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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Der Traum von den Träumen, Johanna Stöckl
Johanna Stöckl

Der Traum von den Träumen



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Ylvinas Pferd hörte auf den Namen Morinea. Das bedeutete, wie das Honnahmädchen Julia erklärte, in der alten Sprache ihres Volkes soviel wie Schritte in der Dämmerung.


Julia hatte gar nicht gewusst, dass die Honnahs früher in einer anderen Sprache gesprochen hatten. Sie hatte ja nicht einmal gedacht, dass es in der Welt ein Früher gegeben hatte – eine Zeit, bevor sie sich alles ausgedacht hatte. Was sie – zumindest nach den Worten von Meister Lunatius – in Wahrheit gar nicht hatte.


Immer wieder grübelte sie über das nach, was er gesagt hatte, und fragte sich, was nun eigentlich wirklich stimmte. Hatte diese Welt nur deshalb eine jahrtausendealte Geschichte, weil sie diese sozusagen unbewusst miterfunden hatte?


Oder hatte sie in Wirklichkeit überhaupt nichts selbst erfunden, sondern nur von einer real irgendwo in einem anderen Universum seit Jahrmillionen existierenden Welt geträumt? Weil irgendjemand dort aus völlig im Dunkeln liegenden Gründen beschlossen hatte, ihr – ausgerechnet ihr – die zweifelhafte Ehre zuteil werden zu lassen, die Königin von Mittnacht zu sein?


Sie wusste, dass sie dieses Rätsel nicht lösen konnte.


Wie Ylvina gesagt hatte, war Morinea ein ausgezeichnetes Reitpferd, gutmütig und ausdauernd. Wahrscheinlich hätte Nachtwind viel schneller laufen können, wenn es darauf ankam, doch bis jetzt waren sie in keine Situation gekommen, wo dies notwendig gewesen wäre, und Julias nachtschwarze Stute schien sich in ihrem Tempo genau an Morinea anzupassen.


Es dauerte nicht lange, bis die beiden Mädchen mit ihren Pferden das Ufer des Spiegelsees wieder erreicht hatten. Dort hielten sie an und machten Rast.


Als Ylvina abstieg und ihr Pferd tränkte, sagte sie lachend: »Du hast geschwindelt. Ich habe noch nie eine bessere Reiterin als dich gesehen.«


»Das liegt nur an Nachtwind«, erklärte Julia schulter­zuckend und führte ihre Stute ans Wasser. »Sie reitet mit mir, nicht ich mit ihr. Du hättest mich sehen sollen, als Amas′ Leute mich auf ein Pferd gesetzt und nach Mittnacht gebracht haben! Ich hab Todesangst ausgestanden!«


Ylvina wollte Julia nicht so recht glauben. Das war auch verständlich. In ihren Augen war das Mädchen aus der Welt der Träumenden die einzige Hoffnung für ihre Welt; die einzige Hoffnung im Kampf gegen Osira.


»Was wollen wir nun tun?«, fragte Ylvina.


»Ich muss Osira besiegen, aber vorher muss ich unbedingt wissen, was mit meinen Freunden Jonathan und Ina geschehen ist. Ich muss verhindern, dass sie der Herrin der Albträume in die Hände fallen. Sie kennen diese Welt nicht so gut, wie ich sie kenne. Es kann leicht sein, dass Osira sie gefangennehmen und mich dann erpressen will!«


»Dann sollten wir fragen, ob sie jemand gesehen hat!«


»Hmm. Ja, aber wen?«


»Wen immer wir treffen! Und wenn wir kein Glück haben, können wir zu den Fayen in Amigors Hort gehen und sie um Rat bitten!«


Julia nickte. Das war eine ausgezeichnete Idee. Sie wusste, wie sie von Stunde zu Stunde deutlicher feststellte, bei Weitem nicht alles über diese Welt, doch dass das Volk der Fayen sehr viel – auch über die Zukunft – wusste, das war natürlich auch ihr bekannt.


Sie sah in den Satteltaschen nach, was ihr Meister Lunatius für unterwegs mitgegeben hatte: eine Decke, die an zwei Seiten zu einem Schlafsack zusammengeknöpft werden konnte, eine Proviantdose aus dünnem Blech, eine filzbezogene Wasserflasche, Streichhölzer und eine Landkarte. Zunächst wunderte sie sich über die Zünder, aber warum sollte es diese in einer Welt, in der es Alchemie gab, eigentlich nicht geben?


Sie faltete die Karte auf. Es war eine genaue Kopie des Planes, den sie bei Meister Lunatius gesehen hatte.


Ylvina kniete sich neben Julia. »Wir müssen ungefähr hier sein«, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf den am Boden ausgebreiteten Plan.


Der Spiegelsee hatte die Form eines großen Ypsilon, dessen Gabelung nach Osten, in Richtung Mittnacht, zeigte. Die beiden Mädchen waren dem Fluss gefolgt, der aus dem Mitternachtssee entsprang und in den südlichen Arm des Spiegelsees mündete.


»Ich glaube, es hat nicht viel Sinn, das Südufer entlangzureiten«, sagte Ylvina. »Das ist der Weg, den wir mit Amas gekommen sind. Wären deine Freunde dort aufgetaucht, hätten wir sie wahrscheinlich getroffen.«


Julia pflichtete ihr bei. »Wir könnten die Halbinsel absuchen oder gleich zum Nordufer hinüberreiten. Ist die Halbinsel bewohnt?«


»Das ist schwer zu sagen. Früher war die ganze Welt bewohnt. Aber seit die Herrin immer weiter vordringt … «


Julia senkte den Blick. »Ylvina, wir können nur hoffen, dass sie Osira noch nicht in die Hände gefallen sind!«


»Glaubst du, dass sie die beiden auch in Albträume verwandeln würde?«


»Das kann sein. Womöglich würde sie ihnen aber noch etwas Schlimmeres antun, um mich damit zu treffen.«


»Kannst du nicht abschätzen, was Osira als Nächstes vorhat? Ich meine, wo du sie doch erfunden hast?«


Ja, zumindest darüber scheinen sich alle einig zu sein. Ob Julia sich nun diese Welt ausgedacht hatte oder nicht – bei der Herrin der Albträume handelte es sich nach übereinstimmender Meinung um ihre Schöpfung.


Kein Grund, stolz zu sein.


»Ich weiß es nicht. Ich kann versuchen, mir vorzustellen, wie ich handeln würde, an Osiras Stelle.«


»Und was würdest du beabsichtigen?«


Julia wickelte versonnen eine Haarsträhne um ihren Finger und seufzte tief. »Ich würde versuchen, möglichst schnell vollendete Tatsachen zu schaffen, also die ganze Welt zu erobern, so rasch es geht, bevor meine Gegner sich richtig gesammelt haben.«


»Und glaubst du, dass Osira das wirklich tut?«


»Das weiß ich nicht, Ylvina. Wenn ich mich nicht irre, hat die Herrin der Albträume inzwischen Macht über die Träume einer anderen Träumenden. Vielleicht handelt sie dadurch ganz anders, als ich es tun würde. Lass uns zunächst die Ufer der Halbinsel abreiten, vielleicht finden wir etwas!«


Sie rasteten noch kurz, dann stiegen sie wieder auf ihre Pferde und folgten weiter dem Ufer des Spiegelsees. Unterwegs begegneten ihnen nach einiger Zeit zwei Fischer, die sie auf einen rötlichen Lichtschein am Horizont aufmerksam machten.


»Das war das Heer der Albträume«, sagte einer der beiden. »Sie sind über das Reich des Fayenkönigs Amigor hergefallen und sind wohl schon auf dem Weg, um Augrins Reich zu überrennen!«


»Kann man im Norden am Fuß der Bergwälder noch um den Spiegelsee herumreiten?«, fragte Julia.


»Ich weiß nicht«, sagte der andere Fischer. »Es sieht so aus, als würde das Heer der Albträume im Landesinneren vorrücken. Direkt am Ufer haben wir noch keine Albträume gesehen, oder?«


Der erste Fischer nickte zustimmend. »Wollt ihr wirklich dorthin gehen?«


»Ja«, sagte Ylvina. »Und wir haben keine Zeit mehr zu verlieren! Wir danken euch für eure Auskunft!«


Sie ritten noch bis zur Spitze der Halbinsel und lagerten dort, um einige Stunden zu schlafen.


»Glaubst du, dass wir dem vertrauen können, was die beiden Fischer gesagt haben?«, wollte Ylvina wissen.


»Meister Lunatius meinte, ich dürfe niemandem trauen; jeder könnte ein Spion sein – «, sie lachte, »sogar du!«


»Das kann nicht dein Ernst sein!«, rief Ylvina empört. »Verdächtigst du mich wirklich, ich könne eine Spionin der Albträume sein?«


Julia schüttelte den Kopf. »Nein, Ylvina. Dir vertraue ich, egal, was Meister Lunatius gesagt hat. Auch wenn er meint, dass ich niemandem trauen sollte – ich vertraue dir und bin froh, dass du bei mir bist.«


Nachdem sie die Pferde versorgt und ihnen die Sättel abgenommen hatten, breiteten sie ihre Decken zum Schlafen auf einem grasbewachsenen, trockenen Abhang aus. Es war jetzt recht dunkel, denn der Blausilbermond stand im Norden nur eine Handbreit über dem Horizont. Dadurch war es nicht heller als in einer gewöhnlichen Vollmondnacht in der Welt, aus der Julia stammte.


Julia setzte sich auf ihre Decke, verschränkte die Arme über ihren Knien und schaute mit besorgter Miene hinaus auf die schwarzen Fluten des Sees.


Ylvina fragte sie, was los sei, und Julia seufzte. »Wenn Osira schon das Nordufer des Sees erreicht hat, ist sie nicht mehr weit von Mittnacht entfernt. Und die Chance, Jonathan und Ina noch vor ihr zu finden, wird immer kleiner.«


»Du darfst den Mut nicht verlieren!«, ermunterte das Honnahmädchen sie.


»Ja, ich weiß. Aber … weißt du, es ist alles so ganz anders als in meiner Geschichte. Wenn man eine Herrin der Albträume erfindet, ist das etwas ganz anderes, als wenn man sich dann plötzlich wirklich in dieser Welt findet und sich tatsächlich vor ihr fürchten muss!«


»Aber Osira tut genau, was du gesagt hast! Sie versucht, möglichst schnell alle Gebiete zu überrennen!«


»Ja, Ylvina. Ich weiß nur nicht, was es mir nützt, das zu wissen, solange ich keine Ahnung habe, was ich dagegen tun und wie ich sie besiegen kann.«


Das Honnahmädchen setzte sich neben Julia und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. Es war das erste Mal, dass Ylvina Julia berührte, seit sie erfahren hatte, dass diese aus der Welt der Träumenden stammte. Seither hatte sie immer – auch nachdem Julia sie gebeten hatte, sie zu duzen – stets eine gewisse Distanz gewahrt.


»Ich glaube an dich«, sagte sie leise. »Und wenn du an dir selbst zweifelst, muss ich umso fester an dich glauben, damit ich genug Hoffnung habe, um sie mit dir teilen zu können.«


Sie wollte die Hand wieder wegziehen, aber Julia griff danach und hielt sie fest.


»Danke«, sagte Julia. Sie merkte, wie eine Träne der Rührung über ihre Wange hin­ab­rollte. »Danke, danke, danke, Ylvina. Ich bin so froh, dass ich bei diesem Abenteuer nicht ganz alleine bin. Eine Freundin wie dich hätte ich mir in meiner eigenen Welt immer gewünscht. Ich weiß gar nicht, womit ich das verdient habe!«


Ylvina antwortete nichts. Sie hielt nur Julias Hand und war einfach da.


Sie verzichteten darauf, Wache zu halten. Julia war sich sicher, dass Nachtwind sie rechtzeitig wecken würde, wenn Gefahr drohte. Ihren Stock, das Schwert, legte sie aber zur Sicherheit direkt neben ihren Schlafsack.


 


 Als sie erwachte, war Ylvina schon auf und hatte die Pferde bereits versorgt und gesattelt.


»Du hast selbst gemeint, wir sollten nie zu lange an einem Ort verweilen!«


»Ja, das habe ich gesagt.« Sie hatte Ylvina am Vortag mehrmals davor gewarnt, so wie Lukas sie in den Auwäldern gewarnt hatte.


Liebevoll streichelte sie Nachtwind, massierte die Ohren ihrer Stute und stieg dann auf.


Sie ritten los, entlang des Ufers zurück nach Osten, um den nördlichen Arm des Sees herum.


Julia zog die Maske wieder über ihr Gesicht. »Ich hoffe, dass wir niemandem begegnen. Aber wenn wir wen treffen, kann es sehr gut einer von Osiras Spionen sein!«


Zwei Stunden später kamen sie zu einer kleinen Bucht, an deren gegenüberliegender Seite sie eine Reihe von Gestalten mit Fackeln sahen. Nachtwind legte die Ohren an und stand starr, alle Muskeln gespannt und zur Flucht bereit. Julia wusste, dass das Pferd Gefahr witterte.


»Ylvina«, flüsterte sie, »das sieht nach einem Spähtrupp der Albträume aus!«


Ylvina versuchte, Morinea zu beruhigen, die im Gegensatz zu Nachtwind unruhig umhertänzelte. »Ob sie uns schon erspäht haben?«


Julia schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Wir haben kein Licht und können sie nur deshalb schon sehen, weil sie Fackeln tragen. Sie scheinen genau dem Ufer zu folgen. Wenn wir ein Stück ins Landesinnere ausweichen, können wir an ihnen vorbeikommen!«


Kaum hatte Julia den Gedanken zu Ende gedacht, setzte sich Nachtwind schon in Bewegung. Sie ritten rechtwinklig zum Ufer, steil bergauf zum Kamm des Hügels. Diesem folgten sie ungefähr eine Stunde lang, bis sie sich sicher waren, dass die Späher an ihnen vorbeigezogen waren.


Dann gelangten sie in einen düsteren Wald, in dem sie wieder bergab in Richtung Ufer ritten. Die Bäume waren riesenhaft; auch die Sträucher waren viel größer, als Julia sie je zuvor gesehen hatte. Die Pilze waren so gewaltig, dass Julia vom Pferd aus gerade deren Hüte berühren konnte.


»Wir sind bereits im Fayenland«, erklärte Ylvina. »Das sind die Hohen Wälder.«


»Haben die Fischer nicht gesagt, das Land der Fayen sei schon von Osira erobert worden?«


»Ja, aber hier sieht es nicht so aus.«


Nachtwind blieb stehen und wandte den Kopf Julia zu. Sie war verwundert. »Was willst du mir sagen, meine Liebe?«


Das Pferd schnaubte leise und sah zu Boden. Julia folgte dem Blick und rief: »Da ist Jonathans Spur!«


Sie stieg aus dem Sattel und sah sich den Fußabdruck im weichen Waldboden genauer an. Es gab keinen Zweifel, er stammte von ihrem Brieffreund: Im Gegensatz zu den Schuhen mit glatten Sohlen, die die Leute hier trugen, zeigte dieser Abdruck das typische Profil von Turnschuhen aus Julias Welt.


»Er ist den Hang hinaufgegangen.«


»Wahrscheinlich ist er – wie du – direkt am Seeufer aufgewacht«, meinte Ylvina und betrachtete die Fährte.


»Kannst du sagen, wie lange es schon her ist, dass er hier vorbeigekommen ist?«, fragte Julia, die sich mit dem Spurenlesen eigentlich überhaupt nicht auskannte.


»Also, besonders frisch ist die Spur nicht. Ich würde sagen, einen Tag oder so.«


Sie folgten der Fährte den Hang hinauf und fanden den Baum, auf den Jonathan geklettert war. Ein erfahrener Fährtensucher hätte dort sicherlich auch die Spuren des ›Kampfes‹ zwischen ihm und Angrimar entdeckt. Die beiden Mädchen konnten aber nur feststellen, dass sich hier eine fremde Spur zu der von Julias Freund gesellte.


»Die muss von einem Kind oder von einem Winzling stammen«, bemerkte Ylvina.


»Leben in diesen Wäldern denn Winzlinge?«


Ylvina ließ die Schultern hängen und seufzte. »Jetzt wohl kaum mehr. Sie werden alle geflohen sein, nachdem Osira das Land des Fayenkönigs bedroht hat.«


Der Blausilbermond stand schon weit im Westen, als die Mädchen dann auf einen Hohlweg stießen. Hier verlor sich Jonathans Spur; denn viele Reiter waren vor kurzer Zeit ihnen entgegengekommen und hatten alle früheren Fährten zerstört.


Der Wald um sie herum wirkte immer unheimlicher, je weiter sie kamen. Der Großteil der Blätter war verdorrt, und viele Äste waren schon ganz abgestorben. Graue, hässliche Flechten überwucherten die Stämme, und es roch nach feuchtem Moder. Eiskalte Nebel­schwaden zogen vorbei und ließen die beiden Mädchen frösteln.


Julia zog ihren Umhang fest an sich und die Kapuze tief ins Gesicht. »Hier hat die Herrin der Albträume gewütet«, stellte sie schaudernd fest.


Ylvina nickte nur stumm, und sie setzten den Weg durch den toten Wald schweigend fort.


Plötzlich hörten sie aber den Schrei eines Vogels. Sie erschraken beide über dieses unerwartete Geräusch.


»Jetzt weiß ich, was an diesem Wald noch so unheimlich war!«, sagte Julia. »Wir haben auch die ganze Zeit keine Tierstimmen gehört! Es war alles so … tot!«


»Aber da war gerade der Ruf eines Schattenvogels.«


»Woher mag der gekommen sein?«


»Von dort vorne!«


Sie ließen die Pferde antraben und erreichten schnell eine Wegbiegung, hinter der der Wald schlagartig ganz anders aussah: Ein kreisrunder Teil des Forstes war noch grün. Nach dem Ritt durch den toten Wald erschien er ihnen sogar unnatürlich grün. In der Mitte des heilen Fleckens erhob sich eine riesige Eiche, deren Stamm mehr als zehn Meter dick war.


»Amigors Hort!«, rief Ylvina freudestrahlend. »Aus irgendeinem Grund ist es Osira nicht gelungen, den Baum mit dem Fayenschloss zu erobern!«


»Das ist seltsam«, meinte Julia argwöhnisch.


»Vielleicht ist die Zauberei der Fayen im Spiel!«


Julia blieb misstrauisch. Sie schüttelte den Kopf, biss sich auf die Lippen und sagte dann: »Es wird uns nichts übrigbleiben, als nachzusehen.«


Ylvina band den Strick ihres Pferdes um den Ast eines relativ jungen Baumes – sein Durchmesser war so, dass man ihn zu zweit hätte umfassen können. Julia wollte Nachtwind ebenfalls anbinden, doch das Pferd warf so energisch den Kopf herum, dass es ihr den Strick aus den Händen riss.


»Nachtwind!«, rief Julia verwirrt. »Was …?« Sie hielt inne und sah, wie das Pferd die Ohren angelegt hatte. Das hatte Nachtwind zuletzt am Ufer des Spiegelsees getan, als ihnen Gefahr gedroht hatte. »Du riechst Gefahr, oder?«, fragte sie.


Ylvina war schon zur Stiege vorausgeeilt, die zum Fayenschloss hinaufführte, und so konnte Julia nicht mehr mit dem Honnahmädchen beratschlagen, was sie nun tun sollten. »Aber wir müssen nachschauen, was hier passiert ist. Wir passen schon auf uns auf, mein liebes Pferd. Hab keine Angst!«


Sie band Morineas Strick wieder los und verknotete ihn mit dem von Nachtwind. »Jetzt könnt ihr beide weg­rennen, wenn euch Gefahr droht«, sagte sie.


Julia fragte sich, ob sie das Schwert brauchen würde. Sie verwarf den Gedanken wieder. Erstens war es ja nach wie vor kein richtiges Schwert, sondern nur ein Holzstock. Zweitens hatte sie keine Ahnung, ob es sich gehörte, einem Fayenkönig bewaffnet gegenüberzutreten, also ließ sie es am Sattel ihrer Stute hängen. Da es hier, in diesem grünen Teil des Waldes, auch gar nicht kalt war, legte sie den Umhang ab und verstaute ihn in einer der Satteltaschen.


Ylvina war schon ein paar Stufen die Stiege hinauf­gelaufen. Julia rückte ihre Maske zurecht und folgte ihr zögernd. Auf halber Höhe gab es eine Art Torbogen, an dem aber niemand Wache hielt. Ylvina wartete davor.


»Wir müssen vorsichtig sein«, meinte Julia und drückte sich an den Stamm des Baumes. Ihr war das alles zutiefst unheimlich, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass hier etwas nicht stimmte.


Sie schlichen weiterhin leise und vorsichtig nach oben. Dass Tor des Schlosses stand weit offen, und von drinnen drangen fröhliche Stimmen an ihre Ohren.


»Das klingt fast nach einem Fest!«, bemerkte Ylvina.


Sie betraten das Innere des Schlosses. Immer den Stimmen folgend kamen sie zu einem Tor, vor dem sich zwei Fayenkrieger lachend miteinander unterhielten. Sie sahen Julia und Ylvina.


Seid willkommen!«, riefen sie. »Tretet ein und feiert mit uns den großartigen Sieg!«


Jeder von ihnen nahm die Hand eines Mädchens, und sie führten die beiden in den Saal hinein.


In einem großen Kuppelsaal war ein Festessen im Gange. Eine bunt gemischte Gesellschaft von Menschen, Fayen und Winzlingen hatte sich hier versammelt. Musik erklang, die Tische bogen sich vor Köstlichkeiten, und der Wein floss in Strömen.


Ein Fay, der an der Stirnseite der Tafel saß, erhob sich und trank Julia und Ylvina zu: »Seid willkommen und feiert mit uns den ersten Sieg über Osira und ihre finsteren Heerscharen!«


»Ihr habt sie in die Flucht geschlagen?«, fragte Julia ungläubig, und ihre Stimme war kaum zu hören in dem heiteren Stimmengewirr.


»Wir haben ihr eine schwere Niederlage zugefügt!«


Ylvina hingegen strahlte über das ganze Gesicht. »Hast du gehört, Julia? Man hat sie besiegt! Wenn Osira schon einmal geschlagen ist, wird es leichter für dich sein, sie endgültig zu vernichten!


Julia nickte stumm. Sie war besorgt, weil Ylvina gerade ihren Namen verraten hatte. Sie hoffte, im allgemeinen Trubel und Lärm wäre dies vielleicht untergegangen, doch sie wurde sogleich enttäuscht, denn schon wandte sich der Fay mit erhobenem Becher an sie und rief: »Es ist uns eine besondere Ehre, auf dem heutigen Fest mit IHRER Anwesenheit bedacht zu werden! Willkommen, Majestät! Willkommen auf unserem Feste! Setzt Euch doch zu uns!«


Julia und Ylvina gehorchten. Man machte ihnen Platz und stellte Essen und Getränke vor sie hin. Nur langsam löste sich Julias Anspannung und machte vorsichtigem Optimismus Platz. Sie fragte sich immer noch, wie es den Fayen gelungen sein mochte – gelungen sein konnte! –, gegen die Albträume zu bestehen.


Ylvina hatte keinen Hunger, aber es gab so viel von den köstlichsten Speisen, wie sie noch nie auf einmal gesehen hatte, und sie nahm sich reichlich davon.


Julia wusste, dass Honnahs im Prinzip kein Essen brauchten, solange sie genug Licht abbekamen. Sie hatten nicht nur eine grüne Hautfarbe wie Pflanzen, sondern sie konnten auch – wie diese – vom Sonnen- oder Mondlicht alleine leben. Nahrung benötigten sie nur im Winter, wenn die Sonne kürzer am Himmel stand und auch der Blau­silbermond weniger Licht spendete.


Nichtsdestoweniger schätzten sie wirklich gut zubereitete Speisen, um von ihnen zu naschen. Und daran, dass das Essen an der Tafel der Fayen gut zubereitet war, konnte man nicht zweifeln.


Julia hingegen hatte keinen Appetit. Sie war verun­sichert. Warum war Nachtwind so verängstigt gewesen? Und wo lauerte die Gefahr, die die treue Stute gespürt hatte?


Man stellte ihr einen Becher Wein hin, und sie nippte – zunächst lustlos – daran. Sie hatte erst selten Wein gekostet, und er schmeckte ihr normalerweise überhaupt nicht, aber dieser hier war sehr fruchtig und süß, ja geradezu himmlisch!


Sie trank einen größeren Schluck und lehnte sich auf ihrem Sessel zurück. »Erzählt mir bitte, wie ihr die Herrin der Albträume besiegt habt!«, bat sie und sah den Fay am Ende der Tafel an. Dabei wurde ihr schon wenige Sekunden, nachdem sie das Glas abgesetzt hatte, heiß, und sie begann unter der Maske zu schwitzen.


Was ist das? Warum –


»Nun, das ist schnell erzählt«, sagte der Gastgeber, dessen Stimme plötzlich merkwürdig verändert klang.


»Julia …«, hauchte Ylvina, »ich … ich glaube, wir haben einen Fehler … «


Julia fuhr herum und sah ihre Freundin, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Bauch hielt. Der Kopf des Honnahmädchens kippte nach vorne auf den Tisch, und die Stimme erstarb.


Julia wollte aufspringen und ihrer Freundin zu Hilfe kommen, doch ihre Beine waren wie aus Gummi, und sie sank wieder in den Sessel.


»Zuviel gegessen und getrunken?«, fragte eine höhnische Stimme.


Julia wurde schwindlig.


Ja, ein verhängnisvoller Fehler.


Ihr Herz klopfte rasch, und sie schwitzte immer heftiger. Das Bild des Saales drehte sich vor ihr, und sie schloss die Augen. Aber – so ähnlich, wie sie es schon bei der Bootsfahrt am Spiegelsee erlebt hatte – es war, als könne sie durch die geschlossenen Augenlider hindurchschauen!


Sie sah die Herrin der Albträume auf dem Platz des vermeintlichen Fayenkönigs sitzen, und um sie herum die grässlichsten Albtraumwesen, die man sich vorstellen konnte.


Es war alles nur Täuschung gewesen, das wusste sie jetzt. Der unversehrte Wald. Das Fest. Die Fayen. Alles nur Lug und Trug.


Die Erkenntnis kam zu spät.


Dann verließen sie endgültig ihre Kräfte. Das Betäubungsmittel, das in dem Wein gewesen war, tat seine Wirkung.


Julia stürzte vom Sessel auf den aus vermodertem Holz bestehenden Boden des in Wirklichkeit längst zerstörten Fayenschlosses.


 


Julia schlug die Augen auf und spürte einen pochenden Schmerz in ihren Schläfen im Augenblick des Er­wachens. Auch ihr Rücken tat weh, weil sie auf hartem, felsigem Grund gelegen war.


Sie versuchte verzweifelt, wieder auf klare Gedanken zu kommen und sich zu entsinnen, was geschehen war. Das Erste, was sie wahrnahm, war ein scharfer, stechender Geruch, der sie entfernt an irgendein aggressives Putzmittel erinnerte.


Sie hatte einen ekelhaften Geschmack im Mund, und ihre Lippen und ihre Zunge waren trocken. Ihr Kopf schmerzte, und ihre Augen brannten.


Die Umgebung war in ein gelblich-rötliches Licht getaucht, von dem man nicht sagen konnte, von wo es ausging.


Julia befand sich auf einer kreisrunden Felsplattform von etwa fünf Metern Durchmesser in der Mitte einer großen Höhle. Um den Stein herum wallte ein See aus dickflüssigem, zähem, übelriechendem Schlamm. Gase stiegen daraus auf und brachten die Masse zum Brodeln.


Ylvina lag neben ihr und rührte sich nicht. Julia fühlte den Puls ihrer Freundin und stellte erleichtert fest, dass sie noch lebte. Sie legte die Hand auf Ylvinas Stirn und vermutete, dass ihre Gefährtin Fieber hatte.


Sie wusste nichts über Körperbau und Krankheiten von Honnahs – sie hatte sich beim Schreiben ihrer Geschichte darüber auch nie Gedanken gemacht.


Was ist nur geschehen?


Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war die furchtbare Erkenntnis, dass sie im Schloss des Fayenkönigs in eine Falle gelaufen waren, und dass das ganze rauschende Fest, auf das man sie eingeladen hatte, nichts anderes als eine Illusion gewesen war.


Ein Trugbild! Nichts als Schein!


Dabei hätte Julia – gerade Julia – es wissen müssen. Osira war die Meisterin der Illusionen. Sie selbst hatte es geschrieben, und Meister Lunatius hatte sie sogar nochmals eindringlich gewarnt.


Wahrscheinlich war das Essen, von dem das Honnah­mädchen reichlich probiert hatte, vergiftet gewe­sen! Julia hatte es – zum Glück – nicht angerührt, sondern nur von dem Wein getrunken. Zumindest hatte sie kein Fieber. Sie war nur noch etwas benommen von dem Getränk, das gewiss ein Schlafmittel enthalten hatte, und von den betäubenden Gasen in der Höhle.


Ylvina aber brauchte dringend Hilfe! Julia sah, dass es keinen Fluchtweg von dieser Fels­plattform gab, es sei denn, durch den Schlamm hindurch. Sie konnte Ylvina nicht tragen, also musste sie versuchen, das Honnahmädchen irgendwie wach zu bekommen.


»Ylvina!«, rief sie. »Ylvina, wach auf!«


Nach einigen vergeblichen Versuchen schlug ihre Freundin die Augen auf, verzog aber gleichzeitig vor Schmerz das Gesicht. »Mein Kopf … «, murmelte sie. »Was ist geschehen?«


»Wir müssen schnell fort von hier!«, sagte Julia. »Glaubst du, du kannst gehen?«


»Nein.«


»Du musst es versuchen! Die Dämpfe in dieser Höhle sind giftig; je länger wir hierbleiben, desto schwächer und kraftloser werden wir! Wir müssen durch diesen Schlamm hindurch! Dort drüben ist ein Ausgang!«


»Ich glaube nicht, dass ich das schaffe!«, wisperte Ylvina und verzog vor Schmerzen das Gesicht.


Julia merkte, wie ihrer Freundin das Sprechen schwerfiel. Die Lippen waren geschwollen, und sie zitterte am ganzen Körper.


»Lass mich doch hier! Ich habe einen … einen schweren Fehler gemacht, und ich will nicht, dass du meinetwillen aufgehalten wirst! Ich habe dir versprochen, dass ich dir keine Last sein werde!«


»Kommt gar nicht in Frage!«, rief Julia und schüttelte energisch den Kopf. »Ich lass dich nicht zurück! Wir werden es gemeinsam versuchen!«


Sie trat an den Rand der Plattform und streckte vorsichtig ihren linken Stiefel in den Schlamm. Bläschen stiegen auf, und als sie den Fuß wieder herauszog, bildeten sich lange, klebrige Fäden.


»Oh Gott, ist das ekelhaft!«, stieß sie hervor.


Die Substanz erinnerte sie von der Zähigkeit und Klebrigkeit her an Honig, obwohl die graubraune Farbe und der stechende Geruch nicht gerade daran denken ließen. Sie überwand ihre Abscheu und ließ sich langsam in den Schlamm hineingleiten, denn sie wusste, dass es keinen anderen Ausweg gab.


Sie versank bis zu den Hüften darin, dann hatte sie festen Boden unter den Füßen. Langsam spürte sie, wie die Masse oben in ihre Stiefel hineinfloss und sie zur Gänze auffüllte.


»Komm«, sagte sie zu Ylvina. »Es ist nicht tief!«


Das Honnahmädchen folgte ihr, und sie kämpften sich mühsam, Schritt für Schritt, vorwärts. Die aufsteigenden Dämpfe trieben ihnen Tränen in die Augen. Julia nahm Ylvina an der Hand und zog sie energisch hinter sich her.


Mit jedem Schritt erschien ihnen der Weg beschwerlicher, so, als werde der Schlamm immer zäher. Obendrein wurde er auch umso tiefer, je weiter sie sich dem Rand näherten. Bald reichte er ihnen bis zum Bauch.


Plötzlich spürte Julia, dass etwas nicht stimmte. Sie drehte sich um und sah ihre Freundin schon bis zur Brust versunken.


»Julia!«, rief Ylvina voller Angst, »Hier ist ein Loch im Boden!« Sie versank jetzt sehr schnell, und bevor Julia reagieren konnte, steckte das Honnahmädchen schon bis zum Hals in der zähen Substanz.


Julia versuchte, Ylvina herauszuziehen, aber ihre Kraft reichte gerade so weit, dass ihre Freundin nicht weiter versank. Sie wollte die zweite Hand zu Hilfe nehmen, doch dazu musste sie erst ihr Gewicht verlagern, und ihre Kraft ließ kurz nach. Als würde sie nach unten gesogen, versank Ylvina vollends unter der Oberfläche.


»Ylvina!«, schrie Julia voller Angst. »Nein, Ylvina!« Sie spürte noch die Hand der Freundin in ihrer und zerrte mit aller Kraft daran.


Wie durch ein Wunder stieg plötzlich aus dem Loch, in dem das Honnahmädchen versunken war, ein Schwall von Gasbläschen auf. Es blubberte heftig, und Ylvina wurde vom Auftrieb wieder an die Oberfläche gedrückt.


Julia zog sie zur Seite, zurück auf festen Boden. »Ylvina!«, rief sie mit Tränen in den Augen. »Ich hab schon gedacht, du bist tot!«


Ylvina schien sie nicht zu hören. Ihr Gesicht war dick mit Schlamm verklebt, ebenso ihre Ohren.


Julia wischte, so gut es ging, Augen und Nase ihrer Freundin sauber. »Ich glaube, wir machen besser um alle Stellen, an denen Blasen aufsteigen, einen weiten Bogen!«, sagte sie.


Sie kämpften sich weiter voran. Ylvina war der Ohnmacht nahe, und der Schlamm wurde immer tiefer. Nur noch wenige Meter trennten die beiden von einer steinernen Plattform, an der ein Tunnel begann.


»Wir hätten die Falle im Fayenschloss durchschauen müssen!«, sagte Julia, nur um irgendetwas zu sprechen. »Der angebliche Fayenkönig hat den Namen von Osira genannt! Das würden Fayen nie machen, weil schon der Name wie ein Fluch ist!«


Am Rand der Höhle reichte ihnen der Schlamm schon bis zum Hals, aber sie konnten gerade noch stehen.


»Du musst meine Hand loslassen, sonst können wir nicht raufklettern!«, rief Julia und fühlte, dass Ylvina gar nicht mehr die Kraft gehabt hätte, ihre Hand festzuhalten. Der Schlamm, der auf ihrer Haut und auf den Kleidern härter zu werden schien, klebte ihre Hände förmlich zusammen. Er bildete eine zentimeterdicke Schicht, die sich zwar etwas dehnte, aber nirgends zerriss, sodass Ylvina gar nicht mehr loslassen konnte.


Julia zerrte und zerrte, gab aber schon bald auf, weil sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Versuche erkannte. »Wir müssen es so versuchen«, meinte sie resignierend.


Obwohl sie es kaum für möglich gehalten hatte, gelang es ihr, nur mit einer Hand und den Füßen hinauf auf die Plattform zu klettern und Ylvina noch hinaufzuhelfen.


So standen beide endlich oben, am Beginn des Tunnels, der ins Freie führte.


»Siehst du den Mondschein am anderen Ende?«, munterte Julia Ylvina auf, obwohl sie sich nicht sicher war, ob diese es überhaupt noch hörte. »Wir haben es gleich geschafft! Komm weiter!«


Doch sie sagte es auch, um sich selbst und ihre Freundin zu beruhigen. Sie wusste in Wahrheit, dass sie noch lange nicht entkommen waren. Osira hätte sie töten können, wenn sie gewollt hätte! Auch wenn sie vielleicht nicht bemerkt hatte, dass Julia nichts von dem vergifteten Essen gehabt hatte und davon ausging, dass beide rettungslos verloren waren – ihre Widersacherin so einfach entkommen zu lassen, passte nicht zu Osira.


Wo ist der Haken an der Sache?


Julia ahnte es in Wirklichkeit längst.


Sie schleppten sich durch den Tunnel vorwärts. Das Gehen war sehr beschwerlich, denn die klebrige Masse haftete noch immer fingerdick an ihnen. Nun war die Substanz nicht mehr dünnflüssig wie Honig, sondern zäh wie Kaugummi.


Die Luft wurde frischer und kühler. Der Gestank, der die Höhle erfüllt hatte, war kaum mehr wahrnehmbar, und gleichzeitig schien die klebrige Masse immer fester und härter zu werden.


Julia wusste genau, was geschehen würde, aber sie weigerte sich, das Unausweichliche zu akzeptieren. Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass die Dämpfe nicht nur giftig waren, sondern dass es sich bei den aufsteigenden Gasbläschen um ein Lösungsmittel handelte, das den Schlamm überhaupt erst flüssig hielt. An der frischen Luft hingegen würde die Substanz immer schneller hart werden, wenn es ihnen nicht gelang, das teuflische Zeug abzuwaschen.


Hart wie Zement.


Sie bemühte sich, schneller zu gehen und zerrte die halb bewusstlose Ylvina hinter sich her. Nur dort, wo die Masse beim Gehen immer wieder gedehnt wurde, war sie noch einigermaßen flexibel, während sie sich überall anders schon fest wie Stein anfühlte.


Endlich sahen sie das blausilberne Mondlicht deutlich vor sich. Ylvina stolperte über etwas – sie konnten nicht erkennen, was es war – das quer am Boden lag, und riss Julia mit zu Boden.


Sie rafften sich auf und taumelten die letzten paar Schritte ins Freie. Ein frischer Wind blies Julia ins Gesicht. Am übrigen Körper spürte sie den Lufthauch nicht mehr, weil der Schlamm sie völlig einhüllte.


Ylvina stand völlig regungslos. Offenbar hatte sie das Bewusstsein verloren, konnte aber nicht mehr umfallen, weil die Masse auf ihrem Körper schon zu zäh war.


Julia schrie vor Entsetzen, und eine Welle der Angst und Verzweiflung stieg in ihr hoch. Rings um den Höhlenausgang herum – manche näher, manche weiter davon entfernt – stand ein gutes Dutzend steinerner Figuren.


Julia aber wusste genau, dass es keine Statuen waren, sondern Menschen, die das gleiche Schicksal wie sie erlitten hatten. Sie alle hatten die trügerische Hoffnung gehabt, aus der Höhle entkommen zu sein.


Wie Julia und Ylvina.


Nicht weit entfernt glänzte die Oberfläche des Spiegelsees. Doch für die beiden war er unerreichbar weit entfernt. Mehr noch: Julia war sich sicher, dass sich der Schlamm nicht einfach mit Wasser abwaschen lassen würde.


Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Die Substanz zog sich enger um sie zusammen. Sie rang nach Luft.


Irgendwo in der Ferne glaubte sie eine Gestalt zu erkennen, die sich näherte. Sie war sich sicher, dass es die Herrin der Albträume war, die gekommen war, um Julias grauenhaftes Ende mitanzusehen.


Dann wurde ihr schwarz vor Augen, und sie glaubte schon fest, dass es für immer war.


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