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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe 3 Lilien, Rose Snow
Rose Snow

3 Lilien


Das erste Buch des Blutadels

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Prolog


 


Wenn wir einen Blick in unsere Vergangenheit werfen, so müssen wir stets unterscheiden zwischen der historischen Geschichte, wie sie die gewöhnlichen Menschen kennen – und der wahrhaftigen Wahrheit, wie sie in den alten Aufzeichnungen des Blutadels mit roter Tinte festgehalten wurde.


 


So gut wie jedem Gewöhnlichen ist bekannt, dass die Familie der Medici ihre Blütezeit im 15. bis 18. Jahrhundert nach Christus hatte und ihren Reichtum im Textilhandel erwarb. Aus der italienischen Dynastie mit ihren Ursprüngen in Florenz gingen nicht nur Großherzöge der Toskana, sondern auch Päpste und zwei Königinnen von Frankreich hervor.


Dies gelang unseren Vorfahren durch eine exzellente Heiratspolitik, bei der sie ihren Einfluss ständig klug erweiterten, ohne sich dem Diktat der wankelmütigen Liebe zu unterwerfen. Die erste schriftliche Aufzeichnung des Begründers des Blutadels datiert aus dem Jahr 1533, als Umberto de’ Medici bei einem seiner Importe mit einer seltenen, aber umso wertvolleren Pflanze in Berührung kam.


Es handelte sich dabei um einen Baum, dessen Blüten mächtige Zauberkräfte nachgesagt wurden, weshalb Umberto de’ Medici ihn an einem geheimen Ort in Florenz einsetzen ließ, wo er im sonnigen Klima Italiens schon bald gedieh. Dabei glaubte Umberto fest daran, dass der Baum göttlichen Ursprungs sei, da seine Blütenkelche niemals allein oder zu zweit, sondern immer zu dritt erblühten – was er mit der Dreifaltigkeit Gottes gleichsetzte. Auch handelte es sich immer um eine schwarze, eine weiße und eine rote Blüte, die Umberto de’ Medici an Lilien erinnerten.


 


Welchen Namen Umberto dem Baum gab, ist nicht überliefert, wohl aber, dass er aus allen drei Blüten einen Extrakt gewann, der bei den Menschen gar wundersame Kräfte hervorrief. So konnte man durch Einnahme des Extrakts der weißen Blüte aus einem gewöhnlichen Menschen einen Hellen machen, dem fortan die Fähigkeit geschenkt wurde, Leben zu geben.


Die Einnahme des Extraktes der schwarzen Blüte ließ einen Menschen zu einem Dunklen werden, der fortan die Kraft besaß, Leben zu nehmen.


Welche Funktion der Extrakt der roten Blüte mit sich brachte, ist bis zum heutigen Zeitpunkt nicht eindeutig geklärt. Unsere Historiker vermuten aber, dass der Saft der roten Blüte es vermochte, sowohl Hellen als auch Dunklen ihre Fähigkeit zu entziehen und sie somit aus dem Blutadel auszustoßen.


 


Im Laufe der folgenden Jahrhunderte nutzten unsere Vorfahren die Kraft der Lilien, um ihren Verbündeten zu helfen und sich ihrer Feinde zu entledigen, wodurch sie stetig an Stärke und Einfluss gewannen. Doch erst ein weiteres Geschenk Gottes brachte dem Blutadel jene Unabhängigkeit, nach der wir uns so sehr sehnten: nämlich, dass auch unsere Kinder die Gaben der Hellen und Dunklen erbten, ohne jemals mit dem Extrakt der Pflanze in Berührung gekommen zu sein.


Als Zeichen der Dankbarkeit schmückte sich der Blutadel fortan mit dem Wappen der Florentiner Lilie und tut es bis heute, obgleich unsere Fruchtbarkeit mit jeder Generation weiter schwindet. Der geheimnisvolle Baum ward leider verschwunden und alle Bestrebungen, ihn ausfindig zu machen, blieben bislang ohne Erfolg – letztendlich müssen wir davon ausgehen, dass er einfach nicht mehr auf dieser Welt existiert, unsere Blutgabe jedoch schon.


Und es ist unsere Aufgabe, ihre Magie zu schützen – heute, morgen und bis in alle Ewigkeit.


 


 


Auszug aus den geheimen Schriften „Der historische Ursprung des Blutadels“


Übersetzt von Frederike von Sutter im März 2003



 



 


Wird eine Familie des Blutadels mit einem weiblichen dritten Kind beschenkt, so verpflichtet sich die Familie, dieses Mädchen bei Vollendung seines 18. Lebensjahres dem Fürstenpaar ihrer Blutlinie zwecks Vermählung zur Verfügung zu stellen. Hierbei kann der Fürst Anspruch für einen Nachkommen oder für sich selbst erheben. Sollte er selbst das weibliche dritte Kind begehren, so steht es ihm zu, seine aktuelle Verbindung mit der Fürstin zu lösen.


 


Paragraph 3 der Roten Gesetze aus dem Scharlachroten Buch


 


 




Kapitel 1


 


Das leicht bittere Aroma der Chrysanthemen stieg in meine Nase. Es duftete nach Herbst und ich liebte diesen Geruch, der sich mit dem Duft der anderen Blumen in unserem Laden vermischte. Hier drinnen roch es nach Leben, es roch nach süßer Liebe, warmem Glück und einer frischen Vielfalt, die strahlend leuchtete und jeden noch so dunklen Tag erhellte.


„Für wen ist das?“, fragte Romy und kniff die Augen zusammen. Dabei baumelten die Beine meiner kleinen Schwester von der Arbeitsplatte und ihre Wangen schimmerten leicht rötlich, wie die Blüten des rosa Oleanders.


„Sei nicht so neugierig“, sagte ich. „Sitz außerdem nicht auf der Arbeitsplatte rum, hier liegen allerhand scharfe Messer. Du weißt, wie Mama austickt, wenn sie dich hier sieht.“ Ich warf Romy einen nachdrücklichen Blick zu, den sie mit ihren runden Augen unschuldig erwiderte, und steckte dann den Blumendraht von unten in die Blüte der Gerbera, um ihn gleich danach um den Stiel der Pflanze zu wickeln.


„Warum machst du das, Lori?“


Ich hob eine Augenbraue. „Du sitzt noch immer hier oben.“


Sie grinste. „Und du hast mir noch immer keine meiner Fragen beantwortet.“


„Okay – ich beantworte dir eine Frage, wenn du da runterhüpfst“, bot ich an. Als Antwort zog Romy ihre Stupsnase kraus und schüttelte den Kopf, sodass ihr dunkelblonder Pferdeschwanz wild hin und her schwang.


„Das ist ein schlechter Deal.“


Ich zuckte mit den Schultern und strich mir mit dem Handrücken eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. „Dann lass es bleiben.“


Nun grinste sie wieder, diesmal noch breiter. „Zwei Grußkarten und eine Erklärung. Dann kommen wir vielleicht ins Geschäft.“


Ich hob eine Augenbraue und tat so, als müsse ich überlegen. „Von mir aus“, lenkte ich nach einem Moment ein, da Romy ohnehin meistens ihren Willen durchsetzte. Ob es um Süßigkeiten bei meiner Mutter oder um neue Kuscheltiere bei meinem Vater ging, sie bekam eigentlich immer, was sie wollte. Dabei mochte ich mir noch gar nicht vorstellen, wie erfolgreich sie erst in meinem Alter wäre. In neun Jahren, mit fast achtzehn, würde sie garantiert alle um den Finger wickeln.


Fast alle, korrigierte ich mich unweigerlich und ein hässlicher Gedanke schlich sich in meinen Kopf. Beim Hellen Fürsten würde Romy ihren Willen nicht durchsetzen. Schließlich war sie als Drittgeborene etwas Besonderes, etwas zu Besonderes. Ich atmete tief ein und verfluchte die alten Gesetze.


„Also? Ich warte“, erklärte Romy und lächelte breit.


Ich deutete auf die pinkfarbenen Blumen. „Damit der schwere Blütenkopf der Gerbera nicht abbricht, muss er gedrahtet werden. Und der Strauß, den ich gerade binde, ist für eine gewisse Frau Castano.“


„Und?“


„Und … die Karten liegen draußen bei der Kasse“, fuhr ich fort, während ich die Blüten abwechselnd mit dem Schnittgrün arrangierte. Sofort sprang Romy von der Arbeitsplatte und hüpfte in den Verkaufsraum.


Schmunzelnd blickte ich ihr hinterher und betrachtete dann den bunten Blumenstrauß in meiner Hand. Nach einem Moment des Zögerns streckte ich die Finger aus und strich sanft über die zarten Blütenblätter. Dabei klopfte mein Herz etwas schneller und ich hielt kurz den Atem an, während ich darauf wartete, dass die Blumen reagierten. Doch es geschah nichts und ich spürte die Enttäuschung in meiner Brust.


Es nervte, dass sich meine Blutgabe noch immer nicht zeigte, obwohl meine ältere Schwester Sophie schon mit vierzehn auf ihre Fähigkeit hatte zugreifen können. Selbst wenn ich wusste, dass ich noch ein paar Wochen Zeit hatte, war das Warten einfach zermürbend und wurde von der ständigen Sorge um die tödlichen Anfälle begleitet.


Leicht frustriert band ich einen grünen Blätterkranz um das Arrangement und fixierte das Ganze mit einem Bindedraht. Zum Abschluss kürzte ich die Stiele mit einem Messer und stellte den fertigen Strauß in eine Vase zu den anderen Vorbestellungen. Insgesamt waren für heute acht Sträuße und ein Trauerkranz bestellt worden, was für einen normalen Samstag durchaus okay war.


Lieber Peter“, las Romy laut vor, die soeben wieder den Arbeitsraum des Ladens betrat und fremde Grußkarten genauso gern las wie ich. Denn sie erlaubten einem einen kurzen Blick in ein anderes Leben, das vielleicht weniger kompliziert war als mein eigenes, in dem ständig zwei verschiedene Welten aufeinanderprallten. „Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder und du verzeihst mir die Sache mit Nils. Deine Brigitte.“ Meine Schwester schnaubte. „Pah. Da ist ja gar keine Romantik drinnen, echt langweilig. Aber zum Glück habe ich noch eine von dem Grottengras gefunden.“ Sie hielt die weiße Karte mit dem Goldrand in die Höhe. „Der enttäuscht uns niemals.“


„Und?“


Leise Lieder singe ich dir bei Nacht“, trug sie vor, „dir, in dessen Aug mein Sinn versank und aus dessen tiefem, dunklen Schacht meine Seele ewige Sehnsucht trank.“ Sie machte eine Pause und seufzte. „Der Grottengras verschickt jede Woche Blumen und ein Gedicht an diese Frau, der muss echt noch immer total verliebt sein.“


Ich nickte und beförderte den Pflanzenabfall in den Müll, bevor ich auf die Uhr schielte. Es war bereits kurz nach neun. „Habt ihr nicht gleich Theaterprobe?“


Romy verzog den Mund zu einer Schnute. „Ja, aber ich will da nicht hin. Wieso muss ich am Wochenende für so ein doofes Stück proben? Ich hätte mich niemals für den Theaterkurs anmelden sollen. Und warum müssen wir ausgerechnet so ein blödes Märchen aufführen? Das ist doch total alt.“


„So schlimm ist es gar nicht. Und außerdem spielst du ja nicht die Hauptrolle.“


„Stimmt“, pflichtete sie mir bei. „Zum Glück. Ich bin nur eine von den bösen Stiefschwestern. Dafür muss ich wenigstens den doofen Benjamin nicht küssen.“


Ich verbiss mir ein Schmunzeln und holte einen Bogen grünes Papier aus dem Regal, bevor ich damit zu dem großen Arbeitstisch ging, der in der Mitte des Raumes stand und von den breiten Fensterfronten mit viel Tageslicht versorgt wurde. „Ist das vielleicht der Grund, warum du sauer bist? Weil du ihn nicht küssen musst?“


„Niemals.“ Romys Stimme klang nicht ganz so entrüstet, wie sie klingen sollte, und ich lächelte in mich hinein. Sie legte den Kopf leicht schief und ging zum Gegenangriff über. „Hast du denn Dominik schon geküsst? Oder habt ihr schon mehr gemacht?“


„Nette Ablenkung, aber das funktioniert nicht. Geh jetzt zu deiner Probe“, erwiderte ich, woraufhin sie sich grummelnd verabschiedete und aus dem Laden verschwand.


Nachdem sie gegangen war, verlief der Vormittag recht ruhig. Es machte mir nichts aus, ab und an im Geschäft auszuhelfen, da ich die Arbeit mit den Blumen liebte – und sie von klein auf gelernt hatte. Während meine ältere Schwester Sophie in die Fußstapfen unseres Vaters getreten war und sich fürs Medizinstudium entschieden hatte, konnte ich mir gut vorstellen, nach meinem Abschluss Botanik zu studieren und danach den Blumenladen weiterzuführen.


Den Betrieb hatte meine Mutter bereits in jungen Jahren von meinen Großeltern geerbt und nun lebten wir auf einem riesigen Grundstück, auf dem sich auch unser Gewächshaus befand. Ich liebte das verwunschene Anwesen, das mit seinen Kräutergärten und verschlungenen Wegen schon immer mein Zuhause gewesen war.


Gerade war ich dabei, im hinteren Arbeitsraum ein Arrangement für eine neue Bestellung vorzubereiten, als die Türglocke läutete. Schnell ging ich in den hellen Verkaufsraum, in dem sich ein dunkelblonder Typ zwischen den unzähligen Blumenvasen und Topfpflanzen umsah. Er wandte mir den Rücken zu, aber ich konnte sehen, dass er groß war und breite Schultern hatte, die in einer grauen Lederjacke steckten.


„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich.


Der Typ drehte sich zu mir um und für einen Augenblick stockte mir der Atem, weil ich nicht erwartet hatte, dass er derart gut aussah. Obwohl er wahrscheinlich nicht viel älter war als ich, hatte er bereits die markanten Gesichtszüge eines erwachsenen Mannes. Seine Haare fielen ihm lässig in die Stirn und verdeckten dabei zur Hälfte eine kleine Narbe oberhalb seiner Augenbraue, die ihm einen rebellischen Touch verlieh. Der leichte Dreitagebart und eine Schramme auf der Wange, die ziemlich frisch zu sein schien, unterstrichen sein verwegenes Aussehen. Ohne ein Wort zu sagen, musterte er mich und ich spürte mein Herz in der Brust pochen, als sich seine dunklen Augen schließlich in meine bohrten.


„Das kann ich dir nicht sagen.“ Seine Stimme klang rau und viel zu sexy.


Ich wischte mir meine nassen Hände an der Schürze ab. „Was kannst du mir nicht sagen?“


„Ob du mir helfen kannst.“ Er betrachtete mich eindringlich und ich strich mir nervös meine langen Haare hinters Ohr. Als mir bewusst wurde, was ich hier tat, hielt ich mitten in der Bewegung inne. Das hier war ein Blumenladen und keine Datingshow.


„Kommt darauf an, was du willst“, sagte ich und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Dabei versuchte ich, professionell zu klingen und mich nicht von seinem attraktiven Äußeren ablenken zu lassen, auch wenn das gar nicht so einfach war.


Er musterte mich erneut und ich hatte das furchtbare Gefühl, dass er jeden meiner Gedanken erriet, als ein sanftes Lächeln über sein Gesicht glitt.


„Überraschenderweise benötige ich … Blumen. Habt ihr vielleicht welche?“ Seine dunklen Augen glitzerten herausfordernd und ich spürte, wie mir unter seinem Blick ein warmer Schauer über den Rücken rieselte.


„Da bist du im falschen Laden“, behauptete ich dennoch nüchtern. Obwohl ich nicht gerade klein war, musste ich zu dem Fremden hochsehen, der mich um einen Kopf überragte.


„Nein, ich denke, ich bin hier genau richtig“, erwiderte er selbstbewusst und fixierte mich dabei auf eine Art, dass ich das Gefühl hatte, als würde die Luft um uns herum zu knistern beginnen. In dem Moment ging die Ladentür auf und Dominik schneite herein.


„Hey, Lorelai, Romy sagte, ich würde dich hier finden“, setzte er an, verstummte aber, als er den Typen sah. „Oh. Du hast Kundschaft.“ Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und Dominiks Stimme klang plötzlich wesentlich kühler, als ich es von ihm gewohnt war.


„Ja, die hat sie“, bemerkte der dunkelblonde Typ mit einem knappen Lächeln. „Du musst dich wohl hinten anstellen.“


Dominik verschränkte die Arme vor seiner durchtrainierten Brust und zog kühl eine Augenbraue hoch. „Ich denke nicht, dass ich mich bei meiner Freundin anstellen muss.“


Kurz überlegte ich, auch etwas dazu zu sagen, aber da das hier wirklich peinlich werden konnte, konzentrierte ich mich lieber auf den Verkauf.


„Für welchen Anlass sind denn die Blumen?“, fragte ich geschäftsmäßig.


„Sie sind für einen Geburtstag“, erwiderte der Typ und beugte sich etwas näher zu mir. „Ich brauche sie für eine ganz besondere Lady.“


Seine Worte weckten in mir einen Anflug von Enttäuschung, den ich geflissentlich zu ignorieren versuchte. Während ich mich um eine neutrale Miene bemühte, ließ Dominik den Typen nicht aus den Augen und ging rüber zum Verkaufstresen. Mit seinen kurzen schwarzen Haaren und den angespannten Muskeln wirkte er wie ein Bodyguard, der mich um jeden Preis beschützen würde.


„Okay“, sagte ich und deutete auf die vielen bunten Vasen, die im Laden standen. „Hast du schon irgendwelche Vorstellungen?“


Der dunkelblonde Typ nickte und zeigte zielsicher auf drei bauchige Vasen, in denen sich jeweils weiße Blumen befanden. Weiße Chrysanthemen, weiße Hortensien und weiße Lilien.


Ich trat an eine der Vasen heran und schüttelte den Kopf. „Ist das Absicht?“


Irritiert runzelte der Typ die Stirn. „Was?“


„Dass du dich für drei Todesblumen entschieden hast. Du sagtest doch, es geht um einen Geburtstag.“


Dominik lehnte sich an den Tresen. „Vielleicht wünscht er ja jemandem den Tod.“ Dabei durchbohrte er den anderen mit seinen blauen Augen und es hätte mich nicht gewundert, wenn Dominik in Wahrheit ein Mitglied der Roten Garde gewesen wäre. Mit seiner muskulösen Figur und dem schneidenden Blick hätte er einen perfekten Offizier abgegeben, der wusste, wie man andere einschüchterte. Doch der dunkelblonde Typ schien sich von Dominiks Dominanzgehabe nicht beeindrucken zu lassen.


„Ja, vielleicht“, pflichtete er ihm bei und erwiderte dessen Blick kühl und herausfordernd. Ich spürte, wie die Stimmung zwischen den beiden Jungs immer angespannter wurde, und räusperte mich schnell.


„Es ist natürlich deine Entscheidung, welche Blumen du nimmst“, sagte ich und zog eine Lilie aus der Vase. „Diese hier sind bei einem Geburtstag jedoch nicht angebracht. Auch wenn sie sehr hübsch sind.“


Der dunkelblonde Typ wandte den Blick von Dominik ab und sah mich unbeeindruckt an. „Ich möchte sie trotzdem nehmen.“


„Okay, ganz wie du willst“, sagte ich, obwohl ich es unpassend fand, zu einem Geburtstag Blumen zu verschenken, die für den Tod standen. „Wie groß soll der Strauß denn werden?“


Sein Blick schweifte über die drei Vasen. „Sind das alle Blumen, die du dahast?“


Ich nickte. „Ja. Wieso?“


„Dann hätte ich gern alle.“


„Das wird aber ganz schön teuer.“


„Das macht nichts“, erwiderte er. „Die Dame ist es mir wert.“


„Gut“, sagte ich, holte die Vasen und stellte sie auf den Tresen. Dabei registrierte ich, dass Dominik den Typen noch immer wie einen potenziellen Feind anstarrte, obwohl er normalerweise ganz anders war. Als sich unsere Blicke für einen Moment trafen, überkam mich ein schlechtes Gewissen, weil es zwischen mir und dem Fremden vorhin so stark geknistert hatte.


Rasch richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Blumen und versuchte, nicht darüber nachzudenken, warum der Typ seine Freundin als die Dame bezeichnet hatte – aber vielleicht war es ja auch gar nicht seine Freundin. Und vielleicht ging mich das Ganze auch gar nichts an.


„Ich würde noch etwas Pistochia dazu nehmen.“ Ich deutete auf das grüne Gewächs, das links von mir in einer Vase steckte. „Sie eignen sich gut als Verzierung für den Strauß.“


Der dunkelblonde Typ lächelte charmant. „Klar.“


Ich lächelte verhalten zurück und begann, die Blumen zu einem Strauß zu binden. Es mussten insgesamt über vierzig Lilien, Chrysanthemen und Hortensien sein.


„Du kannst das gut“, sagte der Fremde nach einer Weile und schlenderte zum Tresen, ohne sich von Dominiks Anwesenheit auch nur im Geringsten abschrecken zu lassen. „Wie lange machst du das schon?“


„Seit ich fünf bin.“ Ich wickelte ein weißes Geschenkband um die Stiele des Straußes, um danach die Halme mit einem scharfen Messer zu kürzen. „Meiner Mutter gehört der Laden und ich fand Blumen schon immer faszinierend.“


„Und warum?“


„Warum ich Blumen faszinierend finde?“, gab ich irritiert zurück.


„Was ist denn das für eine Frage?“, mischte sich Dominik genervt ein. „Bist du so versessen darauf, ein Gespräch mit ihr zu führen, dass du einfach alles hinterfragst, was sie sagt?“


„Dominik“, murmelte ich peinlich berührt.


Doch der Fremde blieb ganz gelassen. „Ich habe mich mit ihr unterhalten. Wenn ich mit dir reden will, lasse ich es dich wissen.“


„Wow, der Preis für den arrogantesten Kunden geht eindeutig an dich.“


Der Typ lächelte kalt. „Immer noch besser als der für den eifersüchtigen Freund.“


„Hast du vielleicht ein Problem?“, fragte Dominik gereizt und machte sich noch größer, als er ohnehin schon war. Nach wie vor erwiderte der dunkelblonde Typ seinen Blick völlig ruhig.


„Nein, ich nicht. Aber du vielleicht.“


Mit klopfendem Herzen schaute ich von meiner Arbeit auf und wünschte, die beiden würden damit aufhören, sich anzufeinden, als die Tür aufschwang und eine ältere Frau den Laden betrat.


„Ich brauche hier noch einen Moment. Kannst du dich solange bitte um sie kümmern?“, bat ich Dominik. Sein Gesichtsausdruck wurde etwas weicher, als ich ihn ansprach, und er zögerte noch einen Augenblick, ging dann aber zur Kundin.


„Den hast du gut im Griff“, sagte der Fremde und stützte sich mit seinen Händen am Tresen ab.


„Sag das nicht, als wäre er ein Hund.“


Sein rechter Mundwinkel zuckte kurz nach oben. „Du hast meine Frage vorhin nicht beantwortet. Was fasziniert dich so an Blumen?“


„Ich finde sie wunderschön“, antwortete ich und wickelte den Strauß in ein grünes Blumenpapier. „In meinen Augen stehen sie für Lebendigkeit und Freude und ich mag ihren Duft.“


Kurz begegneten sich unsere Blicke und das Feuer in seinen dunklen Augen traf mich unvorbereitet. Gebannt drückte ich ihm den Strauß in die Hand. Dabei berührten sich unsere Finger kurz und meine Haut begann unter seiner zu prickeln.


Der Fremde nahm die Blumen entgegen, ohne den Blick auch nur eine Sekunde lang von mir zu nehmen. „Wunderschön“, sagte er rau. Kleine Stromstöße schossen bei seinen Worten direkt in meinen Magen, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.


„Das macht 148 Euro“, sagte ich sachlich.


Er zog zwei Scheine aus seiner Hosentasche und legte sie auf den Tresen. Dabei umfing mich sein kühler Duft nach Kiefernnadeln und ich widerstand dem Drang, einen tiefen Atemzug zu nehmen. „Stimmt so, Blumenmädchen“, sagte er amüsiert. „Man sieht sich.“ Und dann verschwand er aus dem Laden, ohne Dominik auch nur eines Blickes zu würdigen.


Obwohl sich dieser gerade mit der älteren Kundin unterhielt, konnte er es nicht lassen, dem Fremden nachzusehen – als ob er sich vergewissern müsste, dass dieser auch tatsächlich das Geschäft verließ.


„Ich dachte, der Typ haut nie mehr ab“, murrte Dominik, nachdem ich der Frau einen hübschen Herbststrauß verkauft hatte und wir wieder allein waren.


„Und ich dachte schon, dass du dich gleich mit ihm prügeln wirst.“


„Hätte ich auch gemacht, wenn er noch länger geblieben wäre.“


Ich schüttelte den Kopf. „Das kannst du doch nicht tun, Dominik. Das hier ist ein Blumengeschäft und kein Boxring.“


Er stützte seine Hände auf dem Verkaufstresen ab und schwang sich mit einer kräftigen Bewegung auf die Tischplatte. „Von mir aus, es ist aber auch kein Anbaggerschuppen. Ich habe doch gesehen, wie dich der Typ mit seinen Blicken verschlungen hat.“


„Hat er nicht.“


Er drehte sich ein Stück zu mir und strich mir sanft über die Schulter. „Ich kann es ihm ja nicht mal wirklich verübeln. Selbst in dieser Schürze siehst du absolut heiß aus.“


Ich sah ihn ungläubig an. „Die grüne Schürze hier? Ist das dein Ernst?“


„Sie passt perfekt zu deinen grünen Augen. Und zu deinem seidigen schwarzen Haar, das mit deinem wunderschön zarten Gesicht harmoniert.“ Er machte eine kurze Pause. „Okay, das muss ich noch üben.“


„Gut, dass du es selbst bemerkst.“ Ich schmunzelte und begann, die Grußkarten zu sortieren.


Dominik lehnte sich auf dem Tresen nach hinten und beobachtete mich. „Aber wie lange willst du dich mir noch widersetzen, Lorelai? Du weißt doch, dass wir füreinander bestimmt sind.“


„Sind wir das?“


„Und wie. Du bist eine Helle, ich bin ein Heller. Und wir werden entzückende Kinder haben.“


Ich hielt mit dem Sortieren inne. „Moment. Geht das nicht ein bisschen schnell?“


Er lächelte mich entwaffnend an. „Hey, ich mache einfach Nägel mit Köpfen. Du weißt, dass es von uns Hellen nicht mehr viele gibt. Es wäre doch schrecklich, wenn unsere Fähigkeit einfach mit uns sterben würde – schließlich ist es unsere Pflicht, unsere fantastische Blutgabe weiterzugeben.“


„Soweit ich weiß, gibt es noch knapp 25.000 Helle auf der Welt – unsere Blutlinie wird also nicht sofort aussterben, selbst wenn wir uns nicht vermehren.“


Er grinste sexy. „Aber das Vermehren würde uns doch so viel Spaß machen.“ Seine blauen Augen bohrten sich in meine und für einen Moment war es, als würde sich der Blumenladen mit elektrischer Energie aufladen.


Ich schüttelte schnell den Kopf. „Hör auf damit. Es ist doch abartig, sich nur mit irgendjemandem einzulassen, damit man Kinder in die Welt setzen kann.“


Dominiks Augenbrauen zogen sich amüsiert zusammen. „Du würdest dich doch nicht mit irgendjemandem einlassen. Außerdem entspricht es dem Sinn unseres Daseins, das Leben weiterzugeben. Und das könnten wir beide.“ Er räusperte sich und strich sich über sein graues Shirt, das sich eng um seine Brust schloss. „Mit einem Gewöhnlichen wie dem Typen vorhin könntest du das nicht.“


„Wer weiß, ob wir beide überhaupt ein Kind bekommen würden. Du weißt, dass das nicht ganz so einfach ist.“


Er grinste breit. „Aber ich würde es sehr hart versuchen. Natürlich würde ich alles geben.“


Ich verdrehte nur die Augen. „Du bist unglaublich romantisch, Dominik.“


Er strich sich über das Kinn und zog eine Rose aus einer schlanken Vase, die neben der Kasse stand und schon etwas verblüht war. Sanft strich er über die vertrockneten Blütenblätter und plötzlich erstrahlte ein Netzwerk feinster Lichtfäden im Inneren der Pflanze. Vorsichtig öffnete die Rose erneut ihre Blätter und ich sah, wie das Leben in sie zurückkehrte. Die vitale rote Farbe verdrängte die ausgetrockneten Grautöne der Pflanze und die Rose blühte wieder wunderschön auf.


Es war jedes Mal ein Wunder, wenn das Leben seinen Weg zurückfand.


Dominik reichte mir die Rose. „Es wäre eine Schande, diese Gabe nicht weiterzugeben. Stell dir einmal vor, wenn die Dunklen die Oberhand gewinnen und nur noch der Tod gespendet werden kann.“ Dabei schlich sich ein bitterer Ton in seine Stimme. Nachdem Dominiks helle Freundin vor etwas mehr als drei Jahren bei einem Sturm von einer Brücke gestürzt war, schien er den Tod ganz besonders zu verabscheuen.


Ich nahm die Rose entgegen und schnupperte an ihrem feinen Duft. „Ich glaube nicht, dass die Gefahr einer Überbevölkerung durch die Dunklen wahrscheinlich ist.“


Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber ich war schon immer ein Verfechter des Gleichgewichts zwischen Hellen und Dunklen.“ Ein herausforderndes Lächeln glitt über seine Züge. „Und wir beide könnten für etwas mehr Gleichgewicht sorgen, Lorelai. Das ist doch schon fast unsere Pflicht.“


 


 


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