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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Alfageheimnis, Ben Lehman
Ben Lehman

Das Alfageheimnis



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Prolog


 Es geschehen immer öfter Dinge zwischen Himmel und Erde, für die es keine vernünftige Erklärung zu geben scheint. Selten genug erkennt überhaupt jemand, dass da etwas Unerklärliches geschieht. Meistens verstehen wir aber nur Bahnhof oder vermuten eine Zeitungsente.


 


In Wirklichkeit handelt es sich um echte Geheimnisse. Jeder, der mehr über die Sache weiß, ist zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Dabei muss es auch bleiben, denn die ganze Angelegenheit ist streng geheim. Sollte trotzdem einer unerlaubt etwas ausplaudern, würde es ihm sowieso kein normaler Mensch glauben. Ein verständnisloses Kopfschütteln, ein mitleidiges Lächeln oder der berühmte Fingerzeig an die Stirn wäre bestimmt die Antwort, vielleicht sogar etwas noch Unanständigeres.


 


Zum Glück kommt es nicht so weit, denn wird ein Geheimnis verraten, ist es kein Geheimnis mehr.


 


Philip Saller und drei seiner Freunde werden bald mehr erfahren, doch bis jetzt haben sie noch nicht die geringste Ahnung.


 


 


Ein Unglück kommt selten allein


 „Verdammt, das war's!", stöhnte Philip Saller leise, sehr leise. Er seufzte unhörbar: „Jetzt ist alles aus."


Etwas Tränenähnliches schlich aus seinem rechten Auge. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Nicht losheulen, bloß nicht jetzt. Sein rechtes Bein war eingeschlafen. Es fühlte sich ekelhaft taub an. Er musste es bewegen. Vorsichtig! Trotzdem war ein schwaches, aber brandgefährliches Kratzen zu vernehmen. Er hielt die Luft an und lauschte. Zum Glück hatten sie nichts bemerkt. Ihre erregten Stimmen klangen unverändert. Philip spürte ihre Nervosität bis in sein schrecklich unbequemes Versteck. Eine falsche Bewegung und er würde hinunterstürzen.


Der Größere von beiden zischte: „... was sollen wir mit dem Kerl jetzt anfangen? Der hat doch bestimmt alles beobachtet. Wir können ihn doch nicht ..., er ist noch so jung."


„Mach dir nicht gleich in die Hose, Mann", knurrte der Dicke, „jetzt ist er erst mal oben eingesperrt. Später wird er erledigt und basta."


Philip lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Nicht bewegen! Vielleicht noch direkt vor ihre Füße plumpsen. Das fehlte noch!


„Und wie? Du willst ihn doch nicht etwa ...", der Lange schien nicht ganz so abgebrüht zu sein wie sein widerlicher Kumpel.


„Wirst schon sehen und jetzt halte die Klappe." Unwillig schubste ihn der Dicke in die Seite. „Hau dich hin. Wenn du aufwachst, ist die Sache abgehakt."


„Warum hast du diesen Typ mit der Glatze auch so grob niedergeschlagen", murrte der Lange, „Das musste nicht sein. Er hat sich nicht mehr bewegt. Wer weiß, ob er noch ... Sie finden ihn bestimmt und dann ..."


„Schnauze!", brüllte der andere, „oder möchtest du heute lieber in einer Zelle übernachten?"


„Da landen wir sowieso, wenn sie uns erwischen."


„Sie erwischen uns aber nicht. Schluss jetzt."


Mit einem sorgenvollen Seufzer ließ sich der Lange in der Ecke auf einen zusammengedrückten Pappkarton fallen.


 


Philips Gedanken überschlugen sich. Ob es vielleicht doch eine Möglichkeit gab, den beiden Schurken zu entkommen? Aber wie? Er begriff noch immer nicht, wie er überhaupt in diese miese Lage geraten konnte. Warum traf es immer nur ihn? Seine Freunde hatten prima Familien und zu Hause null Stress. Und er, Philip? Am liebsten würde er abhauen, egal wohin. Sein Leben hatte schon so lausig angefangen. Der Vater, von wegen Vater, hatte kurz nach seiner Geburt die Kurve gekratzt und sich nie wieder blicken lassen. Klar, deshalb war die Mutter jahrelang allein erziehend. Toll. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Wenn er einen Wunsch äußerte, hieß es: Können wir uns nicht leisten! Seit ein paar Jahren hatte sie einen neuen Freund, Georg hieß er, und schon bald ein Kind von ihm. Leider war danach für Philip alles noch viel schlimmer geworden. Die kleine Halbschwester, Maria, war Georgs erklärter Liebling. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Philip musste es ausbaden. Auf ihm wurde dauernd herumgehackt, die Mutter war einfach zu schwach.


 


„Schläfst du schon?", wollte der Dicke wissen.


„Kann nicht!", kam die Antwort aus der dunklen Ecke.


„Wir müssen noch alle Spuren verwischen, wenn wir später abhauen", knurrte der Dicke.


Keine Antwort: „Hast du gehört?"


„Was heißt später, wir wollten doch erst morgen früh ..."


„Mann bist du doof! Willst du vielleicht hier warten, bis sie uns abholen? So mit allem Trara und schönen silbernen Handschellen?"


„Natürlich nicht", antwortete der Lange und stützte sich stöhnend auf seinen rechten Ellenbogen, „was soll ich tun?"


„Das Fahrrad von dem Bengel. Wo hast du es versteckt?"


„Hab ich in den Fluss geschmissen. Wurde von der Strömung längst weggerissen."


Philip konnte es nicht fassen. Sein schönes gelbes Fahrrad war auch weg, sein einziger Stolz. Das würde zu Hause wieder einen riesigen Ärger geben, falls er es überhaupt nach Hause schaffte.


„In Ordnung", nickte der Dicke zufrieden. „Wir machen jetzt Folgendes: Du gehst raus und guckst, ob die Luft rein ist."


„... und du?"


„Ich geh nach oben und knöpf mir den Lümmel vor."


Der Lange stand ächzend auf. „Von mir aus. Wenn es denn unbedingt sein muss."


Wenn ich die kleine Dachluke aufschieben könnte, dachte Philip verzweifelt. Aber wahrscheinlich ist die sowieso eingerostet.


 


Philip war am Spätnachmittag mit seinem Fahrrad zufällig genau an der Stelle vorbeigefahren, an der gerade dieser blutige Zweikampf stattfand. Natürlich wieder er, Philip, wer sonst? Warum nicht Ricky oder Josef? Die beiden schrägen Vögel zogen gerade einen Eisenträger auf die Bahnschiene, um den Zug entgleisen zu lassen. In diesem Augenblick tauchte ein kräftiger junger Mann mit Glatze auf, den Philip nicht kannte. Er wollte das Verbrechen verhindern. Sein Versuch endete jedoch in einer blutigen Auseinandersetzung. Der Dicke schlug ihm zuletzt von hinten einen Knüppel über den Schädel. Bestimmt lag der Mann noch immer dort. Lebte er überhaupt noch? Dann entdeckten sie Philip, der die brutalen Schläger entsetzt anstarrte. Philip schoss hoch und wollte nichts wie weg. Auf dem weichen Waldboden konnte er nicht schnell genug in die Pedale treten. Der Lange hatte ihn nach wenigen Metern eingeholt und zerrte ihn vom Rad. Sie schleppten ihn in die nahe gelegene Waldhütte und warfen ihn oben mit Schwung in die kleine Kammer. Philip krachte gegen die Bretterwand und stöhnte vor Schmerz. Während der Dicke und der Lange unten nach einer Schnur suchten, mit der sie die klapprige Tür verschließen konnten, sprang Philip trotz der höllischen Stiche in der Schulter blitzschnell hoch und huschte auf leisen Sohlen hinaus. Sie bemerkten es nicht. Vorsichtig zog er die Tür hinter sich zu. Er entdeckte eine enge Öffnung, kroch hindurch und landete auf dem schmalen Balken neben dem Dachkniestock, auf dem er seitdem versuchte, einigermaßen das Gleichgewicht zu halten. Zum Glück lag die Dachschräge im Dunkeln, sodass sie ihn von unten nicht sehen konnten. Mit schmerzverzerrtem Grinsen beobachtete er, wie die Männer die vergammelte, nasse Schnur sorgfältig um die Türklinke und auf der anderen Seite um einen Balken herumwickelten, ohne vorher einen letzten Blick in den kleinen Raum  zu werfen. Gott sei Dank! Nun lag Philip also auf dem schmalen Balken und spürte seine Glieder fast nicht mehr.


 


„Dann geh ich mal", brummte der Lange.


„Mach einen weiten Bogen um die Hütte und beobachte alles ganz genau. Nicht träumen, verstanden! Augen auf!", der Dicke war wirklich widerlich vorsichtig.


„Ja, ja.", knurrte der Lange, warf die klapprige Holztür hinter sich zu und wandte sich nach links.


Der Dicke hangelte sich die schmale Leiter hoch und fummelte schimpfend an der immer noch feuchten Schnur herum. Dummerweise hatte sich der Knoten so festgezogen, dass er ihn nicht mehr lösen konnte. Fluchend ächzte er wieder hinunter und suchte nach einem Messer. In seinem Rucksack fand er schließlich eins. Nun schnell zurück und wieder die Leiter hoch. Dann, auf der obersten Leitersprosse, blieb er aus irgendeinem Grund hängen und stürzte der Länge nach hinunter auf den Hüttenboden. Sogar Philips Balken bebte. Fluchend verwünschte er die primitive Hütte und hockte erbärmlich jaulend auf dem feuchten Holzboden.


Philips Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde. Jetzt oder nie! So wie der Dicke da gerade hockte und sich bemitleidete, konnte er Philip nicht sehen. Sein Gejammer unterstützte Philips Vorhaben. Blitzschnell ließ er sich hinuntergleiten. Einen Moment klammerte er mit den Händen am Balken. Glücklicherweise war er sehr sportlich. Die Beine pendelten hin und her. Während der Dicke sich laut stöhnend aufzurichten versuchte, ließ sich Philip auf den Bretterboden gleiten. Rasch drückte er sich in die Ecke und hielt die Luft an. Mühsam, doch dieses Mal vorsichtig, keuchte der Dicke wieder die Leiter hoch. Oben angekommen, zerschnitt er die Schnur. Nun war es höchste Eisenbahn. Noch wenige Sekunden und er würde die Kammer leer vorfinden. Auf Zehenspitzen huschte Philip zur Tür. Er war froh, dass sie nicht quietschte und zog sie rasch hinter sich zu. Natürlich hatte er beobachtet, dass der Lange nach links verschwunden war. Deshalb wandte er sich nach rechts und rannte los, so schnell er konnte. Es dämmerte bereits. Als Philip das furchterregende Gebrüll des Dicken aus der Hütte vernahm, erstarrte er einen Augenblick. Bloß weiter! Zu zweit würden sie ihn ganz sicher bald eingeholt haben. Wohin? Ein riesiges, dichtes Unterholz, gerade mal hundert Meter entfernt, schien ihm geeignet. Auf Knien krabbelte er unter die wuchernden Äste. Zweige zerkratzten ihm das Gesicht, er spürte Blutstropfen. Erst nach etlichen Metern fühlte er sich einigermaßen sicher. Keuchend hielt er inne. Die rasch fortschreitende Dämmerung würde es seinen Verfolgern schwer machen, ihn in diesem Gestrüpp zu finden. Philip atmete tief, sehr tief. Seine Lungen sogen die feuchte Waldluft ein. Er musste bereit sein, die Luft lange anhalten zu können, wenn seine Verfolger sich näherten. Eine dicke Kröte neben ihm schien sein plötzliches Auftauchen nicht sehr zu schätzen. Gemütlich setzte sie sich in Bewegung und verzog sich. Philip grinste etwas erlöst, heute zum ersten Mal.


 


Die beiden Verfolger entdeckten Philip nicht.


„Der hat sich bestimmt irgendwo versteckt", vermutete der Dicke messerscharf.


„Den finden wir nie. Schon viel zu dunkel."


„Sehe ich auch", knurrte der Dicke.


„Was machen wir jetzt?"


„Mann, frag doch nicht schon wieder so blöd. Los, wir hauen ab."


„Der Typ, den du niedergestreckt hast, ist weg. Ich hab ihn überall gesucht", bemerkte der Lange.


„Na bitte. Ein Grund mehr, Fersengeld zu geben." Der Dicke drehte sich auf dem Absatz um und marschierte ohne ein weiteres Wort los. Der Lange folgte ihm schulterzuckend.


 


Philip wartete und wartete. Die Schritte wurden immer leiser und verhallten in der Ferne. Ab und zu knackte noch ein Ästchen, dann war es still. Schließlich kroch er aus dem Gebüsch heraus und klopfte die feuchte Erde von seiner Hose. Zu Fuß war es ein weiter Weg bis nach Hause in die Prof.-Rosswald-Straße. Wenn er doch noch sein schönes Fahrrad hätte!


Irgendwann erreichte er mit immer heftigerem Herzklopfen seine Haustür. Inzwischen war es stockdunkel geworden. Er zögerte einen Augenblick, hatte aber keine andere Wahl. Dann öffnete er die Tür.


 


Wie erwartet, glich die Begrüßung mehr einem Überfall.


„Du verdammter Mistkerl. Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen. Wo kommst du so spät her?", pfiff ihn Georg Weber, der Lebensgefährte seiner Mutter, an und baute sich drohend vor ihm auf. „Kein bisschen Verstand im Leib. Deine Mutter sorgt sich zu Tode. Wenn du so weitermachst, schmeiß ich dich endgültig raus! Das ist ja hier, wie im ..."


„Philip! Wie siehst denn du aus?" Die Mutter schien einem Herzanfall nahe. „Wie kann ein Mensch nur so verdreckt nach Hause kommen? ... und Blut, ... wo kommt das Blut her, Philip?"


„Der stinkt", mischte sich schließlich auch noch seine kleine Schwester Maria ein.


„Halt deinen Mund", erlaubte sich Philip zu knurren.


„Sie wird ihren Mund nicht halten", schnauzte Georg Weber, „weil es stimmt. Bei uns darf jeder die Wahrheit sagen."


„Außer mir", flüsterte Philip.


„Marsch! Sofort ins Bad", rief die Mutter, „ist ja nicht mehr auszuhalten."


„Hast du dein Fahrrad in den Keller gebracht?"


Warum musste Georg jetzt auch noch an das blöde Fahrrad denken. Philip überhörte die Frage und machte sich schleunigst auf den Weg zum Bad.


„Hast du nicht gehört?", verfolgte ihn Georgs Stimme.


„Phiiilllipp!", rief nun auch die Mutter, „was ist mit deinem Fahrrad?"


„Ist weg", ächzte Philip und schloss die Badezimmertür. Stöhnend setzte er sich auf den Toilettendeckel. Was sollte er auf die Frage antworten, wo sein Fahrrad geblieben war? Im Fluss weggetrieben? Na dann, gute Nacht.


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