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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Arakkur, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Arakkur


Blut und Schatten

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»Ich schwör′s dir, das ist das letzte Mal!« »Hast du etwa wieder die Hosen voll?«


Sylon funkelte den hageren Mann an, der neben ihm im dichten Unterholz des Waldes hockte. Sie versteckten sich hinter einigen Dornbüschen, die es nicht unterlassen konnten, sie immer wieder mit ihren länglichen Halmen abzutasten. Da diese Pflanzenart größtenteils mit scharfen Dornen bestückt war, stellte sich das Warten als nicht sonderlich angenehm heraus.


»Du weißt doch, wie es bei mir läuft, Dakim«, grollte er.


»Mit läuft meinst du, dass du dir mal wieder in die Hosen gepisst hast, oder was?«, lachte Dakim. »Auch wieder wahr. Ich hab′s nur nicht gerne, wenn ich von dir kleinem Drecksack zu so einem Scheiß gezwungen werde.«


Dakim warf ihm einen scharfen Seitenblick zu. Durch seine hervorquellenden Augen, die dichten Pockennarben im Gesicht und die strähnigen, verfilzten Haare sah er wie ein Verrückter aus. Wenn Sylon darüber nachdachte, dann könnte dies sogar stimmen. Trotzdem war er der einzige Freund, den er in dieser trostlosen Welt noch hatte. Alle anderen hatten sich entweder von ihm abgewandt oder ihn verraten.


»Du hast keine Wahl, Sylon«, sagte Dakim und verzog das Gesicht. »Du bist ein Mitglied der Hand Valrysias und Verum wird dich aufknüpfen, wenn du seine Befehle missachtest. Oder warte«, er lachte, als hätte er einen Witz gemacht, »hat er dir nicht letztens angedroht, dass er dich wie einen Schuppenhund verkaufen wird?«


»Mhm«, brummte Sylon und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den abseits gelegenen Weg vor ihnen, der sich quer durch das östlichste Gebiet des Nebeltals zog. Wenn er über die Dornbüsche hinwegspähte, konnte er in einiger Entfernung sehen, wie das Tal in eine Senke überging, die sich über viele Meilen hinstreckte. Das gesamte Gebiet war unter einem dichten Vorhang aus Nebel begraben – daher kam auch der Name Nebeltal. Warum dies so war und welche Erklärung dahintersteckte waren Fragen, für die sich Sylon nicht weiter interessierte. Für ihn galt es einen Auftrag für Verum auszuführen, den Mann, der in vielen Herzogtümern von Andural gefürchtet wurde.


»Also, wie machen wir′s?«, fragte Dakim.


Sylon kratzte sich am dichten Bart und dachte einen Augenblick nach. Wie sollten sie vorgehen? Rausspringen, den Weg versperren und riskieren von dem Wagen des Händlers überrollt zu werden? Das hatten sie bereits die letzten beiden Male getan – zwar erfolgreich, aber ihre Glückssträhne würde nicht lange anhalten.


Eine dunkelgrüne Ranke eines nahegelegenen Rankenbaums kroch vor ihm über den Boden und grub sich in die Erde.


Wir sollten es dieses Mal anders machen. Ich habe keine Lust wieder meinen Arsch zu riskieren, nur damit dieser elende Drecksack seine Beute bekommt!


»Will dich ja nicht bei deinen äußerst wichtigen Gedanken unterbrechen«, raunte ihm Dakim zu, »aber die Zeit drängt. In einer halben Kerze soll der Händler hier vorbei kommen. Anders als beim letzten Mal sind wir nur zu zweit und …«


»Bei Jads braunen Unterhosen!«, fluchte Sylon. »Kein Grund, mir das wieder vorzuhalten. Ja, ich habe beim letzten Mal so richtig in die Scheiße gegriffen.«


»Wenn das nochmal passiert, dann weißt du, was dich erwartet«, sagte Dakim mit schwerer Stimme. »Kannst dir sicher sein, dass Verum mit deiner Familie anfangen wird, bevor er dich bestraft.«


Sylon nickte grimmig. Dakim war der lebende Beweis dafür, was geschehen würde, wenn er versagte. Obwohl Sylon nicht wusste, was genau geschehen war, hatte er allerlei Erzählungen mitbekommen, die davon sprachen, wie grausam die Folter gewesen sein musste, nachdem dieser bei einem Auftrag versagt hatte. Seit diesem Zeitpunkt war er verrückt – zumindest verrückter als zuvor.


Ich will nicht so enden wie er, dachte Sylon und fuhr sich noch einmal durch den dichten, schwarzen Bart. Ich darf nicht versagen!


»Also, Kumpel … wie ist dein Plan?«


»Was wissen wir über den Händler?«, stellte Sylon eine Gegenfrage.


»Nicht viel. Hat seine besten Zyklen hinter sich und handelt wohl mit Wurzeln und Pilzen. Unser Ziel befindet sich im hinteren Bereich des Wagens. Wir sollen dem netten Herrn ein wenig die Arbeit abnehmen.«


Sylon lachte leise. »Du meinst wohl, dass wir ihn erleichtern sollen.«


»Richtig. Wir sollen dem alten Knacker dabei helfen, dass er wieder nach Hause kommt. Ansonsten macht er den weiten Weg bis nach Terez und zur großen Schlucht Arakkur ganz umsonst.«


»Ihn ausnehmen.«


»Ihm zu Diensten sein.«


Sie verfielen in Gelächter. Obwohl beide wussten, dass es keinen Grund gab, zu lachen, fühlte es sich gut an für einen Moment alle Sorgen zu vergessen.


Dakim wurde schlagartig ernst. »Hast du mit ihr mittlerweile darüber gesprochen?«


Sylon konnte spüren, wie sich eine eiskalte Hand um sein Herz schloss. Seit einiger Zeit war er irgendwie vom Weg abgekommen und vom Pech verfolgt. »Du meinst mit Haria?« Er zögerte und griff in seiner Hosentasche nach dem runden Schutzmedaillon, das ein gebrochenes Wagenrad zierte – das Symbol seines Gottes Jad. Es fühlte sich warm an, das tat es immer. »Nein, ist auch besser so«, sagte er schließlich. »Wenn sie erfährt, in welcher Situation ich mich befinde, dann macht sie sich nur zu viel Sorgen und wird mich nicht mehr aus dem Haus lassen. Weißt doch, wie sie ist.«


»Selbst dran schuld, wenn du eine Lynsanerin vor die Augen der Götter führst.«


»Jo, selbst dran schuld.«


Sylon richtete sein Augenmerk auf den verschlungenen Pfad, der hauptsächlich von Rankenbäumen und Dornbüschen gesäumt wurde. Als er seinen Blick zum Himmel richtete, konnte er den ersten Mond sehen, der das Land in sanftes Licht tauchte. In ungefähr einer halben Kerze würde der erste Mond untergehen und zu diesem Zeitpunkt war die Nacht am dunkelsten. Erst eine halbe Kerze später würde der zweite Mond aufgehen.


»Ich kenne diesen Blick«, bemerkte Dakim. »Du hast eine Idee, nicht wahr?«


Sylon grinste. »Erinnerst du dich an unseren ersten Raubüberfall?«


»Ist zwar schon ein ganzer Zyklus her, aber ja, ich erinnere mich daran. Damals haben wir …« Er unterbrach sich selbst und starrte ihn verwundert an. »Nein! Nein, nein und nochmals nein!«


»Tut mir leid, aber wir sind nur zu zweit. Genau wie es damals der Fall war. Ich sehe aus diesem Grund keine andere Möglichkeit.«


»Nur über meine Leiche!«


»Das lässt sich bestimmt einrichten.«


 


 ---


 


»Du elender Bastard! Ich schwöre bei Valrysias Sandalen, dass ich dir das heimzahlen werde!«


»Ich dachte, ihr Norfaller betet die Götter des Neunerbunds nicht an?«


»Das tun wir auch nicht. Ich kann nur gerade nicht sagen, wie sehr ich dich hasse!«


Sylon bückte sich und schmierte Dakim etwas Schlamm ins Gesicht und auf die graublaue Lederrüstung. »Jetzt hör schon auf, so schlimm ist es auch wieder nicht.«


Dakim fuhr ruckartig nach oben. »Wir können gerne tauschen und du spielst die Leiche am Boden, während ein von Horntieren gezogener Wagen auf dich zurollt. Schon vergessen? Diese Biester laufen einfach weiter, selbst wenn sich ein Hindernis auf dem Weg befindet. Der Ausdruck Dumm wie ein Horntier kommt nicht von ungefähr. Wenn mich also der alte Knacker zu spät sieht, dann war′s das mit mir!«


Sylon drückte ihn wieder auf den Boden und riss anschließend einen Teil des Ärmels von Dakims grauem Hemd ab, das er unter der Lederrüstung trug.


»He, das Ding war teuer!«


»Teuer? Das sieht eher wie ein Fetzen aus, mit dem ich nicht einmal den Hintern abwischen würde.« »Du hast ja keine Ahnung von Mode!«, schnaubte Dakim.


Sylon zuckte mit den Schultern. »Könntest du recht haben. Und ab jetzt hältst du die Klappe, in Ordnung?«


Sein Freund murmelte einige unverständliche Worte, ließ sich aber trotzdem auf die Straße zurücksinken und hielt still. Sylon begab sich zurück zu den Dornbüschen am Wegesrand und versteckte sich dahinter. Als er das hohe Gras durchquerte, zog es sich sofort in den Boden zurück. Erst kurze Zeit später kam es wieder zaghaft aus der Erde gekrochen. Mit einem raschen Blick zum Himmel erkannte Sylon, dass der erste Mond fast untergegangen war.


Kurze Zeit später konnte er am anderen Ende der Straße einen großen Wagen ausmachen, der sich ihrer Position näherte und kaum von der dunklen Umgebung zu unterscheiden war. Begleitet wurde der Wagen von dem tiefen Schnaufen der beiden Horntiere, die ihn zogen, und dem vertrauten Rattern der hölzernen Läden im Inneren. Sylon warf Dakim einen raschen Blick zu. Der Norfaller bewegte sich nicht und verharrte weiterhin als gespielte Leiche am Boden.


Das wird klappen. Es klappt immer.


Der Wagen rollte auf Dakim zu und kurz bevor er ihn erreichte, zog der Händler die Zügel an, woraufhin die Horntiere stehen blieben. Der ältere Mann kletterte behäbig von seinem Bock herunter, ging auf Dakim zu und bückte sich. Sylon konnte aus dieser Entfernung nicht hören, was der Händler sagte, nutzte aber die Gunst der Stunde und schlich auf den hinteren Teil des kastenförmigen Wagens zu. Zu seinem eigenen Erstaunen war es der größte Wagen, den er jemals gesehen hatte. Die äußere Verkleidung war mit dunkelbrauner Farbe lackiert und mit schönen Verzierungen versehen, die an Ranken und Dornen erinnerten. Kein Kratzer war an der Außenwand zu erkennen – noch nicht einmal ein Schlammspritzer. Genau wie der gute Zustand des Wagens wirkten die Horntiere wohlgenährt und bei bester Gesundheit. Das war eine Seltenheit in diesem Land, denn mittlerweile kämpfte jeder nur noch um das eigene Überleben. Sylon sprang geschickt auf die Ablage, hangelte sich daran empor und öffnete die seitliche Ladentheke – darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Als die Ladentheke nach außen aufklappte, hievte er sich in den Wagen und betrat das Innere.


Wohlige Gerüche empfingen ihn und der hintere Bereich des Wagens lag in tiefster Dunkelheit. Weiter vorne brannte eine Kerze in einem gläsernen Behälter, wodurch es ihm möglich war, einen Teil der Ware zu bestaunen. Überall stapelten sich Kisten mit Schupfwurzeln, Saugstängeln und verschiedenen Pilzarten, wie Trichterlingen oder Schaumschlägern.


Er ging leise auf ein Regal zu und erkannte sogar einige Felsknospen, die ihre violetten Blütenblätter schlossen, als er danach griff.


Diese Pflanzen hier sind alle sehr frisch … wie ungewöhnlich.


Sylon schlich auf Zehenspitzen weiter nach vorne und kam dabei an einem Regal vorbei, das ihn erstaunt innehalten ließ. Auf der obersten Ablage kroch eine graue, rot-geäderte Wurzel hin und her. Sie besaß unzählige kleine Abzweigungen, die sich in die Luft streckten oder den Boden abtasteten und war mit durchsichtigen, feuchten Fäden benetzt.


Bei Jads Socken! Das ist eine Knolle!


Er streckte seine Hand nach der Knolle aus …


»Ich würde sie nicht berühren«, sagte eine Stimme neben ihm.


Sylon fuhr herum und blickte in das Gesicht eines Jungen, der kaum älter als fünfzehn Zyklen war. Er hatte mittellange braune Haare, blaue Augen und war nicht besonders groß. Seine Kleidung war schlicht, das strahlend weiße Hemd sah allerdings teuer und modisch aus.


»Warum sollte ich die Knolle nicht berühren?«, hakte Sylon nach, um Zeit zu schinden. Er dachte panisch nach, denn der Mord an einem unschuldigen Jungen war das Letzte, was er in dieser Situation wollte.


Der Junge ging auf das Regal zu und schob den Behälter mit der Knolle in ein Fach, um es anschließend mit einer Klappe zu schließen. »Sie sind merkwürdig«, sagte er und wandte sich Sylon wieder zu. »Wenn man sie anfasst, dann pulsieren sie immer schneller.«


»Das ist nicht unbedingt außergewöhnlich, Junge.«


»Nein, nicht unbedingt. Ich habe aber festgestellt, dass die Knolle sich manchmal eigenartig verhält.« Er beugte sich verschwörerisch vor. »Mein Vater sagt zwar, dass ich Schwachsinn rede, aber ich glaube, dass die Knolle keine richtige Pflanze ist. Zumindest nicht ausschließlich.«


Sylon zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Nicht?«


Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein, Knollen sind einfach zu merkwürdig. Hast du dich noch nie gefragt, warum sie das Leben verlängern, wenn man sie isst?«


»Um ehrlich zu sein, nein.« Sylon sah sich verstohlen um. Noch war der Händler außen mit Dakim beschäftigt, es war aber nur eine Frage der Zeit, bis er den Wagen betreten würde. Dann wäre ein Kampf unvermeidbar.


»Du solltest aber darüber nachdenken«, sagte der Junge und warf ihm einen aufmerksamen Blick zu. »Nachdenken ist immer hilfreich. Vor allem, bevor man etwas sehr Dummes tut.«


Er ist schlauer, als er sich gibt.


Sylon verschränkte die Arme vor der Brust und grinste. »Was schlägst du vor, du kleiner Drecksack?«


Der Junge runzelte die Stirn. »Da weder ich noch mein Vater richtige Kämpfer sind und du offensichtlich um ein vielfaches muskulöser und stärker bist als wir, schlage ich eine Abmachung vor.«


Sylon nickte, griff allerdings nach einem hölzernen Behälter auf einem der Regale und klemmte ihn sich unter den Arm. Die Felsknospen darin zogen sofort ihre Blütenblätter zusammen.


»Ich schlage vor, dass wir erst reden, bevor du uns bestiehlst«, bemerkte der Junge, tat aber nichts, um ihn aufzuhalten.


»Das ist ein verdammt anständiger Vorschlag«, sagte Sylon und griff nach einem zweiten Behälter mit Trichterlingen, um sich diesen unter den anderen Arm zu klemmen. »Es ist nur so, dass ich keine Zeit mehr habe. Scheiße, wenn dein Vater mitbekommt, dass ich hier hinten bin, wird er mich vermutlich angreifen. Und das wiederum bedeutet, dass ich ihm leider die Fresse polieren muss.«


Der Junge schüttelte energisch den Kopf. »Nein, so ist er nicht. Er ist gütig und erkennt, wenn jemand in einer Notsituation steckt. Vermutlich wird er dir sogar helfen. Einmal hat er zu mir gesagt, dass unsere Entscheidungen zeigen, wer wir wirklich sind. Wir haben immer die Gelegenheit das Richtige zu tun.«


Sylon seufzte schwer. »Das sind weise Worte. Das Leben ist aber weder rücksichtsvoll noch fair. Manchmal haben wir nicht die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen. Manchmal müssen wir Dinge tun, damit wir überleben können.« Er legte seine Hand auf die Schulter des Jungen und drückte sie kurz. »Überleben. Überleben ist das Wichtigste auf dieser Welt.«


»Willst du uns wirklich ausrauben?«, flüsterte der Junge und senkte den Kopf.


»Ich habe keine andere Wahl.«


»Wie willst du das transportieren?« Der Junge zeigte auf die beiden Behälter.


Sylon lachte leise. »Das hier ist nur ein wenig Verpflegung. Das, was ich eigentlich stehlen soll, befindet sich direkt hinter dir.«


Der Junge wandte sich um, betrachtete die metallische Kassette hinter sich und blickte anschließend wieder in Sylons Augen. »Das sind all unsere Ersparnisse. Dreitausend Som.« Dreitausend Som? Bei Jad, wie können sie nur mit so viel Geld durch die Gegend ziehen?


»Jo, ist dann wohl nicht weiter mein Problem. Wenn du jetzt so freundlich wärst?« Der Junge zögerte und sah zwischen der Kassette und Sylon hin und her. »Jetzt muss ich dich leider warnen, etwas Dummes zu tun«, sagte Sylon und baute sich vor ihm auf. »Ich habe den Auftrag euch die Kassette abzunehmen.« Er streckte seine Hand fordernd aus. »Gib sie mir.«


Der Junge bückte sich danach und drückte ihm zögerlich die Kassette in die Hand. Trotz der geringen Größe war sie erstaunlich schwer und massiv. Auf der Vorderseite war ein Rankenbaum erkennbar, das Schutzsymbol des Gottes Cernunnos. Die Seiten waren mit dem Wagenrad des Jad bestückt.


Sylon nickte grimmig, kehrte ihm den Rücken zu und ging zur hinteren Ladentheke.


»Warum wir?« Der Junge hatte lediglich geflüstert und doch hatte Sylon ihn verstanden.


»Das weiß ich nicht«, antwortete er ebenfalls flüsternd.


»Für wen arbeitest du? Du wirkst nicht wie ein Mensch, der aus Überzeugung andere bestiehlt.« Ohne dass er es wollte, wandte er sich wieder dem Jungen zu. »Es gibt nur wenige Menschen, die so etwas aus Überzeugung tun. Glaub mir oder nicht, aber manchen bleibt nichts anderes übrig.«


»Ich glaube es dir. Du siehst nicht wie ein böser Mensch aus. Du siehst aus wie ein Mensch, der um sein Überleben kämpft und mit sich selbst hadert.«


Sylon konnte spüren, wie diese Worte in ihm etwas bewegten. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt etwas Richtiges zu tun? Vielleicht …


Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder zu vertreiben. »Das Leben ist ein riesiger Scheißhaufen, Junge. Sieh zu, dass du nicht allzu schnell darin erstickst.« Sylon griff nach der Ladentheke, ließ sie vorsichtig nach außen schwingen und kletterte darauf.


»Die Som sind für einen Heiler gedacht.«


Erneut musste Sylon innehalten. »Weshalb?«


Der Junge kam einen Schritt auf ihn zu und hielt seinen linken Arm nach oben. Erst in diesem Moment fiel Sylon auf, dass der Arm merkwürdig aussah und in einem unnatürlichen Winkel vom Körper abstand. Die Hand sah ebenfalls seltsam aus, denn der Daumen überkreuzte die Handinnenfläche und ein Finger war wie zu einer Klaue gekrümmt.


Er ist ein Krüppel. Das Leben ist einfach nicht fair!


»Wir wollten in Terez unsere letzte Ware für diesen Zyklus verkaufen und anschließend nach Amerys reisen, um die dortigen Gelehrten und Heiler aufzusuchen«, flüsterte der Junge und streichelte über den verkrüppelten Arm. »Man sagt, dass in Amerys, der Hauptstadt von Andural, die besten Heiler leben sollen. Vielleicht findet dort jemand eine Antwort darauf, wie man meinen Arm retten kann … wie ich ein normaler Junge sein kann.«


Er ist nur ein wenig älter als mein eigener Sohn …


»Wo ist deine Mutter?«, fragte Sylon.


»Sie ist bei meiner Geburt gestorben.«


»Dein Vater kümmert sich alleine um dich?«


Der Junge lächelte gequält. »Er versucht es zumindest.«


»Das ist gut. Das ist sehr gut.« Er zögerte. »Was werdet ihr tun, wenn ich mit dem Geld verschwinde?«


»Wir werden versuchen den nächsten Winter zu überstehen. Wir werden hungern, unsere Horntiere werden hungern, aber wir werden es wahrscheinlich überleben.«


Verschwinde einfach! Verlasse den Wagen und verschwinde einfach. Es geht nur um die Kassette, nichts anderes.


»Ich danke dir, dass du uns nicht verletzt hast, Fremder.«


Bei Jads stinkenden Socken!


Sylon legte die beiden Behälter ab, öffnete die Kassette und füllte mehr als die Hälfte der darin gesammelten Som in einen der Behälter rein. Dann ließ er die Kassette wieder zuschnappen, verstaute sie in der großen Tasche seines Mantels und schenkte dem Jungen ein Grinsen.


»Gib nicht alles auf einmal aus, du kleiner Drecksack!« Er wartete keine Antwort ab und kletterte über die Ladentheke aus dem Wagen. Ob Zufall oder nicht, genau in diesem Moment setzte sich der Wagen wieder in Bewegung


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