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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe DIe Chroniken der drei Kriege, S. A. Lee
S. A. Lee

DIe Chroniken der drei Kriege


Das Drohen der silbernen Sichel

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Prolog – Die Flucht Aus den Büchern des Staubes, Chronik 1: Die Entstehung der Zweiten Welt Am Anfang war das Dreigeteilte. Es durchschnitt die Nebel wie ein Sonnenstrahl die Finsternis und brachte das Licht und die Wärme. Wo Es seinen Fuss auf die Erde setzte, trockneten Sümpfe und schlossen sich Kluften, wo Seine Hände sich niedersenkten, spross Leben. Die Schrecken und Schatten wichen vor Seiner Herrlichkeit zurück und verschwanden tief in die Erde hinein, in den Schoss der Dunkelheit, wo sie vergessen gingen. Es durchwanderte alle Fläche, die Land war, und als Es an den Rand der Welt kam, wo schaurige, blutrote Ozeane die Küsten umtosten, berührte Es das Wasser und es wurde rein. Alles, was entstellt und dunkel war, wurde erfüllt von Heilung und Licht, und überall, wo die hehren Füsse des Wesens auf Erde trafen, blühten Blumen und spross weiches Gras. Nur einen Ort vergass das Wesen in all Seinem Wirken; und so verbarg sich dort, unberührt von Seiner reinigenden Kraft, weiterhin das Unheil und die namenlosen Grauen, die in der ungenannten, der Ersten Welt, umgegangen waren. So herrschen dort seit allen Zeiten sie, die wir die Westlichen nennen und die sich selbst keinen Namen geben, die kein Leben dulden und niemandem als den Schrecken dienen, aus denen sie hervorgingen, bevor die Zeit begann, und die sie selber sind. Als Es alles Land bis auf dieses eine besucht hatte, setzte Es sich nieder und erfreute sich an dem, was Es geschaffen hatte. Und das Herz war Ihm leicht vor Freude, sodass Es lachte – und aus diesem ersten Lachen wurden die Tiere, die sogleich daran gingen, die Erde und alles, was darauf war, zu bevölkern. Da staunte das Dreigeteilte Wesen und Es freute sich an ihnen. Da wandte Es seinen Blick gen Himmel und sah, wie leer er doch war im Vergleich zu dem, was Es nun auf Erden bewunderte. Also rieb Es die Hände aneinander und blies hinein, und getragen von dem göttlichen Atem erhoben sich alle Arten von Vögeln und Insekten in die Luft und erfüllten den Himmel mit ihrem Gesang. Sodann trat das Eine Wesen an die Küsten des Meeres und sah, wie verloren und still die riesigen Wasser vor Ihm lagen. Und Es vergoss Tränen ob dieser Leere und als diese Tränen das Wasser berührten, wurden sie zu Fischen und allen möglichen Kreaturen, die fähig waren, die Meere zu bewohnen. Und der salzige Geschmack der heiligen Tränen überdauert alle Zeitalter in den Fluten der tiefen Wasser. Als Es all dies geschaffen hatte, hielt Es inne und betrachtete Sein Werk. Und Es war bald bekümmert darüber, nicht in allen drei Sphären, die Es mit Leben bevölkert hatte, gleichzeitig verweilen zu können. Alsdann erhob das Wesen die Stimme und schrie, sodass alles, was da war, für einen Moment verstummte und erschaudernd lauschte. Als die Wehklage verklungen war, erhoben sich anstelle des Höchsten Wesens drei Gestalten, die weniger strahlend, doch noch immer schöner und erhabener waren als alles, was um sie war. Und diese Wesen waren die Drei – Licht, Waage und Schatten. Licht steht für das Gute, das Reine, das Aufrechte, und verbirgt sich am liebsten in den Weiten des Himmels, von wo er als Sonne und Mond auf alles herabsieht. Schatten herrscht in den tiefsten Tiefen der Meere und im innersten Leib der Erde. Aus ihm gehen Schwärze und Albträume hervor, alles, was böse und Mordgier ist, entsteht aus ihm. Zwischen ihnen steht als Richterin auf Erden Waage, die alles im Gleichgewicht hält und die sich mal zur einen, mal zur anderen Seite neigt. Sogleich begannen die Drei, nach ihrem eigenen Bild Lebewesen zu formen und sie auf der Erde zu verteilen, die sie bebauen und sich von ihr nähren sollten. Diese Wesen nannten sie Menschen. Und getreu ihren Erschaffern folgen manche Menschen dem Licht und manche verschreiben sich der Finsternis. Doch in den meisten von ihnen herrscht Waage vor, und sie folgen mal diesem, mal jenem. Und solange dieses Gleichgewicht unter den Menschen existiert, so lange bleibt auch die Welt, die das Dreigeteilte geschaffen hat und aus dem wir alle hervorgegangen sind, bestehen. Aracanon, fünf Meilen vor der Grenze zu Lòethin, im Jahr 1080 des zweiten Zyklus Szarell rannte. Aus dem Dunkeln griffen verkrüppelte Zweige nach ihr, peitschten ihr ins Gesicht und wurden zu Händen, die ihre Schritte verlangsamten. Ihre Lungen brannten wie Feuer, doch sie hetzte weiter, durfte nicht langsamer werden, sich nicht umdrehen, nicht stehenbleiben. Über ihr krachte Donner, ein Blitz zuckte über den Nachthimmel und schlug irgendwo dicht hinter ihr ein. Sie schmeckte Metall in der Luft und tauchte zwischen zwei dichten Büschen hindurch, die ihr die Wangen aufrissen. Rennen war eine Qual, da die Muskeln in ihrem geschwollenen Bauch sich krampfhaft zusammenzogen, doch hinter ihr lauerte der Tod; Stimmen, die rasch näherkamen, und ab und an auch Gebell. Panisch rang sie nach Luft; sie konnte nicht mehr weiter, gleich würden ihre Rippen bersten und ihre Arme wie berstende Äste abfallen. Als eine neue Welle des Schmerzes durch ihren Unterleib rollte, brach sie durch ein Gebüsch und krallte sich im letzten Moment in die Rinde eines überhängenden Farnbaums. Unter ihr tat sich ein Abgrund auf, steil und abschüssig, schwarzer Sand und loses Geröll erstreckten sich hunderte Schritt weit vor ihr bis tief hinunter ins Tal. Kein Mond stand am Himmel, der ihr den Weg hätte erhellen können, doch sie wusste auch so, dass dort unten die Tetczola floss, ein wildes, tosendes Band, das sich in den Leib der dunklen Erde schnitt. Jäh erleuchtete ein weiterer Blitz den Himmel und mit ihm kamen die Schmerzen über sie. Ächzend brach sie in die Knie, sich fest an den Stamm des verkrüppelten Baumes klammernd, der ihr den einzigen Halt im Leben bot. Ihr Gesicht war nass, sie wusste nicht, ob von Schweiss oder Tränen oder beidem, und zwischen ihren Beinen spürte sie etwas Feuchtes. Sie tastete danach und hob ihre Finger vor die Augen; sie waren dunkel von Blut. „Götter, bitte nein!“, keuchte sie, „nicht heute Nacht, nicht jetzt!“ Verzweifelt presste sie die Stirn gegen den Baumstamm und schickte Stossgebet um Stossgebet zu den Drei Höchsten, auf dass sie das Kind in ihrem Leib noch halten mochten, nur einige Stunden, bis sie in Sicherheit waren. Doch die Unsterblichen erhörten ihre Gebete nicht. Szarell schrie, als neuerlicher Schmerz sie überrollte, und fiel vornüber. Die Finger fest in die Erde verkrampft, betete sie zu allen übernatürlichen Wesen, die sie jetzt hören mochten, dass sie ihr Zeit gewährten. Nur noch etwas Zeit. Demiz Variszko zügelte sein Pferd und horchte. Unbarmherzig zerrte der Wind an seiner Kleidung und verwehte die Geräusche, die an seine Ohren drangen, doch ihm war, als hätte er in nächster Entfernung Geräusche vernommen. Etwas regte sich. „Sie ist nicht weit“, versicherte er den Männern, die sich hinter ihm sammelten und von denen manche mit heiseren Stimmen in die Nacht hinaus nach ihren Hunden riefen. „Sie wird nicht schnell vorwärts kommen, nicht in dieser Finsternis. Bald haben wir sie eingeholt.“ „Die Westlichen haben wir!“, fluchte einer der Männer und zwang sein Pferd neben Demiz; die Tiere waren nervös, der aufkommende Sturm machte sie ängstlich und liess sie scheuen. „Es ist ein verdammtes Wunder, wenn keines von unseren Viechern sich in dieser Arschschwärze ein Bein bricht und wir alle lebend zurückkommen. Man sieht kaum die Hand vor Augen und vorwärts kommen wir in diesem Dickicht hier auch nicht! Zu Fuss ist sogar ein Weib schneller als wir!“ Demiz musterte den Sprecher gleichgültig und wandte sich, nachdem dieser geendet hatte, wieder dem verschlungenen Pfad vor ihnen zu. „Du magst Recht haben“, sagte er nach einer kleinen Pause, die Augen unverwandt auf den Weg gerichtet. „Das habe ich ganz sicher! Herr“, fügte der andere Mann rasch hinzu und spuckte auf den Boden. So schnell, dass man mit den Augen kaum folgen konnte, zog Demiz seinen Dolch aus dem Gürtel und zertrennte seinem Nebenmann mit einem gezielten Hieb den Sattelgurt. Der Mann fluchte, und sein Fluchen verwandelte sich in einen Schrei, als er plötzlich seitlich abrutschte. Das Pferd bäumte sich erschrocken auf und galoppierte davon. Demiz musterte seine Klinge im fahlen Aufblitzen eines Wetterleuchtens. Etwas Blut klebte daran. Unzufrieden schüttelte er den Kopf; der Schnitt war ungenau gewesen. Er steckte den Dolch zurück in seinen Gürtel. „Du gehst zu Fuss weiter und sicherst den Weg, während wir uns aufteilen und in Gruppen weitersuchen“, verkündete Demiz dem Gefallenen und trieb sein Pferd vorwärts. „Du, du und du, ihr kommt mit mir“, wies er drei der Hundeführer an und winkte sie zu sich. „Ihr anderen geht links weiter. Wir kreisen sie ein. Fünfhundert Schritt vor uns liegt die Tathoek-Schlucht, wir treiben sie dort in die Enge. Dort kommt sie nicht weiter.“ „Pass nur auf, dass die Hunde deinen Geruch nicht zu sehr in die Nase bekommen“, verhöhnte einer der Männer den am Boden Liegenden, der noch immer völlig verdutzt Demiz hinterherstarrte. Einer der geifernden und kläffenden Hunde blieb kurz vor ihm stehen und witterte in seine Richtung. „Es könnte sonst sein, dass sie gerne wissen möchten, wo es mehr von dir gibt. Und ein rennendes Stück Fleisch ist für sie so gut wie das andere, möchte ich meinen.“ Hämisches Gelächter folgte dem Gestürzten, als er sich aufrappelte und so schnell wie möglich in die Büsche verschwand. Stöhnend kam Szarell zu sich. Sie konnte nicht sagen, wie lange die Benommenheit gedauert hatte, ob nur wenige Minuten oder Stunden, doch in jedem Fall hatte sie sie wertvolle Zeit gekostet. Ächzend zog sie sich an dem Baum hoch, die Augen wachsam in die undurchdringliche Dunkelheit gerichtet. Noch waren sie nicht nahe, doch lange würde es nicht mehr dauern. Als sie sich aufrichtete, kehrten die Qualen zurück und zwangen sie erneut in die Knie. „Nein!“, keuchte sie verzweifelt – doch es war zu spät; das Kind in ihr drängte nun mit aller Macht nach draussen und erkämpfte sich seinen Weg durch den verkrampften Mutterleib. Sie wollte schreien, ihrer Qual Linderung verschaffen, doch wenn sie das täte, würden sie sofort wissen, wo sie war. In ihrer Verzweiflung hielt sie sich den Unterarm vor den Mund und biss im nächsten Moment bereits mit aller Kraft hinein, als ein weiterer Krampf sie schüttelte. Als sie auf ihren Arm blickte, blutete er. Doch jetzt spürte sie, dass es nicht mehr lange dauern würde; die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen, Blut strömte aus ihr heraus und der Druck auf ihren Unterleib war kaum mehr zu ertragen. Mit letzter Kraft stemmte sie sich in die Hocke, schlang ihre Arme um den Stamm des Baumes, schloss die Augen und presste. Die Hunde jagten um ihn herum, vor und neben ihm brachen sie aus dem Dickicht des Waldes, umkreisten ihn und liessen ihn dann spielend hinter sich. Szenco hatte kaum Zeit, sich zu fragen, warum er nur sein Maul so weit hatte aufreissen müssen, so sehr umtrieb ihn die Angst vor diesen reisszähnigen, kläffenden Bestien. Er hoffte nur, dass sie ihn nicht tatsächlich mit ihrer eigentlichen Beute verwechseln und ihn beissen würden; hatten diese Viecher einmal Blut geleckt, liessen sie nicht mehr von ihrem Opfer ab, das wusste jeder. Deswegen waren sie ja auch so ungemein nützlich. Nur war es viel amüsanter, von seinem Pferd aus zuzusehen, wie sie einen entflohenen Sträfling oder irgendwelche Sklaven zu seinem Vergnügen in Stücke rissen, anstatt sich auf einmal selber von ihnen umschlossen zu sehen. Er konnte kaum sehen, wohin er rannte, verliess sich ganz auf seinen Instinkt und das fahle Blitzen der Sterne, das sich hin und wieder durch die lichter werdenden Baumwipfel zeigte, und hoffte das Beste. Hinter sich, weit abgeschlagen, konnte er das Rufen seiner Begleiter hören; er hatte Recht gehabt – die Wege des Waldes waren zu Fuss leichter zu meistern. Er verdrängte Angst und Erschöpfung und erlaubte sich einen kleinen Augenblick lang die Vorstellung, wie er vor seinem Gebieter kniete und ihm den zerfetzten Kadaver der Entflohenen darbot. Entlaufene Sklaven brachten viel Geld, wenn man sie lebendig an ihren Herrn überantwortete – aber noch wertvoller waren sie im Allgemeinen tot. Vor ihm lichtete sich der Wald zunehmend, der Boden unter seinen Füssen wies weniger Wurzeln und Steine auf und wurde sandiger. Er verlangsamte seine Schritte, zog eins der Schwerter auf seinem Rücken und stahl sich vorwärts. Vor einer Ansammlung aus hüfthohen Büschen blieb er stehen; einige der Köter hatten sich dort versammelt und schnüffelten begierig, während andere sich schon durch das Blätterwerk gedrängt hatten und weiter der Fährte folgten. Szenco hieb nach den Tieren aus und wild jaulend stoben sie auseinander. Er griff nach dem Fetzen, an dem sie geschnüffelt hatten, befreite ihn von den Ästen und hob ihn an die Augen. Ein diebisches Lächeln glitt über sein Gesicht: Es war ein Stück einer arachinischen Sklaventracht. Szarell kauerte sich zusammen und griff nach unten, um den Sturz des kleinen Körpers abzufangen. Keuchend und am ganzen Körper zitternd vor Anstrengung und Erleichterung, fing sie das Kind auf, bevor es zu Boden fiel, und hob es hoch. Es war sehr klein, viel zu klein, von Schleim und Blut überzogen, und es schrie nicht. Szarell keuchte verzweifelt und rieb mit ihren rauen Fingern über den zerbrechlichen Leib, um ihn zum Atmen zu bewegen. „Bitte, ihr Götter!“, flehte sie, „bei allen Seligen, bitte!“ Das Kind rührte sich nicht. Szarell griff in den kleinen Mund, machte ihn frei von Schleim und Lebenssäften, zog ihn an sich und blies ihren eigenen Atem in ihn hinein. „Bitte! Bitte!“ Tränen rannen unkontrolliert über ihre Wangen, doch sie war noch nicht bereit, aufzugeben. Ohne Unterlass rieb sie Wärme in das kleine Wesen, drückte seine Arme und Händchen, den filigranen Brustkorb und schlug in ihrer Verzweiflung zuletzt gegen seine Beinchen. Das Kind schrie. Sofort hielt Szarell inne, immense Erleichterung kämpfte gegen Liebe, eine Liebe, die so unerschütterlich war, dass es sie schauderte, kämpfte gegen ihre Angst, die drängende Zeit, die hoffnungsleeren Gedanken, bis sich alles miteinander in ihr aufstaute und in einem lauten, haltlosen Schluchzen hervorbrach. Mit zitternden Händen suchte sie in ihrem Rock nach dem kleinen Arbeitsmesser, mit dem sie sich heute ihre Freiheit geholt hatte, zertrennte die Nabelschnur und wiegte ihr Kind in den Armen. „Sie werden gleich kommen“, weinte sie dem Neugeborenen zu, „sie werden uns finden! Und dich werden sie umbringen! Das darf nicht geschehen! Das kann ich nicht zulassen!“ „Bin ja gespannt, wie du das versuchen willst“, höhnte eine Stimme in ihrem Rücken. Szarell fuhr herum, jeden Muskel in ihr zum Zerreissen gespannt. Ein untersetzter, schlecht gebauter Mann stand vor ihr. Er trug einen Umhang über seiner schwarzen Rüstung und in seinen groben Händen hielt er ein gebogenes Einhandschwert. „Es heisst, der Gebieter persönlich hat dich gefickt“, erzählte er nachlässig und spuckte auf den Boden. „Vielleicht lässt er mich ja auch mal, weil ich dich gefunden habe. Sobald ich dich zu ihm zurückgeschleift und ihm den verrotteten Kadaver deines Bastards vorgelegt habe.“ Glühender Hass jagte durch Szarell, jeder ihrer Sinne war in Alarmbereitschaft, hielt sich bereit, wartete auf einen Angriff. Behutsam legte sie den Säugling hinter sich nieder, ohne den Häscher aus den Augen zu lassen. „Mögen die Westlichen dich verschlingen“, knurrte sie in ihrer Muttersprache und stellte sich breitbeinig vor ihren Sohn. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, doch es war ihr egal. Sollte er sie doch töten, wenn er wollte, aber sie würde ihn mitnehmen. Der Mann spuckte erneut auf den Boden und wischte sich mit seinem schmutzigen Handrücken über den Mund. „Also, wie willst du’s haben? Wählst du den leichten Weg oder den schwierigen?“ Wortlos kam ihm Szarell entgegen, den Blick gesenkt, die Hände vor sich gefaltet. Der Mann grinste und offenbarte Zahnlücken. „Gutes Mädchen. Macht es viel einfacher. Nicht für dich, würde ich meinen, nicht, wenn ich dich nach Hause bringe, aber…“ Szarells Knie knickten ein, ruckartig schlang sie die Arme um seinen Hals, um den Sturz abzufangen. Der Mann lachte auf, halb erschrocken, halb erfreut. „Ho, Mädchen, langsam!“ Er hielt sie fest und drückte ihr Kinn nach oben. „Du willst es also gleich wissen, ja? Also gut… Ihr Weiber… aber wenn du glaubst, es wird für dich dadurch besser, dann hast du dich…“ Ohne Vorwarnung zuckte Szarells Hand nach oben und rammte das Arbeitsmesser durch den Unterkiefer des Mannes. Dieser gurgelte, ein Ton wie von Überraschung; aus ungläubig hervorquellenden Augen starrte er sie an, dann strauchelte er und brach wie ein gefällter Baum zu Szarells Füssen zusammen. Sofort eilte sie zurück zu dem Säugling, der reglos dagelegen hatte, als wüsste er, dass jedes Geräusch seinen sofortigen Tod bedeutete. Da hörte sie das Knurren. Eiseskälte brach über sie herein, die jedes andere Gefühl erstickte und sie gnadenlos umklammerte. Die Hunde. Sie hatten Hunde mitgebracht. Langsam, atemlos, drehte sie sich um. Es waren drei, zwei weitere in den Büschen dahinter, und sie glaubte, etwas entfernt weiteres Rascheln zu hören. Szarell wagte nicht, sich zu rühren. Die Bestien verharrten, knurrten leise, legten die schweren Köpfe schief, was komisch, beinahe niedlich aussah, doch sie wusste, sie schätzten lediglich die Entfernung ab, die sie zu ihrem Opfer zurücklegen mussten. Um es richtig packen zu können. „Tötet mich“, wisperte sie dem Wind zu, „tötet mich, aber verschont mein Kind!“ Das Knurren der Hunde wurde lauter. Einer der Rüden, das Alphamännchen zweifellos, kam näher. Seine gewaltigen Pfoten waren lautlos, wenn sie den Boden berührten, die steifen Ohren hatte er flach angelegt. Seine Reisszähne blitzten im Licht des Mondes, der in diesem Augenblick hinter einer Wolke hervorbrach, als wollte er Licht auf die letzten Momente ihres Lebens werfen. Szarell konnte nicht atmen. Langsam, behutsam, ohne die Augen von den Hunden zu nehmen, setzte sie ihre Füsse in Bewegung. Nach links, eine Handbreit nur, dann noch eine. Noch unternahmen die Tiere nichts, verfolgten sie nur unablässig mit ihren gelb leuchtenden Augen. Ein Donner krachte über ihr, fast im selben Augenblick, als endlich der Regen einsetzte. Als Szarell ihre Ferse ein klein wenig nach hinten schob, spürte sie, dass der Boden hinter ihr abfiel. Die Schlucht lag unmittelbar hinter ihr. Den Kopf leer, das Herz voll verzweifelter Hoffnung, barg sie ihr Kind an ihrem Hals. „Vergib mir“, schluchzte sie und drückte ihre Lippen gegen die hauchdünne Haut, „vergib mir!“ Sie schlang die Arme um das Kind und sprang. Sofort setzten ihr die Bestien nach. Sie spürte sie hinter sich, neben sich, sah sie als schwarze Schlieren vor dem dunkelgrauen Boden, die sprangen und kläfften, nach ihr schnappten und erschrocken zurückwichen, als sie stürzte. Einen lautlosen Angstschrei auf den Lippen, rollte sich Szarell zusammen, zog die Knie an, um das Neugeborene vor dem Aufprall zu schützen. Trotzdem versuchte sie, sich so schlaff wie möglich zu machen. Scharfer Schmerz zuckte durch ihre Stirn, als sie sich an einem vorbeirasenden Stein den Kopf stiess, Sterne flogen an ihren Augen vorbei, wurden vom dunklen Boden abgelöst, über den sie haltlos kugelte, alles schien zu geschehen, als hätte jemand den Lauf der Zeit verlangsamt… Sie hätte nichts tun können, um zu verhindern, dass sie ungebremst über das feuchte, steinige Ufer der Tetczola rollte und schliesslich dort zu liegen kam. Das Kind schrie gellend, doch Szarell hatte keine Zeit, es zu beruhigen. Zuerst musste sie sein Leben retten. Über ihr, vom Mondlicht scharf umrissen, zeichneten sich die arachinischen Bluthunde als dunkle Gestalten vor dem abfallenden Boden ab. Vorsichtig und doch rasend schnell sprangen sie den Steilhang hinunter und hetzten ihr hinterher. Innert kürzester Zeit würden sie sie erreicht haben. Szarell zögerte nicht weiter: Ohne zu überlegen stürzte sie sich in den Fluss, ihre heruntergekommene Tracht sog sich mit Wasser voll und zog an ihr, ihre nackten Füsse rutschten über Steine und Schlick und ihre Bewegungen wurden langsam, trunken, als sie tiefer hineinwatete. Unablässig fiel der Regen, durchtränkte ihre Haare und liess den für gewöhnlich sanften Fluss zu einem reissenden Strom anwachsen, der alles mit sich riss, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte. Doch für Szarell war er die einzige Rettung. Haltlos warf sie sich hinein, drehte sich auf den Rücken, um das Kind oben zu halten, und stiess mit den Beinen kräftig nach. Die Fluten rissen sie mit sich, erbarmungslos und doch gnädig. Als Szarell keuchend nach Luft rang und versuchte, nach ihren Verfolgern auszuspähen, waren diese nicht mehr als verschwommene Schatten in weiter Ferne. Demiz gönnte der Leiche seines ehemaligen Untergebenen nicht mehr als einen kurzen Blick, dann liess er seine Augen über die Umgebung schweifen. „Wenn sie noch im Wald ist, werden die anderen sie finden“, versicherte Thorob, sein Untermann, der sich über den toten Körper beugte und ein schlichtes Küchenmesser aus Szencos Schädel zog. „Sie ist nicht im Wald“, erwiderte Demiz und hob die Hand, um damit zum Fluss hinunter zu zeigen; Regentropfen glitzerten an seinem ausgestreckten Finger. „Sie ist dort hinuntergelaufen.“ „Ihr glaubt, sie will die Tetczola überqueren? Dann ist sie nicht nur töricht, sondern verrückt! Bei dieser Strömung wird sie es niemals bis zum anderen Ufer schaffen.“ „Unterschätze die Situation nicht, Thorob. Das Glück ist oft mit den Verzweifelten und den Narren. Stell vier Männer ab, sie sollen den Hunden folgen. Der Rest kommt mit mir. Es gibt einen kleinen Bergpfad, der uns ein Stück weiter den Fluss hinunter ans Ufer führt. Wir sehen dort nach.“ Thorob fluchte, als er wieder aufs Pferd stieg. „Wenn sie wirklich ins Wasser gestiegen ist, werden die Hunde nicht mehr in der Lage sein, ihre Spur aufzunehmen. Wie sollen wir das dem Herrn nur beibringen?“ „Unsere Suche ist noch nicht zu Ende“, beruhigte Demiz und nahm seinem Untergebenen das Messer aus der Hand. „Mein Instinkt sagt mir, dass sie es vielleicht in einem der kleinen Gehöfte versuchen wird, die einen halben Tagesmarsch weiter den Fluss hinab liegen. Vorausgesetzt, die Tetczola setzt ihr nicht selbst schon ein Ende. Ich für meinen Teil habe noch keine Sklavin erlebt, die mehr als sechs Stunden lang schwimmen kann.“ „Und wenn sie ertrinkt, wird ihre Leiche angespült werden“, fügte Thorob zufrieden hinzu und liess sein Pferd in einen gemässigten Trab fallen; der Weg, den sie eingeschlagen hatten, war zu steil, um ein schnelleres Tempo zu wagen. „Oder verschwindet für immer“, erwiderte Demiz vielsagend und steckte das Sklavenwerkzeug ein. Zumindest, so überlegte er, hatte die Schlampe jetzt keine Waffe mehr. Szarell war müde. So müde wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie wollte schlafen, vergessen, traumlos versinken und sich nur ausruhen. Doch das kleine, dringlich zappelnde Geschöpf auf ihrem Bauch erinnerte sie daran, dass sie es nicht konnte. Noch nicht. Ächzend drehte sie sich um, presste ihre Wange gegen die harten, flachen Steine des Ufers und flehte um Kraft. Dann schlug sie die Augen auf. Sie lag am linken Ufer der Tetczola, von Norden aus gesehen, auf der anderen Seite des Flusses, wobei sie nicht verstehen konnte, wie ihr das gelungen war. Vielleicht hatte der Lichte sich ihrer nun doch erbarmt, nach allem, was sie erduldet hatte. Vor ihr, wo das steinige Ufer in Sand überging, lagen sanfte, mit hohem Wildgras bewachsene Hügel, die sich weiter ins Land zogen und langsam zu einer blühenden Ebene wurden. „Lòethin“, flüsterte sie. Das Land hinter dem Fluss. Sie hatte es geschafft. Ächzend und quälend langsam schleppte sie sich auf allen Vieren die sandigen Anhöhen empor, bis sie bis zur Hüfte auf flachem Boden zu liegen kam. Behutsam legte sie den Jungen vor sich auf den Boden. Er atmete, schwach, aber er atmete. „Tapferer kleiner Bursche“, flüsterte sie, wobei sie ihre eigenen Worte kaum mehr hören konnte, so schwach war ihre Stimme geworden. Ihr Atem ging rasselnd, und von den Seiten rollte sich eine unerbittliche, rotschwarze Wand vor ihre Augen, verbunden mit einem entsetzlichen Klingeln, das ihr in den Ohren dröhnte. Sie blinzelte heftig und versuchte, ihre Umgebung zu erkennen. Da trug der Wind ein fernes, schwaches Geräusch an ihr Ohr, so leise, dass man es sich leicht eingebildet haben konnte. Doch Szarell richteten sich die Nackenhaare auf und sie war sicher, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Vor Angst keuchend drehte sie den Kopf und meinte, im fahlen Licht der nahenden Morgendämmerung dunkle Punkte am anderen Ufer zu erkennen, noch ein Stück entfernt zwar, doch nahe genug. Ihr Herz hämmerte, jeder einzelne, lebenserhaltende Schlag jagte Schmerzen durch ihren Kopf und Unterleib, ihr ganzer Körper verlangte dringend nach Schlaf, doch jetzt jagte erneut Panik durch ihre Venen und sie wusste, dass sie eine Entscheidung zu treffen hatte. „Weit komme ich nicht mehr“, hauchte sie dem erschöpften Kind zu und presste ihre kalten Lippen gegen seine kleine Hand. „Ich kann kaum mehr aufstehen. Ich werde sie nicht lange fernhalten können!“ Heisse Tränen rannen über ihre Wangen, als sie die Augen schloss und ein rasches Gebet zu den Dreien schickte. Sie wusste, was sie zu tun hatte: Mit zitternden Händen riss sie ein Stück Tuch aus ihrer Sklaventracht und wickelte das Kind hinein. Sanft bettete sie ihn zwischen einige Grasbüschel an den Rand der Ebene, sodass er vom Land aus gut zu sehen sein würde, für ihre Verfolger auf der anderen Seite des Flusses aber hoffentlich unsichtbar war. Sie küsste zärtlich sein kleines Gesicht, drückte ihn an sich und wollte ihn niemals wieder loslassen. Dennoch tat sie es, und unter übermenschlicher Anstrengung richtete sie sich auf und kehrte zurück ans Ufer hinunter. „Da ist sie!“, bellte Thorob und spornte sein Pferd zur Eile an. Auch Demiz hatte die gebeugte Gestalt gesehen, die, sich immer wieder ängstlich umblickend, an der anderen Seite des Ufers entlangeilte. „Törichtes Weib“, flüsterte Demiz und stiess seinem eigenen Tier die Fersen in die Flanken. Der Fuchshengst jagte vorwärts und liess innert Kurzem seine Gefährten hinter sich. Die Frau schrie unterdrückt und rannte schneller, aber er konnte von weitem sehen, dass sie mit ihren Kräften am Ende war. Es würde jetzt nicht mehr lange dauern. Wie aus dem Nichts erschienen an der erhöhten Böschung am anderen Flussufer zwei Reiter. Ihre Uniformen waren weiss und auf ihrer Brust prangte ein dunkelbraunes Pferd. Grenzwächter von Lòethin. Verärgert verzog Demiz den Mund und drückte seinem Hengst die Sporen in den Bauch, worauf er trotz des steinigen, unebenen Bodens sein Tempo noch steigerte. In diesem Augenblick wurden die Grenzwächter auf ihn aufmerksam. Einer von ihnen deutete aufgeregt zu ihnen hinüber und im nächsten Moment trieben die beiden ihre Pferde die Uferböschung hinunter. Demiz war mittlerweile mit der entflohenen Sklavin auf einer Höhe. Ruhig und als hätte er alle Zeit der Welt griff er an seinen Gürtel und holte seine Kriegsschleuder hervor. Mit geübter Hand setzte er einen Stein hinein und liess die Schleuder über seinem Kopf kreisen. Er visierte kurz an und liess das Geschoss fliegen. Fünfzehn Schritt von ihm entfernt schrie die Frau auf und brach in die Knie. Ihre Hände tasteten unsicher nach ihrem braunen Haarschopf. Demiz lächelte und brachte sein Pferd zum Stehen. Wenige Atemzüge später waren Thorob und die anderen – es waren jetzt noch fünf Männer – bei ihm und standen an seiner Seite den Grenzwächtern gegenüber. „Einen guten Morgen euch Herren!“, rief Demiz über das Toben der Fluten hinweg. Der Regen hatte aufgehört; ein bleicher Sonnenaufgang kündigte sich an. „Wie können wir euch helfen?“ Einer der Grenzwächter näherte sich ihnen, doch sein Pferd scheute vor den reissenden Fluten und blieb bockig stehen. „Was treibt ihr da?“, brüllte der Mann zurück und mühte sich, sein Reittier wieder in den Griff zu bekommen, ehe er im Fluss landete. „Ausreiten!“, erwiderte Demiz gelassen und seine Männer lachten rau. Der Grenzwächter, der gesprochen hatte, verzog säuerlich seinen Mund. „Und warum tut ihr das ausgerechnet an der Grenze zu unserem Land? Man möchte meinen, das Reich des Westens sei gross genug, um einer Handvoll randalierender Ritter Platz zu bieten!“ „Sieh dich vor, du Bauer!“, schrie Thorob aufgebracht zurück, „sonst komme ich herüber und poliere dir die Fresse, dass die Huren in deiner Stadt in Zukunft doppelt so viel von dir verlangen, ehe sie sich zu dir legen!“ Demiz legte Thorob die Hand auf den Arm. „Mein Freund ist ein wenig ungeduldig heute Morgen. Verständlich, wenn man bedenkt, dass wir endlich wiedergefunden haben, wonach wir die ganze Nacht auf der Suche waren!“ Erst da gewahrten die beiden Grenzwächter die Frau, die nur wenige Schritt von ihnen entfernt am Boden kniete, sich den verwundeten Kopf hielt und nun ängstlich zwischen den Männern hin- und herschaute. „Was soll das denn?“, fragte der zweite Grenzwächter und machte Anstalten, von seinem Pferd zu steigen, um sich die Sache genauer anzusehen. „Haltet ein, guter Mann!“, rief Demiz und unterdrückte seinerseits aufkeimende Ungeduld, „diese Sklavin ist eine Entflohene und Eigentum unseres Herrschers, seiner Exzellenz dem Grossfürst persönlich! Wir haben den Auftrag, sie ihm zurückzubringen, damit sie ihre gerechte Strafe erhält!“ Der Grenzwächter verharrte, offenkundig verunsichert. Er tauschte einen Blick mit seinem Kameraden, der ihn nicht weniger beunruhigt erwiderte. „Und was wollt ihr jetzt tun?“, fragte der erste Grenzwächter schliesslich, wohl um Zeit zu gewinnen. Demiz zwang sich zu einem Lächeln. „Nun, unser Plan bestand darin, herüberzukommen und sie uns zu holen. Es sei denn, ihr wollt uns den Gefallen erweisen und sie uns bringen! Dann müssten sich unsere Pferde nicht die Hufe nass machen!“ Der erste Grenzwächter liess seinen Blick über die reissenden Fluten gleiten. Seine Gedanken waren leicht von seinem Gesicht abzulesen: Es schien unmöglich, den Fluss zu Pferd zu überwinden, geschweige denn mit einer zu Fuss gehenden Sklavin. Demiz dachte dasselbe, und es machte ihn wütend. Der Grenzwächter seinerseits trat vor, anscheinend ermutigt. „Diese Grenze wurde seit Jahrzehnten von niemandem mehr unbefugt überschritten“, verkündete er, „und auch ihr werdet sie nicht überqueren.“ „Wer will uns aufhalten? Du?“, höhnte Thorob zurück. Demiz legte den Kopf schief. „Ist es wirklich nötig, dass wir solches Aufsehen um die Sache machen? Ich glaube doch, dass die Lage eindeutig ist: Unser Eigentum liegt dummerweise auf der falschen Seite des Flusses. Wir kommen es holen, kehren in unser Land zurück und wir vergessen das Ganze.“ Doch der Grenzwächter wollte sich nicht so leicht beschwichtigen lassen. Er stieg ab und näherte sich der Frau, die noch immer am Boden kauerte. Als er näherkam, wich sie zurück. Der Mann verharrte, musterte sie. Demiz war klar, dass er ihre Verletzungen bemerken musste - ärgerlicherweise schienen sie ihn zu rühren. Idiot. „Ihr könnt sie nicht haben“, befand er schliesslich. „Sie befindet sich auf unserem Land, und gemäss den Verfügnissen des Tausendjährigen Vertrages...“ „Spar dir die Paragraphenreiterei“, fauchte Demiz und steuerte seinen Hengst näher ans Flussufer; allmählich wurde er wütend. „Ich kenne die Gesetze ebenso gut wie du, aber im Gegensatz zu dir ich kenne auch einen arachinischen Grossfürsten und die gewaltige Wut, die in ihm entfacht wird, wenn irgendein Blechsoldat, der seine Prinzipien falsch einteilt, ihm die Herausgabe seines rechtmässigen Eigentums verweigert! Und ich kenne auch die Konsequenzen, die diese Wut nach sich ziehen würde – für dich und dein Land!“ Der Grenzwächter rührte sich nicht, doch sein Gesicht wurde grau. Es dauerte einige Momente, bis er seine Sprache wiederfand: „Ihr… Ihr wagt es, mir zu drohen?“, stammelte er, wobei er sich nicht mal Mühe gab, selbstsicher zu klingen. „Ja, ich glaube, das tue ich“, erwiderte Demiz überaus gelassen. Thorob grinste. Der Grenzwächter blickte unsicher zwischen Demiz und der Sklavin hin und her, die sich jetzt nach vorne warf und sich an seine Beine klammerte. Sie sagte irgendetwas in ihrem primitiven Sklavendialekt, das Demiz nicht verstand, doch ihr vor Panik verzerrtes Gesicht sprach Bände. „Seht es als eine Geste der Freundschaft; ich bin sicher, mein Herr wird euch diese Grosszügigkeit nie vergessen!“ Der zweite Grenzwächter, der das Gespräch schweigend von seinem Pferd aus verfolgt hatte, rief seinem Gefährten etwas zu. Dieser zögerte erneut; Zweifel standen in seinem Gesicht geschrieben. Schliesslich zuckte er mit den Schultern und wandte sich von der Frau ab. „Wir waren niemals hier!“, erinnerte er Demiz düster, als er sich wieder auf sein Pferd schwang und hinter seinem Gefährten die Böschung hinaufritt. „Worauf ihr euch verlassen könnt!“, freute sich dieser und trieb seinen Hengst ins Wasser. Die Sklavin schrie irgendetwas, schien aber zu schwach, um aufzustehen. Triumphierend trieb Demiz das Tier vorwärts, behielt dabei die Sklavin jedoch im Auge, die völlig erstarrt dasass und ihnen mit weit aufgerissenen Augen entgegensah. Demiz hörte Thorob hinter sich fluchen und wusste, warum: Das Wasser reichte ihm mittlerweile bis zu den Knien und die Pferde begannen in der starken Strömung zu rutschen. Demiz trieb sein Tier vorwärts, verärgert über den hoffnungsvollen Ausdruck, den er für einen Moment auf dem Gesicht der Sklavin gesehen zu haben glaubte. Der Hengst riss den Kopf hoch und schnaubte heftig und ein seltsames Gefühl der Schwerelosigkeit überkam Demiz, als er plötzlich den Boden unter den Füssen verlor. Fluchend trieb er das Tier weiter, zwang es, all seine Kräfte zu mobilisieren, trat und schlug unablässig auf es ein – und dann stiess sich der Hengst vom Boden ab und war in flachen Gewässern. Mit einem Schrei, in dem sich Wut, Triumph und ein Hauch vergehender Todesangst mischten, jagte Demiz auf dem Hengst ans Ufer. Die Sklavin versuchte überstürzt, vor den herannahenden Hufen zurückzuweichen und fiel hin. Keuchend und mit geschlossenen Augen blieb sie im Kies liegen. Thorob, der soeben das Ufer erreicht hatte, fluchte und keuchte wild durcheinander, während er eine Seilschlinge von seinem Gürtel löste. Demiz sah emotionslos auf die zusammengekauerte Frau hinunter; sie blutete stark, besonders zwischen den Beinen, doch er hielt sich nicht damit auf, sich zu fragen, woher diese Verletzung kam. Darum würden sich andere kümmern. Thorob sass ab, ging zu der Sklavin hinüber und fesselte sie. Widerstandslos liess sie sich die Schlinge anlegen; sie atmete flach und ohne die Augen zu öffnen. Vielleicht betete sie zu irgendeinem ihrer barbarischen Götzen, von denen Demiz nur entfernt gehört hatte. Er gab seinem Untergebenen ein Zeichen, die Schlinge an seinem Sattelknauf zu befestigen. „Wir haben uns die Nacht um die Ohren geschlagen wegen dir“, erklärte Demiz mit eisiger Ruhe und zurrte den Knoten fest. „Du hast mehr Ausdauer bewiesen, als man es hätte vermuten können. Vermutlich hat man dich in der Vergangenheit zu gut ernährt. Also wird es dir nichts ausmachen, wenn du deinen kleinen Spaziergang fortsetzt. Los, steh auf! Und an deiner Stelle würde ich darauf achtgeben, nicht hinzufallen, sonst schleife ich dich zur Festung zurück.“ Die Sklavin versuchte es, doch sie war offenbar kaum mehr bei Bewusstsein. Thorob trat nach ihr, doch das bewirkte nichts weiter, als dass sich ihre Augen in den Höhlen verdrehten. Demiz zuckte die Achseln und trieb sein Pferd vorsichtig wieder zurück in die Fluten. „Wie du willst“, sagte er kühl.


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