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> Fantasy Bücher > >Die Erben der alten Zeit<
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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe >Die Erben der alten Zeit<, Marita Sydow Hamann
Marita Sydow Hamann

>Die Erben der alten Zeit<


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Auszüge aus den Kapiteln 10 und 15


 


Auszug aus Kapitel 10


Die Eröffnung der Jagdsaison wurde in Vanaheim gewöhnlich mit
einem Fest begrüßt. Um der Tradition zumindest im Ansatz treu zu
bleiben, bereitete Tora mit Charlies Hilfe ein köstliches Kaninchenragout
zu. Kunar war damit beschäftigt, sich neue stärkere Pfeile zu
schnitzen. Er und Charlie wollten am nächsten Tag Jagd auf größeres
Wild machen. Bergziege stand ganz oben auf ihrer Liste. Hirsche,
Rehe und Elche waren zwar sehr schmackhaft, aber lebten leider
nicht auf Gymers felsigem Berg. Dazu müssten sie in die alten Wichtelwälder
ziehen und davor hatte ihnen Biarn abgeraten. Ziegen dagegen
waren sie schon häufig begegnet.
Die Jagdsaison begann immer an dem Tag im Herbst, an dem Tag
und Nacht genau gleich lang waren. Und das war heute der Fall.
Während Tora auf Pilzsuche ging, schulterten Kunar und Charlie ihre
Bögen und marschierten in den Berg.
Kunar hatte auf seinen zahlreichen Streifzügen einen Felsvorsprung
ausgemacht, an dem sich fast immer eine kleinere Herde Böcke aufhielt.
Dorthin waren sie unterwegs.
Sie waren bereits zwei Stunden durch das unwegsame Gelände geklettert,
als sie endlich den Felsvorsprung erreichten. Kunar und
Charlie gingen hinter einem Gebüsch in Deckung und beobachteten
eine Weile schweigsam die Lage. Drei Böcke lagen friedlich im
Halbschatten und dösten, zwei weitere maßen ihre Kräfte in einem
spielerischen Kampf. Sie konnten klar und deutlich das helle Klacken
hören, dass jedes Mal erklang, wenn die gewundenen langen
Hörner aufeinander schlugen.
Ein Stückchen weiter entfernt, an einem kleinen Abhang, graste ein
einzelner, etwas kleinerer Bock. Ab und an hob er seinen Kopf und
warf einen Blick auf seine kämpfenden Herdenkameraden.
248
»Der da!«, flüsterte Kunar und zeigte auf das grasende Tier. Charlie
nickte. Genau wie Kunar nahm sie langsam ihren Bogen in ihre linke
Hand, griff nach einem Pfeil und legte ihn bereit. Pfeil und Bogen
zielsicher vor sich hertragend, pirschten sie sich vorsichtig näher.
In dieser kargen Landschaft ständig in Deckung zu bleiben, war
schier unmöglich. Um nahe genug heranzukommen, mussten sie
einige Meter schutzlos vorwärts schleichen. Während sie die letzten
Schritte auf ihr Opfer zu machten, spannten Charlie und Kunar ihre
Bögen. Genau in dem Moment, als der Bock Witterung aufnahm und
sein Kopf ruckartig in die Höhe flog, gab Kunar das Zeichen! Ein
kurzes Kopfnicken nur, und schon schwirrten zwei Pfeile durch die
Luft!
Der kleine Bock hatte keine Chance! Beide Pfeile trafen sicher ihr
Ziel und bohrten sich in seinen Körper! Er war sofort tot. Kunar hatte
seinen Pfeil zielsicher platziert. Erleichtert sah Charlie, wie der kleine
Bock sofort zu Boden stürzte und reglos liegen blieb.
Während der Rest der kleinen Herde panisch die Flucht ergriff, rannten
Charlie und Kunar zu ihrer Beute. Heute Abend würde endlich
einmal etwas anderes als Kaninchen oder Leogriff auf dem Speiseplan
stehen!
Der Ziegenbock war aus der Nähe betrachtet doch um einiges größer,
als Charlie gedacht hatte! Zufrieden zog Kunar seinen Pfeil aus dem
toten Tier. Blut sickerte hervor.
»Fleisch für viele Tage!«, sagte er glücklich. »Tora wird sich freuen,
endlich einmal etwas anderes servieren zu können!« Charlie lächelte.
Wohl wahr, dachte sie. Seit Monaten hatte sie nichts anderes als Kaninchen,
Leogriff oder andere Vögel gegessen! Nachdem auch Charlie
ihren Pfeil wieder an sich genommen hatte, verknoteten sie Hinter-
und Vorderläufe des Bockes und sahen sich nach einem geeigneten
Tragestock um.
Plötzlich riss Kunar heftig an Charlies Ärmel! Er zeigte aufgeregt
nach Süden und begann den Ziegenbock mit aller Kraft schonungslos
über die Klippen zu ziehen! Ein schneller Blick genügte Charlie, um
die Gefahr zu erkennen! Zwei schwarze Vögel zogen rasch von Süden
herbei! Behielten sie ihre Flugrichtung, würden sie innerhalb
kürzester Zeit über ihnen sein! Hastig ergriff sie die gebundenen
Hinterbeine des Bockes und gemeinsam zerrten Charlie und Kunar
das verblüffend schwere Tier über das unwegsame Gelände!
249
Verzweifelt warf Charlie mehrmals hektische Blicke über die Schulter!
Die Vögel kamen immer näher! Schnell! Sehr schnell!
In letzter Sekunde hievten sie Bock und sich selbst in den Schutz
jenes Gebüsches, von dem aus sie nur kurze Zeit zuvor die kleine
Herde beobachtet hatten. Sie waren völlig außer Atem und der
Schweiß lief ihnen aus allen Poren. Entsetzt, regungslos und flach
auf dem Boden liegend verharrten sie, während sie krampfhaft versuchten
ihren keuchenden Atem zu unterdrücken.
Als Charlie zurückblickte, spürte sie wie panische Angst in ihr hochstieg!
Der tote Ziegenbock hatte eine blutige Schleifspur hinterlassen!
Auch Kunar schien dies entdeckt zu haben. Er starrte fassungslos
von der roten Spur zu Charlie und wieder zurück. Charlie schickte
ein Stoßgebiet in den Himmel. Lass sie vorbei fliegen! Bitte, lass
sie vorbei fliegen, sie sollen einfach vorbei fliegen!
Die Raben flogen zügig vorüber. Charlie wollte gerade erleichtert
ausatmen, als die beiden Vögel plötzlich abdrehten und zurückkehrten!
Dreimal kreisten sie langsam über dem Felsvorsprung, bevor sie
sich laut krächzend entfernten! Fast als würden sie sich unterhalten!,
schoss es Charlie durch den Kopf.
»Glaubst du, sie haben uns gesehen?«, presste Charlie flüsternd hervor.
Kunar zuckte mit den Schultern. Er hatte einen erschreckten und
sehr besorgten Ausdruck im Gesicht, der nicht gerade dazu beitrug,
Charlie zu beruhigen!
»Ich weiß es nicht«, flüsterte Kunar aufgeregt. »Aber wir sollten
schnellsten hier verschwinden! Ich werde hier nicht warten, um es
herauszubekommen!«
»Und was ist mit der Ziege?«, fragte Charlie, während sie den Himmel
über sich absuchte.
»Den Bock nehmen wir mit!«, erklärte Kunar einfach. Er brach hastig
einen dicken Zweig aus dem Gebüsch und band den Bock an den
Beinen daran fest.
»Los!«, befahl Kunar. »Du nimmst das Ende!« Charlie tat es Kunar
gleich und schulterte das eine Ende des Stockes. So trugen sie das
Tier zwischen sich her und machten sich an den langen, beschwerlichen
Rückweg.
Sie liefen so schnell sie konnten durch das unwegsame Gelände.
Keiner von beiden sagte ein Wort. Keuchend vor Anstrengung kämp250
ften sie sich vorwärts und warfen ständig wachsame Blicke über den
Berg.
Tora stand vor dem Höhleneingang, als sie von weitem Charlie und
Kunar mit dem erlegten Bock kommen sah. Freudestrahlend lief sie
ihnen entgegen.
»Oh, super! Ihr habt eine Ziege erlegt! Endlich mal etwas anderes zu
essen!«, rief sie lachend. Doch als sie Charlies und Kunars ängstliche
Gesichter sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.
»Was ist los?«, rief sie beunruhigt.
»Schnell!«, keuchte Kunar. »In die Höhle!« Charlie und Kunar liefen
schweißgebadet an ihr vorbei.
»Was ist denn?«, wiederholte Tora.
»Odens Späher!«, brachte Charlie schwer atmend hervor. Tora suchte
unruhig den Himmel ab. Als sie nichts entdecken konnte, folgte
sie ihrem Bruder und Charlie hastig zum Höheneingang.
Vor Anstrengung und Angst zitternd hievten die beiden ihre Beute
durch den schmalen Felsspalt in die sichere Höhle. Keuchend und
nach Luft ringend glitten sie an der steinernen Wand ihres Heims
herunter. Der Ziegenbock lag blutverschmiert zu ihren Füßen, den
Kopf merkwürdig verdreht.
Tora stemmte die Hände in die Hüften, betrachtete die beiden eine
Weile schweigend und schritt dann entschlossen zur Tat. Erst einmal
schleppte sie den schweren Bock zu ihrem Seziertisch und ließ ihn
dort liegen. Dann holte sie ihre Wasserflasche und reichte den beiden
erschöpften Gestalten kühles klares Wasser zu trinken. Als der
schlimmste Durst gestillt war und sie wieder halbwegs bei Atem
waren, setzte sich Tora zu ihnen.
»So«, sagte sie dann eindringlich. »Was ist passiert!« Kunar und
Charlie erzählten von ihrer Jagd und wie sie von Odens Spähern
überrascht worden waren.
»Es kann also sein, dass sie euch gesehen haben?«, fragte sie ernst.
Kunar nickte.
»Schon möglich. Wenn das so ist, werden sie wiederkommen. Wir
müssen noch vorsichtiger sein. Speziell in den nächsten Tagen.«
»Sie haben euch zumindest nicht verfolgt«, überlegte Tora. »Die
Höhle hier ist schwer zu finden und der Eingang ist sehr schmal. Er
ist leicht mit einem gewöhnlichen Spalt zu verwechseln. Hätte ich
251
auch fast getan. Weißt du noch?«, fragte sie Charlie. Ja, Charlie erinnerte
sich. Sie hatten den Felsen bloß eingehender untersucht, weil
sie die Kraft des Jordvätten gespürt hatte.
»Solange die Raben keine Bjarka Fähigkeiten haben, ist die Höhle
wohl schon schwer zu finden«, überlegte Charlie laut. Plötzlich sah
sich Tora suchend um!
»Schscht!«, zischte sie gleichzeitig. »Wir haben Besuch. Biarn ist
da.« Dann legte sie nachdenklich ihrer Stirn in Falten.
»Wo ist er überhaupt? Bei dem Lärm, den wie hier gemacht haben,
hätte er uns doch hören müssen! Biarn?«, rief sie. Sie stand auf und
ging in die kleinere nierenförmige Höhle hinüber.
»Biarn ist hier?«, fragte Charlie überrascht. »Seit wann? Wo hat er
Gyller gelassen?« Während Tora quer durch die Höhle in Richtung
Vorratskammer ging, sagte sie über die Schulter hinweg:
»Er hat Gyller unten am Berg gelassen. Er sagt, es wäre unauffälliger
so. Ein grasendes Einhorn auf einer Wiese ist weniger verdächtig.
Biarn?«, rief sie noch einmal.
»Hier ist er auch nicht!« Plötzlich lief es Charlie siedend heiß den
Rücken hinunter!
»Der See!«, stieß sie laut hervor und rannte durch den Torbogen in
die zweite kleine Kammer. Auf ihrem Weg schnappte sie sich eine
von Toras Wandfackeln und lief ohne zu zögern durch den Eingang
in die große Grotte!
Der See lag wie gewohnt bewegungslos und schwarz vor ihr.
»Biarn!«, rief sie aufgeregt. Sie hielt die Fackel hoch über ihrem
Kopf und spähte ahnungsvoll über das Seeufer. Inständig hoffte sie,
dass sie nicht zu spät kam! Biarn wusste nichts von dem See und
seinem düsteren Geheimnis! Er besaß keine magischen Kräfte und
wusste auch nichts von dem mächtigen Jordvätten in dieser Höhle!
Geschweige denn hatte Biarn eine Ahnung von der unsichtbaren
Linie, die Sicherheit von der tödlichen Gefahr trennte! Verflucht
nochmal!, schoss es Charlie durch den Kopf!
»Biarn!?«, rief sie noch einmal und spähte die andere Uferseite entlang!
Da war er! Etwa 20 bis 30 m hinter der Sicherheitszone stand
Biarn und winkte Charlie zu!
»Fantastisch!«, rief er aufgeregt. »Das ist ja unglaublich! Man würde
niemals...«
252
»Biarn!«, unterbrach Charlie ihn eindringlich. »Komm schnell! Beeile
dich! Der See ist gefährlich!« Wie auf Kommando rollten plötzlich
große Wellen auf das Ufer zu! Charlie rannte so schnell ihre Beine
sie trugen auf Biarn zu, der ungläubig auf das Wasser starrte!
»Los, komm schon!«, schrie Charlie. Sie krallte sich in Biarns Mantel
und zerrte ihn rabiat mit sich fort! Ein großer schlangenförmiger
Körper schoss pfeilschnell heran! Aus dem Augenwinkel konnte
Charlie erkennen, wie sich etwas langes Schmales auf sie stürzte und
plötzlich laut aufschrie und rückwärts taumelte!
Biarn im Schlepptau rannte Charlie um ihr Leben! Weitere schmale
Hälse erhoben sich blitzschnell aus der Tiefe des dunklen Wassers,
fixierten ihre Opfer und stießen zu! Wieder schrie das Ungeheuer
laut kreischend auf und weitere zwei lange Hälse taumelten brüllend
zurück in den aufgepeitschten See! Plötzlich schrie Biarn laut auf
und stürzte zu Boden! Einer der Hälse hatte sein Ziel getroffen!
Mehrere Zahnreihen bohrten sich in Biarns Wade und zogen ruckartig
an seinem Bein!
»Hilf mir!«, schrie Biarn. Charlie ließ nicht los! Über ihnen kreischten
weitere haiähnliche Köpfe auf langen Hälsen und warfen sich
wütend vor Schmerzen zu allen Seiten. Mehrere Pfeile steckten in
Kopf und Hals des riesigen Monsters! Charlie zerrte und zog und
versuchte mit aller Kraft Biarn in Sicherheit zu ziehen!
Nur drei Meter trennten sie noch von der Linie aus Steinen, die Sicherheit
versprach! Nur drei Meter! Ein weiterer Pfeil surrte haarscharf
an ihr vorbei und bohrte sich tief in den Hals, dessen weiße
Zähne wütend an Biarns Bein zerrten! Kreischend ließ das Monstrum
ab und schlug wild um sich! Charlie nutzte die Gelegenheit, um
Biarn mit letzter Kraft in Sicherheit zu ziehen! Gerade noch rechtzeitig
rollten sie sich über die steinige Linie, bevor fauchend und brüllend
zwei weitere Haiköpfe herabstießen! Charlie konnte die
schneeweißen Spitzen Zahnreihen aufblitzen sehen!
Wutentbrannt schleuderte das Ungeheuer seine vielen Hälse durch
die Luft! Es schrie, dass es ihnen durch Mark und Bein drang!
Schwer atmend lag Charlie auf dem Rücken und hielt Biarn fest, der
am ganzen Körper zitterte und wie gelähmt auf die vielen Köpfe
starrte, die sich über ihnen hin und her schwangen und vor Wut, über
die entkommene Beute tobten! Charlie konnte sehen, wie sich die
Köpfe gegenseitig von den tief sitzenden Pfeilen befreiten. Einer
253
nach dem anderen. Dann brüllten sie noch einmal erbittert auf und
versanken nahezu gleichzeitig in den Tiefen des großen schwarzen
Sees. Das Wasser peitschte noch eine Weile unruhig ans Ufer, bevor
es langsam zur Ruhe kam.
Nur wenige Schritte vor Charlie und Biarn stand Kunar. Langsam
ließ er seinen Bogen sinken. Er sagte kein Wort, starrte nur völlig
ausdruckslos vor sich hin.
Tora zwängte sich an ihm vorbei und ließ sich neben Biarn fallen.
Sie starrte fassungslos auf seine zerfleischte Wade.
Charlie, Tora und Kunar hatten Biarn aus der Grotte getragen. Tora
hatte die Wunde so gut sie konnte ausgewaschen und mit Charlies
Hilfe verbunden. Mehr konnten sie vorerst nicht tun. Tora hatte etwas
von gemahlenen Nidhöggzähnen erzählt, die wären hilfreich
gewesen und Charlie vermisste richtiges Desinfektionsspray. Wer
wusste denn, welche Bakterien so ein Ungeheuer in seinem Maul
hatte!
Biarn nippte mit schmerzverzerrtem Gesicht an seinem Weidenrindentee,
während sie sich leise unterhielten. Alle standen sie unter
Schock. Das gemeinsame Erlebnis war noch zu nahe, um es ganz zu
verstehen.
»Eine Haga?«, fragte Kunar leise. Genau wie die drei anderen, war er
sehr blass und zitterte leicht am ganzen Körper. Biarn nickte.
»Und wir dachten, es wäre ein Midgârdsorm!«
»Gefährliche sind sie ja wohl beide!«, sagte Tora sarkastisch. »Als
ob das einen Unterschied machen würde!«, schimpfte sie. Charlie
sah Tora missmutig an.
»Sieben Unterschiede, wenn du mich fragst! Sieben Köpfe! Falls du
sie nicht gesehen hast! Sieben Köpfe gegen einen Midgârdsormkopf!
«
»So habe ich es nicht gemeint!«, sagte Tora niedergeschlagen.
»Ja, ich weiß«, flüsterte Charlie.
»Und du bist dir ganz sicher, dass diese Haga nicht giftig ist?«, fragte
sie Biarn. Er nickte wieder.
»Ja. Sie braucht normalerweise nicht giftig zu sein. Sie ist ja auch so
gefährlich genug. Sieben Köpfe mit jeweils drei Zahnreihen. Der
entkommt man nicht so leicht.« Er schauderte bei diesem Gedanken.
Alle drei sahen Kunar an, der blass ins Feuer starrte. Wäre er nicht
254
gewesen, würden Charlie und Biarn nicht mehr hier sitzen, dessen
waren sich alle bewusst. Und wäre Charlie nicht trotz der Gefahr zu
Biarn gelaufen, um ihn zu holen - er hätte keine Chance gehabt.
»Danke«, sagte Biarn leise und sah erst Kunar und dann Charlie lange
an. »Danke«, wiederholte er kaum hörbar. Nach einer Weile hob
er den Kopf und fragte:
»Wie seid ihr bloß darauf gekommen, dass hier ein Jordvätte
wohnt?« Tora, Kunar und Charlie warfen sich verstohlen Blicke zu.
Wie immer war es Tora, die bei solchen Dingen einer Erklärung
lieferte.
»Na ja«, begann sie. »Wir haben dort Wasser geholt. Und plötzlich
bewegte sich die Wasseroberfläche. Wellen. Wie heute auch«, sie
schauderte.
»Allerdings sahen wir nur einen Schlangenkörper durch das Wasser
gleiten. Keine Sieben Köpfe...« Ihr Blick glitt in die Ferne. Dann
raffte sie sich wieder auf.
»Wir dachten, es wäre ein Midgârdsorm.« Sie zuckte mit den Schultern.
»Er griff nicht an, sondern schwamm bloß bis zu einer bestimmten
Grenze immer hin und her. Als könnte er nicht weiter heran.
Also dachten wir, hier gebe es eine Art magischen Schutz. Die
einzige Erklärung, die uns einfiel, war ein Jordvätte. Die wohnen ja
auch in Steinen und Felsen«, sagte sie. Dann schlug sie kurz mit den
Armen aus, eine ich-weiß-nicht-Geste.
»Vielleicht ist es ja gar kein Jordvätte, sondern irgendeine andere
uralte Magie?« Sie sah Biarn direkt in die Augen.
Wie macht sie das bloß, dachte Charlie. Ich könnte niemals so auf die
Schnelle solch eine Erklärung liefern! Schon gar nicht so plausibel
und überzeugend! Aber als Biarn und ihre Blicke sich begegneten,
wusste sie, dass er wie immer skeptisch war. Und doch, genau wie
jedes Mal, ließ er es auf sich beruhen. Er betrachtete seine bandagierte
Wade.
»Ich muss gleich wieder los. Hoffentlich komme ich heil den Berg
hinunter. Nach Hause zu kommen ist dann wohl kein Problem. Gyller
wird mich tragen.« Er zog eine Grimasse.
»Allerdings weiß ich wirklich noch nicht so genau, wie ich das hier
erklären soll!« Er zupfte den Verband zurecht. Charlie, Kunar und
Tora sahen ihn mitfühlend an.
255
»Wir begleiten dich natürlich nach unten. Alleine ist es viel zu gefährlich
«, sagte Charlie. Tora und Kunar nickten.
»Nein«, seufzte Biarn. »Das geht nicht. Deshalb bin ich ja eigentlich
hier. Ich habe gehört, dass Odens Späher diese Gegend besonders
genau absuchen wollen. Ich bin eigentlich nur gekommen, um euch
zu warnen.« Er sah einen nach dem anderen eindringlich an.
»Ihr solltet die nächsten Tage die Höhle nicht verlassen und auch
kein Feuer machen. Es ist zu gefährlich!«
»Wir haben Odens Späher gesehen«, sagte Kunar. »Sie flogen über
uns hinweg Richtung Norden.« Biarns Blick flackerte unruhig auf.
»Haben sie euch gesehen?!«, fragte er eindringlich.
»Wir wissen es nicht genau«, sagte Charlie. »Möglich wäre es aber.«
Biarn nickte.
»Nach Norden sagst du?«, fragte er dann Kunar.
»Ja«, sagte Kunar. »Sie kreisten ein paarmal über einem Felsvorsprung
und zogen dann zielstrebig nach Norden.«
»Gut«, sagte Biarn. »Oder auch nicht. Sie sind bestimmt auf dem
Weg nach Asgârd, um Oden Bericht zu erstatten.«
»Ich denke Oden ist hier und sucht persönlich nach was-auchimmer?
« Biarn schüttelte den Kopf.
»Nein, er ist in seine Festung zurückgekehrt. Wie auch immer«, sagte
er dann. »Hugin und Munin werden kaum heute zurückkehren.«
»Gut«, sagte Charlie. »Dann können wir dich ja gefahrlos begleiten.«
Kunar nickte.
»Tora, du bleibst hier und grillst den Bock!« Tora setzte sich widerspenstig
auf.
»Nein, ich komme mit! Ich will Gyller begrüßen!« Kunar schüttelte
entschieden den Kopf.
»Du bleibst hier!«, wiederholte er. »Charlie und ich haben uns bestimmt
nicht umsonst in Gefahr gebracht! Der Bock muss heute noch
zubereitet werden. Ab morgen können wir für eine Weile kein Feuer
machen! Und ich lasse ganz sicher nicht unsere Beute vergammeln,
nur damit du Gyller streicheln kann! Wir brauchen das Fleisch für
die nächsten Tage!« Wütend funkelte Tora ihren Bruder an und sah
dann hilfesuchend zu Charlie hinüber.
Charlie wand sich. Sie fühlte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut.
Tora tat Charlie leid. Sie verstand, wie sie sich fühlen musste! Zu256
rechtgewiesen, herumkommandiert. Aber sie musste Kunar recht
geben! Sie brauchten das Fleisch des Bockes!
Charlie atmete tief durch und begegnete Toras funkelnden Augen.
»Kunar hat recht. Einer muss bleiben und das Fleisch grillen«, sagte
sie dann mit so fester Stimme wie möglich. Wütend schrie Tora auf
und stampfte mit den Füßen auf den staubigen Höhlenboden!
»Ach! Und warum soll dann gerade ich bleiben! Charlie kann doch
auch kochen! Macht er doch sonst auch so gerne!«, schrie sie aufgebracht.
»Sei nicht albern!«, sagte Kunar ernsthaft. »Das hier ist Männersache!
Wir gehen und du kochst!« Damit war für Kunar die Diskussion
beendet. Charlie fühlte sich furchtbar unwohl. Beschämt starrte sie
vor sich auf ihre Füße. Nur weil alle glaubten sie wäre ein Junge, war
es von vorneherein klar, dass Tora bleiben wurde, um zu kochen!
Und obwohl ihr vor Scham übel wurde, war sie doch heilfroh darüber,
ihre Lüge aufrecht erhalten zu haben! Niemand würde jemals
über sie bestimmen dürfen! Jetzt als Junge, hatte sie die Wahl! Entschlossen
trat sie vor.
»Ich werde hierbleiben und den Bock grillen!«, sagte sie mit fester
Stimme.
»Tora und du werdet Biarn begleiten. Er wird es nicht alleine den
Berg hinunterschaffen. Er braucht Unterstützung!« Sie zeigte auf
Biarns Bein. Sie wusste, wovon sie sprach. Obwohl Biarn sich nicht
beklagte, musste er mindestens genau solche Schmerzen haben wie
sie selbst einige Zeit zuvor!
Tora und Kunar starrten Charlie sprachlos an. Biarn hob verwundert
die Augenbrauen. Sein mittlerweile so vertrauter forschender Blick
begleitete Charlie, wie sie schnurgerade auf Toras Seziertisch zuging.
Kunar warf seiner Schwester einen bitterbösen Blick zu. Er besagte
eindeutig bring-das-wieder-in-Ordnung! Tora war sehr blass geworden.
Nun schluckte sie aufgeregt und stotterte:
»Charlie, nein! So habe ich es doch gar nicht gemeint. Ich..., äh...«
verzweifelt suchte Tora nach den richtigen Worten. Charlie sah Tora
lächelnd an.
»Doch!«, sagte sie dann. »Du hast es genauso gemeint, wie du es
gesagt hast. Nur dass du damit nicht nur mich, sondern auch Kunar
257
und alle anderen männlichen Wesen in Vanaheim gemeint hast!«
Tora starrte Charlie überrascht an.
»Aber«, begann sie.
»Nein!«, mischte Kunar sich ein. »Tora wird hier bleiben! Sie lebt
nun einmal in Vanaheim! Sie muss ihren Platz kennen! Du kannst
nicht einfach die Gesetze Vanaheims auf den Kopf stellen! Setzt du
ihr jetzt in den Kopf, dass sie die gleichen Rechte hat wie wir, wird
sie später Schwierigkeiten bekommen! Kein Mann lässt sich sowas
gefallen!« Charlie musterte Kunar eindringlich, dann sagte sie unnachgiebig:
»Ich habe mich entschieden! Ich werde hier bleiben. Oder willst du
mir etwa Befehle geben?« Ihr grünes Auge blitzte gefährlich auf.
»Tora kann ja auch bleiben!«, schloss sie. Kunar starrte Charlie an.
»Du weißt nicht was du tust!«, fauchte er und bohrte seinen Blick
tief in ihren. Charlie wusste genau, was Kunar meinte! Sie war nicht
von hier! Sie wusste nichts von Vanaheims Gesetzen und Pflichten.
Nein, aber so leicht kam Kunar nicht davon!
»Außerdem kann ich Biarn nicht den ganzen Weg allein hinuntertragen!
«, fügte Kunar mit unterdrückter Wut hinzu. Charlie lächelte
überlegen.
»Irgendjemand muss ja damit anfangen, sich gegen ein völlig idiotisches
und veraltetes Gesetz zu wehren!« Charlie und Kunar starrten
sich lange an. Sie maßen ihre Kräfte. So jedenfalls kam es Charlie
vor. Idiotisch!, dachte sie. Sich wegen so etwas zu streiten!
»Gut!«, sagte Kunar stolz. »Mir bleibt wohl keine andere Wahl. Ich
werde allein gehen!« Biarn folgte dem Disput schweigend und sehr
interessiert. Tora rang verzweifelt nach Fassung.
»Bitte!«, rief sie. »Ihr sollt euch doch nicht wegen mir streiten!«
»Ich streite mich nicht wegen dir!«, sagte Charlie. »Ich meine was
ich sage! Frauen sollten genau die gleichen Rechte haben wie Männer!
«
»Das würde ich an deiner Stelle aber nicht so laut herausposaunen!«,
presste Kunar hervor. »Es könnte dich in Schwierigkeiten bringen!«
Zum ersten Mal mischte Biarn sich ein.
»Tatsächlich soll es einmal eine Zeit gegeben haben, in der Frauen
und Männer in Vanaheim und Godheim gleiche Rechte hatten«, sagte
er in ruhigem Unterhaltungston. Sowohl Tora, als auch Charlie
und Kunar starrten Biarn ungläubig an.
258
»Soweit ich weiß, haben damals in der Alten Zeit sogar Frauen die
beiden Reiche regiert. Der Legende nach hat es sogar ausgesprochen
gut funktioniert!«
Charlie erinnerte sich daran, dass auch Tora so etwas Ähnliches erzählt
hatte. Kunar hatte es als Träumereien der Frauen abgetan.
»Heute ist das aber anders!«, sagte Kunar ärgerlich. »Ich bin für
meine Schwester verantwortlich! Ich bin der Ältere! Sie hat niemanden
anderen! Ich muss dafür sorgen, dass ihr nichts passiert und dass
sie auf ihr Leben als Frau vorbereitet wird!«
»Ja«, sagte Biarn ruhig. »Ich verstehe, dass du Angst um deine
Schwester hast. Sie hat ein aufbrausendes Temperament.« Tora
schnaufte und funkelte Biarn an. Charlie lächelte in sich hinein. Ja,
Biarn hatte recht. Tora war wirklich ganz schön aufbrausend! Und
Kunar war vermutlich zu Recht in Sorge um sie.
»Aber«, fuhr Biarn fort. »Ich denke, sie weiß in welche Schwierigkeiten
ihrer Art und Weise sie bringen kann. Manchmal hilft ein
wenig Verständnis mehr als eine Zurechtweisung.«
»Kunar hat Verständnis für mich!«, platzte Tora hervor. »Er hat mich
immer in Schutz genommen!« Kunar warf ihr einen dankbaren Blick
zu.
»Ich glaube nicht, dass es dich etwas angeht, wie ich meine Schwester
erziehe!«, wies Kunar Biarn zurecht.
Charlies Kopf fuhr von Kunar zu Biarn, zu Tora und wieder zurück.
Geschwister!, dachte sie. Streiten sich, dass die Fetzen fliegen, aber
jemand anderes darf sich nicht einmischen! Biarn lächelte spöttisch.
»Schön euch wieder vereint zu sehen!«, sagte er. »Dann können wir
ja jetzt langsam los. Ich würde wirklich gerne vor Einbruch der Dunkelheit
zu Hause sein.« Biarn blinzelte Charlie zu.
»Ich brauche im übrigen nicht getragen zu werden«, sagte er dann zu
ihr gewandt.
»Ein wenig Unterstützung wäre allerdings nicht schlecht. Wie wär's,
wenn du mitkommst, damit die beiden ihre neu entdeckte Geschwisterliebe
vertiefen können? Ich glaube, die haben so einiges zu bereden!
« Charlie sah fragend zu Kunar hinüber. Kunar überlegte kurz
und nickte dann.
»Ja, geht ihr allein. Ich glaube Tora und ich müssen da mal so einiges
klären!« Mit einem verschmitzten Zwinkern betrachtete er seine
259
kleine Schwester. Tora schnaufte verächtlich, aber nickte fast unmerklich.
Charlie hatte alle Mühe Biarns verletztes Bein zu unterstützen. Langsam
und mühselig war der Abstieg und sehr anstrengend für beide.
Biarn unterdrücke tapfer seine Schmerzen und stöhnte nur ab und zu
leise auf, wenn er aus Versehen zu feste auftrat. Schweißtropfen
hingen ihm auf der Stirn - schweigend kämpften sie sich vorwärts.
Sie brauchten fast eine ganze Stunde. Als sie endlich am Fuß des
Berges angekommen waren und Biarn Gyller heranpfiff, war es bereits
spät geworden. Biarn würde sich für seinen Heimweg beeilen
müssen.
»Gyller ist schnell«, sagte Biarn. »Er wird eben einmal ordentlich
Gas geben müssen. Er ist gut trainiert und kann lange und schnell
galoppieren. Ich komme schon zurecht!«, sagte er auf Charlies Bedenken
hin. Dann fixierte er Charlie mit seinen forschenden, leicht
schrägen Augen.
»Ich weiß nicht, was ihr vor mir verheimlicht«, sagte er betont gelassen.
»Und was dich betrifft«, seine Stimme wurde eindringlicher,
»dass du ein Geheimnis mit dir trägst, ist für mich offensichtlich.«
Charlie hielt angespannt die Luft an. Was kam nun? Würde Biarn sie
zur Rede stellen?
»Sei vorsichtig!«, mahnte Biarn nachdrücklich. »Oden wittert ein
Geheimnis über weite Entfernungen, sagt man! Haltet euch zurück
und geht kein Risiko ein!« Charlie starrte Biarn schweigend an. Ihr
Mund schien wie ausgetrocknet.
»Drei Tage noch!«, fuhr Biarn eindringlich fort. »Dann ist die Suche
in dieser Region beendet. Falls sie euch nicht gesehen haben natürlich.
Drei Tage, hörst du? Haltet euch in der Höhle auf! Sie ist ein
gutes Versteck!« Bevor Charlie etwas entgegnen konnte, war Biarn
mit einem Satz auf Gyllers Rücken gesprungen. Als sein verletztes
Bein auf der Flanke des Einhorns aufschlug, schrie er vor Schmerzen
laut auf.
»Drei Tage!«, presste er noch einmal hervor, dann stieß er einen
leisen Befehl hervor und Gyller setzte im gestreckten Galopp über
die Wiese davon. Charlie sah ihm sprachlos hinterher, wie er über
das Neue Land fegte und schließlich in den Tiefen der alten Wichtelwälder
verschwand.
260
In dieser Nacht lag Charlie lange wach. Sie dachte an Biarns eindringliche
letzte Worte.
Drei Tage noch, dann ist die Suche in dieser Region beendet. Woher
wusste er das so genau? Biarn hatte außerdem unmissverständlich
klargemacht, dass er wusste, dass Charlie etwas verbarg. Nicht nur
vor ihm, sondern auch vor Kunar und Tora. So hatte er es doch gemeint,
oder? Charlie war verunsichert. Woher wusste Biarn so vieles?
Hatte er doch schon magischen Fähigkeiten und verbarg diese,
genau wie Charlie es tat? Aber er war doch noch keine 13 Jahre!
Oder vielleicht doch? Was wusste sie denn schon von Biarn, fragte
sie sich zum wiederholten Male! Aber er hatte sie gewarnt... Er hatte
sich selbst in Gefahr gebracht, um sie zu warnen, sagte sie sich.
Was immer auch Biarn verbarg, denn dessen war sie sich sicher -
auch er verbarg etwas - bisher hatte er ihnen immer geholfen! Ruhelos
wälzte sich Charlie neben Kunar auf ihrem Nachtlager aus getrocknetem
Moos umher. Schließlich fiel sie in einen unruhigen
Schlaf.


 


 


Auszug aus Kapitel 15


Als Sora erwachte, spürte sie noch deutlich das Echo ihrer Träume.
Sie wälzte sich auf die andere Seite und grub ihr Gesicht in das weiche
Kopfkissen. Mit geschlossenen Augen holte sie Stück für Stück
die verblassenden Bilder der Nacht zurück.
Ein schwarzes Pferd mit Flügeln. Ein Pegasus. Schon wieder. Aber
da war noch mehr.
Auf einer saftig grünen Bergwiese graste eine Herde weißer Pferde.
Nein, nicht Pferde, es waren ebenfalls Pegasus. Die perlmuttglänzenden
Schwingen der Tiere hingen locker an ihren Seiten herab und
schwangen bei jedem Schritt sanft mit. Stimmen. Worher kamen sie?
Sora zwang weitere Bilder in ihr Bewusstsein zurück. An einem
Abhang stand eine kleine Gruppe Menschen und unterhielt sich angeregt.
Menschen? Nein, warte… Das waren keine Menschen...
Oberkörper und Kopf waren menschlich, aber dann... Am Rumpf
ging der menschliche Oberkörper dieser Wesen in den Körper von
Pferden über. Es waren Kentauren! Ebenfalls Fabelwesen, genau wie
die Pegasus!
Sora schlug die Augen auf. Was hatte das zu bedeuten? Weshalb
träumte sie solche Dinge? Weshalb erschienen diese Bilder wie reale
Erinnerungen an eine vergangene Zeit? Was hatte das Amulett in ihr
ausgelöst? Wurde sie vielleicht verrückt? Was war der Grund? Was
war die Bedeutung? Oder gab es vielleicht gar keine Bedeutung?
Hatte das Amulett nur eine lebhafte Fantasie entfesselt?
Sora blieb noch eine Weile liegen und starrte mit offenen Augen an
die Zimmerdecke ihres kleinen Apartments. Ihre Gedanken kreisten.
Immer wieder sah sie diese Bilder vor ihrem geistigen Auge. Weiße
Pegasus in großen Herden auf einer Bergwiese, ein schwarzes Pegasus
und dieses kleine Mädchen, das sich auf dem Rücken des Tieres
in die Lüfte erhob.
Nebel. Immer wieder Nebel. Der alte Mann mit dem langen grauen
Bart. Sie folgte ihm durch den dichten Nebel... Sie? Es war ein kleines
Mädchen... War sie das kleine Mädchen? Oder wer war es? Fühlte
es sich bloß so an, als wäre sie es selbst gewesen? Eine Art Einfühlungsvermögen,
das die normalen Grenzen der Wirklichkeit überschritt?
Aber ihre Kette.., ihr Stein..., der Stein mit den blutroten
Linien... Das Mädchen trug ihn... Es hatte ihn von dem alten Mann
389
bekommen... Woher hatte sie selbst das Amulett? Sie wusste es
nicht, konnte sich nicht erinnern. Sie hatte es schon immer besessen...
Sora schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. So kam sie
nicht weiter. Sie musste mit jemandem reden und dieser jemand
würde Archimedes sein.
Sora streifte sich ein Hemd über und lief barfuß zum Fenster. Die
grellen Strahlen der drei Sonnen kitzelten sie in der Nase. Sie wandte
sich ab. Sie hatte gesehen, was sie erwartet hatte. Ein riesiger Teppich
weicher, flauschiger Wolken direkt unter ihr. Sie hatte Recht
behalten, die Regenzeit setzte ein. Falls es nicht schon jetzt in Strömen
goss, würde es spätestens in ein paar Stunden soweit sein. Soras
Apartment lag hoch oben, in einem der vielen 1000 Türme von Alexandria.
So hoch oben, dass hier fast immer die Sonnen schienen,
auch zur Regenzeit. Ihre Wohnung war klein. Lediglich ein Zimmer
mit Küche und Bad, alles in einem warmen Terrakotta und Sandbraun
gestrichen. Sora liebte Erdtöne. Ihre einzige Dekoration waren
drei Pflanzen, die alle den gleichen betörenden Duft ausströmten und
gleichermaßen hässlich waren. Der vertraute Geruch, gab Sora das
Gefühl von Heimat. Ein Zuhause, mehr als 13.000 Jahre ihrer Zeit
voraus.
Immer noch barfuß eilte sie in die kleine Küche und setzte Kaffee
auf. Sie streckte sich und holte eine kleine Dose aus dem Regal. Als
sie sie öffnete, strömte ihr der Geruch von Früchten entgegen. Eine
Tasse grünen Kaffee in der Hand und ein Stück Früchtekuchen zwischen
den Zähnen, drückte sie eine Ziffernfolge auf einer Tastatur
am Küchentürrahmen. Wenig später erschien Archimedes verschlafenes
Gesicht auf ihrer Küchentür.
»Sora?«, blinzelte er ihr mit rauer Stimme entgegen. Er ließ sich auf
einen Stuhl fallen und kratzte sich am Hinterkopf. Seine schulterlangen
schwarzen Haare standen wie ein Wischmobb zu allen Seiten ab.
Sora schluckte einen Bissen Früchtekuchen hinunter.
»Hi! Familienfest gut überstanden?« Archimedes rieb sich die Augen.
»Weißt du eigentlich wie spät es ist? Was willst du um...« Er hielt
inne und sah sich nach einer Uhr um. Sora lächelte. Es war keineswegs
zu früh, um zu telefonieren. Archimedes hatte offenbar eine
lange Nacht gehabt.
390
»Oh..«, murmelte er. »Schon so spät...« Er gähnte und warf einen
sehnsüchtigen Blick auf Soras Kaffee.
»Okay, schieß los, was ist denn so wichtig?«, fragte er und begann in
den Schränken seiner Küche nach Kaffee zu suchen.
»Ist Juno noch auf Artemis geblieben?«, fragte sie und beobachtete
Archimedes. »Zweiter Schrank, links«, gab Sora dann bereitwillig
Auskunft. Ein wacher Archimedes war jetzt besser zu gebrauchen.
»Danke«, murmelte er gähnend und holte das Ersehnte aus besagtem
Schrank.
»Juno ist zu ihren Eltern nach Demeter weiter gereist. Sie hat Menes
mitgenommen, den kleinen Schreihals. Ich hätte heute das erste Mal
seit seiner Geburt ausschlafen können«, sagte Archimedes grimmig.
»Also ich hoffe, dass du einen wirklich guten Grund hast mich zu
wecken!« Sora lachte. Sie wusste, dass Archimedes ihr so schnell
nichts übel nahm. Sie nippte an ihrem Kaffee.
»In 1 1/2 Stunden auf Minervas Dachterrasse, zum Mittagessen. Ich
verspreche, du wirst es nicht bereuen!« Archimedes hob verwundert
die Augenbrauen.
»Bei Minervas? Regnet es bereits?« Er warf einen Blick aus seinem
runden Küchenfenster.
»Noch nicht, glaube ich«, antwortete Sora. »Aber bald. Sehen wir
uns gleich? Es ist wichtig.« Archimedes musterte sie interessiert.
»So wichtig?«, fragte er und wurde schlagartig wach, als er zu verstehen
begann.
»Ja!«, antwortete Sora knapp. »Also in 1 1/2 Stunden.« Sie lachte
und drückte Archimedes mit einer Fingerbewegung weg. Sie hörte
gerade noch ein:
»Moment! Warte! Ich...« Dann verschwand Archimedes Kopf von
ihrer Küchentür.
Sie wusste, er würde kommen. Auch wenn er noch so müde war, die
wissenschaftliche Neugier und sein Interesse für alles Mystische
waren stärker als jede Babykrise. Hoffentlich konnte Juno sich bei
ihren Eltern ein wenig erholen. Menes war wirklich ein sehr süßer,
aber extrem anstrengender kleiner Mann, der das junge Elternpaar
ganz gut auf Trab hielt. Junos Schatten unter den ausdrucksvollen
Augen waren seit Monaten ihre ständige Begleitung. Eine Mahnung
an Sora, jegliche Muttergefühle im Keim zu ersticken. Nicht dass sie
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überhaupt ein Interesse gehabt hätte. Sie war ja noch nicht einmal
liiert.
Ja, Juno und Archimedes waren ein Paar. Und ein glückliches dazu.
Abgesehen von den rationalisierten Schlafstunden, die ihnen ihr gemeinsamer
Sohn Menes zuteilte, führten sie eine glückliche Ehe.
Denn ja, trotz Archimedes Abneigung gegen den falschen Gebrauch
von Rheas Worten, haben die beiden auf Junos ausdrücklichen
Wunsch, im Sinne von Führe zusammen was zusammen gehört geheiratet.
Das war nun bereits gut 1 1/2 Jahre her. Der Nachwuchs ließ nicht
lange auf sich warten. Vor sieben Monaten kam Menes zur Welt.
Süß, aber anstrengend, lautete Soras Kommentar. Trotzdem übernahm
sie überglücklich die Patenschaft des kleinen Neubürger Euripides,
froh darüber nicht selbst den Mutterpflichten nachkommen zu
müssen. Tante zu sein, war wirklich in Ordnung. Weinte das Kind,
gab man es einfach wieder ab. Sehr praktisch.
Juno hatte ihren Job im Wissenschaftszentrum aufgegeben. Sie und
Archimedes hatten nun eine gemeinsame Wohnung am anderen Ende
der Stadt. Nichts Besonderes, aber geräumig und ebenfalls über der
Wolkengrenze gelegen.
Sora setzte sich an den Küchentisch und zog den Duft der hässlichen
Blüten ihrer Lieblingspflanze ein. Sie hatte noch genügend Zeit, um
in Ruhe ihren Kaffee zu trinken und über alles nachzudenken.
Minervas Dachterrasse war ein Restaurant am Stadtrand Alexandrias.
Es handelte sich hierbei um ein vierstöckiges Gebäude mit großzügigem
Dachausbau. Die gläserne Kuppel, die das Restaurant überdachte,
enthielt einen eingebauten UV Filter und konnte je nach Belieben
in stufenlosen Schritten verdunkelt werden. Zu Sonnenzeiten sehr
angenehm, da dieses System Sonnenschirme überflüssig machte; in
Regenzeiten ein Segen, da maximales Sonnenlicht im ganzen Restaurant
geboten wurde. Die Kuppel PT Geiter verfügten übrigens
über das gleiche effektive System.
Das Minervas war gut besucht. Sora hatte sich einen Tisch für zwei
gesichert und blickte zur Kuppel hinauf. Es regnete in Strömen. Die
schweren Tropfen prasselten lautstark auf das Glas der Kuppel und
liefen dann in großen Rinnsalen sternförmig hinab. Ein bewusst geplanter
Effekt, der wirklich hübsch anzusehen war.
392
Wie gewöhnlich wurde sie von allen Seiten angestarrt. Es war ihr
egal. Mit einer Handbewegung beförderte sie ihr nasses langes Haar
hinter die Ohren und lehnte sich bequem zurück. Der Regen hatte auf
halbem Wege hierher eingesetzt. Ganz plötzlich, von einer Sekunde
auf die andere, goss es wie aus Eimern. Sora hatte ihr PTG im Keller
des Minervas geparkt. Sie hätte nicht nass werden müssen, denn es
gab Fahrstühle hinauf zur Dachterrasse.
Nach der extrem feuchten Hitze der vergangenen Wochen, kam der
Regen für Sora wie eine Erlösung. Sie war nach draußen gelaufen,
hatte ihre Arme ausgebreitet und hatte das wohltuende Nass begrüßt.
Mit dem Gesicht nach oben hatte sie sich lachend im Kreis gedreht
und damit noch mehr als gewöhnlich die Aufmerksamkeit der Passanten
erregt. Kopfschüttelnd waren sie vorbeigeeilt. Ein Meer von
Regenschirmen in allen erdenklichen Farben.
Sora sah sich um. Sie war zu früh, das wusste sie, doch Archimedes
würde bestimmt bald da sein. Euripiden aus allen Kasten gaben ihre
Bestellungen auf, aßen, tranken, unterhielten sich angeregt oder saßen
genau wie sie selbst und warteten auf jemanden. Ein farbenfrohes
Treiben, im wahrsten Sinne des Wortes. Die zu Sonnenzeiten
dunkelhäutigen Euripiden, liefen in Regenzeiten zu Höchstform auf,
um das triste Wetter der Regenmonate zu überstehen. Wie Chamäleons
änderten sie nicht nur ihre Haarfarbe, sondern auch gleich ihre
Hautfarbe mit. Dort saßen Menschen mit lila Haaren und rosa Haut,
welche ganz in Grün oder Blau, aber auch solche in vornehmen
Cremetönen.
Sora schmunzelte. Sie erinnerte sich gut an ihrem Schock, zu Beginn
ihrer ersten Regenzeit in der neuen Zeit. Eine Technikerin mit feuerrotem
Haar und oranger Haut war ihr über den Weg gelaufen. Nach
dem ersten Schrecken hatte Juno sie über diese farbenfrohe Sitte
aufgeklärt. Um sich bestmöglich vor den drei Sonnen zu schützen,
trugen alle Euripiden auf Nanotechnologie basierende Kleinstmaschinen
in ihrer Haut. Da das dunkle Braun am besten vor den Sonnen
schützte, gab es zu Sonnenzeiten kaum bunte Menschen. Das
änderte sich allerdings in Regenzeiten, also alle drei Monate. Früher
hatte man lediglich zwischen brauner und heller Haut wählen können.
Irgendwann war jemand auf die Idee gekommen, dass es auch
farbig möglich wäre. Der spaßige Trend hatte sich schnell durchgesetzt
und heute konnte man nicht nur seine Haut in alle erdenklichen
393
Farben ändern, sondern auch sämtliche Körperbehaarung, Fingernägel
und sogar die Augenfarbe. Juno hatte es der verdutzten und äußerst
verwirrten Sora vorgeführt.
»Man braucht sich nur zu konzentrieren und schon...«, hatte sie gesagt.
Und schon stand eine schneeweiße Juno vor ihr! Sora lächelte
bei dieser Erinnerung. Gerade als Juno ihr vorführte, dass sie ihre
Wimpern und Augen unabhängig vom Rest des Körpers färben
konnte (Haare hatte sie als Unparteiische nicht), war Archimedes
dazugekommen. Juno hatte wie ein Gespenst ausgesehen. Schneeweiß
mit blutrot unterlaufenen Augen und ebenso roten Fingernägeln.
Archimedes war sprachlos ein paar Schritte zurück gestolpert
und hastig davongeeilt. Sora und Juno waren in schallendes Gelächter
ausgebrochen.
Sora sah grinsend auf ihre braunen Hände herab und konzentrierte
sich. Ihre Hautfarbe wechselte von Braun zu einem gesunden hellen
Hautton, ihrer Originalfarbe. Diese Nanotechnologie war doch immer
wieder erstaunlich. Sollte sie ihre Haarfarbe ändern? Vielleicht
ein glänzendes Schwarz-Blau? Sie drehte eine Strähne um ihren Finger
und betrachtete die Verwandlung. Eine schöne Farbe. Wo hatte
sie das schon einmal gesehen?
Ein rabenschwarzes Fell... Eine kleine Hand grub sich in das
schwarz-blaue Körperhaar des Pegasus, das gemächlich in der Sonne
graste und zufrieden vor sich hin schnaubte. Um sie herum grasten
Hunderte weiße Pegasus. Plötzlich horchten sie auf. Eine Herde Kentauren
galoppierte heran und trieb die Tiere mit den perlmuttglänzenden
Schwingen ins Tal hinab. Fröhliche Stimmen und weit entfernte
Rufe klangen an ihr Ohr. Sie schwang sich auf den Rücken des
schwarzen Tieres und galoppierte ohne Eile hinterher. Das rhythmische
Hämmern der Hufe wurde langsam dumpfer und kräftiger. Nebel
umspielte die Hufe des Tieres und dessen gedämpfter Galopp
wurde von Worten begleitet… Fast wie ein Echo, drangen sie aus
dem Untergrund zu ihr empor.
»Die Vergangenheit holt dich Reisenden ein. Tritt ihr entgegen und
heiße sie willkommen...« Nebel stieg auf. Ein beklemmendes Gefühl
umspülte Sora. Die Worte drangen gedämpft, fast erstickt durch den
Nebel zu ihr hindurch.
394
»Die Vergangenheit holt dich Reisenden ein. Tritt ihr entgegen und
heiße sie willkommen...« Der Nebel schien ihr die Luft zum Atmen
zu rauben. Jemand rief von weit her ihren Namen »Sora... Sora...«
»Sora! Wach auf!« Archimedes beugte sich besorgt zu ihr hinab.
»Was ist passiert? Ist dir nicht gut?« Sora schüttelte verwirrt den
Kopf. Langsam lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf. Sie sah sich
um. Archimedes. Es war Archimedes. Sie atmete tief durch und
schüttelte sich leicht. Was war bloß mit ihr los? Archimedes setzte
sich zu ihr und betrachtete sie stirnrunzelnd.
»Du bist blass. Und damit meine ich nicht deine helle Hautfarbe«,
konstatierte er kurze Zeit später. »Also, was ist mit dir los!« Sora
holte tief Luft.
»Tja, wenn ich das wüsste, bräuchte ich wohl kaum deine Hilfe.« Sie
verzog das Gesicht. Archimedes hob die Augenbrauen und wartete
ab.
»Seit gestern Nachmittag passieren seltsame Dinge«, sagte Sora leise
und zögernd.
»Was für Dinge?«, fragte Archimedes sachlich. Seine Augen betrachteten
sie allerdings immer noch besorgt.
»Wirst du mir helfen?«, fragte Sora zurück. Doch bevor Archimedes
antworten konnte, kam ein Kellner mit ihrem Essen. Archimedes sah
Sora erstaunt an.
»Du hast für mich bestellt?«
»Du isst doch sowieso immer das gleiche. Ich dachte, ich erspare uns
die Warterei«, antwortete Sora und sah ihn abwartend an. Archimedes
schüttelte amüsiert den Kopf und nickte dem Kellner dann dankend
zu. Er drehte sich den Teller zurecht und wartete ab, bis der
Kellner außer Hörweite war. Dann sagte er:
»Selbstverständlich helfe ich dir«, und schnitt sich eine großes Stück
von seinem proteinreichen, pflanzlichen Burger ab.
»Und Anaximedes?«, bohrte sie weiter.
»Es geht also um das Amulett?«, fragte er, obwohl er die Antwort
bereits kannte. Sie nickte.
»Anaximedes soll von selbst auf Neuigkeiten kommen. Ich habe
nichts mit ihm zu tun«, beantwortete Archimedes ihre Frage. Sie
nickte wieder.
»Der Hohe Rat?«, fragte sie dann. Archimedes wiegte den Kopf hin
und her. Das war schon schwieriger. Eigentlich war es seine Pflicht
395
Veränderungen zu melden. Die Wissenschaft diente dem Allgemeinwohl.
Er räusperte sich.
»Vermutlich wirst du mir nicht alles sagen, wenn ich dir nicht mein
Wort gebe?« Sora nickte wieder.
»Also gut«, sagte Archimedes. »Ich platze vor Neugierde. Welches
Märchen hast du dir ausgedacht?«
Märchen, das war gut. Sie würde ihm einfach ein Märchen erzählen,
anstelle eines Berichtes. Eigentlich gar nicht so weit hergeholt. Immerhin
klang das alles tatsächlich fast wie ein Märchen. Das Märchen
von mystischen Träumen in denen Fabeltiere wie Kentauren
und Pegasus vorkamen.
Sora erzählte also, was seit gestern Nachmittag vorgefallen war. Sie
erzählte von ihrer Kanufahrt und dem erfrischenden Bad, davon, dass
der Stein plötzlich fast brennend heiß geworden war und von all den
seltsamen Dingen, die sie seitdem sah. Visionen, Träume, Erinnerungen
(?) an eine andere Welt, in einer anderen Zeit, in der es Fabeltiere,
wie Pegasus und Kentauren gab und wo Nebel eine wichtige
Rolle spielte. Archimedes hörte ihr schweigend zu.
Als sie ihren Bericht beendet hatte, sah er sie lange und nachdenklich
an.
»Und du meinst, das Amulett hat diese Träume ausgelöst?«, fragte
er.
»Was sonst?«, fragte Sora zurück. »Es wäre wohl schon mehr als ein
Zufall, dass der Stein das erste Mal seit meines langen Schlafes etwas
Außergewöhnliches tut und gleich darauf beginne ich zu halluzinieren!
« Archimedes runzelte die Stirn.
»Ja, Halluzinationen während natürlich auch denkbar.« Sora sah ihn
vorwurfsvoll an. Er winkte kopfschüttelnd ab.
»Nein, nein, keine Panik… Und eben gerade hier, als du so abwesend
warst, hattest du eine dieser...äh…hm… Visionen?« Sora nickte
und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
»Ja, aber da war noch etwas. Während des Traumes hörte ich, wie
jemand einen Teil von Rheas Orakel zitierte.« Archimedes sah sie
verblüfft an und hielt im Kauen inne.
»Rheas Grabinschrift? Bist du sicher?«
»Selbstverständlich. Wir waren sooft dort, dass du mir glauben
kannst, dass ich jedes Wort genau kenne!« Archimedes runzelte wieder
die Stirn und sah sie fast mitleidig an.
396
»Das ist vielleicht genau der Grund. Dein Unterbewusstsein hat dir
einen Streich gespielt und Realität mit…hm... Traum verbunden…«
Archimedes Traum klang eher nach Halluzinationen. Sora schlug mit
den Armen aus.
»Dann werde ich jetzt also verrückt!«, schloss sie aufgebracht.
Archimedes war mit seinen Gedanken weit fort. Dann fragte er:
»Welchen Teil der Inschrift hast du gehört?« Sora verdrehte missmutig
die Augen.
»Den Teil mit dem Reisenden. Du weißt schon. Die Vergangenheit
holt dich Reisenden ein. Tritt ihr entgegen und heiße sie willkommen.
Glaubst du der Stein lässt mich wirklich Halluzinationen sehen?«,
fragte sie gereizt. Wenn ja, sollte sie ihn wohl schnellstmöglich ablegen.
Aber irgendetwas sagte ihr, dass es nicht an dem war. Archimedes
schien in ähnlichen Bahnen zu denken.
»Nein. Nicht wirklich. Aber es wäre schon möglich«, sagte er. »Was
wissen wir schon über diese seltsame, unbekannte Schwingungsenergie
des Steins? Falls das Amulett nicht für dich bestimmt ist,
wäre es denkbar, dass dein Körper ungewöhnlich auf den Einfluss
des Steines reagiert. Allerdings wäre das... sagen wir mal... unlogisch?
Zumindest wenn wir mit unserer Theorie über deinen langen
Schlaf recht haben. Gesetzt diesem Fall, hat der Stein dir das Leben
gerettet. Weshalb sollte er dir dann nun schaden?« Er runzelte die
Stirn.
»Die Frage ist wohl eher, welche Kräfte dort am Werk sind und ob
dein Körper dafür geschaffen ist, diese richtig zu verarbeiten. Es gibt
meines Erachtens nur drei Möglichkeiten. Entweder die ganze Sache
hat nichts mit dem Stein zu tun und es ist bloß Zufall, dass du seltsame
Träume hast. Du hast immerhin viel erlebt. Es könnte in irgendeiner
Weise posttraumatisch sein.« Sora sah ihn zweifelnd an.
»Wenn wir davon ausgehen, dass der Stein die Ursache ist, bleiben
zwei Möglichkeiten. Entweder dein Körper ist der Kraft oder Energie
oder was auch immer am Werk ist, nicht gewachsen und deine
Träume sind eine Art Symptom, wie bei einer Krankheit. Die andere
Möglichkeit wäre, dass dieser Effekt erwünscht ist. Das würde bedeuten,
dass deine Träume einen Grund haben, genauer gesagt einen
Zweck erfüllen sollen. Wenn das so ist, müssen wir herausbekommen
welche Bedeutung diese Träume und Visionen haben.« Da
397
sprach der Wissenschaftler. Sora rutschte auf ihrem Stuhl umher und
dachte nach.
»Also, wenn wir jetzt davon ausgehen, dass ich nicht verrückt werde
und das Ganze eine Bedeutung hat. Was schlägt der super schlaue
Wissenschaftler dann vor?« Archimedes zuckte mit den Schultern
und verzog die Mundwinkel.
»Ich weiß nicht. Die Visionen könnten metaphorisch gemeint sein.
Oder aber sie stammen tatsächlich aus einer anderen Welt. Unsere
Geschichte besagt ja auch, dass wir von einem Planeten namens Erde
hierher nach Euripides kamen. Unsere Zeitrechnung beginnt bei
Null. Also vor 13.523 Jahren. Laut Überlieferung kamen wir durch
einen Nebel hierher. Unsere führenden Astronomen gehen davon
aus, dass es eine Art Wurmloch geben muss, oder gegeben hat, das
sich in einer Nebulosa irgendwo im All befunden hat oder noch befindet.
Möglicherweise ist es das, was du siehst?« Sora schüttelte
nachdenklich den Kopf.
»Nein, in meinen Träumen ist es ein ganz normaler Nebel. Solch
Nebel, wie wir ihn hier in der Regenzeit oft haben…«
»Es könnte doch metaphorisch gemeint sein. Das wäre doch möglich,
oder nicht?« Sora zweifelte. Irgendetwas sagte ihr, dass es echte
Bilder waren.
»Du meinst ich sehe die Erde?«, fragte sie dann. Archimedes zuckte
mit den Schultern.
»Vielleicht? Obwohl in Überlieferungen von Fabeltieren gesprochen
wird. So als ob es diese Tiere auch dort nicht wirklich gegeben hat.
Aber wer weiß das schon so genau? Es ist schon so lange her.« Sora
nickte.
»Diese unbekannte Schwingungsenergie meines Amuletts, was
könnte das seiner Meinung nach sein?«, fragte Sora nach einer Weile.
Archimedes lehnte sich zurück und hielt nachdenklich beide Hände
ineinander verschränkt. Er wiegte den Kopf sanft hin und her.
»Magie?«, stellte er als Frage in den Raum. Sora sah ihn überrascht
an.
»Es wäre durchaus möglich«, erklärte Archimedes seinen Standpunkt.
»Genauso möglich oder unmöglich wie andere nicht bewiesene
Theorien. Fakt ist, dass wir diese Energie nicht kennen. Wir haben
sie noch niemals auf Euripides gemessen. Es gibt unzählige Sagen
und Legenden über Magier und Magie. Kräfte, die den Menschen
398
laut den Sagen unerklärlich erschienen. Genau wie heute die Kraft,
beziehungsweise Energie deines Steins. Magie könnte doch ein Wort
für bestimmte Energien sein. Energien, die uns unbekannt erschienen.
Dein Amulett ist etwas, was uns nicht erklärbar scheint. Wohlmöglich
wäre es zu früheren Zeiten als magischer Gegenstand bezeichnet
worden.« Sora hatte ihm mit wachsendem Interesse zugehört.
»Rheas Grabinschrift besitzt, wie du weißt, auch eine uns unbekannte
Energie. Wir können sie messen, doch weiter konnte bisher niemand
etwas darüber herausfinden. Niemand weiß was für eine Kraft
in ihrem Grabstein wohnt und wozu diese gut sein soll.« Sora nickte.
Archimedes hatte ihr davon erzählt. Auf ihren gemeinsamen Ausflügen
zu Rheas Grab. Allerdings hatte die Energie ihres Steines nicht
das Geringste mit Rheas Grabinschrift gemein. Außer, dass sie beide
unbekannt und unerklärlich waren.
»Und was hat es mit Rheas Orakel auf sich? Weshalb baue ich Teile
davon in meine Träume ein?«, fragte Sora.
»Das kann ich dir beim besten Willen so nicht sagen. Vielleicht aufgrund
des Nebels? Eine unbewusste Kopplung deines Gehirns zu
greifbarem Bekanntem? Im Orakel heißt es: Eine Suche nach Herkunft
führt durch den Nebel in die Heimat usw.« Er schwieg. Sora
kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.
»Es war aber nicht dieser Teil aus dem Orakel, den ich gehört habe«,
gab sie zu bedenken. Archimedes zuckte mit den Schultern. Da er
nicht weiter wusste, stellte er einfach die Frage, die ihm gerade in
den Sinn kam.
»Was hast du als Kind so getrieben? Ich meine«, erklärte er seine
Frage, »wir haben schon so viel über dein Leben vor deinem langen
Schlaf gesprochen. Vor allem über Sitten und Bräuche, sowie damalige
Technologien und Errungenschaften. Aber wie warst du so als
Kind? Mit, sagen wir mal, drei bis vier Jahren? Womit hast du gespielt?
Was hast du erlebt? An was kannst du dich erinnern?«
Archimedes hatte recht. Sie hatten sich oft und lange und ausführlich
über das Leben im Jahre 513 unterhalten. Für einen Archäologen wie
Archimedes war Sora so etwas wie lebendig gewordene Geschichte.
Vergangenheit zum Anfassen sozusagen. Er hatte sie verständlicherweise
ausgequetscht wie eine Zitrone. Aber über ihre frühe Kindheit
399
haben sie nie gesprochen. Sie runzelte die Stirn und dachte angestrengt
nach.
»Das erste an was ich mich erinnern kann, ist der Duftschwamm«,
sagte sie langsam. »Ich fand die Pflanze so furchtbar hässlich. Ich
kann mich noch genau erinnern, wie mein Vater mir erklärte, dass
ich nur die Augen zu schließen bräuchte und tief einatmen sollte, um
die wirkliche Schönheit dieser Pflanze zu verstehen.« Sie lächelte.
»Wie alt warst du damals?«, fragte Archimedes.
»Vielleicht vier oder fünf«, antwortete Sora. Archimedes hob die
Augenbrauen.
»Deine ersten Erinnerungen setzen ein, als du etwa fünf Jahre alt
warst? Etwas spät oder? Bist du sicher, dass du keine früheren Erinnerungen
hast?« Sora sah ihn verblüfft an. Sie hatte nie darüber
nachgedacht. Aber Archimedes hatte recht. Wenn das ihre erste
Erinnerung war, dann war das schon etwas seltsam. Sie konzentrierte
sich und grub in den Tiefen ihres Gehirns. Nichts. Sie schüttelte den
Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Nebel tauchte vor ihrem inneren
Auge auf und der schwarze Pegasus schritt wie in Zeitlupe heran,
schemenhaft, von Nebel umgeben. Eine Stimme, ganz in der Ferne...
Die Vergangenheit holt dich Reisenden ein...
»Sora?« Archimedes Bariton holte sie in die Gegenwart zurück.
»Schon wieder eine Vision?« Sie nickte verwirrt. Die Worte der
Stimme klangen in ihr nach.
»Ich muss zu Rheas Grab!«, sagte sie plötzlich.
»Wie bitte?«, fragte Archimedes überrascht. »Jetzt?« Sora nickte und
erhob sich hastig. Sie wartete nicht ab, ob Archimedes ihr folgte,
sondern eilte schnurgerade zum Aufzug. Sie hatte ihr Essen kaum
angerührt, während Archimedes hastig noch einen riesigen Bissen in
den Mund schob, bevor er einige Geldscheine auf den Tisch warf
und ihr schnell folgte.
Der Fahrstuhl hatte sich bereits in Gang gesetzt. Mit einem mutigen
Satz sprang er in die kleine Kabine, die sofort anhielt als er auf dem
schwarzen Feld im Fahrstuhl landet. Sora zog ihn rasch zu sich hinein
und der Aufzug setzte seine Fahrt nach unten fort.


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