätte die Kuh natürlich keine

Chance gehabt, redete er sich immer wieder ein.

Aber seit diesem Erlebnis mied er nicht nur die

Viehweide sondern generell die nicht drachige Öffentlichkeit.

„Alfons, komm sofort her!"

Der fürchterliche Drache Herr von Alfons ärgerte

sich nun ganz fürchterlich. Wenn sie nicht seine ]

übrigens auch ganz fürchterliche ] Frau wäre, hätte

er sich diese Anrede natürlich nicht bieten lassen.

So aber dampfte er nur wütend vor sich hin und

die anderen vorbei schleichenden Drachen dachten

nur respektvoll, wie furchterregend Drache Herr

von Alfons heute wieder ist, gleich speit er Feuer.

Natürlich konnte auch Drache Herr von Alfons

längst kein Feuer mehr speien. Er hielt aber die

Legende, er könne es, eifersüchtig aufrecht.

Schließlich war er der Vertreter des uralten und

mächtigen . . . na ja, das wissen wir ja schon.

„Alfons, komm doch endlich, unser Junge

schlüpft."

Wie von einer Tarantel gestochen, sprang Drache

Herr von Alfons auf, entfaltete seine Schwingen

und rauschte gleichzeitig wild mit den Beinen rudernd

auf seine Höhle zu. Dass er dabei eine Reihe

seiner Artgenossen einfach umriss, seine Flügel

dabei zerknitterten und er eher rutschend und rollend,

statt elegant einschwebend durch den Höhleneingang

schoss, tat seiner Fürchterlichkeit keinen

Abbruch. Immerhin war er der einzige, bei

dem das Anrempeln von Artgenossen als Zeichen

seiner Macht und Größe gewertet wurde, denn

niemand wusste, dass Drache Herr von Alfons

noch nie ein besonders guter Flieger gewesen war

und sein fürchterliches Daherrauschen lediglich

daran lag, dass er Beine und Flügel nicht richtig

koordinieren konnte.

Völlig außer Atem erreichte er das Ei, das bereits

erste Risse zeigte und von der Drachin Frau von

Alfons liebevoll begutachtet wurde.

„Sie nur", zischelte Drache Herr von Alfons stolz,

„sieh nur, wie kräftig er ist, sieh nur die gewaltigen

Risse in der Schale."

Die Drachin Frau von Alfons blickte ihren Mann

von der Seite an.

„Der versucht das bereits seit vier Wochen und

die Risse sind kaum größer geworden", erwiderte

Drachin Frau von Alfons.

Beleidigt senkte Drache Herr von Alfons den

Kopf.

„Und warum hast Du mich dann gerufen?"

„Weil wir ihm helfen müssen, da raus zu kommen,

allein schafft er es nicht."

„Ist ja auch ‘ne fürchterlich dicke Schale", nuschelte

Drache Herr von Alfons, „das schafft ja das

fürchterlichste Drachenbaby nicht allein."

„Und du bist ein fürchterlich dummer Drache",

dachte Drachin Frau von Alfons bei sich und sagte

laut: „Los, Alfons, zerdrück die Schale."

„Pssst", zischte Drache Herr von Alfons, „wenn

das die anderen hören."

Sicherheitshalber wartete er die Antwort seiner

Frau nicht ab, denn er konnte sich schon denken,

dass sie fürchterlich respektlos sein würde, und

zerdrückte vorsichtig die gelbe Eierschale.

Plopp machte es und inmitten des restlichen Dotters

wand sich quiekend die Zukunft derer von Alfons.

Voller Entsetzen wich Drache Herr von Alfons

zurück.

„Was quiekt denn da, was ist denn das?"

Und auch Drachin Frau von Alfons starrte fassungslos

auf das Würmchen.

Natürlich wusste Drache Herr von Alfons, dass

Drachenbabys klein sind, so wie alle Babys auf der

Welt. Aber so klein?

Drache Herr von Alfons wusste aber auch, dass

Drachenbabys bereits voll ausgebildet sind, schon

Flügel besitzen, Echsenbeine mit Klauen haben

und auch drachisch sprechen und fauchen können,

kurz, dass auch Drachenbabys schon fürchterlich

aussehen. Schließlich haben sie in ihrem Ei mehrere

Jahre Zeit, sich körperlich voll auszubilden und

auch die Sprache zu erlernen.

Aber das hier, das war kein Drache, nein das war

kein Drache, das konnte gar kein Drache sein. Das,

was da in der zerbrochenen Eierschale herumflitzte

und fröhlich quiekte war überhaupt nicht fürchterlich,

es war nicht einmal mäßig groß für ein

Drachenbaby, es hatte keine Flügel, keine Echsenbeine

und damit auch keine Krallen, keine Zähne

wie Godzilla.

„Mein Gott, es hat überhaupt gar keine Zähne!"

Drache Herr von Alfons war der Ohnmacht nahe.

Er raste in der Höhle hin und her und brabbelte

völlig hilflos vor sich hin:

„Es hat keine Zähne ] und es quiekt!!"

Drachin Frau von Alfons betrachtete ebenso fassungslos

wie ihr Mann das quiekende und schnatternde

fröhliche Etwas. Im Gegensatz zu ihrem

Mann legte sie nicht besonders viel Wert auf die

längst vergessenen Ahnen und die Bedeutung des

Geschlechtes derer von Alfons. Sie war es zufrieden,

einfach eine Drachin zu sein, lebte in der Gegenwart

und wusste, dass die Zeit der großen und

mächtigen Drachen für immer vorbei war. Im

Grunde ging ihr das fürchterliche Gehabe ] nicht

nur ihres Mannes ] ganz fürchterlich auf die Nerven.

Denn in Wirklichkeit war überhaupt nichts

fürchterliches mehr an den Drachen. Wo immer sie

in der jüngeren Vergangenheit ] also in den letzten

200 Jahren ] Menschen gegenübergetreten waren,

wurden sie bestenfalls ausgelacht, in der Regel

verjagt und schlimmstenfalls einfach getötet. Meist

aber wurden sie nur ignoriert, selbst von Kindern,

denn die Menschen glaubten nicht mehr, dass es

Drachen wirklich gibt. Was also sollte dann das

finstere Gehabe.

Wie gesagt, Drachin Frau von Alfons ] mit bürgerlichem

Namen einfach Klothilde ] war eine

pragmatisch veranlagte Drachin. Daher interessierte

sie nicht, was dem kleinen Wurm alles fehlte,

denn das schien seiner Lebensfreude keinen Abbruch

zu tun. Sie überwand ihre erste Fassungslosigkeit

und sah sich ] während ihr Mann immer

noch in der Höhle hin und her dampfte ] ihren

Nachwuchs genauer an.

„Bleib doch mal still sitzen, ich kann Dich ja

überhaupt nicht erkennen", blaffte Klothilde das

agile Wesen an, das sich geschickt und vor allem

blitzschnell durch das Dickicht des Strohlagers

wand, auf dem das Ei mehrere Jahre zum Ausbrüten

gelagert hatte. Unbeholfen versuchte sie mit ihren

Klauen den Winzling zu fassen zu bekommen,

aber ihr Sohn war schneller.

Ja, es war ihr Sohn, stellte Klothilde fest, ob nun

fürchterlicher Drache oder nicht, es war nun einmal

ihr Sohn. Der Winzling begann mit Klothildes

Klauen Fangen zu spielen, wartete ab und verschwand

blitzschnell im Stroh wenn sie nach ihm

griff, nur um kurze Zeit später mit einer Miene, die

besagte „Du fängst mich nie" wieder regungslos

die Bewegungen ihrer Pranke zu beobachten.

Das Wesen, das die Zukunft derer von Alfred

sein sollte, war wirklich unglaublich klein. Sicherlich

hätten mindestens zwanzig Stück davon in das

viel zu große Ei gepasst. Würde der Kleine so

wachsen, wie es Drachen üblicherweise tun, könnte

er nach etwa einhundert Jahren etwa die Größe

einer Blindschleiche erreicht haben. Wahrlich kein

Nachwuchs nach den Vorstellungen des Drachen

Herrn von Alfons. Aber Klothilde war dies egal.

Denn das kleine Kerlchen hatte im Gegensatz zu

den sich so fürchterlich gebenden Altdrachen einfach

etwas liebenswertes, eine Eigenschaft, die

Klothilde selbst zwar noch nicht erlebt hatte, die

sie aber irgendwie zu genießen begann. Außerdem

fand sie auch an seiner körperlichen Erscheinung

Gefallen. „Dragglechen", flüsterte sie mit ungewohnt

sanfter Stimme, „mein Dragglechen."

Draggle, wie der Sohn derer von Alfons schließlich

offiziell heißen sollte, starrte Klothilde erstaunt

an. Er hatte nach alldem, was er über das Drachenleben

und die Drachenwerte im Ei erfahren hatte,

nicht geglaubt, von irgendeinem seiner Artgenossen

akzeptiert zu werden. Dies hatte ihn nicht

sonderlich beunruhigt, denn er war sich ja im Klaren

über seine Erscheinung und hatte sich längst

darauf eingestellt, so bald er aus dem Ei geschlüpft

war, das Weite zu suchen und auf sich allein gestellt

zu leben. Drachen können das, denn wenn sie

aus dem Ei schlüpfen, sind sie bereits voll lebensfähig.

Außerdem werden alle Kenntnisse der Drachenfamilien

von Urzeiten an auf die Nachkommen

vererbt, so dass Drachen eigentlich nicht ] wie

Menschenkinder ] erst mühsam lernen müssen.

Nun aber, da er die außergewöhnlich sanfte

Stimme seiner Mutter vernahm, den liebevollen

Kosenamen (der ihm überhaupt nicht gefiel) und

merkte, dass Klothilde ihn nicht fangen wollte, um

ihn zu zerquetschen, begann er sich vorsichtig zu

entspannen.

Fragend hatte Draggle die weit vorstehenden

Augenbrauen noch oben zusammengezogen, so

dass sich unter seiner flachen Stirn ein kleines spitzes

Dach bildete, unter dem die schräg gestellten

Schlitzaugen hervorblitzten. Das zahnlose Maul

weit geöffnet, fast grinsend, hatte er den Kopf

leicht zur Seite geneigt. Die kleinen, wirklich kleinen

Stummelflügelchen, die dort am Schlangenkörper

aufgeregt schwirrten, wo normalerweise

die Vorderbeine sind, zeigten als einziges die noch

immer vorhandene Anspannung. Selbst der

Kamm, der sich an Hals und Rücken entlang zog,

war nicht ] wie bei den alten Drachen in solchen

Situationen] geschwollen.

Draggle machte einen ersten ernsthaften Kontaktversuch.

„Mama", quakte er. Und als sich das

fürchterliche Drachengesicht seiner alten Dame zu

einem durchaus auch fürchterlichen Lächeln verzog

] denn Drachen können eigentlich nicht lächeln

], drehte er den Kopf dem Drachen Herrn

von Alfons zu und hauchte inbrünstig „Papa".

Genau das aber war eindeutig zu viel für den alten

Drachen. Angesichts seiner Enttäuschung und

der sichtlichen Zuneigung Klothildes zu dieser

Missgeburt, angesichts der Tatsache, dass mit diesem

Draggle all seine Zukunftshoffnungen endgültig

zerschlagen waren, angesichts der Tatsache,

dass ihn die anderen Drachen bei diesem, diesem

... Sohn? mit Sicherheit einfach auslachen werden,

ihn den Nachfahren des mächtigsten . . .und so

weiter und so weiter ..., begann sich so viel Wut, ja

regelrechter Hass in dem fürchterlichen Drachen

aufzubauen, dass er nicht mehr nur zu dampfen

begann, sondern etwas passierte, das einem Drachen

seit Generationen nicht mehr passiert beziehungsweise

gelungen war ] der Drache Herr von

Alfons spie Feuer!

Er spie Feuer, verbrannte die Möbel, verbrannte

das Strohlager, auf dem Draggle noch saß und

kaum das Wort „Papa" zu Ende gebracht hatte.

Drache Herr von Alfons spie Feuer und selbst der

blitzschnelle Draggle hatte keine Zeit mehr gefunden,

den tödlichen Flammen zu entfliehen.

Entsetzt schrie Klothilde auf, als sie ihr kleines

Dragglechen sich in der Flammenglut winden sah.

Sie sprang auf und mit einem mächtigen Hieb ihrer

Pranke schleuderte sie den Drachen Herrn von

Alfons gegen die Höhlenwand, so dass er ohnmächtig

zusammenbrach und die Flammen zu verlöschen

begannen.

„Zu spät", jammerte sie, „oh mein Dragglechen,

oh mein Dragglechen...", und hielt sich ihre von

den Flammen ihres Mannes verbrannte Klaue.

Dicke Tränen rollten aus ihren faltigen Augenlidern

und ließen sie wie hinter einem Schleier

erblinden.

Auch Drache Herr von Alfons hatte sich gehörig

die Schnauze verbrannt, denn mit der Unfähigkeit

des Feuerspeiens, hatten die Drachen seit Generationen

auch ihre Feuerfestigkeit verloren. Aber das

ließ Klothilde natürlich kalt.

Wütend packte sie ihren noch halb ohnmächtigem

Mann und warf ihn im hohen Bogen aus der

Höhle. „Du hast unseren Sohn umgebracht", schrie

sie ihm hinterher, so, dass es alle anderen Drachen

hören konnten.

Von all dem hatte Draggle gar nichts mitbekommen.

Als ihn die Flammen erfassten, spürte er, wie

gut es ihm tat. „Ein Feuerbad, wunderbar", dachte

er. Wohlig räkelte und wand er sich in den Flammen

seines alten Herrn und wünschte sich, es

würde nie wieder aufhören. „Papa liebt mich

auch", dachte Draggle, denn für ihn gab es nichts

Schöneres als ein Feuerbad.

Wenn er auch keine gewaltigen Schwingen, keine

mächtigen Klauen und kein fürchterliches Aussehen

mitbekommen hatte, im Gegensatz zur Meinung

seines alten Herrn war er nämlich ein echter

Drache und zwar einer des alten Schlages ] wenn

auch ein wenig winzig geraten.

Draggle hatte die wichtigsten Eigenschaften der

Drachen mitbekommen. Er war Feuerfest und er

konnte Feuer speien ] auch ohne die gewaltige

Aufregung, die sein Vater dafür entwickeln musste.

Er konnte sogar zaubern, eine Fähigkeit, die die

alten Drachen ebenfalls nicht mehr besaßen. Und

Draggle war klug, außerordentlich klug sogar und

mit Sicherheit würde er im Alter weise werden, so

wie es sich für einen echten Drachen gehört. Wenn

also jemand Anspruch darauf hatte, Drache genannt

zu werden, dann sicherlich Draggle.

Aber Draggle war eben winzig und überhaupt

nicht fürchterlich und deshalb würde er unter den

heutigen Drachen nie als Drache anerkannt werden.

Während Klothilde also ihren Mann aus der

Höhle geschmissen, ihn bei seinen Artgenossen

unmöglich gemacht hatte und gleichzeitig über

den vermeintlichen Tod ihres Dragglechen trauerte,

erhob sich Draggle genussvoll aus der erkaltenden

Asche des Strohs und quäkte:

„Mach weiter Papa, bitte mach weiter, es war sooo

schön."

Ein wenig quengelte Draggle noch, bereits im

Halbschlaf, „mach weiter, Papa, mach weiter", um

schließlich, erschöpft von der Aufregung seiner

Ankunft in dieser Welt, fest einzuschlafen.

Draggle schlief einen tiefen und langen Schlaf,

träumte von gemeinsamen Abenteuern mit seinen

Eltern, in der festen Überzeugung, dass sie ihn tatsächlich

lieb hatten. Draggle schlief immer noch,

als sich die Morgensonne bereits vom goldenen

Rot in ein strahlendes gelb verwandelt und nicht

nur den Morgennebel vertrieben, die Tiere des

Waldes geweckt, sondern sich auch mit ihren

Lichtfingern in das Innere der Höhle getastet hatte.

„Mach weiter, Papa", murmelte Draggle, langsam

erwachend und die kitzelnden Sonnenstrahlen

mit seinen Stummelflügelchen vom Gesicht wischend.

Es dauerte noch lange, bis Draggle schließlich so

wach war, dass er sich in der Höhle umsehen und

feststellen konnte, dass er ganz allein war. Keine

Mama, kein Papa weit und breit und auch keine

Geräusche, die darauf schließen ließen, dass irgendein

drachenähnliches Wesen überhaupt in der

Nähe war.

Draggle war nun hellwach, schlängelte sich flink

durch die Höhle und stellte mit Entsetzen fest,

dass diese total zerstört war. Die Wände und auch

die steinernen Möbel waren an der Oberfläche zerschmolzen und von der hölzernen Einrichtung war

nichts übrig geblieben, als schwarze Asche. Von

seinen Eltern keine Spur, außer die eine oder andere

Drachenschuppe, die auf eine heftige Auseinandersetzung

schließen ließ.

Vorsichtig schwirrte Draggle, getragen von seinen

kleinen Stummelflügelchen nach Draußen.

Vor der Höhle lagen noch viel mehr Drachenschuppen

und je mehr sich Draggle dem großen

Drachenversammlungsplatz vor der Höhle näherte,

desto mehr Spuren eines schrecklichen Kampfes

konnte er finden.

Der Waldboden war nun übersäht mit abgebrochenen

und ausgerissenen Drachenschuppen.

Überall tief in den Boden eingegrabene Spuren

von Drachenklauen und die umstehenden Bäume

hatten all ihre Zweige bis zu einer Höhe von drei

Metern eingebüßt, abgebrochen, abgerissen, förmlich

zerhackt.

Aber kein Lebenszeichen irgendeines Drachen,

keine Spuren von Menschen oder großen, wilden

Tieren, nur ein von offensichtlich wütend kämpfenden

Drachen völlig zerwühlter Waldboden.

Die Drachen selbst waren wie ein Spuk verschwunden,

einfach verschwunden und mit Ihnen

auch Mama und Papa.

„Mamaaaa, Papaaaa!!", schrie Draggle verzweifelt

in den Wald.

Aber er erhielt keine Antwort.

Dabei hatte alles ] zumindest glaubte Draggle das

] so gut angefangen. Wider Erwarten hatte Mama

ihn in ihr Herz geschlossen und der etwas hartschalige

Papa hatte ihm zu seiner Ankunft sogar

ein herrliches Feuerbad spendiert. Und nun sollte

das glückliche Familienleben bereits zu Ende sein,

bevor es richtig angefangen hatte?

Draggle suchte nach einer Erklärung. Menschen,

die uralten Feinde der Drachen, waren nicht im

Spiel, das wusste er, denn er konnte weder Reiterspuren

noch Lanzenspitzen noch sonst irgendetwas

entdecken, was auf die Gemetzel, die die

Menschen unter den Drachen üblicherweise anrichteten,

hinwies.

Draggle war sich sicher, es waren nur Drachen

im Spiel gewesen. Und so bastelte er sich ein Bild

zusammen, das eher seinen Wunschträumen als

der Wirklichkeit entsprach.

Bestimmt hat Papa ganz fürchterlich mit mir vor

den anderen Drachen angegeben, dachte Draggle,

so lange, bis sie richtig neidisch waren. Und dann

haben die anderen Streit angefangen und es kam

zu einer fürchterlichen Rauferei.

Papa ] und natürlich auch Mama ] haben sich bestimmt

großartig geschlagen, waren aber der

Übermacht der anderen nicht gewachsen und

mussten fliehen.

Natürlich nicht aus Feigheit ] nach dem Feuerbad

hielt Draggle große Stücke auf seinen Vater ] nein,

bestimmt wollten Papa und Mama die anderen

von mir ablenken und mich damit beschützen,

denn wütende Drachen scheuten nicht davor zurück,

auch den Nachwuchs ihrer Gegner zu töten.

Draggle ahnte nicht einmal, wie weit er von der

Wahrheit entfernt war.

 

Klappentext

Eigentlich hatte alles ganz harmlos angefangen. Die letzten, eher peinlichen Drachenkreaturen, hatten auf ihren noch peinlicheren Nachwuchs gewartet. Und wie es so Brauch war in Drachenhausen, hatte Trine zur gleichen Zeit den traditionellen Gang auf den Drachenberg angetreten, den jedes Mitglied der Drachenwächterfamilie in einem bestimmten Alter zu gehen hatte. Damit aber war das vor Zeitaltern im Ringen zwischen den Magiren und Drachen hergestellte Gleichgewicht völlig durcheinander geraten. Die alten Drachen waren wieder auferstanden und lieferten sich mit den Göttern und Helden längst vergangener Zeiten einen erbarmungslosen Kampf um die Macht über die Welt. Ohne es zu wollen und völlig unvorbereitet muss am Ende Trine als Herrin über das magische Drachenauge die Entscheidung im Kampf der Götter, Drachen und Heroen herbeiführen. Dabei  muss sich Trine, verfolgt vom schrecklichen Gordrac, in einer trügerischen Welt bewegen, mit feindlichen Freunden und freundlichen Feinden. Es ist eine Welt mit Zwergen, Magier, Bogs, Drachenhirten, Boilugs und Kobolden und natürlich Menschen, die alle ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen, in einer Situation, in der die Wirklichkeit und die Anderswelt Eines geworden waren. Und am Ende fällt eine Entscheidung, mit deren Ergebnis niemand gerechnet hätte und die das Verständnis von Gut und Böse völlig auf den Kopf zu stellen scheint.