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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Auge des Horus, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Das Auge des Horus


Chaosbringer

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Sky lehnte vor dem Spiegel in seinem viel zu kleinen Badezimmer und betrachtete die tiefen Augenringe, die sich in seinem Gesicht abzeichneten. Obwohl er aufgrund seiner ägyptischen Herkunft eine leicht gebräunte Haut hatte, konnte man die dunklen Schatten unter den Augenlidern deutlich erkennen.


Wo bin ich hier nur hineingeraten?, dachte er und bückte sich, um sich etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen. Trotz der Gefahr, dass jemand von der Organisation des Sammlers sie in seiner Wohnung auffinden könnte, hatten sie sich nicht dazu durchringen können, diese wieder zu verlassen. Die fürchterlichen Ereignisse in dem Haus von Audrey Contewill lagen nun einen halben Tag zurück und noch immer konnte er ihre bleichen Lippen und ihr blutdurchtränktes Nachthemd vor sich sehen. Simons Mutter war der Machtgier eines kaltblütigen Mörders zum Opfer gefallen – wegen eines Artefakts, dem Dolch des ersten US-Präsidenten George Washington.


Er wollte sich den Stoppelbart abrasieren und die Haare ordentlich kämmen, hielt dann aber auf halbem Weg inne. Es war unerheblich, welchen Eindruck er vermittelte. Seinen Job bei der New York Times würde er so schnell nicht wiederbekommen, das hatte ihm Susan Bonnet, die Sekretärin des leitenden Redakteurs unmissverständlich klar gemacht – auch wenn sie es offiziell als Beurlaubung bezeichnet hatte.


Mit einem schweren Seufzer trocknete er sein Gesicht ab und drehte den Wasserhahn wieder zu. Als er einen Blick in den Spiegel warf, blieb er erschrocken stehen. Es war nur flüchtig gewesen, allerdings war er sich sicher, dass er so etwas wie einen Schatten hinter sich gesehen hatte. Er sah noch einmal genauer hin, konnte allerdings nichts erkennen.


Drehe ich jetzt vollkommen durch?


Er schüttelte den Kopf, warf sich ein Hemd über und drückte fest gegen die Holztür, damit diese sich aus der Verankerung löste. Es knirschte laut, die Tür schwang auf und er blickte in die wunderschönen, haselnussbraunen Augen von Nefri. Ihre langen, schwarzen Haare fielen ihr in Wellen über die Schultern und ihr schmales Gesicht zeigte ein freundliches Lächeln. Sie trug ein dunkelblaues, langes Hemd, eine eng anliegende schwarze Hose und eine lange Kette mit einem grünen Anhänger ruhte auf ihrer Brust. Es fiel ihm schwer, sie nicht anzugaffen.


»Ich wünsche dir einen guten Morgen, Skylord Baker«, hauchte sie mit einer Stimme, die ihm einen wohligen Schauer über den Rücken jagte.


»Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass wir es bei Sky belassen?«, murrte er.


»Soweit ich weiß, hast nur du das behauptet«, kicherte sie und schob sich an ihm vorbei, um ihm die Tür vor der Nase zu schließen.


Einen Moment lang dachte er darüber nach, ihr zu folgen, entschied sich jedoch dagegen und stapfte durch den kleinen Flur, um in sein Wohnzimmer zu gelangen, das leider viel zu klein war und gleichzeitig auch sein Schlafzimmer bildete. Schummriges Licht fiel durch die schmalen Fensterritzen, was ihn einmal mehr daran erinnerte, dass er unbedingt den Rollladen reparieren musste. Sky steuerte auf die kleine Ablage zu, die fast seine gesamte Küche bildete, stellte den Kaffee vom Vortag in die Mikrowelle und betätigte den Schalter.


»Ich möchte nicht an deinen Fähigkeiten zweifeln, Sky, sollte man so etwas aber eher nicht tun?«


Er zuckte mit den Schultern, nahm den Kaffee wieder heraus und schüttete sich davon ein wenig in einen knallgelben Becher, der im Vergleich zu seinem restlichen Geschirr auf der Ablage nicht vollkommen verschmutzt aussah. Mit einem müden Seufzer warf er sich auf das Sofa und wandte sich nun dem hageren Mann zu, der ihn aufmerksam musterte.


»Bei mir gibt’s eine Regel, Sim«, begann er und nahm einen großen Schluck von dem starken Kaffee. »Morgens nach dem Aufstehen brauche ich erstmal einen Schluck von diesem schwarzen Gold hier, bevor mich jemand ansprechen darf.«


Für einen kurzen Augenblick stahl sich ein Lächeln auf Simons Lippen, dann wich es wieder der leidenden Maske, die er seit den Ereignissen des gestrigen Tages trug. Seine Mutter war vor seinen Augen ermordet worden. Sky vermutete zwar, dass sie nicht sehr gut zueinander gestanden hatten, so ein Ereignis ließ aber niemanden kalt.


Simon wischte sich die orangenfarbenen Haare aus dem Gesicht und gähnte laut. »Sim?«, fragte er.


»Was?«


»Du hast mich eben Sim genannt.«


»Ja, wird wohl so sein. Wenn Nefri eine Abkürzung für Nefertari ist, dann brauchst du ebenfalls eine Abkürzung.«


»Ich muss gestehen, dass mir diese Abkürzung gefällt. Es wirkt etwas frischer und moderner. Das lenkt vielleicht von meinem eingerosteten, englischen Akzent ab.«


»Ich würde nicht drauf wetten, aber dann bleiben wir bei Sim.«


Sky hielt ihm einen Becher hin. »Kaffee?«


»Nein, danke. Ich habe noch nie verstanden, wie man dieses Zeug in sich reinschütten kann. Hast du vielleicht Tee hier?«


»Sehe ich so aus?«


Simon musterte ihn für einige Sekunden. »Nein, das tust du nicht«, seufzte er.


»Gut, dann wäre das ja geklärt.« Er nahm noch einen Schluck und unterdrückte ein Gähnen. Dann fiel sein Blick auf den Dolch, der vor ihm auf dem grauen Plastiktisch lag. Er war golden, mit einem elfenbeinfarbenen Griff und einer Schneide, die mit verschiedenen Hieroglyphen versehen war. Auf der einen Seite war eine große Scheibe erkennbar und eine Pyramide. Auf der anderen Seite eine Art Boot, umgeben von Strahlen, Nebel und Rauch.


Ohne darüber nachgedacht zu haben, nahm er die Klinge in die Hand und fuhr vorsichtig an der Schneide entlang. Es war der Dolch des ersten US-Präsidenten George Washington, den der auf dem riesigen Fresko unterhalb der Kuppel des Washington Kapitol bei sich getragen hatte. Dort sollte die Klinge eine Konstituante des amerikanischen Staates darstellen: Krieg. Das war aber längst nicht alles, was sie herausgefunden hatten, denn es handelte sich bei diesem Dolch um ein mächtiges Artefakt, das einen Teil der Seele eines ägyptischen Gottes in sich barg. Ein Ächtungszauber war darauf gesprochen worden und hatte somit das Ka – so wurde die Seele eines Gottes genannt – in ihrem Inneren gebannt. Das war zumindest die Vermutung, die sie hegten, obwohl sie noch keinen Beweis dafür gefunden hatten.


»Was machen wir jetzt damit?«, fragte Sky und drehte die Klinge in seinen Händen hin und her.


»Von mir aus können wir das Ding irgendwo vergraben und nie wieder hervorholen«, murrte Simon.


Sky legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte diese sanft. »Es tut mir wirklich leid, was gestern passiert ist. Niemand hätte das vorhersehen können. Es ist aber nun wichtig nach vorne zu blicken.«


Simon verzog den Mund. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du kannst nichts dafür. Brenner … Brenner war es!« Da er nicht wusste, was er darauf sagen sollte, nahm er seine Hand wieder weg und schwieg. »Aber du hast recht, Sky, wir müssen uns jetzt endlich entscheiden, wie wir weitermachen. Es ist nur so, dass mein Vater ebenfalls gestorben ist. Zwar ist das bereits viele Jahre her, aber der Tod meiner Mutter führt mir das noch deutlicher vor Augen.«


»Das kann ich verstehen. Auch ich habe lange gebraucht, bis ich über den Verlust meiner Eltern hinweg gekommen bin.«


Simon nickte dankbar.


Sky nahm noch einen Schluck und spürte, wie sich das Koffein in seinem Körper ausbreitete und die Müdigkeit verdrängte. »In Ordnung«, sagte er und ließ den Becher auf den Tisch knallen, woraufhin sein Gegenüber aufschreckte. »Fürs erste wäre es wohl gut, wenn wir endlich alle Karten auf den Tisch legen.«


»Was meinst du damit?«


»Komm schon, Sim. Mach mir doch nichts vor! Erst rettet ihr mich vor diesem Verrückten Brenner, dann befreit ihr mich aus der Gefangenschafft der Vogelscheuche Sneferu und zuletzt begleitet ihr mich quer durch Manhattan und lasst alles hinter euch zurück. Eure Vergangenheit, eure Zugehörigkeit zum Orden und alle Menschen, die euch etwas bedeutet haben.« Sky fixierte seine Augen. »Glaubst du etwa, dass ich immer noch nicht erkannt habe, was hier vor sich geht?«


Simon wand sich sichtlich. »Du warst uns einfach sympathisch und du hast unsere Hilfe benötigt. Ähm, denke daran, dass wir im Orden zusammenstehen und naja, du weißt schon.«


»Was weiß ich schon?«


»Du trägst eben ein mächtiges Ka in dir und … es erschien uns richtig.«


»Das ist alles?«


»Wir wollten sichergehen, Sky Baker«, sagte eine Stimme vom anderen Ende des Zimmers her.


Er wandte sich Nefri zu, die mit klitschnassen Haaren an der Türzarge lehnte und die Arme unter dem Busen verschränkt hielt. Es war schwer den Blick von ihr abzuwenden.


»Wobei wolltet ihr sichergehen?«, hakte er nach.


»Du musst eines verstehen«, sie tänzelte auf ihn zu und ließ sich auf der Couchlehne nieder, »du trägst nicht das Ka irgendeines niederen Gottes in dir, sondern eines der höchsten Götter.«


»Das wurde mir bereits gesagt und mittlerweile komme ich zur gleichen Erkenntnis. Worauf willst du hinaus, Nefri?«


»Ist das denn nicht offensichtlich?«


Sky runzelte die Stirn. »Für mich nicht.«


»Osiris, Isis, Nephthys, Seth, Horus und sogar Re. Ein Ka von jedem dieser mächtigen Götter könnte in dir ruhen. Apophis können wir nach Audrey Contewills Worten ausschließen, das muss aber nichts heißen. Damit stellst du weiterhin eine große Gefahr dar.«


»Ich habe nicht vor, irgendjemandem Schaden zuzufügen. Ich will nur mein altes Leben zurück.«


Sie legte den Kopf schief und beobachtete ihn aus ihren großen Augen. »Du stellst nicht nur eine große Gefahr für andere dar, sondern auch für dich selbst.«


»Was Nefri damit sagen will«, warf Simon dazwischen, »je mächtiger ein Ka ist, desto schwieriger ist es, dagegen zu bestehen. Es könnte deine Lebenskraft bei einer Anrufung verzehren. Es könnte aber auch - und das ist der eigentliche Grund, warum wir dir zur Seite stehen – das kosmische Gleichgewicht massiv beeinträchtigen.«


Sky dachte einen Augenblick darüber nach. »Ich verstehe«, sagte er schließlich. »Was passiert, wenn dieses Gleichgewicht beeinträchtigt wird? Isfet nanntet ihr es oder?«


Nefri nickte. »Ja, Isfet ist das kosmische Gleichgewicht und wir stehen für Maat ein, das Prinzip der Ordnung.«


»Und was ist mit meiner eigentlichen Frage? Ihr habt die Angewohnheit, dass ihr meinen Fragen ausweicht.«


»Du weißt die Antwort darauf bereits. Du hast es während deines Dhakirat - deiner Erinnerung des Ka - gesehen.«


Mit Schrecken erinnerte sich Sky an die Bilder, die an seinem Auge während der Berührung der Tontafel im Museum und seines Hetep im Tempel des Horus vorbeigezogen waren. Die Pyramide, der Wüstensturm, der Nachthimmel, die helle Scheibe am Himmel und zuletzt die Finsternis, die diese verschlang.


»Chaos«, raunte er. Seine Gefährten blieben stumm, was er als Zustimmung betrachtete. »Ihr glaubt also wirklich, dass ich für den Untergang der Welt verantwortlich sein könnte? Dass ich ein Chaosbringer sein könnte, wie es der Magier Mubarak im Tempel formuliert hat?«


»Wir glauben gar nichts«, mischte sich Simon ein. »Amunet meinte nur …« Er verstummte und sackte zusammen.


»Also doch!«, rief Sky und sprang erhitzt auf. »Die ehemalige Hohepriesterin hat euch den Auftrag gegeben bei mir zu bleiben.«


»Setz dich wieder hin!«, zischte Nefri.


Er spürte, wie sehr ihn diese Erkenntnis aufbrachte. Die ganze Zeit schon vermutete er, dass sie nicht nur aus Nächstenliebe und Freundschaft gehandelt hatten, sondern weil sie den Auftrag dazu bekommen hatten.


»Ihr seid also meine Babysitter, ja? Ihr passt auf mich auf und sorgt dafür, dass ich nichts Dummes anstelle!«


»Beruhige dich endlich!«


»Ich habe wirklich geglaubt, dass ihr meine Freunde seid! Ich habe …«


Nefri zeichnete blitzschnell drei Hieroglyphen in die Luft – das Heka und Achu, die aussahen wie zwei nach innen gerichtete Hände und ein Vogel -, dicht gefolgt von der Hieroglyphe ihrer Göttin Bastet: Ein länglicher Korb.


Die Linien flammten auf, verschwanden wieder und gleichzeitig erwachte das Sofa hinter Sky zum Leben. Die braunen Lehnen wuchsen in die Länge und schlangen sich um seine Arme. Ruckartig wurde er dadurch auf das Kissen zurückgezogen. Er kämpfte dagegen an, doch der Griff war unerbittlich.


»Was …?«, keuchte er. Nefri stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor ihm auf.


»Beruhigst du dich jetzt endlich?«


Sky warf einen hilfesuchenden Blick zu Simon, der die Szene, ohne mit der Wimper zu zucken, beobachtet hatte. »Es ist sinnlos sich mit Nefri zu streiten«, sagte der mit einem Schulterzucken. »Sie hat meistens recht und das solltest du mittlerweile erkannt haben.«


Sky atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. »In Ordnung, ich habe mich beruhigt.«


Nefri beobachtete ihn noch eine Weile. Dann machte sie eine achtlose Bewegung und das Sofa wurde so unbeweglich wie zuvor. Die Beschwörung, die sie darauf gewirkt hatte, war vorbei.


»Du bist unser Freund, Sky«, schnaubte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ja, wir haben den Auftrag dich zu begleiten. Mittlerweile haben wir aber so viel zusammen durchgemacht, dass das nicht mehr zählt. Wie ihr Amerikaner so schön sagt: Wir sind ein Team.«


»Ihr seid auch meine Freunde«, murmelte er und zeigte ein schiefes Lächeln. Mittlerweile tat ihm sein plötzlicher Ausbruch leid. Er wusste auch nicht, was in ihn gefahren war. »Entschuldigt bitte, das ist momentan alles irgendwie ein bisschen viel für mich.«


Mit einem lauten Schnauben ließ sie sich in den Sessel fallen und machte eine achtlose Handbewegung. »Unsere Gefühle sind durchgebrannt. Das sagt man doch so, oder?«


»Nicht ganz«, schmunzelte er, »ich verstehe aber, was du mir damit sagen willst.«


Simon nahm den Dolch in die Hand und hielt ihn ins Licht. »Wir haben viel auf uns genommen«, sagte er. »Du musst verstehen, dass Amunet dir nicht misstraut. Sie ist eine weise und gütige Person, die aufgrund ihres Ka stets darauf bedacht ist, den Zusammenhalt zu fördern. Ihre Entscheidung beruht auf Sicherheit. Sicherheit für uns alle.«


»Das mit dem Zusammenhalt ist ihr aber nicht so richtig gelungen«, bemerkte Sky. »Sneferu hat sie ihrer Stellung als Hohepriesterin enthoben und sich vermutlich selbst zu einem Hohepriester gekürt.«


»Das ist anzunehmen, denn die beiden anderen Priester Teremun und Akhetan waren ihm schon immer treu ergeben. Sneferu ist kein böser Mensch, er ist nur eher ein wenig hinterlistig und auf seine eigenen Ziele bedacht. Insgeheim vermute ich, dass dies auf das Ka seines Gottes zurückzuführen ist.«


»Welcher Gott ist es?«


»Chons. Er ist der Gott des Mondes, im früheren Reich wurde er aber als durchtriebener Unheilbringer und Krankheitserreger angesehen, weshalb er vielerorts gefürchtet wurde.«


»Ah, das erklärt natürlich einiges. Da hat sich wohl Gleiches mit Gleichem gefunden, he?« »Offensichtlich. Du musst verstehen, dass Chons kein schlechter Gott ist. Er ist eben nur jemand, den man nicht gerne in seiner Nähe hat. Man nannte ihn auch früher Schicksalsweber, weil er Menschen dazu verleitete, überstürzte Entscheidungen zu treffen.«


»Chons ist ein Egoist und deshalb ist Sneferu das auch«, warf Nefri dazwischen.


»So könnte man es auch ausdrücken«, sagte Simon.


»Wir können also vorerst nicht in den Tempel des Horus zurück«, stellte Sky fest. »Erst müssen wir herausfinden, welches Ka in mir steckt und was es mit diesem Dolch auf sich hat.«


Simon nickte. »Genau. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder verstecken wir uns weiterhin und hoffen, dass der Sammler irgendwann nicht mehr nach dir suchen lässt.« Er zögerte und warf ihm einen unruhigen Blick zu. »Oder wir finden es heraus und setzen damit alles auf eine Karte.« »Laenatan!«, fluchte Nefri auf ägyptisch-arabisch. »Wir sollten es endlich tun!«


Sie sahen Sky beide grimmig an und er erwiderte ihren Blick.


»Dann wäre da noch die Sache mit dem Artefakt«, sagte er und zeigte auf den Dolch des Washington in Simons Hand. »Der Sammler glaubt, dass es ein Artefakt ist, deshalb hat er auch seinen treuen Köter Noah Brenner auf uns gehetzt.«


Nefri kicherte leise. »Hund passt sehr gut. Er trägt das Ka des Anubis.« Er sah sie fragend an. »Der Schakal steht für Anubis … ein Schakal, ein Hund … ein Köter?«


»Du hast gerade einen Witz gemacht, oder?«


Sie lachte nun noch lauter. »Natürlich, ist denn das nicht urkomisch?«


Sky warf Simon einen Blick zu, den dieser mit einem Schulterzucken erwiderte. »Wahrscheinlich.« Als sich Nefri wieder beruhigt hatte, ging sie auf das Küchenbrett zu, verzog den Mund, als sie an der Kaffeekanne roch und öffnete den Kühlschrank.


»Dein Kühlschrank ist leer«, bemerkte sie.


»Genau«, pflichtete Sky ihr bei.


»Du solltest ihn füllen.«


»Der Meinung bin ich auch. Mein Portmonee ist da leider anderer Meinung.«


»Das verstehe ich nicht. Hast du heimlich eine Beschwörung auf dein Portemonnaie gewirkt?«


Er machte eine achtlose Bewegung und nahm den Dolch aus Simons Hand. »Also, was tun wir jetzt? Ich glaube kaum, dass diese Wohnung dafür geeignet ist, um zum ersten Mal mein göttliches Ka anzurufen.«


Nefri spülte ein Glas im Waschbecken aus und füllte es anschließend mit etwas Leitungswasser. Dann tänzelte sie auf Zehenspitzen zu ihnen hinüber und ließ sich auf der Couchlehne nieder. »Nein, das ist sie nicht«, stimmte sie ihm zu. »Wir sollten einen Ort aufsuchen, der etwas … ist. Wie sagt man das noch gleich in eurer Sprache? Der Ort ist …?«


»Abgeschieden«, murmelte Simon.


Sie strahlte vor Freude. »Genau! Der Ort sollte abgeschieden sein.«


»Und was machen wir mit dem Artefakt?«, fragte Sky und klimperte mit den Fingernägeln an der Schneide.


»Es wird vorerst nichts passieren.«


»Warum?«


»Weil das Schicksal das Geheimnis dieses Artefakts noch nicht offenbart hat. Es wird sich lüften, wenn die Zeit gekommen ist.«


Er runzelte die Stirn. »Was macht dich da so sicher?«


Sie zuckte zur Antwort mit den Schultern. »Ich weiß es einfach. Nennen wir es Intu … Intuition.« »Gut, also wir suchen einen Ort der Abgeschiedenheit und sorgen dafür, dass uns der Sammler und sein treuer Köter«, er unterbrach sich, als Nefri kicherte, »Noah Brenner nicht in die Finger bekommen. Dann schauen wir, dass wir das Rätsel um den Dolch lösen und erfahren, warum der Sammler so sehr danach trachtet. Anschließend kehren wir in den Tempel des Horus zurück. Einverstanden?«


Sie nickten in stillem Einvernehmen.


»Gut, dann sollten wir jetzt …«


Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.


Sky schrak hoch, bedeutete seinen Gefährten still zu sein und schlich auf Zehenspitzen an die Tür heran.


»Hey Sky, bist du da?«, fragte jemand vor der Tür.


Dig? Was macht der denn hier?


Er wartete gespannt vor der Tür.


»Ich hab dir ne Nachricht geschickt, gehst aber nicht dran. Mach mal die verdammte Tür auf!«


Dig verlässt nie seine Wohnung. Wenn, dann nur notgedrungen und niemals in die Wohnung eines anderen …


»Komm schon Alter, mach die Tür auf!«


Sky schlich zu Nefri und Simon zurück und bedeutete ihnen in Richtung des seitlichen Fensters zu gehen. Sie folgten seiner Anweisung und blieben davor stehen. Er schnappte sich seine Umhängetasche, entfernte die Sicherung, hebelte es auf und zeigte nach unten. Direkt darunter war eine Nottreppe angebracht, die sich quer am gesamten Hochhaus entlang zog. Zum ersten Mal schätzte er sich glücklich, dass dieses Gebäude aus dem letzten Jahrhundert stammte, denn heutzutage gab es solche Außengerüste eher nur noch selten.


Als sie aus dem Fenster gestiegen waren und die Nottreppe betraten, vernahmen sie ein lautes Krachen wie von einer berstenden Tür.


»Scheiße!«, fluchte er und hastete die Treppe hinunter, die für jede Etage eine Plattform auswies und vollständig aus Stahl bestand. Nefri stürmte voraus, Simon stolperte hinter ihm her.


»Lauf, Sky!«, schrie Dig von oben. Seine nächsten Worte gingen in ein Gurgeln über.


Sky hastete die Treppen herunter, wusste aber, dass sie zu langsam waren. Wenn ihre Feinde sie nun wirklich gefunden hatten, dann bedeutete es, dass sie wussten, wer er war.


Das kann doch einfach nicht wahr sein! Wir hätten schneller verschwinden müssen!


Er sah nach oben zum Fenster seiner Wohnung und erblickte ein ihm vertrautes Gesicht: Kantig, mit einer grauen Mähne, einem dreckigen Bart und einer großen, braunen Hornbrille auf der Nase. Dr. Noah Brenner. Daneben erschien im gleichen Augenblick ein weiteres Gesicht. Es musste sich um eine Frau handeln, er konnte jedoch keine weiteren Details ausmachen.


»Er hat uns gefunden!«, schrie Sky und fiel beinahe über seine eigenen Füße.


Ohne Vorwarnung blieb Nefri stehen, wodurch er und Sim mit ihr zusammenprallten. Sie warf ihnen einen finsteren Blick zu und hob beide Hände in die Luft. Während sie mit der linken Hand das Heka zeichnete, um ihr Ka zu aktivieren, vollführte ihre rechte Hand die Linien, um das Achu – die Macht ihres Ka – zu entfesseln. Zuletzt zeichnete sie die Hieroglyphe ihrer Göttin Bastet. Das alles war so schnell gegangen, dass er ihr kaum mit dem bloßen Auge hatte folgen können.


Ein unerträglich lautes Knirschen erklang, wie von tausend Stahlträgern, die gleichzeitig verbogen wurden. Eine Welle breitete sich quer über dem Geländer der Treppe aus und es begann sich zu verzerren.


»Was hast du vor, Nefri?«, fragte Sim.


»Das, was nötig ist,«


»Die gesamte Treppe? Das ist zu viel für dich Nefri! Diese Beschwörung wird dich enorm schwächen!«


»Geht nicht anders«, presste sie aus zusammengebissenen Zähnen hervor.


Ein Ruck ging durch die gesamte Treppe unterhalb ihrer Plattform. Im nächsten Augenblick verflüssigte sich der Stahl und bildete direkt vor ihnen die Form einer schrägen Rampe, die sich gefährlich nach unten in Richtung der Straße neigte.


»Ähm, ich halte das wirklich für keine gute Idee«, rief Sky und versuchte sich verzweifelt am verzogenen Geländer festzuhalten.


»Habe Vertrauen, mein Freund«, hauchte Nefri mit fiebrigen Augen und ließ ihre Hand sinken. Im gleichen Augenblick erstarrte die Rampe und sie stieg darauf, um schlitternd hinunterzurutschen. Einige Sekunden später war sie kaum noch zu sehen.


»So eine verdammte Scheiße!«, murmelte er und warf Simon einen hilfesuchenden Blick zu.


»Du hast sie doch gehört, Sky. Habe einfach etwas Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Nefri weiß, was sie tut. Meistens zumindest.« Simon lächelte gequält, betrat die Rampe und war im nächsten Moment verschwunden.


Scheiße, Scheiße, Scheiße!


Sky warf noch einen Blick zurück und erkannte Noah Brenner, der weiterhin aus dem Fenster seiner Wohnung lehnte und ihn aus dunklen Augen beobachtete. Dann nahm er seinen Mut zusammen, stieg widerwillig auf die Rampe und rutschte abwärts.


In die Tiefe.


Dem nahenden Tod entgegen


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