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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Der Weg des BösenSibylle Meyer
Sibylle Meyer

Der Weg des Bösen



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Der Weg des Bösen


Obwohl gerade in Berlin der April zumeist regnerisch und dunkel war, lachte die Sonne heute am strahlendblauen Himmel und tat genau so, als wenn es mitten im Hochsommer wäre. Die große Stadt wirkte dadurch bei weitem freundlicher, als sie es in den letzten Tagen getan hatte. Eigentlich waren die letzten beiden Wochen nur verregnet und hatten von Unfreundlichkeit nur so getrotzt.
Eva Härtling stand am Fenster und blickte hinab auf die belebte Straße. Die Menschen, die dort unten umherliefen, genossen den warmen, angenehmen Wind und die Freundlichkeit des Tages. Jedenfalls dachte Eva, dass es so war. Die ersten warmen Sonnenstrahlen nach kalten Tagen wurden doch immer begrüßt, oder etwa nicht? Nur Eva hatte heute kaum ein Auge für das Wetter und den strahlendblauen Himmel. Stattdessen starrte sie aus tränenüberströmten Augen aus dem Fenster, drehte sich dann wieder abrupt um und lief ziellos durch ihre Wohnung.
Eva war meistens gerne zu Hause. Sie war stolz auf ihre Zweizimmerwohnung im Herzen von Kreuzberg, die sie sich selbst nach eigenem Geschmack liebevoll eingerichtet hatte. Eine dunkelrote Couchgarnitur aus Lederimitat, dazu passend einen Tisch aus Buchenholz, der allerdings einen Anstrich erhalten hatte, dass es schien, er wäre aus echtem Mahagoni und ein hellgrauer Schrank aus Birkenholz bildeten die hübsche Einrichtung.
Eine urig moderne Lampe und helle Auslegware, die sie billig bei Domäne erstanden hatte, verliehen ihrem Wohnzimmer einen Hauch von Eleganz und Modernität. Sie lebte gerne hier. Die Menschen hier waren herzhaft natürlich; nicht so snobistisch veranlagt, wie in der Gegend, in der Eva aufgewachsen war und in der immer noch ihre Mutter lebte.
Sie war froh gewesen, den immer neugierigen Blicken und dem ständigen Naserümpfen der Nachbarn ihrer Eltern entkommen zu sein.
Eva war in einer der reichsten Gegenden Berlins aufgewachsen, in der niemand zu leben schien, der nicht zumindest einen Doktortitel vorzuweisen hatte. Natürlich gab es auch einige, denen einfach das Glück zu Wohlstand verholfen hatte, aber die waren dann am allerschlimmsten.
Nur nicht aus der Rolle fallen, war ihre Divise. Nein, diese Einstellung hatte ihr nie gefallen, und als sie dann endlich über ein Alter verfügt hatte, wo man sich von seinem Elternhaus loseisen konnte, ohne dass es zu sehr nach Flucht aussah, und als sie dann auch über genügend Eigenkapital verfügt hatte, um sich diese Wohnung leisten zu können, hatte sie schnell ihren Koffer gepackt, und war gegangen. Wenn Eva jetzt an ihr damaliges Zuhause dachte, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln. Dort hatte sie immer das Gefühl gehabt, von allen anderen ausgeschlossen zu sein. Warum eigentlich? Auch ihre eigene Familie war nicht gerade arm. Auch sie besaßen eine zweistöckige Villa und ein größeres Grundstück.
Vielleicht war ihr Vater daran schuld? Er war ausgezogen und ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als Eva zehn Jahre alt gewesen ist. Eva war damals sehr traurig gewesen, daran konnte sie sich noch gut erinnern. Heute fragte sie sich allerdings, wie diese beiden doch so grundverschiedenen Menschen, überhaupt eine Ehe hatten führen können. Ihre Mutter war die Tochter einer steinreichen Professorenfamilie, die oftmals sogar für die höchste Prominenz tätig gewesen war. Ihre Mutter selbst erhielt ihren eigenen Professorentitel in Geographie, als sie nicht älter als dreißig war. Ihr Vater war ein kleiner Arbeiter gewesen, und ihre Mutter hatte Zeit ihrer Ehe versucht, ihm eine bessere Stellung zu verschaffen, die er allerdings gar nicht haben wollte. Darum hatten sie sich getrennt, und die einzige, die über diese Trennung geweint hatte, war Eva gewesen.
Trotzdem, oder vielleicht sogar weil ihre Eltern getrennt waren, hatte sich ihr Verhältnis zu ihrem Vater nur noch
liebevoller entwickelt. Eva liebte ihren Vater, und vielleicht war das der Grund gewesen, dass sie sich im Hause ihrer Mutter immer so fehl am Platze gefühlt hatte. Trotzdem hatte sie Jahre lang versucht, ihrer Mutter alles Recht zu machen;
Eva war aufs Gymnasium gegangen, hatte ihr Abitur gemacht und angefangen Literatur zu studieren. Allerdings nur vier Semester lang. Dann hatte sie ihrer Mutter wohl den größten Schock verpasst, als sie nicht nur ihr Studium schmiss, sondern noch dazu bei der Schwester ihres Vaters in die Lehre ging. Aber sie war als Friseurin hundertmal glücklicher, als sie es jemals in einer der vielen Vorlesungen auf der Uni gewesen war. Aber vielleicht war der Grund auch nur, weil dort eines der wichtigsten Dinge waren, immer den Garten grüner zu haben, das Haus sauberer und das Auto größer. Falls die Menschen, die hier wohnten, dieses Spiel des gegenseitigen Ausstechens ebenfalls kannten, geschah es in viel kleinerem, bescheidenerem Rahmen, und man musste erst hinter die Fenster sehen. Hier geschah kein Protzen auf offener Straße, hier hatte keiner Angst, dass ein Fremder, der nur zufällig vorbei kam die Nase rümpfte nur weil der Garten, vor der Haustür nicht die teuersten Pflanzen und Steinanlagen aufzuweisen hatte. Als Eva dann auszog um sich ihr eigenes Leben aufzubauen hatte ihre Mutter ihr sämtliche finanzielle Unterstützung gestrichen. Aber Eva war das egal gewesen. Sie war stolz darauf, aus eigenen Kräften und mit eigenem Geld ihr Leben zu meistern. 


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