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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Erbe Bereliens, Silke Katharina Weiler
Silke Katharina Weiler

Das Erbe Bereliens


Die Legende vom steinernen Buch

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Auszug aus Kapitel 1 - Emrai


 


Er hatte vages Mitleid mit dem Mädchen, denn sie würde diesen Raum nicht mehr lebend verlassen. Wie alt mochte sie sein? Dreizehn? Sie gehörte jedenfalls noch nicht lange zu Lady Ioaríns Dienerschaft. Sie huschte barfuß an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken, da er reglos an einer Wand lehnte, verschmolzen mit den Schatten, welche die brennenden Öllampen aus ihren Lichtnischen heraus nicht vertreiben konnten. In den Händen trug sie ein silbernes Tablett mit einem dampfenden Becher, dessen Inhalt allabendlich nach einer Rezeptur von Lady Ioarín persönlich zubereitet wurde. Woraus der herb riechende Trank bestand, wusste er nicht, doch er war sicher, dass jemand an diesem Abend heimlich eine weitere Zutat untergemischt hatte.


Er hätte nicht sagen können, woher, er wusste es einfach. Sobald er das Mädchen mit dem Tablett sah, war er augenblicklich auf der Hut, denn er hatte das intensive Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Sie wirkte sehr wachsam, aber das war verzeihlich. Wachsamkeit war angeraten, betrat man Lady Ioaríns Gemächer. Verrieten sie die feinen Schweißperlen, die auf ihrer Stirn glänzten, oder ihre Finger, die das Tablett so fest umklammerten, dass die Knöchel weiß hervortraten? Oder konnte man ihr all dies noch als Zeichen kindlichen Entsetzens durchgehen lassen, Entsetzen, das an diesem Ort jeden befallen würde, dessen Ohren die Geschichten vernommen hatten, die über Lady Ioarín die Runde machten? Nein, es war die Sorte Angst, die Heimlichkeit gebiert, die sich nie ganz unterdrücken lässt, von der ihr Körper in seinem gesamten Auftreten Zeugnis ablegte. Wer sie für diese Aufgabe ausgesucht hatte, hatte grundsätzlich eine gute Wahl getroffen. Einem ungeübten Beobachter wäre sie furchtsam, aber harmlos erschienen. Er aber verstand nach jahrelanger Erfahrung die Sprache des menschlichen Körpers wie kein Zweiter und war nicht so leicht hinters Licht zu führen. Und Lady Ioarín sowieso nicht, was man aus den Geschichten eigentlich gelernt haben sollte, sofern Geschichten überhaupt dazu taugten, einen etwas zu lehren.


Wenn das Mädchen also kein Schwert oder Messer unter ihrem einfachen Leinenkleid trug und gleich wagemutig ziehen würde, war der Becher der Grund für den dünnen Schweißfilm, der die Haare an ihren Schläfen miteinander verklebte, und dafür, dass ihre Zunge immer wieder nervös über die vor Aufregung vertrockneten Lippen strich.


Er lockerte den Kragen seines Hemdes. Flink, ohne einen Tropfen zu verschütten, eilte das Mädchen zu dem riesigen Becken, das in der Mitte des Raumes aus dem Fels gehauen worden war, tief im Berg unter der Festung. Das Schwimmbecken von der Größe eines Weihers wurde von einer heißen Quelle gespeist, der einzigen, die den Berg durchzog. Sie schlief niemals, diese Quelle, und heizte den Raum derart auf, dass man meinte, einen hochsommerlichen Tag mitten in Bereliens Sümpfen zu verbringen.


Lady Ioarín, die Königsgattin, genoss hier ihr tägliches Bad, versetzt mit Stutenmilch und verschiedenen Ölen, deren Duftgemenge mit dem aufsteigenden Dampf durch den Raum waberte und die Luft endgültig in etwas unerträglich Greifbares verwandelte. Ioarín ließ sich träge im trüben Badewasser treiben, bis sie das Mädchen bemerkte. Wie ein Aal glitt sie mit einer geschmeidigen Drehung ihres Körpers zum Beckenrand, wo sie sich leicht auf den Armen abstütze.


Das Mädchen schlug die Augen nieder. „Meine Herrin!“ Ihre Stimme klang zart und kindlich, aber erstaunlich fest. Mit einer leichten Verbeugung stellte sie das Tablett samt Becher neben Ioarín ab. Er beobachtete die beiden aus seiner dunklen Ecke und wartete darauf, dass Ioarín ihm zu erkennen gab, dass sie die Absicht des Mädchens durchschaute. Sie sah das Mädchen zwar lange an, aber dann, zu seiner grenzenlosen Verwunderung, sagte sie leise: „Danke, du kannst gehen“, und griff nach dem Becher.


Das Mädchen wirkte einen Wimpernschlag lang ausgesprochen erleichtert. Sie verbeugte sich erneut, drehte sich um und ging zur Tür, wobei es ihr schwerfiel, nicht zu rennen. Warum hatte Ioarín nicht gesehen, was das Mädchen plante? Er sah, wie sie den Becher ansetzte, doch bevor der Warnruf seine Lippen verließ, war er da, der Gedanke: Lass sie einfach trinken!


Er erschrak. Heiß erblühte in seinem Innern die Furcht, dass man ihm trotz seines finsteren Verstecks deutlich ansehen konnte, was ihm gerade 11durch den Kopf ging. War der Trank tatsächlich vergiftet und starb Ioarín, wäre es für alle ein Segen! Außer für ihn natürlich. Unwillkürlich fasste er sich an die Brust. Oder vielleicht gerade für ihn? Es war nicht das erste Mal, dass ihm solches in den Sinn kam. Funkengleich glühte der Gedanke für die Dauer eines Atemzuges in seinem Kopf auf und verging ebenso schnell, als Ioarín ihm ihr Gesicht zuwandte. Seine Hand sank herab. Sie sah ihn an und schüttelte leicht den Kopf. Er nickte.


Das Mädchen hatte zwischenzeitlich die Tür erreicht, da rief Ioarín ihr nach. „Warte, mein Kind!“ Das Mädchen erstarrte mitten in der Bewegung. Wie unter Zwang wandte sie sich zu ihrer Königin um, die den Becher wieder abgestellt hatte. „Meine Herrin?“ „Wie heißt du eigentlich, mein Kind?“ Die scheinbar harmlose Frage entsetzte das Mädchen regelrecht. Ihre Augen wurden riesig. Ioarín lächelte. Sie tauchte unter und wieder auf, prustete und strich sich das Wasser aus dem Gesicht. „Nun schau mich nicht so erschreckt an“, rief sie vergnügt. „Du bist neu in meiner Dienerschaft, ich habe dich in meinen Gemächern noch nicht oft gesehen. Ich möchte lediglich wissen, wie dein Name lautet. Diese Frage dürfte deiner Königin doch wohl erlaubt sein,oder?“ „Ja, natürlich, verzeiht mir! Also, Emrai, ich heiße Emrai“, stotterte das Mädchen. Sie knetete ihre vor sich gefalteten Hände, bemerkte es und bemühte sich, es nicht zu tun. „Emrai.“ Ioarín kostete den Namen prüfend wie einen Schluck guten Weines. „Emrai, ich meine, den Namen zu kennen.“ Sie legte ihren Kopf auf den gekreuzten Unterarmen ab und schien über etwas nachzugrübeln. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Emrai! Jetzt fällt es mir ein: Dein Vater ist Bernhar, der Schmied, nicht wahr? Er führt seine Schmiede bei der Nordwacht. Ein Meister seines Fachs, wie ich vernommen habe, ein ruhiger, bedächtiger Mann, fast schon ein wenig eigenbrötlerisch.“ Sie zuckte die Schultern. „Nun gut, deine Mutter starb kürzlich, wenn ich mich recht entsinne, das hat ihm sicher einen herben Schlag versetzt. Aber hat er hier auf der Festung nicht schon immer ein sehr unauffälliges, zurückgezogenes Dasein geführt?“ Ioarín betrachtete Emrai nachdenklich, kicherte plötzlich auf und schlug verschämt die Hand vor den Mund, als sei ihr ein schmutziger Gedanke gekommen. „Böse Zungen würden vielleicht behaupten, dass so jemand Heimlichkeiten im Schilde führt“, stieß sie zwischen den Fingern hervor. Emrai entgegnete nichts. Ioaríns Verhalten bereitete ihr sichtlich Unbehagen. Verstohlen sah sich das Mädchen um.


Die Königsgattin ließ die Hand vom Mund sinken. Hatte sie ihr Spiel bis hierhin genossen, war nun offenbar die Zeit reif, der Maus ein wenig ärger zuzusetzen. Als sie fortfuhr, hatte ihre Stimme an Schärfe gewonnen. „Hat dein Vater denn Heimlichkeiten, Emrai? Gibt es Dinge, die er verbirgt? Dinge, von denen niemand wissen darf? Dinge ... Pläne, die vielleicht sogar mich betreffen?“ Das Mädchen antwortete immer noch nicht. Stattdessen wandte sie sich blitzschnell um und sprang davon wie ein junges Reh, hin zur Tür.


„Galen!“, bellte Ioarín, worauf er sich folgsam aus den Schatten löste und Emrai einfing, bevor sie Gelegenheit bekam, die Tür auch nur zu berühren. Das Mädchen wehrte sich aus Leibeskräften. Wie eine Katze wand sie sich in seinen Armen, trat und schlug um sich, versuchte zu beißen. Die Rangelei, in deren Verlauf man nur das angestrengte Keuchen des Mädchens vernahm, war schnell beendet – wenige Handgriffe und er hatte Emrai in seinen Armen fixiert.


Während des ungleichen Kampfes war Lady Ioarín dem Bad entstiegen. Ihre weiße Haut dampfte. Feuchte Strähnen goldenen Haares, die sich aus dem üppigen Knoten, zu dem es hochgesteckt war, gelöst hatten, ringelten sich über Schultern und Brust. Sie schien sich ihrer Blöße weder zu schämen noch überhaupt bewusst zu sein. Ihre Augen ruhten auf Emrai mit einem schlangenhaften Ausdruck, berechnend, wann die Gelegenheit zum Zupacken am günstigsten war, ansonsten vollkommen ausdruckslos. Als sie unvermittelt in die Hände klatschte, zuckte Emrai in seinen Armen zusammen. Aus anderen Teilen des Raumes traten zwei weitere Männer aus den Schatten, junge diesmal, mit schlanken Gliedern und feinen Gesichtern. Sie brachten ein leichtes Gewand, das sie Ioarín überstreiften, und entfernten sich wieder, nachdem sie den Gürtel sorgsam zugeknotet hatten. 13Ioarín hatte ihre Augen nicht einen Moment von Emrai gelassen. Sie hatte nicht einmal geblinzelt. „Emrai, mein Kind“, begann sie, „ich möchte dir Galen vorstellen, den Mann, der deinen Aufenthalt bei mir, den du so über- stürzt abbrechen wolltest, ein wenig verlängert. Sieh es ihm nach, sollte er dich zu grob anpacken. Ich bin mir sicher, es ist nicht für lange.“ Der Stoff ihres Kleides raschelte. Sie wandte sich um und nahm den Becher auf, der unweit von ihr noch immer auf dem Tablett darauf wartete, leer getrunken zu werden. Nachdenklich drehte sie ihn in ihren schlanken Händen, tat so, als betrachtete sie das fein gearbeitete Muster auf seiner Oberfläche, und schwenkte die darin befindliche Flüssigkeit, deren Aroma sie mit einem tiefen Atemzug aufnahm.


„Dies hier“, fuhr sie wie beiläufig fort, „ist ein auserlesener Trank, gebraut aus Auszügen kostbarer und seltener Kräuter. Es gibt nur einen, dem ich diese komplizierte Rezeptur anvertraue, und er löst diese nicht einfache Aufgabe schon seit vielen Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit. Der Trank stärkt Körper und Geist auf ganz besondere Weise, mehr musst du darüber nicht wissen. Aber ich danke dir, dass du die verantwortungsvolle Aufgabe übernommen hast, mir diesen Becher heute Abend zu bringen.“ Ihre Augen lösten sich von Emrais Gesicht und wanderten zu dem von Galen. Sie sah ihn eine Weile versonnen an. „Um meinem Dank Ausdruck zu verleihen, hatte ich die wunderbare Eingebung, diesen Trank an dem heutigen Abend mit dir zu teilen.“ Bei diesen Worten versteifte sich der Körper des Mädchens. Sie nahm ihre Befreiungsversuche wieder auf, bemühte sich drehend und windend, Galens Griff zu entziehen. „Was hast du, Kind?“, fragte Ioarín scheinheilig. „Nicht jedem wird die Ehre zuteil, mit Königin Ioarín zu trinken.“ Sie trat näher und hob den Becher. „Ich trinke auf dich, kleine Emrai, deinen Vater Bernhar und deine Familie. Mögen in eurem Heim Gesundheit und Zufriedenheit herrschen und – wie sagt man noch in der Zunft deines Vaters? – möge die Esse niemals erkalten!“


Sie beugte sich vor und hielt den Becher dicht vor Emrais Gesicht. „Und da du mein Gast bist“, zischte sie, „ist es an dir, zuerst zu trinken!“


 


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