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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Der Fluch des Einhorns, Manuel Timm
Manuel Timm

Der Fluch des Einhorns


Buch I: Der Schatten der Seele

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Der einsame Wanderer hatte die Kapuze seines zerschlissenen erdbraunen Umhangs weit ins Gesicht gezogen. Er bahnte sich einen Weg über das von Steinen durchzogene Grasland, wobei er sich auf einen alten knorrigen Stab stützte, welcher seiner gebrechlich wirkenden Erscheinung den nötigen Halt verleihen sollte. Der starke Wind zerrte an seiner Kleidung und er hatte Mühe sicheren Schrittes voranzukommen, zumal das Bündel, welches er auf dem Rücken trug, hin und her schaukelte und ihn immer wieder leicht ins Wanken brachte. Schließlich schälte sich aus der Ferne ein gewaltiger Felsen aus dem Halbdunkel. Das Ziel seiner Reise.
Am bewölkten Abendhimmel drang kein Sternenlicht zur Erde herab und der Wanderer musste sicheren Schrittes gehen, bargen doch die vielen kleinen Steine auf seinem Weg tückische Stolperfallen.  Schließlich erreichte er die seicht ansteigende Hügelkuppe, auf der der Felsen thronte. Für einen Moment sog er das majestätische Bild in sich auf, sah die schroffen Felswände hinauf, die selbst für geübte Kletterei unmöglich zu bezwingen waren. Sein Blick fiel auf eine Dornenhecke, die sich wie ein Schatten an die Steinwand schmiegte. Sie war das Ziel des Wanderers und er setzte seinen Weg fort.
Als er sich nur noch wenige Meter von der Hecke entfernt befand, setzte er sich auf einen größeren Stein und sah sich verstohlen um. Außer dem Klagen des Windes drang kein Laut an seine Ohren und das war gut so, befand er. Für sein Vorhaben brauchte er keine unliebsamen Zuschauer.
Er legte sein Kinn auf die Brust und murmelte nahezu lautlos einige Worte, die vom Wind ergriffen und verstärkt gegen die Dornenhecke am Fuße des Felsens geschleudert wurden. Seine Hände umklammerten fest den Wanderstab und seine Finger bebten bei jedem Wort, welches der Wind gegen die Hecke trieb.
Plötzlich sprang der Mann auf, warf seinen Kopf in den Nacken und breitete die Arme aus, als wolle er sich augenblicklich in die Luft erheben und davon fliegen. Doch er tat nichts dergleichen. Er stand einfach nur da und verstummte. Und auch der Wind verstummte. Es war als sein die Welt stehen geblieben, eingefangen in einem Moment der Stille.
Dann durchbrach ein Knacken die Stille. Dann wieder eins und dann entbrannte ein Getöse aus Knacken und Krachen. Die Dornenhecke bewegte sich. Sie schob sich wie von Geisterhand geführt auseinander und formte einen Durchgang, der einen Tunnel im Felsen freigab. Der Wanderer lächelte siegessicher und ging auf den Tunnel zu. Kurz darauf hatte ihn die Dunkelheit verschluckt und die Hecke schob sich wieder in ihre alte Position zurück.
Der Tunnel wand sich schlangenförmig durch die Felsenwand und mündete in eine nach oben offene Höhle. Der Wanderer schritt auf die Mitte der Höhle zu, vorbei an Holzhütten und kleinen Ställen, die sich kreisförmig an die Felsenwände schmiegten. Männer, Frauen und Kinder sahen dem Ankömmling zu und gingen zu ihm. Schließlich stoppte der Mann und ließ sein schweres Bündel vor sich auf den Boden fallen. Die Bewohner traten näher und stellten sich neugierig vor ihm auf.
„Schön, das du zurück bist, Gorshwyn“, wurde er von einem jungen Mann begrüßt.
Der Wanderer nickte und warf seine Kapuze zurück. Ein hageres, faltiges Gesicht mit buschigen Augenbrauen kam zum Vorschein. Die Nase stach wie ein Geierschnabel hervor und die Lippen waren dünn wie ein Strich, als habe ihm jemand in Mundhöhe eine Narbe zugefügt. Die Augen in den tiefen Höhlen glänzten in einem strahlenden Blau und mochten nicht wirklich zu dem alten Gesicht des Mannes mit dem kahlen Schädel passen.
„Hast du uns etwas mitgebracht?“, fragte ein neugieriger Junge, der auf den Schultern seines Vaters saß.
„Ja“, flüsterte Gorshwyn, „passt gut auf“.
Nach diesen Worten ging der Alte in die Knie und öffnete mit geschickten Fingern das Bündel. Gebannt verfolgten die Bewohner die Bewegungen des Wanderers und die Kinder kommentierten diese hin und wieder mit gespanntem Raunen und Kichern. Schließlich offenbarte Gorshwyn den Bewohnern den Inhalt des Beutels. Es waren Pfeile. Sie waren aus schwarzem Holz und glänzten geheimnisvoll im Widerschein der Fackeln die einige der Leute bei sich trugen. Ein kleines Mädchen schob sich zwischen den Beinen ihrer Mutter hindurch und stellte sich direkt vor Gorshwyn auf, der sich grad wieder aufrichtete.
„Und wofür soll das sein?“, fragte sie fordernd.
„Warts ab“, flüsterte der Wanderer und zwinkerte ihr mit dem linken Auge zu.
Gorshwyn legte den Kopf in den Nacken, breitete wiederholt seine Arme aus und begann in einer fremden Sprache Worte zu formen. Die Bewohner hatten keine Angst vor ihm. Schließlich wohnte er schon lange Jahre bei ihnen und hatte auch verschiedene Male Zauberkünste vorgeführt. Der Einfall der verwunschenen Hecke, die den Zugang zu ihrer Wohnhöhle verbarg, war ebenfalls von ihm gekommen. Gebannt hingen sie an seinen Lippen und rückten alle noch ein Stück näher, damit auch ein Jeder erkennen konnte, welche Zauberei Gorshwyn dieses Mal ausgeheckt hatte. Die Kinder hofften natürlich wie immer auf ein Feuerwerk, während die Männer und Frauen eher auf einen für sie nützlicheren Zauber.
Plötzlich begannen die schwarzen Pfeile zu beben. Zuerst war es nur ein leichtes Beben, das langsam aber stetig anschwoll. Dann kam das Brausen in der Luft hinzu und die Pfeile begannen zu schweben, drehten sich im Kreis, richteten sich auf, während sie um ihre eigene Achse rotierten und schossen ansatzlos in den Nachthimmel empor, bis sie den Beobachtern aus den Augen entschwanden. Die Kinder starrten in Erwartung etwas Wunderbarem den Geschossen hinterher. Doch nichts geschah. Kein Feuerwerk, keine neuen Erfindungen. Die Pfeile waren einfach im Nachthimmel verschwunden.
Manson, der Wortführer der Bewohner hatte genug in die Luft gestarrt und sah zu Gorshwyn hinüber. Irgendetwas gefiel ihm nicht. Der Wanderer stand noch immer mit ausgebreiteten Armen vor ihnen, doch er hatte den Kopf nicht mehr in den Nacken gelegt. Er starrte die Anderen an, doch anstelle seiner klaren, blauen Augen, befanden sich jetzt pechschwarze Augäpfel in seinen Höhlen. Der schmale Mund war zu einer diabolischen Fratze verzogen. Mansons Beobachtung wurde jäh unterbrochen, als sich die Stimmen der Kinder wieder in einem Ruf der Begeisterung entluden.
Manson wandte den Blick von Gorshwyn ab und sah nach oben. Die Pfeile kamen wieder zurück. Ein plötzliches Unbehagen überkam den Mann, er schaute abwechselnd zu den anderen Bewohnern und dann wieder in den Himmel. Ihm war als würde eine unsichtbare Hand sein Herz umklammern und nur darauf warten es zu zerdrücken. Auf einmal war ihm, als wüsste er, was Gorshwyn plante, obwohl es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war. Jedem würde er etwas Schreckliches zutrauen, aber nicht diesem alten Mann. Er kannte ihn schon so lange. Vielleicht war es dieser Zweifel, die ihn zu lang zögern ließ.



„Lauft“, schrie er plötzlich, „lauft um euer Leben!“


 


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