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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Der Fluch des Rhododendrons, Barbara.A.Ropertz
Barbara.A.Ropertz

Der Fluch des Rhododendrons


Paula und der Pakt

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Prolog


    Seit Hunderten von Jahren kursiert unter der Landbevölkerung der Lüneburger Heide, von Harburg im Norden bis Celle im Süden die Sage über ein Grundstück, auf dem bis heute uralte Flüche herrschen sollen, Flüche, die Männer grausam töten und Frauen schützen.


   Niemand weiß wie viele Flüche es sind, doch sie haben zu keiner Zeit ihre erbarmungslose Macht verloren, sondern sogar im Laufe der Jahre an Gefährlichkeit stetig zugenommen und wirken bis auf den heutigen Tag.


   Doch diese tödliche Gefahr ist nur die eine Seite. Es soll auch ein mächtiger Liebesfluch auf dem Grundstück liegen, der den Betroffenen unumkehrbar bindet und niemals endet, nicht einmal mit dem Tod. Man nennt ihn


„den ewigen Fluch“.


Auszug aus:


Suderburger Sagen und Märchen aus alter Zeit“


 „Die Waldhexen vom Hexentobel“


Vor Zeiten lebten mitten im Suderburger Land, nahe der alten Hansestadt Uelzen in einem kleinen Dorf zwei Frauen, Mutter und Tochter, in einer ärmlichen Hütte am Rande des alten Waldes zwischen der alten Celler Heerstraße und dem Flüsschen Hardau.


   Sie wurden von den Dorfbewohnern mit Scheu und Argwohn betrachtet und nur widerwillig geduldet. Da sie aber schon so manchen Frauen bei Krankheiten oder Geburten beigestanden hatten, ließ man die beiden Frauen meist unbehelligt.


   Im Dorf und im ganzen Suderburger Land und darüber hinaus bis in die Städte Lüneburg und Hannover hinein waren die beiden Frauen bekannt als Kräuterhexen und als Zauberinnen, die sich auf viele Künste verstanden. Man nannte sie „die Waldhexen“.


   Sie galten als Pflanzenkundige und als gute Hebammen, oder wie man damals sagte, Wehmütter und Hebemütter.


   Es war aber auch bekannt, dass sie entsetzlich zu strafen wussten, doch bei den Weibern der Dörfer waren sie hoch angesehen ob ihrer Heilkunst.


   Bernadette, die Mutter, so munkelte man, sei adliger Herkunft gewesen und aus einem Kloster entflohen, nachdem sie gesündigt hatte und schwanger geworden war. Man sagte allgemein, dass das Grundstück verhext und für Männer äußerst gefährlich sei.


   Die Leute im Suderburger Land nannten es


                         den Hexentobel!“                                                                                      


 


Im 21. Jahrhundert


   Das Grundstück, das über Jahrhunderte hinweg weithin als „Hexentobel“ bekannt und gefürchtet war, liegt heute, wie zu Bernadettes, der Waldhexe Zeiten, am Waldrand, im Wehrbrink, nahe der Stadt Uelzen im Suderburger Land.


   Es war über all die Jahre stets im Besitz von Frauen, die als einzige um seine geheimnisvollen Kräfte wussten und die sich Hüterinnen nannten.


   Angeblich liegen noch immer die alten Flüche darauf, denen schon so manche Männer zum Opfer gefallen sind und die bis in die heutige Zeit hinein unvermindert wirksam sein sollen.


   Nur die Eigentümerin und nach deren Tod die Erbin werden in die Geheimnisse des „Hexentobels“ eingeweiht. Nur sie wissen genau, welche Mächte dort wirksam sind. Der Hexentobel bedeutet noch immer für die Erbin Besitz, Verpflichtung und Aufgabe zugleich.


21. März 2015 -  Paulas Erbe


   Paula Gehring verließ wie betäubt das Notariat in Fulda, in dem sie gerade erfahren hatte, dass ihr größter Traum und zugleich ihr schlimmster Albtraum Wahrheit geworden war.


   Heute an ihrem 25. Geburtstag hatte Paula unerwartet den sagenhaften, gefürchteten Hexentobel im Suderburger Land geerbt. Es war das Haus und das Grundstück, das sie schon immer heiß geliebt und mehr als sie sich selbst eingestand auch geängstigt hatte.


   Dieser geheimnisvolle, sagenumwobene Ort, der seit vielen Generationen in ihrer Familie war  und der nur von Frau zu Frau vererbt werden durfte, der „Hexentobel“ im  Wehrbrink nahe Suderburg, gehörte jetzt Paula. Sie war die neue Erbin und Hüterin. In ihrer Tasche steckte die Urkunde, die sie zur Inhaberin machte, so unglaublich sich das für Paula in diesem Augenblick auch anfühlte. 


   Gleichzeitig mit der Erbschaftsurkunde hatte Paula einen dicken, feuerroten Umschlag erhalten. Mit welch wichtiger Miene und welchem rätselhaften, strengen Gesichtsausdruck die Notarin sie angesehen hatte, als sie ihr die Urkunde aushändigte! Es hatte Paula einen eisigen Schauer über den Rücken gejagt. 


   Der Umschlag enthielt, wie die grauhaarige, hagere Notarin ihr mit einem kurzen Blick über ihre runde, pinkfarbene Brille erklärte, all die Papiere, die jede neue Besitzerin bei Antritt der Erbschaft bekam. „Ich habe Ihnen noch eine Botschaft der Erblasserin vorzulesen, die Sie bitte zur Kenntnis nehmen und in meinem Beisein unterschreiben wollen“, sagte sie ernst. „Sie enthält nähere Angaben zur Geschichte des Grundstücks.“ Die Notarin rückte ihre Brille zurecht und begann laut zu lesen:


„Botschaft an die neue Herrin


   Du bist seit heute die Erbin und Hüterin des Tobels, das heißt, dass du 25 Jahre alt geworden bist und nun dein Amt antreten kannst. Du wirst Eigentümerin des Tobels sein, um den sich seit Jahrhunderten so viele Sagen und Legenden ranken.


   Noch immer lasten dunkle Flüche darauf. Das wirst du bald erfahren.  Auch ein mächtiger Liebesfluch ist dort seit langem wirksam, der dem Paar, das ihn erweckt, ewige, unlösbare Liebe bis über den Tod hinaus bringt.“


   Paula schnaubte verächtlich, als sie diese Worte der Notarin hörte. Für sie war die Liebe vorbei, sie hatte vor drei Monaten ein für alle Mal mit diesem Kapitel ihres Lebens abgeschlossen.


    Die Notarin räusperte sich mit einem kurzen Blick zu Paula und fuhr fort:


Also stelle dich deiner Aufgabe mit Achtsamkeit und Vorsicht, damit du für den Tobel eine gute Hüterin und wenn die Zeit deiner Bewährung kommt, eine umsichtige Strafende sein wirst.


Doch beachte stets, dass du unter allen Umständen Stillschweigen über die Geheimnisse des Tobels zu wahren hast.“ Solltest du das Schweigen brechen, werden die Flüche sich sammeln und unaufhaltsam auf dich zurück fallen.“               


   Die Notarin schob die Urkunde über den Tisch und Paula erschrak, als sie den Namen im Briefkopf las.


   Sie hatte nicht gewusst, wer ihre Vorgängerin als Hüterin des Grundstücks gewesen war.


   Paula hatte den Tobel von ihrer 1982 unter geheimnisvollen Umständen spurlos verschwundenen Urgroßmutter Anna geerbt. Anna war von einer Reise an die Nordsee nicht zurückgekehrt und ihre Spur hatte sich für immer in Hamburg verloren. Anna musste bereits vor ihrem Verschwinden verfügt haben, dass ihre erste, damals noch gar nicht geborene Urenkelin die Erbin sein würde und das Erbe an ihrem 25. Geburtstag antreten sollte.


   Paula unterschrieb nervös das Papier, das ihr die Notarin über den Tisch hinweg vorgelegt hatte und Paulas Hand erwärmte und rötete sich heftig während sie schrieb. 


   Die Notarin warf einen kurzen, prüfenden Blick auf Paula, dann unterschrieb sie ebenfalls, als Bestätigung für Paulas geleistete Unterschrift. Während die Notarin schrieb, weiteten sich ihre Augen entsetzt und auch ihre Hand rötete sich, als hätte sie in Brennnesseln gefasst.


21.3.2015 – Suderburg nahe Uelzen – der Hexentobel erwacht


   Noch am selben Abend, kurz nachdem Paula die Erbschaftspapiere erhalten und unterzeichnet hatte, erwachte der Hexentobel nach 33 Jahren tiefem Schlaf zum ersten Mal wieder.


   Es begann als sanftes Raunen und Wispern in den Blättern der Pflanzen, als Bewegung, die wellenartig durch das gesamte Waldgrundstück ging. Ein Vibrieren, das auch bis tief in die Erde spürbar war durchlief das Grundstück und erfasste sogar den umgebenden Wald; ebenso alle Gewässer der Gegend, die sanft zu sprudeln begannen.


   Der mächtige alte Rhododendron rauschte und brauste, seine dunklen Blätter erzitterten wie in einem tief aus ihm selbst hervor kommenden Sturm. Die große, alte Buche, die in ihrer Rinde den lebenden Fluch trug, seufzte wie nach langem, tiefem Schlaf und reckte knackend ihre Äste empor.


   Tiere, die ein feines Gespür für diese Vorgänge haben, kamen auf den Tobel. Es waren nicht mehr die Tiere von früher, doch sie fühlten, dass sie gebraucht wurden.


   Die klagenden Rufe eines Käuzchens hallten laut durch den Wald und dann kamen sie. Eine Wölfin mit zwei Welpen, ein Waldkauz; Mäuse und ein Igel raschelten herbei. Fledermäuse kamen in Scharen, sogar ein Uhuweibchen mit leuchtenden Augen, eine Füchsin und auch ein Otterweibchen von der Hardau, einem nahen Gewässer. 


   Pflanzen reckten sich, erwachten und entfalteten lustvoll ihre Blätter. Im hellen Mondlicht wurde in dieser Nacht die geheime Aura der Pflanzen sichtbar. Eine Ameisenstraße bildete sich unter dem Rhododendron und die kleinen Insekten trippelten in militärischer Ordnung wie zum Appell heran.


   Plötzlich trat eine kleine Frau mit strengem, dunklem Gesicht mitten aus dem Rhododendron heraus, es war die sichtbar gewordene Fee der Pflanze. Sie hob langsam die Arme und eine riesige Blüte erschien zwischen den dunklen Blättern des Busches.


   Als die weiße Blüte im Mondlicht hell erstrahlte, erwachten auch die alten Flüche, die sich nur selten in ihrer sichtbaren Schreckensgestalt sehen ließen.


   Über der alten Eibe, von der man sagte, dass es gefährlich sei, sich unter ihren Ästen aufzuhalten, erschien lautlos „der tödliche Schatten“ in Gestalt einer riesigen Fledermaus, die ruhig über dem Grundstück schwebte. Der Hexentobel war zu frischen Taten erwacht und erwartete seine neue Hüterin.


*   Kapitel 1 – Paula *


   Paula ahnte von all dem nichts und konnte es noch immer nicht ganz fassen, dass sie zur neuen Herrin des verwunschenen Grundstücks bestimmt worden war. Ihr Name Paula kam aus dem Lateinischen und bedeutete, wie sie wusste, die Geringe, die Kleine und so fühlte sie sich oft. Blass und durchschnittlich und nicht aufregend genug. Das hatte wohl auch die Notarin gedacht, die ihr den roten Umschlag übergeben und es sorgfältig vermieden hatte, Paula die Hand zu reichen.


   Paulas Selbstbewusstsein war noch nie besonders ausgeprägt gewesen. Es war noch um einiges gesunken, als ihr Verlobter Chris kurz vor dem Weihnachtsfest sichtlich verlegen unter fadenscheinigen Ausreden ihre Beziehung beendet hatte. Paula war nicht sehr groß und sie fand sich auch bei weitem nicht schlank genug. Die meisten Leute, die sie kennenlernten, konnten sich später kaum an sie erinnern, wie sie wusste.


    Chris, der eigentlich immer gut gelaunt und fröhlich war, hatte sichtlich verlegen etwas von: „noch zu früh für eine Bindung“ gemurmelt.  Paula war tief getroffen und schwer verletzt, auch wenn sie offiziell auf Chris‘ Version der Entlobung: „Wir bleiben gute Freunde“ einging und sich weiterhin gelegentlich im gleichen Freundeskreis bewegte, wenn auch deutlich seltener als zuvor.           


   Auch beruflich war für Paula nicht alles so gelaufen, wie sie es gerne gehabt hätte. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden. Dieses Ziel hatte sie aus mancherlei Gründen, über die sie nicht einmal selbst nachdenken mochte, nicht vollständig erreicht.


   Vor einiger Zeit war es ihr allerdings gelungen, einen Job bei einer Fern-Uni zu finden, für die sie die eingesandten Arbeiten korrigierte. Da Paula nach dem Unfalltod ihrer Mutter deren Zwei-Zimmer- Eigentumswohnung in Fulda sowie ein kleines Vermögen geerbt hatte und außerdem die Lebensversicherung ihrer Mutter ausbezahlt bekommen hatte, konnte sie einigermaßen sorgenfrei leben. 


   Der Vorteil ihrer Arbeit bei der Fern-Uni war natürlich, dass Paula sich ihre Arbeitszeit frei einteilen und von zuhause aus arbeiten konnte, was ihr eine Menge Freiraum verschaffte. Nach dem Ende der Beziehung zu Chris hatte sie zwar wenig Verwendung für die Freizeit, aber das konnte sich ja wieder ändern.


   Noch scheute sich Paula, den dicken, roten Umschlag, von dem eine eigenartige Faszination ausging, zu öffnen und die Wahrheit über ihren neuen Besitz zu erfahren.


    In der folgenden Nacht schlief sie sehr schlecht. Selbst wenn sie für kurze Zeit erschöpft einnickte, suchten sie wirre, erschreckende Träume heim, aus denen sie starr vor Angst erwachte. Der große, rote Umschlag und sein Inhalt gingen ihr einfach nicht aus dem Kopf.


   Auch den ganzen folgenden Tag fand sie keine Ruhe. Paula fühlte die Bedrohung, die von dem noch ungeöffneten Umschlag ausging, mit jeder Stunde stärker auf sich lasten.


   Sie hatte bereits in der ersten schlaflosen Nacht daran gedacht, eine Art Tagebuch zu führen. Sie könnte darin, um mit der Situation besser umzugehen, ihre Gedanken und Erlebnisse festhalten oder einer nicht existenten Person mitteilen und so vermeiden, die dunklen Flüche auf sich zu lenken, die über ihrem Erbe lagen. Paula hoffte, auf diese Art, halb Tagebuch und halb Briefe an eine fiktive Person, alles ausdrücken zu können, was sie so sehr bewegte, was sie unbedingt formulieren musste, und was sie laut Testament doch keinem Menschen erzählen durfte, ohne sich einer unkalkulierbaren Gefahr auszusetzen.


   Erneut kam Paula eine Geschichte in den Sinn, die sie in ihrer Kindheit oft gehört hatte. Es gab da vor langer Zeit eine Erbin, die sich nicht an die Schweigepflicht hielt und das bald bitter bereuen sollte. Es wurde stets nur flüsternd und in unbestimmten Andeutungen in der Familie darüber geredet.


   Diese Erbin, die das Schweigen brach, war innerhalb kurzer Zeit schwer erkrankt. Es war eine geheimnisvolle Krankheit, die sie schwächte und auszehrte, ja, die sie regelrecht auffraß. Die Erbin wurde immer schwächer, ohne dass die Ärzte etwas dagegen tun konnten. Es war eine Erkrankung, für die es keinerlei Chance auf Heilung gab, ein heftiges Fieber, das schleichend aber sicher zum Tod führte.


   Immer wieder schielte Paula nach dem roten Umschlag,  der ihr in den letzten zwei Tagen so viel Angst gemacht hatte. Dann, als hätte sie einen Schubs bekommen, gab sie einem plötzlichen Impuls nach und öffnete ihn.


   Er enthielt weitere Briefumschläge und Paula betrachtete sie nachdenklich. Auf drei Umschlägen standen in großer Schrift Frauennamen. Vermutlich waren es die Namen der Hüterinnen, die vor ihr den Tobel besessen hatten. Ein roter Umschlag, auf dem in einer schönen, goldenen Schrift Bernadette“ stand. Ein blauer Umschlag  mit  dem  in  Silber  geschriebenen  Namen  Elisabeth und ein grüner Umschlag mit schlichten schwarzen Buchstaben in einer strengen Schrift und dem Namen „Johanna“.  Es gab noch einen schwarzen Umschlag, der Paula Angst machte und den sie halb unbewusst beiseiteschob.


   Paula fühlte sich besonders von Bernadette“ angezogen, sie wusste nicht weshalb, doch wenn sie wählen konnte, würde sie sich zuerst für Bernadette entscheiden. Dann sah sie, dass noch ein Schriftstück in dem Umschlag gewesen war, das sie bisher übersehen hatte.


   Es war eine wunderschön gestaltete Urkunde, die  in einer stark verschnörkelten Schrift geschrieben war, die ein wenig an die kunstvollen alten Handschriften in Bibeln erinnerte. Die Ränder waren mit Bildern geschmückt, Bildern von Bäumen, die sich um die Urkunde rankten, Pflanzen und Tiere, die den Text einrahmten. Paula las mit einem Schaudern die Überschrift, die in goldenen Lettern mitten auf der Urkunde prangte:


 


Der Pakt Zwischen Paula Iris Gehring


Und


Dem Hexentobel, Am Wehrbrink, Suderburg


 


Paula  Iris,  die ernannte, durch Unterschrift bestätigte Erbin


Und


das Grundstück  „Hexentobel“,  Flurstück P369  der Gemarkung  Suderburg schließen  folgenden unwiderruflich bindenden Pakt:


                                   § 1.1


Paula  Iris  verpflichtet sich hiermit zu unbedingtem Stillschweigen in allen Angelegenheiten, die dieses Erbe und das o.g. Grundstück betreffen. Paula Iris verpflichtet sich weiter das Haus und das Grundstück jederzeit zu schützen und zu unterstützen.


                                    § 1.2 


Paula Iris verpflichtet sich unwiderruflich jenen Schutz und Beistand zu gewähren, die durch das Grundstück erwählt sind und Hilfe benötigen.


                                    § 1.3 


Paula Iris verpflichtet sich innerhalb Jahresfrist eine Eignungsprüfung  abzulegen, deren Bedingungen sie zu gegebener Zeit erfahren  wird.


                                    § 1.4 


Paula Iris schwört bei ihrer Gesundheit und ihrem Leben, alle Bedingungen des Paktes genauestens einzuhalten, stets ihre Pflichten gegenüber dem Grundstück zu erfüllen und niemals von diesem Weg abzuweichen.   


                                    § 1.5 


Sollte Paula Iris diesen Schwur brechen, so  werden Krankheit, Fieber, Not und Pein sie jederzeit heimsuchen und nie mehr verlassen. Sie wird des Nachts nicht mehr schlafen und des Tags keine Ruhe finden.  Die Leiden werden sich verstärken Tag um Tag mehr, von Nacht zu Nacht weiter und weiter.


                                 § 2.0 


Im Gegenzug verpflichtet sich das Grundstück „der Tobel“ Paula Iris zu schützen gegen alle Angreifer und Verfolger, diese mit unnachgiebiger Härte zu verfolgen und mit allen Mitteln, die dem Tobel  zur Verfügung stehen zu bestrafen.


Gegeben und gebunden mit dem unlösbaren Bann 


den 25. März 2015 im Suderburger Land


   Paula legte den Pakt mit einem Schaudern und einem leisen Seufzer zur Seite, ohne sofort die Unterschrift geleistet zu haben. Im selben Moment fühlte sie einen eisigen Schauer, eine unnachgiebige, kalte Missbilligung, die ihr körperliches Unbehagen bereitete und ihr beklemmende Angst machte, ohne dass sie es verhindern konnte.


   Erschrocken sah sie, dass ihre rechte Hand, mit der sie auf dem Notariat unterschrieben hatte, sich rötete und gleich darauf fühlte sie den Schmerz, als hätte sie sich an Nesseln verbrannt.


   Auch in der darauf folgenden Nacht wurde Paula ständig von unheimlichen Träumen und diffusen Drohungen heimgesucht, die sich selbst durch die halbe Schlaftablette nicht vertreiben ließen, die sie mitten in der Nacht in ihrer Verzweiflung nahm. Sie konnte einfach keinen entspannten Schlaf finden, sondern hatte nur sehr kurze Schlafphasen mit wirren Träumen, aus denen sie voller Angst und Unbehagen schweißgebadet oder eiskalt und frierend wieder aufschreckte.


   Immer wieder geisterte eine rotblonde, junge Frau mit üppigem langem, lockigem Haar durch ihre Träume, die einen weiten dunklen Umhang mit einer über den Rücken hängenden Kapuze trug und die Paula, eng an einen großen Baum gelehnt, eindringlich zu beobachten schien. 


   War das vielleicht ihre Urgroßmutter als junge Frau, oder wurde sie langsam verrückt? Paulas Hand war noch immer stark gerötet und schmerzte juckend und brennend.


   Nach einer weiteren Nacht, in der Paula keinen Schlaf fand, von ihren Ängsten und Angstträumen geplagt wurde und in der wieder die rothaarige Frau, dicht an den Baum geschmiegt, erschien, packte Paula kurz entschlossen eine große Tasche. Sie steckte sorgfältig den Umschlag aus dem Notariat und die Umschläge mit den Namen: Bernadette, Elisabeth und Johanna in eine Aktenmappe und legte sie ins Auto. Dann warf sie ziemlich planlos alles, was ihr in die Finger kam in ihren Wagen und startete mit einem mulmigen Gefühl Richtung Suderburger Land zu ihrem Erbe, dem Hexentobel.


   Um ihre rechte Hand trug sie inzwischen einen Salbenverband, der aber keine Linderung brachte. Paula hatte das unwiderstehliche und drängende Gefühl, sie müsste unbedingt vor Ort sein. Etwas, dem sie nicht widerstehen konnte, zog sie magisch ins Suderburger Land zu dem ererbten Grundstück.


   Am Spätnachmittag erreichte Paula müde und doch seltsam aufgewühlt das einsam gelegene und auf den ersten Blick abweisend wirkende Haus am Rand des großen Waldes vor den Toren von Lüneburg, ihr Erbe, den geheimnisvollen  „Hexentobel.“Als sie den schmalen bereits im Wald gelegenen Weg zum Tobel entlang fuhr, hatte sie wie schon früher als Kind den Eindruck, der Wald wäre gerade dabei das Grundstück zu verschlingen, um es sich einfach mit allem was darauf war einzuverleiben.


    Mit einem gewissen Stolz, doch auch mit einigem Unbehagen fuhr Paula langsam ihren Wagen auf das Grundstück und stellte ihn aufatmend im Carport am Haus ab. Zum ersten Mal war sie nun als Eigentümerin und dazu noch ganz alleine hier.


   Paula stieg etwas zögernd aus und betrachtete den Garten, der noch kaum etwas vom kommenden Frühling ahnen ließ. Sie sah nur vereinzelte Schneeglöckchen und an dem berühmten uralten Rhododendron noch vollständig geschlossene Knospen.


   Während Paula noch zaudernd da stand und staunend die hohen Bäume und die üppigen Sträucher anstarrte, kam plötzlich Wind auf. Es sang und raunte in den Zweigen, es knarrte und ächzte, als erwache ein schlafendes Wesen wieder zu neuem Leben. Die Äste und Wipfel bogen sich klagend unter dem Wind, der rasch zunahm und zum heulenden Sturm wurde, der brausend durch den Wald fegte. Es heulte und jaulte, kleine Äste flogen umher und es knackte bedrohlich in den großen Bäumen. Dann legte sich der Sturm so plötzlich wie er gekommen war und Ruhe trat ein. Der Tobel hatte seine neue Hüterin willkommen geheißen.


   Paula stand noch immer unbeweglich. Sie starrte ungläubig den riesigen alten Rhododendronbusch an, der alles zu dominieren schien und eine geballte Macht und eisernen Willen ausstrahlte. Dann fiel ihr Blick auf eine alte silbergraue Buche und Paula erkannte den Baum sofort. Es war der Baum, an dessen Stamm gelehnt sie im Traum die rotblonde junge Frau gesehen hatte. Paula war verwirrt. Das Grundstück schien sie erwartet zu haben.


   Etwas mühsam schloss sie die schwere Haustüre auf, die in einen kleinen Flur und dann direkt in das große Wohnzimmer mit dem wuchtigen gemauerten Kamin führte. Ihre Hand war nun stark angeschwollen und die Salbe hatte bisher keinen Heilungserfolg gebracht. Durch die versteckte Lage des Grundstücks im Wald, mitten zwischen den hohen, alten Bäumen herrschte ein geheimnisvolles, durch viele Blätter und Äste gefiltertes, grünliches Licht, das fast den Eindruck entstehen ließ, unter Wasser zu sein.


   Die Tage waren jetzt Ende März schon wieder deutlich länger und ehe der Nachmittag vorüber war, hatte Paula sich leidlich in ihrem neuen Haus eingerichtet. Im Kamin brannte ein helles Feuer, dem in der Natur bereits spürbaren Frühling zum Trotz. Es gab Paula, die nach den beiden durchwachten Nächten ständig fröstelte, ein vielleicht trügerisches Gefühl von Wärme und Geborgenheit.


   Die Umschläge mit den Frauennamen, denen der „Pakt“ beigefügt gewesen war, lagen noch immer geschlossen auf dem großen Schreibtisch, wo Paula sie gleich nach ihrer Ankunft abgelegt hatte. Paula setzte sich, als die Dämmerung sich langsam über das Haus und den Tobel zu senken begann und las etwas widerstrebend erneut den Pakt, der das Abkommen mit dem Haus besiegeln sollte. Wieder, wie schon beim ersten Mal, überlief sie beim Lesen eine Gänsehaut und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.


   Sich mit dem Pakt hier vor Ort, direkt im Hexentobel zu beschäftigen, war um vieles beängstigender und aufregender, als ihn zuhause in ihrer vertrauten Wohnung zu lesen. Und doch drängte sie etwas, das sie nicht benennen konnte, beharrlich und unaufhörlich, endlich den Pakt zu unterschreiben.


   Zögernd nahm sie den Stift in ihre schmerzende Hand und begann langsam, fast behutsam ihre Unterschrift unter das beunruhigende Papier zu setzen. Während sie schrieb, überkam sie blitzartig das unheimliche Gefühl, nicht alleine zu sein.  Sie fühlte sich beobachtet und irgendwie auch bedrängt. Es war, als lauerten das Haus und der gesamte Tobel angespannt und sprungbereit darauf, was sie tun würde.


   Paula spürte während sie die Unterschrift leistete, überwältigend und vibrierend, die seit Jahrhunderten durch frühere Bewohnerinnen dort gebündelte und durch den Tobel über all die Zeit gespeicherte Energie und Kraft. Sie spürte wie einen gewaltigen Stromstoß die Präsenz und noch immer ungebrochene Macht der Flüche, die auf dem Grundstück lagen.


   Buchstabe für Buchstabe grub sich Paulas Unterschrift tief in das alte Dokument ein, verband sich untrennbar damit und wurde für immer ein Teil davon. Zeitgleich, solange Paula rechts schrieb, erschien auf dem Blatt an der linken Seite eine andere Signatur, Zeichen für Zeichen, genau wie Paulas Unterschrift. Paula zitterte, ihre Hand bebte unkontrolliert und sie hielt krampfhaft mit ihrer geschwollenen Hand den Tintenstift umklammert, doch sie fuhr mühsam und sorgfältig fort. Als ihr eigener Name endlich vollständig unter dem Text stand, war auch die andere Unterschrift vollendet, geschrieben von unsichtbarer Hand, fast unleserlich und in einem tiefen, feurigen Rot. Es war eine flammende Signatur in verschnörkelten, altmodischen Buchstaben, die Paula nie zuvor gesehen hatte. Der Pakt war geschlossen und ein feuriges Siegel erschien lodernd für Sekunden auf dem Papier, glühte hell auf, erlosch und wurde zu einem festen roten Wachssiegel in Form eines spitzgiebligen Hauses, dessen Fenster Paula wie wachsame Augen ansahen.


   Paula war bestürzt aufgesprungen und starrte noch immer fassungslos die roten Buchstaben und das Wachshaus an, das dort erschienen war und den Pakt so eindrucksvoll besiegelte. Ihre Gedanken überschlugen sich.


   Wer hatte unterschrieben? Wer das Siegel angebracht? War jemand hier, direkt neben ihr? Panisch sah sie sich in dem halbdunklen Zimmer um, in dem Kerzen flackerten und der Schein des Kaminfeuers zuckend über die Wände tanzte. Wäre das überhaupt möglich?


   Hustend rannte Paula in die Küche, goss sich nervös ein Glas Wasser ein und trank keuchend in langen, gierigen Zügen. Dann stürzte sie mit einem erstickten Keuchen  Hals über Kopf zur Garderobe, zog eilig und mit zitternden Händen ihre Jacke über, schaffte es kaum in die Schuhe zu schlüpfen und verließ fluchtartig, wie von Furien gejagt, das Haus mit seinen brennenden Kerzen, die wie zum Hohn winzige Funken sprühten und dem Feuer im Kamin, das zischend hell aufloderte.


   Zuerst rannte Paula in wilder Panik weg von dem Grundstück. Sie floh kopflos den schmalen Waldweg entlang, nur weg von dem Tobel, bis sie völlig außer Atem laut nach Luft ringend stehenblieb. Sie atmete keuchend mehrmals tief durch und zwang sich dann eisern, langsamer und besonnener weiterzugehen. Wirre Gedanken schossen ihr durch den Kopf.


   Die rote Unterschrift war zeitgleich mit ihrer eigenen geleistet worden. Es musste jemand da gewesen sein, oder hatte sie selbst etwa mit ihrer Unterschrift den anderen Namenszug, der bereits da gewesen war, erst sichtbar gemacht? Und woher war dann das Siegel gekommen, das definitiv zuvor nicht dagewesen war? Fragen über Fragen und keine Erklärung. Paula schüttelte aufgewühlt den Kopf und sah sich beunruhigt um


   Es wurde ihr erst in diesem Moment überdeutlich bewusst, wie dicht der Wald hier war, wie hoch die Bäume aufragten, fast drohend in ihrem tiefen Schweigen.  Kein lebendes Wesen war zu sehen oder zu hören. Es war unnatürlich still und Paula schauderte, als ihr eindringlich zu Bewusstsein kam, wie einsam und angreifbar sie hier war.


   Ausgeliefert, dachte sie unbehaglich und sah sich bestürzt um. Die Dämmerung lauerte bereits bedrohlich zwischen den hohen, schlanken Stämmen.  Sie erkannte, dass sie nicht hier draußen allein im Wald bleiben konnte. Sie musste zurück ins Haus, eine andere Möglichkeit gab es nicht für sie.


   In diesem Moment hörte Paula schnelle Schritte hinter sich, die eilig heran kamen. Sie schrie erschrocken auf, wollte zurück weichen, indem sie sich umdrehte und stolperte über eine Wurzel. Paula wäre gestürzt, hätte nicht eine starke Hand sie am Arm gepackt und gehalten.


   Entsetzt sah sie sich um und starrte  den großen dunkelhaarigen Mann an, der sie aufgefangen hatte. „Geht’s wieder?“, fragte er ruhig, während Paula ihn noch erschrocken ansah. „Wer ... wer sind Sie?“, brachte sie schließlich mit schwacher Stimme heraus und ihre Knie zitterten noch immer.


   Der Mann, der Jogging-Kleidung trug, machte eine formvollendete Verbeugung, die eher in einen Ballsaal gepasst hätte und sagte gelassen: „Henrik von der Achteren.“ Paula schnappte nach Luft und bekam keinen Ton heraus. „Darf ich fragen, was Sie hier alleine im Wald vorhaben?“, fragte der Mann im Plauderton und sah sie amüsiert an. 


   „Ich“, stotterte Paula, „ich äh, ich wohne hier.“ „Oh“, sagte der Mann und zog eine Augenbrauen hoch, „da habe ich wohl die Ehre mit der Erbin des Hexentobels?“ Paula nickte verwirrt. „Ja, ich ... ich bin noch ein wenig durch den Wald gegangen“, sagte sie und wurde rot. „Aha“, erwiderte der Mann, „darf ich Sie vielleicht zu Ihrem Haus begleiten, es wird bald dunkel und Sie haben keine Taschenlampe dabei, wie ich sehe.“


   Henrik musterte Paula und lächelte sie an. Paula wurde plötzlich bewusst, dass sie ihre älteste Jeans trug und die Gartenjacke mit dem Riss im Ärmel, die sie bei ihrer Flucht achtlos vom Haken gerissen hatte.


   Verlegen ließ sie sich von Henrik von der Achteren zum Tobel zurück geleiten und versuchte ihre Unsicherheit zu überspielen, indem sie fragte: „Und Sie, wohnen Sie auch hier?“ Der Mann lachte. „Gewissermaßen ja“, sagte er. „Ich bin der Aushilfs-Pastor der ev. lutherischen Gemeinden von Uelzen“. „Oh“, machte Paula überrascht und starrte ihn schon wieder an. „Herr von ...“ „Nennen Sie mich einfach Henrik“, unterbrach sie der Pastor und nickte, als Paula ihren Namen nannte und ebenfalls hinzufügte: „Nennen Sie mich bitte Paula.“ „Gerne“, sagte er, „so, da sind wir. Nun sind Sie ja unter dem Schutz Ihres ähm ... Grundstücks.“


   Henrik von der Achteren verabschiedete sich mit einem Nicken und lief mit lockeren Schritten weiter in den Wald hinein.  Immer noch zögernd und ziemlich verunsichert ging Paula langsam zum Tobel und dem Haus zurück, das sie in Panik so überstürzt verlassen hatte. 


   „Ich muss die Nacht da drin verbringen, allein, ausgeliefert“, ging es ihr noch einmal unangenehm und widerstrebend durch den Kopf und eine eisige Gänsehaut überlief sie, ohne dass sie es verhindern konnte.


   Doch dann kamen ihr wieder Henrik von der Achterens Worte in den Sinn. „Nun sind Sie ja unter dem Schutz Ihres Grundstücks.“ Langsam, fast widerstrebend trat sie durch das Tor, das sie bei ihrer Flucht aus dem Haus nicht geschlossen hatte. Sie stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf, schloss auf und betrat noch immer etwas unentschlossen das Haus. Für einen Moment spielte sie sogar noch mit dem Gedanken, den Tobel sofort zu verlassen und in einem Gasthaus im nächsten Ort zu übernachten. Unsicher atmete sie mehrmals tief durch und versuchte sich zu beruhigen.


   Doch dann nahm sie plötzlich wieder das gemütliche Wohnzimmer wahr, die Kerzen, den Kamin und im selben Moment löste sich die Bedrohung, die sie eben noch empfunden hatte. Sie wusste selbst, dass Flucht keine Lösung war. Fast automatisch trat sie zum Kamin und entfachte das Feuer neu, das nahezu herunter gebrannt war.


   Paula goss sich langsam ein Glas Rotwein ein und nippte nachdenklich daran. Sie zwang sich dazu tief zu atmen, schaltete sogar den Fernseher ein, der Normalität und die Welt da draußen in das einsame Haus brachte. Als sie etwas später mit einem zweiten Glas Rotwein vor dem Kamin saß und grübelnd in die Flammen sah, kam sie langsam wieder zur Ruhe.


   Ja, sie hatte diesen eigenartigen Pakt mit dem Tobel unterschrieben. Jemand oder etwas hatte den Pakt gegengezeichnet und besiegelt. Das Grundstück und das Haus gehörten nun ganz ihr und damit stand sie auch unter dem Schutz des Tobels. Genau wie der Pastor es gesagt hatte. „Ich werde mich nicht verrückt machen oder machen lassen!“, ermahnte sie sich laut und trank fast trotzig noch einen großen Schluck Wein.


 



Dann wickelte sie langsam den Verband von ihrer Hand, sie würde die gerötete Hand nun nicht länger verstecken. Verblüfft starrte sie ihre Finger an, die keinerlei Rötung und Schwellung mehr aufwiesen. Sie hatte die Unterschrift auf dem Pakt geleistet und kannte nun auch die Methoden, mit denen der Tobel sie an ihre Pflichten erinnern konnte. In diesem Moment begann das Feuer im Kamin laut zu knistern, zu zischen und zu fauchen.


   Hustend, stellte Paula hastig das Weinglas ab und starrte gebannt in die Flammen, die langsam die Gestalt einer schönen Frau mit langem, rotgoldenem Feuerhaar annahmen.


   Paula erkannte die Frau sofort. Sie hatte sie bereits zweimal im Traum gesehen, zwar mit einem dunklen Umhang mit Kapuze, doch Paula war ganz sicher, dass es dieselbe Frau war. Die Flammengestalt blickte Paula ernst an und ihre leuchtenden Haarflammen tanzten weich und knisternd um sie her.


   Regungslos saß Paula im Sessel und beobachtete fasziniert die Frau im Kamin. Sie fühlte sich nicht bedroht, sondern seltsamerweise fast getröstet. Beinahe so, als würde die Flammenfrau sie beschützen. Paula lächelte und fragte halblaut: „Wer bist du? Du bist eine der Vorgängerinnen, nicht wahr, und du heißt mich hier willkommen. Ich stehe hier unter deinem Schutz, das stimmt doch?“ Die Flammenfrau lächelte, dann verblasste allmählich ihr Lächeln und die lohenden Haare und wurden wieder zu einem normalen Kaminfeuer.


   Paula seufzte. Zögernd griff sie noch einmal nach dem Pakt und besah das Siegel und die Unterschrift, als könnte ihr das Antworten auf ihre Fragen geben.


   Plötzlich stutzte sie und drehte mit bebenden Fingern das Papier um, auf das der Pakt geschrieben war.    Entsetzt starrte Paula auf den Text, der nach und nach auf der Rückseite des schweren Briefpapiers auftauchte, die zuvor völlig leer gewesen war. Zögernd, dann immer schneller begann sie zu lesen, denn so wie die Zeilen erschienen verschwanden sie auch wieder, sobald Paula sie gelesen hatte, fast als würde eine Leuchtschrift rasch über eine Anzeigentafel laufen.


Der große Fluch


ASWANG


Mächtige und viel gerühmte Herrin der Dämonen;


Verzehrerin der Schatten; Schutzherrin der Frauen;


Strafe und töte die Übeltäter, Schläger,


Vergewaltiger von Frauen, die Schuldigen, die einst eine Frau gebar.


Lass ihre Zungen, Hände und Geist nichts mehr gegen Frauen ausrichten.


Lass erlahmen die Kraft ihrer Hände;


Lass versiegen auf immer ihre Manneskraft;


Dies sei gebunden mit den ewigen Schwüren auf immer und niemals gelöst;


Der Fluch wirke fort und fort bis in fernste Zeiten und werde stetig stärker – So sei es!


 


RHODODENDRON,  -


Uralte Wächterin dieses Tobels -  mächtig wurzelnde Hüterin dieses Gartens - Beschützerin der Frauen, die dieses Grundstück betreten oder bewohnen –


Setze ein all deine Kräfte bis in die feinste Wurzel und bis in das dünnste Blatt zum Schutz der Frauen


Nutze die Kraft deines Giftes, nimmermüde Wächterin mit 1000 Augen –


Dies sei gebunden mit ewigen Schwüren auf immer und niemals gelöst. Der Fluch wirke fort und fort bis in fernste Zeiten. 


So sei es!   


Paula hatte atemlos und hastig gelesen. Nun glitten ihre Augen zurück zum Anfang, den sie noch einmal in Ruhe lesen wollte und sie stöhnte leise. Verwirrt und ungläubig starrte sie auf das leere Blatt in ihren eiskalten, zitternden Händen.


   Der große Fluch, den sie gerade noch gelesen hatte, war verschwunden, das Blatt so weiß, als wäre der Fluch nie dagewesen und doch hatte Paula ihn gelesen. Sie überdachte verwirrt, was da gerade noch gestanden hatte, versuchte festzuhalten, was sie gelesen hatte.


   In Gedanken wiederholte sie einzelne der drastischen Worte und sie fror bei der Vorstellung der angedrohten Strafen. Wenn sie nicht schon seit ihrer Kindheit immer wieder Geschichten über den Tobel und seine geheimnisvollen Kräfte gehört hätte, wäre sie fast versucht gewesen, alles für Einbildung zu halten.


   Wenn sie nicht selbst gesehen hätte, wie heute Nachmittag die Unterschrift des Tobels und das Siegel auf dem Pakt entstand, hätte sie sicher alles als Märchen oder Sinnestäuschung abgetan.


   Doch nun, hier in diesem Haus konnte sie sich der Besonderheit und der Drohung des Paktes und insbesondere der Flüche nicht entziehen. Auch der Schutz, den der Fluch der Bewohnerin des Tobels bot, war sehr real und Paula akzeptierte das inzwischen. Paula schrieb:


   Ich habe trotz aller Aufregung einigermaßen ruhig und wohl auch gut behütet geschlafen und heute werde ich endlich den schwarzen Umschlag öffnen. Seit ich den Pakt unterschrieben habe, geht mir all das nicht mehr aus dem Sinn und beschäftigt mich ununterbrochen. Was erwartet das Grundstück von mir? Wie soll ich es schützen, welche Prüfung ablegen?


   Paula legte den Stift zur Seite und verließ nachdenklich das Haus, um einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Ihre Wanderungen in der Umgebung des Wehrbrinks gerieten meist zu raschen Läufen. Immerhin hatte sie dieses Mal eine modische Jacke übergezogen. Man konnte ja nie wissen, wem man im Wald begegnete.


   Als Paula zurück war, sah sie sofort, dass sich etwas verändert hatte. Der schwarze Umschlag lag mitten auf dem Tisch und es stand mit goldenen Buchstaben Paula darauf.


   Angespannt und mit einem tiefen Atemzug öffnete sie ohne weiter nachzudenken den Umschlag und holte einen Brief heraus, der auf einem pergamentartigen, schweren Papier geschrieben war und in der verschnörkelten Schrift, in der auch der Pakt verfasst worden war.                        Paula begann nervös zu lesen.


Fluch der Blüte –


 die Schwestern – die Hüterinnen des Tobels


Für Paula  Iris, die neue Hüterin. 


   Die Umschläge, die du bekommen hast,  beinhalten die Schicksale der Schwestern, die einst eng mit dem Haus und mit dem Grundstück verbunden waren. Wähle einen Umschlag aus und tauche ein in das Leben und Wirken der Schwester, die du ausgesucht hast.


   Jede Erbin soll ihre ganz eigenen Schlüsse ziehen und muss sich auf ihre individuelle Weise mit dem Haus und dem Tobel vertraut machen. Finde also heraus, was mit den Schwestern geschah, welche Bedeutung sie für deinen Besitz  hatten und welche speziellen Kräfte sie ihm gaben. Das Wohlwollen und die Kraft des Tobels seien mit dir bei deiner Wahl. 


   Paula nahm ohne zu zögern den roten Umschlag, auf dem in goldener Schrift  *Bernadette * stand.


   Für einen winzigen Moment meinte sie Flammen zu sehen, einen  sprühenden  Kreis  von  rotgoldenen  Flammen,  die um  den Namen  *Bernadette *  loderten. Die Entscheidung war gefallen.


   Vorsichtig öffnete Paula den schönen Umschlag und entnahm ihm einige eng beschriebene Blätter.    


   Bernadette, also hast du gewählt, stand mit großen schwungvollen, leuchtenden Buchstaben darauf. 


   Das ist eine kluge Wahl, denn sie war die erste der Schwestern in der neueren Zeit und sie spielte eine ganz entscheidende Rolle, zusammen mit ihrer Tochter Elisabeth.


   Zwei Flüche schenkte Bernadette ihrem Garten. Denlebenden Fluch“, den sie schuf, aktivierte und für alle Zeit untrennbar an das Grundstück band. Dies ist die hohe, graue Wächterin, die niemals schläft und den Tobel hütet zu jeder Zeit, Tag und Nacht bis auf den heutigen Tag.


   Sie lebt und wacht noch immer; diese heute so mächtige Wächterin, die einst schwach und klein war wie ein neugeborenes Kind und die zusammen mit dem Fluch wuchs und stetig an Stärke und Kraft gewann.


   Du wirst sie finden und sie zu deiner Verbündeten machen müssen, denn ohne ihre Hilfe kannst du dein Amt als Hüterin nicht ausfüllen.  „Der große Fluch“, der den Pakt wirksam machte, und den du bereits kennst, ist sehr viel älter und längst im Gedächtnis der Zeit verschwunden.


   Er reicht in eine Ära zurück, von der kein menschliches Wesen mehr Kenntnis hat. Niemand weiß, welche Schwester ihn einst an das Grundstück gebunden hat und damit den Tobel erweckte.


   Dennoch war erst Bernadettes Tochter Elisabeth diejenige Hüterin, von der wir wissen, dass sich bei ihr die Flüche verbanden, sich bündelten und all die Kräfte zusammen wirkten, die dieses Haus und Grundstück umgeben.


   Paula sah seltsam berührt und bewegt das Blatt an, auf dem die Lebensdaten Bernadettes standen und darüber die zarte, nur stilisierte Bleistiftzeichnung eines Baumes, der seine Äste schützend über einem Garten ausbreitete. Eine Frau mit üppigem langem Haar kauerte eng an seinen Stamm geschmiegt davor und Paula ahnte sofort, wer Bernadette war.


   Während sie noch gebannt die Zeichnung anstarrte, schienen sich die Haare der Frau wie Flammen um den Baum zu ringeln.


   Gleichzeitig tauchten zuerst nebelhaft wie graue Schatten, dann immer deutlicher auf der Rückseite des Blattes Buchstaben auf. Paula las atemlos die Schrift, die wie Glut in grauer Asche Zeile für Zeile auf der Rückseite erschien und deren Funken dann sofort wieder erloschen.          


Der lebende Fluch der grauen Wächterin   


Dieses Haus und Grundstück  seien geschützt von nun an für alle Zeiten, alle Tage, jede Stunde vom Abend zum Morgen, vom Morgen zum Abend.      


Alle Tiere, Bäume, Sträucher, selbst die Erde schützen und bewahren die,  die hier leben oder Schutz suchen.


Der den Frieden bricht, den treffe unabwendbar der Fluch der Wächterin 


Den ereile das Gift des Rhododendrons,                                                                     das ewig durch die  Adern der Wächterin fließt.                                            


Seine Haut jucke und quäle ihn allzeit unerträglich, 


Sein Mund und Hals entzünde sich und schwelle an.


Übelkeit, Schwindel und Schmerz  komme über ihn


Plage ihn jede Stunde;  


 Sein Atem stocke und bringe ihm Angst und Schrecken. 


Sein Herz schlage stetig  langsamer und stehe dann still.                        


Gebunden und nie mehr gelöst.


Dies sei der lebende Fluch, der stetig wachse und an Kraft gewinne –


Von Minute zu Minute - Von Tag zu Tag –


Von Jahr zu Jahr -  So sei es!


 


 


 


 


 


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